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Chinesische Rauschgiftschmuggler terrorisieren die Londoner Docks. Ihr Chef ist ein hinterlistiger Halb-Chinese. Er schreckt auch nicht vor Mord und Entführung zurück. Die Situation eskaliert, als sich eine naive Amateur-Detektivin, die adlige Hillary Kittredge, an Bord des "Kokainschiffes" schleicht. Ein temporeicher Kriminalroman voller Action. Null Papier Verlag
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Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Austin J. Small
Das Kokainschiff
Kriminalroman
Austin J. Small
Das Kokainschiff
Kriminalroman
(Down River)Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2024Klosterstr. 34 · D-40211 Düsseldorf · [email protected]Übersetzung und Fußnoten: Jürgen SchulzeÜbersetzung: Ravi Ravendro EV: Goldmann, Leipzig, 1932 (249 S.) 2. Auflage, ISBN 978-3-962815-01-1
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Inhaltsverzeichnis
Zu diesem Buch
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Ihr Jürgen Schulze
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Die Spindrift – Eigentümer Toby Essex – ist das schnellste Zehnmeter-Motorrennboot auf der Themse; sie bringt es auf mehr als sechzig Seemeilen die Stunde; die Patrouillenboote der Londoner Strompolizei schaffen höchstens zehn … Ist es da zu verwundern, dass die Spindrift im letzten entscheidenden Augenblick eingreifen muss, als Käpt’n Grosmans Kokain-Schmuggelschiff, die Yangtse aus Hankau,1 auf der Flucht die rettende Dreimeilen-Zone zu erreichen sucht? Aber Toby Essex hat noch einen besonderen Grund, dem chinesischen Halbblut Grosman das Handwerk zu legen: Hillary Kittredge, die Urenkelin von Seeräubern und furchtlose Tochter des ehrenwerten Sir John Kittredge, befindet sich nämlich an Bord der Yangtse, wo sie auf eigene Rechnung hinter das Geheimnis des Chinesendampfers kommen wollte, dabei aber dem gewissenlosen Käpt’n in die Hände geriet … Für die Beamten der Strompolizei bedeutet das harte Kämpfe zu Lande und zu Wasser, und dann ist es, wie gesagt, die Spindrift, die den Sieg über die Verbrecher besiegelt.
das heutige Wuhan <<<
Langsam dämmerte der graue Morgen über dem breiten Flusslauf der unteren Themse herauf. In der kalten, feuchten Luft lag Teergeruch, und über dem Wasser hingen, flüchtig und vorübergehend wie die Morgendämmerung selbst, gespenstische Nebelschwaden, während die Flut machtvoll die Themse heraufkam. Vor dem Polizeimotorboot ragte die Tower Bridge aus dem leichten Dunst auf, und dahinter erhob sich am Ufer majestätisch die Kuppel von St. Paul.
Die ganze Nacht hindurch hatte das Polizeiboot die weite Wasserfläche auf und ab patrouilliert. Ein genauer Beobachter konnte auch erkennen, dass die Schleppnetze ausgeworfen waren. Grau und trüb plätscherten die Wellen gegen den Bug.
Eine halbe Meile entfernt fuhr die Spindrift stromauf zu ihrem Ankerplatz in der Nähe des Parlamentsgebäudes. Ihr schlanker Kiel durchschnitt das Wasser wie eine scharfe Messerschneide. Es war ein herrliches Boot von rassiger Form, aus Aluminium und Eichenholz gebaut, das schnellste Fahrzeug, das Marineingenieure entworfen und gezeichnet hatten. Wenn der Motor voll arbeitete, konnte das zehn Meter lange Boot mit mehr als sechzig Knoten die Stunde fahren. Aber an diesem Morgen hatte es nur geringe Geschwindigkeit, denn Toby Essex, der Eigentümer, nahm Rücksicht auf die kleinen Boote, die am Ufer angekettet waren. Wenn die Spindrift mit voller Geschwindigkeit fuhr, warf sie eine so große Kielwelle auf, dass selbst schwer beladene Kähne heftig hin und her schaukelten.
Ein hübsches, schlankes Mädchen stand hinter Toby am Steuer. Sie trug einen glitzernden, schwarzen Ölmantel und eine eng anliegende Kappe und machte einen ebenso vorzüglichen Eindruck wie das schnelle Motorboot. Hillary Kittredge war für eine Saison der Pferderennen müde geworden und hatte sich für Motorbootrennen begeistert. Und sie war ganz in ihrem Element, wenn sie während der tosenden Fahrt am Steuer stand, wenn die frische Salzluft ihr ins Gesicht schlug und Schaumspritzer auf sie niederregneten. Wie liebte sie die atemlose Spannung, wenn sie mit dem Boot in möglichst enger Kurve um die Eckbojen jagte! Sie erlebte alle aufregenden Momente eines Rennens mit fiebernden Pulsen, und das Rauschen des aufgepeitschten Wassers war für sie hinreißende Musik. Zwei Stunden lang hatte sie mit Essex außerhalb der Nore-Sandbank1 das schnelle Boot in allen Gangarten ausprobiert. Nun waren sie müde, durchnässt und hungrig wie zwei Matrosen.
Essex bemerkte zuerst das kleine Polizeiboot, das höchstens zehn Knoten in der Stunde machte.
»Möchtest du gern eine Sensation erleben?« fragte er und zeigte auf das Polizeiboot. »Die Schleppnetze sind ausgeworfen, wahrscheinlich fischen sie nach einem Selbstmörder.«
»Ich sehne mich mehr nach einem ordentlichen Frühstück mit Schinken und Eiern. Wenn du dich nur dazu entschließen würdest, den alten Kasten schneller laufen zu lassen! Dann kämen wir wenigstens noch nach London, bevor die Frühstückskarten von den Tischen genommen werden. Wenn du mich fragst –«
Essex brachte sein Rennboot etwa in hundert Meter Entfernung zum Stehen. Er und Hillary beobachteten, wie sich die Schleppleinen spannten und wie die Netze eingeholt wurden. Die Beamten lehnten sich weit über den Hinterteil des Bugs hinaus, um einen Gegenstand zu fassen, der sich langsam aus dem Wasser hob.
Die beiden konnten zunächst nicht genau erkennen, was es war; erst als die Beamten drüben mit starken Armen zugriffen, entdeckten sie, dass die Leute einen menschlichen Körper an Bord zogen.
Essex sah sich schweigend nach seiner Begleiterin um. Hillary war bleich geworden und blickte starr auf die traurige Szene. Sie hatte den Mund ein wenig geöffnet, und ihre Finger trommelten nervös gegen das Holz.
»Um Himmels willen, Toby, es ist ein Toter!« rief sie.
Essex stellte den Motor wieder an, und das Boot bewegte sich langsam vorwärts. »Rege dich nicht darüber auf. Das passiert hier auf der Themse leider ziemlich häufig. Die Zeitungen nehmen kaum noch Notiz davon.«
In diesem Augenblick fuhr die Spindrift unter dem weit vorragenden Hinterteil eines Frachtdampfers durch, der in der Nähe von Wapping Old Stairs vor Anker lag. Essex sah zu der schmutzigen und rostigen Brücke des Dampfers hinauf, um nicht immer das unangenehme Bild vor Augen zu haben. Plötzlich stieß er Hillarys Fuß an.
Sie sah sich schnell nach ihm um und folgte dann der Richtung seines Blicks. In derselben Sekunde erkannte sie, dass es sich hier um mehr als einen Selbstmord handelte.
Über die Brücke lehnte sich ein hässlicher Mann. Sein Gesicht war aufgeschwemmt und fleischig und passte zu seinem unförmigen Körper. Die Schlitzaugen, die deutlich asiatische Abstammung verrieten, blickten nach dem Polizeiboot. Der feindselige, teuflische Ausdruck in den Zügen dieses Menschen war geradezu furchterregend. Die Augen flammten wie glühende Kohlen, und das Gesicht war verzerrt von dämonischer Wut.
Er schien das elegante Motorboot, das dicht an seinem Dampfer vorbeifuhr, überhaupt nicht zu sehen; seine Blicke verschlangen das Polizeiboot. Langsam hob er die Faust und drohte den drei Männern, die immer noch mit der Bergung des Toten beschäftigt waren.
Hillary hielt den Atem an, als sie zur Brücke hinaufsah, als ob die Wildheit und der Hass dieses Mannes sie hypnotisiert hätten.
»Was soll das nur bedeuten?« fragte sie schließlich.
Essex zuckte die Schultern. »Die Strompolizei ist im Allgemeinen nicht beliebt bei solchen Leuten. Alle möglichen Menschen kommen im Lauf des Jahres die Themse herauf, und viele von ihnen sind gerade nicht sehr angenehm und manierlich. Wahrscheinlich hat der da oben auch einen Groll gegen die Beamten. Vielleicht haben sie ihn einmal scharf angefasst und ihm das Spiel verdorben, und nun revanchiert er sich dafür.«
»Aber Toby, das ist doch ein Chinese! Ich dachte immer, diese Leute wären bekannt wegen ihrer unbeirrbaren Ruhe. Sie zeigen doch sonst niemals ihre Gefühle.«
»Hm – es mag ein halber sein. Jedenfalls macht er aus seinem Herzen keine Mördergrube und zeigt deutlich, was er von den Beamten denkt.«
Hillary Kittredge trat zu ihm und nahm ihm das Steuer aus der Hand. Ihre Augen blickten entschlossen, und das Kinn hatte sich etwas vorgeschoben.
»Was ist denn los?« fragte Essex.
»Ich fahre zu dem Polizeiboot«, erklärte sie bestimmt.
Essex kannte diesen Ton und überließ ihr das Steuer ohne Widerspruch. Er sah sie gern, wenn sie in solcher Stimmung war; es gefiel ihm, sich von einer Frau leiten zu lassen, die einen so energischen Mund hatte, und die ebenso gut zu steuern verstand wie er selbst.
Als sie neben dem Polizeifahrzeug hielten, schaute er kurz zurück, um den Namen des Frachtdampfers zu entziffern. Große Messingbuchstaben, von stürmischen Wellen etwas aus der Reihe gebracht, waren am Bug befestigt. Yangtse hieß das Schiff.
Mit einer geschickten Wendung brachte Hillary die Spindrift Bord an Bord mit dem anderen Boot. Der Sergeant lehnte sich vor, um ihr den Anblick des Toten auf dem Vorderdeck zu ersparen, aber sie machte eine abwehrende Handbewegung.
»Bitte, bemühen Sie sich unseretwegen nicht. Wir haben alles genau beobachtet und sind nicht um der Sensation willen hergekommen. Ich wollte Sie nur etwas fragen. Kennen Sie vielleicht den Mann, der auf der Kommandobrücke des großen Frachtdampfers stand, als wir vorbeifuhren? Sehen Sie sich nicht um, sonst weiß er sofort, dass wir über ihn sprechen.«
Der Sergeant sah in das kleine Glasfenster des Maschinenhauses, in dem sich das Flussufer spiegelte, und versuchte, den Mann zu erkennen. Aber die Entfernung war zu groß.
»Es ist die Yangtse«, fuhr sie fort, »und ich bin sicher, dass er ein Chinese ist oder chinesisches Blut in den Adern hat.«
»Wenn er auf der Yangtse ist, handelt es sich bestimmt um einen Chinesen. Das Schiff ist in Hankau beheimatet und hat nur Chinesen an Bord. Ich habe den schmutzigen Kahn vom ersten Augenblick an nicht leiden können. Zweimal im Jahr kommt er hierher und bringt gemischte Fracht aus China. Auf der Rückreise nimmt er Baumwolle und Maschinen mit. Das ist alles, was ich darüber weiß. Aber warum haben Sie gefragt? Ist etwas nicht in Ordnung?«
»Davon bin ich überzeugt. Als wir an dem Dampfer vorbeifuhren, beugte sich ein fetter Chinese über das Geländer der Brücke und drohte Ihnen mit der Faust. Dabei machte er ein Gesicht, als ob er Sie auffressen wollte. Der würde Sie jedenfalls lieber tot als lebendig sehen.«
»War es ein dicker Kerl? Stämmig und untersetzt, mit aufgedunsenem Gesicht? Trägt er eine kleine, schwarze Kappe mit rotem Knopf?«
Der Sergeant sprach gleichgültig, als ob er sich nicht sehr für den Mann interessierte.
»Ja, Sie haben ihn genau beschrieben«, entgegnete Hillary.
»Das ist Grosman – halb Chinese, halb Holländer. Eine üble Mischung. Über den würde ich mir nicht den Kopf zerbrechen. Er ist übrigens der Kapitän. Wir fassen ihn gewöhnlich etwas scharf an, wenn wir seinen Kahn durchstöbern. Er versucht immer, etwas zu schmuggeln. Im Chinesenviertel drüben braucht man dauernd Opium und die geschmuggelte Ware bringt guten Verdienst. Selbstverständlich können die uns nicht leiden. Sie nennen uns die Wasserratten und würden einen Freudensprung machen, wenn sie uns morgen aus dem Weg schaffen könnten.«
Hillary trat von der Seite des Boots zurück. »Sie können das ja halten, wie Sie wollen, aber ich würde an Ihrer Stelle den Mann nicht aus den Augen lassen. Er hat nicht nur einen allgemeinen Groll gegen die Strompolizei, sondern einen besonderen gegen Sie. Sie müssen ihm etwas getan haben, und zwar in der letzten Zeit. Er sah, wie Sie den Toten aus dem Wasser zogen, und dabei geriet er in solche Wut. Nehmen Sie sich nur in acht vor ihm. Vielleicht – ach, ich weiß schon, was die Männer denken, wenn sie unsereins so mitleidig von oben herab ansehen …«
Der Sergeant winkte Essex zu. »Ich danke Ihnen, Miss«, erwiderte er freundlich. »Mein Name ist Manning, und ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre Warnung. Aber seien Sie unbesorgt, wir wissen uns schon zu schützen.«
Essex nickte dem Sergeanten zum Abschied zu, als er wieder das Steuer übernahm, und Manning stand noch lange und sah dem schmucken Rennboot nach.
»Ein hübsches Kind«, sagte er zu seinem Assistenten Procter und rieb die Fingerspitzen. Das tat er gewöhnlich, wenn er nachdachte. »Also wieder Grosman! Was hat der Teufel diesmal im Sinn?«
»Das ist schon die zweite Warnung, die Sie bekommen«, erwiderte Procter und warf ihm einen merkwürdigen Blick zu.
»Das weiß ich«, entgegnete Manning ärgerlich. »Aber das erzähle ich doch nicht jedem, der in einem so eleganten Motorboot daherkommt. Wenn wir uns erst einmal mit solchen Leuten einlassen, haben wir bald die Stutzer von London hier auf der Themse und kommen überhaupt zu nichts mehr. Übernehmen Sie das Steuer und fahren Sie dicht an der Yangtse vorbei zur Station zurück. Ich will mir den gemeinen Kerl einmal ansehen. Es ist irgend etwas im Gang hier auf dem Fluss, und Grosman hat sicher die Hand dabei im Spiel, wenn er auch nicht die Hauptperson ist.«
Procter steuerte dicht an dem alten Frachtdampfer vorüber. Grosman stand noch auf der Brücke, schien jetzt aber das kleine Boot unten auf dem Wasser kaum zu bemerken. Mit fast heiterer Miene sah er über die weite Wasserfläche, über der inzwischen ein lichter, heller Morgen aufgegangen war. Jede Erregung war aus seinem Gesicht geschwunden.
»Die alte Chinesenratte!« sagte Manning leise und beobachtete ihn von der Seite. Dann winkte er einen freundlichen Gruß, wie es einem Schiffskapitän zukommt.
Grosman erwiderte ihn, trat dann vom Brückengeländer zurück und stieg die Leiter zum Oberdeck hinunter. Beim Gehen zog er den rechten Fuß nach, denn er hinkte. Er trug einen besonders gearbeiteten Stiefel mit unheimlich dicker Sohle, der dieses körperliche Gebrechen ausgleichen sollte. Auf dem Weg zum Salon kam er an einem großen Haufen aller möglichen Abfälle vorbei – Tauen, Stahltrossen, Segelleinwand, alten Schrubbern, Blechbüchsen mit Schiffszwieback, die zerbeult und von Wasser durchtränkt waren, verrostetem Draht, Blechkannen mit eingetrockneter Ölfarbe und anderem Kram, der nach einer langen Reise abgestoßen wird.
Er gab dem Decksteward den Befehl, die Sachen zusammenzupacken und zu verkaufen. Manning sah noch, wie er an Deck entlanghinkte und in der Tür zum Speisesalon verschwand.
»Ich würde eine volle Jahrespension darum geben, wenn ich wüsste, was der Kerl diesmal im Schild führt«, brummte der Sergeant, als Procter das Boot mit sicherer Hand an die Landungsbrücke steuerte. Nachdem es festgemacht war, stieg er aus und zeigte auf den Toten unter dem Segelleinen. »Bringen Sie ihn zum Schauhaus, und rufen Sie den Polizeiarzt an.«
Er ging in sein kleines Büro. Auf seinem Schreibtisch lag die Morgenpost. An einer Wand stellte ein Beamter den Zeiger, der nach einer Tabelle die Höhe der Flut angab.
Manning griff nach einer Aktenmappe und nahm ein blaues Schriftstück hervor. Es betraf den Fall, mit dem sie sich schon den ganzen Morgen beschäftigt hatten. Eine punktierte Linie war freigelassen, und hier machte er nun seine Eintragung: »Leiche geborgen um sieben Uhr fünfzig morgens.«
Der andere Beamte sah ihn fragend an, aber Manning zuckte die Schultern und rieb wieder die Fingerspitzen leicht aneinander.
Lange Zeit saß er in seinem Stuhl, starrte auf die gegenüberliegende Wand und sah im Geiste die Gestalt und das Gesicht des Kapitäns von der Yangtse vor sich. Dann schaute er das Aktenstück durch und rief Scotland Yard an. Aber dort erfuhr er, dass nichts gegen Grosman vorlag, was man eventuell als Material gegen ihn benützen konnte. Bis jetzt war er noch niemals bestraft worden. Manning gab den Gedanken auf und wandte sich der Morgenpost zu. Als er den zweiten Brief sah, runzelte er die Stirn.
Es war eine Mitteilung von Scotland Yard, kurz und bestimmt. Der Kokainschmuggel war wieder in vollem Schwung. Große Mengen waren in London auf den Markt gebracht worden, und das Übel hatte ungeheures Ausmaß angenommen. Alle bekannten Kanäle hatte man geprüft und dabei festgestellt, dass die letzten Sendungen über den Fluss gekommen waren. Die vorgesetzte Behörde befahl kategorisch, dass dieses Übel ausgerottet werde, und zwar so schnell wie möglich. Widrigenfalls wurden der Strompolizei eine scharfe Revision und andere Maßnahmen angedroht.
Manning lehnte sich zurück, und in diesem Augenblick trat Procter ein. Manning sah ihm sofort an, dass er eine unangenehme Nachricht brachte. Er steckte den Brief in die Tasche.
»Hören Sie«, sagte er verdrießlich zu seinem Untergebenen, »die Oberleitung hat schon wieder etwas auszusetzen, und diesmal hat sie die Strompolizei am Wickel.«
Procter streckte die Zunge heraus. »Na, was wollen sie denn? Meckern sie, weil wir die Motorboote nicht fest genug am Ufer vertäut haben?«
Manning schüttelte den Kopf. »Rauschgift«, brummte er.
»Opium?«
»Nein, Schnee – blitzsauberes Kokain. Denen summt schon wieder eine Biene im Schädel, dass wir den Koks durchlassen und ein Auge zudrücken.«
»Man kann doch nicht siebzig Seemeilen und Werften und andere Gebäude hier am Ufer abpatrouillieren! Schließlich sind wir doch nur zweihundert Beamte, einschließlich der Reserven und Ablösungen«, erwiderte Procter hitzig.
»Ja, aber Scotland Yard sagt, dass wir es können, und wenn die sagen, dass wir es können, können wir es auch.«
»Wir können unmöglich alle Frachtdampfer untersuchen, ganz abgesehen von den großen Schiffen!« rief Procter jetzt laut und in einem Ton, der wenig dienstlich klang.
»Trotzdem müssen wir es tun. Die Kerle, die da oben an den Mahagonischreibtischen sitzen, wollen es. Die Rauschgifthändler werden mit Ware überschwemmt, die in Fässern und Tonnenladungen hereingekommen sein soll. Das Schlimmste ist, dass die Sache in unserer Sektion passiert ist. Der Chef hat strikten Befehl gegeben, das Kokain bis auf die letzte Tablette auszurotten. Wenn nicht – na, den übrigen Seich kennen Sie ja.«
»Es ist nur schade, dass der Polizeipräsident nicht auch ab und zu bei schlechtem Wetter eine Nacht im Motorboot Patrouille fahren muss. Zum Beispiel letzte Nacht.«
»Warum gerade letzte Nacht? Sie war doch warm, und das Wetter war ruhig«, meinte Manning.
»Ja, aber vielleicht hätte er dann einige Ablenkung. Ich komme gerade vom Schauhaus.«
»Wollen Sie mich damit vielleicht erschrecken?«
»Wer hat uns denn gestern zuerst etwas von einem Selbstmord erzählt?«
»Ein Matrose von einem der Boote rief zur Station herüber, dass er an der anderen Seite des Ufers gesehen hätte, wie etwas in den Fluss stürzte. Das Wasser spritzte nach allen Seiten in die Höhe.«
»Warum spritzte es denn so?«
»Ich weiß es nicht. Es wurde bereits dunkel, und er war gerade erst gekommen und wusste nicht mit den Schiffen Bescheid, die hier in der Gegend festgemacht haben.«
»Irgendwo beim Wapping-Eingang des Western Dock?«
»Ja, er selbst war auf der anderen Seite bei den East Lane Stairs.«
»Nun, wir werden noch verschiedenes über diesen Selbstmord hören.« Procter nahm ein Stück Stahl aus der Tasche und legte es vor Manning auf den Tisch.
Es war eine etwa zwanzig Zentimeter lange Dolchklinge.
Kurz unter dem Griff war sie abgebrochen. Manning nahm sie auf und betrachtete sie genauer. Es hafteten Blutspuren daran; der Bruch zeigte eine merkwürdige Gestalt. Verschiedene Buchstaben, die in senkrechter Linie untereinander standen, waren in den Stahl eingeätzt.
»Die Schrift hier ist chinesisch«, sagte Manning.
»Sie haben’s erfasst. Der Mann, den wir aus dem Fluss fischten, war kein Selbstmörder. Der Arzt hat ihm die Klinge aus der Brust gezogen. Es war kalter Mord; der Stoß ging direkt durchs Herz.«
Manning legte die Klinge zurück auf den Tisch und betrachtete sie gleichgültig. Einen Augenblick dachte er nach. »Procter, ziehen Sie einmal eine gerade Linie von den East Lane Stairs zum Eingang des Western Dock«, sagte er dann. »Welche Schiffe liegen dort?«
»Da ist nur Platz für drei, und die kenne ich. Zunächst haben wir die Stornoway; sie ist bereits zwei Wochen im Hafen und kann noch nicht abfahren, weil die Ladung nicht rechtzeitig eingetroffen ist. Dann die Baudelaire, ein französisches Schiff, das regelmäßig mit Wein von Bordeaux kommt. Die ist seit Ende voriger Woche da. Und zwischen beiden liegt die Yangtse. Sie hat Reis und ladet Baumwolle für die Rückfahrt. Am letzten Montag eingelaufen.«
Manning rieb das Kinn und sah düster auf den Flutzeiger. »Um wie viel Uhr hat denn der Matrose den Vorgang beobachtet?«
»Es war schon spät, halb zehn oder so. Auf jeden Fall war es schon bedenklich dunkel.«
»Also zu einer Zeit, als die Ebbe in vollem Gang war. Das hat seine Bedeutung. Der Mann, der den armen Kerl ermordete, war der Meinung, dass der Tote um diese Zeit schon außerhalb von Sheerness2 treiben würde. Er weiß als Hochseeschiffer natürlich nicht, dass dort an der Strombiegung ein Strudel entsteht. Gegenstände, die dort hineingeraten, werden tagelang aufgehalten und immer wieder umeinandergewirbelt. Der Mörder hat nicht die geringste Ahnung von den Strömungen in der Themse.«
»Wenn Sie zwei und zwei zusammenzählen, haben Sie den Täter«, bemerkte Procter und war enttäuscht, als sein Vorgesetzter nicht sofort seinen Schlussfolgerungen zustimmte.
»Schon gut, aber die Hauptsache ist: wir müssen es beweisen können«, brummte Manning. »Ich habe ihn jedes Mal unter der Lupe gehabt, wenn er hier vor Anker ging. Auch sein Schiff habe ich durchsucht. Ich wollte ihn wegen Opiumschmuggels herankriegen.«
»Und jetzt scheint er sich mehr für modernes Rauschgift, für Koks, zu interessieren.«
»Ja. Und wir müssen erst seinen Mittelsmann fassen, bevor wir an ihn herankommen. Vor allen Dingen braucht er doch eine Organisation, um den Schnee unterzubringen. Es hilft uns nichts, wenn wir ihn verhaften und seine Organisation unter anderer Führung weiterarbeiten lassen. Wir müssen reinen Tisch machen und vor allem die Leute im Westen fangen, die den Stoff verkaufen. Wenn wir ganze Arbeit geleistet haben, können uns die großen Herren an ihren Mahagonischreibtischen auch nichts mehr sagen.«
»Vergessen Sie ihren guten Freund, den kleinen Procter, nicht, wenn Streifen verteilt werden. Wollen Sie noch etwas über die Dinge wissen? Da kommt eben der Arzt selbst. Er wollte Sie sowieso sprechen.«
Der Arzt trat ein und warf seinen Hut auf den Tisch. »Das ist eine recht böse Geschichte«, bemerkte er kurz.
Manning nickte. »Der Mörder muss ein ganz gefährlicher Kerl gewesen sein. Er hat sein Opfer erstochen und ertränkt.«
»Das ist noch nicht alles. Ich bin vor allem gekommen, um Sie zu warnen. Hoffentlich haben Sie die Klinge so wenig wie möglich angefasst?«
»Ich nahm sie nur in die Hand, um sie zu betrachten. Die Schriftzeichen darauf sind chinesisch.«
»Ja, und das Gift an der Klinge ist auch chinesisch.«
»Was meinen Sie?«
»Der Mörder hat sich dreifach vorgesehen. Er hat den Mann erdolcht, vergiftet, und – ertränkt. Ich hatte sofort diesen Verdacht, als ich ein Augenlid des Toten hob. Die Pupillen sind so krampfhaft zusammengezogen, dass kaum noch eine Nadelkopfgröße übrig bleibt. Die Augen selbst sind unnatürlich vergrößert. Nur ein unerträglicher Schmerz kann diese Wirkung hervorgerufen haben. Die Ursache war Gift, das ins Blut gedrungen ist. Allem Anschein nach war der Mann schon lange tot, bevor er in die Themse geworfen wurde. Nicht ein Tropfen Wasser war in seinen Lungen. Als ich das festgestellt hatte, suchte ich nach einer anderen Todesursache und fand die Dolchklinge. Der Stahl hatte beide Herzwände durchbohrt. Es muss ein entsetzlicher Stoß gewesen sein.«
»Dadurch ist auch die Klinge abgebrochen.«
»Der Stoß wurde von oben nach unten geführt. Die Klinge ist direkt durch das Brustbein gegangen, und bei dem heftigen Versuch, sie aus der Wunde zu ziehen, brach sie ab. Aber selbst eine Dolchwunde kann nicht eine derartige Wirkung auf die Augen hervorrufen. Ich habe den Körper untersucht, es fand sich aber kein Nadelstich oder die Spur einer Spritze. Dabei war es vollkommen klar, dass das Gift nicht durch den Mund in den Körper gekommen war. Deshalb untersuchte ich die Wunde aufs neue und entdeckte dabei, dass der Dolch mit einem tödlichen Gift bestrichen worden war. Die Sache wird chemisch geprüft, und solange ich den amtlichen Beweis noch nicht habe, rate ich Ihnen, die Dolchklinge nur mit äußerster Vorsicht zu behandeln.«
Manning ließ sich das nicht zweimal sagen. Er nahm das gefährliche Ding mit seinem Taschentuch auf, legte es in eine Schublade und schloss sie ab.
»Ist der Tote schon identifiziert worden?«
»Sein Bruder ist gekommen. Es wäre gut, wenn Sie persönlich mit ihm sprechen würden.«
»Weiß er etwas über die Sache?«
»Ja und nein. Er sagt, sein Bruder erwartete gestern Abend irgendwelche Unannehmlichkeiten. Mir kommt es sonderbar vor, dass der Tote hier in dieser Gegend überhaupt etwas zu suchen hatte. Der Bruder will in dieser Beziehung auch nicht mit der Sprache herausrücken. Aber das ist ja schließlich Ihre Sache und nicht meine. Vielleicht bringen Sie ihn zum Reden. Den Toten hat er jedenfalls einwandfrei als seinen Bruder Gilan Maxick identifiziert. Anscheinend ist er Ungar. Mehr konnte ich nicht aus ihm herausbekommen.«
»Aber er gab zu, dass seinem Bruder Gefahr drohte?«
»Ja, er erwähnte es so nebenher. Sie kennen ja diese Art Leute. Die machen den Mund nicht auf, weil sie fürchten, sie könnten sich selbst durch ihre Aussagen belasten. Oder aber er fürchtet sich vor den anderen Mitgliedern der Bande, die seinen Bruder um die Ecke gebracht hat.«
»Das letztere halte ich für wahrscheinlicher«, erwiderte Manning langsam. »Mir sieht die Sache nach einem Bandenmord aus. Sicher handelt es sich um eine Gesellschaft, die Kapitalien hinter sich hat.«
»Schmuggel?« fragte der Arzt.
»Ja, so etwas Ähnliches. Ich habe übrigens von Scotland Yard ein Schreiben bekommen, das uns vor Rauschgiftschmuggel warnt. Die Geschichte scheint sich mitten in unserer Sektion abzuspielen. Wie der Kerl das Zeug an Land bringt, möchte ich allerdings wissen. Unsere Leute haben ihn vorgenommen und alles genau untersucht. Und der Mann existiert nicht, der Rauschgift durchschmuggeln kann, wenn ihm die Polizei auf der Ferse ist. Ich weiß, wie unsere Jungens ein Schiff durchsuchen. Die machen sich mit Klopfhämmern an die Arbeit, und das ganze Schiff wird vom Bug bis zum Steuer, vom Kiel bis zur Mastspitze untersucht. Als in einem Fall die Beamten am achten Tage, von Bord gingen, hatten sie dreißig Pakete Kokain gefunden, jedes im Gewicht von einer Unze. Und jedes Paket lag an einer anderen Stelle: eines in der Mehlkiste des Kochs, eins hinter dem Paneel im Speisezimmer, eins war ins Futter einer alten Matrosenjacke eingenäht, die im Heizraum hing, ein anderes in die Ecke der Kompanieflagge, die vom Mast herunterwehte, und so weiter! Die Hauptsache war aber, dass unsere Jungens alles gefunden hatten. Alle Pakete, die an Bord waren, sind zum Vorschein gekommen. Der Schiffsmaat, der für den Schmuggel verantwortlich war, legte ein Geständnis ab und war starr vor Schrecken, als nicht ein Gramm der Durchsuchung entgangen war. Bei dem Durchleuchtungsverfahren und den anderen modernen Methoden kann heute kein gewöhnlicher Dieb mehr der Polizei entkommen.«
»Und doch gelingt es diesem Mann, seine Ware durch die Polizeisperre zu schmuggeln?«
»Ja, und obendrein noch in unheimlichen Mengen. Wenigstens, wenn man dem Bericht von Scotland Yard glauben darf. Entweder bringt er das. Zeug an Land, bevor er festmacht, oder er hat sich ein geniales System erdacht, das man nur durch ein Wunder aufklären kann.«
»Oder durch einen Glücksfall«, meinte der Arzt.
»Hm – ja. Im Allgemeinen haben wir in unserer Sektion allerdings Pech. Sie teilen Ihre Feststellungen natürlich dem Vorsitzenden der Mordkommission mit?«
»Selbstverständlich. Und wenn ich das Untersuchungsergebnis von dem Chemiker bekomme, schicke ich Ihnen eine Kopie. Vielleicht hilft Ihnen das weiter.«
»Wie heißt der Bruder des Ermordeten, und wo kann ich ihn treffen?«
»Sein Vorname ist Ulrich, und seine Adresse hat er im Schauhaus zurückgelassen. Er sagte mir übrigens, dass er jederzeit zu Ihrer Verfügung steht, das heißt, solange Sie ihn nicht zu sehr ausholen wollen. Sie verstehen, was er damit sagen will?«
»Ja. Er ist selbst bis über die Ohren in die Sache verwickelt. Aber ich werde schon etwas aus ihm herausbringen, und wenn ich ihn einen ganzen Tag ausfragen müsste. Vielen Dank, Doktor. Ich sehe Sie später noch.«
Sandbank an der Mündung der Themse in die Nordsee <<<
englische Stadt auf der Isle of Sheppey in der Grafschaft Kent <<<
Chinkys alter Trödlerladen für Marineausrüstungen in Wapping lag etwas entfernt vom Flussufer, und auf dem geräumigen Hof herrschte ein unendliches Durcheinander von alten Schiffsgeräten.
Auf zwei Seiten war das Gelände von einem hohen Zaun umgeben, die beiden anderen wurden von umliegenden Häusern begrenzt.
Die Chinesen, die in London in der Nähe des Flusses wohnen, sind merkwürdige Leute: entweder schlimme Verbrecher oder grundehrliche Menschen. Wenn sie zu dieser zweiten Klasse gehören, halten sie fest an ihren Prinzipien, ebenso wie die großen englischen Kaufleute. Und Trödler-Chinky zählte zu den grundehrlichen Charakteren. Er handelte nach den Vorschriften des Gesetzes, und die Preise, die er zahlte und nahm, waren absolut angemessen. Manning kannte ihn schon seit vielen Jahren. Gelegentlich spielte der Chinese den Dolmetscher bei den Polizeigerichten, und schon in unzähligen Fällen hatten seine Kenntnisse von Schiffs- und Marineangelegenheiten der Polizei großen Vorteil gebracht.
Und doch hatte auch er seine eigenen Anschauungen über Recht und Unrecht. Selbst wenn er von dem gefährlichsten Plan erfahren hätte, der in der Chinesenstadt zur Ausführung gebracht werden sollte, hätte er davon einem anderen kein Sterbenswort erzählt. Das ging die an, die den Plan gefasst hatten; es war nicht seine Sache. Wenn die Polizei ihn fragte, war es etwas anderes. Dadurch wurde es seine Sache, und er stellte seine Kenntnisse in den Dienst der Behörden. Er war ein merkwürdiger alter Mann, kaum größer als einen Meter fünfzig, dabei dünn und hager wie ein Strauchbesen. Wenn er auf seinem Lagerhof zwischen alten Tauen und anderen mehr oder weniger beschädigten Dingen umherging, machte er eine sonderbare Figur. Sein Gesicht war so braun und faltig wie eine alte Kartoffel.
Auf dem Hof lagen große Mengen von altem Eisen, verbogenen Blechbehältern, Messingteilen von Maschinen und Kupferkesseln. Kupfer und Bronze hatten Grünspan angesetzt, weil sie dauernd im Freien standen. Im Hintergrund türmten sich hohe Stapel von Brettern und Bauholz, wie es Schiffsleute brauchen; daneben lagen ein riesiger und mehrere kleine Anker, Stahltrossen, Drahtseile, aufgewickelter Draht, Berge von Takelagen, Tauen und Werg und vieles andere. Auf einem besonderen Haufen waren Blechbüchsen mit altem Schiffszwieback aufgestapelt. Manche waren noch vollkommen gefüllt, andere angestoßen oder sonst wie während langer, stürmischer Seefahrten beschädigt worden.
An den Zäunen lehnten Ruder von jeder Größe und Form.
Chinky ging mit watschelnden Schritten auf den Hof hinaus. In seinem Büro hatte eine kleine Glocke angeschlagen, die nur im Innern zu hören war. Das verriet ihm, dass jemand durch das Tor gegangen war. Das Gewicht einer Person drückte eine Planke nieder, sodass ein Kontakt ausgelöst wurde. Außerdem hatte sich der Mann nicht an der Bürotür gemeldet und gesagt, was er wollte. Chinky selbst war sehr ehrlich, aber er hatte die Erfahrung machen müssen, dass nicht alle Mitmenschen ihm in dieser Beziehung glichen.
Deshalb ließ er sein Essen stehen und trat in den prallen Sonnenschein hinaus. Sergeant Manning von der Strompolizei stand mitten im Hof und sah sich nach allen Seiten um.
»Kann ich etwas für Sie tun?« fragte Chinky mit ausdruckslosem Gesicht.
Manning betrachtete ihn eingehend. »Ja«, sagte er dann. »Sie können mir helfen, aber –«
»Ich spreche nicht – bitte.« Die Antwort war so ruhig wie die Oberfläche eines Teichs an einem stillen Sommernachmittag.
»Sagen Sie auch nichts, wenn jemand kommt und Ihnen eine Banknote zusteckt?«
»Nein.«
»Schwören Sie das beim alten Konfuzius?«
»Ich zerbreche eine Tafel darauf, ich lösche ein Licht, und ich will sterben, wenn ich die Unwahrheit sage.«
Manning nahm ihn mit zu einer entlegenen Ecke und setzte sich auf eine Kiste. Dann zog er einen dünnen Streifen Papier aus der Tasche und reichte ihn Chinky. Die chinesischen Buchstaben, die in die Klinge eingeätzt waren, standen darauf.
»Können Sie mir etwas darüber sagen?«
Der Chinese betrachtete die Schrift, und die Furchen in seinem Gesicht vertieften sich, während er las. Nach kurzer Zeit gab er das Blatt zurück.
»Der Satz ist nicht vollendet«, erklärte er mit seiner merkwürdigen, singenden Stimme.
»Was bedeutet es?«
»Es ist ein altes Sprichwort, eine alte chinesische Redensart: ›Tod kommt mit dem Morgengrauen‹. Und das stimmt für diese Gegend. Es gibt viel Fieber, viel Malaria. Wenn die Dämmerung kommt, dann kommen die kalten Winde, und viele sterben, wenn der Morgen graut. Sie sterben, und sie gehen aus wie die tausend Kerzen beim Fest des Regens. Und ebenso werden viel zu viel Mädchen in China geboren. Wenn der Morgen graut, schwimmen ihre Leichen im Jangtsekiang – viele kleine Leiber – und auch im Hwangho.«1
»Wie viel fehlt von dem Spruch?«
»Das letzte Wort – Morgengrauen.«
Manning steckte sich eine Zigarette an. »Genau das, was ich selbst dachte«, erwiderte er, ohne zu erröten. Auf keinen Fall wollte er seine Unwissenheit eingestehen, nicht einmal einem Mann wie Chinky gegenüber. Er blies den Tabakrauch von sich und betrachtete seine Fingernägel eingehend.
Chinky wartete. Er hatte den Vorteil, die Sitten des Ostens und die des Westens zugleich zu kennen, die sich seiner Meinung nach im Grund nur wenig unterschieden.
Schließlich schaute Manning wieder auf. »Kennen Sie vielleicht einen gewissen Grosman?« Er gab sich nicht Mühe, seine Neugierde zu verbergen, denn Chinky hätte seine Absicht doch sofort durchschaut.
»Meinen Sie Kapitän Grosman von der Yangtse?«
»Ja. Verkaufen Sie dem manchmal etwas?«
Chinky überlegte.
»Nein«, sagte er dann. »Ich verkaufe ihm nichts, aber ich kaufe von ihm – manchmal.«
»Abfälle und altes Schiffsgerät?«
»Ja, seine alten Taue, seine schlechten Schiffszwiebacke, alte Ölfarbe, den Draht, den er nicht braucht, und ähnliche Dinge.«
»Kennen Sie ihn schon lange?«
»Fünfzehn Jahre.«
»Sagen Sie, ist er mehr Chinese oder mehr Holländer?«
»Mehr Chinese, denke ich. Er spricht die Mandarinensprache vorzüglich und hat auch einen roten Knopf auf seiner Kappe, das Zeichen eines Mandarinen.«
In diesem Augenblick kam jemand auf den Hof, der einen Handkarren vor sich herschob. Er fuhr ihn auf die Stelle zu, wo sich Manning mit Chinky unterhielt. Dicht vor den beiden blieb er stehen und sah sie mit einem strahlenden Lächeln an. Das runde, fleischige Gesicht mit dem wohlwollenden Ausdruck war typisch holländisch. Der Mann trug eine große Brille mit dicken Gläsern, die seine Augäpfel unheimlich vergrößerten, obwohl die Farbe blassblau war.
»Nun, wie steht’s heute?« fragte er mit tiefem, wohlklingendem Bass.
»Wie viel brauchen Sie denn?« erwiderte Chinky.
»Heute dreißig, morgen mehr.« Er reichte Chinky eine schmutzige Zehnschillingnote.
Der Chinese nahm den Geldschein und winkte ihm.
Wieder lächelte der Holländer zufrieden und freundlich, während er seinen Karren zu dem Haufen zerbrochener und beschädigter Blechdosen mit Schiffszwieback schob.
Chinky beobachtete ihn und lächelte auch ein wenig. Die gute Stimmung des anderen steckte ihn an.
Manning schaute dem Mann zu, der die Büchsen auf seinen Karren lud. Er war viel zu korpulent, um sich bücken zu können, und nahm deshalb die höher stehenden. Chinky zählte sorgfältig die Dosen.
»Wer ist denn dieser alte Knabe?« fragte der Sergeant.
»Das ist Brennink. Ein Holländer. Kauft all meinen alten Schiffszwieback. Er hat nämlich eine Hühnerfarm, und alte Schiffszwiebacke sind gutes Hühnerfutter. Und billig sind sie auch. Für eine so große Blechbüchse rechne ich nur einen Drittelschilling. Wirklich sehr billig.«
Manning interessierte sich nicht weiter dafür. »Wir wollen auf unsere Sache zurückkommen. Kennen Sie Grosman näher?«
Chinky zog eine kleine Shagpfeife aus der Tasche, stopfte sie und steckte sie an.
»Der ist nicht gut«, sagte er entschieden, während er heftig qualmte.
»Wissen Sie etwas Bestimmtes über ihn?«
Chinky schüttelte den Kopf. »Nein. Aber er ist der einzige, der hierherkommt und mich nicht beschwindeln will, wenn er etwas verkauft.«
»Ist er hier in der Chinesenstadt beliebt?«
