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Ben ist ein in die Jahre gekommener, vereinsamter Mann, dessen Leben kaum Aufregung bereithält. Als er eines Tages die überraschende Kündigung seines Jobs in den Händen hält, wird ihm endgültig der Boden unter den Füßen weggerissen. Um dem Schock zu entfliehen und der Tristesse seines Lebens etwas Abwechslung entgegenzusetzen, stürzt er sich ins Schreiben. Doch in der Welt der Worte und Fantasie wartet nicht nur unermessliche Schönheit, sondern auch abgrundtiefer Schrecken. Schnell wird ihm klar, dass er die Kontrolle über seine Geschichte verliert und ihre Konsequenzen nicht nur fiktionaler Natur sind.
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2025
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PROLOG
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
Er war unfassbar nervös. Sein Herz pumpte in beunruhigend hoher Frequenz das Blut durch seinen zittrigen Körper. Seine Hände wurden immer feuchter und sein Blick war benommen. Er atmete tief ein, doch drückte seine Brust so schwer auf seine Lungenflügel, dass nur wenig Luft hineinströmte.
"Ich liebe dich", presste er beim Ausatmen aus sich heraus, während die Gravitation die ersten Tränen aus seinen feuchten Augen zog. Er hob seinen demütig auf den Boden gerichteten Blick und schaute auf den Stuhl, der ihm gegenüberstand. Er war leer. Nur ein einfacher Stuhl aus weiß lackiertem Holz, aufgewertet durch ein graues, durchgesessenes Kissen. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er zuletzt diese drei Worte ausgesprochen hatte. Es musste eine Ewigkeit her gewesen sein. Nun waren sie gesprochen. Sie waren gesprochen und es war niemand außer ihm dort, um sie zu hören. Es war still. Nur die Uhr an der Wand wurde nicht müde, ihn sekündlich an die Vergänglichkeit seiner Existenz zu erinnern. Er schloss seine Augen. Von Sekunde zu Sekunde dröhnte das Ticken des Zeigers lauter in seinem Kopf. Es war unerträglich. Seine geschlossenen Lider konnten die Tränen nicht aufhalten, sich in Richtung Boden zu bewegen. Als er seine Augen wieder öffnete, vermittelten sie ihm mittlerweile nur noch ein verschwommenes Bild seiner Umgebung. Schwindel machte sich schlagartig in ihm breit. Nicht für einen Moment konnte er seine Augen auf irgendetwas im Raum fokussieren, sein Blick flackerte unkontrolliert und ließ ihn alles mit einer gewissen Unschärfe wahrnehmen. Langsam schob er seinen Stuhl nach hinten und stand vorsichtig auf. Ein kurzer, stechender Schmerz drückte sich mit einem Mal durch seinen Schädel. Es dauerte eine kurze Zeit, bis seine wackligen Beine seinen trägen Torso eigenständig zu tragen wussten. Er fühlte sich mehr als unwohl in seinem Körper. Sein Herzschlag war noch schneller als zuvor und ließ sich bis in seinen Kopf spüren. Mit seinem Ärmel wischte er sich die Augen halbwegs trocken und den kalten Schweiß von seiner glühend heißen Stirn. Er taumelte zur Wand, an der die Uhr hing, nahm sie grobmotorisch ab und entfernte ihre Batterien. Er machte sich keine Mühe, die Gegenstände abzulegen und ließ alles aus seiner Hand fallen. Das dumpfe Geräusch, das beim Aufprall auf den Boden durch den Raum schallte, war das Letzte, was er hörte. Dann war es still. Absolut still. Kein Geräusch der Welt durchdrang die Wände seiner Wohnung. Kein Mensch, kein Tier, kein Gerät machte auf sich aufmerksam. Nicht einmal ein Gedanke schaffte es, die vollkommene Leere zu füllen.
Mit schwankendem Schritt setzte er einen Fuß vor den anderen, bis er am Tisch ankam, nahm seine Tasse Tee und trottete durch den Raum, bis er mit schwerem Atem das Fenster erreichte. Er nahm einen Schluck von seinem mittlerweile kalten Getränk, das ungenießbar geworden war. Draußen war es noch dunkel, doch zeigten sich am Horizont bereits die ersten Anzeichen des anbrechenden Tages. Er blickte verträumt aus dem Fenster, während er einen weiteren Schluck Tee nahm. Alles, was er um sich herum und außerhalb seiner Wohnung sah, bewegte sich. Er hielt sich am Fensterrahmen fest, um seinen schwankenden Körper auf seinen schwachen Beinen halten zu können. Langsam trank er die Reste, die noch in der Tasse schwammen, während sich das Licht des Morgens schleppend durch die nächtliche Dunkelheit kämpfte. Geduldig sah er zu, er hatte keinen Stress, keine Termine.
Der Himmel war außerordentlich klar. Kein Nebel trübte die Sicht, keine Wolke verdeckte die leuchtenden Sterne, die die tiefe Schwärze des Kosmos schmückten. Hinter den Häusern kroch schüchtern das rötliche Licht der Sonne hervor, das sich allmählich ausbreitete und die Sterne erblassen ließ. Das Schwarz der Nacht wurde verdrängt durch ein strahlendes Blau, welches sich um den orangen Schleier am Horizont legte. Mit verzogenem Gesicht trank Ben weiter an seinem Tee, während er der Schönheit des Morgens zusah. Die Farben breiteten sich immer weiter aus und zogen einen weißlich schimmernden Feuerball mit sich, der sich über die Dächer der Stadt erhob und die von Raureif bedeckten Bäume in strahlendem Weiß funkeln ließ. Ein kleiner Schmetterling tanzte grazil durch die Luft, bevor er sich direkt vor Bens Fenster auf der Regenrinne des Dachs niederließ. Der Tag schien andeuten zu wollen, wunderschön zu werden.
Es kam nicht oft vor, dass Ben seine Wohnung verließ, nachdem es draußen schon dunkel geworden war. Er war nicht der Typ Mensch, der gerne lange wach blieb, um Dinge zu erledigen, geschweige denn, zu erleben. Die Müdigkeit setzte schnell bei ihm ein, sobald die Sonne hinter den Häuserreihen seines Viertels verschwand. Er war allerdings auch nicht der Typ Mensch, der gerne früh aufstand, auch wenn er es pflichtbewusst oft tat. Ben mochte es zu schlafen. Er sagte sich oft, dass es am Alter lag; es waren nicht mehr viele Jahre, bis er seit genau einem halben Jahrhundert am Leben gewesen war. Sein Körper spielte das Spiel des Älterwerdens mit und sammelte von Jahr zu Jahr immer ein klein wenig mehr Gewicht, als es ihm lieb war. Mittlerweile war es für ihn keine große Freude mehr, einen Blick in den Spiegel zu werfen. Er sah sich selbst an, dass er sich nicht mehr viel bewegte, doch sein Gewicht machte ihn träge und hinderte ihn daran, Sport zu treiben. In diesem Kreis gefangen, entschied er sich nach der Arbeit meist dazu, zu Hause zu bleiben und auf dem Sofa vor dem Fernseher oder mit einem Buch in der Hand einzuschlafen. Doch nicht heute. Er hatte sich dazu überreden lassen, ins Kino zu gehen, um aus seinem Hamsterrad, das zwischen seinem Arbeitsplatz und seiner Couch rotierte, auszubrechen. Es war ein Ort, an dem er wieder auf einem gemütlichen Stuhl sitzen und reglos auf einen Bildschirm starren würde, doch es saßen andere Menschen mit ihm in einem Raum. Und so war das der Kompromiss, den er hatte aushandeln können, um sich nicht am Ende des Tages in eine Kneipe schleppen zu müssen.
Langsam trottete er durch die Straßen. Das Kino war nicht allzu weit entfernt von seiner Wohnung und da er sich generell weigerte, Auto zu fahren, entschied er sich für einen Spaziergang. Es war ein kalter, feuchter Abend im November und Ben zog den Reißverschluss seiner Jacke bis vor den Mund, um sich ein klein wenig an seinem eigenen Atem aufzuwärmen. Gar nicht so übel, um diese Uhrzeit draußen zu sein, dachte er sich. Es waren angenehm wenig Menschen unterwegs, sodass es vergleichsweise still war in der Stadt. Trotzdem rätselte er, ob es der Aufwand und das Frieren wert war, nur um sich einen Film anzuschauen. In seinem unmotiviert langsamen Schritt wich er einer nach der anderen Pfütze aus, die sich wie dunkle Spiegel auf den grauen Asphalt des Bürgersteigs gelegt hatten. Die Straßen waren menschenleer. Abgesehen von seinem wärmespendenden Atem und seinen Schritten, die kleinste Steinchen auf dem Boden zum Knirschen brachten, war nicht viel zu hören. Kurz vor einer dunklen und mit schlechtem Graffiti beschmierten Unterführung blieb er stehen und blickte nach oben. Der Himmel war bedeckt von einem einheitlichen, gräulich-weißen Schleier ohne jegliche Struktur oder Kontraste, die einzelne Wolken hätten erkennen lassen können. Ihm fiel auf, dass er lange keine Sterne mehr gesehen hatte. In seiner dicht besiedelten und künstlich beleuchteten Stadt war sowieso nie viel Platz für einen atemberaubenden Sternenhimmel, doch selbst die größten und hellsten Sterne hatte er lange nicht mehr zu Gesicht bekommen.
Ziemlich genau zwei Stunden später fand er sich an genau dieser Stelle, neben der Unterführung, wieder. Er blickte erneut nach oben, der Himmel hatte weder Form noch Farbe in irgendeiner Weise verändert. Der Film war schlecht gewesen. Es hatte eine Komödie sein sollen, doch er konnte sich nicht daran erinnern, auch nur einmal geschmunzelt zu haben. Er hatte auch schon schlechtere Filme gesehen, allerdings ärgerte er sich, dass er für diesen unterdurchschnittlichen Film Geld bezahlt hatte und frierend durch die hässlichen Straßen der Stadt gelaufen war. Die Tatsache, dass während des Films auch noch andere Menschen im Raum gewesen waren, die immer wieder nervig laut geflüstert oder wild auf dem Grund ihrer Popcorn Tüte nach den letzten aufgepoppten Maiskörnern gewühlt hatten, wertete dieses Erlebnis nicht gerade auf. Außerdem verwirrte ihn, wie oft um ihn herum lautes Gelächter ausgebrochen war.
Der Gedanke an seine warme Wohnung, in der er die Heizung während seines kleinen Ausflugs weiter hatte arbeiten lassen, tröstete ihn.
Den Weg nach Hause legte er weitaus schneller zurück als den Weg zum Kino. Bevor er zur Haustür ging, musterte er von außen den Wohnkomplex, in dem sich sein Appartement befand. In der Dunkelheit zerfloss das Grau der Hauswand noch mehr mit dem Asphalt des Parkplatzes und der umliegenden Straße als es tagsüber der Fall war. Alles war irgendwie eins. Eine kontrastlose Mischung aus farblosem Stein, das in funktionelle Formen gepresst worden war. Es war keins dieser riesigen Wohnkomplexe am Rande der Stadt, in der man nicht ohne flaues Gefühl im Magen nachts umherstreifen konnte. Ben wohnte etwas zentraler, die Häuser waren mit weniger Appartements bestückt, doch auch hier verdrängte Funktionalität jegliche Ästhetik. Die meisten Häuser in der Stadt sahen so aus wie das, in dem er wohnte.
Er blickte auf die Fensterreihen und versuchte, das seiner eigenen Wohnung auszumachen. Ein paar Fenster waren erhellt, die meisten aber waren stockdunkel. Irgendwo im vierten Stock musste sein Fenster sein. Er wohnte schon seit vielen Jahren hier und hatte noch nie versucht, es von außen zwischen all den anderen gleich aussehenden Quadraten aus Glas ausfindig zu machen. Das Vorhaben war auch nicht sehr erfolgreich. Er konnte die Auswahl auf zwei oder drei Fenster beschränken, dabei blieb es allerdings auch.
Er öffnete die Haustür und drückte sich in den winzigen, uralten Aufzug, in dem er schon tausende Male genau elf Sekunden lang auf die TÜV-Plakette starrte, bis er im vierten Stock ankam. Die Wände im Hausflur trugen ein ausgeblichenes Hellblau und waren geschmückt mit einer Handvoll lieblos aufgehängten Bildern von Zimmerpflanzen, die dort schon gehangen haben, als Ben damals eingezogen war. Der Boden, der zu seinem Appartement führte, war überzogen von einer alten, hellgrauen PVC-Schicht mit dunkelgrauen Punkten und gab einem ein wenig das Gefühl, als würde man sich in einem Klassenzimmer befinden. Als er seine Wohnungstür öffnete, schlug ihm eine drückende Wärme ins Gesicht. Er zog sofort seine Jacke aus und schmiss sie auf einen Haufen anderer Klamotten, unter denen sich gerade noch erkennbar ein Sessel befand. Er stand sofort in seinem Wohnzimmer, in dem rechts von ihm eine kleine Küchenzeile eingebaut war. Einen Flur gab es nicht. Die Wohnung hatte noch ein weiteres kleines Zimmer, in dem er schlief und ein kleines, fensterloses Bad. Die Einrichtung war minimalistisch und wenig dekoriert; man erkannte sofort, dass das Sofa und der Fernseher im Wohnzimmer den Mittelpunkt der Wohnung ausmachten. An einer der Wände stand ein kleines Holzregal, das ohne erkennbare Ordnung vollgestopft war mit Büchern. Er zog seine Schuhe aus, machte ein paar Schritte nach vorne und ließ sich auf die Couch fallen, wobei er einmal stark ausatmete.
Das war also sein Ausbruch aus seinem alltäglichen Hamsterrad gewesen? Ein Spaziergang in ein Gebäude, um sich mit fremden Menschen, mit denen er kein Wort gewechselt hatte, einen schlechten Film auf einer überdimensional großen Leinwand anzuschauen? Es fühlte sich an, wie an jedem anderen Abend auch. Vielleicht sogar ein wenig schlechter. Er spürte einen leichten Schmerz an seiner rechten Schläfe und versuchte, ihn mit ein wenig Massage zu lindern. Er warf einen Blick auf sein Handy. Keine Nachrichten. Keine verpassten Anrufe. Nur sein Hintergrundbild, welches mit eindrücklichen Farben die Milchstraße präsentierte, sowie vier große Ziffern, die ihm die Uhrzeit anzeigten. Es war bereits fast 23 Uhr. Normalerweise würde er schon schlafen und so langsam merkte er, wie die Augen schwerer wurden. Er griff nach einer Packung Kopfschmerztabletten, die auf dem kleinen Couchtisch lag und nach einem alten Glas Wasser, von dem er nicht wusste, wie lange es schon dort stand und spülte eine Tablette herunter. Er wusste, dass er mit Kopfschmerzen nicht einschlafen konnte und hatte daher immer eine Packung auf dem kleinen Tisch liegen.
Ohne Vorwarnung riss ihn ein lautes, unangenehm schrilles Klingeln aus dem Schlaf. Mit halb geöffneten Augen und halb vorhandenem Bewusstsein griff er um sich, um sein Handy zwischen die Finger zu bekommen und diesen ohrenbetäubenden Lärm zu eliminieren. Nach ein paar Sekunden bemerkte er, dass der Ton von ihm selbst ausstrahlte. Sein Körper beruhigte sich und er griff erleichtert in seine Hosentasche, aus dem er sein Telefon kramte. Er blickte mit verklebten Augen auf den Bildschirm, um den Wecker auszustellen. Es war sieben Uhr. Bevor seine Augen vor Müdigkeit wieder zufielen und er erneut einschlafen würde, spürte er ein gewisses Gefühl von Unwohlsein an seinem Körper. Seine Beine steckten noch in einer unbequemen Jeans und sein Mund schmeckte so, als würde beim Ausatmen ein furchtbarer Geruch ausströmen. Sein Oberkörper war umhüllt von einem dicken Pullover, während er noch immer auf der Couch in diesem viel zu warmen Raum saß. Er rieb sich die Augen, zog sich mit aller Mühe den Pulli über den Kopf und versuchte langsam, sich von dem gemütlichen Sofa zu erheben. Es dauerte einige Minuten, bis er aufgestanden war. Er hätte sich gerne wieder fallen lassen, doch er durfte den Bus nicht verpassen, der ihn zur Arbeit brachte. Er schleppte sich ins Badezimmer, um sich frisch zu machen und erschrak beim Anblick in den Spiegel. Ein faltiges, zerknautschtes Gesicht mit zerzausten Haaren schaute ihn an und er schaute skeptisch zurück. Eine Handvoll kaltes Wasser im Gesicht ließ ihn zwar etwas frischer fühlen, änderte aber nicht viel an dem Bild im Spiegel. Anschließend versuchte er, seine Haare ein klein wenig unter Kontrolle zu bringen, zog sich ein paar andere Klamotten an und frühstückte ein Schälchen Cornflakes im Stehen. Als er noch ein weiteres Mal auf sein Handy schauen wollte, um die Zeit zu checken, klingelte es plötzlich an seiner Tür. Sein Körper zuckte zusammen. Fast hatte er seinen vollen Löffel fallen lassen. Er stellte sein Schälchen auf die Küchenablage und schaute zur Tür. Ein paar Sekunden vergingen, ohne dass etwas geschah. Dann klopfte es dreimal an seiner Wohnungstür, gefolgt von einem "Ich bin's!". Ben ging zur Tür und öffnete ohne zu zögern. Vor ihm stand eine Frau, etwas jünger als er, mit braunen, schulterlangen Haaren und einem Lächeln im Gesicht. "Hey!", begrüßte sie ihn mit einer ansteckend positiven Ausstrahlung.
"Hi", erwiderte Ben mit einem leicht erzwungenen Lächeln. Die beiden standen für einen kurzen Augenblick schweigend gegenüber, bis sie mit einem Blick an ihm vorbei in seine Wohnung eine Andeutung machte, eintreten zu wollen.
"Darf ich?"
Ben drehte kurz seinen Kopf, begutachtete die Unordnung in der Wohnung und lenkte seine Aufmerksamkeit danach wieder auf sie.
"Ich muss gleich zur Arbeit. Das weißt du."
Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr.
"Ach komm. Ein paar Minuten hast du noch."
"Es ist wirklich unaufgeräumt hier. Ist nicht schön"
Sie warf ihm einen Blick zu, der ihm unmissverständlich zeigte, dass das nichts Neues wäre und sie nicht daran hindern würde, hereinzukommen. Er seufzte kurz und trat zur Seite, um ihr den Weg durch die Tür freizumachen. Sie trat ein und zog sofort ihren Schal aus, den sie mehrfach um ihren Hals gewickelt hatte.
"Was ist das denn für 'ne Luft hier drin?"
Sie ging sofort zum Fenster, riss es komplett auf und drehte die Heizung herunter.
"Wie kannst du hier drin atmen?", führte sie ihr Interview fort.
"Warum bist du hier? Du weißt, dass ich gleich zur Arbeit muss."
"Mein Gott, jetzt freu dich doch mal, dass ich da bin. Wollte nur mal nachfragen, wie es so geht. Und vor allem, wie es gestern im Kino war?"
Sie blickte ihn sehr neugierig an, während er wieder das Schälchen in seiner Hand hielt und den Rest seiner Cornflakes aß.
"Hm", antwortete er mit vollem Mund.
"Habe ich dir einen guten Film rausgesucht?"
Er kaute immer noch auf seinem Frühstück, als er antwortete.
"Geht so."
"Warum?", fragte sie unzufrieden.
"War nicht witzig."
"Findest du denn irgendwas witzig, Ben?"
Er blickte sie skeptisch an und machte ihr deutlich, dass er nicht glücklich über die Frage war.
"War es denn trotzdem schön," fuhr sie fort, "mal wieder rauszukommen? Mal wieder unter Menschen zu kommen?"
Ben zuckte mit den Achseln, bevor er antwortete.
"War okay."
"Du hast wahrscheinlich mit niemandem gesprochen, oder?"
"Als wäre ein Kino der Ort, um Menschen kennenzulernen."
"Wärst du lieber in eine Kneipe oder einen Club gegangen, hm?"
Ben legte sein Frühstücksschälchen auf einen Haufen von Geschirr in der Spüle, steckte seinen Schlüssel ein, nahm die Jacke vom Sessel, hob seine Umhängetasche vom Boden auf und machte sich auf in Richtung der Tür. "Vielleicht will ich auch gar keine Menschen kennenlernen", antwortete er schnippisch. "Ich komme gut alleine klar."
Sie beäugte das Chaos in der Wohnung um sie herum und blickte ihn skeptisch an.
"Mach die Tür zu, wenn du gehst", fügte er – den Blick ignorierend – hinzu und verließ die Wohnung, während er sich seine Jacke überzog.
Jeden Tag nahm er denselben Bus, der direkt an der Kreuzung in der Nähe seines Appartements hielt, um zur Arbeit zu fahren. Er arbeitete in einer kleinen Buchhandlung in der Nähe des Hauptbahnhofs der Stadt. Sein Chef, der Inhaber des kleinen Ladens, hatte große Hoffnungen, dass viele Menschen, die auf ihren Zug warteten, vorbeikommen und zum Zeitvertreib durch die Bücher stöbern und eventuell etwas mitnehmen würden. Nicht lange nach der Neueröffnung siedelte sich eine andere Buchhandlung, die bereits einige Filialen und somit mehr Geld hatte, mitten im Bahnhofsgebäude an. Kaum jemand verirrte sich noch in das 'Lesestübchen', in dem Ben arbeitete.
Jeden Tag kam er um kurz vor acht in den Laden, um ihn um Punkt acht Uhr zu öffnen. Ben war genervt von den frühen Öffnungszeiten, doch sein Chef wollte irgendwie mithalten mit der Filiale, die im Bahnhof schon um sieben Uhr öffnete. Also stand Ben jeden Tag um acht Uhr morgens mit geöffneten Türen dort, bereit, um Kunden zu empfangen. An vielen Tagen kam nicht eine einzige Person. Oft vertrieb er sich die Zeit damit, in den Büchern zu lesen, teilweise spielte er Handyspiele und oft starrte er einfach nur ewig lang auf die Uhr an der Wand. Er war sich nicht sicher, was er von dem Job halten sollte. Einerseits war er froh, nur mit wenigen Menschen in Kontakt treten zu müssen, andererseits machte ihm die maßlose Unterforderung und Langeweile doch zu schaffen, vor allem, weil sie kein großer Kontrast zu seiner Freizeit war. Um 17 Uhr durfte er nach Hause gehen. Somit würde er jeden Tag acht Stunden arbeiten, mit einer Stunde Pause, in der er in dem Laden saß und sich lesend von den restlichen acht Stunden erholen konnte. Danach fuhr er nach Hause und verbrachte den Rest des Abends auf seiner Couch.
Dieses immer gleiche Spiel prägte Bens Leben, es schnürte seinen Alltag in eine unbewegliche, fixierte Form und ließ keinen Platz für Überraschungen und Unvorhersehbarkeiten. Bis zum 23. November. Am Morgen dieses Tages befand sich Post in seinem Briefkasten. Sie fiel ihm beim Vorbeilaufen sofort auf, da er sonst nie Post bekam. Trotz Eile kramte er voller Neugier den Brief heraus, steckte ihn in seine Umhängetasche und lief zum Bus. Es war kalt, wie jeden Morgen in den letzten Wochen, doch sein zügiger Schritt hielt ihn warm. Er war auf dem Weg zur Arbeit und die Ablenkung durch den Brief hatte ihm einige wertvolle Sekunden gekostet, sodass es bei seiner knappen Berechnung der Zeit, die er bis zur Haltestelle brauchte, nicht unwahrscheinlich war, den Bus zu verpassen. Er behielt den Brief während des angedeuteten Sprints in seiner Hand. Es lohnte sich nicht, ihn in der Tasche zu verstauen, er würde ihn sowieso direkt im Bus öffnen.
Wenige Sekunden später fand er sich schwer atmend auf einem harten Stoffsitz wieder. Es war warm im beheizten Bus und er öffnete seine Jacke. Er lenkte die Aufmerksamkeit der gelangweilten Mitfahrenden durch sein hektisches Eintreten und lautes Atmen ungewollt auf sich. Er schaute sich einmal kurz um und sobald sein Blick den einer anderen Person traf, schwenkte diese ihren Kopf ruckartig weg. Ben wartete einige Sekunden, bis sein Puls sich wieder senkte und der Fokus der anderen Menschen wieder auf ihren Handys lag, sodass er sich nicht mehr beobachtet fühlte. Nun konnte er ungestört einen Blick auf den Brief werfen. Der Absender war die 'Lesestübchen GmbH'. Ben starrte einige Sekunden nachdenklich auf das Stück Papier, bis ihm klar wurde, dass das kein gutes Zeichen war. Unterbewusst hatte er immer gewusst, dass der Job in der Buchhandlung kein sonderlich sicherer war, doch er schaffte es meistens, diese Angst dort hinzuschieben, wo sie herkam: ins Unterbewusstsein. Die Gedanken schossen ihm durch den Kopf, während er reglos dort mit dem Brief in der Hand saß. Schon spürte er wieder die ersten Blicke der Anderen. Verhielt er sich komisch? Er öffnete den Brief und las mit einer Furcht umhüllten Neugier die mechanisch gedruckten Zeilen. Seine Befürchtung bestätigte sich. Aufgrund zu starker Konkurrenz sei der Umsatz der 'Lesestübchen GmbH' immer stärker eingebrochen und man müsse Insolvenz anmelden. Daher wird das Geschäft in Kürze endgültig geschlossen und alle Mitarbeitenden – Ben war der Einzige – werden nach Ablauf der Kündigungsfrist entlassen. Obwohl er diese Nachricht erwartet hatte, fühlte sich die sichere Bestätigung an wie ein Schlag ins Gesicht. Er hatte nicht viel Kontakt zu seinem Chef, doch als einziger Mitarbeiter hätte man es ihm schon persönlich sagen können, dachte er. Wenigstens ein Anruf. Doch ein solcher Brief in erzwungener Behördensprache kam ihm doch sehr feige vor. Langsam stieg eine immense Unruhe in ihm auf, die sich in alle Bereiche seines Körpers ausbreitete. Sein rechtes Knie wippte, seine Hände und Stirn wurden feucht und ihm wurde immer wärmer. Was bedeutete das jetzt für ihn? Bald würde er arbeitslos sein. Außer er fände schnell einen neuen Job. Doch er hatte keine abgeschlossene Ausbildung und war nicht sehr erfahren, wenn es um Bewerbungen ging und ihm fehlte einiges an Selbstbewusstsein, um sich selbst in strahlendem Licht zu präsentieren. Also würde er wahrscheinlich arbeitslos werden. Er konnte ja nichts. Ein bisschen kannte er sich mit Büchern aus, doch mit aktivem Verkaufen und Beraten hatte er in den letzten Jahren immer weniger zu tun gehabt. Wer würde ihn schon einstellen? Ihm wurde langsam etwas schwummrig. Er zog seine Jacke aus und lag sie auf den freien Sitz neben sich. Er fühlte sich beengt in diesem engen Raum voll Menschen. Er blickte aus dem Fenster. An der Haltestelle tanzte ein kleiner Kohlweißling durch die Luft und setzte sich elegant auf den orangen Mülleimer, der standardmäßig an jeder Haltestelle angebracht war. Ben kniff seine Augen etwas zusammen und sah verwundert auf das kleine Tier. Ein Schmetterling mitten im kalten November? Noch bevor er seinen skeptischen Gedankengang beenden konnte, flog der Schmetterling auch schon wieder davon. Sein Blick folgte ihm noch ein wenig, bevor sich seine Augen auf die Fensterscheibe des Busses fokussierten. In ihr konnte er sein reflektiertes Selbst ein wenig erkennen. Da war er wieder, dieser alte, dickliche Mann. Sicherlich würde niemand so jemanden wie ihn einstellen wollen. Und dann? Wie sollte er seine Miete bezahlen? Wie sollte er überleben? Erneut spürte er Blicke, die ihn von allen Seiten trafen. Verhielt er sich schon wieder merkwürdig? Hätten die andern wissen können, dass er seinen Job verloren hatte? Dass er so ein Loser war? Wie hätten sie es erahnen können? Er faltete den Brief zusammen und sah sich um. Der Großteil der Menschen starrte auf ihre Handys, manche sahen mit fixiertem Blick aus dem Fenster des fahrenden Busses. Alle waren so entspannt, als wäre nichts passiert.
Fünfzehn Minuten später hielt der Bus am Hauptbahnhof und er stieg aus. Nur wenige Schritte waren es, bis er vor dem Buchladen stand, der ihn gerade zum Verzweifeln brachte. Er stand vor der gläsernen Eingangstür und starrte in den nett eingerichteten Raum voll Büchern. Er kramte den Schlüssel aus seiner Hosentasche hervor und zögerte, ihn in das Schloss zu führen und die Tür zu öffnen. Er hatte nun eigentlich gar keinen Job mehr. Und einen feigen Chef, der ihm das nicht einmal ins Gesicht sagen konnte. Und trotzdem sollte er dort hinein gehen, um die nächsten neun Stunden abzusitzen. Und das für die nächsten drei Monate, die ihn die Kündigungsfrist verpflichtete. Am liebsten würde er nach Hause fahren. Er würde nach Hause fahren und sich verkriechen, um seine Mixtur aus Enttäuschung, Wut und Verzweiflung irgendwie aus seinem Körper entweichen zu lassen. Doch ein Pflichtgefühl zog ihn in den Laden und ließ ihn frustriert neun Stunden lang still zwischen den vier Wänden des 'Lesestübchens' sitzen.
Pünktlich um 17 Uhr stand er wieder vor der Glastür. Heute war einer dieser Tage, an dem sich für die gesamte Zeit außer ihm niemand in dem Raum aufgehalten hatte. Er entschied sich ausnahmsweise dafür, nach Hause zu gehen, statt den Bus zu nehmen. Es würde um einiges länger dauern, doch er war der Meinung, ein langer Spaziergang würde ihm guttun. Er hatte noch weniger als sonst das Bedürfnis, sich mit einer Horde fremder Menschen in ein rollendes Gefährt zu quetschen.
Die Wut und Aufgebrachtheit, die er am Morgen des Tages gespürt hatte, war mittlerweile verflogen. Die Energie, die in ihm aufkam und ihn hätte aktivieren können, sein Leben umzukrempeln, wich der Resignation. Er hatte sein Schicksal angenommen. Er wusste nicht, wie es weitergehen sollte, doch er fühlte sich nicht in der Lage, darüber nachzudenken und mögliche Lösungen zu
