Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Noah Forsberg kämpft nach der Ermordung seiner Tochter mit der Trauer. Als der Angeklagte, der sie getötet haben soll, freigesprochen wird, nimmt die Enttäuschung zu. Im Gericht kreuzen zwei seltsame Männer seine Wege, die einige Tage später erneut Kontakt zu ihm aufnehmen. Seine Skepsis gegenüber den Männern sollte nicht unbegründet sein. Als ihm das klar wird, befindet er sich jedoch bereits als Proband in einem einmaligen psychologischen Experiment.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 198
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
„Freunde nennen sich aufrichtig, die Feinde sind es.“
PROLOG
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
Niemals hätte er es ahnen können. Niemals hätte er ahnen können, dass genau heute der Tag sein würde, an dem ein Unglück auf ihn zukäme, das größer sein würde als jedes Unglück, das er jemals erleben musste. Ein Schmerz, den er bis dahin nicht ansatzweise in seinem Leben erfahren hatte und den er bis zum Ende seiner Tage tief in sich tragen würde. Niemals würde er diesen Tag vergessen. Niemals würde er wieder so lachen können, wie er es bisher getan hatte. Einige wenige Minuten entzogen und absorbierten all sein Glück. Die restlichen Jahre und Jahrzehnte seines Lebens würden ihm dieses Glück nie zurückbringen können. An diesem unschuldig wirkenden Tag im Juli änderte sich alles.
Er saß in seiner Küche am Tisch und aß. In der rechten Hand hielt er eine Gabel, mit der er in seinem Essen herumstocherte und die er in unregelmäßigen Abständen zu seinem Mund führte, während er in ein Buch vertieft war, das er in seiner Linken hielt. Seine Pupillen wanderten langsam von links nach rechts und machten hin und wieder einen Sprung auf den Teller, der einsam auf dem ansonsten ungedeckten Tisch platziert worden war. Das Einzige, was den Küchentisch zusätzlich zierte, war ein Glas, gefüllt mit Leitungswasser, das unberührt neben dem Teller stand.
Er wohnte alleine in einer bescheidenen Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss, die nicht übermäßig möbliert oder dekoriert war. Es war Freitagabend und die Dämmerung setzte langsam ein. Er hatte weder Pläne für den restlichen Abend noch für das Wochenende. Wenn er keine Arbeiten mehr zu erledigen hatte, bestanden seine Wochenenden meistens daraus, sich nur von der vorigen Arbeitswoche zu erholen und Kraft für die nächste zu tanken. Es war ruhig. Neben einigen wenigen Motorgeräuschen von der Straße, die nicht weit von seiner Tür entfernt war, hörte er nur das leichte Kratzen seiner Gabel am Teller und das beruhigende Geräusch von Buchseiten, die ab und zu umgeblättert wurden. Da er keinen Besuch erwartete, ging er mit gutem Gefühl davon aus, dass sich daran im Laufe des Abends auch nicht viel ändern würde. Sein Blick erhob sich vom Buch, als er hinter sich durch das Fenster ein blaues Licht erkannte, welches sich lautlos näherte. Nachdem er seinen Kopf gedreht hatte, folgte der restliche Körper und wandte sich auf dem Stuhl Richtung Fenster, während er das aufgeschlagene Buch umgekehrt auf den Esstisch legte. Das Licht stammte von einem Polizeiwagen, der direkt vor der Haustür stehenblieb. Ohne sich zu bewegen, beobachtete er, wie zwei Männer in Uniform aus dem Auto ausstiegen, nachdem das blaue Licht erloschen war. Da es in dem Haus einige weitere Wohnungen gab und er nie mit dem Gesetz in Konflikt kam, ging er davon aus, dass die Beamten nicht seinetwegen den Weg bis vor sein Küchenfenster fanden. Als sie immer näherkamen, wurde er leicht nervös. Könnte es doch gleich bei ihm klingeln? Würde er in Schwierigkeiten stecken? Er beruhigte sich mit dem Gedanken, dass es vier weitere Wohnungen in diesem Haus gab und der geheimnisvolle junge Mann, der im obersten Stockwerk wohnte, auf ihn schon häufiger einen merkwürdigen Eindruck gemacht hatte. Wahrscheinlich war er in irgendwelche kriminellen Machenschaften verwickelt, wovon einer der Nachbarn etwas mitbekommen und ihn angeschwärzt hatte. Es würde sich bestimmt um Drogendeals oder Ähnliches handeln. Bevor er diesen Gedanken vollständig abschließen konnte, klingelte es bei ihm. Das schrille Geräusch ließ ihn zusammenzucken, als wäre es unmöglich zu ahnen gewesen, dass dies hätte passieren könne. Er blieb einen Moment sitzen und dachte kurz darüber nach, was der Grund sein könnte, dass die Polizei ihn mit Blaulicht zuhause besuchen kommt. Da die Haustür meistens nur angelehnt war, konnte er bereits hören, wie sie den Hausflur betraten und sich die schweren Schritte seiner Wohnungstür näherten. Sein Blick wanderte vom Fenster zur Tür. Sein angespannter Zustand ließ ihn fast vergessen, dass sich noch halb zerkautes Essen in seinem Mund befand. Beiläufig schluckte er es in Einem herunter, stand langsam mit innerem Widerstand von seinem Stuhl auf und ging zögerlich zur Tür. Er schaute noch kurz durch den Spion, konnte aber nichts erkennen, was er nicht schon vorher durch sein Küchenfenster gesehen hatte und ihm möglicherweise Hinweise für den Grund des Besuchs hätte geben können. Wahrscheinlich wollte er den Moment des Türöffnens einfach nur noch etwas hinauszögern. Er drückte die Klinke langsam nach unten und öffnete die Tür. Vor ihm standen nun zwei Beamte, die ihn mit blasser Miene anschauten.
»Sind Sie Noah Forsberg?«, fragte einer der Polizisten.
»Ja.« Seine Antwort klang wie eine Mischung aus Frage und Antwort.
Der Polizist atmete tief durch die Nase ein, als wäre er sehr aufgeregt, seine nächste Frage zu stellen. Er schaute kurz auf den Boden, bevor sein Blick wieder die Augen Noahs traf.
»Haben Sie eine Tochter namens Emilia Forsberg?«
Noah kniff seine Augen leicht zusammen und sah den Beamten skeptisch an.
»Ja, die habe ich. Worum geht’s?«
Der Polizist zögerte wieder mit seiner Antwort, als würde ihm jede Frage, die er stellte, unangenehmer werden.
»Herr Forsberg …«, er machte eine kurze Pause, »… können wir reinkommen? Wir sollten uns vielleicht besser setzen.«
Noahs Blick blieb irgendwo in der Luft hängen. Seine Pupillen waren groß seine Atmung flach. Er gab keinen Ton von sich. Von allen möglichen Sätzen war das der letzte, den er hören wollte. Er wusste sofort, dass seine Tochter nicht mehr am Leben sein würde. Sein Blick wanderte langsam zurück zum Polizisten und blieb dort in all seiner Leere stehen. Seine Atmung wurde etwas tiefer und zittrig. Er würde die Frage gerne mit ‚nein‘ beantworten und den Männern die Tür vor der Nase zuschlagen. Er würde gerne glauben, dass diese Situation nicht echt ist. Er würde gerne alles vergessen, reingehen und seine Tochter anrufen. Aber er realisierte, dass das keine Option war. Nach einer gefühlten Ewigkeit zog er die Tür etwas weiter auf und machte einen Schritt zur Seite. Der Polizist deutete ein winziges Lächeln an und machte eine kleine nickende Bewegung mit seinem Kopf, bevor er, gefolgt von seinem Kollegen, die Türschwelle überquerte und an Noah vorbei in den Flur schlich. Noah ging vor in die Küche und setzte sich, ohne irgendwelche Andeutungen zu machen, den Polizisten auch einen Stuhl anzubieten. Sie setzten sich trotzdem. Er starrte die Männer mit einer gewissen Erwartung in seinen Augen an, als würde er endlich wollen, dass sie es aussprechen.
»Herr Forsberg, es tut uns sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass die Leiche Ihrer Tochter gefunden wurde.«
Noah holte tief durch den Mund Luft und schaute auf den Boden, als wollte er unbedingt dem Augenkontakt ausweichen. Er lehnte seinen Mund gegen seine zitternde Faust, die er auf dem Tisch abstützte, und atmete schwer aus. »Wir gehen davon aus, dass es sich nicht um einen Unfall, sondern um ein Tötungsdelikt handelt.«
Noah kniff die Augen zusammen. Seinen schnellen Atem konnten die Polizisten nun deutlich hören. Die erste Träne bahnte sich ihren Weg aus einem Auge und rollte sein Gesicht herunter. Er nahm all seine Kraft zusammen, um ein paar zitternde Worte herauszupressen.
»Nein. Nein, nein, nein. Das muss ein Irrtum sein. Ich kann mir das nicht vorstellen … sie hatte keine Feinde oder so … wer soll das denn getan haben? Und wieso?«
Die Polizisten sahen sich gegenseitig an, bevor ihre mitleidsvollen Blicke wieder auf ihr Gegenüber trafen.
»Wir glauben, dass sie den Täter nicht kannte. Die Leiche wurde am Rande eines Waldwegs gefunden und … und sie war entblößt. Deswegen gehen wir davon aus, dass …«
Noah stand sprunghaft auf und verließ den Raum. Er ging ins Wohnzimmer und stellte sich dort an ein Fenster mit dem Blick nach draußen, seine Hand noch im Gesicht, und fing leise an zu weinen.
Die Polizisten folgten ihm mit einiger Verzögerung ins Wohnzimmer und stellten sich etwas unbeholfen mitten in den Raum. Der Polizist, der es scheinbar gewohnt war, bei Hausbesuchen mit seinem Kollegen als einziger etwas zu sagen, sprach erneut sein Beileid im Namen beider Männer aus. Anschließen erklärte er ihm, wie es jetzt weitergehen werde. Man müsse die weiteren Obduktionsberichte abwarten, der Täter werde noch gesucht. Außerdem würden sie ihm gerne den Kontakt eines Seelsorgers geben, den er am besten zeitnah anrufen sollte. Auch der Kontakt mit Familie und Freunden sei extrem wichtig nach solchen Ereignissen. All diese Informationen flossen schwammig in sein überlastetes Hirn, sodass sich kaum neue Nervenverbindungen knüpften, die davon etwas hätten speichern können.
Nach einiger Zeit und vielen weiteren Beileidsbekundungen deuteten die Polizisten an, zu gehen. Noah drehte sich leicht um, ohne die Beamten direkt anzuschauen, und nickte leicht. Er war ein bisschen erleichtert darüber, hatte er in den letzten Momenten doch immer wieder den Drang verspürt, alleine zu sein. In dem Moment, in dem die Tür ins Schloss fiel, war er plötzlich überwältigt von diesem bedrückenden Gefühl der absoluten Einsamkeit. Nun schossen seine Tränen ohne Halt aus seinen Augen, begleitet von lautem Schluchzen. Er hatte seine Tochter verloren, auf die wohl grausamste Art von allen. Niemals hätte er ahnen können, dass er sich für den Rest seines Lebens mit ungeheurem Schmerz an diesen Tag erinnern würde.
»Los! Los, los, los, los! Das schaffen Sie noch!«
Der junge Mann am Steuer drückte kräftig auf das Gaspedal, um es noch bei gelb über die Ampel zu schaffen, nachdem sein gestresst und nervös wirkender Beifahrer ihm wieder einmal Druck machte. Er hatte sich sowieso häufiger schon gefragt, warum er immer fahren müsse, wenn er ständig Kommentare von der Seite bekam.
»Wir können es uns nicht erlauben zu trödeln, heute ist ein wichtiger Tag. Wir müssen pünktlich sein.«
»Ich weiß. Der Verkündungstermin.«
»Ganz genau! Der Verkündungstermin. Da will ich keine Minute verpassen. Das Gericht wartet nicht.«
Nachdem dieser halbherzige Dialog die zuvor langanhaltende Stille im Auto abgelöst hatte, machte sich wieder Schweigen breit. Das einzig Hörbare war neben den Motorgeräuschen die unruhigen Hände des etwas älteren Mannes auf dem Beifahrersitz, mit denen er immer wieder nervös auf seinem Schoß herumschlug. Sein Gesicht war bereits von einigen Falten durchzogen und seine angegrauten Haare machten sich ungekämmt auf seiner Kopfhaut breit. Nach einigen Minuten durchbrach der Fahrer, der nicht einmal die Hälfte des Alters seines Mitfahrers erreicht hatte, das Schweigen wieder.
»Glauben Sie, dass er schuldig ist?«
»Ja. Ich denke, jeder in diesem Gerichtssaal weiß, dass er schuldig ist. Und Sie, Philip? Glauben Sie, dass er schuldig ist?«
»Naja, ich … ich denke schon.«
»Gut.«
Philip wandte seine Augen kurz von der Straße ab und warf einen skeptischen Blick zu seinem Beifahrer.
»Aber wenn er schuldig ist und verurteilt wird, heißt das, dass alles umsonst war. All die Gerichtstermine, die wir besucht haben. Er wird einfach weggesperrt. Wieso ist das gut?«
»Ich habe gesagt, dass ich glaube, dass er schuldig ist, nicht, dass er verurteilt wird. Ich habe in meinem Leben genug Verhandlungen gesehen, um zu wissen, dass die Beweise nicht ausreichen werden.«
»Es gibt eine Menge Beweise gegen ihn.«
»Nein, das sind alles Indizien. Beweise gibt es kaum.«
»Und was ist mit der Zeugin? Sie hat ganz klar gegen ihn ausgesagt.«
»Sie hat vor einigen Jahren als Zeugin eine Falschaussage gemacht im Zusammenhang mit einem Drogendeal. Später wurden bei ihr selbst Drogen gefunden.«
»Glauben Sie, sie hat jetzt wieder gelogen?«
»Nein. Sie ist eine ganz normale Frau, die ab und zu mal einen Joint raucht und ihre Freunde schützen wollte. Sie hat keinen Grund, in so einem Fall wie jetzt zu lügen. Sie kannte ja weder Opfer noch Täter. Aber wenn Sie einmal eine Falschaussage machen und wenn bei Ihnen dann noch Drogen gefunden werden, werden Sie als unglaubwürdiger Zeuge abgestempelt. Ihre Aussage ist wertlos.«
»Unfassbar.«
»Seien Sie froh. Ein Schuldiger, der freigesprochen wird. Das ist genau das, was wir brauchen.«
Philip antwortete mit einem vorsichtigen Nicken, während sein Blick auf der Straße klebte.
Etwa zehn Minuten später parkte er das Auto in einer Seitenstraße in der Nähe des Gerichtsgebäudes. Nach etwa hundert Metern Fußweg wurde ein großes, gläsernes Gebäude sichtbar. Da die imposante Bauart des Hauses scheinbar nicht ausreichte, um die Wichtigkeit der darin ablaufenden Geschehnisse zu untermauern, wurden circa ein Dutzend Fahnen vor dem Haupteingang aufgestellt, die sich lustlos durch die leichte Brise von ihren Masten abhoben. Sie betraten das Gebäude und kamen nach einer kurzen Kontrolle in eine große Eingangshalle, die kalt und steril wirkte. Die paar Zimmerpflanzen halfen auch nicht sonderlich dabei, dem Raum Leben einzuhauchen. Die Männer gingen die große Treppe zwei Stockwerke hoch und folgten dem Flur bis Raum 237. Sie waren diesen Weg schon einige Male gegangen und kannten sich bereits aus. Kurz bevor sie den Gerichtssaal betraten, stoppte Philip kurz.
»Dr. Novak, gehen Sie schon rein, ich gehe noch kurz auf Toilette.«
Dr. Novak schaute ihn kurz an und nickte.
»Beeilen Sie sich!«
Philip drehte sich um und marschierte in schnellem Schritt zum nächsten WC. Die Sauberkeit der Toilettenräume überraschten ihn jedes Mal, wenn er sie bei den Gerichtsterminen besuchte, und erinnerte ihn immer wieder daran, dass es mal wieder Zeit wäre, sein eigenes Bad zu Hause zu putzen. Am Urinal gesellte sich ein Mann zu ihm. Der Mann schaute ihn kurz an. Sobald Philip aber seinen Kopf zu ihm drehte, schaute er wieder weg. Dies ging einige Male so, bis der Mann sich schließlich traute, etwas zu sagen.
»Sind Sie Anwalt?«
Philip schaute ihn kurz überrascht an und schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin nur Besucher. Sehe ich aus wie ein Anwalt?«
Er sah an sich selbst herab und betrachtete seine Klamotten. Statt Anzug und Krawatte trug er eine einfache Blue Jeans und einen schlichten Pullover, über dem er seine Winterjacke offen trug.
»Bei welchem Fall sind Sie Besucher?«, fragte der Mann.
»Emilia Forsberg.«
Kurzes Schweigen. Der Mann drehte seinen Kopf zu Philip, schloss den Reißverschluss seiner Hose und ging zum Waschbecken.
»Und Sie?«, fragte Philip, während er ihm zu den Waschbecken folgte.
»Ich auch. Sie sind mir nie aufgefallen. Waren Sie schon öfter dort?«
»Ja, ich sitze immer ganz hinten. Warum sind Sie dabei? Finden Sie den Fall auch so interessant?«
Der Mann atmete kurz heftig aus, während er ein leichtes, ironisches Lächeln auf den Lippen trug, das darauf hindeutete, wie absurd er diese Frage fand.
»Ich bin der Vater des Opfers. Mein Name ist Noah Forsberg.« Philip sah ihn überrascht und mitleidsvoll an.
»Oh, das tut mir leid. Das wusste ich nicht.«
»Schon okay.« Er machte eine Pause, während er sich die Hände abtrocknete. »Ich hoffe nur, dass dieser Viktor nicht davonkommt.« Seine Stimme klang angewidert, als er seinen Namen aussprach.
»Das hoffe ich auch«, antwortete Philip.
»Beten Sie dafür, dass dieser Mann, der meine Tochter vergewaltigt und ermordet hat, nicht freigesprochen wird. Er ist schuldig, das weiß ich.«
Noah lief eine Träne über sein Gesicht, die er schnell mit seiner linken Hand abwischte.
»Ich bin mir sicher, dass er seine gerechte Strafe erhalten wird«, tröstete ihn Philip.
Noah lächelte zuversichtlich und verließ den Raum, während Philip sich noch die Hände abtrocknete. Er folgte ihm etwas später und ging durch den Flur in Richtung Raum 237, bevor er den Gerichtssaal betrat. Er schaute sich kurz um. Da dieser Fall etwas Aufmerksamkeit in der lokalen Öffentlichkeit erregt hatte, fanden alle Termine in einem der größeren Säle statt. Es waren Stühle für ungefähr 30 Zuschauer aneinandergereiht, die fast alle belegt waren. Der modern eingerichtete Raum war ausgestattet mit dunkelbraunem Parkettboden und vergleichsweise großen Fenstern, die viel Licht in den Raum trugen. Am Ende des Raumes saßen einige Mitarbeiter des Gerichts um den Richterstuhl herum und durchforsteten ihre Unterlagen. Auch der Angeklagte war bereits dort und saß mit gesenktem Kopf neben seinem Strafverteidiger, dessen Gesichtsausdruck siegessicher wirkte. Einige der Anwesenden murmelten und flüsterten; es war eine unruhige Atmosphäre. Alle warteten auf den Richter. Philip sah Noah in der ersten Bankreihe sitzen. Er saß mit dem Rücken zu ihm und bemerkte ihn nicht. Philips Blick wanderte weiter die Bänke entlang, bis er einige Reihen weiter hinten Dr. Novak entdeckte und sich leise neben ihn setzte. Dr. Novak schenkte ihm beim Hinsetzen keine Aufmerksamkeit und starrte weiterhin nach vorne, als könnte er es kaum erwarten, dass der Richter den Raum betäte. Philip lehnte sich leicht zu seinem Nachbarn und fing an zu flüstern.
»Ich hatte gerade eine kleine Plauderei auf der Toilette.«
Dr. Novaks Blick hing immer noch fest.
»Mit Noah Forsberg.«
Nun bekam er einen leicht interessierten, aber gleichzeitig skeptischen Blick zugeworfen.
»Was gab es denn so Spannendes zu bequatschen?«
»Er wollte nur wissen, wer ich bin und warum ich hier bin. Hab ihm aber nicht viel erzählt. Keine Sorge, er hat nicht gemerkt, dass ich ihn kenne.«
Dr. Novaks Blick richtete sich wieder nach vorne, als hätte er etwas Spannenderes von Philips Erzählung erwartet.
»Er glaubt auch, dass Viktor Ahrend schuldig ist. Er scheint wirklich zu hoffen, dass er nicht freigesprochen wird.«
»Natürlich tut er das. Er ist ihr Vater.«
Philip nickte leicht, setzte sich wieder aufrecht hin und richtete seine Augen ebenfalls nach vorne, als gerade der Richter den Raum betrat. Er war ein etwas älterer, stämmiger Herr mit schwarzer Robe und weißen Haaren, die sich nur noch am Rand seines Kopfes befanden. Die Gespräche verstummten. Die Anspannung, die von allen Personen ausging, war im ganzen Raum zu spüren. Nach einer kurzen Begrüßung des Richters und einigen Formalitäten, die noch einmal klären sollten, worum es in diesem Termin geht, stand er auf, wobei ihm alle Anwesenden des Raumes folgten. Er hielt ein Schriftstück in der Hand, auf das er durch seine tief auf der Nase sitzende Brille schaute. Er las nüchtern vor.
»Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte Viktor Ahrend wird aufgrund von mangelnden Beweisen in allen Anklagepunkten nach dem Grundsatz in dubio pro reo freigesprochen. Die Kosten des Verfahrens und seine notwendigen Auslagen fallen der Staatskasse zu Last. Bitte setzen Sie sich.«
Der Raum war nun nicht mehr gefüllt von erdrückender Anspannung, sondern von starken und eindeutigen Emotionen, auch wenn sich alle Beteiligten gezwungen sahen, diese zu unterdrücken. Auf der einen Seite pure Erleichterung, auf der anderen Enttäuschung und Frust. Vor allem die beiden Männer in der letzten Reihe hatten ein großes Interesse daran, ihren Gefühlen nicht freien Lauf zu lassen. Trotzdem sah Dr. Novak seinen Partner kurz mit großer Zufriedenheit in den Augen an.
Bevor der Termin zu Ende ging, wandte sich der Richter noch einmal zum Angeklagten, der ihm direkt gegenübersaß.
»Herr Ahrend, um das noch einmal klarzustellen: Der Freispruch erfolgt nicht aufgrund meiner Überzeugung, dass Sie unschuldig sind. Die Beweislage reichte meiner Meinung nicht aus, Ihnen eindeutig und zweifelsfrei eine Schuld nachzuweisen. Passen Sie ganz genau auf, was Sie in Zukunft tun. Wenn ich Sie hier noch einmal sitzen habe mit den gleichen Anschuldigungen wie dieses Mal, dann habe ich Sie ganz genau im Blick.«
Der Angeklagte nickte demütig und bewegte seine Lippen, sodass ein leises »alles klar« herauskam.
»Die Hauptverhandlung ist geschlossen.«
Mit diesen letzten Worten des Richters schwand allmählich die Ruhe im Gerichtssaal. Menschen flüsterten, mal mehr und mal weniger laut. Ausrufe wie »Unfassbar!« und »Das kann doch nicht sein!« mischten sich im Raum mit ein paar wenigen erfreuten Reaktionen. Die ersten standen langsam auf und verließen den Raum. Einer von ihnen war Noah. An seiner Seite befand sich eine Frau, die sich mühsam ihre Tränen aus dem Gesicht wischte. Sie gingen den Flur entlang in Richtung der Treppe. Sie fing als erste an, ihren Frust zum Ausdruck zu bringen.
»Ich glaub’ das nicht. Ich glaub’ das einfach nicht! Das kann einfach nicht sein!« Ihre Stimme wurde zum Ende hin immer lauter. Noah nickte zustimmend. Sie fuhr fort.
»Da verliert man doch den Glauben in das Rechtssystem. Alle in dem Raum wussten es. Alle wussten, dass er es getan hat. Selbst der Richter!«
»Ja.«
»Da muss doch irgendwas machbar sein. Man kann doch bestimmt noch in Revision gehen. Oder in Berufung. Was weiß ich, was es da alles gibt. Aber so ein Urteil ist nicht unanfechtbar.«
»Und dann?«
»Was und dann?«
»Was glaubst du, was dann passiert? Es fallen plötzlich neue Beweise vom Himmel? Oder Viktor hat auf einmal Lust, zu gestehen?«
Sie schaute ihn erzürnt an und blieb stehen. Als auch er stehen blieb, merkten sie, dass gerade zwei Personen im Gang an ihnen vorbeiliefen, was sie dazu veranlasste, etwas leiser zu reden.
»Dir ist das scheißegal oder was? Du willst es einfach dabei belassen. Wenn der Richter das so sagt, wird das schon stimmen. Sie ist auch deine Tochter, Noah! Wieso hab’ ich das Gefühl, dass dir das alles nicht so wichtig ist? Glaubst du nicht, dass er schuldig ist?«
»Du glaubst, mir ist das scheißegal? Mir wäre das nicht wichtig? Der Typ hat unsere Tochter ermordet! Ich weiß, dass er schuldig ist! Ich weiß das genauso gut wie du und genauso gut wie jeder andere hier. Und ich würde mir auch wünschen, dass er im Knast verrottet. Aber weißt du, was ich mir noch mehr wünsche? Meine Tochter zurück! Und den Wunsch kann mir keine beschissene Revision oder Berufung auf der Welt erfüllen!«
»Ganz abgesehen von unserer Tochter ist er auch eine Gefahr für andere Frauen, wenn er draußen rumläuft. Ich wünsche keinen Eltern, das durchzumachen, was wir durchmachen müssen. Aber so warst du ja schon immer. Einfach aufgeben, wenn es zu anstrengend wird.«
Sie schüttelte den Kopf und warf ihm einen letzten scharfen Blick zu, bevor sie ihm den Rücken kehrte und die Treppe hinunterging. Nun stand er allein auf dem Gang und sah ihr noch kurz nach. Sein Blick wandte sich schnell wieder von ihr weg, als zwei Männer den Gang entlang in seine Richtung liefen. Es waren Philip und Dr. Novak. Die beiden Männer starrten ihn an, als sie an ihm vorbeigingen. Noahs Blick konzentrierte sich hauptsächlich auf Philip. Es lag eine Spannung im Raum, und alle spürten sie, auch wenn Noah keine Ahnung hatte, was sie bedeutete. Aber in diesem Moment verspürte er das unausweichliche Gefühl, dass dies nicht die letzte Begegnung mit den Männern sein würde. Er ahnte, dass es sich bei ihnen nicht um gewöhnliche Besucher handelte, die einfach aus Interesse regelmäßig zu den Gerichtsterminen kamen und sich immer in die letzte Reihe setzten, wie es Philip ihm auf der Toilette beschrieben hatte. Um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wandte Dr. Novak als erstes seinen Blick von Noah, Philip folgte kurz darauf. Noahs Blick klebte weiterhin an den Männern und folgte ihnen, als sie die Treppenstufen betraten.
Als sie seinem Blick entschwunden waren, stand er wieder allein auf dem Gang, und das Gefühl von absoluter Einsamkeit und tiefem Verlust, das er das erste Mal vor einigen Monaten gespürt hatte, als die Polizisten sein Haus verließen, hatte jetzt wieder Platz gefunden, sich gnadenlos in ihm auszubreiten.
Nach zwei Stockwerken kamen Philip und Dr. Novak im Erdgeschoss an und verließen das Gebäude durch den Haupteingang. Es war Januar und die kalte Luft schlug ihnen sofort beim Heraustreten aus den warmen Räumlichkeiten ins Gesicht. Sie zogen beide die Reißverschlüsse ihrer Jacken bis oben zu und drückten ihre Schals enger an ihre Hälse, während sie den Weg zum Auto antraten. Dr. Novak klang begeistert.
»So Philip, wie sieht’s bei Ihnen aus? Ich hoffe, Sie haben viel Zeit die nächsten Tage, jetzt kann es richtig losgehen.«
»Ja, ich ähm … ich denke, ich habe Zeit.« Ein unsicheres Grinsen begleitete seine Antwort.
»Das klingt nicht sehr überzeugend. Was ist mit Ihnen?«
»Ich … ich weiß nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob wir das wirklich durchziehen sollten. Es fühlt sich irgendwie falsch an.«
Dr. Novak schaute ihn überrascht an.
