Das Kokainschiff - Austin J. Small - E-Book

Das Kokainschiff E-Book

Austin J. Small

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Beschreibung

Chinesische Rauschgiftschmuggler terrorisieren die Londoner Docks. Ihr Chef ist ein hinterlistiger Halb-Chinese. Er schreckt auch nicht vor Mord und Entführung zurück. Die Situation eskaliert, als sich eine naive Amateur-Detektivin, die adlige Hillary Kittredge, an Bord des "Kokainschiffes" schleicht. Ein temporeicher Kriminalroman voller Action. Null Papier Verlag

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Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Austin J. Small

Das Kokainschiff

Kriminalroman

Austin J. Small

Das Kokainschiff

Kriminalroman

(Down River)Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2024Klosterstr. 34 · D-40211 Düsseldorf · [email protected]Übersetzung und Fußnoten: Jürgen SchulzeÜbersetzung: Ravi Ravendro EV: Goldmann, Leipzig, 1932 (249 S.) 2. Auflage, ISBN 978-3-962815-01-1

null-papier.de/angebote

Inhaltsverzeichnis

Zu die­sem Buch

1

2

3

4

5

6

7

8

Dan­ke

Dan­ke, dass Sie sich für ein E-Book aus mei­nem Ver­lag ent­schie­den ha­ben.

Soll­ten Sie Hil­fe be­nö­ti­gen oder eine Fra­ge ha­ben, schrei­ben Sie mir.

Ihr Jür­gen Schul­ze

Kri­mis bei Null Pa­pier

Der Frau­en­mör­der

Eine De­tek­ti­vin

Hem­mungs­los

Der Mann, der zu viel wuss­te

Noch mehr De­tek­tiv­ge­schich­ten

Sher­lock Hol­mes – Samm­lung

Eine Kri­mi­nal­ge­schich­te & Das graue Haus in der Rue Ri­che­lieu

Der Dop­pel­mord in der Rue Morgue

In­di­sche Kri­mi­na­ler­zäh­lun­gen

Kri­mi­nal­ge­schich­ten

und wei­te­re …

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Zu diesem Buch

Die Spin­drift – Ei­gen­tü­mer Toby Es­sex – ist das schnells­te Zehn­me­ter-Mo­tor­renn­boot auf der Them­se; sie bringt es auf mehr als sech­zig See­mei­len die Stun­de; die Pa­trouil­len­boo­te der Lon­do­ner Strom­po­li­zei schaf­fen höchs­tens zehn … Ist es da zu ver­wun­dern, dass die Spin­drift im letz­ten ent­schei­den­den Au­gen­blick ein­grei­fen muss, als Käp­t’n Gros­mans Ko­kain-Schmug­gel­schiff, die Yang­tse aus Han­kau,1 auf der Flucht die ret­ten­de Drei­mei­len-Zone zu er­rei­chen sucht? Aber Toby Es­sex hat noch einen be­son­de­ren Grund, dem chi­ne­si­schen Halb­blut Gros­man das Hand­werk zu le­gen: Hil­la­ry Kitt­red­ge, die Uren­ke­lin von See­räu­bern und furcht­lo­se Toch­ter des eh­ren­wer­ten Sir John Kitt­red­ge, be­fin­det sich näm­lich an Bord der Yang­tse, wo sie auf ei­ge­ne Rech­nung hin­ter das Ge­heim­nis des Chi­ne­sen­damp­fers kom­men woll­te, da­bei aber dem ge­wis­sen­lo­sen Käp­t’n in die Hän­de ge­riet … Für die Be­am­ten der Strom­po­li­zei be­deu­tet das har­te Kämp­fe zu Lan­de und zu Was­ser, und dann ist es, wie ge­sagt, die Spin­drift, die den Sieg über die Ver­bre­cher be­sie­gelt.

das heu­ti­ge Wuhan  <<<

1

Lang­sam däm­mer­te der graue Mor­gen über dem brei­ten Fluss­lauf der un­te­ren Them­se her­auf. In der kal­ten, feuch­ten Luft lag Teer­ge­ruch, und über dem Was­ser hin­gen, flüch­tig und vor­über­ge­hend wie die Mor­gen­däm­me­rung selbst, ge­spens­ti­sche Ne­bel­schwa­den, wäh­rend die Flut macht­voll die Them­se her­auf­kam. Vor dem Po­li­zei­mo­tor­boot rag­te die Tower Bridge aus dem leich­ten Dunst auf, und da­hin­ter er­hob sich am Ufer ma­je­stä­tisch die Kup­pel von St. Paul.

Die gan­ze Nacht hin­durch hat­te das Po­li­zei­boot die wei­te Was­ser­flä­che auf und ab pa­trouil­liert. Ein ge­nau­er Beo­b­ach­ter konn­te auch er­ken­nen, dass die Schlepp­net­ze aus­ge­wor­fen wa­ren. Grau und trüb plät­scher­ten die Wel­len ge­gen den Bug.

Eine hal­be Mei­le ent­fernt fuhr die Spin­drift strom­auf zu ih­rem An­ker­platz in der Nähe des Par­la­ments­ge­bäu­des. Ihr schlan­ker Kiel durch­schnitt das Was­ser wie eine schar­fe Mes­ser­schnei­de. Es war ein herr­li­ches Boot von ras­si­ger Form, aus Alu­mi­ni­um und Ei­chen­holz ge­baut, das schnells­te Fahr­zeug, das Ma­rin­e­in­ge­nieu­re ent­wor­fen und ge­zeich­net hat­ten. Wenn der Mo­tor voll ar­bei­te­te, konn­te das zehn Me­ter lan­ge Boot mit mehr als sech­zig Kno­ten die Stun­de fah­ren. Aber an die­sem Mor­gen hat­te es nur ge­rin­ge Ge­schwin­dig­keit, denn Toby Es­sex, der Ei­gen­tü­mer, nahm Rück­sicht auf die klei­nen Boo­te, die am Ufer an­ge­ket­tet wa­ren. Wenn die Spin­drift mit vol­ler Ge­schwin­dig­keit fuhr, warf sie eine so große Kiel­wel­le auf, dass selbst schwer be­la­de­ne Käh­ne hef­tig hin und her schau­kel­ten.

Ein hüb­sches, schlan­kes Mäd­chen stand hin­ter Toby am Steu­er. Sie trug einen glit­zern­den, schwar­zen Öl­man­tel und eine eng an­lie­gen­de Kap­pe und mach­te einen eben­so vor­züg­li­chen Ein­druck wie das schnel­le Mo­tor­boot. Hil­la­ry Kitt­red­ge war für eine Sai­son der Pfer­de­ren­nen müde ge­wor­den und hat­te sich für Mo­tor­boot­ren­nen be­geis­tert. Und sie war ganz in ih­rem Ele­ment, wenn sie wäh­rend der to­sen­den Fahrt am Steu­er stand, wenn die fri­sche Salz­luft ihr ins Ge­sicht schlug und Schaum­sprit­zer auf sie nie­der­reg­ne­ten. Wie lieb­te sie die atem­lo­se Span­nung, wenn sie mit dem Boot in mög­lichst en­ger Kur­ve um die Eck­bo­jen jag­te! Sie er­leb­te alle auf­re­gen­den Mo­men­te ei­nes Ren­nens mit fie­bern­den Pul­sen, und das Rau­schen des auf­ge­peitsch­ten Was­sers war für sie hin­rei­ßen­de Mu­sik. Zwei Stun­den lang hat­te sie mit Es­sex au­ßer­halb der Nore-Sand­bank1 das schnel­le Boot in al­len Gan­gar­ten aus­pro­biert. Nun wa­ren sie müde, durch­nässt und hung­rig wie zwei Ma­tro­sen.

Es­sex be­merk­te zu­erst das klei­ne Po­li­zei­boot, das höchs­tens zehn Kno­ten in der Stun­de mach­te.

»Möch­test du gern eine Sen­sa­ti­on er­le­ben?« frag­te er und zeig­te auf das Po­li­zei­boot. »Die Schlepp­net­ze sind aus­ge­wor­fen, wahr­schein­lich fi­schen sie nach ei­nem Selbst­mör­der.«

»Ich seh­ne mich mehr nach ei­nem or­dent­li­chen Früh­stück mit Schin­ken und Ei­ern. Wenn du dich nur dazu ent­schlie­ßen wür­dest, den al­ten Kas­ten schnel­ler lau­fen zu las­sen! Dann kämen wir we­nigs­tens noch nach Lon­don, be­vor die Früh­stücks­kar­ten von den Ti­schen ge­nom­men wer­den. Wenn du mich fragst –«

Es­sex brach­te sein Renn­boot etwa in hun­dert Me­ter Ent­fer­nung zum Ste­hen. Er und Hil­la­ry be­ob­ach­te­ten, wie sich die Schlepp­lei­nen spann­ten und wie die Net­ze ein­ge­holt wur­den. Die Be­am­ten lehn­ten sich weit über den Hin­ter­teil des Bugs hin­aus, um einen Ge­gen­stand zu fas­sen, der sich lang­sam aus dem Was­ser hob.

Die bei­den konn­ten zu­nächst nicht ge­nau er­ken­nen, was es war; erst als die Be­am­ten drü­ben mit star­ken Ar­men zu­grif­fen, ent­deck­ten sie, dass die Leu­te einen mensch­li­chen Kör­per an Bord zo­gen.

Es­sex sah sich schwei­gend nach sei­ner Beglei­te­rin um. Hil­la­ry war bleich ge­wor­den und blick­te starr auf die trau­ri­ge Sze­ne. Sie hat­te den Mund ein we­nig ge­öff­net, und ihre Fin­ger trom­mel­ten ner­vös ge­gen das Holz.

»Um Him­mels wil­len, Toby, es ist ein To­ter!« rief sie.

Es­sex stell­te den Mo­tor wie­der an, und das Boot be­weg­te sich lang­sam vor­wärts. »Rege dich nicht dar­über auf. Das pas­siert hier auf der Them­se lei­der ziem­lich häu­fig. Die Zei­tun­gen neh­men kaum noch No­tiz da­von.«

In die­sem Au­gen­blick fuhr die Spin­drift un­ter dem weit vor­ra­gen­den Hin­ter­teil ei­nes Fracht­damp­fers durch, der in der Nähe von Wap­ping Old Stairs vor An­ker lag. Es­sex sah zu der schmut­zi­gen und ros­ti­gen Brücke des Damp­fers hin­auf, um nicht im­mer das un­an­ge­neh­me Bild vor Au­gen zu ha­ben. Plötz­lich stieß er Hil­la­rys Fuß an.

Sie sah sich schnell nach ihm um und folg­te dann der Rich­tung sei­nes Blicks. In der­sel­ben Se­kun­de er­kann­te sie, dass es sich hier um mehr als einen Selbst­mord han­del­te.

Über die Brücke lehn­te sich ein häss­li­cher Mann. Sein Ge­sicht war auf­ge­schwemmt und flei­schig und pass­te zu sei­nem un­för­mi­gen Kör­per. Die Schlitzau­gen, die deut­lich asia­ti­sche Ab­stam­mung ver­rie­ten, blick­ten nach dem Po­li­zei­boot. Der feind­se­li­ge, teuf­li­sche Aus­druck in den Zü­gen die­ses Men­schen war ge­ra­de­zu furchter­re­gend. Die Au­gen flamm­ten wie glü­hen­de Koh­len, und das Ge­sicht war ver­zerrt von dä­mo­ni­scher Wut.

Er schi­en das ele­gan­te Mo­tor­boot, das dicht an sei­nem Damp­fer vor­bei­fuhr, über­haupt nicht zu se­hen; sei­ne Bli­cke ver­schlan­gen das Po­li­zei­boot. Lang­sam hob er die Faust und droh­te den drei Män­nern, die im­mer noch mit der Ber­gung des To­ten be­schäf­tigt wa­ren.

Hil­la­ry hielt den Atem an, als sie zur Brücke hin­aufsah, als ob die Wild­heit und der Hass die­ses Man­nes sie hyp­no­ti­siert hät­ten.

»Was soll das nur be­deu­ten?« frag­te sie schließ­lich.

Es­sex zuck­te die Schul­tern. »Die Strom­po­li­zei ist im All­ge­mei­nen nicht be­liebt bei sol­chen Leu­ten. Alle mög­li­chen Men­schen kom­men im Lauf des Jah­res die Them­se her­auf, und vie­le von ih­nen sind ge­ra­de nicht sehr an­ge­nehm und ma­nier­lich. Wahr­schein­lich hat der da oben auch einen Groll ge­gen die Be­am­ten. Vi­el­leicht ha­ben sie ihn ein­mal scharf an­ge­fasst und ihm das Spiel ver­dor­ben, und nun re­van­chiert er sich da­für.«

»Aber Toby, das ist doch ein Chi­ne­se! Ich dach­te im­mer, die­se Leu­te wä­ren be­kannt we­gen ih­rer un­be­irr­ba­ren Ruhe. Sie zei­gen doch sonst nie­mals ihre Ge­füh­le.«

»Hm – es mag ein hal­ber sein. Je­den­falls macht er aus sei­nem Her­zen kei­ne Mör­der­gru­be und zeigt deut­lich, was er von den Be­am­ten denkt.«

Hil­la­ry Kitt­red­ge trat zu ihm und nahm ihm das Steu­er aus der Hand. Ihre Au­gen blick­ten ent­schlos­sen, und das Kinn hat­te sich et­was vor­ge­scho­ben.

»Was ist denn los?« frag­te Es­sex.

»Ich fah­re zu dem Po­li­zei­boot«, er­klär­te sie be­stimmt.

Es­sex kann­te die­sen Ton und über­ließ ihr das Steu­er ohne Wi­der­spruch. Er sah sie gern, wenn sie in sol­cher Stim­mung war; es ge­fiel ihm, sich von ei­ner Frau lei­ten zu las­sen, die einen so ener­gi­schen Mund hat­te, und die eben­so gut zu steu­ern ver­stand wie er selbst.

Als sie ne­ben dem Po­li­zei­fahr­zeug hiel­ten, schau­te er kurz zu­rück, um den Na­men des Fracht­damp­fers zu ent­zif­fern. Gro­ße Mes­sing­buch­sta­ben, von stür­mi­schen Wel­len et­was aus der Rei­he ge­bracht, wa­ren am Bug be­fes­tigt. Yang­tse hieß das Schiff.

Mit ei­ner ge­schick­ten Wen­dung brach­te Hil­la­ry die Spin­drift Bord an Bord mit dem an­de­ren Boot. Der Ser­geant lehn­te sich vor, um ihr den An­blick des To­ten auf dem Vor­der­deck zu er­spa­ren, aber sie mach­te eine ab­weh­ren­de Hand­be­we­gung.

»Bit­te, be­mü­hen Sie sich un­se­ret­we­gen nicht. Wir ha­ben al­les ge­nau be­ob­ach­tet und sind nicht um der Sen­sa­ti­on wil­len her­ge­kom­men. Ich woll­te Sie nur et­was fra­gen. Ken­nen Sie viel­leicht den Mann, der auf der Kom­man­do­brücke des großen Fracht­damp­fers stand, als wir vor­bei­fuh­ren? Se­hen Sie sich nicht um, sonst weiß er so­fort, dass wir über ihn spre­chen.«

Der Ser­geant sah in das klei­ne Glas­fens­ter des Ma­schi­nen­hau­ses, in dem sich das Flus­sufer spie­gel­te, und ver­such­te, den Mann zu er­ken­nen. Aber die Ent­fer­nung war zu groß.

»Es ist die Yang­tse«, fuhr sie fort, »und ich bin si­cher, dass er ein Chi­ne­se ist oder chi­ne­si­sches Blut in den Adern hat.«

»Wenn er auf der Yang­tse ist, han­delt es sich be­stimmt um einen Chi­ne­sen. Das Schiff ist in Han­kau be­hei­ma­tet und hat nur Chi­ne­sen an Bord. Ich habe den schmut­zi­gen Kahn vom ers­ten Au­gen­blick an nicht lei­den kön­nen. Zwei­mal im Jahr kommt er hier­her und bringt ge­misch­te Fracht aus Chi­na. Auf der Rück­rei­se nimmt er Baum­wol­le und Ma­schi­nen mit. Das ist al­les, was ich dar­über weiß. Aber warum ha­ben Sie ge­fragt? Ist et­was nicht in Ord­nung?«

»Da­von bin ich über­zeugt. Als wir an dem Damp­fer vor­bei­fuh­ren, beug­te sich ein fet­ter Chi­ne­se über das Ge­län­der der Brücke und droh­te Ih­nen mit der Faust. Da­bei mach­te er ein Ge­sicht, als ob er Sie auf­fres­sen woll­te. Der wür­de Sie je­den­falls lie­ber tot als le­ben­dig se­hen.«

»War es ein di­cker Kerl? Stäm­mig und un­ter­setzt, mit auf­ge­dun­se­nem Ge­sicht? Trägt er eine klei­ne, schwar­ze Kap­pe mit ro­tem Knopf?«

Der Ser­geant sprach gleich­gül­tig, als ob er sich nicht sehr für den Mann in­ter­es­sier­te.

»Ja, Sie ha­ben ihn ge­nau be­schrie­ben«, ent­geg­ne­te Hil­la­ry.

»Das ist Gros­man – halb Chi­ne­se, halb Hol­län­der. Eine üble Mi­schung. Über den wür­de ich mir nicht den Kopf zer­bre­chen. Er ist üb­ri­gens der Ka­pi­tän. Wir fas­sen ihn ge­wöhn­lich et­was scharf an, wenn wir sei­nen Kahn durch­stö­bern. Er ver­sucht im­mer, et­was zu schmug­geln. Im Chi­ne­sen­vier­tel drü­ben braucht man dau­ernd Opi­um und die ge­schmug­gel­te Ware bringt gu­ten Ver­dienst. Selbst­ver­ständ­lich kön­nen die uns nicht lei­den. Sie nen­nen uns die Was­ser­rat­ten und wür­den einen Freu­den­sprung ma­chen, wenn sie uns mor­gen aus dem Weg schaf­fen könn­ten.«

Hil­la­ry trat von der Sei­te des Boots zu­rück. »Sie kön­nen das ja hal­ten, wie Sie wol­len, aber ich wür­de an Ih­rer Stel­le den Mann nicht aus den Au­gen las­sen. Er hat nicht nur einen all­ge­mei­nen Groll ge­gen die Strom­po­li­zei, son­dern einen be­son­de­ren ge­gen Sie. Sie müs­sen ihm et­was ge­tan ha­ben, und zwar in der letz­ten Zeit. Er sah, wie Sie den To­ten aus dem Was­ser zo­gen, und da­bei ge­riet er in sol­che Wut. Neh­men Sie sich nur in acht vor ihm. Vi­el­leicht – ach, ich weiß schon, was die Män­ner den­ken, wenn sie un­ser­eins so mit­lei­dig von oben her­ab an­se­hen …«

Der Ser­geant wink­te Es­sex zu. »Ich dan­ke Ih­nen, Miss«, er­wi­der­te er freund­lich. »Mein Name ist Man­ning, und ich bin Ih­nen sehr ver­bun­den für Ihre War­nung. Aber sei­en Sie un­be­sorgt, wir wis­sen uns schon zu schüt­zen.«

Es­sex nick­te dem Ser­gean­ten zum Ab­schied zu, als er wie­der das Steu­er über­nahm, und Man­ning stand noch lan­ge und sah dem schmu­cken Renn­boot nach.

»Ein hüb­sches Kind«, sag­te er zu sei­nem As­sis­ten­ten Proc­ter und rieb die Fin­ger­spit­zen. Das tat er ge­wöhn­lich, wenn er nach­dach­te. »Also wie­der Gros­man! Was hat der Teu­fel dies­mal im Sinn?«

»Das ist schon die zwei­te War­nung, die Sie be­kom­men«, er­wi­der­te Proc­ter und warf ihm einen merk­wür­di­gen Blick zu.

»Das weiß ich«, ent­geg­ne­te Man­ning är­ger­lich. »Aber das er­zäh­le ich doch nicht je­dem, der in ei­nem so ele­gan­ten Mo­tor­boot da­her­kommt. Wenn wir uns erst ein­mal mit sol­chen Leu­ten ein­las­sen, ha­ben wir bald die Stut­zer von Lon­don hier auf der Them­se und kom­men über­haupt zu nichts mehr. Über­neh­men Sie das Steu­er und fah­ren Sie dicht an der Yang­tse vor­bei zur Sta­ti­on zu­rück. Ich will mir den ge­mei­nen Kerl ein­mal an­se­hen. Es ist ir­gend et­was im Gang hier auf dem Fluss, und Gros­man hat si­cher die Hand da­bei im Spiel, wenn er auch nicht die Haupt­per­son ist.«

Proc­ter steu­er­te dicht an dem al­ten Fracht­damp­fer vor­über. Gros­man stand noch auf der Brücke, schi­en jetzt aber das klei­ne Boot un­ten auf dem Was­ser kaum zu be­mer­ken. Mit fast hei­te­rer Mie­ne sah er über die wei­te Was­ser­flä­che, über der in­zwi­schen ein lich­ter, hel­ler Mor­gen auf­ge­gan­gen war. Jede Er­re­gung war aus sei­nem Ge­sicht ge­schwun­den.

»Die alte Chi­ne­sen­rat­te!« sag­te Man­ning lei­se und be­ob­ach­te­te ihn von der Sei­te. Dann wink­te er einen freund­li­chen Gruß, wie es ei­nem Schiffs­ka­pi­tän zu­kommt.

Gros­man er­wi­der­te ihn, trat dann vom Brücken­ge­län­der zu­rück und stieg die Lei­ter zum Ober­deck hin­un­ter. Beim Ge­hen zog er den rech­ten Fuß nach, denn er hin­k­te. Er trug einen be­son­ders ge­ar­bei­te­ten Stie­fel mit un­heim­lich di­cker Soh­le, der die­ses kör­per­li­che Ge­bre­chen aus­glei­chen soll­te. Auf dem Weg zum Sa­lon kam er an ei­nem großen Hau­fen al­ler mög­li­chen Ab­fäl­le vor­bei – Tau­en, Stahl­tros­sen, Se­gel­lein­wand, al­ten Schrub­bern, Blech­büch­sen mit Schiffs­zwie­back, die zer­beult und von Was­ser durch­tränkt wa­ren, ver­ros­te­tem Draht, Blech­kan­nen mit ein­ge­trock­ne­ter Öl­far­be und an­de­rem Kram, der nach ei­ner lan­gen Rei­se ab­ge­sto­ßen wird.

Er gab dem Decks­te­ward den Be­fehl, die Sa­chen zu­sam­men­zu­pa­cken und zu ver­kau­fen. Man­ning sah noch, wie er an Deck ent­lang­hink­te und in der Tür zum Spei­se­sa­lon ver­schwand.

»Ich wür­de eine vol­le Jah­res­pen­si­on dar­um ge­ben, wenn ich wüss­te, was der Kerl dies­mal im Schild führt«, brumm­te der Ser­geant, als Proc­ter das Boot mit si­che­rer Hand an die Lan­dungs­brücke steu­er­te. Nach­dem es fest­ge­macht war, stieg er aus und zeig­te auf den To­ten un­ter dem Se­gel­lei­nen. »Brin­gen Sie ihn zum Schau­haus, und ru­fen Sie den Po­li­zei­arzt an.«

Er ging in sein klei­nes Büro. Auf sei­nem Schreib­tisch lag die Mor­gen­post. An ei­ner Wand stell­te ein Be­am­ter den Zei­ger, der nach ei­ner Ta­bel­le die Höhe der Flut an­gab.

Man­ning griff nach ei­ner Ak­ten­map­pe und nahm ein blau­es Schrift­stück her­vor. Es be­traf den Fall, mit dem sie sich schon den gan­zen Mor­gen be­schäf­tigt hat­ten. Eine punk­tier­te Li­nie war frei­ge­las­sen, und hier mach­te er nun sei­ne Ein­tra­gung: »Lei­che ge­bor­gen um sie­ben Uhr fünf­zig mor­gens.«

Der an­de­re Be­am­te sah ihn fra­gend an, aber Man­ning zuck­te die Schul­tern und rieb wie­der die Fin­ger­spit­zen leicht an­ein­an­der.

Lan­ge Zeit saß er in sei­nem Stuhl, starr­te auf die ge­gen­über­lie­gen­de Wand und sah im Geis­te die Ge­stalt und das Ge­sicht des Ka­pi­täns von der Yang­tse vor sich. Dann schau­te er das Ak­ten­stück durch und rief Scot­land Yard an. Aber dort er­fuhr er, dass nichts ge­gen Gros­man vor­lag, was man even­tu­ell als Ma­te­ri­al ge­gen ihn be­nüt­zen konn­te. Bis jetzt war er noch nie­mals be­straft wor­den. Man­ning gab den Ge­dan­ken auf und wand­te sich der Mor­gen­post zu. Als er den zwei­ten Brief sah, run­zel­te er die Stirn.

Es war eine Mit­tei­lung von Scot­land Yard, kurz und be­stimmt. Der Ko­kain­schmug­gel war wie­der in vol­lem Schwung. Gro­ße Men­gen wa­ren in Lon­don auf den Markt ge­bracht wor­den, und das Übel hat­te un­ge­heu­res Aus­maß an­ge­nom­men. Alle be­kann­ten Kanä­le hat­te man ge­prüft und da­bei fest­ge­stellt, dass die letz­ten Sen­dun­gen über den Fluss ge­kom­men wa­ren. Die vor­ge­setz­te Be­hör­de be­fahl ka­te­go­risch, dass die­ses Übel aus­ge­rot­tet wer­de, und zwar so schnell wie mög­lich. Wi­d­ri­gen­falls wur­den der Strom­po­li­zei eine schar­fe Re­vi­si­on und an­de­re Maß­nah­men an­ge­droht.

Man­ning lehn­te sich zu­rück, und in die­sem Au­gen­blick trat Proc­ter ein. Man­ning sah ihm so­fort an, dass er eine un­an­ge­neh­me Nach­richt brach­te. Er steck­te den Brief in die Ta­sche.

»Hö­ren Sie«, sag­te er ver­drieß­lich zu sei­nem Un­ter­ge­be­nen, »die Ober­lei­tung hat schon wie­der et­was aus­zu­set­zen, und dies­mal hat sie die Strom­po­li­zei am Wi­ckel.«

Proc­ter streck­te die Zun­ge her­aus. »Na, was wol­len sie denn? Me­ckern sie, weil wir die Mo­tor­boo­te nicht fest ge­nug am Ufer ver­täut ha­ben?«

Man­ning schüt­tel­te den Kopf. »Rausch­gift«, brumm­te er.

»Opi­um?«

»Nein, Schnee – blitz­sau­be­res Ko­kain. De­nen summt schon wie­der eine Bie­ne im Schä­del, dass wir den Koks durch­las­sen und ein Auge zu­drücken.«

»Man kann doch nicht sieb­zig See­mei­len und Werf­ten und an­de­re Ge­bäu­de hier am Ufer ab­pa­trouil­lie­ren! Schließ­lich sind wir doch nur zwei­hun­dert Be­am­te, ein­schließ­lich der Re­ser­ven und Ab­lö­sun­gen«, er­wi­der­te Proc­ter hit­zig.

»Ja, aber Scot­land Yard sagt, dass wir es kön­nen, und wenn die sa­gen, dass wir es kön­nen, kön­nen wir es auch.«

»Wir kön­nen un­mög­lich alle Fracht­damp­fer un­ter­su­chen, ganz ab­ge­se­hen von den großen Schif­fen!« rief Proc­ter jetzt laut und in ei­nem Ton, der we­nig dienst­lich klang.

»Trotz­dem müs­sen wir es tun. Die Ker­le, die da oben an den Ma­ha­go­nisch­reib­ti­schen sit­zen, wol­len es. Die Rausch­gift­händ­ler wer­den mit Ware über­schwemmt, die in Fäs­sern und Ton­nen­la­dun­gen her­ein­ge­kom­men sein soll. Das Schlimms­te ist, dass die Sa­che in un­se­rer Sek­ti­on pas­siert ist. Der Chef hat strik­ten Be­fehl ge­ge­ben, das Ko­kain bis auf die letz­te Ta­blet­te aus­zu­rot­ten. Wenn nicht – na, den üb­ri­gen Seich ken­nen Sie ja.«

»Es ist nur scha­de, dass der Po­li­zei­prä­si­dent nicht auch ab und zu bei schlech­tem Wet­ter eine Nacht im Mo­tor­boot Pa­trouil­le fah­ren muss. Zum Bei­spiel letz­te Nacht.«

»Wa­rum ge­ra­de letz­te Nacht? Sie war doch warm, und das Wet­ter war ru­hig«, mein­te Man­ning.

»Ja, aber viel­leicht hät­te er dann ei­ni­ge Ablen­kung. Ich kom­me ge­ra­de vom Schau­haus.«

»Wol­len Sie mich da­mit viel­leicht er­schre­cken?«

»Wer hat uns denn ges­tern zu­erst et­was von ei­nem Selbst­mord er­zählt?«

»Ein Ma­tro­se von ei­nem der Boo­te rief zur Sta­ti­on her­über, dass er an der an­de­ren Sei­te des Ufers ge­se­hen hät­te, wie et­was in den Fluss stürz­te. Das Was­ser spritz­te nach al­len Sei­ten in die Höhe.«

»Wa­rum spritz­te es denn so?«

»Ich weiß es nicht. Es wur­de be­reits dun­kel, und er war ge­ra­de erst ge­kom­men und wuss­te nicht mit den Schif­fen Be­scheid, die hier in der Ge­gend fest­ge­macht ha­ben.«

»Ir­gend­wo beim Wap­ping-Ein­gang des Wes­tern Dock?«

»Ja, er selbst war auf der an­de­ren Sei­te bei den East Lane Stairs.«

»Nun, wir wer­den noch ver­schie­de­nes über die­sen Selbst­mord hö­ren.« Proc­ter nahm ein Stück Stahl aus der Ta­sche und leg­te es vor Man­ning auf den Tisch.

Es war eine etwa zwan­zig Zen­ti­me­ter lan­ge Dolch­klin­ge.

Kurz un­ter dem Griff war sie ab­ge­bro­chen. Man­ning nahm sie auf und be­trach­te­te sie ge­nau­er. Es haf­te­ten Blut­spu­ren dar­an; der Bruch zeig­te eine merk­wür­di­ge Ge­stalt. Ver­schie­de­ne Buch­sta­ben, die in senk­rech­ter Li­nie un­ter­ein­an­der stan­den, wa­ren in den Stahl ein­ge­ätzt.

»Die Schrift hier ist chi­ne­sisch«, sag­te Man­ning.

»Sie ha­ben’s er­fasst. Der Mann, den wir aus dem Fluss fisch­ten, war kein Selbst­mör­der. Der Arzt hat ihm die Klin­ge aus der Brust ge­zo­gen. Es war kal­ter Mord; der Stoß ging di­rekt durchs Herz.«

Man­ning leg­te die Klin­ge zu­rück auf den Tisch und be­trach­te­te sie gleich­gül­tig. Ei­nen Au­gen­blick dach­te er nach. »Proc­ter, zie­hen Sie ein­mal eine ge­ra­de Li­nie von den East Lane Stairs zum Ein­gang des Wes­tern Dock«, sag­te er dann. »Wel­che Schif­fe lie­gen dort?«

»Da ist nur Platz für drei, und die ken­ne ich. Zu­nächst ha­ben wir die Stor­no­way; sie ist be­reits zwei Wo­chen im Ha­fen und kann noch nicht ab­fah­ren, weil die La­dung nicht recht­zei­tig ein­ge­trof­fen ist. Dann die Bau­de­lai­re, ein fran­zö­si­sches Schiff, das re­gel­mä­ßig mit Wein von Bor­deaux kommt. Die ist seit Ende vo­ri­ger Wo­che da. Und zwi­schen bei­den liegt die Yang­tse. Sie hat Reis und la­det Baum­wol­le für die Rück­fahrt. Am letz­ten Mon­tag ein­ge­lau­fen.«

Man­ning rieb das Kinn und sah düs­ter auf den Flut­zei­ger. »Um wie viel Uhr hat denn der Ma­tro­se den Vor­gang be­ob­ach­tet?«

»Es war schon spät, halb zehn oder so. Auf je­den Fall war es schon be­denk­lich dun­kel.«

»Also zu ei­ner Zeit, als die Ebbe in vol­lem Gang war. Das hat sei­ne Be­deu­tung. Der Mann, der den ar­men Kerl er­mor­de­te, war der Mei­nung, dass der Tote um die­se Zeit schon au­ßer­halb von Sheer­ness2 trei­ben wür­de. Er weiß als Hoch­see­schif­fer na­tür­lich nicht, dass dort an der Strom­bie­gung ein Stru­del ent­steht. Ge­gen­stän­de, die dort hin­ein­ge­ra­ten, wer­den ta­ge­lang auf­ge­hal­ten und im­mer wie­der um­ein­an­der­ge­wir­belt. Der Mör­der hat nicht die ge­rings­te Ah­nung von den Strö­mun­gen in der Them­se.«

»Wenn Sie zwei und zwei zu­sam­men­zäh­len, ha­ben Sie den Tä­ter«, be­merk­te Proc­ter und war ent­täuscht, als sein Vor­ge­setz­ter nicht so­fort sei­nen Schluss­fol­ge­run­gen zu­stimm­te.

»Schon gut, aber die Haupt­sa­che ist: wir müs­sen es be­wei­sen kön­nen«, brumm­te Man­ning. »Ich habe ihn je­des Mal un­ter der Lupe ge­habt, wenn er hier vor An­ker ging. Auch sein Schiff habe ich durch­sucht. Ich woll­te ihn we­gen Opi­um­schmug­gels her­an­krie­gen.«

»Und jetzt scheint er sich mehr für mo­der­nes Rausch­gift, für Koks, zu in­ter­es­sie­ren.«

»Ja. Und wir müs­sen erst sei­nen Mit­tels­mann fas­sen, be­vor wir an ihn her­an­kom­men. Vor al­len Din­gen braucht er doch eine Or­ga­ni­sa­ti­on, um den Schnee un­ter­zu­brin­gen. Es hilft uns nichts, wenn wir ihn ver­haf­ten und sei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on un­ter an­de­rer Füh­rung wei­ter­ar­bei­ten las­sen. Wir müs­sen rei­nen Tisch ma­chen und vor al­lem die Leu­te im Wes­ten fan­gen, die den Stoff ver­kau­fen. Wenn wir gan­ze Ar­beit ge­leis­tet ha­ben, kön­nen uns die großen Her­ren an ih­ren Ma­ha­go­nisch­reib­ti­schen auch nichts mehr sa­gen.«

»Ver­ges­sen Sie ih­ren gu­ten Freund, den klei­nen Proc­ter, nicht, wenn Strei­fen ver­teilt wer­den. Wol­len Sie noch et­was über die Din­ge wis­sen? Da kommt eben der Arzt selbst. Er woll­te Sie so­wie­so spre­chen.«

Der Arzt trat ein und warf sei­nen Hut auf den Tisch. »Das ist eine recht böse Ge­schich­te«, be­merk­te er kurz.

Man­ning nick­te. »Der Mör­der muss ein ganz ge­fähr­li­cher Kerl ge­we­sen sein. Er hat sein Op­fer er­sto­chen und er­tränkt.«

»Das ist noch nicht al­les. Ich bin vor al­lem ge­kom­men, um Sie zu war­nen. Hof­fent­lich ha­ben Sie die Klin­ge so we­nig wie mög­lich an­ge­fasst?«

»Ich nahm sie nur in die Hand, um sie zu be­trach­ten. Die Schrift­zei­chen dar­auf sind chi­ne­sisch.«

»Ja, und das Gift an der Klin­ge ist auch chi­ne­sisch.«

»Was mei­nen Sie?«

»Der Mör­der hat sich drei­fach vor­ge­se­hen. Er hat den Mann er­dolcht, ver­gif­tet, und – er­tränkt. Ich hat­te so­fort die­sen Ver­dacht, als ich ein Au­gen­lid des To­ten hob. Die Pu­pil­len sind so krampf­haft zu­sam­men­ge­zo­gen, dass kaum noch eine Na­del­kopf­grö­ße üb­rig bleibt. Die Au­gen selbst sind un­na­tür­lich ver­grö­ßert. Nur ein un­er­träg­li­cher Schmerz kann die­se Wir­kung her­vor­ge­ru­fen ha­ben. Die Ur­sa­che war Gift, das ins Blut ge­drun­gen ist. Al­lem An­schein nach war der Mann schon lan­ge tot, be­vor er in die Them­se ge­wor­fen wur­de. Nicht ein Trop­fen Was­ser war in sei­nen Lun­gen. Als ich das fest­ge­stellt hat­te, such­te ich nach ei­ner an­de­ren To­des­ur­sa­che und fand die Dolch­klin­ge. Der Stahl hat­te bei­de Herzwän­de durch­bohrt. Es muss ein ent­setz­li­cher Stoß ge­we­sen sein.«

»Da­durch ist auch die Klin­ge ab­ge­bro­chen.«

»Der Stoß wur­de von oben nach un­ten ge­führt. Die Klin­ge ist di­rekt durch das Brust­bein ge­gan­gen, und bei dem hef­ti­gen Ver­such, sie aus der Wun­de zu zie­hen, brach sie ab. Aber selbst eine Dolch­wun­de kann nicht eine der­ar­ti­ge Wir­kung auf die Au­gen her­vor­ru­fen. Ich habe den Kör­per un­ter­sucht, es fand sich aber kein Na­del­stich oder die Spur ei­ner Sprit­ze. Da­bei war es voll­kom­men klar, dass das Gift nicht durch den Mund in den Kör­per ge­kom­men war. Des­halb un­ter­such­te ich die Wun­de aufs neue und ent­deck­te da­bei, dass der Dolch mit ei­nem töd­li­chen Gift be­stri­chen wor­den war. Die Sa­che wird che­misch ge­prüft, und so­lan­ge ich den amt­li­chen Be­weis noch nicht habe, rate ich Ih­nen, die Dolch­klin­ge nur mit äu­ßers­ter Vor­sicht zu be­han­deln.«

Man­ning ließ sich das nicht zwei­mal sa­gen. Er nahm das ge­fähr­li­che Ding mit sei­nem Ta­schen­tuch auf, leg­te es in eine Schub­la­de und schloss sie ab.

»Ist der Tote schon iden­ti­fi­ziert wor­den?«

»Sein Bru­der ist ge­kom­men. Es wäre gut, wenn Sie per­sön­lich mit ihm spre­chen wür­den.«

»Weiß er et­was über die Sa­che?«

»Ja und nein. Er sagt, sein Bru­der er­war­te­te ges­tern Abend ir­gend­wel­che Unan­nehm­lich­kei­ten. Mir kommt es son­der­bar vor, dass der Tote hier in die­ser Ge­gend über­haupt et­was zu su­chen hat­te. Der Bru­der will in die­ser Be­zie­hung auch nicht mit der Spra­che her­aus­rücken. Aber das ist ja schließ­lich Ihre Sa­che und nicht mei­ne. Vi­el­leicht brin­gen Sie ihn zum Re­den. Den To­ten hat er je­den­falls ein­wand­frei als sei­nen Bru­der Gilan Ma­xick iden­ti­fi­ziert. An­schei­nend ist er Un­gar. Mehr konn­te ich nicht aus ihm her­aus­be­kom­men.«

»Aber er gab zu, dass sei­nem Bru­der Ge­fahr droh­te?«

»Ja, er er­wähn­te es so ne­ben­her. Sie ken­nen ja die­se Art Leu­te. Die ma­chen den Mund nicht auf, weil sie fürch­ten, sie könn­ten sich selbst durch ihre Aus­sa­gen be­las­ten. Oder aber er fürch­tet sich vor den an­de­ren Mit­glie­dern der Ban­de, die sei­nen Bru­der um die Ecke ge­bracht hat.«

»Das letz­te­re hal­te ich für wahr­schein­li­cher«, er­wi­der­te Man­ning lang­sam. »Mir sieht die Sa­che nach ei­nem Ban­den­mord aus. Si­cher han­delt es sich um eine Ge­sell­schaft, die Ka­pi­ta­li­en hin­ter sich hat.«

»Schmug­gel?« frag­te der Arzt.

»Ja, so et­was Ähn­li­ches. Ich habe üb­ri­gens von Scot­land Yard ein Schrei­ben be­kom­men, das uns vor Rausch­gift­schmug­gel warnt. Die Ge­schich­te scheint sich mit­ten in un­se­rer Sek­ti­on ab­zu­spie­len. Wie der Kerl das Zeug an Land bringt, möch­te ich al­ler­dings wis­sen. Un­se­re Leu­te ha­ben ihn vor­ge­nom­men und al­les ge­nau un­ter­sucht. Und der Mann exis­tiert nicht, der Rausch­gift durch­schmug­geln kann, wenn ihm die Po­li­zei auf der Fer­se ist. Ich weiß, wie un­se­re Jun­gens ein Schiff durch­su­chen. Die ma­chen sich mit Klopf­häm­mern an die Ar­beit, und das gan­ze Schiff wird vom Bug bis zum Steu­er, vom Kiel bis zur Mast­spit­ze un­ter­sucht. Als in ei­nem Fall die Be­am­ten am ach­ten Tage, von Bord gin­gen, hat­ten sie drei­ßig Pa­ke­te Ko­kain ge­fun­den, je­des im Ge­wicht von ei­ner Unze. Und je­des Pa­ket lag an ei­ner an­de­ren Stel­le: ei­nes in der Mehl­kis­te des Kochs, eins hin­ter dem Pa­neel im Spei­se­zim­mer, eins war ins Fut­ter ei­ner al­ten Ma­tro­sen­ja­cke ein­ge­näht, die im Heiz­raum hing, ein an­de­res in die Ecke der Kom­pa­nief­lag­ge, die vom Mast her­un­ter­weh­te, und so wei­ter! Die Haupt­sa­che war aber, dass un­se­re Jun­gens al­les ge­fun­den hat­ten. Alle Pa­ke­te, die an Bord wa­ren, sind zum Vor­schein ge­kom­men. Der Schiffs­maat, der für den Schmug­gel ver­ant­wort­lich war, leg­te ein Ge­ständ­nis ab und war starr vor Schre­cken, als nicht ein Gramm der Durch­su­chung ent­gan­gen war. Bei dem Durch­leuch­tungs­ver­fah­ren und den an­de­ren mo­der­nen Metho­den kann heu­te kein ge­wöhn­li­cher Dieb mehr der Po­li­zei ent­kom­men.«

»Und doch ge­lingt es die­sem Mann, sei­ne Ware durch die Po­li­zeisper­re zu schmug­geln?«

»Ja, und oben­drein noch in un­heim­li­chen Men­gen. We­nigs­tens, wenn man dem Be­richt von Scot­land Yard glau­ben darf. Ent­we­der bringt er das. Zeug an Land, be­vor er fest­macht, oder er hat sich ein ge­nia­les Sys­tem er­dacht, das man nur durch ein Wun­der auf­klä­ren kann.«

»Oder durch einen Glücks­fall«, mein­te der Arzt.

»Hm – ja. Im All­ge­mei­nen ha­ben wir in un­se­rer Sek­ti­on al­ler­dings Pech. Sie tei­len Ihre Fest­stel­lun­gen na­tür­lich dem Vor­sit­zen­den der Mord­kom­mis­si­on mit?«

»Selbst­ver­ständ­lich. Und wenn ich das Un­ter­su­chungs­er­geb­nis von dem Che­mi­ker be­kom­me, schi­cke ich Ih­nen eine Ko­pie. Vi­el­leicht hilft Ih­nen das wei­ter.«

»Wie heißt der Bru­der des Er­mor­de­ten, und wo kann ich ihn tref­fen?«

»Sein Vor­na­me ist Ul­rich, und sei­ne Adres­se hat er im Schau­haus zu­rück­ge­las­sen. Er sag­te mir üb­ri­gens, dass er je­der­zeit zu Ih­rer Ver­fü­gung steht, das heißt, so­lan­ge Sie ihn nicht zu sehr aus­ho­len wol­len. Sie ver­ste­hen, was er da­mit sa­gen will?«

»Ja. Er ist selbst bis über die Ohren in die Sa­che ver­wi­ckelt. Aber ich wer­de schon et­was aus ihm her­aus­brin­gen, und wenn ich ihn einen gan­zen Tag aus­fra­gen müss­te. Vie­len Dank, Dok­tor. Ich sehe Sie spä­ter noch.«

Sand­bank an der Mün­dung der Them­se in die Nord­see  <<<

eng­li­sche Stadt auf der Isle of Shep­pey in der Graf­schaft Kent  <<<

2

Chinkys al­ter Tröd­ler­la­den für Ma­ri­ne­aus­rüs­tun­gen in Wap­ping lag et­was ent­fernt vom Flus­sufer, und auf dem ge­räu­mi­gen Hof herrsch­te ein un­end­li­ches Durchein­an­der von al­ten Schiffs­ge­rä­ten.

Auf zwei Sei­ten war das Ge­län­de von ei­nem ho­hen Zaun um­ge­ben, die bei­den an­de­ren wur­den von um­lie­gen­den Häu­sern be­grenzt.

Die Chi­ne­sen, die in Lon­don in der Nähe des Flus­ses woh­nen, sind merk­wür­di­ge Leu­te: ent­we­der schlim­me Ver­bre­cher oder grund­ehr­li­che Men­schen. Wenn sie zu die­ser zwei­ten Klas­se ge­hö­ren, hal­ten sie fest an ih­ren Prin­zi­pi­en, eben­so wie die großen eng­li­schen Kauf­leu­te. Und Tröd­ler-Chinky zähl­te zu den grund­ehr­li­chen Cha­rak­teren. Er han­del­te nach den Vor­schrif­ten des Ge­set­zes, und die Prei­se, die er zahl­te und nahm, wa­ren ab­so­lut an­ge­mes­sen. Man­ning kann­te ihn schon seit vie­len Jah­ren. Ge­le­gent­lich spiel­te der Chi­ne­se den Dol­met­scher bei den Po­li­zei­ge­rich­ten, und schon in un­zäh­li­gen Fäl­len hat­ten sei­ne Kennt­nis­se von Schiffs- und Ma­ri­nean­ge­le­gen­hei­ten der Po­li­zei großen Vor­teil ge­bracht.

Und doch hat­te auch er sei­ne ei­ge­nen An­schau­un­gen über Recht und Un­recht. Selbst wenn er von dem ge­fähr­lichs­ten Plan er­fah­ren hät­te, der in der Chi­ne­sen­stadt zur Aus­füh­rung ge­bracht wer­den soll­te, hät­te er da­von ei­nem an­de­ren kein Ster­bens­wort er­zählt. Das ging die an, die den Plan ge­fasst hat­ten; es war nicht sei­ne Sa­che. Wenn die Po­li­zei ihn frag­te, war es et­was an­de­res. Da­durch wur­de es sei­ne Sa­che, und er stell­te sei­ne Kennt­nis­se in den Dienst der Be­hör­den. Er war ein merk­wür­di­ger al­ter Mann, kaum grö­ßer als einen Me­ter fünf­zig, da­bei dünn und ha­ger wie ein Strauch­be­sen. Wenn er auf sei­nem La­ger­hof zwi­schen al­ten Tau­en und an­de­ren mehr oder we­ni­ger be­schä­dig­ten Din­gen um­her­ging, mach­te er eine son­der­ba­re Fi­gur. Sein Ge­sicht war so braun und fal­tig wie eine alte Kar­tof­fel.

Auf dem Hof la­gen große Men­gen von al­tem Ei­sen, ver­bo­ge­nen Blech­be­häl­tern, Mes­sing­tei­len von Ma­schi­nen und Kup­fer­kes­seln. Kup­fer und Bron­ze hat­ten Grün­span an­ge­setzt, weil sie dau­ernd im Frei­en stan­den. Im Hin­ter­grund türm­ten sich hohe Sta­pel von Bret­tern und Bau­holz, wie es Schiffs­leu­te brau­chen; da­ne­ben la­gen ein rie­si­ger und meh­re­re klei­ne An­ker, Stahl­tros­sen, Draht­sei­le, auf­ge­wi­ckel­ter Draht, Ber­ge von Ta­ke­la­gen, Tau­en und Werg und vie­les an­de­re. Auf ei­nem be­son­de­ren Hau­fen wa­ren Blech­büch­sen mit al­tem Schiffs­zwie­back auf­ge­sta­pelt. Man­che wa­ren noch voll­kom­men ge­füllt, an­de­re an­ge­sto­ßen oder sonst wie wäh­rend lan­ger, stür­mi­scher See­fahr­ten be­schä­digt wor­den.

An den Zäu­nen lehn­ten Ru­der von je­der Grö­ße und Form.

Chinky ging mit wat­scheln­den Schrit­ten auf den Hof hin­aus. In sei­nem Büro hat­te eine klei­ne Glo­cke an­ge­schla­gen, die nur im In­nern zu hö­ren war. Das ver­riet ihm, dass je­mand durch das Tor ge­gan­gen war. Das Ge­wicht ei­ner Per­son drück­te eine Plan­ke nie­der, so­dass ein Kon­takt aus­ge­löst wur­de. Au­ßer­dem hat­te sich der Mann nicht an der Bü­ro­tür ge­mel­det und ge­sagt, was er woll­te. Chinky selbst war sehr ehr­lich, aber er hat­te die Er­fah­rung ma­chen müs­sen, dass nicht alle Mit­menschen ihm in die­ser Be­zie­hung gli­chen.

Des­halb ließ er sein Es­sen ste­hen und trat in den pral­len Son­nen­schein hin­aus. Ser­geant Man­ning von der Strom­po­li­zei stand mit­ten im Hof und sah sich nach al­len Sei­ten um.

»Kann ich et­was für Sie tun?« frag­te Chinky mit aus­drucks­lo­sem Ge­sicht.

Man­ning be­trach­te­te ihn ein­ge­hend. »Ja«, sag­te er dann. »Sie kön­nen mir hel­fen, aber –«

»Ich spre­che nicht – bit­te.« Die Ant­wort war so ru­hig wie die Ober­flä­che ei­nes Teichs an ei­nem stil­len Som­mer­nach­mit­tag.

»Sa­gen Sie auch nichts, wenn je­mand kommt und Ih­nen eine Bank­no­te zu­steckt?«

»Nein.«

»Schwö­ren Sie das beim al­ten Kon­fu­zi­us?«

»Ich zer­bre­che eine Ta­fel dar­auf, ich lö­sche ein Licht, und ich will ster­ben, wenn ich die Un­wahr­heit sage.«

Man­ning nahm ihn mit zu ei­ner ent­le­ge­nen Ecke und setz­te sich auf eine Kis­te. Dann zog er einen dün­nen Strei­fen Pa­pier aus der Ta­sche und reich­te ihn Chinky. Die chi­ne­si­schen Buch­sta­ben, die in die Klin­ge ein­ge­ätzt wa­ren, stan­den dar­auf.

»Kön­nen Sie mir et­was dar­über sa­gen?«

Der Chi­ne­se be­trach­te­te die Schrift, und die Fur­chen in sei­nem Ge­sicht ver­tief­ten sich, wäh­rend er las. Nach kur­z­er Zeit gab er das Blatt zu­rück.

»Der Satz ist nicht vollen­det«, er­klär­te er mit sei­ner merk­wür­di­gen, sin­gen­den Stim­me.

»Was be­deu­tet es?«

»Es ist ein al­tes Sprich­wort, eine alte chi­ne­si­sche Re­dens­art: ›Tod kommt mit dem Mor­gen­grau­en‹. Und das stimmt für die­se Ge­gend. Es gibt viel Fie­ber, viel Mala­ria. Wenn die Däm­me­rung kommt, dann kom­men die kal­ten Win­de, und vie­le ster­ben, wenn der Mor­gen graut. Sie ster­ben, und sie ge­hen aus wie die tau­send Ker­zen beim Fest des Re­gens. Und eben­so wer­den viel zu viel Mäd­chen in Chi­na ge­bo­ren. Wenn der Mor­gen graut, schwim­men ihre Lei­chen im Jang­tse­ki­ang – vie­le klei­ne Lei­ber – und auch im Hwang­ho.«1

»Wie viel fehlt von dem Spruch?«

»Das letz­te Wort – Mor­gen­grau­en.«

Man­ning steck­te sich eine Zi­ga­ret­te an. »Genau das, was ich selbst dach­te«, er­wi­der­te er, ohne zu er­rö­ten. Auf kei­nen Fall woll­te er sei­ne Un­wis­sen­heit ein­ge­ste­hen, nicht ein­mal ei­nem Mann wie Chinky ge­gen­über. Er blies den Ta­ba­krauch von sich und be­trach­te­te sei­ne Fin­ger­nä­gel ein­ge­hend.

Chinky war­te­te. Er hat­te den Vor­teil, die Sit­ten des Os­tens und die des Wes­tens zu­gleich zu ken­nen, die sich sei­ner Mei­nung nach im Grund nur we­nig un­ter­schie­den.

Schließ­lich schau­te Man­ning wie­der auf. »Ken­nen Sie viel­leicht einen ge­wis­sen Gros­man?« Er gab sich nicht Mühe, sei­ne Neu­gier­de zu ver­ber­gen, denn Chinky hät­te sei­ne Ab­sicht doch so­fort durch­schaut.

»Mei­nen Sie Ka­pi­tän Gros­man von der Yang­tse?«

»Ja. Ver­kau­fen Sie dem manch­mal et­was?«

Chinky über­leg­te.

»Nein«, sag­te er dann. »Ich ver­kau­fe ihm nichts, aber ich kau­fe von ihm – manch­mal.«

»Ab­fäl­le und al­tes Schiffs­ge­rät?«

»Ja, sei­ne al­ten Taue, sei­ne schlech­ten Schiffs­zwie­ba­cke, alte Öl­far­be, den Draht, den er nicht braucht, und ähn­li­che Din­ge.«

»Ken­nen Sie ihn schon lan­ge?«

»Fünf­zehn Jah­re.«

»Sa­gen Sie, ist er mehr Chi­ne­se oder mehr Hol­län­der?«

»Mehr Chi­ne­se, den­ke ich. Er spricht die Man­da­ri­nen­spra­che vor­züg­lich und hat auch einen ro­ten Knopf auf sei­ner Kap­pe, das Zei­chen ei­nes Man­da­ri­nen.«

In die­sem Au­gen­blick kam je­mand auf den Hof, der einen Hand­kar­ren vor sich her­schob. Er fuhr ihn auf die Stel­le zu, wo sich Man­ning mit Chinky un­ter­hielt. Dicht vor den bei­den blieb er ste­hen und sah sie mit ei­nem strah­len­den Lä­cheln an. Das run­de, flei­schi­ge Ge­sicht mit dem wohl­wol­len­den Aus­druck war ty­pisch hol­län­disch. Der Mann trug eine große Bril­le mit di­cken Glä­sern, die sei­ne Au­gäp­fel un­heim­lich ver­grö­ßer­ten, ob­wohl die Far­be blass­blau war.

»Nun, wie steht’s heu­te?« frag­te er mit tie­fem, wohl­klin­gen­dem Bass.

»Wie viel brau­chen Sie denn?« er­wi­der­te Chinky.

»Heu­te drei­ßig, mor­gen mehr.« Er reich­te Chinky eine schmut­zi­ge Zehn­schil­lingno­te.

Der Chi­ne­se nahm den Geld­schein und wink­te ihm.

Wie­der lä­chel­te der Hol­län­der zu­frie­den und freund­lich, wäh­rend er sei­nen Kar­ren zu dem Hau­fen zer­bro­che­ner und be­schä­dig­ter Blech­do­sen mit Schiffs­zwie­back schob.

Chinky be­ob­ach­te­te ihn und lä­chel­te auch ein we­nig. Die gute Stim­mung des an­de­ren steck­te ihn an.

Man­ning schau­te dem Mann zu, der die Büch­sen auf sei­nen Kar­ren lud. Er war viel zu kor­pu­lent, um sich bücken zu kön­nen, und nahm des­halb die hö­her ste­hen­den. Chinky zähl­te sorg­fäl­tig die Do­sen.

»Wer ist denn die­ser alte Kna­be?« frag­te der Ser­geant.

»Das ist Br­en­nink. Ein Hol­län­der. Kauft all mei­nen al­ten Schiffs­zwie­back. Er hat näm­lich eine Hüh­ner­farm, und alte Schiffs­zwie­ba­cke sind gu­tes Hüh­ner­fut­ter. Und bil­lig sind sie auch. Für eine so große Blech­büch­se rech­ne ich nur einen Drit­tel­schil­ling. Wirk­lich sehr bil­lig.«

Man­ning in­ter­es­sier­te sich nicht wei­ter da­für. »Wir wol­len auf un­se­re Sa­che zu­rück­kom­men. Ken­nen Sie Gros­man nä­her?«

Chinky zog eine klei­ne Shag­pfei­fe aus der Ta­sche, stopf­te sie und steck­te sie an.

»Der ist nicht gut«, sag­te er ent­schie­den, wäh­rend er hef­tig qualm­te.

»Wis­sen Sie et­was Be­stimm­tes über ihn?«

Chinky schüt­tel­te den Kopf. »Nein. Aber er ist der ein­zi­ge, der hier­her­kommt und mich nicht be­schwin­deln will, wenn er et­was ver­kauft.«

»Ist er hier in der Chi­ne­sen­stadt be­liebt?«