Das Jahr, in dem sich Kurt Cobain das Leben nahm - Jessie Ann Foley - E-Book

Das Jahr, in dem sich Kurt Cobain das Leben nahm E-Book

Jessie Ann Foley

4,5
6,99 €

Beschreibung

Es ist das Jahr 1993. Bill Clinton wird Präsident der USA und Nirvana veröffentlichen ihr drittes Album "In Utero". In diesem Jahr zieht Maggie mit ihrer Familie von Chicago nach Bray, einen verschlafenen Ort an der irischen Küste. Sie muss viel zurücklassen, besonders aber vermisst sie ihren chaotischen Onkel Kevin: nur zehn Jahre älter, seines Zeichens Rockmusiker und größter lebender Nirvana-Fan. Aller Anfang ist schwer. Immerhin ist da Eoin, der Maggie mit seinem unergründlichen Lächeln ziemlich durcheinanderbringt. Doch während die beiden sich näherkommen, erreicht Maggie eine furchtbare Nachricht: Onkel Kevin ist gestorben! Alles, was Maggie von ihm bleibt: Zwei Tickets für ein Nirvana-Konzert in Rom. Und ein Brief, in dem er Maggie auffordert, sich unbedingt auf den Weg zu machen und dabei den Jungen mitzunehmen, den sie liebt. Und Maggie? Setzt sich über alle Verbote hinweg und wagt den Trip nach Rom. Zusammen mit Eoin ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 361




Inhalt

CoverÜber die AutorinTitelImpressumWidmungTeil 11. September 19932.3.4.5.6.7.8.Teil 29.10.11.12.13.14.15.Teil 316.17.18.19.Epilog Mai 1995DanksagungOnkel Kevins Lese-EmpfehlungenPlaylisten und andere MusikPlaylist bei Spotify

Über die Autorin

Jessie Ann Foley lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in ihrer Heimatstadt Chicago, wo sie als Lehrerin arbeitet. Gleich ihr Debütroman, Das Jahr, in dem sich Kurt Cobain das Leben nahm, wurde mit Lob überhäuft und mit diversen Preisen ausgezeichnet.

Die Autorin Kirsten Simmons (Artikel 5) schrieb dazu: »Beim Lesen wollte ich meine Sachen zusammenpacken und mein eigenes Abenteuer erleben. Etwas, das so mutig, wahrhaftig und wegweisend ist wie der Roman von Jessie Ann Foley.«

JESSIE ANN FOLEY

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Klein

BASTEI ENTERTAINMENT

Titel der englischsprachigen Originalausgabe:

»Carnival at Bray«

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2014 by Jessie Ann Foley

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2016: by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign, München,

unter Verwendung eines Motivs von Mr. Twiga/photocase.de

Irland-Grafik: © shutterstock/Filip Bjorkman

Wir danken dem Rowohlt Verlag für die freundliche Genehmigung, das Zitat bei Teil 2 abzudrucken.

Jack Kerouac, »On the Road. Die Urfassung«

Deutsche Übersetzung von Ulrich Blumenbach und Michael Kellner

Copyright © 2010 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

E-Book-Erstellung:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-2943-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Denis, das Maß meiner Träume

Teil 1

Wenn man Glück hat, stößt man zur richtigen Zeit auf die Art von Musik, die nicht nur »großartig« oder »interessant« oder »unglaublich«, sondern buchstäblich lebenserhaltend ist. Sie ruft extremste Emotionen hervor: Man fühlt sich zugleich erhaben und unwürdig, errettet und verdammt. Diese Musik lässt einen spüren, worum es im Leben eigentlich geht, dass genau das der Sinn ist.

Greil Marcus, Ranters & Crowd Pleasers:Punk in Pop Music, 1977–92

September 1993

Die Kirmes in Bray duckte sich gegen den Regen an die felsige Küste der Irischen See; blinkend und ineinanderfließend spiegelten sich die grünen und rosafarbenen Lämpchen des altmodischen Riesenrads auf den Wellen. Maggie war bereits mit dem Take Off gefahren, in dem sie sich wie ein übers Wasser hüpfender Kiesel vorgekommen war; mit dem Crazy Frog, der sie so heftig vor- und zurückgeschleudert hatte, dass sie sich den Kopf am Sicherheitsbügel gestoßen und mit einer schmerzhaften lila Beule an der Schläfe ausgestiegen war; und dann noch mit der Space Odyssey, die sie so schnell herumwirbelte, dass die Schwerkraft sie und Ronnie wie zermatschte Käfer gegen die gepolsterten Wände gedrückt hatte. Nach der Hälfte der Fahrt hatte das Mädchen gegenüber von ihnen gekotzt, aber die Schwerkraft war so extrem, dass die Kotze – sobald sie in hohem Bogen aus ihrem Mund geschossen war – zurückgesaugt wurde und sich mit einem nassen Klatschen über ihr Gesicht verteilte. Die Fahrt endete abrupt, wodurch alle zu Boden stürzten, und die Schwestern flohen auf wackligen Beinen vor dem sauren Geruch von Erdnuss-Erbrochenem.

»Und wohin jetzt?« Ronnie zählte die verbliebenen Chips in ihrer Hand. »Ich hab noch genug für drei weitere Fahrten.«

»Wird dir nicht langsam kalt?« Maggie sah ihre kleine Schwester an, der die hellen, nassen Haare am Kopf klebten. Ihr Secondhand-Anorak hing ihr bis zu den Knien, er war so warm und wasserdicht wie eine Plastiktüte.

»Schon, aber Mom hat gesagt, sie holt uns erst ab, wenn die Kirmes zumacht.« Ronnie spähte über die dunkle Straße hinweg zu der Reihe von Pubs und moosbewachsenen Hotels, wo ihre Mutter und Colm Zuflucht gesucht hatten. »Glaubst du, sie werden eher wiederkommen?«

»Und ihre Flitterwochen unterbrechen?« Maggie lachte. »Sei nicht albern.«

»Was bedeutet das überhaupt?«

»Das erzähl ich dir, wenn du so alt bist wie ich.«

»Das hast du auch gesagt, als ich dich nach Intimspülungen, Kondomen und der ersten Zeile von diesem Liz-Phair-Song gefragt habe«, protestierte Ronnie.

»Flitterwochen sind eine Kombination aus allen drei Dingen«, sagte Maggie, legte den Arm um die schmalen Schultern ihrer Schwester und zog sie unter den undichten Regenschirm. »Wenn du sechzehn bist und ich einundzwanzig, besprechen wir das ganz ausführlich, okay? Also – wofür sollen wir die letzten Fahrchips verwenden?«

»Autoscooter!«, kreischte Ronnie, löste sich aus dem Schutz des Regenschirms und rannte zur Fahrfläche, wo herrenlose Autos wild durcheinander parkten – wie in einem dieser apokalyptischen Filme, in dem wegen einer ansteckenden Krankheit eine ganze Stadt geräumt wird.

»Willst du nicht lieber mit dem Riesenrad fahren?«, rief Maggie ihr hinterher. Sie berührte die Beule an ihrer Schläfe. Sie war heiß und pochte, und in der Mitte trat ein bisschen Blut aus.

»Jetzt komm schon! Lass uns Autoscooter fahren! Bitte? Bitte? Bitte? Bitte?« Ronnie hüpfte in ihrem durchnässten Anorak auf und ab.

»Na schön«, seufzte Maggie und streckte die Hand aus, damit der Regen ihr das Blut von den Fingern wusch.

Ronnie knipste ihr ansteckendes Zahnlücken-Lächeln an, und sie stellten sich in die kleine Schlange von Kindern, die darauf warteten, ihre Chips einzulösen. Maggie war mindestens einen Kopf größer als alle anderen. Vorhin waren sie an einer Gruppe von Jugendlichen vorbeigekommen, und vielleicht gingen einige der Mädchen auf die Saint Brigid’s und würden demnächst ihre Schulkameradinnen sein. Die Jungs hatten Trainingsanzüge und Turnschuhe von Marken an, die Maggie nicht kannte, die Mädchen trugen Strumpfhosen unter ihren Röcken und schwere Goldketten um den Hals. Keiner von ihnen hatte auch nur einen Blick an Maggie verschwendet. Sie kapierte schnell, dass irisch-amerikanisch zu sein etwas ganz anderes war als irisch. Jetzt stand sie hinter Ronnie und sah zu, wie der Trupp Richtung Straße lief. Ihre Kleider, ihre Sprache, die Art, wie sie die Haare trugen: Alles war Maggie fremd und unvertraut; alles war neu, furchteinflößend und seltsam. Ich werde hier nie hinpassen, dachte sie.

Maggie war nicht besonders überrascht gewesen, als ihre Mutter verkündet hatte, dass sie nach nur vier Monaten Beziehung einen fünf Jahre jüngeren Mann heiraten und sie alle zusammen nach Irland in seine Heimatstadt ziehen würden, damit er in die Baufirma seines Bruders einsteigen konnte. Seit dem Tag, an dem Maggies Vater die Familie vor zehn Jahren verlassen hatte – wegen einer Frau, die bei ihnen zu Hause nur als »die Schlampe« bekannt war –, neigte ihre Mutter dazu, sich Hals über Kopf in jeden Loser zu verlieben, mit dem sie ein paarmal ausgegangen war. Laura Lynch war es nie schwergefallen, Männer kennenzulernen – sie war noch immer jung, hatte pralle, wohlgeformte Brüste, grüne Augen unter langen, schwarz getuschten Wimpern, und sie sprach mit leiser, tiefer Stimme, sodass die Männer sich vorbeugen mussten, um sie zu verstehen. Jede ihrer Romanzen verlief stürmisch, und alle endeten in der totalen Katastrophe. Im Anschluss betäubte Maggies Mutter ihre Verzweiflung mit großen Mengen Rotwein und ab und zu auch mit einer Schlaftablette. Mit den Jahren hatte Maggie gelernt, in diesen Phasen für sich und Ronnie leise eine Tasche zu packen, sie die Treppe hochzuschleppen und an die Tür ihrer Großmutter zu klopfen, die im ersten Stock wohnte.

»Mom hat mal wieder einen ihrer Aussetzer«, erklärte sie dann.

»Wie schlimm ist es diesmal?« Nanny Ei, in gebügelten Jeans und einem zur Jahreszeit passenden Rollkragenpullover, trat hinaus auf den Hausflur, und alle drei lauschten auf die Geräusche, die aus dem Erdgeschoss nach oben drangen. Manchmal war Schluchzen zu hören. Ein anderes Mal betrunkenes Schnarchen. Wenn es schlecht lief, dann dröhnte Bob Dylans Freewheelin’ aus dem Kassettenrekorder, und wenn es ganz schlimm kam, Joni Mitchells Album Blue, begleitet von Laura, die dazu in einem schiefen Sopran jaulte.

»Okay, Mädels«, seufzte Nanny Ei und schob sie in ihre gemütliche Wohnung mit Kabelfernsehen, ausgeblichenen beigen Teppichböden und Frühstücksbratgerüchen. »Ich mache euch Bohnen mit Speck.«

Als Laura im April Colm kennenlernte, hatte sie gerade eine Blue-Trennung von Ned hinter sich, einem Spielsüchtigen, der die meiste Zeit des Tages ums Haus herumgelaufen und Wetteinsätze in sein schnurloses Telefon gebrüllt hatte und die Luft mit lautlosen, schwefeligen Fürzen verpestete. Colm besaß alle Qualitäten, die Ned – und übrigens auch alle früheren Freunde von Laura – vermissen ließen. Zum einen hatte er einen Job, und zum anderen Zähne, die offenbar regelmäßig geputzt wurden. Außerdem schien er genauso verrückt nach Laura zu sein wie sie nach ihm. Im August heirateten sie im Cook County Courthouse, und im September zogen sie in Colms sauberes kleines Häuschen in Bray, einer feuchten, salzigen Stadt eine halbe Stunde von Dublin entfernt.

Ronnie suchte sich ein glänzendes gelbes Auto aus, Maggie ein hellblaues. Der Betreiber des Autoscooters drückte auf einen Schalter, und ihr Gefährt erwachte zum Leben. Sie wurde nach vorne geschleudert, als ein Junge mit Segelohren, der kaum übers Armaturenbrett gucken konnte, aufs Gas trat und rückwärts mit voller Wucht in ihren Wagen krachte. Sein Lachen schallte über die Bahn, während Maggies Kopf nach hinten flog; weiße Sternchen tanzten vor ihren Augen. Es gelang ihr, über die Gummikante der Fahrfläche zu fahren und dort stehen zu bleiben, während Ronnie und die übrigen Kinder an ihr vorbeisausten – brüllend, lachend und ineinanderkrachend.

Als die Autos schließlich abgeschaltet wurden und Maggie über die Bahn wankte, um ihre Schwester zu suchen, hatte Ronnie sich bereits mit den Kindern aus den anderen Wagen angefreundet, sogar mit dem zerstörungswütigen Jungen mit den Segelohren. Ein Mädchen riss Fetzen von ihrer rosa Zuckerwatte ab und reichte sie den anderen. Auch Ronnie schenkte sie ein großes Stück, und Ronnie nahm es, faltete es kunstvoll zusammen und schob sich dann das ganze Päckchen in den Mund. Die anderen Kinder lachten, und einige begannen, ihre Zuckerwattestücke ebenfalls zu falten. Als Ronnie Maggie entdeckte, winkte sie ihr zu.

»Hey!«, rief sie mit vollem Mund, »wir gehen zurück zur Space Odyssey! Komm doch mit!«

Keine gute Idee, dachte Maggie. Was, wenn die Mädchen von eben, mit dem dunklen Lippenstift und den Jeansröcken, sie zusammen mit einer Gruppe Zehnjähriger sahen?

Sie winkte ihre Schwester zu sich. »Lass mal, ich treff mich gleich mit ein paar Leuten am Riesenrad«, log sie. »Wir sehen uns dann, wenn Mom uns abholt.« Ronnie schaute sie über den nassen Asphalt und die grell tönenden Lichter der Buden hinweg an, als grübele sie über etwas nach. Schließlich zuckte sie mit den Schultern und rannte hinter den anderen Kindern her.

Der Nieselregen hatte sich in heftigen Niederschlag verwandelt, und vom Meer zogen Wolken heran, ihre dunklen Silhouetten verdüsterten den Himmel. Maggie stand allein unter dem Riesenrad, dessen staksige, blinkende Arme sich flehend in die Luft reckten. Dicke Regentropfen bohrten Löcher in die kabbelige graue See. Als sie in Bray angekommen waren, hatte Colm gesagt, die Stadt sei im Grunde genommen genau wie Chicago: Wenn man sich orientieren wollte, musste man nur daran denken, dass das Wasser immer im Osten war. Doch vom Nordwesten Chicagos aus musste man erst über fünfzig Häuserblocks mit dem Bus in östliche Richtung fahren, bevor man das Wasser riechen konnte. Hier hingegen war das Meer allgegenwärtig. An sonnigen Tagen sah man es von den Hügelspitzen oder zwischen zwei Häusern hindurch glitzern. Und in der Nacht, wenn Maggie im Bett lag, rief sein ruheloses Seufzen ein Gefühl in ihrer Brust hervor, das sie nicht beschreiben konnte. Selbst ihren Kleidern und ihren Haaren haftete dieser fischige Geruch an. Doch nach einer Weile – und das schneller als gedacht – bemerkte Maggie ihn gar nicht mehr. Wie eine Frau, die den Duft des eigenen Parfüms nicht mehr wahrnimmt.

»Letzte Fahrt! Letzte Fahrt!«, rief ein Mann, und die Spitze seiner Zigarette glühte in der heimeligen Geborgenheit der kleinen Karten-Bude. Maggie griff in die Hosentasche und holte ein paar Münzen hervor, die auf ihrer Handfläche wie silberne Fische glitzerten. Der Mann nahm das Geld und warf es in eine Schublade.

»Such dir eine Gondel aus«, sagte er und deutete mit dem Daumen auf das leere Riesenrad.

Sie bestieg die nächste Gondel, die kam, und zog den Sicherheitsbügel herunter. Das Riesenrad setzte sich in Bewegung, und Maggie wurde in den dunklen, verhangenen Himmel gehoben. Wenn sie echte Irinnen sein wollten, hatte Colm ihnen gesagt, mussten sie zu Wasserexperten werden. Salzwasser und Süßwasser, Platzregen und Gefiesel, Regengüsse und Getröpfel, Gewitterschauer und Landregen. Er hatte ihnen den Unterschied zwischen Meer und Ozean erklärt, aber im Moment fiel er Maggie nicht mehr ein, und ihr Kopf tat viel zu weh, um angestrengt nachzudenken. Sie fuhr mit den Fingern über die Beule, die sich direkt unterhalb des feuchten Haaransatzes befand und bestimmt einen Zentimeter dick war. Zu Hause würde es jetzt gerade zur letzten Stunde des ersten Schultags der Zehnten läuten.

Die Gondel stieg und stieg, bis Maggie höher als der Kirchturm der Saint Paul’s Church war und die Jungs und Mädchen, die dicht aneinandergedrängt am Strand entlanggingen, wie Spielfiguren wirkten. In einem Pub namens Quayside gegenüber der Kirmes konnte sie in ein helles Fensterquadrat blicken. Selbst auf diese Entfernung erkannte sie die beiden dunklen Köpfe, die sich einander zuneigten. Colm und ihre Mutter saßen mit ihren Drinks an einem Tisch, blind vor Liebe, und nahmen nichts um sich herum wahr. Widerlich. Maggie beobachtete, wie die Lichter der Kirmesbuden nacheinander verloschen, und noch immer stieg ihre Gondel höher. Sie sah nach Osten, wo es nichts gab außer Wellen und Dunkelheit. Sie atmete die feuchte Luft ein und fragte sich, was passieren würde, wenn sie aus der Gondel fallen und in das wässrige Nichts stürzen würde. Wie lange würde es dauern, bevor jemand merkte, dass sie verschwunden war?

Am Wochenende, bevor sie nach Irland übersiedelten, sollte Ronnie in Milwaukee bei einer Vorführung des japanischen Kampfstudios mitmachen, bei dem sie trainierte. Sie besaß den grünen Gürtel in Taekwondo. Die ganze Familie wollte mitfahren, doch dann bekam Maggie die Sommergrippe.

»Wick VapoRub und inhalieren«, empfahl Nanny Ei, »und morgen bist du wieder kerngesund.«

»Salzkräcker und eine Dose Cola«, riet Laura.

»Nein, nein. Bei einer Grippe muss man eine Zwiebel in Milch kochen, Honig dazugeben und das Ganze in einem Zug austrinken«, sagte Colm.

Maggie kuschelte sich in das samtige Nest der großmütterlichen Couch und lauschte der Diskussion in ihrem fiebrigen Zustand nur mit halbem Ohr. Als sich das Gespräch im Kreis drehte, kam ihr Onkel Kevin, der mit sechsundzwanzig immer noch bei seiner Mutter wohnte, aus der nach Patschuli und Mentholzigaretten riechenden Höhle, die ihm als Zimmer diente. Unter seinem Arm klemmte ein Exemplar von Ranters & Crowd Pleasers: Punk in Pop Music, 1977–92, ein Buch, aus dem er in letzter Zeit häufig beim Essen zitierte.

Vielleicht lag es an dem geringen Altersunterschied von nur zehn Jahren, vielleicht aber auch schlicht an seinem Verhalten, jedenfalls hatte Maggie in ihrem Onkel Kevin nie eine Autoritätsperson gesehen, sondern eher einen älteren Bruder, zu dem sie aufblicken konnte. Onkel Kevin war das jüngste von Nanny Eis drei Kindern, und es wäre unfair gewesen, ihn verwöhnt zu nennen, denn er war in der typisch strengen Atmosphäre einer Arbeiterfamilie groß geworden, bei der es zu Weihnachten praktische Geschenke wie Socken, Zahnbürsten und harte, bittere Apfelsinen gab. Trotzdem war er zweifellos Nanny Eis Liebling. Was wohl auch an seinem angeborenen Herzfehler lag, an den zwei Herzoperationen in seinen ersten beiden Lebensjahren, an den langen weißen Narben auf seiner Brust und an der Warnung der Ärzte, dass er niemals irgendeine Kontaktsportart ausüben dürfe. Kevin störte das nicht groß, denn er interessierte sich ohnehin nicht für Sport. Mit sechs fing er an, Gitarre zu spielen, mit zwölf gründete er seine erste Band, und seit einiger Zeit spielten einige lokale Radiosender sogar die Songs seiner jetzigen Band Selfish Fetus. Die Band trat in recht bekannten Clubs auf, im Empty Bottle und im Hideout, und die Leute gingen auch tatsächlich hin. Kevin wirkte nervös, wie jemand, der kurz davor war, sich den einen großen Traum zu erfüllen, dem die meisten Menschen ein Leben lang nur hinterherliefen.

»Lasst die Arme doch zu Hause bleiben, wenn sie krank ist«, sagte Kevin. »Ich hab dieses Wochenende noch nichts vor. Ich kann mich um sie kümmern.«

Colm und Laura warfen sich einen Blick zu und fingen an zu lachen.

»Auf gar keinen Fall«, sagte Laura. »Ich liebe dich wirklich, Kev. Aber ich werde dich ganz bestimmt nicht das ganze Wochenende meine Tochter hüten lassen.«

Kevin warf sich neben Maggie auf die Couch und zündete sich eine Zigarette an.

»Damit ich das richtig verstehe«, sagte er und blies den Rauch aus, »du hast mir zwar Maggies spirituelle Erziehung anvertraut, ihre katholische Seele, aber du traust mir nicht zu, dass ich ihr Wick MediNait gebe und dafür sorge, dass sie zu einer vernünftigen Uhrzeit ins Bett geht?«

»Verdammt noch mal, Kevin«, sagte Laura wütend. »Wenn ich gewusst hätte, wie oft du mir das aufs Brot schmieren würdest, hätte ich dich nie zu ihrem Taufpaten gemacht.«

»Tja, hast du aber, Schwesterchen. Und was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.« Er legte einen Arm um Maggie und blies einen Rauchring in Lauras Richtung.

»Ich hab es nur getan, weil Dave damals auf den Philippinen stationiert war. Du warst zehn und ich dachte, es könnte nicht schaden. Woher sollte ich denn wissen, dass du zu einem Mann heranwächst, der nicht mehr Verantwortungsbewusstsein hat als ein Straßenköter?«

»Jetzt bist du aber ungerecht, Schatz«, sagte Colm. »Selbst ein Straßenköter kann stubenrein werden.« Er spielte auf einen Vorfall im Frühsommer an, als Kevin betrunken nach Hause gekommen war und im Wohnzimmer in die Ecke gepinkelt hatte.

»Warum fragen wir nicht einfach mein Patenkind, was es will?«, schlug Kevin vor, ohne auf Colms Bemerkung einzugehen. Er drehte sich zu Maggie, die sich gerade in ein Taschentuch schnäuzte. »Mags, fändest du es gut, wenn ich dieses Wochenende auf dich aufpassen würde?«

Natürlich fand sie es gut und das war auch allen klar. Doch die Dinge, die Maggie an Kevin mochte – seine langen, ungewaschenen Haare, das dauernde Gitarrespielen, sein nicht gerade jugendfreies Lästern über die kommerzielle Übernahme von Radiosendern, sein eselsohriges Exemplar von Ranters & Crowd Pleasers –, waren genau die Dinge, die ihn in den Augen ihrer Mutter zu einem ungeeigneten Babysitter, Paten und Onkel machten.

»Darf ich was dazu sagen?«

Nanny Ei, die Kakishorts und ein Baseballtrikot trug, das mindestens zwei Nummern zu groß für ihren zarten Alte-Damen-Körper war, kam mit einem Teller voller Birnenstücke aus der Küche.

»Es ist doch nur für eine Nacht, Laura.« Sie stellte den Teller auf den Wohnzimmertisch neben einen Haufen zusammengeknüllter Taschentücher. »Außerdem verdient jeder eine zweite Chance. Manchmal sogar eine dritte und vierte. Und jetzt iss die, junge Dame. Da ist viel Vitamin C drin.«

Damit war es beschlossen. Laura, Colm und Nanny Ei fuhren mit Ronnie nach Milwaukee, und Maggie und Kevin blieben zu Hause und guckten sich mehrere Folgen von This Old House an. Nach der Hälfte der vierten Folge langte Kevin über die Couch und stieß mit dem Finger gegen Maggies bestrumpften Zeh.

»Du bist gar nicht richtig krank, oder?«

»Natürlich bin ich das!« Maggie richtete sich in ihrem Decken-Kokon auf. »Ich hab schon mindestens drei Tage Fieber!«

»Blödsinn. Du wolltest nur nicht zu Rons Karateding. Und das respektiere ich.«

»Onkel Kev, ich schwöre bei Gott, ich bin wirklich krank. Wenn es anders wäre, würde ich es dir sagen.« Sie biss in ein weiches Stück Birne, während Kevin ihr den Handrücken an die Stirn hielt.

»Fühlt sich meiner Meinung nach ganz normal an.«

Maggie schlug seine Hand weg.

»Nanny Ei hat vorhin erst Fieber gemessen. Ich hatte fast 39!« Sie legte sich selbst die Hand auf die Stirn. Kevin hatte tatsächlich recht. Es war, als hätte er irgendwelche seltsamen Patenkräfte auf sie übertragen: Sie spürte, wie das Fieber aus ihrem Körper wich.

Kevin stand auf und reckte sich.

»Na schön, Mags. Wenn du sagst, du bist krank, bist du krank. Was allerdings echt blöd wäre, denn wenn du nur so getan hättest, dann würde ich dich heute mit zu einem Konzert nehmen – einem mega-riesen-geilen, lebensverändernden Konzert. Aber wie’s aussieht, brauchst du Ruhe.« Er warf seine leere Bierdose in den Mülleimer. »Ich geh duschen. Solltest du, bis ich losfahre, doch noch auf wunderbare Weise genesen sein, sag mir Bescheid.«

Eine Stunde später schnallte sich Maggie auf dem Beifahrersitz von Onkel Kevins silbernem Chevy Nova an, das Gesicht zugekleistert mit Nanny Eis nach Rosen duftendem Make-up. Onkel Kevin hatte den Wagen ein paar Monate zuvor in Galewood auf einer Auktion gestohlener Autos für achthundert Dollar gekauft und gerade noch genug Geld für ein Wunschkennzeichen übrig gehabt. Er taufte das Auto AGBULLET. »AG ist das chemische Zeichen für Silber«, erklärte Kevin ihr, als der Motor zum Leben erwachte. »Merk dir das für den Chemiekurs im nächsten Jahr.« Als sie mit quietschenden Reifen auf die Milwaukee Avenue fuhren, schob er Soundgardens Badmotorfinger in den Kassettenrekorder und hielt ihr einen Vortrag – hauptsächlich über Musik, aber auch über Religion, die wirtschaftliche Entwicklung und die Situation im Kosovo. Maggie versuchte, seinen Ausführungen zu folgen, wobei ihr knochiger Hintern jedes Mal vom Sitz rutschte, wenn Kevin um die Kurve fuhr, und sich ihre Brust gegen den mit Gaffatape geflickten Sicherheitsgurt presste. Sie betete, dass er halten würde.

Schließlich parkten sie vor einem heruntergekommenen Mietshaus, und Kevin betätigte AGBULLETs Hupe, bis seine drei Freunde herauskamen, alle in fast identischen, verwaschenen schwarzen Klamotten. Maggie kannte Rockhead, Taco und Jeremy von ihren nächtlichen Kühlschrankplünderungen bei Nanny Ei. Der dicke Taco riss die Beifahrertür auf.

»Ab nach hinten«, sagte er zu ihr. »Ich brauch Platz für meine Beine.«

Maggie sah hinüber zu Kevin, der gerade Badmotorfinger gegen Jimi Hendrix’ Are You Experienced? tauschte.

»Mach schon, Mags«, sagte er und drehte die Musik voll auf. »Ich ertrag es nicht, wenn sich Tacos fette Knie in die Lehne von meinem Sitz bohren. Dann kann ich mich nicht aufs Fahren konzentrieren.«

Maggie kletterte auf den Rücksitz und saß eingeklemmt zwischen Jeremy und Rockhead, die sich über ihren Kopf hinweg einen Joint hin und her reichten, während sie durch den Sommerabend Richtung Osten fuhren. Alle Fenster waren heruntergekurbelt, die Lautsprecherboxen knisterten und knackten und drohten jeden Moment den Geist aufzugeben. Ein Wirbelsturm aus Asche wehte durchs Auto, verfing sich in Maggies Haaren und landete auf ihrer schwarzen Jeans. Wegen der Musik und dem Fahrtwind war es zu laut, um sich zu unterhalten, deshalb saß sie nur da und schaute auf die vorbeirauschende Stadt, während Jeremy und Rockhead weiter ihr Gras rauchten, bis sie die Clark Street erreichten und der Verkehr abrupt ins Stocken geriet.

»Was für ein Scheißchaos«, sagte Rockhead, lehnte sich aus dem Fenster und warf das ausgelutschte Ende des Joints nach draußen. Eine Schlange von Konzertbesuchern in T-Shirts, zerrissenen Jeans und durchsichtigen Tops wand sich vom Eingang des Metro fast eine halbe Meile weit die Clark Street hinunter.

»Wo sollen wir hier denn parken, verdammt noch mal?«, fragte Taco. »Wir hätten den Bus nehmen sollen, wie ich’s gesagt habe. Ich kann nicht so weit laufen!« Er drehte sich in seinem Sitz um und sah Maggie an. »Footballverletzung.«

»Glaub ihm kein Wort, Maggie«, mischte sich Jeremy ein. »Er findet immer eine Entschuldigung für sein Übergewicht.«

»Entschuldige mal, Arschloch, aber das Meiste davon ist Muskelmasse.« Taco drehte sich nach hinten und präsentierte ihnen seinen angespannten, fleischigen Arm. »Fass mal an, Maggie! Alles feste Muskeln.«

»Du fasst seinen Arm nicht an!«, befahl Kevin von vorne und suchte dabei die Straße nach einer Parklücke ab.

»Das Problem mit dir«, fuhr Taco fort und zog seinen Arm zurück, »ist, dass du keine Ahnung von Physiologie hast, Jeremy. Es geht nicht um das Gewicht, sondern um den Körperfettanteil.«

Bevor Jeremy etwas erwidern konnte, trat Kevin auf die Bremse, legte den Rückwärtsgang ein und rangierte das Auto in eine Lücke direkt vor einem Hydranten.

»Mann, hier kannst du dich nicht hinstellen«, sagte Jeremy. »Die schleppen dich ab.«

Kevin stellte die Automatik auf Parken.

»Es ist eine moralische Pflicht, gegen ungerechte Gesetze zu verstoßen«, verkündete er und schaltete den Motor aus.

»Hä?«

»Das hat Martin Luther King gesagt, ihr Ignoranten. In seinem Brief aus dem Gefängnis von Birmingham.«

»Kann mir mal bitte jemand erklären, was ungerecht daran ist, dass man nicht vor einem beschissenen Hydranten parken soll?« Taco seufzte. »Wenn diese Schrottkarre abgeschleppt wird, beteilige ich mich nicht an den Kosten.«

Kevin stieg aus und zwinkerte Maggie zu.

»Auf geht’s«, sagte er.

Beim megageilen, lebensverändernden Konzert spielte niemand Geringeres als die Smashing Pumpkins, die in ihrer Heimatstadt in ihrem Lieblingsclub auftraten, wenige Wochen nachdem ihr neues Album Siamese Dream erschienen war. Sie passierten die Sicherheitskontrolle, und Maggie schwor sich, nicht auszuflippen, wenigstens nicht nach außen hin. Sie folgte Kevin und seinen Freunden die gewundene Linoleumtreppe hinauf, die gerammelt voll mit verschwitzten Fans war.

»Haben wir gute Plätze?«, fragte sie und warf einen prüfenden Blick auf ihre Konzertkarte, die sie für den Rest ihres Lebens als Andenken aufbewahren würde.

»Plätze?« Taco lachte. »Was glaubst du, wo du bist – in der Oper, oder was?«

»Lass sie in Ruhe, du Honk«, verteidigte Jeremy sie und legte eine Hand um ihre Taille. »Sie ist doch erst – wie alt – achtzehn?«

»Sechzehn.« Maggie wurde rot, sie spürte den klammen Druck von Jeremys Fingern.

»Genau – wie in: Zu jung für dich«, sagte Rockhead.

»Für mich sieht sie verdammt noch mal ziemlich erwachsen aus«, hielt Jeremy dagegen.

Kevin, der vor ihnen auf der Treppe war, drehte sich um und blickte auf sie herab.

»Finger weg von meiner Nichte«, sagte er, »oder ich schneid dir deinen scheiß Schwanz ab.« Jeremys Hand glitt von Maggies Taille, während Taco und Rockhead die Augen abwandten und eingeschüchtert in ihren Hosentaschen nach Kleingeld zum Bierkaufen kramten.

Oben angekommen, drängte die Menge nach vorn zur Bühne. Die Leute schlürften Bier aus Plastikbechern und hielten ihre Zigaretten über ihre Köpfe, während der Soundcheck den Club mit Gitarrenkreischen und Trommelwirbeln beschallte. Und dann gingen alle Lichter aus. Als sie in einem blendend weißen Lodern wieder aufflammten, waren die ersten Akkorde von Rocket wie eine Explosion in Maggies Brust. Sie schloss die Augen, um ihre Gefühle in den Griff zu kriegen.

»Hey! Mags!« Kevin kniete in dem diffusen Blitzlicht vor ihr. »Steig auf.« Maggie kletterte auf die Schultern ihres Onkels, er stand auf und drückte ihre Beine an seine Brust. Noch vor einer Stunde hatte sie mit Wick-VapoRub-Salbe auf den rauen Bronchien und einem Becher heißer Milch mit gekochten Zwiebeln auf Nanny Eis Couch gesessen, und ihr Leben war ereignislos vor sich hingetröpfelt. Die musikalische Explosion, die in Maggies Brust ihren Anfang genommen hatte, breitete sich jetzt auch außerhalb ihres Körpers aus, immer weiter, sie umfasste den ganzen Club, die ganze Stadt, die ganze Welt.

»Kannst du was sehen?«, brüllte Kevin und taumelte näher zur Bühne. Maggie klammerte sich an seine feuchten Haare, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Alles um sie herum glänzte in einer Patina aus Rauch und Schweiß, und keine dreißig Meter vor ihr standen die Smashing Pumpkins.

Das Konzert war ein einziges Chaos – die Leute moshten, überall lagen zertretene Plastikbecher herum, und die Musik war so laut, dass es Maggie gar nicht mehr wie Musik vorkam. Eher wie ein Pochen in ihrer Brust, eine jaulende Gitarre und dazu Billy Corgan, der schrie, bis es sich anhörte, als gurgelte er mit Blut. Nach einer Stunde verlor Maggie Onkel Kevin aus den Augen. Sie stolperte durch die Menge, kämpfte gegen die aufsteigende Panik an und entdeckte ihn schließlich in einer Ecke, wo er mit einer Blondine rumknutschte. Ihr Shirt war so tief ausgeschnitten, dass Maggie nicht nur ihr komplettes Dekolleté, sondern auch den Bereich unterhalb ihrer Brüste sehen konnte – sie hatte nicht gewusst, dass es solche Klamotten gab. Kevin löste sich von der Frau, legte seine verschwitzten Arme um Maggie, dann nahm er sie mit zur Bar und kaufte ihr eine Limo. Sie trank und kämpfte gegen die Erschöpfung und das Fieber an, die sich in ihrem Kopf und ihrer Stirnhöhle ausgebreitet hatten. Dann war das Konzert vorbei, und die Lichter gingen an. Maggie sah die leuchtenden Augen der Menge, roch den Schweiß, beobachtete, wie die Leute zitternd von dem runterkamen, was immer sie high gemacht hatte. Die Musik hatte Maggie fest im Griff, sie fühlte sich halb verrückt und halb beflügelt. Die Welt der Highschool, in der sie nur für ihre Fähigkeit beachtet wurde, in Mr Blackwells Englischunterricht Sätze schneller und korrekter zu zerlegen als alle anderen, lag für immer hinter ihr. Solange sie lebte, würde sie nie wieder einen Satz zerlegen, jedenfalls nicht freiwillig.

Kevin schlang einen Arm um Maggie und den anderen um die Blondine. Zusammen mit Taco, Rockhead und Jeremy stolperten sie hinaus auf die Straße. An AGBULLET klebten zwei Strafzettel, die Onkel Kevin von der Windschutzscheibe klaubte und in den Rinnstein warf. Sie zwängten sich ins Auto – Maggie musste auf dem warmen Schoß der Blonden sitzen – und fuhren in die Wohnung von irgendwem, wo es Bücherregale aus Getränkekisten und noch mehr Musik gab. Maggie gab vor, eingeschlafen zu sein, damit Kevin sie nach Hause ins Bett brachte; und das tat er auch, wobei sich das Bett nicht zu Hause befand und in Wahrheit vermutlich ein Hundekörbchen war – jedenfalls roch es wie eins. Und dann schlief sie wirklich ein. Mitten in der Nacht wurde sie fiebernd wach und sah die Schatten von zwei Menschen, die sich auf und ab bewegten – Onkel Kevin und die Blonde. Sie lag auf ihm und er hielt ihre Brüste in den Händen wie Christbaumkugeln. Maggie war klar, was sie da taten, aber es sah nicht so angsteinflößend oder steril aus wie in diesen schrecklichen Filmen im Sexualkundeunterricht. Und auch nicht so ekelhaft wie in dem Porno, den sie bei Katie Grant zu Hause geguckt hatten und der nur aus gespreizten Beinen, rasierten Körpern und grinsenden Plastikgesichtern bestand. Das hier sah – irgendwie schön aus. Echt. Maggie wusste es nicht genau. Dann schlief sie wieder ein.

Am frühen Morgen rüttelte Onkel Kevin sie vorsichtig wach.

»Willst du was frühstücken?« Sein Atem war schal und roch nach Bier.

Sie nickte verschlafen, und er zog sie aus dem Hundekörbchen hoch. Dann beugte er sich vor und küsste die Blonde auf die Stirn, die sich daraufhin ein klein wenig unter dem dünnen weißen Laken bewegte. Die runde Silhouette ihrer Brüste hob und senkte sich in ihrem Atemrhythmus, ihre Kleider lagen in einem Haufen auf dem Boden. Kevin und Maggie schlichen auf Zehenspitzen aus der Wohnung, stiegen in AGBULLET und fuhren zu einem Frühstückslokal Ecke Diversey und Clark. Kevin suchte sich eine Nische am Fenster aus, und während sie ihr Frühstück aßen, verfärbte sich der Himmel über den Flachdächern der Plattenläden und Headshops von einem künstlichen Ostereirosa in Augustblau.

»Und, wer war die blonde Frau?«, fragte Maggie und schnitt ihren French Toast klein.

»Sonia? Ach, niemand Besonderes. Nur eine Freundin.«

»Wird Jeremy dir ein Bootlegtape vom Konzert überspielen?«

»Warum sollte ich eins haben wollen?« Kevin spießte einen Pilz aus seiner mit Käse überbackenen Frühstückspfanne auf und streifte ihn am Rand seines Tellers ab.

»Keine Ahnung. Er meinte, er nimmt bei allen Konzerten Bootlegs auf.«

»Jeremy ist ein Idiot. Bootlegs untergraben die Motivation, überhaupt zu einem Konzert zu gehen. Sie entwerten die Einzigartigkeit des Live-Erlebnisses. Das Konzert hat stattgefunden. Und du warst da. Und jetzt liegt es in deiner Verantwortung, es in Erinnerung zu behalten, anstatt es dauernd noch mal zu erleben, indem du dir den qualitativ miesen Versuch einer Konservierung anhörst.« Kevin zeigte mit der Gabel auf sie. »Alles, was du erlebst, erlebst du nur ein Mal, deshalb solltest du immer mit wachen Sinnen durch die Welt gehen. Und jetzt iss dein Frühstück.«

Er stocherte weiter in seiner Pfanne herum, während Maggie an ihrem French Toast herumknabberte und sich bemühte, ihn nicht aus seiner Stimmung zu reißen, sondern es stattdessen zu genießen, einfach mit ihm zusammensein zu können. Sie war froh, dass sie Kevins Nichte war. Denn das bedeutete, dass er sich nie am Morgen davonschleichen und ihr nicht mal Auf Wiedersehen sagen würde.

Als sie nach Hause kamen, tigerten Laura, Colm und Nanny Ei vor dem Haus hin und her. Im Wäscheraum des Hotels in Milwaukee war ein Feuer ausgebrochen, und man hatte sie evakuiert. Als ihr Hotelzimmer wieder freigegeben wurde, lohnte es sich nicht mehr, noch mal ins Bett zu gehen, deshalb waren sie mitten in der Nacht zurück nach Chicago gefahren und im Morgengrauen angekommen. Colm stand mit verschränkten Armen hinter den beiden hysterischen Frauen. Laura folgte Maggie und Kevin ins Haus, schnappte sich den Aschenbecher und warf ihn nach Kevin. Er duckte sich, und der Aschenbecher prallte gegen die Wohnzimmerwand.

»Wo zur Hölle seid ihr gewesen? Seid ihr etwa betrunken?«, wollte sie wissen und packte Maggie am Arm.

»Im Augenblick nicht«, erwiderte Kevin.

»Du hättest sie nie mit ihm allein lassen dürfen«, sagte Colm. Er sah Kevin mit einem Blick an, als würde er eine entzündete Wunde betrachten.

Kevin öffnete den Mund, schwieg dann jedoch. Sein Gesichtsausdruck bekam etwas Gehetztes: So sah er immer aus, wenn seine Familie ihm Stress machte und ihn damit konfrontierte, was für eine Enttäuschung er für sie war. Wortlos sammelte er die Scherben des Aschenbechers ein, legte sie auf den Wohnzimmertisch, ging in sein Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich.

»Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?«, vergewisserte sich Laura.

Maggie nickte. Sie war mehr als nur in Ordnung. Sie fühlte sich nicht nur wieder gesund, sie fühlte sich, als sei sie gerade aus einem langen, behüteten Winterschlaf erwacht, ihrer Kindheit. Die vergangene Nacht hatte sie aus ihrer Schale befreit, und sie war neu und offenporig und bereit daraus hervorgegangen. Sie spürte die sorgfältig zusammengefaltete Konzertkarte in ihrer Hosentasche. Wie viele Teenager in Bray würden wohl von sich behaupten können, dass sie im Metro beim Release-Konzert von Siamese Dream nur wenige Meter von Billy Corgan entfernt gestanden hatten? Oder dass sie an einem Sonntagmorgen den Lake Shore Drive – die lächerlich wirkenden Jogger mit ihren dünnen Beinen und Neon-Shorts, wie sie da mit ihren Kalorienzählern und Gatorade-Flaschen den Fußweg entlangzockelten – durch das Prisma eines Konzertkaters gesehen hatten.

»Wir hatten einen tollen Abend, Ma«, sagte Maggie. »Und es ist nichts passiert.«

»Ja, darauf könnte ich wetten«, schäumte Laura. »Und jetzt ab auf dein Zimmer.«

Am Abend vor ihrer Abreise nach Irland schmiss Lauras Boss eine Abschiedsparty – im Oinker’s, der Eckkneipe, in der Laura abends hinter dem Tresen stand. Er bestellte Bleche mit Röstkartoffeln und Brathähnchen von Papa Chris’s, und für zehn Dollar konnte jeder so viel trinken, wie er wollte. Alle Bauarbeiterkumpel von Colm kamen und auch Lauras Freunde aus der Nachbarschaft. Nanny Ei hatte sogar ein paar der fideleren Mitglieder ihrer Rosenkranzgemeinde dazu gebracht, auf Baileys und Kaffee vorbeizuschauen. Maggie und Ronnie liefen den ganzen Abend in der Kneipe herum und kicherten über das alberne Benehmen der Erwachsenen, die ihre Anwesenheit entweder vergessen hatten oder denen das schlichtweg egal war. Erst als Colms irische Kollegen anfingen, melancholische Lieder zu singen, wurde auch Maggie traurig. Ganz vorsichtig, als berührte sie eine frisch verschorfte Wunde, fragte sie sich, warum Kevin nicht gekommen war. Sie konnte nicht glauben, dass er sich von seiner Nichte, seinem Patenkind, seiner Maggie nicht mal verabschieden wollte. Ja, er war unzuverlässig und tauchte manchmal zu Weihnachten oder zu Thanksgiving nicht auf. Aber heute?

Als sich gegen Ende des Abends ihre Augenlider allmählich wie Briefbeschwerer anfühlten und Ronnie in einer Nische eingeschlafen war, schreckte Maggie hoch, weil jemand versuchte, sich durch die Hintertür zu zwängen. Mikey, der Barkeeper, drückte die Tür mit Gewalt wieder zu, und Colm und Laura keiften in der schrillen Art von Betrunkenen herum.

»Das verzeih ich’m nie«, lallte ihre Mutter und wedelte hektisch mit der Zigarette. »Man soll sich nich mit einem Muttertier anlegen.« Colm nickte. Er umfasste ihre schmale Taille; seine rechte Hand glitt langsam über die Gesäßtasche ihrer engen schwarzen Jeans, und er kniff sie in den Hintern.

»Das hat er verdient«, murmelte er.

Durchs Fenster sah Maggie ihren Onkel. Er stand draußen vor dem Oinker’s und wurde von einem Old-Style-Schild angestrahlt. Mit seinen langen, ungekämmten Haaren und der Gitarre, die er sich wie einen Schildkrötenpanzer auf den Rücken geschnallt hatte, als wäre sie ein lebenswichtiger Teil von ihm, wirkte er fast wie ein Engel. Er hämmerte gegen das Fenster, als wollte er es einschlagen, bis ihre Blicke sich trafen. Kevin presste sein Gesicht an die Scheibe, sein Atem ließ das Glas beschlagen. Er sagte etwas – entweder »bis bald« oder »es ist kalt«, schwer zu sagen –, dann hob er in einer Abschiedsgeste die Hand, drehte sich auf dem Absatz seiner schwarzen Stiefel um und ging davon. Maggie schluckte die Tränen hinunter und schob sich mit geballten Fäusten an den ganzen betrunkenen Leuten vorbei bis zu ihrer Mutter, die zusammengesackt neben Colm am Videopokerautomaten saß.

»Ich geh nicht weg!«, schrie sie und packte ihre Mutter an den Schultern. Aber Laura drehte sich nicht mal um. Sie hickste einmal, und wässriges Erbrochenes platschte zwischen ihren Beinen auf den Boden. Maggie ließ sie los. Anstelle der Wut machte sich nicht unbedingt Mitleid, mehr ein erschöpfter Ekel vor ihrer ganzen armseligen Familie in ihr breit – und sie gab auf.

Kevin kam die ganze Nacht nicht nach Hause, und am nächsten Nachmittag fuhr Nanny Ei sie zum Flughafen.

An einem nasskalten Samstag im Spätoktober lag Maggie auf ihrem Bett und blätterte eine Ausgabe von Spin durch. Zum großen Erstaunen ihrer Mutter hatte Kevin sein Versprechen gehalten und seinem Patenkind ein Carepaket geschickt. Anfang der Woche war ein großer Briefumschlag, vollgestopft mit Twizzlers-Lakritz, einer Kassette mit Selfish Fetus’ neuer Single Nightstick und den Septemberausgaben sämtlicher Musikzeitschriften angekommen. »Ich fass es nicht«, hatte Laura verblüfft gesagt. »Er hält doch sonst nie seine Versprechen.«

»Vielleicht nicht bei dir«, erwiderte Maggie und riss ihrer Mutter das Päckchen aus den Händen. Als sie damit in ihr Zimmer marschierte, wurde der plötzliche Zorn, der in ihr aufgeflammt war, rasch von einem bitteren Schuldgefühl verdrängt – in letzter Zeit hielt ein und dasselbe Gefühl bei ihr selten länger als zehn Minuten an. Froh über die Privatsphäre ihres Zimmers schloss Maggie die Tür und machte es sich mit den Süßigkeiten und den Zeitschriften auf dem Bett gemütlich. Eine gute Sache an der Übersiedlung nach Irland war die veränderte Wohnsituation: Zum ersten Mal seit Ronnies Geburt hatte Maggie ein eigenes Zimmer. Und obwohl ihr in der Nacht manchmal das beruhigende Atmen ihrer kleinen Schwester fehlte, konnte Maggie sich jetzt Nightstick anhören, ohne erklären zu müssen, was der Text bedeutete. Sie konnte weinen, wenn sie traurig war, ohne gefragt zu werden, was los war. Oder sie konnte sich umziehen, ohne sich dabei im Schrank zu verstecken, damit Ronnie nicht auf ihre Brüste starrte und fragte, wie alt sie gewesen sei, als ihr die gewachsen waren (»Keine Ahnung, es ist nicht so, als hätten sie sich über Nacht aufgeblasen.«); wie sie sich anfühlten (»Wie der Rest meiner Haut«); und ob sie Hilfe mit den vielen Häkchen an ihrem Büstenhalter brauchte (»Nein, du Freak!«).

Im Haus war es still – Laura war in der Stadt, wo sie bei Dunne’s eine Teilzeitstelle als Kassiererin angenommen hatte, Ronnie war bei einer neuen Freundin, und Colm mähte vor dem Haus den Rasen. Wenn sie intensiv lauschte, hörte Maggie, wie die Wellen kalte Kiesel aufs Meer hinaussaugten und dann wieder zurückwarfen. Gerade als ihr der Gedanke kam, dass es gar nicht so schlecht war, den Samstag auf diese Weise zu verbringen, klopfte es zögerlich an ihre Tür.

»Ja?«

Sie ließ die Zeitschrift sinken, und die Tür ging gerade so weit auf, dass Colm seinen Kopf hindurchstrecken konnte. Er war verschwitzt und roch nach frisch gemähtem Gras.

»Der Nachbarshündin hat vergangene Nacht Junge bekommen«, sagte er. »Ich dachte, ich geh mal hin und schau mir die Welpen an. Willst du mitkommen?«

Sie hätte Nein sagen oder sogar über sein Angebot beleidigt sein können. Es war schließlich Samstagabend und sie war sechzehn – sie könnte etwas vorhaben! Aber natürlich hatte sie nichts vor, und ihr neuer Stiefvater war nicht der Typ, der so tat als ob, nur damit sie ihren Stolz behielt.

Zu Beginn des Schuljahrs hatte sie durchaus Gelegenheiten gehabt, neue Freundinnen zu finden. Wie die Mehrheit der Mädchen an der Saint Brigid’s nutzte sie die Mittagspause, um das Schulgelände zu verlassen. Sie schlangen in der Cafeteria hastig ihr Essen hinunter, zogen dann die Röcke bis zu den Oberschenkeln hoch und schlenderten in der verbliebenen halben Stunde auf der Suche nach den Jungs der Saint Brendan’s durch die Stadt. Maggie fand, dass die irischen Mädchen in ihrer Klasse sich nicht groß von den amerikanischen Mädchen zu Hause unterschieden. In der Gegenwart von Jungs benahmen sie sich exaltiert und schrill, sie rempelten ihren Schwarm übermütig an, waren jedoch nicht in der Lage, ihren Kummer zu verbergen, wenn ein Junge gedankenlos fiese Witze über ihre dicken Beine oder ihren zu grellen Lippenstift riss. Maggie stellte sich beim Flirten nicht besonders geschickt an und war deshalb noch nie geküsst worden. Die johlenden Jungs mit ihren gelockerten Krawatten wirkten auf sie gleichermaßen aufregend und einschüchternd. Wenn sie ihren Klassenkameradinnen bei diesen Verfolgungsjagden Gesellschaft leistete, verstummte sie fast vollständig. Sie steuerte nichts bei – sie brachte niemanden zum Lachen, und sie sorgte auch sonst nicht dafür, dass mehr Aufmerksamkeit auf die Gruppe gelenkt wurde. Als die Herbstferien vor der Tür standen, war auch der kleine Aufruhr abgeklungen, den sie verursacht hatte, weil sie aus den USA kam. Maggie nahm es der Handvoll Mädchen, mit denen sie sich ein wenig angefreundet hatte, nicht mal übel, dass sie sie nicht länger aufforderten mitzukommen. Fast ein wenig erleichtert verbrachte sie von da an die gesamte Mittagspause in der Cafeteria – zusammen mit einigen anderen bedeutungslosen Mädchen: der Fetten, der Schuppengeplagten und der Schüchternen. Sie konjugierten französische Verben und gaben sich Mühe, sich nicht füreinander zu schämen.

Der Besitzer der Hündin war Mike O’Callaghan, der Neffe von Dan Sean O’Callaghan, Brays berühmtestem Einwohner. Mit neunundneunzig Jahren war er einer der ältesten Menschen in der Grafschaft Wicklow, aber laut Colm war das nicht der Grund, weswegen ihm so viel Beachtung zuteilwurde. Aufsehenerregend war eher, dass er für sein Alter noch immer bei so guter Gesundheit war. Das machte den jüngeren Bewohnern von Bray Mut, dass auch sie mit Würde alt werden könnten und nicht in einem der nach Pisse riechenden Altersheime oder im Hospiz von Dun Laoghaire landen würden. Trotz seiner Altersschwäche lebte Dan Sean noch immer allein, ohne Sauerstoffgerät, dementes Gebrabbel oder Rollstuhl. Und er unternahm nach wie vor jedes Jahr eine Pilgerfahrt zu unterschiedlichen katholischen Wallfahrtsorten: nach Knoke und zum Croagh Patrick, aber auch zu so weit entfernten Zielen wie Israel und Medjugorje. Auf Anraten seines Arztes hatte Dan Sean mit fünfundneunzig zähneknirschend das Rauchen aufgegeben. Doch aufs Trinken zu verzichten, lehnte er kategorisch ab.

Dan Seans einziges Kind, eine Tochter, war vor mehr als fünfzig Jahren an Tuberkulose gestorben. Fünf Jahre danach ging seine Frau hinaus zum Stall, um die Kühe zu tränken, wurde von ihrem Bullen umgerannt und zu Tode getrampelt. Das folgende halbe Jahrhundert über hatte Dan Sean ganz allein oben auf dem Hügel gelebt. Vor Kurzem waren Mike und seine Frau, die beide fast siebzig waren, an dessen Fuß gezogen und kümmerten sich um ihn.

Alles an dieser altmodischen Tragödie – mordlustige Bullen, tuberkulöse Kinder – war Maggie vollkommen fremd. Ihr kam es absurd vor, dass sie im Jahr 1993 einen Mann kennenlernen konnte, dessen Vergangenheit sich wie ein Roman von Charles Dickens las. Der als Achtzehnjähriger nach Cobh geritten war, um den Leuten an Deck der Titanic