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Der Liebesroman mit Gänsehauteffekt begeistert alle, die ein Herz für Spannung, Spuk und Liebe haben. Mystik der Extraklasse – das ist das Markenzeichen der beliebten Romanreihe Irrlicht – Neue Edition: Werwölfe, Geisterladies, Spukschlösser, Hexen und andere unfassbare Gestalten und Erscheinungen erzeugen wohlige Schaudergefühle. Diese Serie enthält alles, was die Leserinnen und Leser von Mystik Romanen interessiert. Ein blasser Mond schien ins Zimmer und tauchte alles in ein geisterhaftes Licht. Ruckartig setzte sich Kathleen auf. Sie hörte ein scharrendes Geräusch hinter der Wand, an der ihr Bett stand. Das Zimmer daneben stand leer. Griseldas lag auf der anderen Seite. War jetzt jemand in dem unbewohnten Zimmer? Aber wieso verursachte er ein so merkwürdiges, unheimliches Geräusch? Nun folgte ein dumpfes Poltern. Entsetzt dachte sie, vielleicht gibt es hier eine Geheimtür. In dem Nachthemd, das man ihr auf Roseville gegeben hatte, lief Kathleen hinaus. Die Lampe im Flur des ersten Stockes war noch matter als die in der Mansarde. Aber Kathleen sah, dass die Tür eines der beiden Zimmer offen stand, die Oliver gehört hatten. Plötzlich griff sie mit beiden Händen an das Geländer, ein erstickter Schrei kam über ihre Lippen. Ein Mann war im Türrahmen aufgetaucht. Sie konnte ihn nur undeutlich sehen, aber sie erkannte, dass er das Kreuz schlug. Kathleen ergriff die Flucht. Sie stolperte die Treppe hinauf. Auf dem Kennedy-Flughafen in New York blies ein kalter Wind. Die dreiundzwanzigjährige Kathleen Thayer war nicht traurig, weil sie New York verließ. Sie war in London in einem Waisenhaus aufgewachsen.
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Ein blasser Mond schien ins Zimmer und tauchte alles in ein geisterhaftes Licht. Ruckartig setzte sich Kathleen auf. Sie hörte ein scharrendes Geräusch hinter der Wand, an der ihr Bett stand. Das Zimmer daneben stand leer. Griseldas lag auf der anderen Seite. War jetzt jemand in dem unbewohnten Zimmer? Aber wieso verursachte er ein so merkwürdiges, unheimliches Geräusch? Nun folgte ein dumpfes Poltern. Entsetzt dachte sie, vielleicht gibt es hier eine Geheimtür. In dem Nachthemd, das man ihr auf Roseville gegeben hatte, lief Kathleen hinaus. Die Lampe im Flur des ersten Stockes war noch matter als die in der Mansarde. Aber Kathleen sah, dass die Tür eines der beiden Zimmer offen stand, die Oliver gehört hatten. Plötzlich griff sie mit beiden Händen an das Geländer, ein erstickter Schrei kam über ihre Lippen. Ein Mann war im Türrahmen aufgetaucht. Sie konnte ihn nur undeutlich sehen, aber sie erkannte, dass er das Kreuz schlug. Kathleen ergriff die Flucht. Sie stolperte die Treppe hinauf. Als sie die Tür ihres Zimmers fast erreicht hatte, stand Griselda vor ihr und hielt sie fest …
Auf dem Kennedy-Flughafen in New York blies ein kalter Wind.
Die dreiundzwanzigjährige Kathleen Thayer war nicht traurig, weil sie New York verließ.
Sie war in London in einem Waisenhaus aufgewachsen. Jetzt zog es sie wieder in ihre Heimatstadt zurück, obwohl sie in New York eine gute Stelle als Dolmetscherin gehabt hatte. Noch hatte sie in London weder eine Wohnung noch eine Stelle.
Ein großer schlanker Mann betrachtete sie lächelnd. Er hatte ein schmales sonnengebräuntes Gesicht, dunkles Haar und graue Augen.
»Wollen Sie auch zur Maschine nach London?«, fragte er.
»Ja, ich bin in London zu Hause.«
»Ich bin Schotte, aber ich fliege zunächst auch bis nach London.« Der Mann griff nach seiner Reisetasche.
Der Bus hielt, und alle drängten zur Gangway des Flugzeuges.
Kathleen wurde von dem Mann getrennt.
Während des langen Fluges bemerkte sie ein paarmal, dass er zu ihr zurücksah. Jedes Mal fühlte sie sich dann ertappt, weil ihre Blicke auch sehr oft seinen Platz suchten.
»Meine Damen und Herren, es ist kein Grund zur Beunruhigung. Wir haben eben einen Triebwerkschaden festgestellt und werden deshalb auf dem Shannon-Flugplatz in Irland zwischenlanden. Leider müssen wir deshalb mit einer Verspätung von zwei bis drei Stunden rechnen. Der Flugkapitän und die gesamte Crew bedauern das sehr.«
Schon zwei Minuten später erklang das Signal zum Anschnallen. Der Anflug auf den Shannon-Flugplatz begann.
Kalte Angst stieg in Kathleen auf. Sie beugte sich zur Seite.
In diesem Augenblick sah der Fremde wieder zu ihr. Sein Blick war voller Zuversicht, und er lächelte.
Kathleen atmete auf. Sie spürte, dass sich seine Zuversicht auf sie übertrug.
Mit geschlossenen Augen blieb sie die nächsten Minuten sitzen. Erst als rings um sie Stimmengewirr aufklang, sah sie sich wieder um.
Sie stand unschlüssig am Eingang der Wartehalle, weil sie überlegte, ob sie bei dem schönen Wetter nicht lieber im Freien bleiben sollte.
Wieder sah sie den Fremden an. »Wann werden wir wohl weiterfliegen?«
»Eben wurde durchgesagt, dass die Reparatur doch drei Stunden dauern wird. Wer weiß, ob es damit getan ist. Übrigens, darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Oliver Conelly. Wenn wir jetzt gezwungen sind, noch drei Stunden länger beisammen zu sein, möchte ich der Höflichkeit Genüge tun.«
»Dann darf ich Ihnen wohl nicht nachstehen.« Kathleen lachte verschmitzt. »Ich bin Kathleen Thayer. Ich begleite Sie gern. Wenn man aus dem Hexenkessel in New York kommt, muss diese Gegend wie ein Wunderland auf einen wirken.«
»Sie ist auch märchenhaft schön«, sagte Oliver Conelly. Er ging mit Kathleen zum Ausgang.
Noch einmal wurde ihnen gesagt, dass der Flug in drei Stunden fortgesetzt werden sollte, dann verließen sie den Flugplatz. Wie zwei Menschen, die miteinander schon vertraut waren, gingen sie am Shannon River entlang.
Oliver Conelly hatte nicht zu viel versprochen.
Gerade jetzt, da die Sonne unterging, sah die Landschaft wie verzaubert aus.
»Kennen Sie meine Heimat? Ich stamme aus dem Hochland. Aus der Nähe des berühmten Loch Ness.«
»Gerade dort war ich bei einem einzigen Besuch in Schottland. Aber das ist schon sehr lange her. Ich glaube, dass ich erst zehn Jahre alt war. Damals bekam mein Waisenhaus diese Reise für alle Kinder geschenkt.«
Oliver zeigte auf eines der kleinen weißen Häuser am Ufer.
»Ich glaube, das ist ein Gasthaus. Sehen Sie, es sitzen Leute davor. Hätten Sie nicht Lust auf einen kleinen Imbiss, vielleicht auf einen Irish Coffee?«
»Ja, ich würde mich gern ganz nahe an den Fluss setzen«, sagte Kathleen erfreut. »Mr Conelly, und …« Plötzlich stockte sie. »Oder muss ich Sie mit ›Sir‹ ansprechen?«
»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Oliver verdutzt.
Kathleen lachte etwas verlegen.
»Ach, wissen Sie, das sind vielleicht die Träume eines kleinen armen Mädchens. So, wie Sie aussehen, habe ich mir früher immer einen Sir oder Lord vorgestellt.«
Oliver grinste. »Ich bin Lord Oliver Conelly, aber lieber …«
»Ein echter Lord«, sagte Kathleen leise.
Als sie dann am Fluss saßen und gar nicht danach fragten, wie viel Zeit verging, spürten sie beide, dass sie an ihre Bekanntschaft nicht den üblichen Maßstab anlegen durften.
Lord Oliver sprach von sich und seiner Familie.
»Es war mein Vater, der den guten Geist auf unserem Besitz Roseville spielte. Mit meiner Mutter konnte ich mich nie besonders gut verstehen. Sie ist herrschsüchtig. Aber an meinem Vater prallte sie immer wieder ab. Er ließ es auch nicht zu, dass sie mich so in die Zucht nahm, wie sie das gern getan hätte. Für meinen Vater war es wichtig, dass ich rechtzeitig lernte, das zu Roseville gehörende große Gut zu verwalten. Er ließ mir aber auch Freiheiten. Noch mehr als mich unterstützte er meine Schwester Natalie. Sie ist unser Nachkömmling. Während ich zweiunddreißig Jahre alt bin, ist sie erst einundzwanzig geworden.« Lord Olivers Stimme klang sehnsüchtig. »Vielleicht ist es wirklich nicht richtig, wenn ich sage, es erwartet mich niemand. Natalie und ich hängen sehr aneinander. Sie wird sich freuen, mich wiederzusehen. Natalie geht es auch nicht um das Erbe. Sie fand es selbstverständlich, dass ich vor zwei Jahren den Besitz übernahm, als mein Vater starb. Meine Mutter aber wollte das nicht akzeptieren. Ihr war kein Mittel zu schäbig, um mich zu vertreiben. Man hat mir sogar nach dem Leben getrachtet.«
Kathleen sah Lord Oliver erschrocken an.
»Warum soll ich nicht auch das noch sagen, dass ich mich von meiner Mutter zu einer überstürzten Verlobung hatte verleiten lassen? Mit einer beinah gleichaltrigen Frau, die ganz vom Schlag meiner Mutter war. Ich habe diese Verlobung wieder gelöst, als mich mein Vater vor Griselda warnte. So heißt diese Frau – Griselda Garvin. Sie ist die Tochter eines in der Landespolitik sehr bekannten und ehrgeizigen Mannes. Griselda hat den Ehrgeiz ihres Vaters geerbt, sie will hoch hinaus und möchte alles zusammenraffen, was sich ihr bietet. Ich hätte ein solches Leben nicht ertragen. Nun war ich zwei Jahre in Kalifornien, weil ich es zu Hause nicht mehr ausgehalten hatte. Bis jetzt weiß noch niemand, dass ich zurückkehre. Wahrscheinlich wird man darüber nicht sonderlich erfreut sein. Aber ich bin es meinem Vater schuldig, dass ich mich um das Gut kümmere, und es zieht mich in meine Heimat zurück. Erst in der Fremde habe ich gemerkt, wie sehr ich sie liebe.«
»Warum sollen Sie sich auch draußen in der Welt herumschlagen, wenn Sie ein so schönes Zuhause haben?«, fragte Kathleen. »Ich wäre froh, wenn ich überhaupt irgendwo daheim wäre.«
Als sie vor dem Flughafengebäude angelangt waren, stieg ein Flugzeug von der Rollbahn auf.
Unwillkürlich lehnte sich Kathleen an Lord Oliver und sagte bestürzt: »Das ist unsere Maschine. Ja, ich erkenne sie genau.«
Lord Oliver legte den Arm um ihre Schultern.
»Nun seien Sie nicht so fassungslos. Natürlich mache ich mir Vorwürfe, Sie zu diesem Ausflug verleitet zu haben, aber nun ist das Unglück passiert. Kommen Sie, wir fragen am Schalter unserer Fluggesellschaft, wann wir nach London weiterfliegen können. Auf einen Tag kommt es sicher auch Ihnen nicht an.«
Gleich darauf erfuhren Kathleen und Oliver, dass man sie bis zum Abflug der Maschine immer wieder aufgerufen hatte.
An diesem Abend gab es keine Möglichkeit mehr, vom Shannon-Flughafen nach London zu kommen. Wahrscheinlich würde es morgen klappen, wenn zwei freie Plätze in einem Flugzeug gefunden wurden.
»Was tun wir jetzt?«, fragte Kathleen.
»Das, was wir tun müssen, zunächst in Irland bleiben.«
Die Wartehalle wirkte jetzt wie ausgestorben. Um so mehr fiel Kathleen ein Mann auf, der langsam auf sie zukam. Er war mittelgroß und untersetzt, den Kragen seines weiten schwarzen Mantels hatte er hochgeschlagen, den breitkrempigen Hut ins Gesicht gezogen.
Jetzt erinnerte sich Kathleen daran, dass sie diesen Mann schon im Flugzeug gesehen hatte. Sie sprang impulsiv auf und ging ihm entgegen.
»Haben Sie auch das Flugzeug versäumt?«, fragte sie.
Der Mann drehte den Kopf zur Seite und flüsterte etwas in seinen graumelierten Vollbart. Ohne Kathleen anzusehen, ging er weiter.
Sie blieb wie angewurzelt stehen – nicht nur wegen seines seltsamen Verhaltens, sondern weil ihr ein merkwürdiger Duft in die Nase gestiegen war.
Immer wieder suchte sie zu ergründen, was für eine Geruchswolke dieser Mann verbreitet hatte. Es war kein Parfüm. Das hätte auch zu dem bäuerlich wirkenden Mann nicht gepasst. Kräutergeruch? Vielleicht Lavendel? Ja, das konnte es sein.
Lord Oliver rief ein Taxi.
Nebeneinander saßen sie im Fond. Nun musste sie sich immer wieder das Lachen verkneifen.
Sie kamen sich wie zwei Verbündete vor, die mit Absicht den Start des Flugzeuges versäumt hatten.
*
Am nächsten Morgen hätten Kathleen und Lord Oliver zuerst auf dem Shannon-Flughafen anrufen müssen, um sich zu erkundigen, ob sie heute nach London weiterfliegen konnten.
Doch das taten sie nicht. Sie sprachen nicht einmal darüber.
Am Vormittag brachen sie zu einem nahegelegenen alten Schloss auf, weil ihnen die Wirtsleute diesen Ausflug empfohlen hatten. Mit einem Augenzwinkern, das ihnen unverständlich gewesen war.
Sie konnten es sich erst erklären, als sie mit dem Fremdenführer auf dem Turm standen und er mit feierlicher Stimme verkündete: »Ein Paar, das dreimal, nach immer sieben Tagen, hier oben steht und sich an den Händen fasst, wird für ein ganzes Leben verbunden sein und auch durch Gewalt nicht für immer voneinander getrennt werden können.« Da verstanden Kathleen und Lord Oliver, warum ihre Wirtsleute sich zugeblinzelt hatten.
Hand in Hand verließen sie den Turm und das alte Schloss. Der Fremdenführer sah ihnen lächelnd nach. Es gehörte zum Glück seiner alten Tage, darauf zu warten, dass junge Paare wiederkamen. Dreimal, nach immer sieben Tagen.
*
Statt auf den Shannon-Flughafen fuhren Kathleen und Lord Oliver in die nächste größere Stadt. Dort kauften sie all das ein, was ihnen fehlte, weil ihr Gepäck im Flugzeug nach London gebracht worden war.
Lord Oliver dachte bei diesen Einkäufen kaum an sich. Es bereitete ihm Freude, Kathleen zu beschenken. Sie machte keinen Hehl daraus, wie neu ihr so etwas war. Was sie besaß, hatte sie sich selbst erarbeiten müssen.
Im Gasthof zog sich Kathleen gleich um. Jetzt sah sie in den kleinen Spiegel.
Sah so ein Mädchen aus, das einen Traum erlebte, das glücklich war?
Auf einmal schossen ihr die Tränen in die Augen.
»Dreimal sieben Tage«, flüsterte sie.
*
Noch zweimal gingen Kathleen und Lord Oliver auf den Turm des alten Schlosses.
Es war ihnen zumute, als brauchten sie es nicht noch einmal zu tun. Hinter ihnen lagen zwei glückliche Wochen, in denen sie die Welt draußen vergessen hatten. Sie waren sich einig, dass sie nie mehr auseinandergehen wollten.
Als sie abends am Fluss saßen, sprach Lord Oliver davon, wie sie sich ihr Leben auf Roseville einrichten wollten.
»Wollen wir nach sieben Tagen noch einmal auf den Turm hinaufsteigen und danach hier in Irland heiraten, Kathleen?«
Das junge Mädchen erschrak. »Du willst nicht auf Roseville getraut werden?«
»Nein. Ich möchte bereits mit meiner jungen Frau dorthin kommen. Jeder soll sofort wissen, dass ich die neue Herrin von Roseville mitbringe. Ich will, dass wir so bald wie möglich für immer verbunden sind. Wo könnten wir eine schönere Hochzeit feiern als hier am Shannon River, wo wir zueinandergefunden haben und so glücklich sind?«
Kathleen war damit einverstanden.
Kathleen und Lord Oliver hatten alle Papiere bei sich, um das Aufgebot bestellen zu können. Drei Tage vor ihrer Trauung stiegen sie zum letzten Mal auf den Turm des alten Schlosses.
Der Fremdenführer hatte sie schon erwartet. Er trug heute einen alten, abgenutzten schwarzen Rock mit langen Schößchen und einen halbhohen Zylinder. Das wirkte zwar sehr merkwürdig, aber das junge Paar wusste, dass er besonders feierlich aussehen wollte. Er war stolz darauf, dass sich an den beiden Fremden der alte Volksglaube wieder einmal bewahrheitet hatte.
Kathleen und Lord Oliver hielten sich fest an den Händen, als sie über das Land sahen.
Leise sagte Lord Oliver: »Mir ist, als ginge unser Blick bis ins schottische Hochland, bis nach Roseville. Dort werden wir ein Leben lang glücklich sein. Niemand wird uns daran hindern.«
Kathleen sah Lord Oliver erschrocken an. Seine Stimme hatte auf einmal verbissen geklungen.
*
Vier Tage später bewegte sich ein langer Hochzeitszug von dem Gasthof in Youghal zu der kleinen Fischerkirche.
Kathleen sah zerbrechlich zart aus in dem weißen Kleid mit dem langen dünnen Schleier. Sie blickte immer wieder in Lord Olivers Augen. Als er ihr vor dem Altar den Ring ansteckte, musste sie gegen die Tränen ankämpfen. Noch immer konnte sie kaum begreifen, dass sich ihr Leben in der kurzen Zeit seit der Abreise aus Amerika so sehr geändert hatte.
»Nun bist du für immer Lady Kathleen Conelly«, flüsterte ihr Lord Oliver zu, als sie die Kirche verließen.
Die Gedanken der jungen Frau wanderten an ihrem Hochzeitsabend immer wieder in die Zukunft. Noch immer hatte sie ihre bange Angst nicht überwunden, wenn sie daran dachte, wie sie wohl auf Roseville aufgenommen werden würde.
Lord Oliver ließ sich nicht anmerken, dass auch er in Gedanken schon oft zu Hause war. Nur er wusste, wie unentschlossen er schon allein die Heimreise angetreten hatte. Zwischen ihm, seiner Mutter und seiner Schwester waren in den letzten beiden Jahren nur wenige Briefe gewechselt worden. Die Mutter hatte ihn auch nie gebeten, zurückzukommen. Ihre Briefe waren immer nichtssagend und lieblos gewesen.
»Komm, Kathleen, es wird Zeit für uns, zu Bett zu gehen. Du siehst schon sehr müde aus, und es ist spät geworden. Dieser schönste Tag in unserem Leben soll nicht zu Ende gehen, ohne dass wir miteinander allein waren.«
Das bescheiden eingerichtete Zimmer war mit Blumen geschmückt. Es war eine bunte Pracht.
Kathleen blieb stehen und atmete den Duft tief ein. Doch schon schüttelte sie den Kopf.
»Was ist das? Ich habe nie gemerkt, dass die Blumen auf den Wiesen so geduftet haben. Das ist ein ganz seltsamer Duft.«
»Ja, das ist es.« Lord Olivers Stimme klang auf einmal spröde, sein Gesicht sah angespannt aus.
Kathleen hatte von einem Strauß zum anderen gesehen. Jetzt blickte sie auf das Doppelbett.
»Lavendel«, flüsterte sie. »Das ist doch Lavendel, Oliver?«
Sie griff nach einem kleinen schmalblättrigen Strauß. Er lag auf der Bettdecke.
Mit zwei langen Schritten war Lord Oliver bei ihr.
Er riss ihr den Strauß aus den Händen, lief damit ans Fenster, riss es auf und warf die Blüten in hohem Bogen hinaus.
Kathleen sah ihren Mann zutiefst erschrocken an.
»Warum tust du das?«, fragte sie. Ein banges Gefühl stieg in ihr auf.
Lord Olivers Gesicht hatte sich gerötet, jetzt wurde es blass.
»Dieser Duft bekommt uns nicht. Er ist penetrant.«
Sie wagte kaum, ihren Mann anzusehen. Nie hätte sie für möglich gehalten, dass er so wütend sein konnte, wie sie ihn jetzt erlebte.
Sie legte die Arme um seinen Hals.
»Warum wollen wir uns diese Nacht verderben? Wir haben uns so sehr auf sie gefreut. Morgen Abend werden wir schon in London sein. In einem unpersönlichen Hotelzimmer, in das uns sicher niemand Blumen stellen wird.«
Sie zog die feinen Nadeln aus ihrem Haar, mit denen der Brautschleier befestigt war.
