Verlag: Droemer eBook Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Das Kartell - Don Winslow

Der Spiegel-Bestseller "Das Kartell", die Fortsetzung des internationalen Bestsellers "Tage der Toten" des Thriller-Autors Don Winslow, ist ein monumentales Epos über den mexikanisch-amerikanischen Drogenkrieg. Es ist das Jahr 2004: Sie waren mal beste Freunde. Aber das ist viele Jahre und unzählige Auftragsmorde her. Der Drogenfahnder Art Keller tritt nun an, um Adán Barrera, dem mächtigen Drogenboss in Mexiko, für immer das Handwerk zu legen. Er begibt sich auf eine atemlose Jagd und in einen entfesselten Krieg zwischen CIA, DEA und Narcos, in dem die Grenzen zwischen Gut und Böse schon längst verschwunden sind. Eine wahrhaft erschütternde, genau recherchierte Geschichte über die mexikanisch-amerikanischen Drogenkriege, über Gier und Korruption, Rache und Gerechtigkeit, Heldenmut und Hinterhältigkeit. "Der beste Roman von Don Winslow. Hochspannend, brutal, ungeheuer atmosphärisch, bis ins letzte Detail durchgeplant." James Ellroy

Meinungen über das E-Book Das Kartell - Don Winslow

E-Book-Leseprobe Das Kartell - Don Winslow

Don Winslow

Das Kartell

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Chris Hirte

Knaur e-books

Über dieses Buch

Als Don Winslows Meisterwerk gilt der monumentale Roman »Tage der Toten« über den Drogenkrieg in Mexiko, für den Winslow sechs Jahre lang intensiv recherchierte und international ausgezeichnet wurde, u.a. 2011 mit dem Deutschen Krimi Preis.

Winslows gründliche Recherche und sein ungeheures Gespür für Details verleihen der Geschichte Gewicht und Unmittelbarkeit. Die komplexe Handlung, die gut durchdachten Figuren, sein auf das Nötigste reduzierter Stil sowie der Bezug zur wahren Geschichte des Drogenkriegs, machen »Tage der Toten« zu einem ebenso mitreißenden wie erschütternden Thriller.

 

Inhaltsübersicht

MottoWidmungDepartamento Petén, GuatemalaTeil I1. Der BienenvaterAbiquiu, New MexicoBundesgefängnis San Diego, KalifornienAbiquiu, New MexicoBundesgefängnis San DiegoMatamoros, Tamaulipas2. GefängnisweihnachtWheeling, West VirginiaPuente GrandeErie, Pennsylvania3. MenschenjagdLos Elijos, DurangoLa Tuna, SinaloaTeil II1. Der Teufel ist totNuevo Laredo, TamaulipasCanelas, Sinaloa2. Los NegrosNuevo Laredo, Tamaulipas3. Die zwei LaredosNuevo Laredo, TamaulipasSanta Marta, KolumbienMexico City4. Jesus the KidLaredo, TexasLa Tuna, SinaloaMorelia, Michoacán5. Narco PoloMexico CityTeil III1. Gente Nueva – Die neuen LeuteMexico CitySinaloa2. JournalistenCiudad Juárez3. Jolly Coppers on ParadeMexico City4. Das TalTal von JuárezMexico CityTeil IV1. FrauensacheCiudad Juárez2. Was wollt ihr von uns?Ciudad JuárezLa Tuna, SinaloaCiudad JuárezVictoria, TamaulipasCiudad Juárez3. An jedem MorgenAcapulcoSan Fernando, TamaulipasGuadelupe, ChihuahuaTeil V1. DschihadNuevo Laredo, TamaulipasSinaloa2. Plaza del PeriodistaCiudad Juárez3. Die SäuberungSan Diego, KalifornienPetén, GuatemalaEpilog: JuárezCiudad JuárezDanksagung
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Und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich, und wer kann wider es streiten?

Offenbarung I, 13:4

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Dieses Buch ist gewidmet

Alberto Torres Villegas, Roberto Javier Mora García, Evaristo Ortega Zárate, Francisco Javier Ortiz Franco, Francisco Arratia Saldierna, Leodegario Aguilera Lucas, Gregorio Rodríguez Hernández, Alfredo Jiménez Mota, Raúl Gibb Guerrero, Dolores Guadalupe García Escamilla, José Reyes Brambila, Hugo Barragán Ortiz, Julio César Martínez Pérez, José Valdés, Jaime Arturo Olvera Bravo, Ramiro Téllez Contreras, Rosendo Pardo Ozuna, Rafael Ortiz Martínez, Enrique Perea Quintanilla, Bradley Will, Misael Tamayo Hernández, José Manuel Nava Sánchez, José Antonio García Apac, Roberto Marcos García, Alfonso Sánchez Guzmán, Raúl Marcial Pérez, Gerardo Guevara Domínguez, Rodolfo Rincón Taracena, Amado Ramírez Dillanes, Saúl Noé Martínez Ortega, Gabriel González Rivera, Óscar Rivera Inzunza, Mateo Cortés Martínez, Agustín López Nolasco, Flor Vásquez López, Gastón Alonso Acosta Toscano, Gerardo Israel García Pimentel, Juan Pablo Solís, Claudia Rodríguez Llera, Francisco Ortiz Monroy, Bonifacio Cruz Santiago, Alfonso Cruz Cruz, Mauricio Estrada Zamora, Luis Villanueva Berrones, Teresa Bautista Merino, Felicitas Martínez Sánchez, Candelario Pérez Pérez, Alejandro Zenón Fonseca Estrada, Francisco Javier Salas, David García Monroy, Miguel Ángel Villagómez Valle, Armando Rodríguez Carreón, Raúl Martínez López, Jean Paul Ibarra Ramírez, Luis Daniel Méndez Hernández, Juan Carlos Hernández Mundo, Carlos Ortega Samper, Eliseo Barrón Hernández, Martín Javier Miranda Avilés, Ernesto Montañez Valdivia, Juan Daniel Martínez Gil, Jaime Omar Gándara Sanmartín, Norberto Miranda Madrid, Gerardo Esparza Mata, Fabián Ramírez López, José Vladimir Antuna García, María Esther Aguilar Cansimbe, José Emilio Galindo Robles, José Alberto Velázquez López, José Luis Romero, Valentín Valdés Espinosa, Jorge Ochoa Martínez, Miguel Ángel Domínguez Zamora, Pedro Argüello, David Silva, Jorge Rábago Valdez, Evaristo Pacheco Solís, Ramón Ángeles Zalpa, Enrique Villicaña Palomares, María Isabella Cordero, Gamaliel López Candanosa, Gerardo Paredes Pérez, Miguel Ángel Bueno Méndez, Juan Francisco Rodríguez Ríos, María Elvira Hernández Galeana, Hugo Alfredo Olivera Cartas, Marco Aurelio Martínez Tijerina, Guillermo Alcaraz Trejo, Marcelo Tenorio Ocampo, Luis Carlos Santiago Orozco, Selene Hernández León, Carlos Alberto Guajardo Romero, Rodolfo Ochoa Moreno, Luis Emmanuel Ruiz Carrillo, José Luis Cerda Meléndez, Juan Roberto Gómez Meléndez, Noel López Olguín, Marco Antonio López Ortiz, Pablo Ruelas Barraza, Miguel Ángel López Velasco, Misael López Solana, Ángel Castillo Corona, Yolanda Ordaz de la Cruz, Ana María Marcela Yarce Viveros, Rocío González Trápaga, Manuel Gabriel Fonseca Hernández, María Elizabeth Macías Castro, Humberto Millán Salazar, Hugo César Muruato Flores, Raúl Régulo Quirino Garza, Héctor Javier Salinas Aguirre, Javier Moya Muñoz, Regina Martínez Pérez, Gabriel Huge Córdova, Guillermo Luna Varela, Estebán Rodríguez, Ana Irasema Becerra Jiménez, René Orta Salgado, Marco Antonio Ávila García, Zane Plemmons, Víctor Manuel Báez Chino, Federico Manuel García Contreras, Miguel Morales Estrada, Mario A. Segura, Ernesto Araujo Cano, José Antonio Aguilar Mota, Arturo Barajas López, Ramón Abel López Aguilar, Adela Jazmín Alcarez López, Adrián Silva Moreno, David Araujo Arévalo –

 

Journalisten, die in jenen Jahren in Mexiko ermordet wurden oder »verschwanden«. Die Liste ist unvollständig.

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Departamento Petén, Guatemala

1. November 2012

Keller hört ein Baby schreien.

Oder er glaubt es zu hören, während sein Hubschrauber mit gedrosselten Rotoren über die Bäume des Dschungeldorfs fliegt.

Das Baby, falls es eins ist, schreit laut und schrill – vor Hunger, Angst oder Schmerz.

Oder aus Einsamkeit – es ist die Stunde vor dem Morgengrauen, wenn Träume zu Alpträumen werden und die Geister der Unterwelt auf Beute gehen, weil ihre Opfer jetzt einsam und hilflos sind.

Das Schreien endet abrupt. Vielleicht hat die Mutter das Kind in die Arme genommen – falls es eins ist. Jedenfalls ist es eine Erinnerung, dass dort unten Zivilisten sind, Frauen und Kinder, sicher auch einige Alte, und dass diesen Menschen jetzt Unheil droht.

Die Männer im Hubschrauber prüfen die Magazine ihrer M4-Karabiner und sehen nach, ob die Reservemagazine festsitzen. Ihre Gesichter unter den Gefechtshelmen mit Nachtsichtgerät und Knochenhörer sind geschwärzt. Sie tragen keramikverstärkte Schusswesten und Cargohosen in Tarnfarben mit großen Taschen, in denen Tuben mit Energy Gel stecken, laminierte Satellitenfotos vom Dorf, Kompressen – falls es Verletzte gibt.

Ein Tötungskommando auf ausländischem Territorium, so was kann leicht schiefgehen.

Die Männer haben den typischen Tunnelblick erfahrener Söldner vor dem Einsatz. Der Zwanzig-Mann-Trupp ist aufgeteilt auf zwei MH60 Blackhawks, die meisten waren früher Seals, Green Berets oder bei der Delta Force – alles Elitesöldner mit Kampferfahrungen in Irak, Afghanistan, Pakistan, Somalia.

Technisch betrachtet sind sie Privatsöldner. Dass sie für irgendeine Sicherheitsfirma aus Virginia arbeiten, ist nur eine Tarnung, die sofort auffliegt, wenn dieser Einsatz hier in die Hose geht.

Gleich werden sie sich abseilen, direkt in der Kampfzone. Trotz Überrumpelungstaktik wird es ein Gefecht geben, die Krieger der Narcos geben alles für ihre Bosse, auch ihr Leben. Meist sind sie bestens bewaffnet, mit Kalaschnikows, Bazookas, Handgranaten, und sie wissen, wie man damit umgeht. Diese Sicarios sind nicht einfach nur Ganoven, sondern ebenfalls Elitesöldner – ausgebildet in den USA, in Fort Benning und anderswo. Gut möglich, dass da unten Leute auf sie schießen werden, die sie einmal ausgebildet haben.

Es wird Tote geben, so viel ist sicher.

Das gehört dazu, denkt Keller.

Heute ist der Tag der Toten.

Jetzt ein neues Geräusch – das Knattern von leichtem Gewehrfeuer. In der Dunkelheit unter ihnen blitzt Mündungsfeuer auf.

Ein Feuergefecht im Dorf, schon vor der Landung. Gebrüll, Kommandos, Schreie von Verwundeten.

Das ist schlecht. So war es nicht geplant. Die Überrumpelungstaktik ist gescheitert.

Jetzt steigt ein grellroter Streifen aus dem Dunkel.

Ein lauter Knall, ein Lichtblitz, der Hubschrauber wird zur Seite geschleudert wie ein von der Keule getroffener Spielzeugflieger. Granatsplitter schwirren, Kabel sprühen Funken, der Hubschrauber brennt.

Rote Flammen und dicker Rauch füllen die Kabine.

Der Gestank von versengtem Metall und verbranntem Fleisch.

Aus der geplatzten Halsschlagader eines Mannes spritzt Blut im Rhythmus seines rasenden Pulses. Ein anderer kippt vom Sitz, mit einem Granatsplitter im Bauch, der obszön in die Höhe ragt, direkt unter seiner Schussweste, und der Sanitäter arbeitet sich nach vorn, um zu helfen.

Jetzt schreien erwachsene Männer – ein Gebrüll, gemischt aus Angst, Schmerz und Wut, während Leuchtspuren von unten aufsteigen und auf den Rumpf einprasseln wie ein Platzregen.

In irren Spiralen trudelt der Hubschrauber nach unten.

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Teil I

Zeit zum Aufstehen

Denn die Stunde ist da, aufzustehen vom Schlaf.

Römer, 13:11

1.Der Bienenvater

Wir meinen, wir können Honig machen, ohne das Schicksal der Bienen zu teilen.

Muriel Barbery, Die Eleganz des Igels

Abiquiu, New Mexico

2004

Eine Stunde vor Hellwerden läutet die Glocke.

Der Bienenvater, erlöst von seinem Alptraum, steht auf.

Seine enge Zelle besteht nur aus Bett, Tisch und Stuhl. Das Fensterchen in der Lehmmauer blickt auf einen Kiesweg, der zur Kapelle hinaufführt und bei Mondlicht silbern leuchtet.

So ein Morgen in der Wüste ist höllisch kalt. Der Bienenvater zieht sein braunes Wollhemd an, Khakihose, dicke Socken, Arbeitsschuhe. Im Waschraum am anderen Ende des Flurs putzt er sich die Zähne, rasiert er sich mit kaltem Wasser, dann folgt er den anderen Mönchen in die Kapelle.

Niemand spricht.

Bis auf Gesang, Gebet und die nötigen Absprachen bei der Arbeit herrscht Schweigen im Monastery of Christ in the Desert.

Die Mönche leben gemäß Psalm 46: »Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin.«

Dem Bienenvater ist es recht. Er hat genug gehört.

Das meiste war gelogen.

In seiner früheren Welt hat jeder gelogen, gewohnheitsmäßig, auch er selbst. Schon um morgens aufzustehen, musste man sich selbst belügen. Und dann die Mitmenschen, um über den Tag zu kommen.

Jetzt sucht er die Wahrheit im Schweigen.

Auch Gott sucht er im Schweigen, denn inzwischen glaubt er, dass Gott und die Wahrheit ein und dasselbe sind.

Als er hier anklopfte, fragten die Mönche nicht, wer er war oder woher er kam. Sie sahen einen Mann mit traurigen Augen, dessen Haar noch schwarz war, aber von weißen Strähnen durchzogen, dessen Boxerschultern schon ein wenig gebeugt waren, aber noch kräftig. Er sagte, er suche die Stille, und Bruder Gregory, der Abt, erwiderte ihm, dass es bei ihnen nur eins im Überfluss gebe, und das sei Stille.

Der Mann zahlte für sein kleines Zimmer in bar, und anfangs verbrachte er seine Tage damit, durch die Wüste zu streifen, durch Ocotillo-Sträucher und Salbei, bis hinab zum Chama River oder hinauf auf den Berggipfel. Irgendwann fand er den Weg in die Kapelle und kniete ganz hinten, während die Mönche ihre Messe zelebrierten.

Eines Tages führte ihn sein Weg zur Imkerei – nahe am Fluss, weil Bienen Wasser brauchen –, und er sah Bruder David bei der Pflege der Bienenstöcke zu. Weil Bruder David, der fast achtzig war, beim Auswechseln der Rahmen Hilfe brauchte, ging ihm der Neue zur Hand. Fortan kam er jeden Tag und lernte das Imkerhandwerk, und als Bruder David einige Monate später meinte, es sei an der Zeit, in den Ruhestand zu treten, schlug er dem Abt vor, dem Novizen die Imkerei zu übergeben.

»Einem Laien?«, fragte Bruder Gregory.

»Er hat ein Händchen für Bienen«, sagte Bruder David.

Der Neue verrichtete seine Arbeit still und gut. Er hielt sich an die Regeln, kam zum Gebet und wurde der beste Bienenvater, den sie je hatten. Unter seiner Obhut produzierten die Bienen Honig der Spitzenklasse, den das Kloster auch heute noch für die hauseigene Biersorte verarbeitet, an Touristen verkauft und über das Internet vertreibt.

Mit geschäftlichen Dingen wollte der Bienenvater nichts zu tun haben. Auch wollte er nicht für die zahlenden Gäste arbeiten oder in der Küche oder im Souvenirshop. Nur für die Bienen wollte er sorgen.

Sie ließen ihm seinen Willen, und seit mehr als einem Jahr lebte er jetzt schon bei ihnen. Sie kannten nicht mal seinen Namen. Er war einfach »der Bienenvater«. Die Latinomönche nannten ihn El colmenero. Und als er das erste Mal mit ihnen sprach, staunten sie sehr, dass er fließend Spanisch konnte.

Die Mönche natürlich redeten über ihn – bei den kurzen Unterhaltungen, die ihnen erlaubt waren. Der Bienenvater sei ein flüchtiger Verbrecher, mutmaßten die einen, ein Gangster, ein Bankräuber. Nein, meinten die anderen, er sei aus einer unglücklichen Ehe geflohen, einer tragischen Affäre. Andere wieder behaupteten, er sei ein Spion.

Nach dem Vorfall mit dem Kaninchen gewann diese letztere Behauptung merklich an Befürwortern.

Zum Kloster gehörte ein großer Gemüsegarten, von dem die Mönche lebten. Wie die meisten Gärten lockte auch er Schädlinge an, und dort wilderte ein Kaninchen, das alle Anstrengungen der Gärtner zunichtemachte. Nach einer sehr kontrovers geführten Debatte erteilte Bruder Gregory die Erlaubnis zur Exekution des Kaninchens, ja, er beharrte sogar auf ihr.

Bruder Carlos, mit dieser Aufgabe betraut, stand vor dem Garten und kämpfte mit der Pistole und mit seinem Gewissen, während die anderen Mönche wie gebannt zuschauten. Er versuchte abzudrücken, doch seine Hand zitterte, und seine Augen füllten sich mit Tränen.

Just in dem Moment kam El colmenero von der Imkerei zurück. Noch im Gehen nahm er Bruder Carlos die Luftdruckpistole aus der Hand und schoss, scheinbar ohne zu zielen oder auch nur hinzusehen. Die Kugel traf das Kaninchen ins Gehirn, tötete es auf der Stelle. Der Bienenvater reichte die Pistole zurück und ging weiter.

Nach diesem Vorfall hieß es, er sei ein Geheimagent gewesen, eine Art James Bond. Bruder Gregory machte dem sündigen Geschwätz ein Ende.

»Er ist auf der Suche nach Gott«, sagte er. »Und weiter nichts.«

Jetzt also geht der Bienenvater zur Frühmesse, die Punkt vier Uhr beginnt.

Die Kapelle besteht aus einfachen Lehmziegeln, die Steine der Grundmauern sind aus den roten Felsen am Südrand des Klosters gehauen, das Holzkreuz über dem Portal ist von der Sonne gebleicht, drinnen über dem Altar hängt das einzige Kruzifix.

Der Bienenvater tritt ein und kniet nieder.

In seiner Jugend war er strenger Katholik, der täglich die Messe besuchte, dann fiel er vom Glauben ab. Er fühlte sich so fern von Gott, dass der Glauben seinen Sinn verlor. Jetzt singt er mit den Mönchen den 51. Psalm, auf Lateinisch: »Domine labia mea aperies et os meum adnuntiabit laudem tuam« – »Herr, tu meine Lippen auf, dass mein Mund dein Lob verkünde.«

Die Gesänge versetzen ihn in eine Art Trance, und er ist jedes Mal überrascht, wenn die Stunde vorüber ist und sich die Mönche ins Refektorium begeben, um das immer gleiche Frühstück einzunehmen: Haferbrei, Weizentoast und Tee. Dann geht es weiter mit Gebeten und Lobgesängen, während die Sonne über den Bergen aufsteigt.

Inzwischen liebt er diesen Ort, besonders am Morgen, wenn die zarten Sonnenstrahlen auf die Lehmmauern fallen und den Chama River in glitzerndes Gold verwandeln. Er genießt die Wärme dieser ersten Strahlen, während der Kies unter seinen Füßen knirscht und die Kakteen in der Dämmerung Gestalt annehmen.

Ein einfaches Leben im Frieden, mehr will er nicht.

Und braucht er nicht.

In seinem Ablauf gleicht ein Tag dem anderen. Vigilium von vier bis fünf Uhr fünfzehn, danach Frühstück, dann Laudes von sechs bis neun, Arbeiten von neun bis zwölf Uhr vierzig, danach ein kurzes, einfaches Mahl und Weiterarbeit bis zur Vesper um siebzehn Uhr fünfzig. Um achtzehn Uhr zwanzig nehmen die Mönche ein leichtes Abendessen zu sich, sie beschließen den Tag mit dem Abendgebet um neunzehn Uhr dreißig und gehen danach zu Bett.

Der Bienenvater liebt die Disziplin und die Wiederkehr des Immergleichen, die langen Stunden stiller Arbeit und die noch längeren Stunden des Gebets. Besonders die Morgenandacht und die gesungenen Psalmen.

Nach den Laudes geht er hinab zur Imkerei.

Seine Bienen – apis mellifera, europäische Honigbienen – schwärmen mit den ersten wärmenden Sonnenstrahlen aus. Sie sind Einwanderer: Ursprünglich aus Nordafrika stammend, wurden sie im 17. Jahrhundert von spanischen Kolonisten nach Amerika gebracht. Ihr Leben ist kurz – eine Arbeiterin hält ein paar Wochen durch, bestenfalls ein paar Monate; eine Königin regiert drei bis vier Jahre, manchmal auch acht. Der Bienenvater hat sich an den Schwund gewöhnt – ein Prozent seines Bestandes stirbt jeden Tag, was bedeutet, dass sich die Population der Bienenstöcke alle vier Monate erneuert.

Aber das ist nicht tragisch.

Das Bienenvolk ist ein Superorganismus, der aus vielen Organismen besteht.

Das Individuum zählt nicht.

Wichtig ist das Überleben des Bienenvolks und die Honigproduktion.

Die zwanzig Magazinbeuten sind aus rotem Zedernholz gefertigt und mit rechteckigen Rahmen bestückt. Der Bienenvater öffnet die Abdeckung eines Kastens, sieht, dass er voller Waben ist, und verschließt ihn behutsam, um die Bienen nicht zu stören.

Er schaut nach der Tränke und sorgt für frisches Wasser.

Dann öffnet er das unterste Fach, nimmt die 9 mm Sig Sauer heraus und prüft das Magazin.

Bundesgefängnis San Diego, Kalifornien

2004

Der Gefängnisalltag fängt früh an.

Punkt sechs wird Adán Barrera durch das automatische Signalhorn geweckt, und wenn er nicht in Schutzhaft säße, würde er mit den anderen Häftlingen um sechs Uhr fünfzehn zum Frühstück in die Kantine gehen. So aber schiebt ihm die Wache eine Schüssel mit Cornflakes und eine Plastiktasse mit dünnem Orangensaft durch die Luke. Seine Zelle ist ein zwei mal vier Meter großer Kasten in einem Spezialtrakt, der sich im Dachgeschoss des Bundesgefängnisses San Diego befindet. Seit einem Jahr verbringt Adán Barrera in diesem Kasten dreiundzwanzig Stunden seines Tages. Ein Fenster gibt es nicht hier oben, aber wenn, könnte er die braunen Hügel von Tijuana sehen, wo er einmal regiert hat wie ein König. Die Stadt liegt gleich hinter der Grenze, nur ein paar Meilen entfernt, und gehört doch zu einem anderen Universum.

Barrera ist ganz froh, dass er nicht mit den anderen Häftlingen in die Kantine muss. Sie reden nur Blech, aber sie sind eine ernsthafte Bedrohung. Es gibt zu viele, die ihn tot sehen wollen – in Tijuana, in ganz Mexiko und auch hier in den Staaten.

Die einen aus Rache, die anderen aus Angst.

Adán Barrera sieht keineswegs furchterregend aus. Er ist gerade mal einen Meter achtundsechzig groß, ziemlich schmal und wirkt immer noch jungenhaft, was gut zu seinen sanften braunen Augen passt. Das ideale Opfer für Vergewaltiger, säße er nicht in Schutzhaft. Daher kann sich keiner vorstellen, dass er Hunderte von Morden befohlen hat, dass er einst Multimilliardär war, mächtiger als manches Staatsoberhaupt.

Vor seinem Absturz hatte man ihn El señor de los cielos genannt – den »Herrn der Lüfte«, er war der mächtigste Drogenboss der Welt gewesen, der Mann, der die mexikanischen Drogenkartelle unter seiner Führung vereinte, Tausende Untertanen befehligte, Politik und Wirtschaft beeinflusste, zahllose Häuser und Fincas und eine kleine Luftflotte besaß.

Jetzt darf er über maximal zweihundertneunzig Dollar pro Monat verfügen, um Rasiercreme, Coca-Cola und Instantnudeln zu kaufen. Er hat eine Decke, zwei Laken und ein Handtuch. Statt seiner Maßanzüge trägt er einen orangeroten Overall, ein weißes T-Shirt und lachhafte Gummilatschen, genannt Crocs. Er nennt zwei Paar weiße Socken und zwei Unterhosen sein Eigen. Er hockt allein in seiner Zelle, bekommt den Knastfraß auf einem Tablett durchgeschoben und wartet auf den Schauprozess, der ihn für den Rest seines Lebens in einer anderen Gefängnishölle versenken wird.

Eigentlich für mehrere Leben, um genau zu sein, da er nach den Sondergesetzen für Drogenbosse mit mehrfach »lebenslänglich« rechnen muss. Die amerikanischen Ankläger haben versucht, ihn »umzudrehen«, zum Informanten zu machen, aber vergebens. Der Informant oder Verräter oder Spion ist die niederste Kreatur auf Erden, die es nicht verdient, am Leben zu bleiben. Barrera würde lieber sterben oder als lebender Toter dahinvegetieren, als zu so einer Kreatur zu werden.

Jetzt ist er dreiundvierzig Jahre alt. Im günstigsten Fall, der sehr unwahrscheinlich ist, bekommt er dreißig Jahre. Die Prozessvorbereitungen ziehen sich schon ewig hin. Doch selbst bei angerechneter Untersuchungshaft ist er dann über siebzig, bevor er das Gefängnis als freier Mann verlassen darf.

Viel wahrscheinlicher ist, dass er in einer Kiste hinausgetragen wird.

Nach dem Frühstück putzt er seine Zelle für die Inspektion um sieben Uhr dreißig. Da er ein ordnungsliebender und reinlicher Mensch ist, sorgt er schon von sich aus für Sauberkeit – eine seiner wenigen Freuden.

Um acht beginnt der Morgenappell, der etwa eine Stunde dauert, dann passiert nichts bis zehn Uhr dreißig, wenn der Lunch – ein Sandwich und etwas Apfelsaft – durchgeschoben wird. Darauf folgt »Freizeitbeschäftigung«, die er mit Lesen oder einem Nickerchen ausfüllt, bis zum nächsten Appell um zwölf. Nach dreieinhalb Stunden Langeweile kommt um sechzehn Uhr der dritte Apell. Dann das Dinner – undefinierbares Fleisch mit Kartoffeln oder Reis und etwas zerkochtem Gemüse – und weitere Freizeit bis zum Abendappell um einundzwanzig Uhr fünfzehn. Um zweiundzwanzig Uhr dreißig wird das Licht ausgemacht.

Für eine Stunde pro Tag – die Zeiten wechseln wegen der Anschlagsgefahr – führen ihn die Wachen in Handschellen zu einem Drahtverhau auf dem Dach, wo er frische Luft schnappen und »spazieren gehen« kann. Jeden dritten Tag darf er für zehn Minuten unter die Dusche, die manchmal lauwarm, meistens kalt ist. Ab und zu wird er in die kleine Besuchszelle gebracht und kann mit seinem Anwalt sprechen.

Er sitzt in seiner Zelle, füllt ein Bestellformular aus – ein Sixpack Mineralwasser, Instantnudeln, Haferkekse –, als die Wache aufschließt: »Anwaltsbesuch.«

»Das glaube ich nicht«, sagt Barrera und steht auf. »Ich habe keinen bestellt.«

Der Wachmann zuckt die Schulter, er führt nur Befehle aus.

Barrera stützt die Hände gegen die Wand, während ihm der Wachmann Fußfesseln anlegt. Eine sinnlose Demütigung, denkt er, aber genau das soll sie wohl sein. Der Wachmann führt ihn zum Lift und fährt mit ihm in die vierte Etage hinunter, wo er eine Tür aufschließt und ihn in die Besuchszelle einlässt. Er löst die Fußfesseln, aber kettet ihn an den Stuhl, der am Fußboden festgeschraubt ist. Barreras Anwalt hat hinter dem Tisch Aufstellung genommen. Ein Blick auf Ben Tompkins, und Barrera weiß, dass etwas passiert ist.

»Es ist Gloria«, sagt Tompkins.

Barrera ahnt, was jetzt kommt.

Seine Tochter ist tot.

Gloria war mit einem zystischen Lymphangiom zur Welt gekommen, einer Krankheit, die zu schrecklichen Deformationen an Kopf, Gesicht und Hals führt und tödlich endet. All seine Macht, all seine Milliarden hatten es nicht vermocht, seiner Tochter ein normales Leben zu ermöglichen.

Vor etwa einem Jahr hatte sich Glorias Zustand verschlechtert. Mit Barreras Zustimmung fuhr Lucia, seine damalige Frau, die amerikanische Staatsbürgerin war, mit der siebenjährigen Gloria nach San Diego und ließ sie in der Scripps-Klinik behandeln, die über die weltbesten Spezialisten verfügt. Einen Monat später rief ihn Lucia in seinem mexikanischen Refugium an. »Du musst sofort kommen«, sagte sie. »Die Ärzte geben ihr nur noch ein paar Tage oder Stunden.«

Barrera ließ sich über die Grenze schmuggeln wie eine Ladung Kokain, in einem eigens präparierten Kofferraum.

Art Keller erwartete ihn auf dem Parkplatz der Klinik.

»Meine Tochter«, sagte Barrera.

»Es geht ihr gut«, sagte der DEA-Agent Arthur Keller, rammte ihm eine Kanüle in den Hals, und es wurde dunkel um ihn.

 

Einst waren sie Freunde, er und Art Keller.

Unglaublich, aber wahr.

Doch das war in einem anderen Leben, in einer anderen Welt.

Da war Adán Barrera neunzehn Jahre alt, studierte Rechnungswesen, war nebenher Boxveranstalter (was man in seiner Jugend nicht alles tut!) und dachte nicht im Traum daran, bei seinem Onkel einzusteigen – ins Drogengeschäft nämlich, das damals auf den Mohnfeldern von Sinaloa florierte.

Dann kamen die Amerikaner und mit ihnen Art Keller – voller Idealismus und Ehrgeiz und dem festen Vorsatz, den Drogenhandel zu bekämpfen. Art Keller erschien in dem Boxclub, den Adán Barrera mit seinem Bruder Raúl managte, wärmte sich ein paar Runden auf, und sie wurden Freunde. Adán führte ihn bei seinem Onkel ein – Miguel Ángel »Tío« Barrera –, damals der oberste Polizeioffizier der Provinz Sinaloa und ihr zweitwichtigster gomero – oder Opiumproduzent.

Keller war damals so naiv und arglos gewesen (eine typische Eigenart der Amerikaner, die sie zur Gefahr für sich und andere werden lässt), dass er nichts von Tíos Doppelexistenz ahnte.

Und Tío benutzte ihn. Ja, Adán Barrera muss offen zugeben, dass Tío den Amerikaner zu seiner Marionette machte, dass er Art Keller und seine amerikanische Streitmacht dazu benutzte, seinen ärgsten Konkurrenten auszuschalten und ihm, Tío, den Weg an die Spitze frei zu machen.

Das konnte Keller den Barreras nicht verzeihen – diesen Missbrauch seines Vertrauens und seiner Ideale.

Missbrauchst du das Vertrauen deines Freundes, wird er dein bitterster Feind – für immer und ewig.

Und jetzt schon seit etwa dreißig Jahren.

Dreißig Jahre Krieg – und zahllose Tote auf beiden Seiten.

Auch Barreras Familie hat es getroffen.

Den Onkel.

Den Bruder.

Jetzt seine Tochter.

Auch ihren Tod lastet er Keller an.

Die Beerdigung findet in San Diego statt.

»Ich werde dabei sein«, sagt Barrera zu Tompkins.

»Adán, das ist unmöglich!«

»Machen Sie es möglich.«

 

Tompkins, auch »Minimum Ben« genannt, wendet sich darauf an Bundesanwalt Bob Gibson, der sich damit brüstet, als »harter Hund« verschrien zu sein.

Den Spitznamen »Minimum Ben« verdankt Tompkins seinen Erfolgen als »Drogenanwalt«. Er versucht gar nicht erst, seine Klienten herauszuboxen, weil das meist aussichtslos ist, sondern macht eine Kunst daraus, das Strafmaß so weit wie möglich zu drücken.

»Ich bin eine Art Lohndrücker«, hat er einmal einem Journalisten erklärt. »Ich sorge dafür, dass meine Klienten weniger kriegen, als sie verdienen.«

Jetzt also geht Minimum Ben mit Adáns Anliegen zu Gibson.

»Kommt gar nicht in Frage«, sagt Gibson, der sich ärgert, dass man ihn nicht »Maximum Bob« nennt – und ein bisschen Neid ist auch dabei, denn Tompkins verdient bedeutend besser als er. Und rechnet man hinzu, dass Tompkins mit seiner Silbertolle und seiner Surferbräune verdammt gut aussieht, eine Strandvilla in Del Mar besitzt und ein Büro mit Ozeanblick in Cardiff, wird verständlich, warum Minimum Ben den bediensteten und schlecht besoldeten Juristen ein Dorn im Auge ist.

»Himmelherrgott! Der Mann will seine Tochter begraben!«, sagt Tompkins.

»Der Mann«, erwidert Gibson, »ist die weltweite Nummer eins des Drogengeschäfts.«

»Unschuldsvermutung«, kontert Tompkins. »Bis jetzt ist er nicht verurteilt.«

Gibson wechselt die Taktik. »Wenn ich mich recht entsinne, war Barrera bei den Kindermorden, die er auf dem Gewissen hat, weit weniger sentimental.«

Zwei kleine Kinder seiner Gegenspieler, von einer Brücke geworfen.

»Weibergeschwätz und haltlose Gerüchte«, sagt Tompkins, »ausgestreut von seinen Feinden. Das ist doch nicht Ihr Ernst!«

»So ernst wie ein Anruf nach Mitternacht«, sagt Gibson und lehnt den Antrag ab.

Tompkins fährt zum Rapport ins Gefängnis zurück. »Ich klage das bei einem Richter ein, wir kriegen das durch. Wir bieten an, die Bewachung durch die Bundespolizei zu bezahlen, die Kosten für die Sicherheitsvorkehrungen …«

»Dafür ist es zu spät«, sagt Barrera. »Die Beerdigung ist am Sonntag.«

Es ist Freitagnachmittag.

»Ich kann das heute Abend einem Richter vortragen. Johnnie Hoffman würde eine Anordnung herausgeben –«

»Zu riskant«, sagt Barrera. »Sagen Sie ihnen, ich packe aus.«

»Waas?«

»Wenn ich an Glorias Beerdigung teilnehmen kann«, sagt Barrera, »erzähle ich ihnen alles, was sie hören wollen.«

Tompkins wird bleich. Dass seine Klienten »plaudern«, um ihre Strafe zu mindern, ist zwar übliche Praxis, aber dann sind die Informationen, die sie preisgeben, sorgsam mit den Kartellen abgestimmt, damit sich der Schaden in Grenzen hält.

Das hier ist Barreras Todesurteil, der glatte Selbstmord.

»Adán, tun Sie das nicht«, fleht Tompkins. »Wir schaffen es auch so.«

»Machen Sie den Deal.«

 

Fünfzigtausend rote Rosen schmücken die Sankt-Josephs-Kathedrale im Zentrum von San Diego, nur ein paar Straßen vom Bundesgefängnis entfernt.

Adán hat Tompkins mit den Vorbereitungen beauftragt, das Geld kommt von sauberen Konten in La Jolla. Alle mexikanischen Narcos mit Rang und Namen haben Blumen geschickt – Berge von Gestecken und Kränzen säumen die breite Freitreppe.

DEA-Agenten laufen zwischen den Kränzen herum und notieren eifrig, von wem was kommt. Sie prüfen auch die Herkunft der Hunderttausenden Dollars, die zu Ehren Glorias in eine Stiftung zur Erforschung des zystischen Lymphangioms eingezahlt wurden.

Blumen gibt es mehr als reichlich, doch es fehlt an Trauergästen.

In Mexiko wäre das undenkbar, denkt Barrera. Dort wäre die Kirche voll, und Hunderte würden draußen warten, um ihren Respekt zu erweisen. Doch Barreras Verwandte sind fast alle tot, und die, die noch leben, können nicht in die USA fahren, ohne ihre Verhaftung zu riskieren. Seine Schwester hat ihn angerufen, um zu kondolieren – und bedauert, dass sie nicht kommen kann. Andere – Freunde, Geschäftspartner und Politiker auf beiden Seiten der Grenze – wollen nicht von der DEA fotografiert werden.

Barrera hat Verständnis dafür.

Daher besteht die Trauergemeinde vor allem aus den Ehefrauen der Drogenbosse. Sie besitzen die amerikanische Staatsbürgerschaft, sind bei der DEA bekannt, schicken ihre Kinder in San Diego zur Schule, machen hier ihre Weihnachtseinkäufe, ihre Wellness-Kuren oder Strandferien in den Hotels von La Jolla und Del Mar.

In teures und elegantes Schwarz gekleidet, erklimmen sie jetzt die Stufen zur Kathedrale und streifen die Agenten, die sie fotografieren, mit verächtlichen Blicken. Manche bleiben auch stehen, werfen sich in Positur und sorgen dafür, dass ihr Name richtig geschrieben wird.

Die anderen Trauernden gehören zu Lucias Familie – ihre Eltern, ihre Geschwister, ein paar Cousins, ein paar Freundinnen. Lucia wirkt erschöpft, offenbar niedergedrückt von ihrem Kummer – und geschockt, als sie Adán entdeckt.

Sie hat ihn damals an Keller verraten, damit ihr die Haft erspart blieb und Gloria nicht in staatliche Obhut geriet – alles im Wissen, dass Adán der Mutter seiner Tochter kein Haar krümmen würde.

Aber ohne Gloria gibt es nichts mehr, was ihn an seiner Rache hindern könnte. Er kann sie einfach verschwinden lassen, spurlos, von einem Tag auf den anderen. Als sie ihm einen verängstigten Blick zuwirft, dreht er sich abrupt weg.

Für ihn ist Lucia gestorben.

Barrera sitzt in der dritten Reihe, flankiert von fünf Bundespolizisten, in einem schwarzen Anzug, den ihm Tompkins bei Nordstrom besorgt hat, denn dort hat Barrera seine Maße hinterlegen lassen. Seine Hände stecken in Handschellen, aber wenigstens haben die Cops den Anstand besessen, ihm keine Fußfesseln anzulegen. Er kann also knien, stehen oder sitzen, wie es der Ablauf der Totenmesse verlangt, während die Stimme des Bischofs durch die fast leere Kathedrale hallt.

Nach dem Ende muss Barrera warten, bis die Besucher die Kathedrale verlassen haben. Er darf mit niemandem sprechen außer mit den Beamten und seinem Anwalt. Lucia wirft ihm im Vorübergehen einen Blick zu und senkt schnell den Kopf. Er nimmt sich vor, ihr über Tompkins ausrichten zu lassen, dass sie nichts zu befürchten hat.

Soll sie ihr Leben fristen, denkt er. Finanziell steht sie auf eigenen Füßen. Sie kann das Haus in La Jolla behalten, wenn das Finanzamt keinen Vorwand findet, es ihr wegzunehmen, und damit gut. Eine Frau, die ihn verraten hat, die zudem so dumm war, ihre Rettungsleine zu kappen, muss er nicht unterstützen.

Als sich die Kathedrale geleert hat, wird Barrera von den Beamten zu einer wartenden Limousine geführt und im Fond plaziert. Die Limousine reiht sich hinter Lucias Wagen in die Kolonne ein, die dem Leichenwagen zum El Camino Memorial Park im Sorrentino Valley folgt.

Als der Sarg seiner Tochter hinabgelassen wird, hebt Barrera die gefesselten Hände zum Gebet. Die Beamten sind verständnisvoll, sie erlauben, dass er sich bückt, eine Handvoll Sand greift und auf Glorias Sarg wirft.

Es ist vorbei.

Seine einzige Zukunft ist die Vergangenheit.

Einem Mann, der sein einziges Kind verloren hat, bleibt nur das, was gewesen ist.

Als er sich wieder aufrichtet, flüstert er Tompkins zu: »Zwei Millionen Dollar Cash.«

Für den Mann, der Art Keller tötet.

Abiquiu, New Mexico

2004

Der Bienenvater beobachtet die zwei Männer, die den Kiesweg herunterkommen und auf die Imkerei zusteuern.

Ein Gringo mit silbrig weißem Haar und etwas steifem Gang, wie er sich mit dem Alter einstellt. Aber er bewegt sich mit beruflicher Routine. Der andere ist Latino, braunhäutig und etwas jünger, gelassen und selbstbewusst. Sie halten ein wenig Abstand zueinander, und selbst aus hundert Metern Entfernung sieht er die Ausbeulung ihrer Jacketts. Er zieht sich hinter die Bienenstöcke zurück, holt die Sig Sauer aus dem Versteck und lädt durch. Das Bachbett als Deckung benutzend, steigt er hinab zum Fluss.

Er will niemanden töten, wenn es nicht sein muss, und wenn doch, soll es nicht im Kloster passieren.

Aber das Flussufer wäre ideal.

Der Chama führt Hochwasser – die Leichen, wenn es welche gibt, werden von der Strömung fortgetragen. Er rutscht die schlammige Böschung hinab, dreht sich auf den Bauch und lugt über den Rand. Die zwei Männer gehen vorsichtig auf die Bienenstöcke zu.

Er hofft, dass sie dort stehen bleiben und nichts kaputt machen, ob aus Dummheit oder Bosheit. Aber wenn sie weitergehen, lässt er sie bis auf Schussweite herankommen. Mehr aus Gewohnheit spielt er die Griffe durch, die für den ersten Doppelschuss nötig sind, dann für den zweiten.

Den jungen Kerl zuerst.

Der ältere hat nicht so gute Reflexe.

Aber jetzt gehen die beiden auf Abstand zueinander, verbreitern den Schusswinkel und erschweren ihm die Vierschusstechnik. Sie sind also Profis, wie zu erwarten war. Nun ziehen sie die Waffen und halten sie mit beiden Händen vorgestreckt, exakt nach Reglement.

Der jüngere zeigt mit dem Kinn auf den Boden, der ältere nickt. Sie haben seine Fußspuren entdeckt, die zum Fluss führen. Mehr als fünfzig Meter flachen Abhang mit knöchelhohem Bewuchs auf das Flussufer zugehen, wo ein Schütze aus der Deckung heraus freies Spiel hat?

Das wollen sie nicht.

Der Silberhaarige ruft: »Keller! Art Keller! Hier ist Tim Taylor!«

Taylor war Kellers Vorgesetzter, damals 1975 in Sinaloa. »Operation Condor«. Als sie die Mohnfelder verbrannten und vergifteten. Später unterstand ihm als DEA-Bevollmächtigtem das Operationsgebiet Mexiko – während Keller in Guadalajara aufräumte und zum Superstar wurde. Und Taylor hatte das Nachsehen, als Keller an ihm vorbei Karriere machte.

Müsste der nicht längst pensioniert sein?, denkt Keller jetzt.

Er hält die Sig auf Taylors Brust gerichtet und befiehlt ihm, die Waffe wegzustecken und die Hände hochzunehmen.

Taylor gehorcht, und der jüngere tut desgleichen.

Keller kommt aus der Deckung und geht, die Pistole im Anschlag, auf sie zu. Der Latino hat pechschwarzes Haar, böse schwarze Augen, den aufmüpfigen Blick eines Straßenkinds. Solche Leute rekrutieren sie im Barrio als Agenten, denkt Keller. So wie sie mich rekrutiert haben.

»Du bist vom Radar verschwunden«, sagt Taylor zu Keller. »War schwer, dich zu finden.«

»Was willst du von mir?«, fragt Keller.

»Willst du nicht lieber die Pistole wegstecken?«

»Nein.«

Keller weiß nicht, was Taylor von ihm will und wer ihn schickt. Könnte die DEA sein, könnte die CIA sein.

Aber genauso gut könnte es Barrera sein.

»Okay, dann stehen wir eben hier wie die Idioten mit erhobenen Händen.« Taylor blickt sich um. »Bist du jetzt eine Art Mönch, oder was?«

»Nein.«

»Und das da? Sind das Bienenstöcke?«

»Wenn sich dein Knabe noch einmal zur Seite bewegt, erschieße ich dich zuerst.«

Der Knabe erstarrt in der Bewegung. »Ist mir eine Ehre, Sie zu treffen«, sagt er. »Ich bin Agent Richard Jimenez.«

»Art Keller.«

»Ich weiß«, sagt Jimenez. »Jeder weiß, wer Sie sind. Sie sind der Mann, der Adán Barrera zur Strecke gebracht hat.«

»Alle Barreras«, korrigiert ihn Taylor. »Stimmt doch, Art, oder?«

So ziemlich, denkt Keller. Er hat Ramón Barrera bei einem Schusswechsel am Strand der Baja getötet, er hat Tío Barrera auf einer Brücke in San Diego erschossen. Er hat Adán – den gottverfluchten Adán – hinter Gitter gebracht, aber manchmal bedauert er, dass er nicht auch ihn erledigt hat, als er die Chance dazu hatte.

»Was hast du hier zu suchen?«, fragt Keller.

»Dasselbe wollte ich dich fragen.«

»Ich schulde dir keine Rechenschaft.«

»Wir reden doch nur.«

»Falls du’s nicht bemerkt hast«, sagt Keller, »hier wird nicht viel geredet.«

»Eine Art Schweigegelübde?«

»Kein Gelübde.« Keller ärgert sich, dass ihn Taylor so schnell in das alte Geplänkel verwickelt hat. Er mag das nicht, und er braucht das nicht.

»Können wir irgendwo anders reden?«, fragt Taylor. »Nicht so in der Sonne?«

»Nein.«

Taylor dreht sich zu Jimenez: »Art war schon immer schwierig. Ein richtiger Stiesel – The Lone Ranger. Kommt mit keinem zurecht.«

Das war von Anfang an Taylors Streitpunkt mit Keller gewesen, seit Keller, frisch von der CIA zur neu gegründeten DEA versetzt, auf Taylors Spielwiese erschien – in Sinaloa vor dreißig Jahren. Taylor sah in Keller einen unsicheren Kantonisten, wollte nicht mit ihm arbeiten, ließ auch andere Agenten nicht mit ihm arbeiten und trug so das Seine dazu bei, dass Keller genau das wurde, was man ihm vorwarf – ein Einzelgänger.

Taylor, denkt Keller heute, hat mich den Barreras regelrecht in die Arme getrieben. Ich wusste nicht, wo ich sonst hingehen sollte. Zusammen mit Tío habe ich dann eine Menge gomeros hochgehen lassen. Und sogar Don Pedro Avilés – gomero numero uno – »ausgeschaltet«, was ein Euphemismus für »töten« ist. Dann sprühte die DEA im Verein mit der mexikanischen Armee die Mohnfelder mit Napalm und Agent Orange ein und zerstörte die alte sinaloanische Opiumindustrie.

Und das alles nur, denkt Keller, damit Tío Barrera aus der Asche eine ungleich mächtigere Organisation erschaffen konnte.

El Federación.

Und Keller hat ihm den Weg geebnet. Er hat geglaubt, ein Krebsgeschwür zu beseitigen, stattdessen hat er dafür gesorgt, dass es in ganz Mexiko Metastasen bildete.

Mit dieser Erkenntnis begann sein langer Krieg gegen die Barreras, der nun schon dreißig Jahre dauert und ihm alles genommen hat, was er besaß: seine Familie, seinen Job, seine Überzeugungen. Seine Ehre, seine Seele.

»Es steht alles in den Akten«, sagt Keller jetzt zu Taylor. »Ich habe nichts zu sagen.«

Es hatte Anhörungen gegeben – interne DEA-Anhörungen, CIA-Anhörungen, Kongress-Anhörungen. Keller hatte gegen die strikten Befehle der CIA gehandelt, als er die Barreras aus dem Verkehr zog. Es war, als hätte er eine Bombe durch den Mittelgang eines Flugzeugs gerollt. Als sie platzte, traf sie praktisch alle, und die Schadensbegrenzung war schwierig, weil die Reporter der New York Times und der Washington Post herumschnüffelten wie die Bluthunde. Das offizielle Washington wusste nicht, wie es die Sache werten sollte. War Keller ein Held oder ein Schurke? Die einen wollten ihm einen Orden anhängen, die anderen wollten ihn in einen orangeroten Overall stecken.

Wieder andere wollten, dass er einfach verschwand.

Die meisten waren daher erleichtert, als der Mann, den sie einst als »Herrn der Grenze« gefeiert hatten, wie vom Erdboden verschluckt war, nachdem alle Aussagen zu Protokoll genommen waren. Und vielleicht, denkt Keller, ist Taylor hier, um sicherzustellen, dass ich nie wieder zurückkomme.

»Was willst du?«, fragt Keller. »Ich habe zu tun.«

»Liest du die Zeitung, Art? Hörst du die Nachrichten?«

»Weder noch.«

Er hat das Interesse an der Welt verloren.

»Dann weißt du nicht, was in Mexiko los ist«, sagt Taylor.

»Nicht mein Problem.«

»Es ist nicht sein Problem!«, ätzt Taylor mit einem Seitenblick auf Jimenez. »Das Kokain kommt tonnenweise über die Grenze. Heroin, Methamphetamin. Die Leute sterben wie die Fliegen, aber es ist nicht sein Problem. Er muss sich um seine Bienen kümmern!«

Keller reagiert nicht darauf.

Der sogenannte Krieg gegen die Drogen ist ein Karussell. Fliegt einer raus, steigt sofort der Nächste ein. Und solange die Gier nach Drogen unersättlich ist, bleibt das so. Der gierige Moloch aber lauert auf dieser Seite der Grenze.

Was die Politiker nie verstehen oder auch nur zur Kenntnis nehmen: Das sogenannte mexikanische Drogenproblem ist nicht das mexikanische Drogenproblem, es ist das amerikanische Drogenproblem.

Ohne Käufer kein Geschäft.

Die Lösung liegt nicht in Mexiko.

Fängt man einen Boss wie Barrera, wird er durch einen neuen ersetzt. Fängt man den auch, kommt wieder ein anderer. Und so weiter.

Keller kümmert es nicht mehr.

Taylor nimmt einen neuen Anlauf. »Das Golfkartell hat zwei von unseren Leuten in Matamoros gestoppt und mit der Waffe bedroht. Kommt dir das bekannt vor?«

Und ob.

So haben es die Barreras auch mit ihm gemacht, damals in Guadalajara. Ihn und seine Familie bedroht, wenn er nicht aus Mexiko verschwand. Keller reagierte, indem er seine Familie nach San Diego zurückschickte und den Druck erhöhte.

Dann ermordeten die Barreras seinen Kollegen, Ernie Hidalgo. Folterten ihn wochenlang, um Informationen aus ihm herauszuholen, die er nicht hatte, warfen dann seine Leiche in einen Graben. Er hinterließ eine Frau und zwei kleine Kinder.

Kellers Fehde mit den Barreras wurde zur Blutfehde.

Aber das war nicht das Schlimmste, was sie taten.

Bei weitem nicht.

Wie lange ist das her?, fragt sich Keller.

Zwanzig Jahre?

»Aber dir geht das am Arsch vorbei, oder?«, fragt Taylor. »Du bist hier in deinem Paradies. ›In dieser Welt, aber nicht von dieser Welt.‹«

Als ich in dieser Welt war, war ich auch von dieser Welt, denkt Keller. Ich habe zugelassen, dass Ernie stirbt, und dann mussten neunzehn unschuldige Menschen sterben – durch seine Schuld. Ich habe einen falschen Informanten aufgebaut, um meine wahre Quelle zu schützen, und Adán hat nicht nur diesen falschen Informanten umgebracht, sondern neunzehn Menschen geschlachtet, Frauen und Kinder. Sie an die Wand gestellt und zusammengeschossen.

Keller wird nie vergessen, wie er den Hof betrat und die Kinder sah, tot in den Armen ihrer toten Mütter. Im Wissen, dass es sein Fehler war, seine Verantwortung. Er will und kann das nicht vergessen, weil sein Gewissen ihm keine Ruhe lässt. In manchen Nächten erlöst ihn erst die Morgenglocke von den schrecklichen Bildern.

Seit dem Massaker von El Sauzal führt er nicht mehr Krieg gegen die Drogen, sondern nur noch gegen Adán Barrera. Bis heute versteht er nicht, warum er nicht abgedrückt hat, als er die Pistole an seinen Kopf hielt. Vielleicht hat er ihm den schnellen Tod nicht gegönnt. Dreißig oder vierzig Jahre verschärfte Haft im Hochsicherheitstrakt sollte er abbüßen, bevor er in der richtigen Hölle schmorte.

»Ich lebe jetzt in einer anderen Welt«, sagt Keller.

Erst war ich kalter Krieger, dann Drogenkrieger. Jetzt habe ich meinen Frieden.

»Du sitzt also hier in deinem Paradies«, bohrt Taylor weiter, »und hast nichts von unserem Freund Adán gehört.«

»Was ist mit dem?«, fragt Keller, obwohl er sich vorgenommen hat, keine Fragen zu stellen.

»Der singt jetzt Arien«, sagt Taylor. »Lässt sich nicht bremsen.«

»Bist du gekommen, um mir das zu sagen?«, fragt Keller.

»Nein«, sagt Taylor. »Es heißt, dass er zwei Millionen auf deinen Kopf ausgesetzt hat, und ich bin gesetzlich verpflichtet, dich über diese Bedrohung zu informieren. Ich bin außerdem verpflichtet, dir Schutz anzubieten.«

»Den brauche ich nicht.«

Taylor dreht sich zu Jimenez um. »Siehst du, was ich meine?«, sagt er. »Stur wie ein Bock. Weißt du, wie sie ihn nannten? Sie nannten ihn ›Killer Keller‹.«

Jimenez grinst.

Taylor wendet sich wieder an Keller. »Bleib locker, Art. Wir sind nicht gekommen, um das Kopfgeld zu kassieren. Obwohl es verlockend wäre. Mit meinem Anteil von den zwei Millionen könnte ich mir ein kleines Anwesen auf Sanibel Island leisten und nichts weiter machen als angeln. Hey, pass auf dich auf, Keller. Und viel Glück mit deinen Bienen.«

Keller schaut ihnen nach, bis sie hinter dem Bergrücken verschwunden sind. Barrera ein Verräter? Es gibt vieles, was man Barrera nachsagen kann, und alles davon ist wahr, aber eine Petze war er nie. Wenn Barrera singt, dann führt er was im Schilde.

Und Keller kann sich denken, was es ist.

Ich hätte damals abdrücken sollen, denkt Keller – nicht aus Angst, eher aus Müdigkeit. Jetzt geht die Blutfehde weiter, genauso wie der »Krieg gegen die Drogen«.

Bis an der Welt Ende. Amen.

Und die Fehde kann nur mit dem Tod enden – einer von beiden oder beide.

 

Der Bienenvater fehlt beim Abendessen und kommt nicht zum Nachtgebet. Als er auch zur Frühmesse ausbleibt, geht Bruder Gregory nachsehen, ob er vielleicht krank ist.

Die Zelle ist leer.

Der Bienenvater ist weg.

Bundesgefängnis San Diego

2004

Was man an den Amerikanern bewundern muss, denkt Adán, ist ihre Beständigkeit.

Sie machen unter Garantie das Falsche.

Aber er liefert ihnen das Versprochene.

Nach der Beerdigung setzt er sich mit Gibson zusammen und überreicht ihm sein Geschenk.

Reines Gold.

Mit am Tisch sitzen die DEA, Staatsanwälte auf Bundes-, Staats- und Lokalebene, und er beantwortet alle Fragen, auch die, die gar nicht gestellt werden. Aufgrund seiner Angaben werden eine ganze Reihe riesiger Drogendepots aufgedeckt und etliche hochrangige Figuren verhaftet, in den USA und in Mexiko.

»Das können Sie nicht machen!«, hatte ihn Tompkins beschworen, stotternd vor Angst.

»Ich weiß, was ich tue«, beruhigte ihn Barrera.

Das Beste hebt er sich auf bis zum Schluss. »Wollen Sie Hugo Garza?«

»Wir sind verrückt nach Garza!«, erwidert Gibson.

»Können Sie den etwa liefern?«, fragt Tompkins erschrocken. Sein Klient bietet den Amerikanern den Boss des Golfkartells an, und das Golfkartell hat sich nach der Zerschlagung von Adáns Federación zum mächtigsten Kartell von ganz Mexiko gemausert.

Das ist der Grund, weshalb Tompkins seine Klienten gern von solchen Verhandlungen fernhält – so wie man seine Frau beim Autokauf zu Hause lässt. Denn früher oder später sagt sie etwas, was einen teuer zu stehen kommt.

Aber was er als Nächstes sagt, schlägt dem Fass den Boden aus.

»Als Gegenleistung«, sagt Barrera, »möchte ich ausgeliefert werden. Mein Geständnis lege ich hier ab, aber den Rest meiner Strafe möchte ich in Mexiko absitzen.«

Zwischen Mexiko und den USA besteht die Vereinbarung, Häftlingen aus humanitären Gründen den Gefängnisaufenthalt in ihren Heimatländern zu ermöglichen, in der Nähe ihrer Angehörigen. Aber Tompkins ist so entsetzt, dass er seinen Klienten auf den Flur hinauszerrt. »Sie haben geplaudert, Adán. In einem mexikanischen Gefängnis überleben Sie keine fünf Minuten. Die Killer werden Schlange stehen!«

»Das tun sie auch in den amerikanischen Gefängnissen«, befindet Barrera. Die sind voll von mexikanischen Narcos, die darauf brennen, den schlimmsten aller Verräter zu beseitigen, um in der Hierarchie ihres Kartells nach oben zu rücken.

Die Sicherheitsvorkehrungen für Barrera spielten immer eine wichtige Rolle in Tompkins’ Verhandlungen, aber Barrera sträubte sich beharrlich, mit Kinderschändern und Informanten in geschützten Sondertrakten zusammengesperrt zu werden.

»Adán«, fleht Tompkins jetzt, »als Ihr Anwalt, als Ihr Freund bitte ich Sie inständig, das nicht zu tun. Wir machen gute Fortschritte. Wenn Ihre Kooperation vom Gericht gewürdigt wird, können wir das Urteil vielleicht auf fünfzehn Jahre drücken, mit anschließendem Zeugenschutzprogramm. Die U-Haft angerechnet, sind Sie in zwölf Jahren ein freier Mann und haben das Leben noch vor sich.«

»Sie sind mein Anwalt«, sagt Adán, »und ich als Ihr Klient verlange, dass Sie diesen Deal machen: Ich liefere Garza und werde dafür nach Mexiko ausgeliefert. Wenn Sie sich weigern, sind Sie gefeuert, und ich suche mir einen, der den Deal macht.«

Denn der muss stattfinden, auch wenn er Tompkins den Grund nicht verraten kann. Ihm nicht sagen kann, dass in Mexiko schon seit Monaten diskrete Verhandlungen laufen. Dass es zwar riskant ist, er aber das Risiko eingehen muss.

Wenn sie ihn umbringen, okay. Aber er wird seine Jahre nicht in einer Gefängniszelle verdämmern.

Also wartet er, bis Tompkins die Pille geschluckt hat, und schickt ihn zurück zu Gibson. Er weiß, dass es nicht leicht wird. Gibson muss zu seinen Chefs gehen, die zu ihren. Dann muss das Justizministerium mit dem Innenministerium reden, das mit der CIA reden muss, und wenn die CIA mit dem Weißen Haus geredet hat, könnte der Deal über die Bühne gehen.

Weil ein früherer Bewohner des Weißen Hauses in den achtziger Jahren ein Abkommen genehmigte, nach dem Tío ungehindert Kokain verschieben konnte, wenn er die antikommunistischen Contras finanziell unterstützte. Und keiner will, dass Adán Barrera diese Leiche aus dem Keller des Weißen Hauses holt und in den Zeugenstand zerrt.

Es wird keinen Prozess geben.

Lieber schnappen sie nach dem Köder namens Garza.

Denn die Amerikaner machen immer das Falsche.

 

Drei Wochen später setzen mexikanische Federales die Informationen der DEA in die Tat um und verhaften Hugo Garza, den Boss des Golfkartells, auf einer entlegenen Hazienda in Tamaulipas.

Zwei Tage später wird Adán Barrera mitten in der Nacht aus seiner Zelle in San Diego geholt und in ein Flugzeug nach Guadalajara gesetzt, wo ihn Federales in schwarzen Uniformen in Empfang nehmen und nach Puente Grande – »Große Brücke« – transportieren, in das große Gefängnis außerhalb der Stadt, die sein Onkel einst beherrscht hatte wie ein Königreich.

Der Konvoi aus zwei gepanzerten Fahrzeugen und einem Mannschaftswagen brummt die Straße nach Zapotlanejo hinauf, den Wachtürmen entgegen, deren Suchscheinwerfer silbrige Strahlen in die schwarze Nacht senden.

Das Vorausfahrzeug hält unter einem der Türme vor einem großen Schild mit der Aufschrift CEFERESO II. Rollen aus Natodraht ziehen sich auf den hohen Zäunen und Betonmauern entlang. MG-Schützen auf den Wachtürmen nehmen den Konvoi ins Visier.

Ein großes Stahltor rollt zur Seite, lässt die Fahrzeuge ein und schließt sich hinter ihnen. Wer die »Große Brücke« einmal überquert, so heißt es, kommt nicht zurück.

Auf Adán Barrera warten zweiundzwanzig Jahre in diesem Gefängnis.

Es ist kalt, und er verkriecht sich in die blaue Daunenjacke, die ihm ein Wachmann umgehängt hat. Sie helfen ihm aus dem Mannschaftswagen, denn er trägt Handschellen und Fußfesseln.

Bei der »Aufnahme« muss er vor einer Betonwand stehen, während Beamte Fotos machen, Fingerabdrücke nehmen. Sie nehmen ihm die Fesseln ab, dann die Daunenjacke, und er wechselt zitternd in die braune Gefängniskluft mit der Zahl 817, die auf Brust und Rücken aufgenäht ist.

Der Gefängnisdirektor Comandante Daniel Álvarez ist erschienen und hält eine kleine Ansprache. »Adán Barrera, Sie sind jetzt Insasse des CEFERESO II. Glauben Sie nur nicht, dass Ihnen Ihr ehemaliger Status hier irgendeine Sonderstellung verleiht. Sie sind ein Häftling wie jeder andere. Halten Sie sich an die Satzung, gibt es keine Probleme. Verstoßen Sie dagegen, tragen Sie die Folgen. Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Resozialisierung.«

Barrera nickt, dann bringt man ihn von der Aufnahme ins COC, das Beobachtungs- und Evaluierungszentrum, wo die gemeingefährlichen Verbrecher bleiben müssen, bis eine geeignete Unterbringung für sie gefunden ist.

Puente Grande ist Mexikos strengstes und sicherstes Gefängnis, und CEFERESO II (Centro Federal de Readaptación Social) ist der Hochsicherheitstrakt für Entführer, Drogenbosse und für Häftlinge, die in anderen Gefängnissen Morde begangen haben.

Dorthin kommen die Malditos – die Verdammten, wie sie genannt werden. Elektroschocks mit Stromkabeln, Schläge und kalte Duschen mit dem Wasserschlauch, nach denen sie nackt und zitternd auf dem Betonfußboden liegen bleiben, sind dort Standard. Schlimmer noch vielleicht ist die Isolation – keine Bücher, keine Zeitungen, weder Stift noch Papier –, und wen die körperliche Folter nicht zerstört, den treibt die seelische Qual in den Wahnsinn. Ist die Evaluierung abgeschlossen, werden die Häftlinge für gewöhnlich – und meist zutreffend – als Psychopathen klassifiziert.

Der Wachmann schließt eine Zelle auf, Adán tritt ein, und die Tür fällt hinter ihm ins Schloss.

Der Mann auf der eisernen Bank hat einen schwarzen Vollbart und ist ein wahrer Hüne. Er mustert Adán, lächelt und sagt: »Ich bin dein Empfangskomitee.«

Adán macht sich auf das Kommende gefasst.

Der Mann steht auf und umarmt ihn, dass ihm die Luft wegbleibt. »Schön, dich zu sehen, Cousin.«

»Dich auch.«

Diego Tapia und Adán sind zusammen in den Bergen von Sinaloa groß geworden, inmitten von Mohnfeldern, bevor die Amerikaner ihren »Krieg gegen die Drogen« starteten – eine schöne Zeit. Diego war ein junger Bodyguard – ein Sicario –, als Adáns Onkel die ursprüngliche Federación gründete.

Der Gegensatz zwischen dem athletischen Diego und dem kleinen, schmächtigen Adán, der nach jahrelanger amerikanischer Haft ein wenig gebeugt geht, könnte nicht größer sein. Adán sieht aus wie ein Geschäftsmann und Diego wie der wilde Bergbauer, der er immer geblieben ist – ein Kerl wie auf alten Fotos aus den Zeiten des Revolutionshelden Pancho Villa. Es fehlen nur die Patronengurte.

»Du musstest doch nicht persönlich kommen«, sagt Adán.

»Doch, unbedingt, aber ich bleibe nicht lange. Nacho lässt dich grüßen. Er wäre auch gekommen, aber …«

»Zu riskant«, sagt Adán. Er kann Nacho verstehen. Andererseits hat ihm Nacho einen gewaltigen Zuwachs an Macht und Reichtum zu verdanken.

Denn das Insiderwissen, das Adán an die DEA verraten hat, hat tiefe Breschen ins Machtgefüge des mexikanischen Drogenimperiums gerissen, die Diego und Nacho sofort ausfüllten, indem sie alle Positionen besetzten, die durch die Verhaftung ihrer Rivalen frei wurden.

(Die Amerikaner machen immer das Falsche.)

Jetzt haben sie beide, Diego und Nacho, ihre eigenen Organisationen, die, vereint zum »Sinaloa-Kartell«, einen großen Teil des Transports von Kokain, Heroin, Marihuana und Methamphetamin über Juárez und den Golf von Mexiko nach Norden kontrollieren. In Adáns Abwesenheit haben sie auch seine Geschäfte besorgt, seine Ware bewegt, seine Kontakte zu Polizei und Politik gepflegt, seine Gelder eingetrieben.

Nacho hat Adáns Rückkehr nach Mexiko von mexikanischer Seite betrieben, beachtliche Zahlungen geleistet und Garantien übernommen. Als das arrangiert war, sorgte Diego dafür, dass der größte Teil des Gefängnispersonals bei Adáns Ankunft auf Adáns Gehaltsliste stand. Die meisten waren scharf auf das Geld. Leute, die zögerten, bekamen im Gefängnis Besuch von Diego, und er zeigte ihnen Fotos von ihren Frauen und Kindern.

Drei Wachmänner weigerten sich trotzdem, Geld zu nehmen. Diego lobte sie für ihre Integrität. Am nächsten Morgen fand man sie mit durchschnittenen Kehlen.

Alle Übrigen profitierten von Adáns Großzügigkeit. Ein Koch bekam dreihundert Dollar im Monat, ein Wachoffizier tausend, Comandante Daniel Álvarez kassierte neben seinem Jahresgehalt fünfzigtausend Dollar extra.

Doch es gab etliche, die Adán an den Kragen wollten. Sie alle wurden mit Baseballschlägern erschlagen. Los Bateadores – die »Schlagmänner«, von Diego bezahlte Leute aus Sinaloa, bildeten Adáns private Schutztruppe innerhalb von Puente Grande.

»Wie lange muss ich hier bleiben?«, fragt Adán.

»Hier können wir für deine Sicherheit garantieren«, sagt Diego. »Aber da draußen …«

Er muss nicht viel erklären. Da draußen gibt es zu viele, die ihn tot sehen wollen. Gewisse Leute müssen verschwinden, gewisse Politiker müssen gekauft werden, Schmiergelder in gigantischem Ausmaß müssen fließen.

Adán versteht, dass er vorerst in Puente Grande bleiben muss.

 

Seine neue Zelle im Block 2, Level 1A, ist neunundfünfzig Quadratmeter groß und mit einer kompletten Küche, LED-Fernseher, Computer, Soundanlage, Schreibtisch, Essecke, Sesseln, Stehlampen, einem begehbaren Kleiderschrank ausgestattet. Das Kingsize-Bett verbirgt sich hinter einer Trennwand.

Sein Kühlschrank ist gut gefüllt, mit Steaks und Fisch, mit frischen Lebensmitteln, Bier, Wodka, Kokain, Marihuana. Alkohol und Drogen sind nicht für ihn bestimmt, sondern für die Wachen, die Mithäftlinge, die Gäste.

Adán nimmt keine Drogen.

Er hat erlebt, wie sein Onkel dem Crack verfiel, wie sich der einst mächtige Patriarch – Miguel Ángel Barrera, der großartige Mensch und geniale Schöpfer des Kartells – in ein angstgeplagtes Wrack verwandelte, in einen Agenten seiner eigenen Zerstörung.

Daher begnügt sich Adán mit einem einzigen Glas Wein zum Essen.

Im Schrank hängt eine Kollektion von italienischen Maßanzügen und -hemden. Adán trägt jeden Tag ein frisches weißes Hemd – die getragenen wandern in die Gefängniswäscherei und kommen auf Falte gebügelt zurück –, auch in seinem Geschäft kommt es auf die äußere Erscheinung an.

Er macht sich an die Arbeit und beginnt, die Trümmer seines Imperiums zusammenzusuchen. Die Federación, von seinem Onkel gegründet, von ihm, Adán, weiterentwickelt und von Art Keller zerschlagen, ist in ein paar große und Dutzende kleinere Gruppierungen aufgesplittert.

Die größte ist das Juárez-Kartell mit Sitz in der Grenzstadt Ciudad Juárez. Vicente Fuentes scheint dort den Kampf um die Vormacht gewonnen zu haben. Sehr gut. Er ist gebürtiger Sinaloaner, fest verbandelt mit Nacho Esparza, dem er erlaubt, die Ware durch sein Territorium nach Norden zu befördern.

An zweiter Stelle kommt das Golfkartell, das seinen Sitz in Matamoros hat. Seit Hugo Garza im Gefängnis sitzt, regieren hier zwei Männer, Osiel Contreras und Efraim Herrera. Auch sie verhalten sich kooperativ und lassen Diegos Ware durch ihr Territorium passieren.

Nummer drei ist das Tijuana-Kartell, das Adán und sein Bruder Raúl als Stützpunkt benutzten, um dann die gesamte Federación zu übernehmen. Adáns Schwester Elena, die als einzige von seinen Geschwistern überlebt hat, versucht dort, die Kontrolle zu behalten, wird aber von ihrem früheren Verbündeten Teo Solorzano zunehmend an die Wand gedrückt.

Dann kommt das Sinaloa-Kartell, das in seiner Heimatprovinz basiert ist, der Wiege des mexikanischen Drogengeschäfts. Von dort aus hatte Tío die Federación aufgebaut, von dort aus hatte er das Land in Plazas aufgeteilt, die er verteilte wie Lehnsbezirke.

Gegenwärtig besteht das Sinaloa-Kartell aus drei Organisationen. Die eine vertreibt Kokain, Heroin und Marihuana und wird von Diego Tapia und seinen zwei Brüdern geführt, die andere hat sich auf Crystal Meth spezialisiert und gehört Nacho Esparza, der auf diese Weise zum »König des Meth« geworden ist.

Die dritte Organisation gehört Adán. Sie setzt sich aus alten Getreuen der Federación zusammen und wird bis zu seiner Rückkehr von Diego und Nacho verwaltet. Adán selbst behauptet, er wolle nicht Boss des Sinaloa-Kartells werden, sondern bei seinen sinaloanischen Landsleuten nur Erster unter Gleichen.

Sinaloa ist das Herzland. Im schwarzen Lößboden von Sinaloa gediehen der Mohn und der Hanf, mit dem alles anfing, aus Sinaloa kamen die Männer, die das Geschäft aufgebaut haben.

Aber das Problem mit Sinaloa war nicht das, was es besaß, sondern das, was ihm fehlte.

Eine Grenze.

Die Provinz Sinaloa ist Hunderte Meilen von der Grenze entfernt, die Mexiko vom US-Markt trennt – und mit ihm verbindet. Es stimmt zwar: Beide Staaten sind zu Lande durch eine zweitausend Meilen lange Grenze verbunden, und die gesamte Länge bietet sich für den Drogenschmuggel an, aber Tatsache ist ebenso, dass einige wenige Meilen dieser Strecke ungleich wertvoller sind als alle anderen.

Fast die gesamte Grenze verläuft durch unwegsame Wüste, aber die wirklich kostbaren Grenzabschnitte sind die »Engstellen« – die Städte Tijuana, Ciudad Juárez, Nuevo Laredo und Matamoros. Und der Grund dafür ist nicht in Mexiko zu suchen, sondern in den USA.

Alles hängt an den Fernstraßen.

Tijuana grenzt an San Diego mit der Interstate 5, der nord-südlichen Hauptarterie, die nach Los Angeles führt. In Los Angeles wird die Ware umgeschlagen – nach Norden oder in alle Gegenden der USA.

Ciudad Juárez grenzt an das mexikanische El Paso mit der Route 25, die zur Interstate 40 führt, der wichtigsten Ost-West-Verbindung im Süden der USA – und die bringt dem Juárez-Kartell wahre Geldströme.

Nuevo Laredo und Matamoros sind das Zwillingsjuwel des Golfkartells. Nuevo Laredo mit der texanischen Grenzstadt Laredo und, wichtiger noch, der nach Dallas führenden Interstate 35. Von Dallas aus kann die Ware schnell über den gesamten Mittelwesten verteilt werden. Matamoros hingegen bietet eine schnelle Verbindung über Route 77 zur Interstate 37, dann über die Interstate 10 nach Houston, New Orleans und weiter nach Florida. Matamoros liegt zudem an der Golfküste und bietet Seewege zu den US-Hafenstädten.

Aber der Lkw macht das Rennen.

Man kann die Ware durch die Wüste schleppen, zu Fuß, zu Pferd, mit Pkw oder Pick-up. Man kann sie auf Schiffe verladen, ganze Ladungen vakuumverpacktes Kokain oder Marihuana ins Meer werfen, wo sie von den amerikanischen Partnern aufgefischt werden.

Das alles sind lohnende Methoden.

Aber der Lkw stellt sie in den Schatten.

Seit 1994, der Unterzeichnung des amerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA, passieren Zehntausende Lkws die Grenzstationen Tijuana, Juárez und Nuevo Laredo – und das täglich. Die meisten von ihnen befördern legale Güter.

Keine Grenze der Welt muss so viel Güterverkehr verkraften wie die mexikanische, und die Zöllner können unmöglich alle Fahrzeuge kontrollieren. Würden sie es versuchen, käme der Handel mit Mexiko praktisch zum Erliegen. Daher wird NAFTA oft auch als »Drogenfreihandelsabkommen« bezeichnet. Schafft es die Ware durch den Zoll, ist sie buchstäblich auf dem »Freeway« in die USA.

Die Interstate Freeways 5, 25 und 35 sind die Arterien des mexikanischen Drogengeschäfts.

Als Adán den gesamten Drogenhandel kontrollierte, war das nicht von Bedeutung – ihm gehörten die Grenzübergänge nach El Paso, Laredo und San Diego. Aber seit er entmachtet ist, müssen die Sinaloaner den Piso bezahlen – einen Wegzoll –, um ihre Ware dort über die Grenze zu bringen.

Fünf Prozent, das klingt nicht bedeutend, aber Adán sieht die Dinge mit den Augen eines Kaufmanns. Man zahlt das Nötige, um das Geschäft am Laufen zu halten, aber Prozente muss man meiden – sie zehren am Gewinn wie Parasiten.

Nicht nur, dass die Sinaloaner fünf Prozent ihres Umsatzes abgeben müssen, was allein schon Millionen von Dollars ausmacht, sie verlieren auch die fünf Prozent, die sie bei den anderen Organisationen kassiert haben, den Wegzoll, der ihnen zustand, als sie alle Grenzübergänge kontrollierten.

Da geht es schon um ganz andere Beträge.

Der Kokainmarkt in den USA allein bringt dreißig Milliarden – jährlich. Und 70 Prozent des Kokains laufen über Juárez und den Golf.

Das sind einundzwanzig Milliarden Dollar.

Mit anderen Worten: ein Piso von einer Milliarde Dollar.

Jahr für Jahr.

Man kann Multimillionär werden, sogar Milliardär, wenn man seine Ware über die Grenze bringt und den Piso zahlt. Viele Leute tun das, und sie leben nicht schlecht. Man kann aber noch viel reicher werden, wenn man eine Plaza kontrolliert und andere Schmuggler zur Kasse bittet, ohne die eigentliche Ware auch nur von weitem zu sehen. Die meisten Leute begreifen nicht, dass die größten Drogenbosse jahrelang oder ihr ganzes Geschäftsleben lang überhaupt nichts mit den Drogen zu tun haben.

Ihr Geschäft ist die Kontrolle der Warenströme.

Adán hatte das alles im Griff. Früher.

Er war der »Herr der Lüfte«.

 

Sein Arbeitstag im Puente Grande ist ausgefüllt bis an den Rand.

Tausend Kleinigkeiten muss er überschauen.

Die Schmuggelrouten von Kolumbien nach Mexiko müssen ständig erneuert werden, damit der Transport an die Nordgrenze und schließlich der Schmuggel in die USA möglichst reibungslos verläuft.

Dann ist der Geldverkehr zu regeln – all die Millionen, die aus den USA