Das Herrenhaus im Moor - Felicity Whitmore - E-Book + Hörbuch

Das Herrenhaus im Moor Hörbuch

Felicity Whitmore

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Beschreibung

Schatten über Lynybrook Hall Ein gefühlvoll erzählter Frauen- und Liebesroman - Zwei Zeitebenen beleuchten das Schicksal von Laura und Victoria - Das südenglische Exmoor bildet die düster-stimmungsvolle RomankulisseEin verfallenes Herrenhaus wird für Laura Milton zum Schlüssel in die Vergangenheit. Denn das Schicksal der Lady Victoria Milton wirft seine Schatten bis in die Gegenwart ... Exmoor, Ende des 19. Jahrhunderts: Die 20-jährige Victoria wird bald ein ansehnliches Vermögen erben. Doch ihr Vormund Richard hat seine eigenen Pläne mit ihrem Geld und verbannt sie in eine Anstalt für Geisteskranke – aus der Arthur, einer von Richards Bediensteten, ihr zur Flucht verhilft. Als sich Victoria, fest entschlossen, ihr Erbe wiederzuerlangen, nach Jahren aus der Deckung wagt, ist ihr Schicksal besiegelt. »Romantischer, spannender Schmöker.« Bild + Funk

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Zeit:11 Std. 46 min

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Man kann sich nicht von der Lektüre losreißen

Mitreißend von Anfang bis Ende. Tolles Buch. Tolle Stimme.
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Ineline63

Man kann sich nicht von der Lektüre losreißen

Tolle Geschichte
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Felicity Whitmore

Das Herrenhaus im Moor

Roman

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

 

 

 

Für Mama

Prolog

Düsseldorf, Deutschland

12. Mai 2017

 

Es gab Nächte, in denen leuchteten die Sterne heller als in anderen. Laura blieb mitten auf der Rheinuferpromenade stehen und sah zum Himmel. Aus den Bars drang Musik zu ihr heraus. Von den Terrassen klangen fröhliche Stimmen. Der Rhein funkelte in der Dunkelheit. Es roch nach frisch gebratenem Fisch, Curry und Zigarettenrauch. Laura machte einer Gruppe junger Frauen Platz, die lachend an ihr vorbeigingen. Sie trat an die Rheinmauer und schloss einen Moment lang die Augen. Die Steine waren noch warm von der Schwüle des Frühsommertages. Laura lächelte. Sie war glücklich. Nach den letzten Monaten, in denen sie so viel auf ihren Mann hatte verzichten müssen, würden sie heute endlich wieder einen romantischen Abend verbringen. Ein Geburtstagsessen zu zweit. Das war das schönste Geschenk, das er ihr hatte machen können. Es schien Jahre her zu sein, dass Frank Zeit zum gemeinsamen Ausgehen gefunden hatte. Er hatte hart dafür gearbeitet, Leiter des Privatkundengeschäftes in seiner Bank zu werden, und war anschließend sogar in den Vorstand gewählt worden. In den ersten Monaten nach seiner Beförderung hatte er genug zu tun gehabt.

Umso mehr freute es Laura, dass er ihrem Vorschlag zugestimmt hatte und sich mit ihr beim kleinen Italiener am Burgplatz treffen wollte, wo sie sich vor dreizehn Jahren kennengelernt hatten.

Langsam schlenderte sie weiter. Es war noch früh, er hatte einundzwanzig Uhr gesagt. Eher konnte er es nicht einrichten. Doch es war ihr recht. So hatte sie sich den ganzen Tag auf den Abend freuen können. Am Nachmittag waren ihre Freundinnen und ihre Schwester Nora zum Kaffee vorbeigekommen. Dann hatte sie sich für den Abend umgezogen und war mit der Bahn von Köln nach Düsseldorf gefahren. In der Nacht würden sie dann zusammen in Franks Wagen zurückfahren. Es war schön, endlich mal wieder Zeit mit Frank zu verbringen. Sie zuckte zusammen, als zwei Skateboarder von hinten an ihr vorbeischossen. Auf einer der Bänke an der Promenade saß ein Liebespaar. Laura lächelte wieder und hielt inne. So hatten sie an ihrem ersten Abend auch hier gesessen. Damals waren die Straßen mit Sternen gepflastert gewesen und der Mond hatte nur für sie beide geschienen.

Laura hatte den Burgplatz erreicht. Hier hatten sie sich zum ersten Mal getroffen – vor dreizehn Jahren. Es war eine Aprilnacht gewesen, nicht ganz so warm wie heute. Sie war gerade von der Arbeit gekommen und wollte nicht gleich nach Hause fahren. Dazu war der Abend zu schön gewesen. Also war sie die Treppe zum Rhein hinuntergegangen und hatte gerade darüber nachgedacht, eine Freundin anzurufen und zu fragen, ob sie sich spontan auf ein Glas Wein treffen sollten, als sie jemand von hinten ansprach.

Laura sah sich um und in diesem Moment blieb ihre Welt stehen. Sein Lachen veränderte ihr ganzes Leben. Die braunen Augen, in denen sich die Sterne spiegelten, hielten sie fest. Sie war gefangen von der Wärme seines Blickes, der alles über sie zu wissen schien. Das Lachen, das eben noch auf seinem Gesicht gelegen hatte, war mit einem Mal verschwunden. Niemand von ihnen sprach ein Wort, beide verharrten in ihren Bewegungen. Sie sahen sich nur an, mitten auf der Rheinuferpromenade, umgeben von kichernden Mädchen und Liebespaaren, von Einsamen, Freundescliquen und Touristen. Lange hatten sie so dagestanden, bevor sie aus ihrer Starre erwacht waren. Er hatte seine Hand nach ihrer ausgestreckt und war langsam auf sie zugekommen, das Jackett lässig über die Schulter geworfen. Sie hatte seine Hand ergriffen, ohne auch nur ein einziges Wort mit ihm gesprochen zu haben. Sie wusste nicht, woher er kam, wohin er wollte und wer er war. Sie wusste nur, dass sie ihn wollte, und zwar für den Rest ihres Lebens.

Laura seufzte und sah auf die Uhr. Sie hatte noch zehn Minuten Zeit, und wie sie Frank kannte, würde er sowieso nicht pünktlich sein. Sie setzte sich einen Moment auf die Stufen und sah auf den Rhein. Die Lichter der Schiffe und Straßenlaternen spiegelten sich auf dem Wasser. Damals waren sie zu dem kleinen Italiener gegangen und danach hatten sie hier gesessen und sich unterhalten. Frank war Engländer, er hatte kaum ein Wort Deutsch gesprochen. Laura musste ihre dürftigen Englischkenntnisse aus der Schule hervorkramen. Irgendwann hatten sie nicht mehr geredet. Sie waren die ganze Nacht zusammengeblieben, und als die Sonne aufging, hatte Frank sie angesehen und gefragt: »War das ein Traum? Oder gab es diese Nacht wirklich?«

Laura hatte gelacht und sich eng an ihn geschmiegt. Sie hatte es in diesem Augenblick gespürt: Dieser Mann war ihr Traummann, der Mensch, für den sie geboren worden war, und sie wusste, dass er genauso empfand. Nicht einmal ein ganzes Jahr später hatten sie geheiratet.

Sie streckte die Beine aus und sah zur anderen Rheinseite hinüber, wo zwei Hunde hinter einem Ball herliefen. Was Frank ihr wohl zum Geburtstag schenken würde? Lauras Herz schlug vor Aufregung etwas schneller. Ob er ihr rote Rosen schenken würde? Damals hatte er ihr jeden Tag Blumen geschenkt. Wann hatte das aufgehört? Laura konnte sich nicht mehr genau erinnern. Sie atmete tief ein. Das war wohl der Preis, den man zahlte, wenn das erste Verliebtsein allmählich in Liebe überging. Die Gefühle wurden tiefer, aber die gegenseitige Aufmerksamkeit nahm ab. Wie oft hatte er sie früher mit einer Einladung in ein besonderes Restaurant überrascht, mit einer Halskette oder einem außergewöhnlichen Konzertabend.

Laura betrachtete ein junges Pärchen, das Hand in Hand an der Rheinmauer entlangschlenderte. Hoffentlich bewahrten sie sich die Frische und ihre junge Liebe möglichst lange. Sie stand auf und klopfte sich den Staub von ihrem kurzen schwarzen Rock. Über der grünen Bluse trug sie eine Strickjacke aus schwarzem Kaschmir. Sie wusste, dass Frank es gern hatte, wenn sie sich elegant kleidete. Sie selbst hätte manchmal lieber zu bequemeren Stücken gegriffen, aber sie wollte Frank gern gefallen.

Langsam ging sie den Burgplatz hinauf und stellte erstaunt fest, dass Franks Wagen schon in einer Seitenstraße nahe dem kleinen Restaurant geparkt war. Gerade als sie sich näherte, löste sich ein dunkler Schatten, der dicht an dem Auto gekauert haben musste. Laura fuhr erschrocken zurück. Was war das? Hatte sich etwa jemand an dem teuren Wagen zu schaffen gemacht? Bestimmt war er interessant für Autodiebe. Sie dachte kurz darüber nach, der Gestalt hinterherzulaufen, ließ den Gedanken aber wieder fallen. Wenn irgendjemand wirklich versucht hätte, den Wagen zu stehlen, wäre die Alarmanlage losgegangen. Außerdem hatte sie extrem unbequeme Pumps an. Und der Wagen schien unversehrt zu sein. Ob die Diebe wohl zurückkommen würden? Sie sah sich um. Hier herrschte viel Betrieb, jeder Verbrecher musste damit rechnen, überrascht zu werden. Also war es äußerst unwahrscheinlich, dass es sich bei dem Schatten überhaupt um einen Autodieb gehandelt hatte. Bestimmt hatte sie sich nur getäuscht.

Laura suchte in ihrer Handtasche nach der Haarbürste, kämmte sich und steuerte auf den Italiener zu. Der Inhaber hatte gewechselt seit ihrem ersten Besuch hier, aber das Restaurant war unverändert. Als sie das Lokal erreicht hatte, sah sie schon durchs Fenster, dass es gut gefüllt war. Natürlich, es war schließlich Freitagabend. Gläserklirren, heiteres Stimmengewirr und leise Musik empfingen sie. Es duftete herrlich nach Gebratenem, Tomaten und Kräutern. Ein Kellner begrüßte sie lächelnd und fragte nach ihrem Namen. Dann führte er sie zu ihrem Tisch, in den hinteren Bereich des Lokals.

Laura stutzte. Es lag offensichtlich ein Irrtum vor. Der Mann wies auf einen Tisch, an dem bereits eine Gruppe gut gelaunter Menschen saß. Sie wollte ihn gerade auf seinen Fehler aufmerksam machen, als sie plötzlich Frank erkannte. Er saß am Kopfende und lachte über etwas, das offenbar der Mann zu seiner Rechten gesagt hatte. In diesem Moment hatten die anderen am Tisch sie entdeckt und die Unterhaltung verstummte. Frank sah auf.

»Ah, Laura.« Er stand auf, kam um den Tisch herum und küsste sie auf die Wange. »Schön, dass du da bist.«

Sie sah ihn irritiert an und sagte leise: »Wer ist das alles? Wollten wir nicht zu zweit …?«

»Natürlich, ihr kennt euch ja noch nicht …« Frank drehte sich zu den anderen Gästen am Tisch um. »Hört mal her, Leute! Das hier ist meine Frau, Laura.«

Laura nickte in die Runde. Was hatte Frank vor?

»Das ist Colin, mein Vorstandskollege, und das seine Frau Gabriele und mein Kollege Rainer.« Frank wandte sich an den Kellner, der abwartend hinter Laura stehen geblieben war. »Bitte, bringen Sie uns Champagner.«

Laura nahm zögernd Platz. Warum waren Franks Kollegen hier? Sie hatte mit ihm allein feiern wollen. Es war schließlich ihr Geburtstag.

Frank hatte sich inzwischen wieder an den Tisch gesetzt und strahlte sie an. »Laura, möchtest du die Menükarte? Wir haben schon gegessen, aber wir haben extra mit dem Dessert auf dich gewartet.«

»Wie lange seid ihr schon hier?« Die Verwirrung, die Laura eben noch gespürt hatte, ging in Verärgerung über. »Du hättest mich anrufen können. Ich bin schon länger in Düsseldorf und hätte auch früher herkommen können.«

»Das konnte ich ja nicht ahnen.« Frank lachte. »Ah, da kommt der Champagner!«

Sie stießen auf Laura an. Alle gratulierten ihr zum Geburtstag.

Der Champagner schmeckte Laura nicht und sie hatte auch keinen Appetit mehr. Also bestellte sie einen Kaffee, als die anderen ihre Dessertwünsche nannten, und hörte der oberflächlichen Unterhaltung am Tisch auch nur mit halbem Ohr zu. Zwanzig Minuten später löste sich die Runde auf. Jetzt würden sie endlich Zeit füreinander haben.

Vor dem Restaurant verabschiedeten sie sich von den anderen. Laura hakte sich bei Frank unter. Noch immer herrschte reger Betrieb auf dem Burgplatz. Eine Gruppe Jugendlicher sprang lachend über die Stufen. Auf dem Rhein fuhr gerade ein Partyschiff vorbei. Die laute Musik dröhnte zu ihnen herauf. Ein Straßenmusiker hatte sich vor dem italienischen Restaurant postiert und sang eine Schnulze aus den Achtzigern.

»Und? Was haben wir jetzt vor?« Laura sah Frank fragend an. »Ehrlich gesagt habe ich noch ziemlichen Hunger.«

»Warum hast du denn nichts gegessen? Ich hab dir doch die Karte bringen lassen.« Frank wich einer Bierflasche aus, die jemand mitten auf dem Platz hatte stehen lassen.

»Nachdem ihr alle schon fertig wart? So hatte ich mir mein Geburtstagsessen nicht vorgestellt.«

Frank gähnte. »Ich weiß, das ist alles ein bisschen ungünstig gelaufen. Aber Colin hat spontan ein gemeinsames Essen vorgeschlagen. Was hätte ich da sagen sollen?«

Laura zog die Augenbrauen hoch. »Vielleicht: Ich kann heute nicht, ich möchte den Abend mit meiner Frau verbringen?«

Frank lachte. »Es ist Freitag, da hängt man doch nicht mit seinem Ehepartner herum.«

Laura schluckte. »Ich hatte mich darauf gefreut. Du warst einverstanden.« Sie spürte, wie Tränen der Wut in ihr aufstiegen. »Ich verstehe einfach nicht …«

»Genau das ist es.« Franks Augen funkelten plötzlich vor Zorn. »Du verstehst einfach nicht, dass so ein Treffen mit Kollegen zwingend nötig ist. Das bringt mein Job mit sich. Aber Leute wie du können das nicht verstehen. Weißt du, was? Du behinderst meine Arbeit. Du bist mir immer im Weg.«

Laura sah ihn fassungslos an. Ihr war eiskalt. Sogar die Tränen in ihrem Inneren schienen erfroren zu sein.

Frank zog den Autoschlüssel aus der Tasche. »Ich bin total erledigt und muss jetzt ins Bett. Komm, wir besorgen dir an der Tankstelle was zu essen.«

Laura erwachte aus ihrer Starre. »Wie bitte? Ich habe mich wirklich auf den Abend gefreut. Wir sind seit Ewigkeiten nicht mehr gemeinsam ausgegangen – und du willst jetzt schon nach Hause fahren?«

»Treib es nicht auf die Spitze, Laura!« Frank drückte auf seinen Schlüssel und die Blinklichter des BMW leuchteten auf.

Laura zitterte. »Ich? Ich bin, wie verabredet, um neun Uhr ins Restaurant gekommen. Du bist es doch, der sich nicht an unsere Abmachung gehalten hat.«

Eine Gruppe junger Frauen, die T-Shirts mit der Aufschrift »Betty kommt unter die Haube – aber noch nicht heute!« trugen, gingen laut singend an ihnen vorbei.

Frank verdrehte die Augen. »Ich habe es dir doch schon erklärt. Das war eine spontane Entscheidung, ich konnte es nicht ablehnen. Du hättest ruhig etwas freundlicher sein können.« Frank öffnete den Kofferraum und legte seine Jacke hinein.

»Das ist nicht dein Ernst, oder?«, erwiderte Laura. »Du verdirbst mir meinen Geburtstag – und dann war ich nicht freundlich genug zu diesen Menschen, die ich nicht einmal kenne?«

»Steig ein und schrei hier nicht so herum. Das ist ja peinlich.« Er schloss beinahe geräuschlos den Kofferraum.

»Weißt du, was? Ich verzichte. Fahr ruhig nach Hause. Ich bleibe noch ein bisschen hier und feiere meinen Geburtstag allein.« Laura verschränkte die Arme vor der Brust. Es war, als hätte sich ein großer Schraubstock um ihren Oberkörper gelegt.

Frank zuckte mit den Schultern und stieg ein. Er startete den Motor und fuhr davon.

Laura starrte ihm fassungslos nach. Er konnte sie doch nicht allen Ernstes mitten in der Nacht hier stehen lassen? Bestimmt würde er gleich zurückkommen. Sie blickte eine Weile in die Richtung, in der Franks Wagen verschwunden war. Dann fluchte sie laut. Frank würde nicht zurückkommen. Das hier war seine übliche Strategie, einem Streit aus dem Weg zu gehen. Er verschloss sich, lief davon oder wurde so böse, dass Laura sich nicht traute, auch nur ein einziges weiteres Wort zu sagen.

Irgendjemand rempelte sie an. Doch sie bemerkte es kaum. Tränen liefen ihr übers Gesicht. Sie hatte sich so sehr auf diesen Abend gefreut. Wütend wischte sie sich die Tränen von den Wangen. Sie hätte wissen müssen, dass nichts daraus werden würde, denn Frank hatte immer etwas Wichtigeres zu tun. Und heute waren es eben seine Kollegen aus dem Vorstand gewesen, die er nicht hatte enttäuschen wollen.

Aber warum hatte er sie nicht rechtzeitig informiert? Sie atmete tief durch und machte sich auf den Weg zum Bahnhof. Natürlich! Frank hatte geahnt, dass Laura enttäuscht und sauer sein würde, und hatte sie sicher deshalb nicht angerufen. Sie wäre vermutlich gar nicht erst gekommen und das wäre ihm vor seinen Kollegen unangenehm gewesen. Aber er wusste genau, dass Laura ihm, wenn sie einmal da war, keine Szene machen würde.

Als sie in der S-Bahn nach Köln saß, sah sie blinkende Lichter auf der A 59. Notarztwagen, Feuerwehr und Polizei hatten die Autobahn abgesperrt. Ob Frank es noch vor dem Stau geschafft hatte? Jetzt tat es ihr schon fast wieder leid, dass sie so böse geworden war. Frank arbeitete wirklich viel und sie sollte ihm das Leben nicht noch schwerer machen. Aber manchmal wünschte sie sich den Frank zurück, der er zu Anfang ihrer Beziehung gewesen war.

Laura warf noch einen letzten Blick auf das Meer aus Blaulichtern und sah dann hinauf in den Nachthimmel. Die Sterne leuchteten nicht mehr so hell wie zu Beginn dieses Abends. Sie ahnte nicht, dass in diesem Augenblick ein Stern für immer verglüht war, dessen funkelndes Licht in Wirklichkeit schon vor langer Zeit erloschen war.

Kapitel 1

Milton Castle, Dartmoor, England

15. April 1898

 

Auf Victoria!«

»Auf Victoria!«, wiederholten die Gäste und prosteten ihr zu. Das Kerzenlicht fing sich in dem Kristall der Champagnergläser, den Diamanten, Saphiren und Rubinen im Schmuck der Damen.

Victoria nickte freundlich und trank einen Schluck Champagner. Obwohl das Gaslicht dafür sorgte, dass der Saal hell ausgeleuchtet war, brannten zusätzlich zahlreiche Kerzen in großen Kandelabern auf dem Esstisch, dem Kamin und den Kommoden aus schwarzem Ebenholz. Ihr Schein warf tanzende Schatten auf die Gesichter der festlich gekleideten Gäste. Die Unterhaltungen plätscherten wie das Wasser eines Baches in Victorias Ohren. Müde schob sie die kandierten Früchte auf ihrem Teller hin und her und betrachtete gelangweilt die Auswahl an Herren und Damen, die Richard zum Abendessen geladen hatte. Neben einigen Nachbarn der angrenzenden Anwesen befanden sich ausschließlich Verwandte der Greens am Tisch. Victoria zog die Stirn in Falten und unterdrückte einen Seufzer, als sie daran dachte, wie viel Freude und Spaß ihr früher ihre Geburtstagsfeste bereitet hatten.

Ihr Blick wanderte zu dem Porträt ihres Vaters, das an der Stirnseite des Esszimmers hing. Sie musste lächeln, als sie sich an die roten Rosen erinnerte, mit denen er an ihrem Geburtstag immer die Vasen hatte füllen lassen. Ihr zu Ehren hatte er jedes Jahr einen großen Geburtstagsball gegeben.

Victoria schloss die Augen und sah ihren Vater wieder vor sich. Sein Blick war voller Stolz und Liebe gewesen, wenn er sie die geschwungene Treppe zum Ballsaal hinuntergeführt hatte. In diesem Moment hatte Victoria gewusst, dass es das größte Glück der Welt für sie war, als Tochter von Edward Trollope, dem dritten Lord of Milton, geboren worden zu sein.

Sie zwang sich, den Blick von dem Porträt ihres verstorbenen Vaters abzuwenden, und betrachtete stattdessen die Gaslampen. Sie konnte sich gut daran erinnern, wie die Leitungen hier installiert worden waren. Damals war sie noch ein kleines Mädchen gewesen und hatte auf dem Arm ihres Vaters den Arbeitern zugesehen. Wie stolz ihr Vater auf die neue Errungenschaft gewesen war!

Victorias Augenbrauen zogen sich zusammen, als ihr Blick ihren Onkel traf. Richard zwinkerte ihr zu, anscheinend hochzufrieden mit seinem Toast auf Victoria, und setzte sich wieder auf den Platz am Kopf der Tafel. Victoria biss sich auf die Unterlippe und ballte unter dem Tisch die Hand zur Faust. Sie beobachtete, wie Richard sich Lord Houston zuwandte. Zu gern hätte sie gehört, worüber sich die beiden Männer unterhielten. Doch in diesem Moment vernahm sie die Stimme ihres Cousins Charles.

»Victoria, wie fühlst du dich als frisch gebackene Zwanzigjährige?« Sein feistes Gesicht war vom Wein gerötet.

»Danke, gut«, antwortete Victoria und unterdrückte ein Gähnen, während sie darüber nachdachte, wie ungerecht das Leben sein konnte. Nach dem Tod ihres Vaters war ihr Onkel Richard zu Victorias Vormund ernannt worden, und er hatte sich sofort mit seiner Frau Mary und seinem Sohn Charles auf Milton Castle eingenistet. Victoria spießte etwas Obst auf ihre Gabel.

»Du siehst heute Abend bezaubernd aus.« Charles zerdrückte ein Stück Torte, zermanschte es in der Schokoladensoße und stopfte sich den Brei in den Mund.

Victoria wandte sich angewidert ab. Irgendetwas hatte dieser Mann an sich, das sie innerhalb weniger Minuten gegen ihn aufbrachte. Glücklicherweise lebte er die meiste Zeit in Cambridge und sie musste ihn nur einige Wochen im Jahr auf Milton Castle ertragen. Sobald sie volljährig war und ihr Erbe antreten durfte, hatte sie vor, den Kontakt zu Richard, Mary und Charles abzubrechen. Aber ein Jahr lang musste sie es noch erdulden, dass sich Richard hier wie der Hausherr aufspielte, dass er mit ihrem Geld um sich warf, Teile ihres Besitzes verkaufte, sie von all ihren Freunden isolierte und ihr immer wieder die Gesellschaft seiner eigenen Bekannten aufzwang.

Victoria seufzte und legte Gabel und Löffel auf den Teller, als Zeichen dafür, dass sie diesen Gang beendet hatte. Ihr Blick wanderte wieder über die dreizehn Gäste, die ihr Onkel eingeladen hatte. Nicht eine ihrer früheren Freundinnen war zu ihrem Geburtstagsdinner geladen worden.

»Das Kleid steht dir ausgezeichnet.« Charles beugte sich zu ihr hinüber, sodass sie seinen säuerlichen, nach Alkohol stinkenden Atem riechen konnte.

Victoria wurde übel, aber sie nickte höflich und wandte sich dann demonstrativ in die andere Richtung. Doch Charles gab nicht so schnell auf.

»Ich finde, du solltest öfter mintfarbene Kleider tragen. Das passt wunderbar zu deinem braunen Haar.« Charles starrte auf den mit Perlen und Spitze besetzten Ausschnitt von Victorias Kleid. Sie wusste, dass ihre Toilette ihre leuchtend grünen Augen unterstrich und den Kontrast ihrer hellen Haut zu den kastanienbraunen Haaren betonte. Wieso hatte sie heute Nachmittag, als die Zofe ihr Abendgewand herausgesucht hatte, nicht daran gedacht, ein anderes zu wählen, das ihre Vorzüge nicht so stark herausstellte?

»Vielen Dank«, sagte Victoria und sah sich Hilfe suchend nach einem anderen Gesprächspartner um. Doch Gerald Smith, der Verwalter ihres Onkels, der zu ihrer Linken saß, befand sich in einer angeregten Unterhaltung mit Diana Franklin, Marys Nichte. Victoria strich abwesend über den Seidenstoff ihres Abendkleides und konzentrierte sich wieder auf die Unterhaltung zwischen ihrem Onkel und Lord Houston am Kopfende der Tafel. Sie versuchte mitzubekommen, warum sich der alte Landherr derart echauffierte. Der kahlköpfige, kugelrunde Mann fuchtelte in der Luft herum und schien ihrem Onkel einige Zahlen zu nennen.

Wut stieg in ihr auf. Richard würde doch nicht schon wieder Teile ihres Landes verkaufen? Sie hatte sich erst in der letzten Woche lautstark mit ihm gestritten, nachdem sie von ihrem Anwalt, Mr Hobbs, erfahren hatte, dass Richard die Wälder im Norden von Milton Castle veräußert hatte. Sie brauchte das Land, schließlich wollte sie die Pläne ihres Vaters verwirklichen. Er hatte immer vorgehabt, dort eine Baumwollfabrik zu bauen.

Sie spürte einen Stich in ihrem Inneren. Warum hatte ihr Vater so früh sterben müssen? Er war Victoria immer so stark erschienen, er hatte ihr stets einen Rat geben können und sie getröstet, wenn sie traurig gewesen war. Sein tödlicher Unfall war unfassbar für sie gewesen. Angeblich hatte ein Bild mit dem wunderschönen Namen »Morgentau« seinen Kopf zertrümmert. Der schwere Rahmen war nachts von der Wand gefallen, während ihr Vater darunter geschlafen hatte. Victoria hob die Augenbrauen und trank einen Schluck Wein. Obwohl sein schrecklicher Tod mittlerweile zwei Jahre zurücklag, konnte sie immer noch nicht begreifen, wie sich das Bild, das seit Jahrhunderten über dem Bett gehangen hatte, lösen konnte.

Die Tage danach waren ein einziger Albtraum gewesen. Als Richard, Mary und Charles plötzlich auf Milton Castle eingezogen waren, war das Leben für Victoria unerträglich geworden. Der Schmerz über den Verlust ihres Vaters hatte sich bald mit der Wut auf Richard gemischt, der Victoria in allen Punkten bevormundete und das Regiment über ihre Besitztümer an sich riss. Richard, der zwar weitläufig mit Victoria und ihrem Vater verwandt war, trotzdem aber gesellschaftlich nie auf ihrer Stufe gestanden hatte, war hellauf begeistert, plötzlich über so viel Macht und Einfluss zu verfügen. Unter normalen Umständen wäre er nie in den Genuss gekommen, über ein derart großes Vermögen und Anwesen bestimmen zu können. Darüber schien er vollkommen zu vergessen, dass er diese Position nur vorübergehend, nämlich bis zu Victorias Volljährigkeit, innehatte.

Victoria griff nach ihrem Glas, fuhr mit den Fingern über das Kristall und schwenkte den Wein darin hin und her. Niemand wusste, wo das Testament ihres Vaters geblieben war, in dem er bestimmt hatte, dass Mr Hobbs Victorias Vormund sein sollte, bis sie einundzwanzig wurde. Oder hatte ihr Vater sie angelogen, als er ihr selbst davon berichtet hatte, nur wenige Monate vor dem tragischen Unfall? Victoria schüttelte den Kopf und stellte das Glas zurück. Warum hätte ihr Vater das tun sollen? Ihr Blick wanderte wieder zu ihrem Onkel. Als nächster Verwandter stand Richard nur zu gern bereit, Milton Castle und das gesamte Vermögen zu verwalten. Er war ein Cousin ihres Vaters und vor dessen Tod nur selten Gast hier gewesen.

Victoria lehnte sich zurück und beobachtete, wie sich Richard und Lord Houston die Hände schüttelten. Offenbar waren sie sich einig geworden. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Wie viel Land würde sie noch verlieren, bis sie endlich selbst über ihr Erbe bestimmen durfte?

Es ärgerte sie, dass Richard sie aus allen geschäftlichen Angelegenheiten heraushielt. Dabei war Victoria von ihrem Vater bestens vorbereitet worden und hätte sich mit Sicherheit besser um Milton Castle kümmern können, als Richard es zurzeit tat. Sie hatten so große Pläne gehabt. Nur wenige Wochen vor dem Tod ihres Vaters waren sie beide nach Manchester gereist und hatten sich die Baumwollfabriken dort angesehen, um Informationen für den Bau ihrer eigenen Fabrik zu erhalten.

Mary stand auf. Victoria musste es erdulden, dass sich Richards Frau als Hausherrin aufspielte und die Tafel aufhob. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter war das jahrelang Victorias Platz und ihre Aufgabe gewesen. Doch mit dem Unfall ihres Vaters hatte sie zunächst auch ihr Recht verloren, Hausherrin auf Milton Castle zu sein. Während sie den anderen Damen in den Salon folgte, tröstete sie sich mit dem Gedanken, dass sie mit ihrem nächsten Geburtstag endlich die lang ersehnte Freiheit gewinnen würde. Dann konnte sie mit dem Wiederaufbau ihres Vermögens beginnen und versuchen, die verlorenen Ländereien zurückzukaufen.

Während sie Mary und den anderen Damen durch die Gemäldegalerie in den Salon folgte, dachte sie an all die Kunstwerke, die im Laufe der letzten zwei Jahre von hier verschwunden waren. Es waren viele alte Meister darunter, ihr Vater war immer sehr stolz auf die Sammlung gewesen. Richard hatte die wertvollen Kunstwerke durch Bilder unbekannter Maler ersetzen lassen. Das Klappern der Absätze hallte von den Wänden wider. Die teuren Teppiche, die früher hier gelegen hatten, waren ebenso verschwunden wie das antike chinesische Kabinett. Die aufwendig geschnitzten Holzstühle aus dem Mittelalter waren modernen Sesseln gewichen. Victoria seufzte leise. Sie würde versuchen, all die verlorenen Kostbarkeiten nach und nach zurückzukaufen. Sie sah an die leere Wand in der Gemäldegalerie, wo früher »Die letzte Rose«, eines ihrer Lieblingsbilder, gehangen hatte. Warum verkaufte Richard so viele ihrer Besitztümer? Victoria konnte nur Vermutungen darüber anstellen, und eine war unbefriedigender als die andere. Wollte Richard sich durch den Verkauf persönlich bereichern? Hatte er vielleicht eine Möglichkeit gefunden, Teile des Erlöses zu hinterziehen, um sie nach Victorias Volljährigkeit behalten zu können? Eigentlich müsste er in einem Jahr all das Geld, ihr Herrenhaus und alle Ländereien Victoria überlassen. Oder brauchte Richard dringend Geld, weil er Spielschulden hatte?

Victoria blieb hinter den Frauen zurück. Wie gern wäre sie auf ihr Zimmer gegangen, statt sich das oberflächliche Geplauder der Damen anhören zu müssen. Aber das hätte Richard niemals geduldet.

Als sie den Salon betraten, warteten die Diener bereits mit dem Kaffee auf die Damen. Victoria setzte sich auf das taubenblaue Brokatsofa neben dem Kamin. Diana Franklin und Lady Lychester, eine Nachbarin der Greens aus dem Exmoor, waren in ein Gespräch über verschiedene Teesorten vertieft und nahmen ihr gegenüber Platz. Florence, Marys andere Nichte, ging zum Klavier und begann »Oh! Mr Porter« zu singen. Während Victoria die kokette junge Frau am Flügel beobachtete, dachte sie an die vergangenen Feste, die sie hier gefeiert hatten. Sie und die anderen Mädchen hatten die halbe Nacht getanzt, gelacht und waren erst gegen Morgen müde ins Bett gefallen. Ihre Freundinnen hatten in den Gästezimmern übernachtet, ihr Vater hatte einige seiner Londoner Bekannten für ein paar Tage ins Dartmoor geholt, und so waren auch die Tage vor und nach dem großen Geburtstagsfest voller schöner Unternehmungen und immer ein aufregendes Ereignis gewesen.

Wie anders war es heute. Die Handvoll Gäste, die Richard eingeladen hatte, interessierten sich so wenig für Victoria und ihren Ehrentag wie für eine Tasse Milchsuppe. Seit dem Tod ihres Vaters versuchte Richard, sie zu isolieren. Victoria spürte, wie sich ihre Stirn kräuselte, als sie wieder nach einer Erklärung für Richards seltsames Verhalten suchte und nach wie vor keine schlüssige finden konnte. Dabei war ihr durchaus bewusst, dass er ihr Briefe vorenthalten hatte und die ihren abgefangen haben musste. Ob er versuchte, sie von ihm abhängig zu machen, indem er andere Kontakte unterband? Victoria atmete tief ein. Es musste ihrem Onkel doch bewusst sein, dass sie niemals darauf hereingefallen wäre. Aber was konnte sie im Augenblick tun? Solange sie unter seiner Vormundschaft stand, war es sein Recht, ihre Korrespondenz zu überwachen.

Victoria seufzte leise. Wenn ihr Vater doch noch hier wäre! Richard hatte bereits angekündigt, dass er morgen wieder nach London fahren werde. Einerseits freute sich Victoria darauf, ihren schrecklichen Onkel für ein paar Wochen nicht sehen zu müssen, aber andererseits befürchtete sie, dass er während seines Aufenthalts in der Stadt wieder viele Tausend Pfund verspielen würde. Und dieses Geld würde er vermutlich von ihrem Vermögen nehmen. Entweder Richard verkaufte ein weiteres Gemälde, eine antike Statue, ein Stück Land, oder er nahm einfach etwas von den Reserven, die auf ihrem Konto lagen.

Victoria applaudierte höflich, als Florence ihre Darbietung beendet hatte und die nächste Melodie anstimmte. Einer der Diener schenkte ihr Kaffee nach, und sie überlegte, sobald Richard morgen aufgebrochen wäre, noch einmal in sein Büro zu schleichen und seine Korrespondenz durchzusehen. Sie musste wissen, wie schlimm die Lage war, auch wenn sie nichts dagegen tun konnte. Und sie musste endlich die wahren Beweggründe ihres Onkels herausfinden. Wenn er tatsächlich versuchte, sich auf Victorias Kosten zu bereichern, würde sie später, wenn sie selbst Herrin über ihr Vermögen war, Mr Hobbs damit beauftragen, einen Prozess gegen Richard zu führen. Schließlich war er verpflichtet, das Anwesen und Vermögen von Milton Castle in Victorias Sinne zu verwalten.

Die Herren hatten es heute offenbar eilig, zu den Damen in den Salon zu kommen, denn Florence hatte ihr drittes Lied noch nicht beendet, als die Tür geöffnet wurde und die Männer den Raum betraten.

Victorias Augenbrauen zogen sich zusammen, als sie Charles auf sich zukommen sah.

»Florence«, rief er seiner Cousine am Piano zu, »spiel einen Walzer!«

Victoria wich seinem Blick aus. Vielleicht würde er sich ja Lady Lychester oder einer anderen Dame zuwenden. Doch ihre stille Bitte wurde nicht erhört. Seine fleischige Hand streckte sich ihr entgegen.

»Liebe Victoria«, schon seine nasale Stimme verursachte Übelkeit bei ihr, »darf ich bitten?«

Nichts auf der Welt wollte Victoria in diesem Moment weniger, als mit Charles zu tanzen. Sie schüttelte den Kopf. »Es tut mir sehr leid, aber es geht mir nicht gut. Der Fisch liegt mir schwer im Magen. Ich bin nicht in der Lage zu tanzen.«

»Ach was.« Charles griff nach ihrer Hand und zog sie vom Sofa hoch. »Ich lasse keine Ausreden gelten.«

Dann drückte er sie so eng an sich, dass sie seinen warmen Atem im Gesicht spüren konnte. Victoria hielt die Luft so lange wie möglich an und wandte dann den Kopf zur Seite. Sie spürte seine feuchte Hand auf ihrer Haut im tiefen Rückenausschnitt ihres Kleides. Die andere Hand hatte sich fest um ihre eigene gekrallt. Sein stattlicher Bauch presste sich unschicklich an ihr Kleid und auf seiner Oberlippe hatten sich Schweißperlen gesammelt. Sein schütteres blondes Haar klebte feucht an seinem Kopf.

Steif wie eine Porzellanpuppe ließ Victoria sich von ihm durch den Salon schwingen. Mehrere Male trampelte er ihr auf die Füße, ihre hellen Seidenschuhe würde sie anschließend bestimmt wegwerfen müssen. Das waren die schlimmsten Minuten des schlimmsten Geburtstags, den Victoria jemals erlebt hatte!

Sie war erleichtert, als Florence endlich ihr Spiel beendete und Charles sie losließ. Sie hatte nicht geglaubt, dass es noch ärger werden konnte, doch Charles schien nicht bereit, sich von Victoria zu trennen.

»Liebe Cousine, lass uns einen Spaziergang machen.« Er deutete mit seinem wuchtigen Arm zur Tür.

»Jetzt?« Victoria sah ihn überrascht an. »Es ist nach zehn.«

Charles lachte. »Ich will nicht mit dir durchs Moor spazieren.« Seine feuchte Hand schloss sich um Victorias Finger. »Lass uns in der Gemäldegalerie auf und ab wandeln.«

Victoria schüttelte den Kopf. »Ich habe dir doch eben schon erklärt, dass ich mich nicht ganz wohl fühle.«

»Schluss jetzt!« Richard stand plötzlich neben ihnen. »Wenn Charles dich um einen Spaziergang bittet, dann wirst du ihm diese Freude machen.« Er wies zur Tür.

Victoria starrte Richard finster an. Er lächelte sie mit seinem kalten Lächeln an, das bei ihr immer eine Gänsehaut auslöste. Sie wusste, dass sie sich ihm fügen musste. Richard würde nicht nachgeben. Also folgte sie Charles mit zusammengepressten Lippen auf den kalten Flur hinaus.

Die Gaslampen verbreiteten kegelförmige Lichter an den hohen Wänden der Gemäldegalerie, doch ihr Schein reichte kaum aus, um die Bilder darin deutlich zu erkennen.

»Charles, ich verstehe nicht, warum wir hier in der kalten Galerie herumspazieren, wo es im Salon doch viel gemütlicher ist.« Victoria steuerte auf eines der runden Sofas zu, die in regelmäßigen Abständen inmitten des lang gestreckten Raumes standen. »Würdest du bitte läuten, ich möchte jemanden hinaufschicken, um mir einen Schal zu holen.«

»Nein.« Charles sprang zu ihr und Victoria zuckte erschrocken zusammen. So viel Temperament hätte sie ihm gar nicht zugetraut. »Ich habe dich hierhergebracht, weil ich mit dir allein sein wollte.« Charles kniete vor ihr auf den Marmorfliesen nieder.

Victoria schluckte und sah sich in dem großen Raum um. Kein Diener stand in der Ecke bereit, kein Hausmädchen huschte mit einem Tablett vorbei. Sie kam sich plötzlich wie ein Kaninchen in der Falle vor.

»Charles, wir sollten lieber wieder zu den anderen gehen.« Sie versuchte aufzustehen, doch er griff nach ihrer Hand und zog sie zurück auf das Sofa.

»Geliebte Victoria, seit ich dich das erste Mal gesehen habe, wusste ich, dass ich mein Leben mit dir verbringen möchte.«

»Was?« Victoria wurde übel. »Bitte, Charles, rede nicht weiter.«

»Ich muss …« Ein Schweißtropfen löste sich von seiner Stirn und tropfte auf den Boden. »Meine geliebte Cousine, willst du meine Frau werden?«

Victoria starrte auf den feuchten Fleck, den der Tropfen auf dem Boden hinterlassen hatte. Dann sprang sie auf. »Nein!«

Wie konnte Charles nur denken, dass sie ihn heiraten würde? Charles, der gesellschaftlich weit unter Victoria stand, der kein Vermögen mit in die Ehe bringen würde und noch dazu der unattraktivste Mann war, den Victoria kannte.

»Nein?« Charles sprang auf und sah sie aus seinen kleinen Schweinsäuglein ungläubig an. »Victoria, du willst nicht?«

Jetzt stand er vor ihr. Seine kurzen Arme baumelten an dem runden Oberkörper herab. Seine Füße trippelten unruhig umher, als wüsste er nicht, ob er sich ihr nähern oder lieber auf Abstand gehen sollte.

»Oh, Charles!« Victoria hatte plötzlich Mitleid mit ihm. »Wie konntest du denn bloß denken, dass ich eine Hochzeit mit dir in Erwägung ziehen würde?«

»Ich … ich … mein Vater hat gesagt, dass du …« Er wirkte wie ein Kind, das ein geliebtes Spielzeug verloren hatte.

Natürlich! Victoria atmete tief ein. Es war Richards Idee gewesen. Er wusste genauso gut wie sie, dass er Milton Castle in einem Jahr wieder verlassen musste und Victoria ihn dann nicht auf ihrer engsten Freundesliste führen würde. Richard hoffte, sich mit einer Verbindung zwischen seinem einfältigen Sohn und Victoria weiterhin die Herrschaft über ihr Schloss und ihr Vermögen zu sichern.

Niemals, dachte Victoria und ging einen Schritt auf ihren Cousin zu. »Charles, es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen. Dein Vater hat dir falsche Hoffnungen gemacht. Ich würde dir gern den Schmerz ersparen, aber mein Vater hat mich gelehrt, dass Aufrichtigkeit eine der wichtigsten Tugenden ist.«

Sie lief vor dem großen Kamin, in dem heute kein Feuer brannte, auf und ab. Die Kälte hatte sie in diesem Augenblick vergessen. »Ich werde dich nicht heiraten. Und ich habe auch nicht vor, die Frau eines anderen Mannes zu werden, den dein Vater für mich aussucht. In einem Jahr werde ich frei sein und dann werde ich einen Mann wählen, der mir gesellschaftlichen und finanziellen Vorteil bringen wird – was bei dir leider nicht der Fall ist.«

Charles stand immer noch mitten im Raum. Er starrte Victoria an und kaute auf seiner Unterlippe. Da er nicht antwortete, sprach sie weiter. »Ich wünsche dir, dass du einmal eine Frau findest, die gut zu dir passt. Aber ich werde es nicht sein. Und wenn ich dir einen Rat geben darf, dann lass dich von deinem Vater nicht auf verrückte Gedanken bringen.«

Charles sah sie fragend an. Er schien nicht zu begreifen, was Victoria damit sagen wollte. Durch das Gaslicht war die Hälfte seines Gesichts in Schatten getaucht, was ihn nur noch dümmlicher wirken ließ. Victoria würde niemals einen Mann akzeptieren können, der ihr nicht ebenbürtig war. Sie wusste, dass niemand in ihrer gesellschaftlichen Schicht aus Liebe heiratete, und das erwartete sie auch gar nicht, aber sie wollte zu ihrem Mann aufsehen und an seinem Geist wachsen können.

Sie seufzte und wandte sich ab. Dann steuerte sie auf den Flur zu und betrat kurz darauf den warmen Salon. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, spürte sie Richards durchdringenden Blick im Nacken. Sie drehte sich zu ihm um und blickte ihm direkt in die Augen. Er sollte ruhig wissen, dass sie ihn und seine Absichten durchschaut hatte und nicht bereit war, sein Spiel mitzuspielen.

Victoria sah Charles an diesem Abend nicht mehr wieder, und nachdem sie noch eine halbe Stunde lang Richards finsteren Gesichtsausdruck ertragen hatte, verabschiedete sie sich und ging zu Bett.

 

Am nächsten Morgen wurde sie in Richards Arbeitszimmer gerufen, das bis vor zwei Jahren noch das Arbeitszimmer ihres Vaters gewesen war. Die Reisekoffer ihres Onkels waren bereits in die Kutsche geladen worden.

Als sie den gemütlichen Raum mit den Ledersesseln, dem Spieltisch und dem Porträt ihrer Mutter über dem Kamin betrat, stand Richard in seinem Reisemantel vor dem Schreibtisch. Er hielt einen Stapel Unterlagen im Arm, die er anscheinend mitnehmen wollte. Kalter Zigarrenrauch lag in der Luft. Victoria kannte das Arbeitszimmer gar nicht anders. Hier hatte es schon immer nach Zigarren und Portwein gerochen.

Ohne Victoria einen Gruß zu widmen, kam Richard gleich zu seinem Anliegen.

»Du wirst Charles heiraten!« Der strenge Ton seiner Stimme signalisierte, dass er keinen Widerspruch duldete.

Victoria ging an ihm vorbei und setzte sich in einen der Sessel. Dann lächelte sie. »Nein, das werde ich nicht.«

Richards Gesicht wurde dunkelrot. »Du hast die Möglichkeit, Charles aus freien Stücken zu heiraten, oder ich sehe mich gezwungen, andere Maßnahmen zu ergreifen.«

»Was meinst du damit?« Victoria strich über ihr Morgenkleid aus gelber Baumwolle.

Richard griff nach seinen Handschuhen, die er auf dem Schreibtisch abgelegt hatte. »Das herauszufinden, meine liebe Nichte, überlasse ich dir. Du hast die Wahl – entweder beugst du dich meinen Wünschen oder ich werde keinerlei Nachsicht mit dir üben.«

»So?« Victoria zog die Augenbrauen zusammen. Er drohte ihr. Sie bemühte sich um einen unbekümmerten Tonfall, als sie erwiderte: »Noch ein Jahr lang kannst du mich ohne Nachsicht behandeln. Danach wird sich das Blatt wenden.«

Der Blick seiner stahlblauen Augen schien Victoria zu sezieren. Sie hasste es, so angestarrt zu werden.

Richard wandte sich zur Tür. »Das werden wir ja sehen.«

Victoria stand ebenfalls auf. »Ich sehe nicht, was du tun kannst, solange ich nicht einverstanden bin.«

»Fordere mich nicht heraus.« Richards Augen wurden zu schmalen Schlitzen.

Victoria hielt seinem Blick stand. Sie lächelte wieder. »Unterschätze mich nicht, Richard. Milton Castle ist mein Haus. Glaubst du, ich würde das Anwesen aus freien Stücken in die Hand deines Sohnes geben?«

»Wie du willst.« Mit flinken Bewegungen kam Richard auf sie zu und blieb dicht vor Victoria stehen. »Ich habe dich gewarnt. Du wirst dir noch wünschen, dass du Charles’ Antrag angenommen hättest. Ich kann Menschen vernichten, wenn ich es will. Auch dich!«

Victoria fixierte seine kalten Augen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. »Wen hast du denn vernichtet? Meinen Vater? Ist es das, was du damit sagen willst? Bist du für seinen Tod verantwortlich?«

Victorias Mund war plötzlich trocken geworden. Ihr Herz pochte.

Richard starrte sie einen Augenblick ausdruckslos an. Dann richtete er sich auf und ging zur Tür. »Darauf werde ich nicht einmal antworten. Und jetzt komm bitte, ich möchte das Zimmer absperren, damit kein Unbefugter darin herumschnüffeln kann.«

Victoria schnaufte. Richard schien zu ahnen, was sie vorhatte. Denn da sich außer dem Personal, Mary und ihr in den nächsten Wochen niemand auf Milton Castle aufhalten würde, war sicher sie es, vor der er den Raum verschließen wollte.

Victoria folgte ihm langsam zur Tür. »Falls du dabei an mich gedacht hast, möchte ich dich daran erinnern, dass es sich hier um mein Haus handelt. Ich bin also durchaus befugt, das Zimmer während deiner Abwesenheit zu betreten.«

Richard griff nach seinem Stock und Hut, die ihm ein Diener an der Tür reichte. »Hier sind nur Rechnungen und geschäftliche Dokumente zu finden, davon verstehen Frauen nichts. Die Verwaltung dieses Anwesens wird später dein Mann übernehmen. Und jetzt komm!«

Richard zog einen Schlüssel aus seiner Rocktasche und wartete, dass Victoria das Zimmer verließ.

Sie trat ihm in den Weg. »Die Verwaltung von Milton Castle wird immer in meiner Hand liegen. Und ich sehe nicht, was du tun könntest, um das zu ändern.« Victoria verließ das Arbeitszimmer und hörte, wie Richard den Schlüssel ins Türschloss steckte. Sie triumphierte innerlich, dass sie Richard eine Abfuhr erteilt hatte. Und doch war da eine warnende Stimme in ihrem Kopf, die ihr zuflüsterte, dass ihr Onkel sich nicht so leicht geschlagen geben würde.

Zwei Monate später

Lynmouth, Exmoor, England

Juni 1898

 

Victoria betrachtete die vorüberziehende Landschaft. Sie gähnte. Das Schaukeln der Kutsche hatte sie müde gemacht. Als Richard gestern aus London zurückgekehrt war, hatte er erklärt, dass sie am nächsten Tag ins Exmoor reisen würden. Sie konnte sich nicht erklären, was es mit den eigenartigen Reiseplänen ihres Onkels auf sich hatte. Nicht einmal ihre Zofe hatte Victoria mitnehmen dürfen. Bislang hatte Richard ihr keinerlei Ausflüge erlaubt, geschweige denn eine längere Reise. Er hatte sie auch nicht zur Saison nach London mitgenommen. Daher war Victoria davon ausgegangen, dass sie bis zu ihrer Volljährigkeit im kommenden Jahr auf Milton Castle eingesperrt bleiben würde. Vermutlich wollte Richard sie von ihren Freundinnen abschotten, weil er sich selbst dadurch einen engeren Umgang mit ihr versprach. Vielleicht hoffte er, sie würde ihn und Mary später auf ihrem Schloss wohnen lassen. Victoria unterdrückte ein spöttisches Lachen, als sie darüber nachdachte. Sie würde seine Anwesenheit auf Milton Castle keinen Tag länger als nötig dulden. Victoria seufzte. In den letzten zwei Jahren waren ihre täglichen Spaziergänge ins Dorf die einzige Unterbrechung ihrer sonst eintönigen Tage gewesen.

Sie dachte an all ihre Freundinnen, die sie so gern einmal wiedersehen würde, während sie beobachtete, wie sich die Landschaft um sie herum veränderte. Die grünen Wälder und Felder, durch die sie seit mehreren Stunden gefahren waren, wichen einer kahlen Landschaft. Heidekraut und Stechginster erinnerten sie an das Dartmoor. Als sie einen Bergkamm erreichten, hielt Victoria den Atem an. Vor ihr breitete sich eine scheinbar unendliche Moorlandschaft aus, die in der Ferne ans Meer grenzte. Der Anblick war atemberaubend. So weit Victoria schauen konnte, waren nur gelb blühende Ginstersträucher und sanfte Hügel zu sehen. Ein Bach zog sich als glitzerndes Band durch ein Tal, ein paar Felsen ragten zwischen braunen Gräsern, grünen Wiesen und Büschen empor. Die Kutsche schaukelte über einen holprigen Weg, und zu beiden Seiten wucherten Farnkraut, Löwenzahn und Stechginster. In der Ferne glitzerte die See in der Sonne.

Victoria blickte zu Richard hinüber, der in seine Zeitung vertieft war. Wie konnte ein Mensch durch diese Landschaft fahren und nicht einen Blick aus dem Fenster der Kutsche werfen? Am liebsten wäre Victoria ausgestiegen und zu Fuß weitergelaufen. Es musste wundervoll sein, die Kiesel unter den Füßen zu spüren und den Duft des Meeres, der Blumen und Gräser zu atmen.

Sie wusste nicht, was das Ziel dieser Reise war. Richard hatte kein weiteres Wort mit ihr gewechselt, nachdem er den Befehl zum Aufbruch ins Exmoor gegeben hatte. Victorias Fragen hatte er ignoriert. Da das Landhaus, das Richard hier im Exmoor besaß, vermietet war, fragte Victoria sich, wo sie wohnen würden und warum er sie mit hierhergenommen hatte. Ob er sich während der letzten Wochen wohl damit abgefunden hatte, dass sie nicht die Frau seines Sohnes werden würde, und ihr vielleicht einen anderen Heiratskandidaten vorstellen wollte?

Victoria zuckte unmerklich mit den Schultern und wandte sich wieder zum Fenster.

Sie fuhren jetzt einen schmalen Weg hinunter in eine Schlucht. Schatten legten sich auf die Kutsche und Victoria fröstelte. Die Equipage holperte über die enge Fahrspur. Victoria hüpfte auf dem roten Samtpolster auf und ab. Richard sah ärgerlich von seiner Zeitung auf und klopfte mit dem Griff seines Stocks an die Deckenstreben der Kutsche, die den mit hellblauem Seidenstoff bespannten Himmel durchzogen. Sofort verlangsamte der Kutscher die Fahrt.

Victoria betrachtete die Felshänge, an denen sie entlangfuhren. Nur vereinzelt wuchsen hier Ginstersträucher und Grasbüschel an der steinigen Oberfläche. Sie war froh, als sie die Felsen hinter sich ließen und über eine saftig grüne Wiese in einen Wald gelangten. Victoria öffnete das Fenster und streckte den Kopf hinaus.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, in einer Märchenlandschaft gelandet zu sein. Riesige Bäume, die sicher schon jahrhundertealt waren, ließen die Sonnenstrahlen nur sparsam durch ihre Blätter dringen. Der Weg vor ihnen war in ein fleckiges Licht getaucht. Victoria lauschte dem Plätschern des kleinen Baches, der neben ihnen herfloss. Es vermischte sich mit dem gleichmäßigen Klang der Pferdehufe und dem Säuseln des Windes, der durch die Bäume strich.

Als die Kutsche unvermittelt anhielt, dachte Victoria zunächst, dass ein Hindernis, vielleicht ein umgefallener Baum, ihnen den Weg versperrte. Erst als der Kutscher die Tür öffnete und Richard sich an ihr vorbei ins Freie zwängte, verstand sie, dass sie offenbar das Ziel ihrer Reise erreicht hatten.

Nachdem Victoria ebenfalls aus der Kutsche geklettert war, sah sie ihren Onkel fragend an. Richard beachtete sie allerdings nicht, sondern steuerte auf das reetgedeckte zweistöckige Haus zu, das auf einer Lichtung mitten im Wald vor ihnen stand.

Ein Mann mit schütterem Haar und abgetragenen Hosen trat aus der Eingangstür und lief Richard entgegen. »Hatten Sie eine gute Fahrt, Mr Green? Sie sind früh – keine Zwischenfälle?«

Richard brummte etwas Unverständliches und bedeutete dem Mann, das Gepäck ins Haus zu tragen.

»Haben Sie die Zimmer hergerichtet, wie ich es angeordnet habe?« Richard ging an ihm vorbei auf den Eingang zu. Der gelbe Anstrich des Hauses leuchtete fröhlich vor dem dunklen Grün des Waldes.

»Ja, Sir. Wir haben die Gäste, die oben gewohnt haben, nach unten verlegt. Meine Frau hat Ihre Zimmer heute Morgen vorbereitet, ganz wie Sie es gewünscht haben.« Der Mann sah Richard Beifall heischend an und erntete ein zufriedenes Nicken. Ohne Victoria zu beachten, lief er hinter Richard her ins Haus.

Kurz darauf trat ein jüngerer Mann mit braunen widerspenstigen Locken aus der Tür. Er trug eine schmutzige Hose, die von Hosenträgern gehalten wurde, und ein verschlissenes weißes Hemd aus Leinen. Als er Victoria sah, nickte er ihr freundlich zu und wandte sich dann zur Kutsche, um mit dem Gepäck zu helfen.

Victoria blieb unentschlossen vor dem Gebäude stehen. Richard ging doch nicht etwa davon aus, dass sie in diesem Cottage wohnen würde? Das hier war eine Unterkunft, in der Pächter wohnten, die Farmer auf ihrem Land oder auch der Gärtner. Wenn Victoria mit ihrem Vater verreist war, hatten sie immer auf den luxuriösen Anwesen anderer Mitglieder der Gesellschaft gewohnt. Sie hatte ein solches Häuschen, wie es jetzt vor ihr stand, nicht einmal betreten, geschweige denn darin übernachtet.

Während sie noch darüber nachdachte, ob sie Richard hineinfolgen oder demonstrativ wieder in die Kutsche steigen sollte, tauchte eine Gruppe Männer in der Tür des Gasthauses auf. Einer von ihnen schubste seinen Nachbarn immer wieder grob zur Seite, was die anderen zum lauten Lachen brachte. Eine Flasche wurde herumgereicht, einer spuckte im weiten Bogen aus. Victoria wich angeekelt zurück.

»Oh, was macht die kleine Lady denn hier im finstren, finstren Wald?« Der Mann, der gerade noch seinen Kumpanen geschubst hatte, kam nun auf Victoria zu. »Hast du dich verlaufen?«

Victoria stieß erschrocken die Luft aus. Noch nie hatte sie eine solche Unverschämtheit ertragen müssen. Sie sah sich nach dem Kutscher um, aber der war gerade mit Richards Reisetasche im Inneren des Cottages verschwunden.

»Na, Kleine, übernachtest du hier?« Jetzt trat ein anderer grober Kerl aus der Gruppe auf sie zu. »Pass auf den Wolf auf, damit er dich nicht frisst.«

Der Gestank von billigem Whiskey schlug Victoria ins Gesicht, während die Männer immer näher kamen.

»Jimmy, das wäre doch was für dich, oder? Willst du den bösen Wolf spielen?«, rief ein anderer von ihnen und grinste sie an. Plötzlich war sie von den Kerlen umzingelt.

Erschrocken machte Victoria einen Schritt zurück, doch ihr Reisekleid hatte sich in einer Brombeerhecke verfangen. Sie versuchte, sich zu befreien, während die Grobiane jetzt dicht vor ihr standen. Victoria war gefangen. Hinter ihr die Brombeeren, vor ihr die nach Whiskey stinkenden Männer.

»Bist du denn ganz allein hierhergekommen?« Einer von ihnen streckte seine Hand nach ihr aus.

Victoria zerrte an ihrem Kleid und wich weiter zurück in die Dornen. Doch der Brokatstoff hing fest und wollte sich nicht lösen. Sie stolperte und landete am Boden. Dornen stachen in ihre Hände und Beine. Das Kleid war verrutscht und sie lag halb entblößt vor den Männern. Victoria schrie erschrocken auf. Die Kerle lachten schallend.

»Verschwindet hier!« Zwei Arme schoben die Männer auseinander. Und dann tauchte der junge Mann über ihr auf, der gerade noch dem Kutscher mit dem Gepäck geholfen hatte. »Lasst die Dame in Ruhe!«

Die Männer lachten noch immer, ließen aber endlich von ihr ab.

»Haben Sie sich verletzt, Mylady?« Der junge Mann streckte ihr seine Hand entgegen und zog sie aus den Dornen.

Victoria standen Tränen der Wut und Angst in den Augen. Sie schüttelte den Kopf.

»Sie bluten«, stellte er fest und zog ein Taschentuch hervor. Damit tupfte er über Victorias Hand.

Als sie seinem Blick folgte, bemerkte sie die aufgekratzte Haut. Ein Stachel steckte in ihrem Handballen.

»Ich fürchte, Sie müssen jetzt tapfer sein, Ma’am.« Er drehte ihre Hand ins Sonnenlicht und zupfte mit den Fingern den Dorn aus ihrem Fleisch. Victoria biss die Zähne zusammen, als sie ein stechender Schmerz durchfuhr. Der Mann wickelte ein Taschentuch um ihre Hand, bückte sich und befreite nun auch Victorias Reisekleid aus den Stacheln.

»Kommen Sie, ich werde die Wunde auswaschen, damit sie sich nicht entzündet.« Er zögerte kurz und bot ihr dann seinen Arm.

Victoria war froh, dass er sie stützte, denn erst jetzt bemerkte sie, wie sehr ihre Beine zitterten. Ihre Unterlippe bebte und sie befürchtete, jeden Moment in Tränen auszubrechen. Er führte sie an den Männern vorbei ins Haus. Sie riefen ihnen anzügliche Bemerkungen nach, ließen sie ansonsten jedoch in Ruhe.

»Mein Name ist Arthur Stevens, Lady Victoria«, sagte er und öffnete die braune Holztür, die ins Innere des Hauses führte.

Victoria sah ihn überrascht an. Woher kannte er ihren Namen? Zögernd trat sie in den dunklen Raum. »Wo sind wir hier? Ist mein Onkel oben?«

Arthur sah sie an, als wundere er sich über die Fragen.

»Setzen Sie sich.« Der junge Mann führte sie an einen Tisch in der Mitte des Raumes. »Das hier ist das Dark Wood Inn.«

Victoria zog die Augenbrauen hoch. »Ein Wirtshaus?«

Arthur nickte. »So kann man es wohl nennen. Meine Eltern bewirtschaften es.«

Er drückte sie sanft auf einen wackligen Holzstuhl und verschwand durch eine niedrige Tür im hinteren Teil des Raumes.

Victoria sah sich um. In dem Zimmer befanden sich die Bar, der lange Tisch, an dem sie saß, und ein großer, verrußter Kamin. Ihr Onkel war verschwunden. Victoria war allein. Es stank nach Bier und Rauch, und durch die kleinen Fenster fiel wenig Licht. Victoria hätte sich gern eine der Kerzen geholt, die auf der Theke standen, aber ihre Beine waren immer noch schwach. Also blieb sie sitzen und behielt die Eingangstür im Auge. Sie hatte Angst, dass die Männer hereinkommen könnten. Wo war Richard nur geblieben? Sie lauschte. Doch die herrische Stimme ihres Onkels konnte sie nicht vernehmen. Normalerweise tönte seine Stimme den ganzen Tag lautstark durchs Haus, wenn er Befehle erteilte. Bei den dünnen Wänden des kleinen Häuschens konnte er eigentlich nicht zu überhören sein. Ob er das Cottage verlassen hatte? Aber warum? Warum waren sie überhaupt hier?

Sie atmete erleichtert auf, als Arthur endlich zurückkam. Er lächelte ihr aufmunternd zu und stellte ein großes Tablett auf dem Tisch ab. Darauf befanden sich eine Waschschüssel, aus der ein wohlriechender Dampf stieg, einige Handtücher und eine große Teekanne mit zwei Tassen. Arthur holte zwei Kerzen von der Bar und stellte sie vor Victoria auf den Tisch. Nachdem er sie entzündet hatte, wirkte der Raum etwas freundlicher.

Arthur griff wieder nach ihrer Hand. Vorsichtig wickelte er das Taschentuch ab, und Victoria biss die Zähne zusammen, als sie wieder den Schmerz verspürte. Sie wandte sich ab. Sie hatte noch nie gut Blut sehen können und ihr eigenes verursachte ihr eine besondere Übelkeit.

»Eine ziemlich tiefe Wunde.« Arthur hielt die Hand ins Kerzenlicht und griff dann nach einem der Tücher. Er tauchte es in die Waschschüssel und wrang es aus. »Ich habe einige Kräuter aufgegossen, die die Entzündung hemmen werden. Leider wird es gleich brennen, aber ich muss die Wunde reinigen, Mylady.«

Victoria nickte. Als das heiße Wasser in die Wunde drang, zuckte sie zusammen.

»Es tut mir leid.« Arthur hielt ihre Hand fest und tröpfelte vorsichtig Wasser darauf. »Es ist gleich vorbei.«

Nachdem er die schmerzhafte Prozedur beendet hatte, tupfte er eine braune Flüssigkeit auf die Wunde und wickelte die Hand anschließend in Baumwolltücher.

»Vielen Dank.« Victoria betrachtete den Verband. »Auch dafür, dass Sie mich vor den Männern gerettet haben.«

»Ich muss mich entschuldigen, Ma’am. Das hätte nicht passieren dürfen. Diese Männer sind leider typische Gäste unseres Hauses. Es ist …« Er brach ab und griff verlegen nach der Teekanne.

»Es ist nicht der richtige Ort für eine Lady? Wollten Sie das sagen?« Victoria sah ihm direkt in die Augen.

Er nickte und schenkte Tee ein.

»Warum hat mich Mr Green hierhergebracht?« Victoria runzelte die Stirn.

Arthur sah sie überrascht an. »Sie wissen nicht, warum Sie hier sind?«

Victoria schüttelte den Kopf. Sie blickte unwillkürlich zur Tür und dann aus dem kleinen Fenster, das auf den Vorplatz des Hauses hinausging. Tatsächlich! Ihre Kutsche war verschwunden. Ihr Onkel hatte das Cottage verlassen. Aber wieso war Richard mit ihr hierhergekommen und wenig später gleich wieder abgereist?

»Das ist in der Tat sehr merkwürdig.« Arthur reichte ihr einen Becher mit Tee und nahm dann selbst eine Tasse. Nachdenklich trank er das heiße Getränk.

Victoria war plötzlich verlegen und wusste nicht, was sie sagen sollte. Noch nie zuvor war sie mit einem fremden Mann allein in einem Zimmer gewesen, noch dazu ohne ihm offiziell vorgestellt worden zu sein. Aber Arthur stand gesellschaftlich weit unter ihr, was die Situation erleichterte. Trotzdem war es vollkommen ungebührlich, mit einem Mann wie ihm an einem Tisch zu sitzen und Tee zu trinken. Die Angestellten auf Milton Castle hatten nur beim gemeinsamen Weihnachtsfest zusammen mit der Familie in der großen Halle essen dürfen.

Arthur schien die Unschicklichkeit seines Betragens gar nicht wahrzunehmen. Er trank in Gedanken versunken seinen Tee.

Victoria blickte zur Tür. »Ist mein Onkel mit der Kutsche davongefahren?«

Arthur sah auf. »Ich dachte, er hätte Sie darüber informiert.«

Victoria schüttelte verwirrt den Kopf. Sie hatte die Pferdehufe gar nicht gehört. Aber nach dem unangenehmen Erlebnis mit den Wüstlingen vorhin hatte sie das Treiben vor dem Gasthaus überhaupt nicht mehr mitbekommen. Wenn sie nur wüsste, was ihr Onkel plante.

»Kennen Sie meinen Onkel Richard Green?«, nahm Victoria das Gespräch wieder auf.

»Oh ja.« Arthurs Augenbrauen zogen sich zusammen. »Ihm gehört unser ganzes Tal.«

»Liegt hier in der Nähe auch sein Landhaus?« Victoria wusste so wenig über ihren Verwandten. Bislang hatte er sie auch nie interessiert. Sie hatte sich nur gewünscht, dass er möglichst schnell wieder aus ihrem Leben verschwand.

»Sie meinen Lynybrook Hall? Das liegt ein Stück tiefer im Moor. Es ist an einen Arzt aus dem Norden vermietet worden.« Arthur schien noch etwas sagen zu wollen, schwieg dann jedoch.

Victoria nickte. »Das habe ich auch schon gehört. Wozu hat der Arzt das Haus gemietet? Wohnt er darin?«

Arthur schüttelte unbehaglich den Kopf. »Er hat dort eine Klinik eingerichtet.«

»Tatsächlich? Ist das Haus denn groß genug dafür?« Victoria trank einen Schluck Tee.

»Es ist alt und groß.« Arthur lehnte sich zurück und zog die Kerze näher heran. »Er betreibt dort eine Irrenanstalt.«

»Oh.« Victoria stellte erschrocken die Tasse ab. »Ist das denn nicht gefährlich?«

Arthur schüttelte den Kopf und grinste. »Mr Green möchte, dass es den Eindruck vermittelt.«

»Warum?«, fragte Victoria und betrachtete die sonnengebräunte Haut des Mannes, die auf lange Aufenthalte im Freien hindeutete.

Arthur sah sie an und schwieg. Er schien nachzudenken. »Er mag es nicht, wenn hier in der Gegend zu viel Trubel herrscht.«

Victoria hatte den Eindruck, dass Arthur ihrer Frage auswich. Das war verständlich, denn schließlich konnte er nicht wissen, wie sie zu Richard stand. Er musste vorsichtig sein.

Victoria beschloss, ihm die Wahrheit zu sagen. Sie wusste zwar nicht, ob sie ihm trauen konnte, aber er hatte ihr vorhin geholfen, als die Männer sie belästigt hatten. »Mr Stevens, ich bitte Sie inständig darum, offen mit mir zu sprechen. Bis vor zwei Jahren wusste ich kaum etwas über meinen Onkel. Dann verstarb mein Vater unter äußerst …« Victoria zögerte. Jetzt war sie unsicher. Wie viel konnte sie ihm erzählen? Wie stand Arthur zu Richard?

»Mysteriösen Umständen?«, half er ihr.

Victoria nickte. »Richard Green hat die Herrschaft über meinen Besitz an sich gerissen und er versucht gerade, auch mich zu seinem Eigentum zu machen. Ich muss mehr über ihn wissen, um mich gegen ihn wehren zu können.«

Victoria biss sich auf die Lippen. Sie hatte viel zu viel gesagt. Arthur Stevens war ein Fremder, den sie erst vor wenigen Minuten kennengelernt hatte. Er war ein einfacher Mann, mit dem sie nicht einmal gesehen werden durfte. Ihm ihre intimsten Sorgen und Nöte zu offenbaren, verstieß gegen jede Etikette.

Arthur stand auf und blickte aus dem Fenster. »Mylady, Mr Green ist in zweifelhafte Geschäfte verwickelt. Und je weniger Menschen hierherkommen, umso besser ist es für ihn.«

Victoria erhob sich ebenfalls und trat neben den jungen Mann. »Was für Geschäfte?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.« Er sah sie von der Seite an und Victoria stockte einen Moment der Atem, als ihre Blicke sich trafen. Seine braunen Locken standen ihm wirr vom Kopf ab. Seine Augen hatten das gleiche tiefe Braun wie seine Haare und blickten sanft und wissend auf sie herab. Er war gut zwei Köpfe größer als Victoria.

Arthur wandte sich abrupt von ihr ab und ging zurück zum Tisch. Ohne sich zu setzen, griff er nach seinem Teebecher und trank ihn in einem Zug aus. »Sie haben gefragt, ob das Irrenhaus im Moor Gefahr birgt. Das Gelände ist nach allen Seiten hin abgeriegelt. Niemand kann es unbemerkt verlassen. Die Irren sind gut verwahrt.«

»Trotzdem«, sagte Victoria und lehnte sich an die Fensterbank. »Ich fände es unheimlich, ein ganzes Haus voller Irrer in meiner unmittelbaren Nachbarschaft zu haben.«

»Bisher konnte ich immer ruhig schlafen.« Arthur schenkte ihnen Tee nach. Dann setzte er sich wieder hin. »Von den Menschen in Lynybrook Hall sieht und hört man nichts. Nur die Pfleger trifft man manchmal im Red Ball Inn, einem Pub draußen vor Lynmouth.«

Victoria dachte eine Weile darüber nach, dann fragte sie: »Auf der Reise hierher habe ich in der Ferne das Meer gesehen. Ist es von hier aus eigentlich weit bis zur Küste?« Victoria erinnerte sich an die Ausflüge ans Meer, die sie mit ihrem Vater unternommen hatte. »Aber ich bezweifle, dass mein Onkel mich hierhergebracht hat, um mir die schöne Landschaft zu zeigen.«

»Mr Green tut niemals etwas ohne Hintergedanken«, bestätigte Arthur ihre Vermutung. »Warum, glauben Sie, ist er mit Ihnen hergekommen?«

Victoria zuckte ratlos die Schultern, bevor sie sich wieder an den Tisch setzte. Eine Weile lang trank sie schweigend ihren Tee. »Ich habe den Verdacht, dass er irgendetwas plant.«

Eine steile Falte bildete sich zwischen Arthurs Augenbrauen. »Was meinen Sie damit?«

»Ich kann es nicht genau sagen, aber vor einigen Wochen war er sehr erzürnt darüber, dass ich den Heiratsantrag seines Sohnes abgelehnt habe. Dann ist er nach London gefahren, und als er gestern zurückkam, erklärte er, dass wir verreisen würden.« Victoria rutschte auf dem unbequemen Holzstuhl hin und her.