Das Ich und das Es - Sigmund Freud - E-Book

Das Ich und das Es E-Book

Sigmund Freud

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Beschreibung

Sigmund Freuds »Das Ich und das Es« von 1923 bietet eine Zusammenfassung aller Ideen der Freudschen Psychoanalyse. Sigmund Freud schließt das psychoanalytische Lehrgebäude mit »Das Ich und das Es« weitgehend ab. Das Hauptvermächtnis des Buches »Das Ich und das Es« ist das sogenannte Strukturmodell des psychoanalytischen Apparates. Das Strukturmodell ist eine Weiterentwicklung der stark vereinfachenden Aufteilung der Psyche in Unbewusstsein und Bewusstsein. Gemäß dem Strukturmodell besteht die Psyche aus dem Über-Ich, dem Ich und dem Es. Das Über-Ich ist die Werteinstanz des Menschen, die Moral, Gewissen, und Pflichtbewusstsein in die Entscheidungen einbringt. Das Über-Ich ist stark von den Eltern geprägt. Das Ich organisiert das Bewußtsein, leistet die Wahrnehmung der Außenwelt und sorgt für Vernunft und Besonnenheit. Das Es beinhaltet die Triebe, Leidenschaften, und tieferen Antriebe des Menschen. Die von Sigmund Freud in »Das Ich und das Es« entwickelten Ideen prägen bis heute die psychoanalytische Diskussion.

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Das Ich und das Es

Das Ich und das EsZur EinführungI. Bewusstsein und UnbewusstesII. Das Ich und das EsIII. Das Ich und das Über-Ich (Ichideal)IV. Die beiden TriebartenV. Die Abhängigkeiten des IchsImpressum

Das Ich und das Es

Sigmund Freud

Zur Einführung

Nachstehende Erörterungen setzen Gedankengänge fort, die in meiner Schrift Jenseits des Lustprinzips (1920) begonnen wurden, denen ich persönlich, wie dort erwähnt ist, mit einer gewissen wohlwollenden Neugierde gegenüberstand. Sie nehmen diese Gedanken auf, verknüpfen sie mit verschiedenen Tatsachen der analytischen Beobachtung, suchen aus dieser Vereinigung neue Schlüsse abzuleiten, machen aber keine neuen Anleihen bei der Biologie und stehen darum der Psychoanalyse näher als das Jenseits. Sie tragen eher den Charakter einer Synthese als einer Spekulation und scheinen sich ein hohes Ziel gesetzt zu haben. Ich weiß aber, dass sie beim Gröbsten halt machen, und bin mit dieser Beschränkung recht einverstanden.

Dabei rühren sie an Dinge, die bisher noch nicht Gegenstand der psychoanalytischen Bearbeitung gewesen sind, und können es nicht vermeiden, manche Theorien zu streifen, die von Nicht-Analytikern oder ehemaligen Analytikern auf ihrem Rückzug von der Analyse aufgestellt wurden. Ich bin sonst immer bereit gewesen, meine Verbindlichkeiten gegen andere Arbeiter anzuerkennen, fühle mich aber in diesem Falle durch keine solche Dankesschuld belastet. Wenn die Psychoanalyse gewisse Dinge bisher nicht gewürdigt hat, so geschah es nie darum, weil sie deren Leistung übersehen hatte oder deren Bedeutung verleugnen wollte, sondern weil sie einen bestimmten Weg verfolgt, der noch nicht so weit geführt hatte. Und endlich, wenn sie dahin gekommen ist, erscheinen ihr auch die Dinge anders als den anderen.

I. Bewusstsein und Unbewusstes

In diesem einleitenden Abschnitt ist nichts Neues zu sagen und die Wiederholung von früher oft Gesagtem nicht zu vermeiden.

Die Unterscheidung des Psychischen in Bewusstes und Unbewusstes ist die Grundvoraussetzung der Psychoanalyse und gibt ihr allein die Möglichkeit, die ebenso häufigen als wichtigen pathologischen Vorgänge im Seelenleben zu verstehen, der Wissenschaft einzuordnen. Nochmals und anders gesagt: Die Psychoanalyse kann das Wesen des Psychischen nicht ins Bewusstsein verlegen, sondern muß das Bewusstsein als eine Qualität des Psychischen ansehen, die zu anderen Qualitäten hinzukommen oder wegbleiben mag.

Wenn ich mir vorstellen könnte, dass alle an der Psychologie Interessierten diese Schrift lesen werden, so wäre ich auch darauf vorbereitet, dass schon an dieser Stelle ein Teil der Leser haltmacht und nicht weiter mitgeht, denn hier ist das erste Schibboleth der Psychoanalyse. Den meisten philosophisch Gebildeten ist die Idee eines Psychischen, das nicht auch bewusst ist, so unfassbar, dass sie ihnen absurd und durch bloße Logik abweisbar erscheint. Ich glaube, dies kommt nur daher, dass sie die betreffenden Phänomene der Hypnose und des Traumes, welche – vom Pathologischen ganz abgesehen – zu solcher Auffassung zwingen, nie studiert haben. Ihre Bewusstseinspsychologie ist aber auch unfähig, die Probleme des Traumes und der Hypnose zu lösen.

Bewusst sein ist zunächst ein rein deskriptiver Terminus, der sich auf die unmittelbarste und sicherste Wahrnehmung beruft. Die Erfahrung zeigt uns dann, dass ein psychisches Element, zum Beispiel eine Vorstellung, gewöhnlich nicht dauernd bewusst ist. Es ist vielmehr charakteristisch, dass der Zustand des Bewusstseins rasch vorübergeht; die jetzt bewusste Vorstellung ist es im nächsten Moment nicht mehr, allein sie kann es unter gewissen leicht hergestellten Bedingungen wieder werden. Inzwischen war sie, wir wissen nicht was; wir können sagen, sie sei latent gewesen, und meinen dabei, dass sie jederzeit bewusstseinsfähig war. Auch wenn wir sagen, sie sei unbewusst gewesen, haben wir eine korrekte Beschreibung gegeben. Dieses Unbewusst fällt dann mit latent-bewusstseinsfähig zusammen. Die Philosophen würden uns zwar einwerfen: »Nein, der Terminus unbewusst hat hier keine Anwendung, solange die Vorstellung im Zustand der Latenz war, war sie überhaupt nichts Psychisches.« Würden wir ihnen schon an dieser Stelle widersprechen, so gerieten wir in einen Wortstreit, aus dem sich nichts gewinnen ließe.

Wir sind aber zum Terminus oder Begriff des Unbewussten auf einem anderen Weg gekommen, durch Verarbeitung von Erfahrungen, in denen die seelische Dynamik eine Rolle spielt. Wir haben erfahren, das heißt annehmen müssen, dass es sehr starke seelische Vorgänge oder Vorstellungen gibt – hier kommt zuerst ein quantitatives, also ökonomisches Moment in Betracht –, die alle Folgen für das Seelenleben haben können wie sonstige Vorstellungen, auch solche Folgen, die wiederum als Vorstellungen bewusst werden können, nur werden sie selbst nicht bewusst. Es ist nicht nötig, hier ausführlich zu wiederholen, was schon so oft dargestellt worden ist. Genug, an dieser Stelle setzt die psychoanalytische Theorie ein und behauptet, dass solche Vorstellungen nicht bewusst sein können, weil eine gewisse Kraft sich dem widersetzt, dass sie sonst bewusst werden könnten und dass man dann sehen würde, wie wenig sie sich von anderen anerkannten psychischen Elementen unterscheiden. Diese Theorie wird dadurch unwiderleglich, dass sich in der psychoanalytischen Technik Mittel gefunden haben, mit deren Hilfe man die widerstrebende Kraft aufheben und die betreffenden Vorstellungen bewusstmachen kann. Den Zustand, in dem diese sich vor der Bewusstmachung befanden, heißen wir Verdrängung, und die Kraft, welche die Verdrängung herbeigeführt und aufrechtgehalten hat, behaupten wir während der analytischen Arbeit als Widerstand zu verspüren.

Unseren Begriff des Unbewussten gewinnen wir also aus der Lehre von der Verdrängung. Das Verdrängte ist uns das Vorbild des Unbewussten. Wir sehen aber, dass wir zweierlei Unbewusstes haben, das latente, doch bewusstseinsfähige, und das Verdrängte, an sich und ohne weiteres nicht bewusstseinsfähige. Unser Einblick in die psychische Dynamik kann nicht ohne Einfluss auf Nomenklatur und Beschreibung bleiben. Wir heißen das Latente, das nur deskriptiv unbewusst ist, nicht im dynamischen Sinne, vorbewusst; den Namen unbewusst beschränken wir auf das dynamisch unbewusste Verdrängte, so dass wir jetzt drei Termini haben, bewusst (bw), vorbewusst (vbw) und unbewusst (ubw), deren Sinn nicht mehr rein deskriptiv ist. Das Vbw, nehmen wir an, steht dem Bw viel näher als das Ubw, und da wir das Ubw psychisch geheißen haben, werden wir es beim latenten Vbw umso unbedenklicher tun. Warum wollen wir aber nicht lieber im Einvernehmen mit den Philosophen bleiben und das Vbw wie das Ubw konsequenterweise vom bewussten Psychischen trennen? Die Philosophen würden uns dann vorschlagen, das Vbw wie das Ubw als zwei Arten oder Stufen des Psychoiden zu beschreiben, und die Einigkeit wäre hergestellt. Aber unendliche Schwierigkeiten in der Darstellung wären die Folge davon, und die einzig wichtige Tatsache, dass diese Psychoide fast in allen anderen Punkten mit dem anerkannt Psychischen übereinstimmen, wäre zugunsten eines Vorurteils in den Hintergrund gedrängt, eines Vorurteils, das aus der Zeit stammt, da man diese Psychoide oder das Bedeutsamste von ihnen noch nicht kannte.

Nun können wir mit unseren drei Termini, bw, vbw und ubw, bequem wirtschaften, wenn wir nur nicht vergessen, dass es im deskriptiven Sinne zweierlei Unbewusstes gibt, im dynamischen aber nur eines. Für manche Zwecke der Darstellung kann man diese Unterscheidung vernachlässigen, für andere ist sie natürlich unentbehrlich. Wir haben uns immerhin an diese Zweideutigkeit des Unbewussten ziemlich gewöhnt und sind gut mit ihr ausgekommen. Vermeiden läßt sie sich, soweit ich sehen kann, nicht; die Unterscheidung zwischen Bewusstem und Unbewusstem ist schließlich eine Frage der Wahrnehmung, die mit Ja oder Nein zu beantworten ist, und der Akt der Wahrnehmung selbst gibt keine Auskunft darüber, aus welchem Grund etwas wahrgenommen wird oder nicht wahrgenommen wird. Man darf sich nicht darüber beklagen, dass das Dynamische in der Erscheinung nur einen zweideutigen Ausdruck findet.

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