Das kleine Inselbistro - Fenna Janssen - E-Book

Das kleine Inselbistro E-Book

Fenna Janssen

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Beschreibung

Sommer, Sonne, Sanddorn.

Eine Zugezogene als neue Inhaberin des alteingessenen Inselbistros? So ein Quatsch, sagen die Langeooger und machen einen großen Bogen um das kleine Lokal. Die Betreiberin Janne ist ratlos. Warum sind bloß alle gegen sie? Sie gibt sich doch besonders viel Mühe, damit alles perfekt ist. Sogar Tammo, ihr Freund aus Kindheitstagen, dem die Fischbude nebenan gehört, steht nicht an ihrer Seite.
Und als hätte sie nicht schon genug Sorgen, wirbelt auch noch die junge Ausreißerin Micki ihr Leben gehörig durcheinander. Wird Janne es dennoch schaffen, auf Langeoog glücklich zu werden? 

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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Ein Bistro für gehobene norddeutsche Spezialitäten – wird das die Langeooger Kundschaft anlocken? Janne ist fest davon überzeugt und stürzt sich voller Leidenschaft in die Arbeit. Die Zugezogene renoviert die alte Backstube auf der Insel und feilt an raffinierten Rezepten wie Seezungenragout oder Austernpasteten. Doch der Erfolg ihres kleinen Inselbistros lässt auf sich warten. Trotz vieler Hürden und Zweifel gibt Janne nicht auf. Mithilfe neuer und alter Freunde kocht und backt sie sich bald in die Herzen der Langeooger … und muss dabei besonders gut aufpassen, dass sie ihr eigenes Herz nicht verliert.

Über Fenna Janssen

Fenna Janssen wurde in Lübeck geboren und wuchs in Hamburg auf. Viele Jahre war sie als Journalistin für diverse Zeitungen tätig. Inzwischen arbeitet sie erfolgreich als Autorin und bleibt auch in ihren Büchern ihrer norddeutschen Heimat treu – widmet sich aber ebenso gern ihrer Wahlheimat Italien.

Zuletzt erschienen ihre Romane »Der kleine Inselferienhof« und »Ein Sommer in Rimini«.

Alle lieferbaren Titel finden Sie unter aufbau-verlage.de.

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Fenna Janssen

Das kleine Inselbistro

Roman

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

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1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

Rezepte aus dem Buch

Weißes Ragout von Seezunge

Stines Schokoladenkuchen

Impressum

1. Kapitel

Da war er wieder, dieser ganz besondere Duft. Es gab ihn nur auf Langeoog, nirgends sonst. Nicht mal auf den Nachbarinseln Baltrum und Spiekeroog, schon gar nicht drüben auf dem Festland.

Janne schloss die Augen und atmete tief ein. Sie roch Salz und Sand und Sonne, und niemand sollte behaupten, dass die Sonne nicht ihren ganz eigenen Geruch besaß. Sie roch auch die Weite des Himmels, den Puderzucker der Schäfchenwolken und die Frische eines Junimorgens. Sogar die Sehnsucht. Die ganz besonders. Sie brachte diesen Hauch von Süße mit, gemischt mit einer bitteren Note.

Eine nasse Hundezunge zerstörte ihren verträumten Augenblick.

»Ist ja gut, Theodor!«, rief Janne lachend und schob mit einigem Kraftaufwand den Hund ihrer Gastfamilie beiseite.

Der riesenhafte Bernhardiner zog beleidigt ab.

Janne streckte sich und stand dann aus dem Korbsessel auf.

Es bestand kein Grund mehr, sich vor Sehnsucht zu verzehren. Sie war ja endlich genau da, wo sie schon ihr Leben lang wieder hatte sein wollen. Auf Langeoog, der kleinen Insel im Wattenmeer, die bei schönem Wetter ihre ganze Pracht entfaltete und sich bei Sturm tapfer auf den Wattboden duckte, bis das Unwetter über sie hinweggezogen war.

Janne hoffte, sie wäre ein bisschen wie Langeoog. Jemand, der wieder aufstand, nachdem das schlimmste Gewitter vorüber war.

Sie stutzte und lachte dann gleich noch einmal. Erst roch sie die Sonne und dann verglich sie sich selbst mit einer Insel. Gut möglich, dass dieser Ort ihr gar nicht so guttat, wie sie immer gedacht hatte.

»Bleib doch noch ein paar Minuten«, sagte Levke, die in diesem Moment die Terrasse des Ferienhofes betrat. Sie stellte zwei dampfende Kaffeebecher auf den niedrigen Tisch und ließ sich in den zweiten Sessel fallen. »Ich bin so neugierig auf deine Pläne. Und ich habe noch ein bisschen Zeit, bevor ich zur Arbeit muss.«

Bei Jannes Ankunft gestern hatte Levke ihr erzählt, dass sie nur in ihrer Freizeit auf dem Inselferienhof der Familie Dirks mit anpackte. Hauptberuflich leitete sie das Kurhotel oben am nördlichen Strand. Janne war ziemlich beeindruckt und auch ein bisschen eingeschüchtert gewesen, aber Levke war so nett und natürlich, dass sie gar nicht anders konnte, als sie gern zu haben.

Nun streckte ihre Gastgeberin ihre langen Beine und warf ihr einen freundlichen Blick zu.

Janne setzte sich wieder, ganz froh darüber, dass sie den Tag noch nicht in Angriff nehmen musste. Die Aufgaben türmten sich vor ihr wie eine drei Meter hohe Wanderdüne.

Sie griff nach ihrem Kaffeebecher und hoffte, Levke hätte das leise Aufblitzen von Neid in ihren Augen nicht gesehen. Wie konnte eine normale junge Frau bloß so groß, so blond und so schön sein!

Janne seufzte. Sie selbst war eher klein, und ihre Figur ging gerade so noch als mollig durch.

Sie unterdrückte ein Kichern. Ihr Beruf als Köchin und Konditorin war bei Diäten nicht besonders hilfreich.

»Erzähl mal!«, bat Levke. »Gestern hast du die alte Backstube nur kurz erwähnt. Hast du die wirklich gekauft? In den letzten zwei Jahren waren da ein Souvenirshop und ein Fahrradverleih drin. Hat beides nicht funktioniert.«

Sie schien noch etwas hinzufügen zu wollen, schwieg dann aber.

Janne trank einen Schluck Kaffee, bevor sie antwortete: »Ich habe einen genauen Geschäftsplan aufgestellt, und ich denke, mein Konzept von einem Bistro mit gehobener norddeutscher Küche wird aufgehen.«

Levke nickte. »Essen müssen die Leute immer, wie mein Luca immer sagt.« Ihr Gesicht bekam etwas Entrücktes. »Das ist mein Freund, musst du wissen. Du wirst ihn bestimmt bald kennenlernen. Er betreibt ein Restaurant am Hafen.«

»Interessant«, murmelte Janne. Sie wäre jetzt doch ganz gern wieder aufgestanden und weggegangen. Sie war single und fürchtete sich ein wenig vor glücklichen Liebesgeschichten. Doch sie wollte nicht unhöflich wirken. Also stellte sie nur ihre Tasse ab und lächelte.

»Seid ihr schon lange zusammen?«

»Nein, erst seit letztem Jahr. Aber von mir können wir ein anderes Mal reden.« Levke hob in einer spielerischen Drohung den Zeigefinger. »Du willst nur ablenken. Also? Ich höre. Warum ausgerechnet Langeoog? Und die alte Backstube mitten im Ort?«

Erleichtert lehnte Janne sich zurück. Klar, es war selbstsüchtig, wenn sie das Glück der anderen nicht sehen wollte, aber wenn man sich so furchtbar allein fühlte, und wenn das eigene Leben gerade an einem Wendepunkt stand, dann war es ratsam, das eigene Herz zu schützen.

»Der Makler hatte nur zwei Objekte anzubieten«, erklärte sie. »Eine ehemalige Kneipe ziemlich weit unten an der Hafenstraße und die Backstube.«

»Dann hast du eine gute Wahl getroffen«, urteilte Levke. »Die Kneipe kenne ich. Ist ziemlich heruntergekommen.«

»Einen sonderlich guten Eindruck machte sie schon auf den Bildern nicht«, stimmte Janne zu. »Ich fand sie auch ein bisschen abgelegen, sofern man das hier auf der kleinen Insel überhaupt so nennen kann.«

»Aber warum überhaupt Langeoog?«, hakte Levke nach. »War das Zufall? Oder hast du irgendwelche Bindungen zur Insel? Mich hat ja letztes Jahr eine große Familienkrise zurückgebracht. Und der Rest war dann Schicksal. Hast du auch Verwandte hier?«

»Hatte ich«, gab Janne zurück. »Meine Großmutter. Sie ist im Winter verstorben.«

»Tut mir leid.«

»Muss es nicht. Wir hatten zuletzt nicht mehr viel Kontakt. Sie war … kein … einfacher Mensch.«

Levke schaute sie geduldig an, doch Janne wusste nicht recht, wie sie fortfahren sollte. Sie waren ja keinen Freundinnen, kannten sich überhaupt erst seit gestern Abend. Obwohl Levke so nett und ungefähr in ihrem Alter war, würde eine Lebensbeichte wohl doch zu weit gehen.

Also fasste sie sich kurz. »Ich habe als Kind zwei Jahre lang bei ihr gewohnt. Das war eine schöne Zeit.«

Und auch eine schreckliche Zeit, fügte sie bei sich hinzu, sprach es aber nicht aus. Levke hätte dann nach den Gründen gefragt, und die mochte Janne nicht verraten.

»Wie hieß denn deine Großmutter?«, fragte Levke. »Vielleicht habe ich sie ja gekannt.«

»Grete Thiel. Sie ist 91 geworden und hat bis zuletzt in ihrer kleinen Wohnung in der Nähe vom Inselwäldchen gelebt. Die Wohnung hat sie mir vermacht, was mich ziemlich gewundert hat, weil, na ja, weil wir eben kaum noch was voneinander gehört haben …«

Janne brach ab. Sinnlos, zu erzählen, dass sie viele Jahre lang versucht hatte, mit ihrer Großmutter ein gutes Verhältnis zu pflegen. Doch Grete Thiel wollte irgendwann mit niemandem mehr was zu tun haben. Auch nicht mit ihrer eigenen Verwandtschaft.

Levke hob kurz die Schultern. »Tut mir leid. Mir sagt der Name nichts.«

»Mir schon!«

Ein großer dünner Mann von vielleicht Ende siebzig war plötzlich im Vorgarten aufgetaucht und schüttelte jetzt so heftig den Kopf, dass sein dünnes, langes weißes Haar durch die Luft flog. »War ’ne olle Hexe, die Grete.«

Ziemlich gut beschrieben, dachte Janne, die erschrocken zusammengezuckt war.

»Onkel Tjard!«, schimpfte Levke. »Du sollst doch nicht immer wie aus dem Nichts hier erscheinen und unsere Gäste erschrecken.«

Tjard warf Janne einen langen prüfenden Blick zu. »Hast Glück gehabt, Deern. Du kommst nicht nach der Grete.«

Weg war er.

»Wie macht er das?«, fragte Janne.

Levke lachte. »Keine Ahnung. Wahrscheinlich ist er so dünn, dass man ihn übersieht, bis er den Mund aufmacht. Ist übrigens mein Großonkel.«

Janne ahnte bereits, dass sie die Familie Dirks ins Herz schließen würde. Die liebenswerte Levke und der verschrobene Tjard – das fing schon mal gut an.

Levke trank ihren Kaffee aus. »Darf ich dich fragen, warum du dich bei uns einquartiert hast, anstatt …«

»… in die Wohnung meiner Großmutter zu ziehen?«, beendete Janne den Satz.

»Mhm.«

Janne verschränkte die Finger ineinander. »Ich war mit meiner Mutter einmal drin, kurz nach der Beerdigung.«

Sie erinnerte sich an das Gefühl, keine Luft zu bekommen, kaum, dass sie den kurzen Flur betreten hatte. Und ihr war sofort klar gewesen, dass sie dort niemals würde leben können. Auch dann nicht, wenn sie die Wohnung komplett neu einrichtete.

»Vor zwei Jahren habe ich noch nicht daran gedacht, nach Langeoog zu ziehen«, erklärte sie. »Deshalb habe ich sie verkauft. Den Erlös habe ich beiseite gelegt und jetzt in die Backstube investiert.«

Sie hoffte, nicht pietätlos zu klingen, aber Levke schien nichts dabei zu finden. Sie nickte nur verständnisvoll und schaute dann auf ihre Uhr. »Sorry, ich muss los. Ich wünsche dir ganz viel Erfolg an deinem ersten Tag.«

»Danke«, erwiderte Janne inbrünstig. Sie konnte jeden guten Wunsch gebrauchen, den sie kriegen konnte.

Levkes Miene wurde ernst. »Und wundere dich nicht, wenn einige Leute …« Sie brach ab.

»Was?«

»Ach nichts. Du kennst dich ja aus mit dem Leben auf der Insel. Du weißt, wie es läuft.«

»Ähm. Eigentlich nicht. Ich war damals ja erst neun und zehn Jahre alt, und seitdem bin ich nur ein paarmal zu Besuch hergekommen.«

Levke schien ihre Worte zu bereuen. »Hör am besten gar nicht auf mich. Es wird schon alles prima laufen.«

Sie verschwand fast so schnell wie ihr Großonkel vor ein paar Minuten.

Janne blieb noch einen Moment sitzen und dachte über das nach, was Levke gesagt hatte.

Sollte das eine Warnung gewesen sein? Aber wovor? Oder vor wem?

Nein, entschied sie. Bestimmt hatte Levke ihr nur sagen wollen, dass aller Anfang schwer war.

Unwillkürlich ballte Janne die Hände zu Fäusten und stand auf. Es wurde höchste Zeit, ihr neues Leben in Angriff zu nehmen. Heute war Freitag. Um neun war sie mit den Handwerkern an der Backstube verabredet. Sie hoffte, die Mannschaft würde am Montag anfangen können, sodass die gröbsten Arbeiten in zwei Wochen erledigt waren.

Zur Hochsaison im Juli wollte sie eröffnen. Vermutlich war das ein sehr optimistisch gestecktes Ziel, aber sie musste einfach zuversichtlich bleiben.

Der Ferienhof wirkte jetzt wie ausgestorben. Es war ein sonniger Morgen, und die Gäste waren bereits zum Strand abgezogen. Vom Rest der Familie Dirks war auch niemand zu sehen.

Zögerlich durchquerte Janne den Vorgarten, und ein Teil von ihr hoffte, doch noch aufgehalten zu werden. Zur Not von dem Riesenhund, aber der hatte sich jetzt scheinbar ein anderes Kuschelopfer gesucht. Nun, dann würde sie eben den anderen Teil von ihr die Oberhand gewinnen lassen. Sie hob das Kinn, öffnete mit Schwung die Gartenpforte, ging los in Richtung Dorf und gab der mutigen Janne damit freie Bahn.

Ich bin so weit gekommen, sagte sie sich. Ich werde jetzt nicht schlappmachen. Ich will das und ich kann das!

Ihr Blick fiel auf einen anderen Vorgarten, der nicht annähernd so gewissenhaft gepflegt war wie der Dirksche. Es juckte sie in den Fingern, die Kieselsteine vom Rasen zu pflücken und das herumliegende Kinderspielzeug akkurat neben der Sandkiste aufzureihen.

»Ordnung ist das halbe Leben.« Janne fuhr zusammen.

Hatte da jemand laut geredet? Sie sah sich um. Nein. sie war allein.

Die Stimme hatte ganz nach ihrer Großmutter geklungen, aber Grete Thiel lag auf dem Dünenfriedhof. Also spukte sie in ihrem Kopf herum, was ausgesprochen bedenklich war.

Janne war nicht dumm. Sie hatte geahnt, dass Großmutter Grete sich wieder stärker in ihre Gedanken schleichen würde, sobald sie nach Langeoog zurückkehrte. Aber sie hatte gehofft, es gäbe so etwas wie eine Schonzeit, bis sie sich zurechtgefunden hätte.

Irrtum.

Schon hatte sie wieder ihre Stimme gehört, und jetzt sah sie instinktiv an sich hinunter, ob sich auch ja kein Kaffeefleck auf ihre Jeans verirrt hatte. Überhaupt, die Jeans!

»Mädchen tragen Kleider.«

Uff! Schon wieder!

Als ob es nicht gereicht hätte, dass Omas Einfluss ihr ganzes bisheriges Leben bestimmt hatte. Es war nicht leicht, einunddreißig Jahre alt zu sein und immer noch Macken mit sich herumzuschleppen, die man sich als Kind angeeignet hatte.

Janne beeilte sich weiterzukommen. Sie atmete tief ein. Es wirkte. Langeoogs ganz besonderer Duft vertrieb die dunklen bösen Erinnerungen.

Vor ihr ragte nun der Wasserturm auf. Das achtzehn Meter hohe Wahrzeichen der Insel stand auf der Kaapdüne und dominierte hier im Westen Langeoogs das Panorama.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war der achteckige weiß gestrichene Turm mit dem roten Dach und einer wie aufgesetzt wirkenden Spitze mit Aussichtsfenstern errichtet worden. Damals schon kamen mehr und mehr Sommerfrischler auf die Insel, und der Verbrauch des kostbaren Nasses stieg enorm. So wurde die Wasserversorgung von Grund auf modernisiert. Der Turm erzeugte den nötigen Druck in den Leitungen.

Janne lächelte in sich hinein. Erstaunlich, wie viel Grundschulwissen sie noch besaß.

Heute galt der Turm als Attraktion und Fotomotiv und tagsüber vom Meer aus auch als Seezeichen. Unzählige Besucher hatten schon die Treppe zur Plattform erklommen und den weiten Blick über die Dünen auf die Nordsee genossen.

Als Kind war sie mit ihrem allerbesten Freund dort hinaufgestiegen, und als sie Angst bekommen hatte, in der Höhe, da hatte der Junge ihre Hand gehalten und gesagt: »Du fällst nicht runter. Ich passe auf dich auf.«

Janne wunderte sich. Sie hatte seit einer Ewigkeit nicht mehr an Tammo Harling gedacht, und nun sah sie ihn plötzlich vor sich, als wären sie erst gestern zusammen auf dem Turm gewesen Daran war nur Langeoog schuld. Mit jeder Stunde auf der Insel holte die Vergangenheit sie mehr und mehr ein. Aber die Erinnerung an Tammo war wenigstens eine schöne.

Er war in ihre Klasse in der Schule gegangen, und er war wie sie ein Außenseiter gewesen. Janne war verspottet worden, weil sie nur eine Zugereiste aus Dresden war. Tammo hatte es schwer gehabt, obwohl er ein echter Inseljunge gewesen war. Seine große Schüchternheit hatte ihn wortkarg werden lassen, und so hatte er sich nicht gegen die Hänseleien seiner Mitschüler wehren können. Aber er war Jannes Beschützer geworden, und gemeinsam hatten sie sich stark gefühlt. Tammo hatte Janne die Insel gezeigt, war mit ihr im Watt auf Muschelsuche gegangen und hatte sie festgehalten, wenn beim Schwimmen eine Welle nach ihr schnappen wollte. Er war ihr Fels in der Brandung gewesen, ihr Gegenpol zur Großmutter, die ihr das Leben schwer gemacht hatte.

Nein!

Nicht mehr an Grete denken!

Ich bin eine erwachsene Frau, und ich habe mein Leben fest im Griff.

Sich selbst Mut zuzusprechen, half ein bisschen, und das leise spöttische Lachen bildete sie sich bestimmt nur ein.

Janne ließ den Wasserturm hinter sich und erreichte kurz darauf die Hauptstraße.

Kleine Läden und Verkaufsbuden reihten sich aneinander. Die meisten waren noch geschlossen, oder öffneten gerade erst. Um diese Tageszeit war es ruhig im Ort, nur die Möwen lauerten schon auf Dächern und Laternenpfählen darauf, dass ein unvorsichtiger Gast mit einem Krabbenbrötchen in der Hand durch die Fußgängerzone spazierte.

Janne ging an dem aus dunklem Backstein errichteten und teils mit Efeu bewachsenen Rathaus vorbei. Von hier aus hatte sie es nicht mehr weit.

Und dann stand sie vor der alten Backstube, direkt neben einer Fischbude. Janne hatte vorher überlegt, ob diese Bude eine zu große Konkurrenz darstellen würde, aber zwischen ein paar Heringshappen auf die Hand und einem ausgeklügelten Fischmenü lagen Welten. Daher sah sie keine Gefahr.

Trotzdem. Es konnte nicht schaden, sich ein genaues Bild von ihrem direkten Nachbarn zu machen.

Sie blieb stehen und sah sich die Bude näher an. Das Rollo war bereits hochgezogen und erste Schalen mit verschiedenen, lecker aussehenden Salaten standen in einem gläsernen Verkaufstresen, der fast die gesamte Breite des Raumes einnahm. Alles wirkte modern und sauber. Die Bude war auf Laufkundschaft ausgerichtet, aber es gab auch zwei Stehtische mit hohen Hockern für Gäste, die vor Ort essen wollten. Ein Durchgang schien zur Küche dahinter zu führen. Janne ging ganz nahe an die Scheibe heran, um etwas zu erkennen.

Zwecklos.

Sie sah nur, dass jemand dort hantierte, und im nächsten Moment war da gar nichts mehr.

Sie drückte sich die Nase platt, musste aber enttäuscht feststellen, dass ihre Spionage bei der Konkurrenz kein befriedigendes Ergebnis gebracht hatte.

»Sie müssen ja ausgehungert sein!«, tönte eine tiefe Männerstimme in ihrem Rücken. »Oder sind Sie etwa vom Gesundheitsamt aus Wittmund? Dann muss ich Sie enttäuschen. Bei mir werden Sie keine einzige Kakerlake finden!«

Janne wirbelte herum und sah einen ziemlich beeindruckenden Männerbrustkorb vor sich. Sehr dicht vor sich. Sie fühlte sich eingeklemmt, so zwischen Brustkorb und Glastür.

Langsam hob sie einen Arm, streckte den Zeigefinger aus und bohrte ihn dem Mann in den Bauch. Der wich daraufhin einen Schritt zurück.

»Puh«, sagte sie, holte tief Luft und merkte erst jetzt, dass die vor Schreck den Atem angehalten hatte.

Dann sah sie hoch, schaute in das halb verwundert, halb zornig wirkende Männergesicht, kniff die Augen zusammen, vergewisserte sich noch einmal und sagte: »Das gibt’s doch nicht. Du?«

2. Kapitel

Der Mann blickte sie nun ebenfalls genauer an, wobei er seinen Kopf sehr weit nach unten neigen musste.

»Wat?«

Etwas Intelligenteres fiel ihm offensichtlich nicht ein.

Janne ließ die Hand sinken. Kurz überlegte sie, ob sie sich wirklich als Lebensmittelkontrolleurin ausgeben sollte. Das hätte ihre übermäßige Neugierde erklären können und ihr vielleicht erspart, sich zu erkennen zu geben, da der Mann auch nach zwei Minuten offenbar nicht wusste, wer sie war.

Außerdem hätte das Oma Grete gefallen: Ihre Enkelin, die bei anderen Leuten für Ordnung und Sauberkeit sorgte. Ein Traum.

Janne stöhnte und presste ihre Hände gegen die Schläfen. »Verschwinde!«

»Ich denke gar nicht daran.«

»Dich meine ich nicht.«

Ihre Arme fielen wieder herab. Es hatte sowieso keinen Sinn, Grete aus ihrem Kopf vertreiben zu wollen. Die hatte sich irgendwo in einem hinteren Winkel des Bewusstseins festgesetzt, an den Janne im Augenblick nicht rankam.

»Außer uns ist hier aber keiner«, tönte die Männerstimme.

»Mensch, früher warst du plietscher.«

Auf Langeoog duzte man sich, das wusste Janne noch genau, und das hatte ihr Levke gestern auch mit als Erstes erklärt.

Außerdem waren sie und der breite Brustkorb alte Bekannte. Obwohl es damals noch keine beeindruckenden Körpermaße gegeben hatte. Und kein scharf gemeißeltes Männergesicht mit Bartschatten und so strahlend blauen Augen, dass sie bis aufs Festland leuchteten. Von dunkelblondem welligen Haar war auch keine Rede gewesen. Janne erinnerte sich an die noch weichen Züge eines Jungen, an Augen hinter dicken Brillengläsern, und an strähniges, schlammfarbenes Haar.

Ihr Nacken schmerzte, weil sie den Kopf so weit zurücklegen musste, aber sie sie konnte sich von dem Anblick einfach nicht losreißen.

»Inwiefern war ich früher klüger?«, fragte er nun und klang auf einmal betont höflich. Vielleicht glaubte er ja, er habe es mit einer verwirrten Person zu tun.

Janne feixte, was bestimmt keinen besseren Eindruck auf ihn machte.

Er trat einen Schritt zurück. »Geht es Ihnen gut?«

Küss mich!, dachte sie. Nimm mich in den Arm und halt mich fest.

Huch? Wo kam das denn her?

Von Oma Grete ganz sicher nicht.

Vielleicht bin ich ja wirklich durcheinander. Zu viel Neuanfang, zu viel Aufregung, zu viel Angst, und zu viel Tammo Harling.

Genau der. Von den knapp zweitausend Einwohnern Langeoogs musste sie an ihrem ersten Tag ausgerechnet ihrem Freund aus Kindertagen in die Arme laufen.

»Du weißt nicht, wer ich bin«, stellte sie zaghaft fest.

Seine schöne breite Stirn legte sich in Falten. »Verzeihung?«

Okay, das war wirklich peinlich. Sie wünschte, eine plötzliche Sturmflut käme und risse alles mit sich – einschließlich ihr selbst. Sie wollte in den Wellen ertrinken, wenn nur dieser schrecklich peinliche Moment verging.

Tammo, ihr Held, ihr Beschützer, der Junge an den sie noch viele Jahre gedacht hatte und den sie in der ersten Sekunde wiedererkannt hatte – war ahnungslos.

Herrgott!

Sah sie so anders aus? Oder hatte sie sich so zu ihrem Nachteil verändert, dass er in ihr unmöglich das sonnengebräunte kräftige Mädchen von einst entdecken konnte? Im Gegensatz zu ihm war sie nicht in die Höhe geschossen, ihre Figur hatte sich eher ins Rundliche entwickelt, und ihr Haar hatte einige Färbungen nicht so gut vertragen. Es hing jetzt mausbraun und vom Nordseewind zerzaust auf die Schultern hinunter. Ihre Augen aber waren noch dieselben. Groß und rund und dunkel.

Wie …

»Robbenauge!«, rief Tammo aus und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. Ziemlich fest, aber er zuckte nicht mal zusammen. »Ich fasse es nicht. Bis du es wirklich? Du bist so … ähm … klein.«

»Kann ja nicht jeder drei Meter groß werden«, gab sie mürrisch zurück.

Tammo lachte ein großes, ansteckendes Lachen.

Küss mich, dachte sie wieder und hielt sich den Mund zu, damit ihr bloß kein falsches Wort entschlüpfte.

Komisch. Damals hatte sie keine solchen Gefühle für ihn gehabt. Na ja, es war einundzwanzig Jahre her. Damals waren sie noch Kinder gewesen, und Tammo hatte nicht wie ein nordischer Gott ausgesehen.

»Komm rein«, sagte er. »Ich mache uns einen Kaffee. Ich habe noch Zeit, bis ich öffne. Dann erzählst du mir, wie es dir ergangen ist und warum du dir die Nase an meiner Eingangstür platt drückst.«

Janne zögerte. Dieser Moment hier war perfekt. Zwei Freunde aus alten Zeiten trafen sich wieder, der eine erinnerte sich nach ein, zwei Minuten sogar an den Spitznamen, den er sich ausgedacht hatte, die andere entwickelte zärtliche Gefühle.

Ab hier konnte es nur noch kompliziert werden.

»Na los, Robbenauge.« Tammo hielt ihr die Tür auf. »Sei keine Bangbüx. Ich fresse dich schon nicht auf, keine Sorge.«

Als Angsthase ließ Janne sich von niemandem bezeichnen, also straffte sie sich und betrat die Fischbude. Sie musste sich ziemlich dicht an ihm vorbeidrängen, was ihrem Herzschlag nicht besonders gut bekam. Der geriet kurz außer Kontrolle. Es fühlte sich an wie ein Flattern in ihrem Brustkorb. Zart, wie von Schmetterlingsflügeln. Verwirrt knurrte sie: »Mach doch Platz!«

Er lachte nur wieder, anscheinend genoss er den Moment.

Im Innern roch es intensiv nach Fisch, aber auch nach frisch aufgebrühtem Kaffee. »Ich habe nur ganz normalen Filterkaffee«, sagte Tammo. »Ich hoffe, das ist in Ordnung.«

»Klar«, gab sie zurück und kam sich selbst ungewöhnlich wortkarg vor. Lieber hätte sie ein Glas Wasser gehabt. An diesem Morgen hatte sie schon mehr als genug Kaffee getrunken, und ihr Herz flatterte sowieso noch aufgeregt vor sich hin. Aber sie traute ihrer Stimme im Augenblick nicht über den Weg.

»Gut. Setz dich, ich hole uns schnell zwei Becher.«

Janne nickte nur und wartete, bis er in der Küche verschwunden war, bevor sie auf einen der Hocker kletterte und eine halbwegs bequeme Position zu finden versuchte, was mit normal langen Beinen nicht einfach war.

»Tut mir leid«, sagte Tammo, als er mit zwei dampfenden Bechern wiederkam. »Diese Hocker sind wirklich unpraktisch. Als ich sie angeschafft hatte, habe ich einfach nicht daran gedacht, dass manche Leute nicht so lang sind wie ich.«

Janne spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Obwohl sie selbst wusste, wie unbegründet das war, konnte sie es nicht verhindern.

Tammo nahm locker Platz und reichte ihr einen Becher. »Milch und Zucker?«

»Schwarz, danke.«

Sie tranken beide einen Schluck, bevor Tammo sagte: »Nachträglich mein Beileid.«

»Wie bitte?«

»Deine Großmutter ist gestorben.«

»Ja, vor zwei Jahren.«

Er hob die Brauen. »Tatsächlich? Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht. Ich wollte zur Beerdigung kommen, ganz ehrlich. Aber es war Hochsaison, und ich konnte einfach nicht weg.«

»Schon in Ordnung«, sagte Janne. Sie fragte sich, was sie empfunden hätte, wenn sie dieses Bild von einem Mann auf der Trauerfeier entdeckt hätte. Wahrscheinlich wäre es ihr nicht besser ergangen als heute.

Dann fiel ihr ein, dass sie damals noch mit Frank zusammen gewesen war. Zu ihrem leisen Entsetzen änderte dieses Wissen nichts an ihrer Überzeugung, dass sie, egal zu welchem Zeitpunkt, den heutigen Tammo ungemein attraktiv gefunden hätte.

Sie bemerkte, dass er ihre Hände betrachtete. Schnell versteckte sie sie unter dem Tisch.

Tammo schien etwas sagen zu wollen, aber sie kam ihm zuvor.

»Erzähl mir von dir. Früher wolltest du mal Kapitän werden und die Weltmeere bereisen. Was ist aus dem Traum geworden?« Sie merkte, wie abfällig sie klang, und biss sich auf die Lippen. »Entschuldige, ich wollte nicht unhöflich sein.«

»Das bist du nicht«, entgegnete Tammo mit einem kleinen Lächeln. »Du weißt das also noch. Ja, stimmt, das war mal mein Traum. Aber Träume können sich ändern, und letztlich wollte ich nicht von Langeoog weg.«

Janne spürte, da war noch mehr. Etwas musste vorgefallen sein, das ihn auf der Insel gehalten hatte. Doch wenn er nicht darüber sprechen wollte, würde sie ihn nicht drängen.

»Ich habe dann eine Ausbildung zum Krankenpfleger und zum Rettungssanitäter gemacht und auch viele Jahre in dem Beruf gearbeitet.«

»Du hast schon früher gern die anderen Kinder verarztet«, bemerkte sie.

Er lächelte. »Aber die Arbeit hat mich aufgefressen. Ständig auf Abruf zu sein, immer in höchsten Stresssituationen funktionieren zu müssen und die schwierigsten Momente anderer Menschen begleiten und dabei der Ruhepol und sichere Fels sein zu müssen – das ist anstrengend. Besonders in der Hochsaison, wenn es häufig zu Notfällen kommt. Ich wollte mehr Zeit für mich haben. Jetzt bin ich nur noch Springer und werde gerufen, wenn es mal wirklich brenzlig wird. Das hier …«, er machte eine Geste, die die Fischbude umfasste. »Das gefällt mir hundertmal besser.«

Auch jetzt sagte er nicht die ganze Wahrheit, das spürte Janne. Aber jeder Mensch hatte das Recht auf Geheimnisse, deshalb nickte sie nur.

Eine andere Frage interessierte sie ohnehin viel brennender. Aber sie traute sich nicht, sie zu stellen.

Ob er wohl verheiratet war? Womöglich Familienvater? Einen Ring konnte sie nicht entdecken, aber das wollte nichts heißen.

»Jetzt bist du dran.« Tammo blickte erneut auf ihre Hände.

Dummerweise hatte Janne vergessen, sie unter dem Tisch zu lassen. Sie waren voller größerer und kleiner Narben. Schnitte und Verbrennungen hatten eine Landschaft aus Missgeschicken darauf gezeichnet.

»Du bist entweder eine etwas tollpatschige Köchin oder eine miserable Chirurgin.«

»Ersteres«, gestand sie. »Aber so ungeschickt bin ich gar nicht. Du weißt ja selbst, wie hektisch es in einer Küche zugehen kann.«

»Eigentlich nicht.« Er grinste. »Ich lasse mich hier nicht stressen. Entweder die Leute geben sich mit dem zufrieden, was gerade fertig ist, oder sie gehen weiter.«

Janne legte den Kopf schief. »So könnte ich niemals arbeiten.«

Sein Grinsen wurde ein Stück breiter. »Natürlich nicht. Du auf keinen Fall.«

»Wie meinst du das?«, fragte sie eingeschnappt.

»Wenn du den Einfluss deiner Oma nicht abgeschüttelt hast, dann bist du die kleine Perfektionistin geblieben, die ihre gefundenen Herzmuscheln nach Größe und Farbschattierung sortiert hat. Und je genauer du alles hinkriegen willst, desto mehr gerätst du in Hektik, und dann passieren Unfälle wie dieser da.«

Er nahm ihre rechte Hand und strich mit dem Zeigefinger über eine längere Narbe am Daumen.

Janne erschauderte. Tammo hatte ihr klitzekleines Problem auf den Punkt gebracht. Großmutter Grete mit ihrem Ordnungs- und Sauberkeitsfimmel hatte sich damals in ihrem Kopf festgesetzt, denn Janne war ein beeinflussbares Kind gewesen, das zu Hause in Dresden zu viel sich selbst überlassen gewesen war.

Ihre Mutter Martina hatte als Modejournalistin Karriere gemacht und war selten daheim gewesen. Ihren Vater kannte sie nicht. Als sie mit acht auf die Insel gekommen war, weil ihre Mutter für zwei Jahre nach Paris zog und sie nicht hatte mitnehmen können, war ihre Welt aus den Fugen geraten und Grete hatte leichtes Spiel gehabt.

Natürlich war ihre Großmutter nicht nur schlecht gewesen. Immerhin hatte sie dem Kind Halt und Verlässlichkeit geboten. Aber sie war eben auch sehr streng gewesen und hatte die etwas unordentliche Janne innerhalb von zwei Jahren in ein Mädchen verwandelt, das immer alles richtig machen wollte und mit weniger als hundert Prozent nicht zufrieden war.

Als Martina zurückgekehrt war, hatte sie ihre Tochter kaum wiedererkannt. Aus dem mageren Kind war eine braungebrannte starke Insulanerin mit einem ausgeprägten Hang zur Perfektion geworden.

Ein neuer Schauder erfasste Janne, als sie daran dachte, wie sehr diese Neigung ihr Leben beeinflusst hatte. Ihre Ausbildung zur Köchin und Konditorin hatte darunter gelitten, dass ihre Kreationen nicht rechtzeitig fertig wurden, weil sie ihrer Meinung nach noch nicht perfekt waren. Später wurde es nicht besser. Sie verlor Arbeitsstellen und sie verlor sogar ihren Partner Frank, weil der mit ihrer Ordnungsliebe nicht mehr zurechtkam.

Frank ist aber auch wirklich sehr nachlässig gewesen, überlegte sie.

Ein Kichern stieg in ihrer Kehle auf, doch sie unterdrückte es. Sie hatte Frank vielleicht nicht geliebt, aber sie hatte ihn sehr gern gehabt, und es hatte ihr leidgetan, als er sie verlassen hatte.

Hier auf Langeoog würde alles besser werden, das hatte sie sich geschworen. Sie würde entspannter sein und ihr Leben neu in den Griff kriegen.

Und wenn nicht?, fragte sie sich ängstlich. Wenn ich es nicht schaffe, mich zu ändern? Was dann?

Wieder erschauderte Janne, dann stutzte sie. Diese ganzen Schauder – kamen die wirklich davon, dass sie über ihr Leben nachdachte?

Oder eher von der großen starken Männerhand, die gar nicht daran dachte, ihre Finger loszulassen?

Oh, verflixt! Das hier konnte sehr schnell sehr kompliziert werden.

Alles Mögliche hatte sie sich für ihren Neuanfang gewünscht. Aber ganz sicher nicht die große Liebe.

Denn diesen Mann hier, das spürte sie in ihrem Innersten, würde sie aus tiefstem Herzen lieben können. Wie noch keinen anderen zuvor. Und genau deshalb musste sie um jeden Preis verhindern, dass es dazu kam.

Woher dieses Wissen rührte, wusste sie nicht. Es war einfach da, so sicher wie ein Sonnenaufgang auf Langeoog.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Tammo. »Du siehst ein wenig erschrocken aus.«

Hatte seine Stimme die ganz Zeit schon so sexy geklungen? Oder war das erst in den letzten zwei Minuten passiert?

»Warum sagst du nichts mehr?«

»Mir geht es gut«, krächzte sie. Okay, ihre eigene Stimme hörte sich an wie eine rostige Küchenmaschine.

Er nahm seine Hand weg, und dort, wo er sie berührt hatte, verwandelte sich ihre Haut in eine Eiswüste.

»Ich würde gern noch Stunden mit dir quatschen, aber die Pflicht ruft. Wollen wir uns vielleicht heute Abend treffen? Bei der krummen Kiefer?«

»Die steht noch?«, fragte sie und freute sich insgeheim, dass er ihren alten Treffpunkt noch kannte. Dort, am Rande des Inselwäldchens, hatte er immer auf sie gewartet, um zu einem ihrer vielen Abenteuer aufzubrechen.

»Klar, die weht nicht mal ’n Blanker Hans um«, sagte er und meinte damit den schlimmsten Sturm, den es an der Nordseeküste geben konnte. Dann glitt er von seinem Hocker und streckte sich. Seine Fingerspitzen berührten dabei locker die Decke.

Das Spiel seiner Bauchmuskeln unter dem dünnen T-Shirt war fast zu viel für Janne. »Machst du Bodybuilding?«

Stark war er auch früher gewesen, aber doch nicht so!

Tammo lachte. »Nee, ich bin bei der Seenotrettung. Da halten wir uns fit.«

Sie rutschte nun ihrerseits vom Hocker, was nur halb so elegant aussah, weil sie dabei einiges an Entfernung bis zum Boden zurücklegen musste, und ging auf die Tür zu. »Also tschüs.«

»Warte, du hast mir noch nicht zugesagt. Und wie lange bleibst du überhaupt auf Langeoog?«

Einen Moment lang war Janne verwirrt. Er dachte, sie wäre nur auf Urlaub hier? Klar, war ja auch logisch.

Mit ihrem strahlendsten Lächeln erwiderte sie: »Wir können uns gern treffen, Tammo. Nur jetzt am Anfang habe ich wahrscheinlich wenig Zeit. Aber später jederzeit.«

»Ich verstehe kein Wort«, meinte er und verschränkte die Arme vor der Brust.

Sie beschloss, ihn ein bisschen in die Irre zu führen. Als kleine Rache dafür, dass er sie so durcheinanderbrachte. Egal, ob beabsichtigt oder nicht. Vielleicht half es ihr ja, etwas Abstand zu gewinnen.

»Ach, weißt du«, sagte sie leichthin, »es fällt mir echt schwer zu entscheiden.«

»Was denn?« Seine Miene zeigte jetzt Ungeduld.

»Ob Langeoog der richtige Ort ist.«

»Wofür?«

»Vier Kinder sind ziemlich viele, und ich weiß nicht, ob ich ein Haus finde, das groß genug für alle ist.«

In die Augen sah sie ihm lieber nicht. Sonst hätte er sofort gesehen, dass sie schwindelte. Sollte er doch glauben, dass sie verheiratet war und eine große Familie hatte. Früher hatten sie einen Wettbewerb daraus gemacht. Einer dachte sich eine Geschichte aus, und der andere musste erraten, was daran stimmte, und was nicht.

Ob Tammo sich wohl daran erinnerte? Janne wartete gespannt ab.

»Du willst hierher nach Langeoog ziehen?«, fragte er nach. Die vier Kinder ließ er wie nebenbei unter den Tisch fallen.

Auch eine Möglichkeit, damit umzugehen.

»Ganz genau. Im Augenblick muss noch der Ferienhof Dirks herhalten. Kennst du den?«

»Klar, Silka ist eine gute Freundin.«

Das war Levkes jüngere Schwester, soweit Janne wusste.

Sie legte noch eins drauf: »Die Kinder sind ganz verrückt nach den Tieren.« Das war ja noch nicht mal gelogen. Alle Urlaubskinder liebten die schneeweißen Miniponys Anna und Elsa, und natürlich Theodor den riesigen, aber gutmütigen Bernhardiner.

»Na dann«, sagte er unbestimmt.

Janne lachte. »Ist schon gut, Tammo. Du kommst nicht drauf. Ich habe dich angeflunkert. Ich bin weder verheiratet noch Mutter.«

Sah sie da einen Anflug von Erleichterung in seinen Augen?

Sie wagte es kaum zu hoffen. Eine Minute später wünschte sie jedoch, sie wäre bei ihrer Geschichte geblieben, denn seine Reaktion auf das, was sie wirklich vorhatte, war niederschmetternd.

»Aber ich werde nach Langeoog ziehen. Ich habe die Backstube nebenan gekauft und eröffne ein Bistro für norddeutsche Spezialitäten.«

Tammos Miene verfinsterte sich schlagartig. »Sag mir, dass das eine Lüge ist!«

Sie wich zurück in die Eingangstür. »Wieso? Was ist so schlimm daran?«

Bevor er antworten konnte, wurde Janne vom Bürgersteig aus angesprochen.

»Moin. Sind Sie Frau Thiel? Ich bin Hauke Wennige von der Baufirma. Wollen wir uns mal einen Überblick verschaffen?«

Spätestens jetzt musste Tammo begriffen haben, dass sie diesmal die Wahrheit gesagt hatte.

Er verschwand wortlos in der Küche, aber der Blick, den er ihr noch zuwarf, war eisig.

Was war in den letzten Sekunden passiert? Hatte er solche Angst vor ihr als Konkurrentin?

Janne glaubte vielmehr, sie würden einander ergänzen, nicht schaden.

Trotzdem ließ seine Reaktion sie Schlimmes ahnen.

3. Kapitel

Mit zunehmender Ungeduld beobachtete Janne, wie der Chef der Baufirma langsam durch die Räumlichkeiten schritt und dabei immer wieder sorgenvoll den Kopf schüttelte. Hauke Wennige kratzte hier ein Stückchen vom Putz ab, zog dort an einer Leitung, prüfte weiter hinten eine hölzerne Bodendiele. Seine Miene blieb dabei ausdruckslos. Als echter Ostfriese ließ er nicht durchblicken, was in ihm vorging.

Weil er keinen Ton von sich gab, war es beklemmend still. Für Janne sah es hier genauso aus wie auf ihren virtuellen Rundgängen. Sicher, es war ein Risiko gewesen, das Objekt zu kaufen, ohne es vorher persönlich besichtigt zu haben, aber sie hatte sich auf die Empfehlung des Maklers verlassen. Und jetzt stellte sie zu ihrer Erleichterung fest, dass sie gut daran getan hatte. Der Verkaufsraum war groß und hell und würde sich als Speisesaal ganz wunderbar machen. Die Backstube dahinter ließe sich ohne größere Probleme in eine Küche verwandeln. Einen großen Restaurantherd plus Kühlschränke und Stahltische hatte Janne bereits bestellt.

Sie ließ ihren Blick weiterschweifen. Einziges Hindernis war der überdimensionale Backofen an der hinteren Wand. Als Janne den Makler gefragt hatte, ob man den hinausschaffen könnte, hatte der ein bisschen herumgedruckst und dann schnell von der perfekten Lage direkt an der Hauptstraße geredet.

Da hätte sie vielleicht misstrauisch werden müssen, denn nun stand Hauke Wennige vor dem alten Holzofen und wog den kahlen Schädel hin und her.

Mit dem Fingerknöchel klopfte er an verschiedenen Stellen gegen die stählerne Ofentür und sagte schließlich: »Oha.«

Dann lange nichts mehr.

Um ihre Ungeduld irgendwie zu zügeln, dachte Janne an Tammo. Was er wohl gerade machte? Ob er auf der anderen Seite die Wand seiner Küche anstarrte und auch über sie nachsann? Vielleicht tat es ihm ja leid, dass er auf einmal so abweisend gewesen war.