Das Kunstwerk - Nete Seewald - E-Book

Das Kunstwerk E-Book

Nete Seewald

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Beschreibung

Eisiger Frühling im Harz. Ein Bildhauer reicht eine Skulptur zu einem Kunstwettbewerb ein. Als zufällig die Gipshülle des Objektes beschädigt wird, erscheint unter dem eigentlichen Kunstwerk eine Frauenleiche. Doch das ist nicht das einzige Opfer. Wer auch immer die Menschen getötet hat, möchte, dass die Leichen gefunden werden. Die Kommissarin Greta Weinstein entdeckt schließlich die Verbindung zwischen den Fällen. Dabei erhält sie Unterstützung von ihrer Mutter, der Kriminalpsychologin Hannah, die sich mit dem Tod eines ehemaligen Freundes in ihrem Heimatort befasst.

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Seitenzahl: 423

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Nete Seewald

Das Kunstwerk

Harzkrimi

»Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.«

Johann Wolfgang von Goethe

Impressum

Das Kunstwerk

ISBN 978-3-96901-035-8

ePub Edition

V1.0 (06/2021)

© 2022 by Nete Seewald

Abbildungsnachweise:

Umschlag © stillfx (#26749991) | amedeoemaja (#32202187) |

bangkokclickstudio (#220198162) | depositphotos.com

Lektorat:

Sascha Exner

Verlag:

EPV Elektronik-Praktiker-Verlagsgesellschaft mbH

Obertorstr. 33 · 37115 Duderstadt · Deutschland

Fon: +49 (0)5527/8405-0 · Fax: +49 (0)5527/8405-21

Web: harzkrimis.de · E-Mail: [email protected]

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Bei den Schauplätzen dieses Romans handelt es sich bis auf einige wenige Ausnahmen um reale Orte. Die Handlung und die Charaktere hingegen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen wären reiner Zufall und sind nicht beabsichtigt.

Inhalt

Titelseite

Zitat

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Über die Autorin

Eine kleine Bitte

Kapitel 1

Wieder zanken sie sich. Die Frau namens Lisa Kleinschmidt will sich nicht bei ihm entschuldigen, ihn unter keinen Umständen anflehen und um Vergebung bitten, was er nach jedem Streit verlangt. Diesmal weigert sie sich und ist uneinsichtig. Sie ändert ihre Taktik. Wiederum soll sie den Mund halten, sie sträubt sich und lacht ihn aus, lauter und lauter. Er hält sich die Ohren zu, will es nicht hören, aber Lisa Kleinschmidt lässt sich keinesfalls davon abhalten.

»Wie die Weiber auf dem Fischmarkt!«, schreit er herum, holt aus und schlägt ihr ins Gesicht. Die Frau taumelt, will sich an einem Stuhl festhalten, der jedoch wegrutscht. Sie fällt. Für kurze Zeit verliert sie das Bewusstsein. Er zieht einen Strick aus der Hosentasche und fesselt sie an den Hand- und Fußgelenken. Noch immer liegt sie benommen auf dem Boden und registriert nicht, was er mit ihr anstellt.

In der Zwischenzeit sucht er nach etwas, mit dem er ihr den Mund stopfen und die Augen verbinden kann. Er kann sich in dem alten Kasten, der einst ein Nobelhotel beherbergte, nicht richtig umsehen. Schließlich muss es schnell gehen, er hat nicht lange Zeit. Sie kann jeden Moment wieder aufwachen und schreien, denkt er. »Ich muss sie bestrafen«, spricht er halblaut zu sich selber und macht sich Mut. »Sie widerspricht mir, sie ist nicht erzogen. So etwas tut man nicht.«

Endlich findet er, was er gesucht hat, und beendet sein Vorhaben. Der Mann schleift sie die Treppe hinunter und zerrt sie durch den Keller in ein Verlies. Lisa Kleinschmidt registriert nach einiger Zeit die Dunkelheit um sich herum. Sie versucht, sich zu bewegen. Nichts. Sie atmet schwer durch die Nase. Er zerrt an ihr herum und sie merkt, wie ihr schließlich Handschellen angelegt werden. Noch weiß sie nicht, was er mit ihr vorhat. Sie denkt, er hat sich irgendein blödes Spiel ausgedacht. Doch die Zeit vergeht. Den Wechsel zwischen Tag und Nacht registriert sie nicht mehr. In unregelmäßigen Abständen kommt er vorbei, redet aber nicht mit ihr. Sie hört es nur klappern und scharren. Aber dann ist da wieder diese Stille, die sie über den Tod nachdenken lässt. Nein, sie will nicht sterben! Das ist sicher nur ein böser Traum. So oft sie es versucht, sie kann dem nicht entkommen. Inzwischen ahnt sie, dass sie das Loch nie mehr verlassen wird.

»Der Tag ist gekommen!«, sagt er, als er sie eines Tages erneut besucht. »Du wirst verstehen, dass ich dein Verhalten nicht dulden kann! Du hast die Grenze überschritten, ich muss dich bestrafen. Ich muss es tun«, zischt er. »Niemand darf mich derart demütigen. Nein, niemals.«

Während er leise ein Lied trällert, greift er in eine Kiste, die unter einem Felsen steht, und holt eine staubige Flasche heraus. Glücklicherweise besorgte ihm das Zeug ein Kumpel, woran der sich aber bestimmt nicht mehr erinnert. Viel zu lang liegt es zurück. Der Mann lächelt. All die Jahre bewahrte er die Chemikalie für diesen Anlass auf, bis auf eine kleine Menge für die Katzen, die er genommen hatte. Er tränkt einen Lappen mit der Flüssigkeit und geht zu ihr hinüber.

»Gleich wirst du ganz ruhig schlafen«, flüstert er ihr ins Ohr.

Tränen laufen über ihre Wangen, undefinierbare Laute sprudeln aus ihr heraus, die er nicht weiter beachtet. Er hält ihr den Lappen vor die Nase. Sie wendet alle Kraft auf, versucht, nicht zu atmen, schlägt den Kopf hin und her. Sie will das Zeug nicht riechen. Ihr Herz pocht, es rast. Ihr Körper zittert heftig. Panik überfällt sie. Ihr ist schwindelig, doch sie kann den Zug nicht anhalten. Sie hat Todesangst, will nicht sterben. Wenige Sekunden später bekommt sie nichts mehr mit.

Gut gemacht, denkt sich der Mann und lächelt zufrieden. Endlich legt sich seine Nervosität. Ihm darf nur kein Fehler unterlaufen, hier, wo alles improvisiert ist. Schnell greift er zum Buch und liest nach. Er denkt daran, wie er schon als Kind es unzählige Male an Katzen ausprobierte.

Sein Arbeitsplatz ist ordentlich vorbereitet und er kann sofort beginnen. Endlich ist er so weit, nimmt vorsichtig von ihrem Körper die Fesseln ab und legt ihn auf den Tisch. Er bewundert ihre zarte Erscheinung, streicht mit der flachen Hand darüber, auch über ihre feuerroten Haare. Fast kommt er wieder ins Schwärmen. Er muss sich beeilen. Die Haut darf nicht wegreißen, sonst ist es nicht professionell, daran muss er denken. Schließlich soll es fachmännisch aussehen. Er will ja ein Meister sein. Der Meister!

Natürlich weiß er, dass er niemanden umbringen darf. Schon im Religionsunterricht sprachen sie über das 5. Gebot: Du sollst nicht töten. Aber sie verdiente eine Bestrafung! Er konnte es nicht durchgehen lassen.

Präzise setzt er das Messer an ihrer Kehle an und schneidet in Richtung Bauchnabel. »Die Nachwelt wird es mir danken. Ich bin kein schlechter Mensch. Meine Seele ist nicht böse. Ich will ja auch, dass ihr Körper nie vergeht, sondern für die Ewigkeit erhalten bleibt. So schön, wie er ist!«, redet er zu sich selbst. Das ist doch gut gedacht von mir, überlegt er im Nachhinein. Er holt tief Luft und schneidet vorsichtig weiter.

Der Morgen naht. Aber hier fühlt er sich sicher. Er weiß, dass er hier unauffindbar ist und niemand ihn stören wird. Sechs Wochen Trocknungszeit! Die muss er einhalten. Der Mann ist stolz auf sich. Ja, mit Recht!

Sie ist für ihn ein Schmetterling, so schön anzusehen, so zierlich ihr Körper, so zart ihre Haut und so glänzend ihre Haare. Anfangs hörte sie ihm noch zu. Und genau so jemanden braucht er.

Er wird wieder Ausschau halten. Bald.

Lisa Kleinschmidt merkt das alles nicht mehr. Auch nicht, wie der Mann ihren Körper aushöhlt und den Schädel rasiert, damit er ihn besser auftrennen kann. Sie weiß nicht, dass er ihre Augen als Trophäe behält und die Weichteile, wie Muskeln, Organe und Gehirn, durch den Fleischwolf drehen wird.

Heute ist endlich der Tag, an dem der Mann sein Kunstwerk vollenden will. Die letzte Beziehung zu Lisa Kleinschmidt liegt bereits einige Wochen zurück. Und er bildete sich mal ein, beziehungsunfähig zu sein. Da hat er sich doch grundlegend getäuscht. Die Frau ist schuld, zeigte keine Toleranz ihm gegenüber, wusste nicht, was sich gehörte.

Ihr getrockneter Hohlkörper beeindruckt ihn nicht mehr sonderlich. Oft genug hatte er schon als Jugendlicher das Fell der Katzen abgezogen und sich anschließend genüsslich ihren nackten Körper betrachtet. So ähnlich sieht die Frau jetzt auch aus, nur wesentlich größer eben. Aber auch das ist nun nichts Unbekanntes für ihn.

Inzwischen öffnet er den Sack Hobelspäne, die er zum Befüllen nimmt. Die Menschen sind so dumm! Die glauben ihm immer alles. Auch, dass er das Holz für seine Meerschweinchenzucht braucht. Mit jedem Handgriff wird er ruhiger. Sein Herz schlägt wieder normal. Und dann die vielen Gipsbinden! Wieder fühlt er sich mächtig stolz. Ein Kinderspiel, diese Dinger in gleichmäßigen Abständen zu wickeln, denkt er und macht sich an die Arbeit. Er streicht zum Abschluss Gips darauf und freut sich diebisch über seine Kreation. Nicht mehr lange, dann ist der Rest getrocknet. In der Zwischenzeit fängt er an, die Holzkiste zu fertigen. Alles ist bis ins Detail geplant, bis zum Ende.

Er wird den Kunstpreis erhalten. Wer sonst? Sein Leben verläuft sowieso ganz anders, nicht so wie in normalen Familien. Er kommt klar. Die Leute aus dem Ort kennt er, obwohl er selten die Kneipe besucht. Zu viele Neugierige und zu viele Gerüchte stören ihn dort. Tratsch ist nicht sein Ding. Stattdessen glotzt er lieber die Realityshows im Fernsehen oder liest Bücher über antike Geschichte. Dafür begeistert er sich. Er verdient die Auszeichnung, hat schließlich die Vergangenheit in die Gegenwart zurückgeholt.

Kapitel 2

Hannah starrt müde auf den Laptop. Seit drei Tagen hat sie der Versuchung widerstanden und ihn nicht angeschaltet, von einem auf den anderen Tag. Hart für sie. Schon allein der Gedanke daran reicht, um ihre Entscheidung anzuzweifeln. Manchmal grübelt sie darüber nach, ob sie es mit einem Schlummertrunk einfacher überstehen würde. Im Keller gibt es ausreichend Vorrat. Problematisch ist, wer ihr die Flaschen hochholen würde. Ihre Tochter Greta? Nein, ganz sicher nicht. Das ist viel zu kompliziert. Sie würde Fragen über Fragen stellen und unendlich darüber diskutieren, ihr Vorwürfe machen. Darauf hatte sie absolut keine Lust. Sie sollte ihre Mutter nicht als Trinkerin erleben.

Ihr Blick wandert in ihrem Arbeitszimmer umher. Die Fachbücher in den Regalwänden müssen endlich wieder einmal abgestaubt werden. Aber sie ist nicht in der Stimmung dazu und … und … und … Immer eine passende Ausrede. Zumindest stört es ja niemanden mehr. Vor einigen Jahren pflegte sie noch die Bücher und sortierte sie entsprechend nach Themen oder Wichtigkeit. Inzwischen denkt sie nur über die letzten Wochen nach. Die Bücher sind längst vergessen. Alles hatte mit diesem dämlichen Unfall angefangen. Sie knickte einfach vor dem Einkaufsmarkt um. Und auf einmal kamen die Depressionen. Schleichend, fast unbemerkt. Jeden Tag ein bisschen mehr. Sie musste sich ablenken und suchte nach neuen Inhalten für den Tag.

Sie, die Kriminalpsychologin, spielt nicht, um den großen Gewinn zu machen, nein. Auch die Verluste auf Dauer interessieren sie nicht wirklich. Ihr Problem ist vielmehr die Langeweile und Unzufriedenheit mit sich und ihrem Leben. Sie müsste es wissen, und genau genommen weiß sie das auch, doch solche Gedanken verdrängt sie schnell wieder.

Schon seit ihrer Jugend interessierte sie sich für Pferderennen. Warum also nicht online? Damit fing alles an. Genau wie in der Realität gab sie einen Wetteinsatz ab. Und dann immer ein bisschen mehr. Sie verfolgte alle Trab- und Galopprennen über Live-Streams und fieberte mit. Auch ohne den Besuch der Rennbahn war sie nun mittendrin im Geschehen. Um wie viel Geld es dabei ging, erfuhr sie erst nach dem Rennen. So manches Mal lag sie allerdings daneben. Zum Glück musste Greta, ihre Tochter, von den Verlusten nichts wissen. Schließlich würde sie nur gelegentlich wetten. Sollte ja lediglich zur Überbrückung sein, bis sie wieder dienstfähig und einsatzbereit war.

Langsam erhebt sie sich, humpelt gähnend zum Fenster und schaut auf die Straße. Nichts los. Wer ist auch schon frühmorgens zu Hause? Enttäuscht dreht sie sich um und fixiert den Computer. »Vielleicht sollte ich bloß mal nachschauen, ob ich gestern gewonnen hätte, wenn …«, überlegt sie laut und merkt, wie sich ihre Finger bewegen. Da ist er wieder, dieser Kick. Sie weiß, dass sie abhängig ist. Greta bekam kürzlich von ihren Aktivitäten Wind und schrie ihr ins Gesicht, dass sie eine wettsüchtige Mutter hatte. Obendrein drohte sie damit, jedem davon zu erzählen, wenn sie nicht augenblicklich den Absprung schaffte. Nie wieder würde Hannah Weinstein dann bei irgendwelchen Ermittlungen eingesetzt werden, dafür würde sie sorgen. Hannah hört immer und immer wieder die messerscharfen Worte ihrer Tochter, die vollkommen Recht damit hatte. Wütend rauschte sie davon, ließ die Tür lautstark ins Schloss fallen. Danach herrschte Funkstille zwischen ihnen, bis heute.

Hannah streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, setzt sich an den Tisch und schlägt die Zeitung auf. Das Zerwürfnis mit ihrer Tochter tut ihr leid. Sie waren beide nicht gerade nett zueinander. Seitdem hat sie nichts mehr von ihr gehört. Hannah denkt jeden Tag an sie. Heute Abend will sie Greta anrufen, ganz bestimmt. Sie lächelt, atmet tief durch und hält für einige Sekunden die Luft an.

Kapitel 3

Die Wintersaison im Harz ist endlich vorbei. Die wärmende Sonne lässt den Restschnee weichen und macht dem anbrechenden Frühling Platz. In der Bergstadt Sankt Andreasberg laufen die Vorbereitungen für die nächsten Events auf Hochtouren.

Elly Schuhmann, die kleine hagere Frau, die gerade kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag steht, guckt in den Spiegel und streicht sich eine graue Haarsträhne von der Stirn. Auf jeden Fall müssen ihre Haare noch vor dem großen Spektakel gefärbt werden, findet sie. Mit dem grauen Lockenkopf will sie nicht weiter herumlaufen und sich schon gar nicht feiern lassen. Ansonsten ist sie mit sich zufrieden. Die Ausschreibungsunterlagen für die aktuelle Kunstausstellung ›Natur-Mensch‹ kann nun jede Künstlerin und jeder Künstler im Internet einsehen.

Nach zwei Tagen erhält sie von einem Künstler einen Anruf. Er erkundigt sich, ob es möglich wäre, sein Kunstobjekt binnen der nächsten Tage einzusenden, und begründet seine Nachfrage damit, dass er eine größere Reise unternehmen möchte. Die Abgabefrist könne er keinesfalls einhalten. Nein, da spricht nichts dagegen. Ganz im Gegenteil, sie freut sich über den regen Zuspruch an diesem internationalen Wettbewerb. Und als er darüber redet, dass ihn die Verleihung des Andreas-Kunstpreises außerordentlich reizt und er sich durchaus eine Chance ausrechnet, lächelt sie glücklich. Schließlich ist sie ja für die Organisation dieser Veranstaltung zuständig. Nein, das ist kein Problem, antwortet sie und fühlt sich auf einmal äußerst wichtig. In diesem Zusammenhang fällt ihr sofort die Sage über die herzlose Frau ein, welche sie auch zukünftig nie sein will. In der Erzählung wollte die Alte einem hungernden Bergmann nicht helfen. Lieber sollten die drei Brote zu Stein werden, was daraufhin auch passierte. Elly Schuhmann kennt die Dreibrodesteine genau, sie geht häufig mit ihrem Hund an den Granit-Blöcken spazieren.

Nach dem Gespräch widmet sie sich wieder ihrer stupiden Arbeit, sortiert Unterlagen und heftet sie ab. Dabei lauscht sie der Musik aus dem Radio und ist in Gedanken, als der Fahrer einer Speditionsfirma kurze Zeit später bei ihr in der Tür steht und fragt, wo er die Holzkiste von dem Künstler abstellen soll.

»Wie groß ist sie?«, will Lilly Schuhmann erstaunt wissen. So schnell hat sie mit der Lieferung dann doch nicht gerechnet.

»Na ja, ganz schön. Ich würde sagen, so groß wie ein Sarg.«

»Sie scherzen wohl?«

»Sehe ich so aus? Junge Frau, ich habe nicht ewig Zeit, also wohin?«

Noch bevor sich Lilly das genau überlegt hat, lädt der Mann bereits die Fracht ab und schiebt sie unter ein Schleppdach. Zum Unterschreiben hält er ihr die Frachtpapiere entgegen und sie quittiert ihm den Empfang des Exponats, immer noch verwundert über die Größe. Warum hat er mich nicht darauf hingewiesen? Verdammt! Die Kiste kann hier unmöglich stehen bleiben. Es gibt schon Platzprobleme und der Ärger ist vorprogrammiert, denkt sie sich. Gerade will sie den Fahrer bitten, die Kiste in ein anderes Lager zu bringen, da rauscht er auch schon los und lässt sie in einer Staubwolke zurück. Wieder betrachtet sie das verpackte Kunstwerk von allen Seiten. Kein Hinweis drauf, von welcher Seite die Öffnung erfolgen soll. Vielleicht ist es ja egal. Später würde sie sich darum kümmern, jetzt muss sie vorrangig andere Aufgaben erledigen.

Ein Buntspecht trommelt derweil an einen Baum und weckt ihre Aufmerksamkeit. Die Frau erkennt sein auffälliges schwarz-weiß-rotes Gefieder und beobachtet ihn einen Augenblick. Sie überlegt und entscheidet sich, die Kiste zu öffnen, so neugierig wie sie ist. Mit der Schere schneidet sie alle Bänder durch und ist dabei, die Skulptur vom Verpackungsmaterial zu befreien.

»Was ist das? Soll das etwa Kunst sein? Irgendein neumodischer Schnickschnack?«, schreit sie wütend und enttäuscht aus sich heraus. Lobte doch der Künstler sein Werk in den höchsten Tönen und dann das! Eine Mumienpuppe! Ganz schlicht. Keine Farben. Mühe steckt schon darin, keine Frage, allein die Umwicklung. Jede einzelne Lage der Binde besitzt exakt den gleichen Abstand zur vorherigen. Sie kann es trotz der aufgetragenen Gipsschicht noch gut erkennen. Sieht genauso aus wie die eines Schmetterlings, nur eben viel, viel größer. Sie umrundet erneut die Kiste. Es erschließt sich ihr absolut nicht, was der Künstler damit bezweckt. Hatte er sich die Ausschreibungsunterlagen überhaupt durchgelesen? Sie grübelt einige Minuten und starrt dabei das Ausstellungsstück an. Möglicherweise das Sterben der Artenvielfalt oder vielleicht auch nur der Schmetterlingspopulation, rätselt sie. So richtig kann sie damit nichts anfangen und wendet sich wieder dem Verpackungsmaterial zu, das entsorgt werden muss, um das Objekt vollkommen freizulegen. Danach will sie die Skulptur noch einmal genauer unter die Lupe nehmen.

Kraftvoll schlägt sie mit einem herumliegenden Hammer auf die Lattung der Kiste ein, um sie auseinanderzutreiben, was ihr auch nach und nach gelingt. Ausgerechnet bei den letzten Latten rutscht sie ab und verfehlt das Holz. Stattdessen knallt der Hammer voller Wucht seitlich auf die Skulptur. Die Hülle bröckelt, fehlt an einer Stelle gänzlich, so dass ein Loch zu erkennen ist. Dumm gelaufen! Elly Schuhmann atmet tief ein und aus. Wie soll sie das bloß dem Künstler erklären? Sie hat keine Ahnung. Dann schaut sie genauer hin und ein eiskalter Schauer läuft ihr über den Rücken. Tiefschwarze Löcher anstelle der Augen. Irgendwie unheimlich. Sie beschließt, den Künstler umgehend darüber zu informieren. Vielleicht kann er es einrichten und vorbeischauen, um die Schadstellen zu beheben. Für die Aufwendungen würde sie selbstverständlich haften.

Eilig marschiert sie ins Büro. Inzwischen wird sie seine Unterlagen per E-Mail erhalten haben, davon geht sie zumindest aus. Wie heißt er doch gleich? Sie erinnert sich nicht an seinen Namen. Hatte er ihn überhaupt genannt? Sie durchforstet ihr Postfach nach neuen Anmeldungen. Nichts. Auch in den Unterlagen der Spedition findet sie keine Angaben zum Absender, lediglich einen kleinen bunten Schmetterling als Sticker. Das bringt sie an ihre Grenzen. Sie flucht lautstark und gerät in Panik.

Wieder kehrt sie zur Scheune zurück und betrachtet das Kunstwerk. Es ist still um sie herum. Kurzentschlossen entfernt sie sämtliche losen Brocken. So kann es auf keinen Fall bleiben und Ärger gibt es vermutlich sowieso, denkt sie sich. Der ist unabwendbar. Allerdings kann sie inzwischen durch ihre jahrelange Erfahrung einschätzen, dass es ohnehin großflächig ausgebessert werden muss. Sie stöhnt vor Erschöpfung und hört die eigenen Atemgeräusche. Ihr Blick ist auf das Objekt gerichtet. Gebannt starrt sie es jetzt an. Ganz akkurat gebunden, das setzt Übung darin voraus. Er muss es schon etliche Male zuvor gemacht haben. Einfach perfekt, überlegt sie und bewundert ihn fast. Die Skulptur wirkt erst richtig durch die menschliche Größe, geht es ihr wieder durch den Kopf. Nur eben diese schwarzen Löcher! Aufgeregt vergrößert sie die Schadstelle ein wenig. Was hat er nur für ein Trägermaterial eingesetzt? Sie weiß nicht, warum sie das macht, aber es interessiert sie auf einmal brennend und sie beschleunigt sogar ihre Handgriffe. Noch immer erkennt sie nichts richtig. Dann greift sie ihr Handy, schaltet die Taschenlampe an und leuchtet hinein. Was befindet sich nur darunter? Sie verspürt eine innere Unruhe, die sie so nie erlebt hat. Irgendetwas scheint anders zu sein. Wie besessen bröselt sie den Gips immer weiter und weiter ab, um besser sehen zu können. Ihr Herz pocht schneller. Plötzlich wird ihr bewusst, was sie vor sich sieht. Es ist zusammengenähte Haut, die eines Menschen! Sie schafft es gerade noch, sich zur Seite zu drehen, dann übergibt sie sich.

Kapitel 4

Das Telefon surrt und Greta versucht, es zu überhören. Ungläubig starrt sie das Ding an. Mit einem Mal kündigt sich so ein schreckliches Gefühl in der Magengegend an. Speiübel ist ihr. Kein gutes Omen. Sie richtet sich auf, drückt ihr Kreuz durch und schaut auf ihr Bett, auf dem ihre Kleidungsstücke bunt durcheinander liegen. Wer zum Teufel stört sie so spät? Sie schließt die Augen und hofft, dass der Ton endlich verstummt. Aber das passiert nicht. Der Anrufer zeigt sich ausdauernd. Sie tippelt langsam zum Schreibtisch hinüber, um ans Telefon zu gelangen und den Hörer abzunehmen. Ein Blick aufs Display verrät ihr, dass ihre Mutter anruft. Verärgert nimmt sie das Gespräch an.

»Ich will dir sagen, dass ich mitkomme. Ich muss hier mal raus. Aus dem öden Ort. Wir fahren mit meinem Auto und hängen den Wohnanhänger dran. Dann kannst du sogar einen Pullover mehr einstecken, vorausgesetzt, du hast nicht drei Reisetaschen voll und zwei weitere mit Schminkkram«, schlägt ihr Hannah vor. »Was hältst du davon?«

Was schon! Das kann sie ihr doch aber nicht sagen. Oder? Schließlich handelt es sich nicht um eine Urlaubsfahrt, sondern um ihre ungewollte Versetzung in den Harz, genau genommen nach Goslar. Ausgerechnet Randharz! Als der oberste Chef zu ihr kam und herumstammelte, um die richtigen Worte zu finden, ahnte sie, dass sie weggelobt werden würde. Angeblich ein längerer Krankheitsfall und Mutterschaftsurlaub zweier Kolleginnen erforderten ab sofort ihre dortige Anwesenheit. Dabei ist sie noch nicht so lange bei der Polizei tätig. Sie atmet schwer.

»Gretchen, ich habe mir überlegt, dass ich einen Tapetenwechsel gebrauchen kann. Und mit meinem Fuß ist es viel besser. Der Arzt riet mir …«

Gretchen, so nennt sie mich nur, wenn sie gut drauf ist und etwas von mir will. Sie hört nicht mehr richtig zu. Ihre Mutter tut, als sei alles wieder in bester Ordnung. »Ich denke, du willst einen wichtigen Termin wahrnehmen?«, sagt Greta trotzig und schmeißt einen Stapel Handtücher aufs Bett.

»Vergiss es, mein Kind. Klappt schon.«

Greta hasst ihre spontanen Entscheidungen. Das war immer so und sie wird sich auch im Alter nicht mehr ändern.

»Ich muss hier mal raus, verstehst du? Ich brauche dringend eine Abwechslung. Außerdem müssen wir eine vernünftige Unterkunft für dich finden«, vernimmt sie wieder die Worte ihrer Mutter.

»Mama, ich bin über dreißig! Ich muss dort arbeiten.«

»Gut, dann eben nicht.« Ihr Tonfall verrät, dass sie eingeschnappt ist.

Greta versucht einzulenken. »Aber nur, bis wir was Passendes gefunden haben.«

Ihre Mutter seufzt tief. »Fertig?«

»Womit?«

»Na mit dem Packen.«

»Hör auf, mich zu stressen. Ich fahre erst morgen früh.«

»Dann leg einen Zahn zu! Immerhin musst du ausgeschlafen sein, wenn du …«

»Mutter! Es reicht!«, erwidert sie gereizt. Ihr Ton hat sich inzwischen verschärft. Sie verspürt keinerlei Lust, ihre Sachen zusammen zu suchen und alles in der Tasche zu verstauen. Greta weiß selber, dass sie trödelt. Es wird Stunden dauern. Viel lieber will sie noch ein bisschen entspannen, vielleicht doch Goethe lesen und sich dann schlafen legen. Aber daraus wird sowieso nichts. Ihre Mutter hat den wunden Punkt getroffen und das ärgert sie gewaltig.

»Ich mache mir eben Sorgen«, sagt Hannah kleinlaut. Dann schweigen sie und das zieht sich hin.

»Der Kühlschrank im Wohnwagen ist für die Reise aufgefüllt, den musst du sehen, randvoll. Das reicht für die ganze Woche«, sagt Gretas Mutter nach einer Ewigkeit in die Stille hinein. »Ist das bei dir angekommen?«

»Ja. Allerdings gibt es in diesem Landstrich auch Supermärkte, die täglich geöffnet haben.«

»Du machst immer alles kompliziert.«

»Moment, wenn jemand das kompliziert macht, dann du. Mir kam zuvor nicht mal der Gedanke, dass ich ein Kindermädchen brauche. Und ich fühle mich nicht im Geringsten einsam ohne dich.«

»Wir wollten aber schon immer mal in den Urlaub fahren.«

»Versteh doch, ich habe keine Freizeit.« Langsam packt sie die Wut. »Wann begreifst du das endlich?«

»Gut, morgen, acht Uhr, hole ich dich ab. Verschlafe bloß nicht!«

»Ja«, brüllt Greta in den Hörer. Völlig fassungslos legt sie sich ins Bett. Sie stellt sich den Wecker, um am anderen Morgen rechtzeitig aufzustehen. Dann bleibt genügend Zeit, um die restlichen Kleidungsstücke in der Reisetasche zu verstauen.

Als sie morgens aufwacht, spürt sie eine gewisse Erleichterung, dass ihre Mutter sie abholen wird. Greta will keine Zeit verschwenden, sondern fertig sein, wenn Hannah vor der Tür steht. Deshalb schlüpft sie kurzerhand in ihre Kleidung, verstaut noch das ein oder andere Kleid, aber vor allem ihre teure Schminke.

Pünktlich ist ihre Mutter jedenfalls nicht. Unpünktlichkeit kann sie nicht ausstehen. Und das weiß Hannah auch. Greta geht nach draußen, um zu sehen, wo sie bleibt. Nichts. Das macht sie mit Absicht, um mich zu ärgern, brummt sie vor sich hin und kehrt unterdessen in ihre Küche zurück.

Zehn Minuten später sitzt sie in Hannahs Auto, das über die Straßen heizt, um die Verspätung wieder wettzumachen. So ist die Fahrt recht kurz, aber angenehm, denn beide sind schweigsam, weil sie in Gedanken sind.

Gretas Mutter Hannah stammt aus Schierke und seit einigen Jahren besucht sie in regelmäßigen Abständen ihre einstige Heimat, angeblich um Erinnerungen aufzufrischen oder ehemalige Freunde und Bekannte zu treffen. Und sie übernachtet immer in ihrem Wohnwagen und gehört längst zu den Stammgästen. Elvira, die Eigentümerin des Campingplatzes, kommt aus der Rezeption gelaufen und umarmt sie herzlich zur Begrüßung.

»Wie schön, dich wiederzusehen, Hannah. Endlich lerne ich deine reizende Tochter kennen.« Sie streckt Greta die Hand entgegen. »Ich bin Elvi«, sagt die ältere Frau lächelnd. »So nennen mich meine Freunde.«

»Und ich, Greta.«

Zwei Grazien im Hexenkostüm laufen an ihnen vorbei, Greta gafft hinterher.

»Eben Walpurgis«, kommentiert Hannah und zieht die Augenbrauen hoch.

»In zwei Tagen ist es wieder so weit«, ergänzt Elvi.

Greta erinnert sich, dass ihr im letzten Jahr ihre Mutter erzählte, jemand hätte, um für die richtige Stimmung zu sorgen, eine sogenannte ›Hexensalbe‹ hergestellt, nach einem mittelalterlichen Rezept, aus Zutaten wie Mutterkorn, Misteln, Bilsenkraut, Johanniskraut, Stechapfel, Tollkirsche, Schierling und anderen Nachtschattengewächsen. Es war demjenigen wohl auch bestens gelungen. Aus dem Verkauf wurde aber nichts. Die Salbe wurde als Rauschgift eingestuft und verboten. Auf welche Ideen manche kommen. Greta grinst und atmet tief durch. Wie atemberaubend schön es hier ist. Ihr Blick wandert ringsherum, erst über den Platz, dann hinab ins Tal und auf der gegenüberliegenden Seite wieder die Berge hinauf bis zum Brocken. Ein Hauch Mystik liegt in der Luft, auch wegen des bevorstehenden Spektakels. Sie freut sich schon drauf. Endlich was los. Man kann ja nie wissen, wer einem in solch einer Nacht über dem Weg läuft. Sie verzieht den Mund leicht gespitzt und schmunzelt in sich hinein. Nicht umsonst wählte sie schließlich Kleidung und Schminke sorgfältig aus und stimmte sie aufeinander ab. Selbst das Wetter spielt mit. Die Sonne ist angenehm warm auf der Haut. Nach dem langen Winter sehnt Greta sich nach sonnigen Tagen. Nein, in diesem Moment bereut sie es keinesfalls, mitgefahren zu sein, obwohl sie Camping absolut hasst.

»Nun komm, trödele nicht. Träumen kannst du in deinem Bett. Die Anmeldung habe ich bereits erledigt. Wir müssen uns einen Stellplatz suchen.«

Greta bekam nicht mal mit, dass Hannah sich entfernt hat, um alles in die Wege zu leiten. Jetzt steigt sie schleunigst wieder ins Auto.

»Schau mal, dort drüben am Waldrand ist noch ein Fleckchen frei.«

Greta stimmt zu. Sofort manövriert ihre Mutter das Gefährt an die richtige Stelle und baut das Vorzelt auf. Zehn Minuten später konnte man den Eindruck haben, dass die beiden sich schon längere Zeit dort befinden. Es herrscht fabelhafte Stimmung, viele Camper kennen sich aus den vergangenen Jahren, freuen sich nun über ein Wiedersehen mit ihrer Mutter. Immer wieder treffen neue Feriengäste ein. Umarmungen, Freudenschreie, Jubel über Neuankömmlinge.

Hannah schlägt eine erste Wanderung vor. Ziel soll die Feuersteinklippe sein, eines der Wahrzeichen von Schierke und daher ein Muss bei jedem ihrer Besuche. »Stell dich nicht so an, sogar Goethe wanderte 1784 dorthin, um geologische Forschungen zu betreiben.«

»Ist mir bekannt, Mutter. Eine Gedenktafel erinnert daran. Nach jeder Reise redest du davon.« Und stets nimmt Greta sich vor, endlich den ›Faust‹ zu lesen. Allerdings ist es bisher der pure Albtraum. »Und was ist mit deinem Fuß? Du kannst doch gar nicht wandern.«

»Wenn er schmerzt, kehren wir um. Wo liegt das Problem?«

»Hm. Ich brauche aber noch einen Moment«, willigt sie grummelnd ein und sucht schon nach dem neuesten Lippenstift in der Handtasche. Endlich hält sie ihn in der Hand. Im Nu zieht sie die Lippen dick nach. Perfekt, denkt sie beim nochmaligen Betrachten. Viel lieber würde sie sich jetzt mit einem Bier zu den Campern gesellen, ihnen zuhören und den neuesten Tratsch erfahren. Es hilft nichts, sie muss sich startklar machen. Wahrscheinlich werden die anderen sowieso erst abends zusammensitzen, vermutet sie. Sie wird noch Gelegenheit dazu haben. Und die würde sie sich nicht nehmen lassen, das steht für Greta fest.

»Nun mach endlich. Der Weg ist ja nicht besonders weit«, drängelt ihre Mutter.

Greta zieht sich ein legeres Kleid über und fühlt sich gleich wohl darin. Fünf Minuten später ist sie bereit zu gehen. Zwar hat sie leichte Laufprobleme in ihren hochhackigen roten Lederpumps, aber das wird schon werden. Schließlich hat sie sich die erst kurz vor der Abreise gekauft. Sie wackelt spaßeshalber mit dem Hintern und lacht sich kaputt. Dann steigt sie endlich aus dem Wohnwagen.

Hannah mustert sie von oben bis unten. »In dem Aufzug willst du los?«

»Aber ja. Das sind die bequemsten High Heels, die ich besitze. In denen kann ich gut laufen«, lügt sie, ohne rot zu werden.

»Und deine Wanderschuhe?«

»Da sind ja schon die Sohlen durchgelaufen und die Nähte trennen sich allmählich auf.« Greta verzieht ihr Gesicht. »Die stammen ja noch aus meiner Jugendzeit, weil ich ja jedes Jahr mit dir in den Urlaub fahren musste. Total unmodern! Kein Mensch zieht heutzutage solche Botten an.«

»Keine Hose? Was ist mit einer Jeans?«

»Hannah! Ich denke, wir gehen nur ein kleines Stück. Weshalb also die Verkleidung als Wanderer? Für mich ist das kein Urlaub, warum willst du das nicht verstehen?« Greta stöhnt. »Lass mich einfach machen.«

Panik zeichnet sich in Hannahs Gesicht ab. »Und wieder wirst du gleich mit deinem Outfit auffallen. Schau in den Spiegel.«

»Was ist damit?«

»Peinlich! Die Leute hier ...«

»Tut mir leid, aber ich kann mich nicht verbiegen, nur weil dem einen oder anderen mein Aufzug nicht gefällt. Kümmere dich nicht um sie. Mir sind sie auch egal.«

»Aber mir nicht.« Hannah runzelt die Stirn. »Deine Versetzung ist ja kein Wunder.«

»Stimmt genau, was du sagst. Ich bin oft genug mit den Kollegen zusammen gerasselt, unter anderem wegen meines unangemessenen Kleidungsstils. Mich stören genauso ihre Tätowierungen. Na und? Deswegen verzichten sie nicht drauf. Guck dir an, wer alles in den Polizeidienst eintritt.«

Hannah ringt nach Luft. Dann wird Greta eben ihre vermutlich schmerzhaften Erfahrungen machen müssen, geht es ihr durch den Kopf. Trotzdem sie sich innerlich aufregt, schließt sie den Wohnanhänger ab und beide laufen los. Hannah lässt sich nichts mehr anmerken.

»Kannst du mir einen Gefallen tun?«, fragt Greta nach einem Stück Weg in die Stille hinein.

»Kommt drauf an«, antwortet Hannah, ohne aufzusehen.

»Ich dachte, wir durchqueren den Ort. Können wir nicht den direkten Weg nehmen?«

»Warum?«

»Schließlich muss ich mich um eine Wohnung kümmern und hier sind vermutlich die Mieten günstiger als auf der Westseite des Harzes. Ein kleiner Ort reicht mir aus. Die wenigen Kilometer bis zur Dienststelle kann ich jeden Tag mit dem Auto pendeln. Da fällt mir ein, dass ich morgen zum Dienstantritt dein Auto brauche.«

»Das dachte ich mir. Weißt du schon, was dich im Kommissariat erwartet?«

»Nein. Nach dem Frühstück habe ich versucht, dort jemanden zu erreichen. Aber vergebens, es ging keiner ran. Also hinterließ ich die Nachricht, dass man mich zurückrufen möge. Allerdings ist das noch nicht passiert.« Das Gespräch endet wieder abrupt.

»An unseren letzten gemeinsamen Besuch wirst du dich kaum erinnern. Einige Jährchen liegen schon dazwischen. Bis heute wird sich allerhand geändert haben. Ich bin selber gespannt.«

Der Klingelton von Gretas Handy lässt beide Frauen zusammenzucken. Wer ruft bloß an? Greta ist verärgert und starrt gebannt auf das Display. Zum wiederholten Male ertönt die Melodie.

»Eine unbekannte Telefonnummer«, stellt sie fest und meldet sich.

»Frau Weinstein?«, fragt eine zarte Stimme am anderen Ende der Leitung. »Kommissarin Weinstein?«

»Ja.«

»Ich rufe im Auftrag von ...«

»... meinem neuen Chef an.«

»Ja, genau. Wir brauchen Sie sofort im Einsatz. Ihre Vorgängerin hat vor drei Tagen entbunden und Klaus Sauerzapf habe ich bereits informiert. Er steht Ihnen ja zur Seite, allerdings liegt er, wie soll ich es sagen, augenblicklich krankheitsbedingt im Bett.«

»Na super!« Gretas Lust sinkt auf den Nullpunkt. Das nun auch noch. »Was gibt es denn?«

»Einen Mord!«

»Mord?«

»Genau deswegen brauchen wir Sie unbedingt vor Ort.« Jetzt hört sich die Stimme noch dünner an und Greta befürchtet, dass sie gleich gänzlich versagt. »Frau Kommissarin?«

»Ja. Wo soll ich hinkommen?«

»Kennen Sie St. Andreasberg, einen Ortsteil von Braunlage?«

»Den Ort schon, nur nicht, wo die Gebäude im Detail stehen. Aber dafür gibt es ja ein Navi. Wo wurde die Leiche gefunden?«

»An der Tourist-Information, im Kurpark, nahe der Kirche ›St. Andreas‹. Die Kollegen der Streife sind bereits dort und werden Ihnen den genauen Weg zum Fundort zeigen.«

»Gut, ich komme sofort. Der Kurpark wird ja zu finden sein.« Greta will gerade auflegen, als sie nochmals Ihren Namen hört. »Ja? Ist noch etwas?«

»Wir wissen nur, dass es sich um eine Skulptur handelt, die für eine Ausstellung abgegeben wurde.« Die Frau unterbricht ihre Mitteilung und schluckt hörbar laut.

»Und?«

»Durch ein Loch will die Kollegin menschliche Haut erkannt haben.«

Greta kann sich absolut keinen Reim darauf machen, nimmt daher das Gehörte ausschließlich zur Kenntnis.

»Frau oder Mann?«

»Das weiß ich nicht.«

»Bin in wenigen Minuten da.« Greta beendet das Telefonat und wendet sich an ihre Mutter: »Kann ich dein Auto ...«

Hannah sucht unterdessen längst in ihrer Jackentasche den Schlüssel und reicht ihn ihrer Tochter. »Fahr vorsichtig!«

Greta nickt zustimmend. Es ist ihr erster Einsatz in der neuen Dienststelle!

Kapitel 5

Greta Weinstein hatte sich den Abend ganz anders vorgestellt. Ihre Mutter und sie kamen gerade erst am Morgen auf dem Campingplatz in Schierke an und wollten gemeinsam noch zwei Tage Urlaub verbringen. Verdammt, grübelt sie, warum trifft es wieder ausgerechnet mich?

Während sie auf der Landstraße langsam hinter einem Bus herfährt und keine Chance zum Überholen hat, klappt sie den Spiegel herunter und betrachtet ihre rote Lockenpracht. Sie muss sich zur Walpurgisnacht nicht einmal eine Perücke aufsetzen, schließlich geht sie auch so als Hexe durch. Sie denkt an die bevorstehende Aufgabe. Wird nicht leicht werden! Auf einmal wird ihr ganz flau im Magen. Ihre Stimmung wechselt. Sauer verzieht sie die Mundwinkel, dann konzentriert sie sich wieder auf die Fahrbahn. Warum hat ihre Mutter auch kein Blaulicht im Auto, flucht sie laut und haut mit der flachen Hand aufs Lenkrad. Die Hupe geht los und sie erschreckt sich heftig. Sie zuckt zusammen. Das Auto schlingert. Sie hat große Mühe, es auf der Fahrbahn zu halten. Gerade noch gelingt es ihr, es wieder auf die Fahrspur zu bringen. Die wenigen Kilometer kommen ihr unendlich lang vor. Die Straße ist kurvig, sie muss sich mächtig konzentrieren. Im Wald ist es inzwischen finster und sie erkennt kaum etwas. Fast unheimlich. Nur nicht anhalten müssen. Verbissen klammert sie ihre Finger ums Lenkrad. »Mensch, zum Teufel mit dir! Kannst du nicht ein bisschen schneller fahren«, brüllt sie halblaut zu sich selber und verzieht ihre Mundwinkel. Eine dumme Angewohnheit, das weiß sie. Endlich biegt ihr Vordermann am Ortseingang Braunlage ab. Sie überlegt, was sie über diese Stadt weiß. Das ist nicht viel, stellt sie fest, eine beliebte Urlaubsregion am Fuße des Wurmbergs, Sport- und Luftkurort, und gleich dahinter fängt der Nationalpark Harz an. Dann hört es auch schon auf. Noch weniger fällt ihr über Sankt Andreasberg ein. Der höchstgelegene Luftkurort, bekannt für seine Bergbautradition, ist eingemeindet und gehört nun zur Stadt Braunlage. Von einem ihrer Kollegen weiß sie, dass das den Bewohnern der ehemaligen freien Bergstadt nicht gefällt. Viele Touristen, Aktivurlauber, egal zu welcher Jahreszeit. Sie muss sich unbedingt einen Reiseführer besorgen, nimmt sie sich vor.

Inzwischen ist sie allein auf der Straße und schaltet das Radio ein. Nachrichten. Sie dreht es wieder aus und drückt das Gaspedal kräftig durch. Noch eine Viertelstunde! Konkret braucht sie dringend einen Kaffee. Bloß fehlt ihr gerade die Zeit. Ein verfrühter Einsatz, vollkommen überraschend. Morgen sollte sie sich erst sehen lassen. Und jetzt das! Sie nähert sich ihrem Ziel. Endlich trifft sie am Nationalparkhaus ein und parkt das Auto gleich neben der Absperrung. Greta beobachtet, wie ein Streifenpolizist einige Gaffer nach hinten drängt, weil sie im Weg stehen und mit ihrem Handy herumfuchteln, um zu fotografieren. Sie kann neugierige Menschen nicht ausstehen und der Kollege, so wie es aussieht, auch nicht. Er droht den Leuten mit einer Anzeige und saftigen Geldstrafen.

Unterdessen kramt sie nach dem Taschenspiegel in ihrer Handtasche und betrachtet sich darin. Mit dem Zeigefinger wischt sie vorsichtig die verschmierte Wimperntusche ab und zieht die Lippen nach. Fertig. Sie verstaut wieder alles und steigt aus. Die Kollegen von der Streife empfangen sie und schildern ihr den weiteren Weg. Zwei Schritte und sie knickt mit ihren Schuhen um. »Scheiße«, schreit sie laut auf und runzelt das Gesicht. Sie beobachtet, wie die Leute sich darüber amüsieren. Verbiestert presst sie Lippen aufeinander und stolziert los. Nur wenige Schritte. Der Wind bläst heftig, so dass sie schwierig vorwärtskommt. Außerdem friert sie. Etwas Wärmeres steckt noch im Koffer. Und wenn das Gelände weiter so uneben ist, kann sie ihre Pumps auf den Mist schmeißen, ärgert sie sich, während sie läuft. Und die waren nicht billig!

Schließlich erreicht sie den Ort des Geschehens. Sofort bleibt ihr Blick an dem hellen Klumpen auf dem Boden hängen.

»Soll das Kunst sein?«, fragt Greta einen älteren Kollegen, der das rot-weiß gestreifte Absperrband fester spannt. Beide schauen auf die Kiste.

»Sieht ganz danach aus«, sagt der Uniformierte, guckt sie missbilligend an und schüttelt irritiert den Kopf. »Sind Sie neu hier?« Da er von Greta keine Antwort bekommt, redet er einfach weiter. »Zumindest kann Unfalltod oder tragischer Unglücksfall ausgeschlossen werden. Und ausgerechnet zur Walpurgisnacht!«, sagt der Alte mehr zu sich selbst als zu ihr.

»Wer hat das Opfer gefunden?«

»Elly Schuhmann, eine Mitarbeiterin des Museums. Sie ist für die Organisation der Ausstellung ›Mensch und Natur‹ zuständig.«

»Wo finde ich die Frau?«

»In ihrem Büro.«

Greta notiert sich den Namen der Frau auf ihrem Block. »Zu ihr werde ich später gehen und mich mit ihr unterhalten.«

»Ja, sie wartet dort auf Sie.«

»Machte sie irgendwelche Angaben zu dem Künstler?«

»Nein, zu mir nicht.«

»Hm. Ist denn die Gegend für die zahlreichen Besucher gerüstet? Der Wurmberg zieht bestimmt unzählige Touristen an.«

»Vieles davon wird von den Medien geschürt und es ist für manch einen ein Zwang, dabei zu sein. Endlich ist was los. Teufelskult, Hexenritt, damit kann jeder etwas anfangen.«

»Klar. Der mystische Harz eben.«

»Die Wurzeln dafür liegen ja bereits in der vorchristlichen Zeit.«

Greta verdreht die Augen. »Aha. So sehr interessiert mich das Ganze dann doch nicht.« Tatsächlich will sie sich keinen Vortrag darüber anhören, nur fällt ihr nichts Passendes ein, um dem zu entkommen.

»Die ›Ureinwohner‹ des Harzes feierten schon das Frühlingsfest. Sie freuten sich, dass sie den Winter, also die kalte und dunkle Jahreszeit, endlich überstanden hatten. Dazu kam die Hochzeit des Germanengottes Wotan. Man opferte und vertrieb die bösen Geister.«

»Mit Verkleidungen und Feuer und all solchem Kram?«

»Unter anderem. Darüber gibt es unzählige Sagen und Legenden. Allerdings ist keinesfalls erwiesen, dass der Brocken das legendäre Zentrum dieser Handlungen bildete. Glaubt man einigen Leuten im Ort und in der Umgebung, so gibt es eine weitere Kultstätte auf dem Wurmberg.«

»Auf dem Wurmberg?« Greta lauscht neugierig seinen Worten.

»Einen Steinkreis, wie von Druiden gebaut, vermutlich aus der Steinzeit. Davor die Prozessionsstraße und natürlich die Hexentreppe. Noch nie davon gehört?«

»Nein. Hexentreppe?«

»So wird eine Steintreppe, die dorthin führt, im Volksmund genannt.«

»Interessant. Hierzu fällt mir sofort der Hexentanzplatz ein.«

»Hm.«

»Ich fange erst morgen, na ja heute, an«, erklärt sie schnell zu ihrer Entschuldigung.

Der Kollege nickt verständnisvoll und verknotet das Ende des Bandes.

»Interessiert Sie das auch?«, fragt Greta nach.

»Mir ist das alles egal. Ich mach mir darüber keine Gedanken. Soll doch jeder glauben, was er will. Die Menschen sind heutzutage sowieso kaputt, das sieht man an diesem Resultat hier. Krank!«

»Ja. Wir sollten unsere Aufmerksamkeit wieder darauf beschränken. Genau genommen sieht es ja wie ein Kunstwerk aus«, sagt Greta und betrachtet sich das Ganze detaillierter. »Wie viel Mühe da drinsteckt! Allein die gleichmäßige Wickelung der Binde. Und nur für die Ausstellung? Unmöglich. Dahinter muss es was Tieferes geben, wie eine Botschaft, ein Hilfeschrei, irgendetwas in der Richtung.«

Der Kollege hatte sich längst verabschiedet, ohne dass es Greta mitbekam. Wir werden das verdammte Schwein kriegen, ist sie überzeugt. Ganz gewiss, er wird einen Fehler machen, so wie viele andere vor ihm auch. Warum gerade diese Frau?

Zwischenzeitlich schrillt ihr Handy, welches sie aus der Tasche zieht und den Anruf entgegennimmt. Mit unterdrückter Nummer, wundert sie sich.

»Wo stecken Sie, Weinstein?«, fragt eine tiefe Männerstimme, die sich als die Stimme von Klaus Sauerzapf herausstellt. Ihr Kompagnon, ein älterer Kollege, mit dem sie zukünftig zusammenarbeiten wird.

»Am Tatort«, antwortet Greta wahrheitsgemäß.

»Das können Sie gar nicht wissen, ob es sich dort um den Tatort handelt.«

»Genau genommen stehe ich neben der Leiche. Sonst noch was?«, fragt sie übertrieben spitz zurück. Sie hasst Menschen, die sich derart aufspielen. Hoffentlich liegen sie sich nicht ständig in den Haaren, vor allem wegen irgendwelcher Lappalien.

»Ich bin in ein paar Minuten da«, brummt er, bevor er abrupt das Gespräch beendet.

»Unfassbar!«, schnauft Greta und atmet tief durch. Dann wählt sie die Handynummer ihrer Mutter und berichtet kurz.

»Ich kenne den alten Zausel«, sagt sie. »Der ist nicht ganz ohne! Allerdings gefielen mir die Weiterbildungen mit ihm, aktuelle Fälle, sehr interessant. Ich wollte immer mit ihm zusammenarbeiten.«

»Aber der spinnt! Weißt du, wie der sich gerade am Telefon aufgeführt hat? Der hat sie nicht mehr alle!«, echauffiert sich Greta. »Ich darf gar nicht daran denken, was das für mich bedeutet.«

»Was denn?«

»Der treibt mich in den Wahnsinn!«

»Ein bisschen muss er noch bis zur Pensionierung durchhalten. Also finde dich damit ab.«

»Waaaas? Aber …!«

»Kein ›aber‹. Ein Kollege erzählte mir, dass er sehr träge geworden ist«, kommentiert Hannah ihren Gedankengang.

Gerade will Greta sich weiter nach ihm erkundigen, da bemerkt sie ihn, wie er durchs Unterholz schleicht.

»Er kommt, ich mache Schluss. Sein Hemd sitzt über der Wampe mächtig straff. Der kann sich unmöglich schnell bewegen, ein richtig träger Sack. Wann hast du ihn denn zuletzt gesehen?«

Zu spät, ihre Mutter hatte aufgelegt. Greta hört näherkommende Schritte und blickt auf. Sauerzapf. Er tritt neben sie. Auch er schaut Greta von oben bis unten an und verzieht sein grimmiges Gesicht.

»So sieht also Hannahs Tochter aus.« Er reicht ihr die Hand.

»Hm.«

Wahrlich ein komischer Kauz, den sie ab sofort an der Backe hat. Sauerzapf steht demnach kurz vor dem Rentenalter, grübelt sie. Und das breite Gesicht! Ob er Medikamente einnimmt? Er sieht so aufgedunsen aus. Das soll mich nicht interessieren! Nicht meine Baustelle. Fertig.

»Schon Abdrücke gesichert?«

Greta schaut ihn entsetzt an.

»Der Boden ist total durchlöchert. Mit diesen Dingern da«, er zeigt auf ihre Schuhe. »... kommt man nicht zum Dienst, um einen Mord aufzuklären. Durch dein Getrampel vernichtest du vermutlich sämtliche Spuren. Das würde bei Hannah nie passieren.«

»Was ich anziehe oder trage, ist ganz alleine meine Sache. Und wenn Sie die Umstände nicht kennen, dann reißen Sie den Mund nicht so weit auf«, erwidert sie zornig. »Sie sollten sich lieber auskurieren und im Bett bleiben.«

»Die SpuSi ist im Anmarsch, die Jungs schlagen gleich auf«, spricht Sauerzapf unbeeindruckt weiter, tritt einige Schritte zurück und sucht das Umfeld ab. »Die müssten doch auch Fotos machen. Dann können wir uns die wenigstens ganz in Ruhe am Schreibtisch anschauen.«

»Oh, das wird schwer! Wie soll ich da bloß mit ihm klarkommen?«, murmelt Greta vor sich hin und holt tief Luft. »Mann, mann, mann.« Ihr Kollege tut so, als bekommt er nichts mit.

»Übrigens, wir duzen uns im Team«, sagt er nach einer kurzen Pause. Greta nickt, obwohl sie seinen Vornamen nicht verstanden hat und auch keine Lust verspürt, ihn noch einmal danach zu fragen. Das hatte er ihr voraus, er erkundigte sich im Vorfeld über sie. Ein fantastischer Start. »Ich bin der Klaus. Im Amt nennen sie mich aber alle nur Sauerzapf«, hört sie ihren Kollegen sagen.

»Die Leiche sollte gefunden werden, wenn auch nicht sofort, lediglich ein bisschen später«, sagt Greta nachdenklich. »Er muss alles genau geplant haben.«

»Durchaus möglich.«

»Er mordete und formte ein Kunstwerk daraus.«

»Was geht in solch einem kranken Hirn ab?«

»Ja, er brauchte eine gewisse Zeit, um das Opfer so herzurichten. Vermutlich hatte er Spaß daran, denn er gab sich große Mühe. Sein Kunstwerk sollte ordentlich aussehen. Die Frage ist nur, aus welchem Motiv heraus er handelte?«

»Wie kommst du darauf?«

»Es sieht so aus. Genau durchdacht, sehr sorgfältig ausgeführt, unter Umständen verehrte er sogar das Opfer, aus welchem Grund auch immer. Noch stehen wir am Anfang unserer Ermittlungen.«

»Woraus schließt du das?«, fragt Sauerzapf und kratzt sich verwundert am Hinterkopf. »Hört sich ganz nach Hannah an.«

»Öffnen wir endlich dieses verdammte Ding. Die Verantwortung liegt bei mir«, erklärt Greta spontan. Sie möchte sich den Leichnam und das Umfeld genauer ansehen. Die Eindrücke auf sich wirken lassen. Ganz in Ruhe, bevor gleich der Sturm losbricht. Dazu nimmt sie sich gern etwas Zeit.

Sauerzapf starrt sie entgeistert an. »Das kannst du nicht machen. Das gibt Ärger. Die SpuSi ist gleich vor Ort. Warten wir noch einen Moment.«

»Nein, zuerst verschaffe ich mir mein eigenes Bild von den äußeren Gegebenheiten und danach öffnen wir den Verband. Ich möchte das Darunter, das Verborgene, sehen.«

Sie umrundet die Kiste, bleibt hin und wieder stehen, beugt sich hinunter und betrachtet schließlich die Mumienpuppe von allen Seiten. Eine sehr saubere, akkurate Arbeit, fällt sie stillschweigend ihr Urteil. Abschließend verharrt sie mit geschlossenen Augen einige Sekunden neben der Kiste und geht noch einmal gedanklich alle Details durch.

»Gut jetzt. Beeilen wir uns besser, bevor der Doc und anderen Jungs aufkreuzen«, treibt Greta ihren Kollegen an. Sie zieht Einmalhandschuhe aus ihrer Jackentasche, stülpt sie über und versucht, die Binde zu verschieben, was allerdings nicht funktioniert. »Verdammt! Er muss sie mit irgendeinem Mittel eingestrichen haben. Vielleicht mit einem speziellen Kleber. Die lässt sich kein bisschen verrücken!«, flucht sie und sucht eine Nagelfeile in ihrer Handtasche.

»Was willst du damit?«, fragt Sauerzapf erstaunt und sieht sie entgeistert an, als Greta sie dann in der Hand hält.

»Ich will die Löcher vergrößern, sonst kann ich ja nichts erkennen. Meine Taschenlampe liegt zuhause.« Sie zwingt sich zur Ruhe, weil sie merkt, wie Herz und Puls rasen. Wie oft schon nahm sie sich vor, einen Yoga-Kurs zu besuchen.

»Vermutlich nur Schminkkram in der Tasche. Klar, dass da keine Funzel mehr reinpasst«, kommentiert Sauerzapf.

»Jedenfalls komme ich ohne Hilfsmittel nicht weiter.« Greta verharrt davor, zückt das Handy, schaltet die Taschenlampe ein und leuchtet in die Löcher, in denen sich gewöhnlich die Augen eines Menschen befinden. »Uh!« Sie weicht sofort zurück, verzieht das Gesicht und schluckt.

»Was ist los?«, will ihr Kollege wissen, nachdem er in Gretas kreideweißes Gesicht geblickt hat. Er greift ihr Handy, geht ebenfalls in Hockstellung und leuchtet hinein. »Übel!« Das Einzige, was er äußert.

»Nein, kein schöner Anblick, grauenvoll, einfach nur widerlich!«, stimmt Greta zu. »Was haben wir bisher für Fakten?«

Sauerzapf zuckt die Schultern. »Keine Ahnung. Nichts.«

»Ganz so sehe ich das nicht. Äußerlich erinnert das Kunstwerk, so nennen wir das jetzt mal, an die Metamorphose eines Schmetterlings. Dieser dient ihm allem Anschein nach als Vorbild für seine Tat.«

»Von der Puppe zum schönen Falter.«

»Ja. In der Natur findet die Verwandlung innerhalb der Puppe statt, irgendwann reißt sie ein und das Insekt schlüpft.«

»Ja, ganz genau. Ich verstehe, was du meinst.«

»In unserem Fall sollten wir die junge Frau finden und ihre Hülle entfernen, so sein Ziel. Wir sollten sie quasi entpuppen.«

»Und als Ergebnis kommt ein bemalter Körper zum Vorschein, der einen Schmetterling symbolisiert. Der ist doch krank«, schlussfolgert Sauerzapf.

»Als Trophäe behält er die Augen, vermute ich«, sagt Greta, während sie die Schicht weiter großflächig abbröckelt. »Scheiß Funzel!«, ärgert sie sich. Ihre Hände zittern, sie zwingt sich zur Ruhe, aber es gelingt ihr nicht recht. »Vielleicht sehen wir darunter wirklich eine bemalte Körperhülle.«

»Was will er damit?«, grübelt wiederum Sauerzapf und legt seine Stirn in Falten.

»Ein Zeichen des Triumphs. Erinnerung. Ermutigung, vielleicht will er sogar die Tat wiederholen, bis hin zum Perfektionismus. Was weiß ich! Der wird sich bestimmt keine Suppe damit kochen«, sagt Greta und erntet dafür einen bösen Blick von ihrem Kollegen. »Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung.«

Ringsherum ist es still, nur die schweren Atemgeräusche dringen an ihre Ohren. Greta presst ihre Lippen zusammen. Sauerzapf nickt kurz, sie hat es wahrgenommen.

»Morgen wissen wir vielleicht mehr. Wenn der Obduktionsbericht in Kurzform fertig ist, erhalten wir ihn sofort über WhatsApp. Bis dahin müssen wir uns wie immer gedulden.«

Kapitel 6

Hannah hat es sich im Wohnwagen gemütlich gemacht und lächelt in sich hinein. Einige Sekunden später erhebt sie sich mühsam aus der Sitzecke, um sich einen Kaffee zu kochen. Schwarz, ohne Milch und Zucker. So mag sie ihn am liebsten. Sie steht an dem kleinen Fenster und muss an ihre Tochter denken, mit der sie hier eigentlich ihren Urlaub verbringen möchte. Greta, die hübsche, großgewachsene Frau mit der Löwenmähne. Strebsam, willensstark und dickköpfig. Von wem sie den Charakter wohl hatte? Hannah musste lächeln. Ihre Große!

Schließlich braucht sie für den neuen Job eine andere Unterkunft. Da bietet sich ein gemeinsamer Aufenthalt auf dem Campingplatz förmlich an. Ganz praktisch für sie selber. Eine Pause in ihrer geliebten Heimat. Sie fragt sich nur, wie lange Greta das will. Es gibt genug Gründe, die sich nicht gerade förderlich auf ihr Zusammenleben auswirken. Beispielsweise ihre Wettsucht. Ihre Finger zucken schon allein bei dem Gedanken. Bloß noch eine Wette, sagt ihr die Kopfstimme und sie kann ihr nur schwer widerstehen. Nein, ihr Entschluss steht fest. Sie bekämpft ihre Sucht und sie wird es schaffen! Sie therapiert sich selber. Nichts mit Isolation. Sie will wieder im Job mitmischen!

Inzwischen ist die Sonne fast vollständig verschwunden und es fängt an, leicht zu regnen. Was für ein gegensätzlicher Tag! Sie will trotzdem zu den Schnarcherklippen, entscheidet Hannah spontan, den zwei mächtig verwitterten Granittürmen hoch über dem Elendstal. Felsen, die fast senkrecht emporragen. Damals ist sie oft mit dem Großvater dorthin gewandert. Sofort fallen ihr wieder Goethes Zeilen aus dem Faust ein: »… und die Klippen, die sich bücken, und die langen Felsennasen, wie sie schnarchen, wie sie blasen!« Den Rest hatte sie vergessen. Wer würde den Text schon von ihr wissen wollen. Greta? Nein, unmöglich. Und nur wandern will ihre Tochter auch bloß nicht. Das weiß sie als Mutter.