Das Konzerthaus - Maike Rockel - E-Book

Das Konzerthaus E-Book

Maike Rockel

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Beschreibung

Was fühlst du, wenn du in die kalten Augen deines Mörders schaust und begreifst, dass du für jemand anderen sterben musst? Als eine geschächtete, nur mit einem rosafarbenen Rock bekleidete Leiche gefunden wird, gerät Kommissarin Nora Kardinal in den Sog eines perfiden Verbrechens. Der Tote ist der Sohn des Architekten Albert Berend, der mit der Bauleitung der "Elbphilharmonie" betraut ist. In dessen privatem Umfeld geschehen weitere grausame Morde. Eine heiße Spur führt Nora in die dunkle Zeit der Stasi. Nach und nach kommt sie dem Täter und ihrer eigenen Vergangenheit so nah, dass Nora den tödlichen Atem des Mörders im Nacken spüren kann ...

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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In der kleinen Welt, in welcher Kinder leben, gibt es nichts, dass so deutlich von ihnen erkannt und gefühlt wird, als Ungerechtigkeit.Charles Dickens

Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Die Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de© 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8411-5

Maike RockelDas Konzerthaus

Prolog

„Wärest du wenigstens ein Mädchen geworden. Du bist schuld, dass ihr euch geteilt habt!“, kreischte meine Mutter, und ihr absonderlicher Blick, den ich erst später einordnen konnte, ließ mich erschauern.

Verstehen Sie das? Ich begriff es erst viel später, was sie meinte und was in ihrer abgründigen Seele vorging, aber sie ließ ihre tiefe Ablehnung zu meinem schmerzhaften Wegbegleiter werden. Es war mein Schicksal, dass ich in dem schändlichen Lebenskonzept meiner Mutter keinen Platz hatte.

Es wäre ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, mich zu lieben, aber sie verweigerte mir ihre Gunst. Sie würdigte mich entweder keines Blickes oder setzte mich auf unverzeihliche Weise herab, obwohl ich wie ein Stern strahlte.

Ich versuchte, ihre harte Hand abzuwehren. Eine eiserne Hand, die mich nie zärtlich und liebevoll berührte, nie den Weg zu meinen Wangen gefunden hatte, um mich zu streicheln oder eine Träne nach einem Sturz wegzuwischen.

Knöcherne Finger bohrten sich schmerzhaft in meine Oberarme. Ihr saurer Körpergeruch und ihre Fahne stiegen mir in die Nase, während mein Bruder mir mit einem Ruck die Hose von den Beinen zog.

Weinen musste ich. Ich weinte vor Wut und Scham und verlangte, mir das nicht anzutun. Meine Mutter aber hielt mich fest und lachte nur. Sie stieß dabei immer schneller werdende, rhythmische Laute aus, als würde sie keine Luft mehr bekommen und an ihrem eigenen Lachen ersticken.

Als mein Bruder es wagte, mir einen rosafarbenen Rock anzuziehen, trat ich immer wieder nach ihm. In diesem unfairen Kampf pulsierte das Blut in meinen feinen Äderchen, und mein Gesicht verfärbte sich glühend rot. Als ich ihn schmerzhaft in seine kläglichen Eier stieß, schrie er auf und ließ von mir ab. Sein Lachen erstickte. Aber meine Mutter war unerbittlich.

„Tanz für uns! Los, dreh dich und lass deinen Rock schwingen“, wieherte sie und nahm einen gierigen Schluck Wodka aus einer alten Saftflasche. Jeder konnte sehen, dass sie eine Säuferin war, trotzdem glaubte sie, ihre Umwelt mit diesem erbärmlichen Trick täuschen zu können.

Mein Bruder hatte sich schnell gefangen, nahm die Gitarre und sang das Kinderlied aus Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel.“

Warum meine Mutter diese Oper immer und immer wieder hörte, weiß ich nicht. Sie war keine Freundin der Musikkultur oder ein kontemplativer Feingeist. Vielleicht ergötzte sie sich einfach nur daran, wie unbarmherzig dieses Geschwisterpaar von seinen Eltern getäuscht und ausgesetzt wurde.

Brüderchen, komm, tanz mit mir, beide Hände reich’ ich dir, einmal hin ...

„Wenn du jetzt nicht tanzt, dann wird dich Gottes Strafe treffen. Ich verkaufe dich! An einen Kinderpornoring oder an den, der am meisten Geld bezahlt!“

Natürlich wusste ich damals nicht, was ein Kinderpornoring war oder dass man Kinder verkaufen konnte, aber ich wusste, dass ich nicht noch mehr von Gott bestraft werden wollte. Meine Kindheit war bereits Leid genug.

Meine bösartige Mutter zwang mich zu hoffen, dass sie mich eines Tages doch lieben könnte, wenn ich mich nur mehr anstrengte! Sie brachte mich dazu zu glauben, es verdient zu haben, im Schatten meines Bruders zu stehen. Sie aber hätte mich lieben müssen. Stattdessen liebte ich den Menschen, der mich demütigte und misshandelte.

Beide Arme nach oben gereckt, führte ich die Fingerspitzen über meinen Kopf wie zu einem Gebet zusammen, drehte mich zu der Musik wie eine Ballerina und tanzte, tanzte, tanzte. Während ich zu Gott betete, nahm meine Zunge den salzigen Geschmack einer herablaufenden Träne auf.

Brüderchen, komm, tanz mit mir, beide Hände reich’ ich dir, einmal hin ...

Meine Mutter hatte viele quälende Ideen, mich für meine Existenz zu bestrafen. Wahrscheinlich wäre es für uns alle besser gewesen, sie hätte mich verkauft. Ich aber überlebte diese dunkle Zeit und gelangte zu der Erkenntnis, dass Gott alle Sünden vergeben wird. Aber diese allmächtige Gnade hatte ihren Preis. Für meine göttliche Vergebung lernte ich Opfer zu bringen, aber auch Opfer zu suchen, um jegliche Schuld zu sühnen.

I. Kalenderwoche 49/50 2015

Kapitel 1 Mone

An einem winterlich kalten Hamburger Nikolausabend näherte sich ein Mann mit einer Schirmmütze einer blassgrauen, viergeschossigen Jugendstilvilla, drehte behutsam einen zylinderförmigen Schalldämpfer auf die Mündung seiner schwarzen Pistole und verbarg die Waffe unter seiner Jacke. Er schnippte den Stummel seiner Zigarette auf die unberührte, hauchdünne Schneedecke und richtete seinen Blick auf das Etablissement.

Alle vierzehn Fenster des Hauses waren von außen mit aus grünen Tannenzweigen gesteckten Kränzen, die mit schwungvoll gebundenen, roten Schleifen verziert waren, festlich geschmückt.

Durch die an der Eingangstür angebrachten Leuchtkegel erstrahlte die weihnachtliche Fensterfassade in warmem Licht und erinnerte an die Türchen eines noch unberührten Adventskalenders.

Lediglich das dezente kleine Metallschild mit der Aufschrift Flow Nightclub wies darauf hin, dass in diesem gehobenen Lokal nichts unberührt blieb und keine christlichen Wünsche erfüllt wurden.

Nur ein Mann und eine Frau saßen im schummrigen Licht an der aus Mahagoni gebauten, sechs Meter langen Bar. Direkt bei der Frau lag auf dem Tresen neben ihrem Smartphone und einer Schachtel Zigaretten ein elegantes Damenfeuerzeug, auf dem versteckt auf einer Seite Mone eingraviert war. Im Hintergrund spielte leise Musik. Simone trug einen noblen, schmal geschnittenen, dunkelblauen Hosenanzug, der zu einem verstohlenen Blick in das aufreizende Dekolleté und auf die rote Spitze ihres Bustiers verführte. Sie war blond, annähernd fünfunddreißig Jahre alt, hübsch und hatte himmelblaue Augen. Ihr knallroter Lippenstift setzte einen Akzent in dem sonst dezent geschminkten Gesicht. Interesse vorgebend, fuhr sie sich immer wieder mit ihren rot lackierten, langen Kunstnägeln durchs Haar, während der Mann auf sie einredete und hierbei gelegentlich seinen Oberkörper nach oben streckte.

An der Bar arbeitete Simones langjährige Lebensgefährtin Lotta Kardinal, die gerade den Kühlschrank mit Champagner auffüllte und mit einem Hüftstoß die Tür schwungvoll zuknallte. In einer Stunde würde der Club öffnen, und sie hatte noch einiges vorzubereiten.

„Ich geh nach oben und mache die restlichen Zimmer fertig. Soll ich euch noch eine Flasche Champagner aufmachen? Bin nämlich dann erst mal für eine Weile weg“, fragte Lotta.

„Wir können noch etwas vertragen oder was meinst du?“ Während Simone sprach, drehte sie sich zu ihrem Freier und strahlte ihn an. Sie war geschäftstüchtig, denn für jede georderte Flasche erhielt sie eine beachtliche Provision.

Er nickte, und Lotta stellte eine hochpreisige Flasche Champagner in einem Eiskühler auf den Tresen. Dann verließ sie die Bar.

Simone betrachtete ihren Kunden während seiner zeit­intensiven Erzählung und beobachtete, wie sich in seinem Mundwinkel klumpige Spuckereste bildeten, die sich zu weißen, hüpfenden Ziehfäden entwickelten und ungefähr so aussahen wie die zuletzt gebildete Fischfigur eines Handfadenspiels, mit dem sich Schulkinder in vergangener Zeit während der Pausen gerne die Zeit vertrieben hatten.

Sie hatte sich an ihren Stammkunden gewöhnt, der es vorzog, den Club außerhalb der Geschäftszeiten zu besuchen. Er war schon älter, trug schlecht sitzende Kleidung und saß unbeholfen auf dem für ihn viel zu hohen Barhocker. Das wenige Haar war kunstvoll über seinen Kopf drapiert, ergebnislos bemüht, über seine für jedermann sichtbare Glatze hinwegzutäuschen. Die fettige gelblich-weiße Strähne, die er über die gesamte Glatze gekämmt hatte, klemmte er hinter den Bügel seiner abgeplatzten Hornbrille.

Professionell ignorierte Simone das unansehnliche Äußere und nahm seine erschlaffte, auf seinem Bein ruhende Hand. Während sie ihn vom Barhocker zog, rutschte sein Handy aus der hinteren Hosentasche und fiel, von beiden unbemerkt, geräuschlos auf den Teppich. Mit ihrer zartgliedrigen Hand griff sie elegant nach ihren Rauchutensilien und ihrem Handy und führte ihren Kunden in eines der im Souterrain gelegenen Zimmer des Etablissements.

Der Mann mit der Schirmmütze hatte die Bar über die bereits geöffnete Hintertür betreten. Sein muskulöser Oberkörper steckte in einer zu kleinen grünen Bomberjacke, was seiner stattlichen Erscheinung etwas Lächerliches gab. Die zu eng stehenden, seegrünen Augen und das kurz rasierte braune Haar fügten sich stimmig in die Gesamt­erscheinung.

Im Souterrain waren alle Wände des Zimmers in einem dunkelroten Farbton getüncht, und der an der Wand hängende in Gold gerahmte Spiegel hatte schon üppige Fantasien sichtbar gemacht. Auf dem mit weißer Bettwäsche ausgestatteten Doppelbett hatte Lotta dekorativ zwei Badehandtücher mit Duschproben hingelegt.

Mit einem Handtuch in der Hand betrat Simone das angrenzende Badezimmer, während ihr Kunde sich vollständig auszog und seine Bekleidung sorgfältig über einen Stuhl neben dem Bett hängte. Die gekühlte Champagnerflasche auf dem Eckrand des Whirlpools unweit des Bettes war bereits geöffnet, und zwei gefüllte Gläser luden zu einem weiteren Drink ein. Wohlig ächzend glitt er in den mit dampfendem Wasser gefüllten Pool. Er führte das Glas an seine Lippen und ließ einen kühlen Schluck die Kehle hinuntergleiten. Entspannt schloss er die Augen.

Der Mann mit der Schirmmütze öffnete langsam und unbemerkt die Tür des süßlich duftenden Zimmers. Er schien sich auszukennen, trat geräuschlos an den im Whirlpool dösenden Kunden heran, hob routiniert den Arm, zielte auf die Schläfen des seitlich zu ihm sitzenden nackten Mannes und betätigte den Abzug. Durch die Wucht des kaum hörbaren Schusses schlug der Kopf zur Seite und zog den gesamten Oberkörper mit, der sanft und fast geräuschlos ins Wasser sank. Das Projektil traf zentral ins Stammhirn, und der Freier war sofort tot. Ohne Zeit zu verlieren, breitete der Mann auf dem roten Teppichboden eine große, blaue Plastikfolie aus, zog den toten Kunden mühelos aus dem fast randvollen Wasserbecken und bettete ihn auf die vorbereitete Unterlage.

Als Simone den Raum betrat, hatte sie das weiße Badehandtuch um den noch feuchten Körper gewickelt und unterbrach – ohne die maßgebliche Veränderung im Zimmer anfangs bemerkt zu haben – die Stille. „Schatz, jetzt werden wir es uns richtig schön machen. Was darf ich denn heute für dein Wohlbefinden ...?“

Zuerst fiel ihr Blick auf die Champagnerflasche, die im zartrosa gefärbten Wasser schwamm, und dann sah sie den Toten auf dem Boden liegen. Sofort brach sie ihr geschäftsmäßiges Geplauder ab und starrte Schirmmütze an, der damit beschäftigt war, ihren toten Kunden einzuwickeln.

„Wat haste jetan? Icke hab’ euch doch allet erzählt!“

Mit greller Stimme fiel sie in ihren Berliner Dialekt, was immer geschah, wenn sie aufgeregt war.

Sie unterbrach sich und starrte erneut in den Whirlpool.

„Wieso knallst’e denn meenen Stammkunden ab? Der hat mir doch aus der Hand jefressen und allet erzählt, wat ihr hören wolltet ... Mir brummt noch der Schädel von seinem Jesabbel heute über den Riesenskandal.“

Sie legte ihre Hand dramatisch an die Stirn, als habe sie stechende Kopfschmerzen.

Unbeirrt wickelte der Mann die Leiche ein und sammelte die Hülse am Fuß des Beckenrandes auf, als wäre Simone gar nicht anwesend. Mit einem konspirativen Kopfnicken deutete sie in Richtung Pool und flüsterte: „Der quatschte was von einer Konzerthalle, einem richtigen dicken Jeschäft, und nun ballerst du den ab, wie räudig. Oh Mann, mir is’ echt übel ...“

Sie ließ sich aufs Bett fallen und fingerte eine Zigarette aus der Schachtel. Mit zittrigen Händen zog sie den Rauch tief in ihre Lunge, als wäre es ihre letzte Zigarette, und atmete den Qualm langsam aus.

Und dann beging sie einen gravierenden Fehler.

„Und wat von ’nem wichtigen Unternehmer von hier, Melzer oder so, den er fett inne Hand hat wejen Schmierjeld, wat weeß icke. Alter, der hat so viel erzählt, von Politikern, Bürgermeister, det kreest allet in meenem Kopp.“

Als der Mann mit der schwarzen Schirmmütze den Namen Melzer hörte, hielt er inne. Er hob den Kopf, kniff kaum sichtbar die Augen zusammen und schien zu überlegen.

Simone stand auf und ging zum Pool. Sie zog an der Zigarette und starrte auf die eingewickelte Leiche.

„Wie willste den Kollejen eijentlich hier raus­schaffen?“

Die Schirmmütze antwortete nicht und schoss der überraschten Simone direkt zwischen die Augen.

Seine grüne Bomberjacke hatte er für die Aufräumarbeiten ausgezogen und auf das unberührte Bett geworfen. Er steckte die zweite Patronenhülse in seine Hosentasche, sammelte sämtliche restliche Kleidungsstücke auf und warf diese auf Simones leblosen Körper.

Endlich war die Scheißnutte still. Ihre schrille Stimme hatte er eh nie leiden können. Verdammt, er hatte doch so aufgepasst, aber ihr Blut, das an die rote Wand gespritzt war, musste er noch entfernen. Das Badewasser hatte er bereits abgelassen und den Pool im Anschluss gereinigt. Nach getaner Arbeit war auch das Blut an der Wand nicht mehr zu sehen. Er war zufrieden.

Die in Plastik fest verschnürten Leichen trug er einzeln über einige wenige Treppen nach oben und verließ das Etablissement unauffällig über einen versteckten Hintereingang, der prominenter Kundschaft vorbehalten war. Er lud die beiden Körper gekonnt in den Laderaum seines Kastenwagens und fuhr über die unbefahrene Seitenstraße in die kalte Nacht.

Die Lichtkegel der Straßenlaternen verschwammen während der Autofahrt vor seinen Augen, und er bemerkte, dass eine seiner Kontaktlinsen fehlte.

Kapitel 3

Montag 7.12.2015 Parlamentarischer Untersuchungsausschuss Hamburg

Gernot Melzer war sich seiner Rehabilitierung sicher. Endlich würde er die Gelegenheit bekommen, seine Position darzulegen. Heute würde er alles geraderücken können. Der Fahrer seiner dunkelblauen Limousine bog in die Straße hinter einem Rathaus ein. Als er die Fahrzeugtür öffnete, seinen Fuß gewandt auf die Straße setzte und seinen Kopf anhob, wirkte er mit jeder seiner einstudierten Bewegungen, mithilfe derer er sich aus dem Auto schälte, als würde er vor einem für ihn ausgerollten roten Teppich aussteigen und eine Schar an Fotografen erwarten. Wirklich gut aussehend war er nicht, denn durch den über Jahrzehnte genossenen Alkohol und die unzähligen Zigaretten schimmerte seine Haut gräulich-gelb und war aufgedunsen. Aber er war stattlich gewachsen und hatte trotz seiner über fünfzig Jahre noch volles, allerdings gefärbtes blondes Haar. Sein unsportlicher Körper steckte in einem dunkelblauen Anzug, der von seinem langjährigen Schneider angefertigt worden war. Gernot Melzer komplettierte seine Erscheinung mit italienischen spitzen Designerschuhen, die aus schwarz-weißem Schlangenleder gefertigt waren. Insgesamt wäre er zwischen den extravaganten Flaneuren auf der italienischen Luxusmeile der Via Monte Napoleone in Mailand nicht aufgefallen.

Angespannt blickten seine eisblauen Schlupfaugen durch seine Pilotenbrille auf sein Handgelenk, welches eine schwere Luxusuhr schmückte. Es war viertel vor zehn, und er fragte sich, wo sein Anwalt blieb. Immerhin bezahle ich dich gut, dann könntest du wenigstens pünktlich sein, ging es ihm durch den Kopf. Er kniff verärgert seine Augen zusammen, sodass sich drei tiefe Furchen zwischen den Augenbrauen bildeten.

Für zehn Uhr war Gernot Melzer durch das Gremium des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses (PUA) geladen worden, und viel Zeit blieb nicht mehr, um noch einmal die wichtigen Details durchzugehen.

In Gedanken ging er seinen Werdegang durch, der im PUA sicher zum Thema gemacht werden würde. Er war vorbereitet. Sollen sie nur fragen. Gernot Melzer lächelte überlegen. Ja, er verdiente den Erfolg.

Mit viel Ehrgeiz, schneller Auffassungsgabe und Fleiß, wahrscheinlich auch mit einer ordentlichen Portion Skrupellosigkeit, hatte er ein expandierendes Bauunternehmen geschaffen und sich hohes Ansehen in der Hansestadt erworben. Wenn er zu einem Empfang im Rathaus oder einem anderen gesellschaftlichen Ereignis geladen worden war, freute sich Melzer wie ein Kind, das lange auf eine ersehnte Einladung zum Kindergeburtstag gewartet hatte. In der Tat, er war für den Wirtschaftsstandort Hamburg unentbehrlich. Ja, er war ein erfolgreicher hanseatischer Kaufmann mit hohem Ansehen. Überdies spendete er für das Kinderhospiz namhafte Summen, wirklich, man konnte ihm nichts nachsagen. Er lächelte stolz und selbstgefällig.

Melzer griff in seine Manteltasche und zündete sich eine Zigarette an, musste dann aber plötzlich einen Schritt zurücktreten, um dem an ihm vorbeirasenden Kurierfahrer auszuweichen, der ihm mit einem Schulterblick kopfschüttelnd bedeutete, dass er dem König der Straße im Weg gestanden hatte.

„Gehts noch, du Penner?“, entfuhr es Melzer, aber der Radfahrer fuhr unbekümmert weiter.

„Diese Kuriere sind echt die Pest“, schimpfte er leise vor sich hin und zog gierig an seiner Zigarette, während er nach seinem Rechtsanwalt Peter Dietrich Ausschau hielt, nicht ohne ihm zuvor eine eindringliche WhatsApp geschickt zu haben. Warten war nicht seine Stärke und schon gar nicht in diesem Moment. Wieder verdunkelte sich sein Gesicht, und er schob seine Zunge unter die Oberlippe.

Diese blödsinnige nervende Presseberichterstattung über die damaligen Zustände auf der Baustelle der Elbphilharmonie muss ein Ende haben. Und diese dauernden Lügen und unzutreffenden Verdächtigungen dieses Architektenbüros, allen voran Albert Berend, sind eine kaum zu überbietende Unverschämtheit.

Das Rufen seines Namens riss ihn aus seinen Gedanken. Sein Gesicht hellte sich auf, denn Rechtsanwalt Dietrich kam mit langen Schritten auf ihn zu und streckte ihm zur Begrüßung den Arm entgegen. Ohne seinen Handschlag zu erwidern, baute Melzer sich auf und maßregelte seinen Beistand für die Verspätung wie einen Pennäler, was dieser souverän an sich abprallen ließ. Durch Melzers angestrengte Mimik und seine aufgebrachte Sprache fiel sein immer leicht herabhängender rechter Mundwinkel noch mehr aus der Gesichtssymmetrie. Fasziniert betrachtete Dietrich das aus der Form geratene Mienenspiel, und ihm fiel ein, dass er mal ein Gespräch in Melzers Büro verfolgt hatte, in dessen Verlauf die Sekretärin und ihre Kollegin vermuteten, dass Melzer mal einen Schlaganfall erlitten haben könnte. Dietrich war demgegenüber davon überzeugt, dass diese Lähmung von einer tiefen Verletzung zeugte, über die Melzer nie würde sprechen können. Und damit sollte er recht behalten.

Auf dem Weg zum Sitzungssaal besprachen sie in der verbliebenen Zeit die kritischen Punkte und unterbrachen ihre Unterredung erst, als sie im Vorraum des Sitzungssaals Albert Berend, der federführend mit dem Entwurf der Elbphilharmonie und deren Baubegleitung betraut war, auf einer Holzbank sitzen sahen. Er war ein attraktiver Mann um die fünfzig, schlank und gut gekleidet. Mit frisch geschnittenen silbergrauen Haaren und einem kurz gestutzten Vollbart, der seine vollen Lippen wirkungsvoll einrahmte, wartete er auf seine Einvernahme.

Irritiert über Berends Anwesenheit, betrat Melzer in Begleitung seines Bevollmächtigten den Saal und war – wenn auch nur für einen kurzen Moment – sichtlich beeindruckt von den mit Holz vertäfelten Wänden und den quadratisch aufgestellten Tischen, an denen die Mitglieder des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses Platz genommen hatten. Im Zentrum des Raumes an der hinteren Wand imponierte ein altarähnlicher Bereich, an dem die ehrgeizige, von den Mitgliedern des Ausschusses gewählte Vorsitzende Anne Fliege-Schulz thronte. Sie hatte kurzes, platinblondes Haar und trug eine rote Lesebrille auf der Nase.

„Herr Melzer“, gab sie kühl bekannt. „Wir mussten Ihre Vernehmung leider kurzfristig verlegen auf 11.30 Uhr, da der Zeuge Berend wegen eines Todesfalles an dem ursprünglich vorgesehenen Termin nicht erscheinen konnte und jetzt an Ihrem Termin vernommen werden soll. Bitte finden Sie sich um 11.30 Uhr wieder ein.“

Melzer verließ gemeinsam mit seinem Verteidiger wutschnaubend den Saal und machte sich gegenüber seinem Rechtsanwalt Luft. „Wegen des Architekten muss ich jetzt warten. Was glaubt die Kuh eigentlich, wer sie ist? Wegen eines Todesfalles kann er nicht erscheinen. Kann man da nicht mal vorher Bescheid geben?“

Plötzlich hielt er inne. Er wiederholte in Gedanken die Ausführungen der Vorsitzenden. „Wegen eines Todesfalles ...“

Sein Magen krampfte, und trotz der sich langsam ausbreitenden Hitze fröstelte er. Hastig verabschiedete er sich von seinem Verteidiger, verließ das Rathaus und trank in einer kleinen, unscheinbaren Bar um die Ecke trotz des frühen Tages ein Glas Weißwein. Dabei googelte er Todesanzeigen der letzten Tage. Während er in seinem Handy die Anzeigen hektisch durchblätterte, trank er immer wieder einen Schluck Wein. Als er das Glas ein weiteres Mal zum Mund führte, erstarrte er, das Glas an seinen Lippen haltend, als hätte er in diesem Moment vergessen, dass er trinken wollte. Er fixierte das Display seines Handys und las immer wieder den Namen, als könnte er auf diese Weise besser begreifen, dass die Mutter von Albert Berend gestorben war.

Mit leichter Verspätung kehrte er gegen 11.45 Uhr zurück zum Sitzungssaal, in dem alle Beteiligten am Tisch saßen und auf ihn warteten, auch sein Vertreter.

„Herr Melzer, ich hatte Ihre Vernehmung auf 11.30 Uhr anberaumt und nicht auf 11.45 Uhr. Ich darf Sie bitten, respektvoll mit meiner Zeit umzugehen und meine Ladungszeiten zu beachten.“

Gernot Melzer nahm nach der Ermahnung auf dem für ihn vorgesehenen Stuhl Platz.

Er spannte seinen gesamten Körper an und presste die Kieferknochen aufeinander. Leichtes Zucken an den Gesichtsknochen war trotz aller Beherrschung zu sehen, und auch die sich rötende Halsschlagader pulsierte. Schon jetzt hätte er der Vorsitzenden ins Gesicht springen können, er musste sich unbedingt zusammenreißen.

„Entschuldigen Sie bitte“, presste er hervor.

„Herr Melzer, wie Sie wissen, geht es darum festzustellen, wie es zu den katastrophalen Zuständen auf der Baustelle und zu der explosionsartigen Kostensteigerung gekommen ist. Insoweit ist es von Bedeutung, wie es überhaupt dazu kam, dass Sie im Rahmen des Vergabeverfahrens den Zuschlag bekommen haben. Worauf beruhte Ihre im Nachhinein hinfällige Kalkulation, die Ihnen aber den Zuschlag sicherte?“

„Frau Vorsitzende, lassen Sie mich zur Einführung zunächst erläutern, dass es für mich und meine Firma eine besondere Ehre ist, für die Hansestadt dieses großartige Projekt federführend bauen zu dürfen und ich nicht ohne Stolz berichten kann, dass wir uns der Fertigstellung mit großen Schritten nähern ...“

Die Vorsitzende unterbrach ihn: „Herr Melzer, bitte beantworten Sie meine Frage.“

Melzer bemerkte, wie die Wut in ihm hochstieg.

Es gefiel ihm nicht, wie sie mit ihm sprach, aber er wusste, wie wichtig es für sein Vorhaben war, nicht die Beherrschung zu verlieren.

„Frau Vorsitzende, die Planungen des Architekten Berend waren unvollständig, und so gut wir es konnten, haben wir eine belastbare Kalkulation vorgelegt.“

Die Vorsitzende widersprach und blätterte in ihren Akten.

„Nach den mir vorliegenden Unterlagen haben Sie keine den Bauplänen entsprechende Angebotskalkulation abgegeben. Mir liegen hier sogar Zeugenaussagen von Mitarbeitern Ihrer Firma vor, wonach Sie erklärt haben sollen, dass die Architektenpläne für einen seriösen Kostenvoranschlag völlig untauglich gewesen seien.“

„Mögen Sie mir freundlicherweise sagen, um wen es sich da handelt?“, versuchte Melzer Zeit zu gewinnen.

„Haben Sie nicht wegen der unvollständigen Planung damit rechnen müssen, dass Sie diese Kalkulation nicht würden halten können? Wieso haben Sie einen Kosten­voranschlag abgegeben, obwohl, wie Sie selbst gesagt haben sollen, die Pläne für eine Kostenkalkulation völlig ungeeignet waren?“

Sie schaute ihn erwartungsvoll an.

Melzer rutschte auf dem Stuhl hin und her und suchte nach einer Antwort. Er legte einen Aktenordner auf den Tisch und suchte sein erstes Angebot.

Die Vorsitzende setzte ihren Vorhalt fort, indem sie Melzer mit einem weiteren kritischen Aspekt seines Kosten­voranschlages konfrontierte.

„Immerhin hat unter anderem das am Vergabeverfahren beteiligte renommierte Unternehmen Hochtief AG eine deutlich höhere Kostenkalkulation abgegeben und demzufolge den Zuschlag nicht erhalten.“

„Ja, da müssen Sie die am Vergabeverfahren beteiligten Behördenmitarbeiter befragen, Frau Vorsitzende, da kann ich wenig zu sagen, auch wenn ich Ihnen da gerne weiterhelfen würde ...“, schmeichelte er und überlegte, ob er jetzt nicht doch etwas zu weit gegangen war.

Fliege-Schulz überhörte die unterwürfige Bemerkung und hielt ihm weiter vor: „Der Zeuge Albert Berend berichtete vorhin in seiner Vernehmung, dass er den Zustand auf der Baustelle unbeschreiblich chaotisch fand und Ihre Firma dies zu vertreten gehabt habe. So berichtete der Zeuge, dass Sie und Ihre Bauleiter täglich Nachforderungen gestellt und Mängellisten aufgestellt hätten. Eine Flut an Behinderungs- und Verzögerungsanzeigen sei von Ihnen erstattet worden.“

Melzer unterbrach die Vorsitzende und wurde laut. „Was hätten Sie getan, wenn Sie Baupläne ausführen sollen, die sich täglich ändern?“

Er haute mit der Faust auf den vor ihm stehenden Tisch und schaute in die Runde, um nach Verbündeten zu suchen. Er fand keine. Mit gesenktem Kopf wühlten die Abgeordneten entweder in Aktenbergen, machten Notizen oder versuchten, gegen die Langeweile anzukämpfen.

„Mäßigen Sie sich in Ihrem Ton, Herr Melzer, um meine Einschätzung geht es hier nicht“, entgegnete sie sachlich. „Erklären Sie mir, ob es zutrifft, wie der Zeuge Berend bekundet hat, dass Ihre Firma im Rahmen der Betonarbeiten am großen Saal derart gravierende Fehler gemacht haben soll, dass sowohl die Statik als auch die Akustik und somit das gesamte Bauprojekt gefährdet gewesen seien. Mehrere Hohlräume sollen in der Betonschale entdeckt worden sein, die die Klangisolierung hätten gefährden können.“

Melzer erkannte, dass sein Plan nicht aufging. Alle im Saal schienen sich gegen ihn verschworen zu haben. Offenbar positionierten sich alle für Albert Berend.

„Frau Vorsitzende, ich dachte, Sie sollen die Vorkommnisse aufklären, stattdessen scheinen Sie doch schon sehr festgelegt zu sein und suchen die Schuld einseitig bei mir ...“, versuchte er einen Gegenangriff, den die Vorsitzende jedoch abwürgte.

„Herr Melzer, Sie sollen sogar die Ultraschalluntersuchungen verweigert und die Vertreter des Architekten der Baustelle verwiesen haben.“

Melzer ärgerte sich, da er nicht gut genug vorbereitet war, um auf diese Details überzeugend einzugehen. Wenn er ehrlich war, hatte er ein wenig den Überblick verloren. Er drehte seinen Kopf zur Seite und schaute Hilfe suchend zu seinem Anwalt, der nun reagierte.

„Frau Vorsitzende, ich beantrage Einsicht in die Ihnen vorliegenden Unterlagen, aus denen sich ergeben soll, dass die Vertreter der Firma meines Mandanten sich auf der Baustelle in vorwerfbarer Weise verhalten haben.“

„Hierzu war doch schon ausgiebig Gelegenheit!“, entgegnete sie verwundert. „Konnten Sie sich nicht genügend vorbereiten, Herr Melzer? Sie wussten doch, dass es heute genau darum gehen würde.“

Melzer antwortete nicht und gab resigniert auf. Er hatte für den heutigen Tag verloren und nicht damit gerechnet, dass Albert Berend sich mit seinen Vorwürfen derart weitreichend Gehör verschaffen würde.

Fliege-Schulz beendete die Anhörung.

„Ich denke, so hat es keinen Sinn, wir sehen uns an einem weiteren Termin wieder, wenn Sie besser vorbereitet sind. Sie wissen jetzt ja, auf welche Themen es ankommt. Ich beende die Sitzung. Fortsetzungstermine werden bekannt gegeben“, spulte die Vorsitzende die Formalien ab.

Gernot Melzer verließ erhobenen Hauptes den Saal, aber innerlich brodelte es in ihm.

Er ließ das Blitzlichtgewitter der Presse über sich ergehen und flüchtete in die kleine Bar, in der er sich einen Cappuccino und ein weiteres Glas feinperligen Weißweins gönnte.

Melzer saß in einer uneinsehbaren Ecke des Lokals direkt vor einem kleinen Spiegel und las Zeitung. Von ihm unbemerkt betrat ein Pärchen das kleine Ecklokal und ließ sich an einem kleinen Tisch auf eine gemütliche rot gepolsterte Bank fallen. Sie gingen sehr vertraut miteinander um, und ihre auf dem Tisch liegenden Hände fanden immer wieder zueinander. Gegenüber ihrem Tisch drehte der Barista den Siebträger mit gekonnten Handgriffen aus der Espressomaschine, klopfte den alten Kaffeesatz in den Abschlagbehälter und bereitete Melzers Kaffee zu. Durch das Pfeifen der Maschine merkte Melzer auf und hob den Kopf. Er schaute direkt in den ihm gegenüber hängenden Spiegel und wurde auf das turtelnde Paar aufmerksam. Eine alberne, rote Lesebrille auf dem kleinen, runden Tisch zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Als der Mann die Umarmung löste, erkannte Melzer die beiden Personen und wollte es nicht glauben. Architekt Albert Berend hatte gerade eine Frau mit platinblonden, kurzen Haaren umarmt, die Frau, die ihn, Melzer, herabgesetzt und Albert Berend bevorzugt hatte. Fliege-Schulz. Er starrte fassungslos auf das beschäftigte Paar und realisierte, dass er zu keinem Zeitpunkt eine faire Chance gehabt hatte.

Gernot Melzer musste feststellen, dass dieser PUA-Ausschuss eine Farce war, eingerichtet für die politische Galerie. Wieder und wieder fühlte er die glimmende Wut in sich aufsteigen. Ohne etwas von seinen Getränken angerührt zu haben, schob er den Stuhl nach hinten, stahl sich zum Tresen, bezahlte seine Rechnung und verließ das Café.

Das leise Klimpern der in den Opferstock fallenden Münzen unterbrach die von Weihrauch umgebene Stille in Melzers Lieblingskirche Am Weiher. Er blickte in das Flackern der von ihm angezündeten Kerze, wandte sich zum Gebet in das Kirchengestühl und sprach das „Vaterunser“.

Was zu tun war, wusste er nun.

Kapitel 4

AZ: LKA HH 141 033/1K/3033312/2015

Nora Kardinal fragte sich, was sie erwarten würde, als sie am Dienstagmorgen das Landeskriminalamt in Ham­burg (LKA) betrat. Das sternförmige Gebäude kannte sie noch aus ihrer früheren polizeilichen Tätigkeit in Hamburg, und sie fand problemlos in diesem Labyrinth ihre neue Abteilung, die Mordkommission. Sie schüttelte viele Hände, die ihr freundlich entgegengestreckt wurden, und war froh, als sie endlich in ihrem Büro angekommen und alleine war. Dort sackte sie auf ihrem Drehstuhl zusammen wie eine Marionette, deren Fäden gerade durchtrennt worden waren.

Die Müdigkeit zog fast schmerzhaft durch ihre Glieder, während sie langsam mit ihrer Hand über den dreckigen Bürotisch strich, als hoffte sie, auf diese Weise ihre tiefe Verzweiflung beiseitewischen zu können, so wie diesen grauen Staub. Aber ihren Fehler konnte sie nicht ungeschehen machen.

Als Nora aus dem Fenster blickte, entdeckte sie zwei Eichhörnchen, die auf der von schmutzigem Schnee bedeckten Wiese, die durch kleine grüne Rasenflecken durchbrochen war, hektisch hin und her liefen und emsig damit beschäftigt waren, die Nüsse zu finden, die sie im Herbst vergraben hatten. Aufgeregt piepsend jagten sie sich plötzlich, als würden sie Fangen spielen. In Einstimmung auf die verfrühte Paarungszeit sprangen sie in einem atemberaubenden Tempo von Ast zu Ast und stießen sich dabei mit ihren muskulösen Hinterbeinen wendig von den wackelnden Zweigen ab. Sie rasten durch den blattlosen Baumbestand und lieferten sich eine wilde Verfolgungsjagd, in deren Verlauf gelegentlich ihre weißen Bäuche aufblitzten. Nora war gefangen von diesem Schauspiel und vergaß für einen Moment ihre düsteren Gedanken. Fasziniert und mit einem Lächeln im Gesicht schaute sie den Nagern hinterher, als jemand das Büro betrat. Alexander Berend blieb im Türrahmen mit einem Stapel brauner Akten stehen.

Nora drehte sich zu ihm um und musterte ihn eingehend. Seine Haare waren rötlich, und er trug einen Dreitagebart, wie Max Siebert. Dennoch hatte er durch seinen olivfarbenen Hautton insgesamt ein südeuropäisches Erscheinungsbild. Alexander Berend war groß und sportlich gekleidet und blickte Nora neugierig an. Sie sah ihm direkt in seine braun-grünen Augen und versuchte, seinem Blick standzuhalten. Er trat an ihren Tisch, legte die Akten ab und streckte ihr zur Begrüßung freundlich seine Hand entgegen. „Ich bin der stellvertretende Leiter der Mordkommission. Wenn wir in den nächsten Tagen eine Aufgabe für dich haben, werden wir dich sofort einsetzen. Bis dahin bitte ich dich, die tagesaktuellen und teilweise sehr eiligen Vermisstenvorgänge durchzusehen und gegebenenfalls Anträge beim Haftgericht zu stellen. Wir freuen uns über deine Teamverstärkung und auf gute Zusammenarbeit.“

Mit diesen Worten ließ er sie mit ihrer neuen Aufgabe im Büro zurück.

Missmutig zog sie den Aktenstapel zu sich und sichtete die Akten. Schon nach nicht ganz zwanzig Minuten fielen ihre Augen immer wieder zu, und sie fragte sich, was schlimmer war: dienstunfähig am Computer Verwaltungskram zu bearbeiten oder Vermisstenanzeigen durchzugehen. Sie konnte sich nicht entscheiden.

Auf einer der Akten las sie das Aktenzeichen LKA HH 141 033/1K/3033312/2015. So viele meiner Glückszahlen, dachte Nora und merkte auf. Zögerlich führte sie ihre Hand unter den rauen Aktendeckel und schlug den Vorgang auf.

Eine Anzeige zum Nachteil Simone Maar. Sie blätterte oberflächlich die Akte durch und las:

Am Montag, den 7.12.2019 gegen 9 Uhr, erreichte das PK 33 ein anonymer Anruf. Die Anruferin teilte mit, dass ihre Arbeitskollegin Simone Maar seit Sonntagabend vermisst sei. Auf mehrfache Frage des Unterzeichners, ob die Vermisste vielleicht nur ein verlängertes Wochenende angetreten oder sich verliebt habe und nun bei ihrem neuen Freund sei, versicherte die Anruferin, dass dies nicht sein könne. Ihre Arbeitskollegin sei sehr zuverlässig und hätte ihr gesagt, wenn sie am nächsten Tag nicht würde arbeiten können. Auf Nachfrage teilte die Anruferin mit, dass es sich bei der Arbeitsstelle um den Nightclub „Flow“ handele, Am Schwanenwik 31a.

Die Anruferin habe mehrfach versucht, die Vermisste über das Handy zu erreichen, was bisher misslungen sei.

Bei der Handynummer handele es sich um die Nummer 0176/233 322 78.

Sie mache sich große Sorgen, da die Vermisste Diabetikerin sei und ihr Insulinbesteck immer noch an ihrem Arbeitsplatz liege, was sehr untypisch sei. Auf die Frage nach ihren Personalien erklärte die Anruferin, diese seien unwichtig, und beendete das Gespräch.

Eine Recherche des Unterzeichners hat ergeben, dass es sich bei diesem Club um ein Edelbordell handelt und die Handynummer auf eine fiktive Personalie eingetragen ist. Ein Rückruf bei der Vermissten hat keinen Kontakt ermöglicht, obwohl das Handy aktiv geschaltet ist.

Gegen 11 Uhr rief dieselbe Anruferin (der Stimme nach) erneut an und fragte, was in der Sache schon unternommen worden sei.

Der Unterzeichner führte aus, dass das Handy auf eine Fiktivpersonalie eingetragen sei und zur Überprüfung der Schlüssigkeit ihrer Angaben die Anruferin ihre Personalien angeben müsse.

Die Gesprächsteilnehmerin hat daraufhin ihre Personalien angegeben. Danach handelt es sich um:

Lotta Kardinal

Weidenstraße 3

Hamburg

Telefon: 0176/9812209

Nora riss ihre Augen auf und unterbrach ihr Aktenstudium. Der Schreck fuhr ihr in die Glieder. Sie fühlte einen intensiven Schmerz in ihrem Magen und schob ihre Unterlippe nach vorne. Während sie in ihrem Schreibstuhl erneut zusammensank und auf die Akte starrte, lösten sich einzelne Buchstaben aus dem Text und wiegten sich im Takt nach den Klängen von Chopin op. 64.2. Das melancholische, aber auch fröhliche Stück, welches Noras Opa häufig gehört hatte, begleitete sie in ein Krankenhaus, in dem sie als kleines Kind wegen eines Autounfalls gelegen hatte. Ihre ältere, neun Jahre alte Schwester Lotta trat mit einem riesigen, gelben Luftballon an Noras Krankenbett heran. Lotta schlang aber nicht – wie sonst – ihre Arme um sie, obwohl Nora ihre erwartungsvoll ausgebreitet hatte. Starr stand sie vor ihrem Krankenbett, ballte beide Hände zu Fäusten und schaute sie wütend und verzweifelt an. Dieser Blick, den niemand hätte deuten können, grub sich wie ein Brandzeichen in Noras Gedächtnis. Bis heute verstand sie nicht, warum ihre Schwester so wütend auf sie gewesen war und sich seitdem so von ihr entfernt hatte.

Ungewohnt schrilles Klingeln riss Nora aus ihren Bildern heraus.

Sie nahm den Hörer des Telefons ab und stellte sich vor: „LKA 41, Vermisstenabteilung, Kardinal.“

„Hier ist Max aus München. Nora, ich wollte hören, ob du gut angekommen bist?“

Noch wehmütig, aber auch aufgeregt, berichtete sie ihrem ehemaligen VE-Führer aus München von ihrem ersten, langen Tag in Hamburg und auch darüber, dass sie glaubte, ihre Schwester in einer Akte entdeckt zu haben.

„Stell dir vor, sie taucht hier als Anzeigende auf, in einer Vermisstensache, die ich mir zufällig gegriffen habe.“

„Es gibt keine Zufälle“, bemerkte Max und machte einen tiefen Atemzug. „Ich vermisse dich, Nora.“