Das Lächeln der Hexe - Iris Rösner - E-Book
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Das Lächeln der Hexe E-Book

Iris Rösner

5,0

Beschreibung

Thea Wagner, ehemalige Top-Ermittlerin der Darmstädter Kripo, führt seit zwei Jahren als Leiterin der Polizeistation ein entspanntes Leben im beschaulichen Idstein. Das ändert sich, als im Verlies des sogenannten Hexenturms eine Frauenleiche gefunden wird. Der einzige Zugang zum Turm ist ein enges Loch, wie kam die Tote dort hinein? Gerüchte um einen Ritualmord machen die Runde. Und der Polizei fehlt es an Personal, weswegen Theas Spürnase wieder zum Einsatz kommen muss. Die ruhigen Zeiten sind sehr schnell vorbei, nicht nur für Thea.

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Seitenzahl: 270

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Iris Rösner

Das Lächeln der Hexe

Ein Taunus-Krimi aus Idstein

Mink, Marion: Das Lächeln der Hexe. Taunus-Krimi aus Idstein. Hamburg, edition krimi 2019

Originalausgabe 2019

Buch-ISBN: 978-3-946734-25-3

ePub-eBook-ISBN: 978-3-946734-27-7

Lektorat: edition krimi

Umschlaggestaltung: © Annelie Lamers, edition krimi

Umschlagmotiv: © Iris Rösner

Hintergrundstrukturen: www.pixabay.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Die edition krimi ist ein Imprint der Bedey Media GmbH,

Hermannstal 119k, 22119 Hamburg.

_______________________________

© edition krimi, Hamburg 2019

Alle Rechte vorbehalten.

https://www.edition-krimi.de

1

Ein kühler Wind zerrte an den grauen Wolken und zog die Regenbringer in Richtung Osten. Pfeifend lief Steffen Brandner über das nasse Kopfsteinpflaster der Ober­gasse. Der Geruch von feuchtem Holz hing an diesem Morgen in der Luft, als der großgewachsene Mann mit den Geheimratsecken in den graubraunen Locken seinen Weg in Richtung König-Adolf-Platz fortsetzte. Der Sturm der vergangenen Nacht hatte die Holzelemente der Fachwerkhäuser, die entlang der Obergasse Spalier standen, durchweicht. Es schadete dem Charme der geschichtsträchtigen Häuser nicht. Vor 14 Jahren war Brandner der Liebe wegen von Hannover nach Idstein gezogen. Bis heute bereute er diese Entscheidung nicht. Sein alter Herr hatte damals den Umzug in das verschlafene Städtchen im Taunus mit ganz anderen Augen gesehen. Er hätte ihm zu einer politischen Karriere in Hannover verholfen. Als ehemaliger niedersächsischer Finanzminister besaß sein Vater die allerbesten Kontakte, wenn es um die Besetzung einflussreicher Ämter ging.

Brandner hatte dankend abgelehnt und stattdessen die Stelle als Standesbeamter der Stadt Idstein übernommen. Die ehemalige nassauische Residenz glich einer Schatzkiste. Im Inneren verborgen schlummerten wahre Schmuckstücke architektonischer Baukunst des 15. Jahrhunderts. Sein täglicher Spaziergang zur Arbeit führte ihn an zahlreichen sanierten Fachwerkhäusern vorbei. Autos musste Brandner keine fürchten. Der Fußgänger­zone sei Dank.

Bevor der Standesbeamte die Stufen zum Rathaus hinaufstieg, in dem sich sein Büro befand, hielt er ein paar Minuten inne, um die Kulisse auf sich wirken zu lassen. Am König-Adolf-Platz präsentierte sich die ehemalige nassauische Residenz von ihrer charmantesten Seite. In direkter Linie vor ihm erhob sich die blaue Fassade des sogenannten schiefen Hauses. Linkerhand erstrahlte das farbenprächtige Killingerhaus, das seine zweite Arbeitsstelle beheimatete: die Touristen­information. In der Rolle des Türmers führte Brandner die Besucher durch die Altstadt und bestieg mit ihnen den Hexenturm, das Wahrzeichen der Stadt.

Vorsichtig schritt Steffen Brandner die aus­getretenen Treppen zum roten Rathaus empor. Nach heftigen Regen­fällen verwandelten herabfallende Blätter die Stufen in eine Rutschbahn.

Brandner seufzte, warf einen Blick in den wolkenverhangenen Himmel. Er hatte seiner Kollegin Julia, die als Gartenweib verkleidet Besucher durch Idstein führte, versprochen, im Hexenturm nach dem Rechten zu sehen. Im Klartext bedeutete diese Bitte, dass er Müll und Plastikflaschen, die Jugendliche in Partynächten rund um den Turm hinterließen, aufsammeln durfte.

„Der Turm ist dein Hoheitsgebiet“, flötete Julia manchmal und unterstrich die Bitte mit einem verführerischen Wimpernaufschlag.

Steffen Brandner eilte mit langen Schritten durch das imposante Kanzleitor. Auf der anderen Seite offenbarte sich ihm eine vergangene Welt: Fachwerkdächer in Kombination mit vom Wetter gegerbten Mauern. Seit dem Mittelalter hatte sich die einstige Residenzstadt zwar flächenmäßig ausgebreitet, doch der Kern schien in einer Zeitkapsel zu verweilen.

Entschlossen setzte Brandner seinen Weg in Richtung Hexenturm fort. Der strahlend weiße Bau des Schlosses, das seit 70 Jahren die Pestalozzischule beheimatete, erhob sich majestätisch am Horizont.

Auf dem Platz zwischen Schloss und Hexenturm erwischte ihn eine kalte Böe. Der Herbst war im Anmarsch. Vorsichtig bestieg Brandner die in den Felsen gehauene Treppe, die direkt zum Eingang des Turms führte. Diese Stufen, in Kombination mit Stöckel­schuhen, waren der Tod eines jeden Knöchels, wenn Bräute mit Kleid und Pumps vor dem Wahrzeichen der Stadt für die Hochzeitsbilder posierten.

Brandner riet regelmäßig den Frischvermählten, die Hochzeitsfotos möglichst im Schlossgarten zu knipsen. Mit mäßigem Erfolg.

Bedächtig stieg er die unebenen Stufen hinauf. Entlang der Steintreppen wucherte dichtes Gestrüpp. Piksende Dornenbüsche, leuchtende Hagebutten­sträucher und scharfkantige Felsen umschlangen den Fuß des Wahrzeichens. Ein Turm, wie gemacht für Dorn­röschen, dachte Brandner, wenn er die buckeligen Felsen­treppen passierte. Auf der Ebene vor dem Zugang ins Innere des Turmes griff er in seine Jackentasche, wo der längliche, massive Eingangsschlüssel quer lag.

Brandner fuhr sich durch die graumelierten Haare, bevor er die Holztür aufschloss. Für heute Abend stand eine Veranstaltung der Weinhandlung auf dem Programm, in deren Verlauf er zwei Gruppen durch seinen Turm führen würde. Eine Kontrolle der unebenen Wege und knarzenden Holztreppen war keine schlechte Idee, damit der Abend ohne Zwischenfälle verlaufen konnte.

Vorschriftsmäßig verschloss er nach dem Betreten die Tür, damit ihm keine Eindringlinge unerlaubt ins Idsteiner Wahrzeichen folgten. Dezente Lichtquellen, die hinter dicken Balken ein verstecktes Leben führten, empfingen den Türmer. Er sah unter die Treppe und machte sich gedanklich eine Notiz, beim Verlassen den überquellenden Mülleimer mitzunehmen. Brandner erklomm die Holztreppe im Anbau und schmunzelte über die Herrschaft der Spinnen, die ihre großzügigen Netze auf der Unterseite der Stufen spannten. Nachdem er die ersten 38 Tritte gemeistert hatte, hielt er inne, um eine Atempause einzulegen. Anschließend schlenderte Brandner den kurzen Gang in Richtung Verlies, zeitgleich saugte er den Geruch der dicken Steinmauern auf, der ihn an feuchte Erde erinnerte. Der Berufsverkehr brauste unten an der Straße entlang, aber im Inneren des Hexenturmes lag eine friedliche Ruhe. Bevor der Türmer die letzten Stufen zur Spitze in Angriff nahm, warf er einen Blick sieben Meter in die Tiefe, auf den Grund des Kerkers. Dank einer Deckenlampe konnten Touristen bis auf den Boden sehen. Es würde Brandner ein ewiges Rätsel bleiben, warum Besucher gewillt waren, Geld hinunterzu­werfen. Es handelte sich um ein Verlies und nicht um einen Wunschbrunnen. Innerhalb kurzer Zeit bemerkten die Touristen, dass ihre Münzen den Weg nach unten nie antraten. Aus Sicherheitsgründen hatte die Stadt vor Jahren eine Plexiglasscheibe vor die Öffnung gesetzt. Zusätzlich diente ein massives Eisengitter als Schutz, dessen angerostetes Vorhängeschloss ein unerlaubtes Eindringen ins Verlies erschwerte. In der Hoffnung, ein paar Münzen zu finden, beugte Brandner seinen Oberkörper über die Plexiglasscheibe. Mit dem linken Oberarm stützte sich der Türmer ab und tastete mit der rechten Hand über die Scheibe. Dabei sah er durch das verdreckte Plexiglas auf den Grund des Kerkers. Erschrocken hob er den Kopf, blinzelte mit den Augen und schluckte, bevor er in den Taschen seines Jacketts nach einem Schnupftuch suchte und begann, damit energisch die Scheibe von Dreck sowie toten Krabbeltieren zu befreien. Er spuckte auf das Plexiglas und rubbelte intensiv, sodass das Taschentuch sich in seine Bestandteile auflöste. Erneut sah er auf den Grund des Kerkers. Sein Herz fing an zu galoppieren, sein Hals verwandelte sich in eine Wüste. Auf dem Boden des Verlieses lag eine Frauengestalt auf dem Rücken. In ein schwarzes Gewand gehüllt, die grauschwarzen Haare ordentlich um das Gesicht drapiert. Die Hände vor der Brust gekreuzt, die Augen weit aufgerissen. Ein Lächeln war im toten Antlitz der Frau eingefroren.

2

Lautlos flitzten die schlanken Finger über die altersschwache Tastatur. Der Bericht über die Einbruchs­serie im Taubenbergviertel hatte es verdient, ein Ende zu finden. Wie zu erwarten, verlief die Suche nach den Tätern im Sand. Diebesbanden aus Osteuropa gingen flink und leise an die Arbeit. Thea Wagner strubbelte durch ihre goldbraune Kurzhaarfrisur. Als Leiterin der hiesigen Polizeistation zählte es nicht zu ihren Auf­gaben, Berichte über Einbruchsserien zu tippen. In der ursprünglichen Version reihten sich jedoch unzählige Rechtschreib- und Grammatikfehler aneinander; von der geschwollenen Sprache einmal abgesehen. Hauptkommissarin Wagner stand vom Schreibtisch auf, um eine Tasse frischen Kaffee zu brühen. Die Versetzung von Darmstadt nach Idstein brachte durchaus positive Aspekte mit sich. Ihr Büro war geräumiger, und der italienische Kaffeeautomat diente ausschließlich Thea und ihren Besuchern.

„Etwas Abstand täte dir gut, Mama“, hatte ihre Tochter Charlotte, von Familie und Freunden Charly genannt, damals vor knapp zwei Jahren gesagt. Noch immer hallten ihr die Worte im Ohr, genau wie der Satz, dass nach dem Tod ihres Mannes ein Neuanfang nicht die schlechteste Option sei.

Die Kommissarin nahm vorsichtig einen Schluck des heißen Kaffees. Er schmeckte wie Kais selbst­gebrühter Wachmacher, für den der geerbte Keramikfilter seiner Großmutter zum Einsatz kam. Das Gefühl, ein Eisenpanzer umschlösse ihre Brust, überkam sie bei dem Gedanken an den plötzlichen Tod ihres Mannes. An diesem Tag hatte ihn das Glück verlassen, das als Schornsteinfeger an ihm haftete. Es war der 18. November vor zwei Jahren. Um 11:34 Uhr gab Theas Smartphone die Musik des Survivor-Klassikers „Eye of the Tiger“ in elektronischer Form zum Besten. Ein Kollege des Darmstädter Präsidiums vergewisserte sich, ob der Bezirksschornsteinfeger Kai Wagner ihr Mann sei. Thea bejahte die Frage. Zeitgleich krampfte sich ihr Magen zusammen.

„Ihr Ehemann Kai Wagner ist von einem Dach in der Moosbergstraße abgerutscht. Leider hat er den Aufprall nicht überlebt.“

Thea schloss für einen Moment die Augen. Sie beschwor in ihrem Kopf ein sonniges Bild am Strand herauf, um die bedrückenden Erinnerungen zu vertreiben. Es dauerte ein paar Minuten, bevor sie erneut entschlossen in die Tasten haute. Der Bericht musste endlich zu einem Abschluss kommen. Kollegin Seiler, frisch von der Polizeiakademie nach Idstein ab­kommandiert, saß seit drei Tagen an der Aus­fertigung. Jedes Wort legte sie auf die Goldwaage, als sei sie gezwungen, eine Rede an die Nation zu verfassen. Dabei handelte es sich lediglich um eine Fingerübung. Für den Einstieg in den Polizeidienst die ideale Aufgabe. Kurze Zeit später setzte Thea die Lesebrille ab. Das Schriftstück war fertig. Erleichtert atmete sie auf. Unzählige Berichte hatte sie im Verlauf ihrer Karriere geschrieben. Jedes Mal tauchte sie erneut in den Fall ein. Ob Verkehrsdelikt, Diebstahl, Drogenhandel oder Mord; erst mit Beendigung der polizeilichen Dokumen­tation war für Thea der Fall abgeschlossen.

Der Wind schob die Regenwolken der vergangenen Nacht kräftig Richtung Osten. Ein zarter Sonnenstrahl kämpfte sich durch das himmlische Dickicht und hinter­ließ seinen Abdruck auf der Spitze des Hexenturms. Die Kommissarin reckte ihre Arme und Beine, stand auf, ging hinüber zum Fenster und bestaunte das Verkehrschaos. Die runde Wanduhr gegenüber ihrem Schreibtisch zeigte 7:48 Uhr an. Durch den Verkehrskreisel, der direkt vor ihrem Bürofenster lag, schoben sich PKWs und Busse gleichermaßen. Zur Rushhour und samstagvormittags erweckte Idstein den Eindruck, es könne einer Millionenmetropole den Rang ablaufen.

„Der Rheingau-Taunus-Kreis zählt zu den Landkreisen mit den wenigsten Verbrechensdelikten“, hieß es bei den Begrüßungsworten des Bürgermeisters zu ihrer Amtseinführung. Im Klartext bedeutete diese Aussage, in ihrem neuen Wirkungskreis lag der Hund begraben. Abgesehen von dem Verkehrschaos zu Stoßzeiten. Ein Chaos ähnlich der Ansammlung auf ihrem Schreibtisch. Papiere und Dokumente flankierten die Seiten ihrer Tastatur. Dienstpläne, Urlaubsanträge sowie Formulare zur Anforderung von Toner oder Klopapier warteten darauf, mit Theas Unterschrift versehen den vorgeschriebenen Dienstweg zu gehen. Hinzu kam die Aufgabe, als Schnittstelle zwischen Bevölkerung und Polizeiarbeit zu vermitteln sowie ein gegenseitiges Verständnis zu fördern. „Networking“ nannte das der Polizeipräsident.

Theas Herz hing nicht an ihrem aktuellen Aufgabengebiet. Sie wollte jedoch nicht undankbar sein. Viele ihrer männlichen Kollegen leckten sich die Finger nach einer derart gut dotierten Position. Nicht zu vergessen die regelmäßigen Arbeitszeiten.

„Du solltest dich schämen, Mutter“, schimpfte Charly, als Thea über die Routine in ihrem Job klagte. „Würdest du lieber Mördern hinterherjagen, Vergewaltiger in die Enge treiben und mit der Knarre unter dem Kopfkissen schlafen? Du bist 56 Jahre alt und seit über 30 Jahren im Polizeidienst. Es ist an der Zeit, die aufreibenden Jobs den Jüngeren zu überlassen.“

Thea saß, während ihr die Standpauke gehalten wurde, schmollend am massiven Holztisch in der behaglichen Wohnküche von Charlotte.

Wie konnte sie von einer Lehrerin für Latein und Mathematik erwarten, dass sie den Adrenalinstoß kurz vor einem Zugriff verstehen würde. Das berauschende Glücksgefühl, zu erfahren, wenn der Mörder seine Tat gestand.

„Genieß’ das Ansehen und die Routine, die dir der Job beschert.“

Thea sah in das missmutige Gesicht ihrer Tochter, deren braune Haare zu einem Dutt hochgesteckt waren. Die schwarze Skinnyjeans schmeichelte den gazellen­artigen Beinen.

„Meine Spürnase verrät mir, dass du vor allem an einem günstigen Babysitter interessiert bist“, sagte Thea ihrer Tochter auf den Kopf zu.

„Warum nicht? Nimm’ dich mehr der klassischen Großmutter-Aufgaben an.“

„Echt jetzt? Socken stricken, Kuchen backen und Märchen erzählen?“

Charly wackelte mit ihrer niedlichen Stupsnase, dabei riss sie die mahagonifarbenen Augen auf. Die Mimik erinnerte Thea an die Disneyfigur Bambi.

„Aber einmal in der Woche Babysitten ist doch ein Geschenk für jede Oma“, flötete Charlotte.

Thea seufzte leise. Die Entfernung Darmstadt – Idstein erschien ihr an diesem Abend wie die ideale Distanz für ein harmonisches Familienleben.

* * *

Mit einem kaum vernehmlichen Tick bewegte sich der Zeiger der Wanduhr auf 8:05 Uhr. Die Kommissarin griff zum versilberten Kugelschreiber, ein Geschenk des Polizeipräsidenten zur Amtseinführung. In Gedanken versunken ließ Thea den Stift zwischen ihren Fingern kreisen. Ein Gefühl der Einsamkeit überfiel sie. Scherzhaft sprach Thea von ‚Isolationshaft‘, wenn sie ihren neuen Posten beschrieb. Noch gehörte sie nicht zur Truppe der Polizeistation Idstein, sondern fun­gierte als höhere Machteinheit. Theas Anweisungen galt es ohne Protest zu folgen. Vor allem die männlichen Kollegen misstrauten ihr. Noch sieben Jahre würde Thea den Posten innehaben und sich dann in den Ruhestand verabschieden. Bis dahin stand das Tagesgeschäft im Fokus. In einer knappen halben Stunde war es Zeit für die wöchentliche Dienstbesprechung. Danach verlief Theas Tag gemäß ihrem Terminkalender.

Mit hängenden Schultern trottete die Kommissarin zu ihrem Bürostuhl. Sie öffnete die Aktenmappe und nahm den vorliegenden Papierkram in Angriff. Anstatt eine neue Dienstvorschrift durchzuarbeiten, wanderten ihre Gedanken zu jenem Freitagnachmittag kurz vor Weihnachten, der zu ihrer Versetzung geführt hatte. Fünf Wochen waren damals seit Kais Beerdigung vergangen. Dunkle Regenwolken hingen über Darmstadt. Im Inneren des Kommissariats brannte die Luft. Ein geschäftiges Treiben drang aus jedem Büro. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Karsten Kröger hatten sie kurz zuvor einen Inder festgenommen, der seine Ehefrau angezündet hatte. Einsicht oder Reue wegen seiner Tat zeigte der Mann nicht. In gebrochenem Deutsch argumentierte er mit den Worten „andere Sitten in meine Heimat“ und „Frau hat nix zu sagen“, während er auf Theas Füße spuckte. Kurzerhand drückte sie dem Täter das Gesicht in den brennenden Adventskranz.

Das war keine ihrer weisesten Entscheidungen. Vor allem in Anbetracht dessen, dass jede Form der klassischen Polizeiarbeit mit der aktuellen Stelle in Idstein für sie passé war. Statt einer Dienstaufsichts­beschwerde legte ihr Vorgesetzter Thea nahe, die Position des überraschend verstorbenen Leiters der Polizei­station in Idstein zu übernehmen.

„Kollegin Wagner, verstehen Sie mich nicht falsch. Sie sind eine ausgezeichnete Kriminalistin. Aber“, dabei zwirbelte Oberhauptkommissar Steiner die Spitze seines Ziegenbärtchens, „aufgrund ihrer familiären Situation wäre der Wechsel an einen unaufgeregten Dienstort die bessere Alternative.“

Daher lebte Thea seit achtzehn Monaten im „aufstrebenden Mittelzentrum“, wie die Stadtväter Idstein gerne bewarben. Es hätte sie schlechter treffen können. Die kleine Stadt im Taunus besaß ein Schwimmbad, eine Reihe von Restaurants und ein Kino, das nicht nur Blockbuster vorführte. Doch Thea war ein echtes Darmstädter Gewächs, dessen Wurzeln brutal aus der südhessischen Erde herausgerissen und in den kalten Norden verpflanzt worden waren. Sie vermissteihren Arbeitskollegen Karsten und seine mitunter dreckigen Witze sowie Olga, die Abteilungs­sekretärin, und das Borschtsch, das sie jeden Freitag für alle kochte. Von kniffligen Mordermittlungen ganz zu schweigen. Bevor sie das nächste Mal einem Mörder den Adventskranz ins Gesicht drückte, würde Thea versuchen, ihre Wut zu bändigen und innerlich bis zehn zu zählen.

Ein Gepolter auf dem Gang vor ihrem Büro schreckte Thea aus ihren Gedanken. Bevor sie sich zur Tür begab, wurde diese aufgerissen und Sarah Steinbecker, eine engagierte Mitarbeiterin, brüllte in den Raum: „Morgen Chefin. Wir haben einen Mord. Endlich passiert etwas Aufregendes in unserem Groß-Dorf. Wollen wir gleich zum Tatort? Ist fußläufig.“

Thea versah die hochgewachsene Frau mit einem düsteren Blick. Die Figur ihrer Mitarbeiterin erinnerte die Kommissarin an die Elbenkönigin Galadriel aus den „Herr-der-Ringe“-Filmen: eine leuchtende, übernatürliche Schönheit. Wenn die junge Beamtin durch die Gänge der Idsteiner Polizeistation wehte, wirkte sie extrem deplatziert. Kommissarin Sarah Steinbecker gehörte auf das Cover der „Cosmopolitan“ oder auf die Laufstege dieser Welt. Bisher wagte Thea nicht zu fragen, was eine klassische Schönheit wie Steinbecker auf die Polizeiakademie verschlagen hatte. Dafür blieb aktuell ebenfalls keine Zeit.

„Ist anklopfen old school? Oder wie darf ich mir Ihr Verhalten erklären?“, fragte Kommissarin Wagner scharf. Tadel jeglicher Art prallten an der 1,84 Meter großen Blondine ab. Lächelnd stand die 29-jährige Polizistin vor Theas Schreibtisch, freudig mit den Händen klatschend.

„Was ist denn wo passiert?“ fragte Thea mit einem leicht genervten Unterton.

„Unser Standesbeamter hat eine Leiche im Hexenturm gefunden.“

„Ein Unfall, nehme ich an. Jemand ist die Treppe hinabgefallen und hat sich das Genick gebrochen“, vermutete die Kommissarin, „dann wäre es unser Zuständigkeitsbereich.“

Steinbecker zögerte. „Dem Anruf nach zu urteilen, liegt die Leiche im Verlies des Hexenturms. In dunkle Gewänder gehüllt.“

Thea horchte auf.

„Wissen Sie etwas Genaueres?“

Steinbecker schüttelte den Kopf. Thea dachte kurz nach, während ihre rechte Augenbraue unkontrolliert zu zucken begann. Die Dienstbesprechung musste warten. Bevor sie die Kollegen des Morddezernats in Wiesbaden aufscheuchte, würde sie persönlich vor Ort einen Blick auf die Umstände werfen. Bei Bedarf konnten sie immer noch Verstärkung rufen. Kommissarin Wagner griff ihren grauen Cordblazer, gab Sarah Steinbecker ein Zeichen, ihr zu folgen, und rief im Vorbeigehen Kollege Balter zu: „Verschieben Sie die Dienst­besprechung. Ich bin kurz außer Haus.“

3

Ein muffiger Geruch, wie Thea ihn aus Grabkammern von Kirchen kannte, stieg ihr in die Nase, als sie sich über das beleuchtete Verlies beugte. In sieben Meter Tiefe lag unübersehbar eine Frau mittleren Alters in eine schwarze Decke, einen Mantel oder Ähnliches gehüllt. Die offenen Augen starrten hinauf, als suchten sie noch immer den rettenden Kontakt zur Außenwelt. Wie mussten sich verurteilte Menschen früher in diesen feuchten Wänden gefühlt haben? In einem Drecksloch sitzend, umgeben von Ratten und anderen Krabbel­tieren? Thea wollte darüber nicht nachdenken. Mit den Händen stützte sie sich vom Rand des Kerkerlochs ab und kam zurück in eine aufrechte Position. Mit vor der Brust verschränkten Armen forderte sie Streifen­polizist Seifert auf, von den Vorkommnissen zu berichten.

„Herr Brandner fand die Leiche heute Morgen gegen halb acht. Er hielt es zuerst für eine Sinnestäuschung oder einen Scherz. Bei genauerer Betrachtung wurde ihm klar, dass da unten eine Frau liegt. Dann alarmierte Herr Brandner den Notruf“, beendete Seifert seine monotone Ausführung.

Mit wachsamen Augen taxierte Wagner den Rand der Öffnung zum Verlies. Mit dem Absatz ihrer Stiefe­letten trat sie kräftig gegen das Vorhängeschloss, das sich dem Angriff standhaft widersetzte. Sie winkte Kollegin Steinbecker näher heran und umfasste deren Oberarme. „Nicht loslassen, falls meine Theorie stimmt.“ Entschlossen betrat Wagner das Gitter über der Öffnung zum Verlies und sprang mehrere Male kraftvoll auf und ab. Das Plexiglas unter dem Gitter zitterte angesichts der plötzlichen Gewalteinwirkung. Mehr bewegte sich nicht. Das Gitter saß bombenfest.

Anschließend begutachtete Wagner erneut die Position der Toten.

„Mord oder Selbstmord?“, sinnierte sie und runzelte die Stirn. „Einen Unfall schließe ich nach meinem sportlichen Einsatz aus. Würde es sich um einen Unfall handeln, hätte die Frau von unserem Standort aus in die Tiefe fallen müssen. Dann würde sie nicht derart akkurat auf dem Boden liegen. Außerdem wäre im Fall eines Unfalles das Gitter samt Plexiglas mit ihr in die Tiefe gestürzt. Bleiben noch Mord oder Selbstmord übrig. Von hier oben sieht es aus, als würde die Tote eine Rolle verkörpern. Die schwarze Kleidung, die weiße Blume, was meinen Sie?“, fragte Wagner ihre Mitarbeiter Seifert und Steinbecker.

Steinbecker beugte ihren schlanken Körper über den Zugang zum Verlies. Als die junge Beamtin wieder aufblickte, wirkte sie nachdenklich.

„Keine leichte Frage“, gab Wagner zu bedenken. „Nehmen wir an, es handelt sich um Mord. Dann hat der Täter sein Opfer nicht durch diese Öffnung hinabgelassen. An den Rändern sehe ich keine Verankerung für dicke Seile oder Taue.“ Wagner ging in die Knie und suchte mit den Augen den Bereich rund um den Zugang zum Verlies ab. Abrupt stand die Kommissarin auf und fragte Kollege Seifert, welche anderen Wege zum Verlies führten.

Der Streifenpolizist kratzte sich grüblerisch am Kinn.

„Keine.“

„Sind Sie sicher?“

„Das ist allgemein bekannt. Nach Aussage unseres Türmers Herrn Brandner ist dieses Loch der einzige Weg zum Grund des Kerkers.“

Kommissarin Wagner verzog den dezent geschmink­ten Mund zu einer Schnute.

„Es muss einen alternativen Zugang geben. Steinbecker, informieren Sie bitte die Kollegen in Wies­baden. Hier brauchen wir Unterstützung. Falls es sich im vorliegenden Fall um eine Todesfolge durch Fremdeinwirkung handelt, fällt es in deren Zuständigkeits­bereich. Verschweigen Sie nicht den absonderlichen Fundort. Die Spurensicherung muss mit spezieller Ausrüstung anrücken.“

Wagner vernahm ein Murren aus Steinbeckers Mund, als diese in Richtung Ausgang lief. Der Handy­empfang im Turm war von bescheidener Qualität. Die Kommissarin schaute im Turm umher, ging ein paar Treppenstufen hinauf, inspizierte das hängende Eisenkreuz an der Steinmauer und verließ im Anschluss ebenfalls den düsteren Ort. Da sie keine Absonderlich­keiten entdeckt hatte, hieß es, den Weg zur Polizeistation anzutreten. Ein Stapel Papiere wartete darauf, von Thea gesichtet zu werden. Darüber hinaus musste sie den Bürgermeister über die Geschehnisse in seinem Städtchen informieren, und die lokale Presse würde unter Garantie in der Folge an ihre Tür klopfen. Wagner schüttelte sich bei dem Gedanken, dass sie der Chefredakteur der Nassau News mit Fragen bombardieren würde. Zum aktuellen Zeitpunkt erhielt die Presse ausschließlich die Information, dass eine tote Frau im Hexenturm gefunden worden war. Welche Gründe zum Ableben geführt hatten, das unterstand derzeit reinen Spekulationen. Die Augenbraue der Kommissarin begann erneut unkontrolliert zu zucken. Geräuschvoll stieß sie Luft aus.

Ihr Gehirn begann von selbst, einen Faltplan zu entwerfen. Die Tote im Verlies. Der Zugang nur über ein verschlossenes Gitter möglich. Wie musste Thea das Papier knicken, um Antworten zu erhalten?

Einen Kriminalfall verglich sie gerne mit Origami, der japanischen Faltkunst. Während ihrer Zeit im Archiv hatte Thea sich an Origami versucht. An manchen Tagen kam einfach nicht genug Arbeit herein. Sogar einen Papierkranich, eine komplizierte Faltvariante, konnte Thea nach unzähligen Versuchen anfertigen. Ein Papierkranich saß immer auf ihrem Schreibtisch, um sie daran zu erinnern, dass keine Aufgabe, kein Fall zu kompliziert ist, um ihn zu lösen.

Die Kommissarin versuchte alle Fragen im Ansatz zu ersticken. Schließlich war die Tote im Verlies nicht ihr Problem. Mordfälle gehörten nicht zum Aufgabenbereich der Idsteiner Polizei. Das hielt Theas Gehirn nicht davon ab, die Lage zu sondieren und Spekulationen anzustellen. Sollte es sich um Selbstmord handeln, dann wäre ihr Kompetenzbereich gefragt. Bis dahin musste die Kommissarin sich zurückhalten. Die Kapazität in ihrem Kopf nicht voll ausschöpfen. Daher beschloss Thea, den geschichtsträchtigen Ort schleunigst zu verlassen. Mit einem Hauch Wehmut stieg sie die Treppe in Richtung Ausgang hinab. Auf dem Platz, der zwischen Hexenturm und Schloss lag, sah die Kommissarin Herrn Brandner auf einer Bank sitzen. Den Kopf hielt er in die Hände gestützt, die Augen starrten auf den Boden, eine Zigarette hing ihm im Mundwinkel.

Die Kommissarin trat vor ihn und räusperte sich.

„Ihre erste Leiche?“

Steffen Brandner sah auf. Er schob die Kippe von der einen Seite des Mundwinkels auf die andere.

„Normalerweise bekomme ich Verstorbene nicht zu Gesicht. Zwar die liebe Verwandtschaft, die den Tod anzeigt, aber Leichen sind mir bisher nicht über den Weg gelaufen.“

Brandner nahm einen letzten Zug, warf die Zigarette auf den Boden und vernichtete die Glut mit der Spitze seiner Lederschuhe.

Die Kommissarin legte ihre Pläne, auf direktem Weg ins Büro zu gehen, ad acta. Ihr kriminalistischer Spürsinn wollte keine Ruhe geben.

„Herr Brandner, als Türmer sind Sie im Prinzip ein Experte für das Idsteiner Wahrzeichen?“

Der Standesbeamte nickte.

„Dann können Sie mir gewiss verraten, welche alter­nativen Zugänge zum Verlies führen. Ich meine, ein alter Turm, ein Schloss in der Nähe, da gab es doch unter Garantie eine Reihe von Fluchtwegen. Führte einer davon zum Kerker?“

Brandner stand von der Bank auf und stopfte die Hände in seine Hosentaschen.

„Ich habe bereits ihrem Kollegen erzählt, dass der einzige Weg ins Verlies durch die armselige Öffnung führt.“

„Und die Tote?“

„Ich habe nur eine Erklärung für die Frau am Boden des Turmes“, er hielt inne, als würde sein Kopf die Wirkung der nachstehenden Bemerkung abwägen, „Hexerei.“

Schlagartig schossen Wagners Augenbrauen in die Höhe.

„Hexerei? Sie meinen Hokuspokus und derartigen Humbug?“

Steffen Brandner krümmte sich innerlich unter den Worten der Kommissarin.

„Ich weiß, es klingt abwegig, aber … eine andere Erklärung habe ich nicht. Eine Frau in schwarze Tücher gewickelt, auf dem Boden des Verlieses im Hexenturm. Das spricht doch eine eindeutige Sprache. Oder wie sehen Sie das?“

Thea erwiderte nichts. Sie fand es unfassbar, dass Menschen im 21. Jahrhundert gewillt waren, ernsthaft Magie und Zauberei in Erwägung zu ziehen. „Was ist mit der Veranstaltung heute Abend? Die Schlenderweinwanderung?“, fragte Brandner nach. „Kann die stattfinden?“

„Das müssen Sie den ermittelnden Kommissar fragen. Ein Wiesbadener Kollege wird in Kürze ein­treffen“, antwortete Thea. „Aber, wenn ich ehrlich sein soll, dann werden Sie die Veranstaltung vermutlich absagen müssen.“

Eine leichte Blässe erschien auf Brandners Gesicht.

„65 Karten hat der Gerd von der Weinhandlung verkauft. Wir können die Tour nicht absagen. Sie ist eine Attraktion bei Einheimischen und Touristen.“

Kommissarin Wagner stöhnte innerlich auf. Sollte doch der Kollege aus Wiesbaden sich mit solchen Fragen herumärgern. Es war höchste Zeit für ihre wöchentliche Dienstbesprechung.

„Vielleicht gehen Sie jetzt am besten nach Hause und erholen sich von der Aufregung. Meine Mitarbeiter haben ja Ihre Kontaktdaten aufgenommen. Um eine schriftliche Dokumentation der Geschehnisse kümmern sich die Beamten der Mordkommission.“

Mit einer knappen Handbewegung verabschiedete sich Steffen Brandner und schlurfte in Richtung Kanzleitor.

Wagner sah ihm nach. Bevor ihre Gedanken zu dem turmhohen Papierstapel auf dem Büroschreibtisch wanderten, kam der Kommissarin ihre junge Kollegin mit langen Schritten entgegen. Sarah Steinbecker musste sich nicht mit dem glitschigen Kopfsteinpflaster herum­ärgern. Sie trug jederzeit Turnschuhe in allen erdenklichen Farben. Heute blitzten ein Paar roséfarbene mit Leopardenmuster unter den Skinnyjeans hervor.

„Die Wiesbadener Mordkommission ist informiert. Sie müssten in Kürze hier eintreffen. Kollege Seifert wird sie in Empfang nehmen. Die Spusi ist hinsichtlich des gewöhnungsbedürftigen Tatortes in Kenntnis gesetzt und wird das erforderliche Equipment …“

Wagner fiel ihr ins Wort.

„Das Verlies ist nur der Fundort. Die Leiche wurde aus einem speziellen Grund dort drapiert. Ein Gefühl sagt mir, dass es sich beim Kerker nicht um den Tatort handelt.“

In Steinbeckers grünen Augen blitzte es hoffnungsvoll auf.

„Ermitteln wir jetzt in dem Mordfall?“

„Nein! Daher begeben wir uns augenblicklich zur Polizeistation zurück. Unsere Arbeit erledigt sich nicht von selbst.“

Steinbecker ließ die Schultern hängen. Dann verzog sie ihre sinnlichen Lippen zu einem Schmollmund, Marilyn Monroe wäre vor Neid erblasst: „Fünf Minuten für einen Kaffee im N&J haben wir aber noch, oder?“

Kommissarin Wagner schmunzelte. Alle auf der Polizeistation kannten Steinbeckers Vorliebe fürhochpreisigen Kaffee aus Brasilien oder Jamaika. In dem hippen Tee- und Kaffeegeschäft, dessen Inhaber mit Vollbart, Schirmmütze und einem lockeren Spruch seine Kundschaft begrüßte, servierten sie ein vorzügliches Bohnengetränk.

„Ein paar Minuten unserer wertvollen Zeit können wir erübrigen“, meinte die Kommissarin und lief in Richtung König-Adolph-Platz. Auf den Vorschlag von Steinbecker einzugehen, war nicht ganz uneigen­nützig. Thea hoffte, aus der näheren Ferne etwas von dem geschäftigen Treiben, das in Kürze um den Hexen­turm stattfinden würde, mitzubekommen. Nicht aus professionel­len Gründen. Rein der Erinnerung an alte Zeiten wegen.

4

Thea nippte an ihrem schwarzen Kaffee, der einen hübschen Kontrast zur hellblauen Tasse bildete. Sie stützte den Kopf auf ihrem linken Arm ab und sog die frische Herbstluft ein. Der Ahornbaum vor dem Löwen­brunnen strahlte in gelb-orange und entließ in angemessenen Abständen seine Blätter in die Freiheit. Den unkonventionellen Kaffeeshop im Herzen der Idsteiner Altstadt hatte die Kommissarin direkt nach ihrem Umzug entdeckt und zum persönlichen Lieblingsplatz erkoren. Aufgrund des eigenwilligen Ambientes fühlte Thea sich wieder wie Anfang 20, wenn Sie das N&J betraten.

Jetzt saß die Kommissarin auf einem der grazilen, leicht schmuddeligen Stühle, ihre Tochter nannte es ‚shabby chic‘, vor dem Bistro und wartete auf Kollegin Steinbecker, die mit dem Eigentümer in einem Disput über Kaffeesorten steckte.

Thea genoss derweil die Ruhe in der Fußgängerzone. Am Wochenende fielen die Touristen über die schmucke Altstadt her, aber montags gehörte Idstein wieder seinen Bewohnern.

„In Idstein ist es ausgesprochen idyllisch“, äußerte sich Charlotte lobend über die ehemalige Residenzstadt, als Thea vor ihrem beruflichen Wechsel stand.

„Genau das Richtige für dich“, fand ihr Schwiegersohn Mats.

„Wie meinst du das?“, herrschte Thea den Zwei-­Meter-Mann an. Mats zuckte angesichts des scharfen Tonfalls seiner Schwiegermutter zusammen. Ob es Bären auch so erging, wenn sie einen Rüffel erhielten? Mats besaß erstaunliche Ähnlichkeit mit Meister Petz. Sein dunkelblondes Haar fiel in Locken um das Gesicht und ging in einen üppigen Vollbart über. Die Hände erinnerten Thea an Tennisschläger, und es war schwer, für die Füße passendes Schuhwerk zu finden. Größe 52 zählte nicht zum Standardsortiment.

Mats druckste herum und wagte letztendlich den Vorstoß.

„Wir müssen uns weniger Sorgen machen, wenn du nicht mehr bei der Kriminalpolizei arbeitest. Die Gefahr, dass du erschossen oder erstochen wirst, tendiert in Idstein in Richtung Null.“

Thea erinnerte sich genau, dass Mats’ Worte sie ge­ärgert hatten, zugleich rührte sie seine Sorge. Ihr Schwiegersohn behielt Recht. Die Leitung der Idsteiner Polizeistation erwies sich als vergleichsweise harmloser Job. In sieben Jahren würde Thea den Dienst quittieren. Ihre Kondition schwächelte, ebenso die Ziel­genauigkeit. Der Wechsel in das verträumte Taunusstädtchen schien aller Voraussicht nach die beste Entscheidung gewesen zu sein. Wenn auch keine freiwillige.

Thea nahm einen Schluck Kaffee und schaute auf die Ziffern ihrer Armbanduhr: kurz nach neun. Die Frühstückspause war längst vorüber. Als hätte sie ihre Gedanken gelesen, trat Sarah Steinbecker aus dem Laden und ließ sich grazil auf einem der Stühle nieder, in der Hand eine Tasse intensiv duftenden Kaffee balancierend.

„Sind die Wiesbadener Kollegen schon einge­troffen?“, fragte sie mit leuchtenden Augen.

„Keine Ahnung. Aber für uns wird es Zeit, den Rückzug anzutreten. Ich bin ohnehin viel zu lange abwesend.“

„Haben Sie Sorge, Ihr Chef könnte meckern?“, bemerkte die junge Beamtin mit einem frechen Grinsen im Gesicht.

„Liebe Kollegin Steinbecker, ich habe eine Vorbild­funktion inne. Wo kämen wir denn hin, wenn ich meine Tage in Cafés und nicht hinter meinem Schreibtisch verbringen würde?“

Die Polizistin streckte ihre Beine aus. Sie nahm einen Schluck Kaffee und erwiderte mit einem schelmischen Lächeln: „Aber einer Untergebenen werden Sie doch nicht die Pause verwehren, oder Chefin? Obendrein muss ich mich von meiner ersten Leiche erholen.“

Thea horchte auf.

„Sie haben bislang keine verstorbenen Menschen gesehen?“

„Doch, aber die starben nicht gewaltsam“, erwiderte Steinbecker, „mit Verkehrstoten, draufgegangenen Junkies oder klassischen Herzinfarkten hatte ich es schon zu tun. Aber eine Ermordete ist ein anderes Kaliber.“

Thea runzelte die Stirn und sah das Aufblitzen in den grünen Augen der jungen Polizistin. Davon abgesehen, dass Steinbecker eine echte Augenweide mit losem Mundwerk war, besaß sie das Talent, zügig Informatio­nen zu liefern. Die junge Beamtin hatte ein Händchen für Rechercheaufgaben und wäre gleichfalls eine ausgezeichnete Enthüllungsjournalistin geworden. Thea musterte ihre Mitarbeiterin, die ihre zartgliedrigen Finger um die Tasse legte, um sie zu wärmen.

„Wenn Sie sich derart für Mordfälle begeistern können, warum wechseln Sie nicht zur Kriminalpolizei? Eine Frau mit Ihrem Recherchetalent wäre für die Kollegen ein echter Gewinn“, sagte Kommissarin Wagner.

Eine leichte Röte überzog Steinbeckers Gesicht.

„Wegen Tom. Und meinem Vater zuliebe“, stammelte sie.

„Das müssen Sie mir genauer erklären.“

Steinbecker seufzte.

„Meine Mutter starb, als ich acht Jahre alt war. Ich bin Einzelkind, und mein Vater hielt mich an einer sehr kurzen Leine.“

Wagner nickt verständnisvoll.

„Als ich nach dem Abitur beschloss, zur Polizei zu gehen, traf meinen Vater beinahe der Schlag. Das Gleiche galt für Tom. ‚Ein Leben mit einer Polizistin kann ich mir nicht vorstellen‘, eröffnete er mir am Abend unseres Abiballes und schickte mich in die Wüste.“

Thea blieb bei dieser Bemerkung der Mund offen stehen.

„Sprechen wir von demselben Mann, dem sie im Frühjahr das Ja-Wort gegeben haben?“

Steinbecker zuckte mit den Schultern.

„Scheint sich um wahre Liebe bei uns zu handeln.“

Die Kommissarin schluckte. Ihre Meinung über Tom Steinbecker behielt sie für sich. Als Consultant einer amerikanischen Beratungsfirma bereiste er den Globus. Das ‚Business‘ stand für ihn an erster Stelle. Ihm zuliebe war Steinbecker von der Idsteiner Kernstadt ins beschauliche Dorf Oberseelbach gezogen, denn ‚Tom braucht am Wochenende seine Ruhe‘. Obwohl Wagner ihre Kollegin für deren pfiffigen Verstand und impulsive Art schätzte, konnte sie nicht nach­vollziehen, warum die taffe Frau in Gegenwart ihres Ehemannes eine Mutation zum Superweibchen durchlief. Fehlte nur noch, dass er Steinbecker verbot, weiterhin im Polizei­dienst tätig zu sein. Aber die Privat­angelegenheiten ihrer Mitarbeiter gingen sie eigentlich nichts an.

Thea stellte demonstrativ die Tasse auf den Unterteller und gab damit zu verstehen, dass es an der Zeit war, ins Büro zurückzukehren. Im nächsten Augenblick vernahmen sie das Geräusch von Autos, die über Kopfstein­pflaster zuckelten. Türen knallten, und eine männliche Stimme brüllte mit militärischem Drill Anweisungen über den Platz hinweg.

„Was für ein erstaunlicher Tonfall, wenn wir ihn selbst durch das fünf Meter lange Kanzleitor hören können“, bemerkte Wagner anerkennend.