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Nach einer Sammlung kriminalistischer Kurzgeschichten (Begegnung mit dem Berserker - 2011) und drei Dobermann-Kriminalromanen (abgedrückt - 2013; wei߬kalt - 2015 und Tage, die alles verändern - 2017) legt Andreas Roß nun eine weitere Kurzgeschichtensammlung vor: Das Leben ist eine Zicke - Geschichten und Krimis aus der Region. Alltagsgeschichten und Kurzkrimis mit vielen unvorhersehbaren Wendungen, von tiefsinnig-nachdenklich bis skurril-komisch. Facettenreich wie das Leben.
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Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Alltagsgeschichten und Kriminelles aus der Region 14 Alltagsgeschichten, ein längerer Krimi und 48 Kurzkrimis
Andreas Roß, Jahrgang 1962, verheiratet, zwei Kinder, arbeitet im richtigen Leben als »Mundwerker«, ist also in der Sozialarbeit tätig. Lange Jahre beriet er Haftentlassene und hörte somit viele verwegene Geschichten, die ihn inspirierten. Auch in seinem jetzigen Tätigkeitsfeld als Mieterberater für verschiedene südhessische Wohnungsunternehmen findet er in den langen dunklen Fluren der hohen Häuser immer wieder Anhaltspunkte für skurrile Begebenheiten.
Nach einer Sammlung kriminalistischer Kurzgeschichten (Begegnung mit dem Berserker – 2011) und drei Dobermann-Kriminalromanen (abgedrückt – 2013, weißkalt – 2015 und Tage, die alles verändern -2017) legt Andreas Roß nun eine weitere Kurzgeschichtensammlung vor:
Alltagsgeschichten und Kurzkrimis mit vielen unvorhersehbaren Wendungen, von tiefsinnig-nachdenklich bis skurril-komisch.
Facettenreich wie das Leben.
Die Handlungen der Geschichten sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Begebenheiten wäre rein zufällig und nicht gewollt.
Die aktuellen Lesetermine finden Sie unter: http://www.krimiautor-ross-darmstadt.de/
Der Traktor hat vier Räder, fährt er nicht, dann steht er.
Die Idee, kurze Sätze zu Papier zu bringen, die sich zu einer Kurzgeschichte vereinigen, kam so spontan wie die Entscheidung, ob man beim Roulette auf rot oder schwarz setzt. Ich bin ein Spieler, also spiele ich. Früher, als ich noch gestrickte Hosen trug und meine kurz geschnittenen Haare eine nackte Stirn zurückließen, vergnügte ich mich mit Legosteinen, die ich zu immer neuen Fantasiegebilden zusammensteckte. Dann kam die Schule und ich entdeckte: Schreiben besteht letztendlich darin, sich hinzusetzen und mit etwas Geschick die sechsundzwanzig Buchstaben unseres Alphabets sowie die drei Umlaute und vielleicht noch ab und zu das ß so zu mischen und nacheinander aufzuschreiben, dass ein mehr oder weniger sinniger Zusammenhang zu erkennen ist.
Gelingt mir dies, freut mich das. Gelingt es mir obendrein, jemanden für das Geschriebene zu interessieren, jubiliere ich (natürlich nur innerlich). Das Allergrößte ist allerdings dann erreicht, wenn es den Sätzen gelingt, die zig Gesichtsmuskeln eines Lesers zu einer Grimasse zu verformen, die der Mensch unseres Kulturkreises liebevoll »Lachen« nennt. Wenn dann noch der Lesende sich nicht nur auf die Schenkel, sondern auch dem Schreibenden auf die Schulter klopft, um danach tief in die Taschen zu greifen und wenn dann zu allem Überfluss sowie vor lauter Dankbarkeit zweiseitig bunt bedruckte Papierscheine den Besitzer wechseln, ja dann, dann wache ich meistens aus meinem Tagtraum auf und muss mir eingestehen, ich bin ein Applaus heischender Wortgebildebauer.
Aber es gibt Schlimmeres, glaube ich zumindest.
Genau dieser Glaube treibt mich immer wieder zu der Tastatur, die verbunden mit meinem Computer meinen Augen die Möglichkeit gibt, wildes Getippsel als Worte und Sätze auf dem Bildschirm wiederzufinden. Und so ergeben Worte zusammengefasst Zeilen, die ich auf der Suche nach der ultimativen Kurzgeschichte auf meiner Festplatte abspeichere. Immer mehr davon verstopfen meinen Computer, so dass jetzt wohl der richtige Zeitpunkt herangereift ist, all die kleinen Wortwürmchen aus der virtuellen Welt zu befreien und ihnen zu erlauben, auf bedrucktem Papier greifbar zu werden. So erblicken eine Menge kleiner Geschichten das Licht der Welt und warten ungeduldig darauf, gelesen zu werden.
Der Traktor hat vier Räder, steht er nicht, dann fährt er.
Stühle sind phänomenal. Es gibt tausende von ihnen und jeder ist anders, anders geformt, anders gearbeitet, anders verwendbar, und diese gesamte Andersartigkeit wirkt sich aus, weil – und das ist, was mich so begeistert – jeder Stuhl ein anderes Sitzvergnügen bietet. Mal sitzt man wie ein Fürst, mal wie ein Bettelmann, mal in Armlehnen eingebettet, mal frei schwebend, leicht hin und her schwankend, ohne besonderen Halt.
Jeder Stuhl hat etwas Besonderes, etwas Einzigartiges, ein Flair, eine Seele, und ich sammle Seelen, auch die, die in Stühlen versteckt sind.
Heute ist mein Glückstag. Ich habe gleich zwei Prachtexemplare gefunden, hinter dem Spielplatz rechts standen sie herum, und sie waren nicht versteckt, sie standen offen herum, einfach so, einsam und verlassen.
Ich stelle die Stühle in den Garten
zu den anderen.
Wolken sind grau.
Bald regnet es.
Der Garten vollgefüllt.
Ich müsste aufräumen.
Stühle werden weggeworfen. Stühle, auf denen man noch sitzen kann, die noch fast wie neu sind, die zu gebrauchen sind, die man nicht ohne Not wegwerfen muss, werden weggeworfen und mit ihnen ihre Seelen.
Ich sammle Stühle und bewahre sie auf, in meinem Garten. Zwei weitere habe ich heute gefunden, einer ist geflochten, der andere aus Holz, beide vermutlich Küchenstühle, zumindest nach meinem Sitzgefühl. Beide sind noch heil und lassen sich besetzen, von mir, ihrem neuen Besitzer.
Vor mir kniet Willi Brandt. Schön eingepackt in altes, vornehmes Schwarzweiß sieht er traurig aus, aber er wirkt, als wäre er in seinen besten Jahren und ist es wohl auch. Damals war ich auch in meinen besten Jahren. Voller Tatendrang und verliebt, hatte ich das Leben vor mir und war mir sicher, Willi Brandt hatte sich auch für mich in Warschau auf die Knie fallen lassen, ohne mich persönlich zu kennen.
Ich bin stolz, ihn gefunden zu haben. Er lag im Altpapiercontainer, ganz hinten, ganz unten, unter all dem anderen Papierabfall, unter all den interessanten Zeitschriften und Büchern, die bestimmt noch nicht zu Ende gelesen worden sind.
In meinem Wohnzimmer stapelt es sich.
Ich lege das Bild obenauf.
Daneben noch ein Stapel.
Er ist umgekippt.
Papier überall.
Ich müsste sortieren. Willi Brandt, ein toller Mann, und ich habe ihn gefunden. Wie kann man so etwas wegwerfen? Man muss es aufbewahren, in Erinnerung behalten, das Bild immer wieder anschauen, man darf nicht vergessen, alles gleich wegwerfen ist ein Frevel, aber allzu viele Menschen halten sich nicht daran.
Ich bin anders. Es muss Menschen geben, Menschen wie mich, die genau prüfen, ob etwas weggeworfen werden sollte oder ob es aufgehoben werden muss, aufgehoben und aufbewahrt für andere Menschen, die auch Interesse daran haben.
Willi Brandt kniend darf man nicht wegwerfen. Er hat es verdient, aufgehoben zu werden. Ich werde ihn in Ehren halten. Ich habe ihn zu den anderen Zeitschriften ins Wohnzimmer gelegt, auf den großen Stapel, in dem noch so vieles schlummert, was ich noch nicht gelesen habe, was auf mich wartet, wenn ich die Zeit finde, alles durchzuschauen.
Früher habe ich in unserem Wohnzimmer Fernsehen geschaut, wie so viele andere Menschen auch, ja damals, als der Fernseher noch funktionierte, doch dann verschwand plötzlich das Bild, es kann nur eine Kleinigkeit sein, ein Kondensator oder so, aber ich hatte noch keine Zeit für eine Reparatur, dafür habe ich auf dem Sperrmüll einen anderen Fernseher gefunden, mit perfektem Bild, aber ohne Ton.
Eine Woche später, ich weiß es genau, es war nämlich kurz nach meinem Geburtstag, da fand ich noch zwei weitere, einen großen und einen kleinen, und eine Stereoanlage, alles im Top-Zustand und voll funktionsfähig. Ich nahm alles mit und verstaute es in meinem Wohnzimmer, gleich neben der Werkbank, dem Kleiderschrank, an dem nur ein Scharnier fehlt, und dem Computer inklusive Bildschirm, alles Dinge, die kurz zuvor auf dem Gehsteig standen, schräg gegenüber, vor dem Haus meines Nachbarn.
Das Wohnzimmer ist voll gestellt.
Elektrogeräte nehmen viel Platz weg.
Ich müsste aufräumen,
mit den Geräten einen Turm bauen.
Multimediaschrankwand. Gestern war ein junger Mann bei mir. Er sagte, er sei Sozialarbeiter und er sei geschickt worden, von der Stadt, um nach mir zu schauen. Ich verstand ihn nicht, das einzige, was ich verstand war, dass er immer wieder fragte, ob ich Hilfe benötige, Hilfe beim Aufräumen, als ob ich das nicht allein könnte.
Der junge Mann war nett, lehnte aber den Kaffee ab, den ich ihm anbot. Ich habe extra frisches Wasser aus dem Bad geholt und in dem Tauchsieder, der im Flur auf der alten Nähmaschine steht, zum Kochen gebracht, aber er wollte nicht. Er sagte, er habe es am Magen, muss wohl ein Virus sein, der momentan grassiert.
Zum Abschied fragte er mich, wie viele Fernseher ich eigentlich hätte, ich sagte wahrheitsgemäß fünf, weil einer noch oben im Schlafzimmer steht, und er fragte mich, ob denn alle noch funktionieren würden, worauf ich ihm sagen musste, dass ich das nicht wisse, da ich momentan nicht an die Steckdosen herankomme, um die Fernsehgeräte auszuprobieren. Er sagte, er würde bei Gelegenheit nochmals vorbeikommen und ich sollte bis dahin ein wenig aufräumen und sauber machen. Ich wusste nicht genau, was er meinte und ich fragte nach. Er war recht nett und so versprach ich ihm, ich würde etwas sauber machen.
Geschirr spülen ist notwendig. Es ist etwas, was ich früher gerne gemacht habe. Früher, als meine Frau noch lebte, stand ich abends oft in der Küche, spülte, und meine Frau trocknete ab und sprach mit mir. Sie erzählte mir von ihrem Tag und ich erzählte ihr von meinem, was uns beiden sehr viel Spaß machte und so mussten wir oft lachen und einmal rutschte ihr vor lauter Lachen ein Teller aus der Hand und zerbrach in tausend Teile.
Das war kein Problem. Gemeinsam fegten wir die Scherben zusammen, glaubten an das Scherben-Glück-Sprichwort und wischten auch gleich die Küche feucht durch, denn meine Frau mochte es, wenn es sauber und aufgeräumt war, ohne dass es steril wirkte, sie fand immer das Mittelmaß zwischen Sauberkeit und Gemütlichkeit. Dafür bewunderte ich sie und bewundere sie auch heute noch.
Ich schaue in die Küche.
Die Tür ist selten offen.
Geschirrgebirge.
Ich müsste spülen. Heute allerdings nicht, denn das Spülen macht mir keinen Spaß. Meine Frau, die Erika, ist nicht mehr und ich habe aufgehört zu spülen. Warum sollte ich es auch tun? Ich bin alleine, es ist niemand da, mit dem ich mich unterhalten oder lachen könnte. Seit damals ist kein Teller zu Bruch gegangen. Keine Scherben, kein Glück.
Die Küche, ein schöner Raum. Er war immer ein Ort, in dem Geselligkeit gelebt wurde, wie überall in tausenden von Küchen, insbesondere bei Festlichkeiten. Hier traf man sich, hier stand der Kühlschrank, das kalte Bier, das warme Essen und die Gemütlichkeit nahm Platz.
Oft konnte ich das beobachten, oft feierten wir Feste in unserem Haus, oft forderte ich meine Gäste auf, sich doch auf die anderen Zimmer im Haus zu verteilen, fast immer ohne Erfolg, nur die angepassten und langweiligen folgten meiner Anweisung, die übrigen drängten sich in der kleinen Küche, erzählten, tranken und aßen von dem Selbstgekochten.
Ich koche nicht mehr.
Warum auch?
Platzmangel.
Ich müsste aufräumen. Das ist Vergangenheit. Meine Küche hat keine Gemütlichkeit verdient, sie nimmt keine Menschen in sich auf, schon lange nicht mehr, sie steht voll, voll mit Geschirr und anderem Gerümpel, alles stapelt sich zu hohen Türmen, die es teilweise nicht mehr ertragen konnten, alleine und ohne Beachtung herumzustehen und deshalb zusammengebrochen sind.
Nicht alles ist beklebt. Nicht alles ist verschmiert mit Essensresten, viele Töpfe und Pfannen habe ich noch gar nicht benutzt, warum auch, ich koche schon lange nicht mehr, ich bin alleine. Aber ich habe sie gefunden und sie waren noch heil.
Jetzt ist es gar nicht mehr möglich, etwas zu kochen, die Küche steht voll mit Töpfen und Pfannen, Tellern und Tassen, Küchengeräten und Wasserkessel und dies und das, und in letzter Zeit gibt es viele Fliegen. Deshalb habe ich die Tür zugeschlossen und das Küchenfenster gekippt, auch im Winter.
Der Flur ist eng. Früher führte er hin zu einer Treppe, die mir und meiner Frau das erste Stockwerk eröffnete, ein Stockwerk, in dem sich unser Schlafzimmer befindet, ein schönes Zimmer, ein gemütliches Zimmer, in dem ich die nettesten Stunden meines Lebens verbracht habe, mit meiner Geliebten, mit meiner Freundin, mit meiner Frau.
Wie oft habe ich sie die Treppe hoch getragen, auf meinen Armen, sie hat immer gestrampelt und gelacht, dann hat sie mich geküsst und meine Stärke gelobt, nachdem ich sie behutsam auf unser Bett gelegt hatte. Ich war stolz auf mich und meinen Körper.
Die Treppe.
Kein Durchkommen.
Ich muss sie mal frei räumen.
Befreien von all den Zeitungen. Auch heute noch befinden sich einige Goldschätze dort oben, meine Autogrammsammlung mit Bildern von Kulenkampff, Frankenfeld, der Schell und so vielen anderen und sogar ein Bild mit Unterschrift von der Alexandra sind dabei. Sie steht vor einem Baum und hat quer über das Bild geschrieben: Für meinen Freund, den Benno. Damit hat sie mich gemeint und sie hat mir zugelächelt, damals, als ich sie nach dem Konzert in der kleinen Eckkneipe getroffen hatte.
Mit der Autogrammsammlung fing alles an, damals lebte meine Frau und sie half mir beim Einkleben und Sortieren der Bilder, jetzt bin ich alleine und es kommt immer mehr hinzu, mehr Bilder, mehr Zeitungen und Zeitschriften, mehr von allem, was andere Menschen wegwerfen und was man noch gebrauchen kann. Ich nenne es das Meer-Prinzip, Welle für Welle schwappt in mein Haus, ich ersaufe darin, nein, ich schwimme gerne.
Meine Matratze und das Bad sind Land, hier kann ich mich frei bewegen. Ich kann schlafen und mein Äußeres pflegen, denn ich bin ein reinlicher Mensch. Nie würde ich mein Haus verlassen, ohne mich gekämmt und einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel geworfen zu haben. Immer bin ich ordentlich und sauber angezogen. Darauf achte ich, das ist mir wichtig. Besonders, wenn ich beim Metzger einkaufe, denn da bedient mich die Sieglinde, eine tolle Frau, die gefällt mir gut, die würde ich gerne zum Essen einladen, in meine Küche, um vielleicht irgendwann einmal mit ihr gemeinsam Geschirr zu spülen.
Ich sollte mein Haus aufräumen.
Hausbefreiung.
Das eine oder andere wegwerfen.
Nur was?
Was soll ich wegwerfen?
Was ich wegwerfe, aus meinem Leben verbanne, suche ich bestimmt am nächsten Tag, weil ich es gebrauchen kann, vielleicht fragt sogar die Sieglinde danach, vielleicht will sie genau auf dem Stuhl sitzen, den ich entsorgt habe, vielleicht will sie gerade den Zeitungsartikel lesen, den ich zerrissen habe, vielleicht will sie in dem Topf ein leckeres Essen zaubern, den ich weggeworfen habe.
Die gähnende Fülle lässt mich nicht los. Sie frisst mich auf. Ohne sie verhungere ich vor Zweifel, auf der Suche nach Neuem, nach Interessantem, nach einem Gegenstand mit Seele.
»Ich wünsche dir eine gute Reise«, stand auf dem Stück Karton, der im Wind flatterte. Einzeln und verschieden groß waren die Buchstaben. Karls fünfjähriger Enkel hatte sie gemalt. Er wollte auf diese Weise Abschied nehmen. Karl hatte nichts dagegen.
Der Wind trug den Klang einer Goldenen Hochzeit vom anderen Ende des Dorfes herüber.
Die Rose glitt aus der Hand und fiel in das Erdloch. Ausgeatmete Luft stieg weiß in den Himmel.
Die Erde hart und kaum zu brechen. Schweres Gerät hatte es dennoch geschafft. Das Loch war aufgefüllt, eine Narbe im Boden, die nun von der Blume genährt wurde.
Karl empfand die Kälte nicht, obwohl er die Strickmütze vergessen hatte, die normalerweise seinen kahlen Schädel wärmte. Er stand verloren auf beiden Beinen und starrte nach unten. Seine rauen Hände, ebenfalls frostig, wurden geschüttelt und gedrückt, immer und immer wieder. Es wollte gar kein Ende nehmen. Keine Hand erreichte ihn.
Viel später ging er in den Gemeindesaal. Bei einem Stück Streuselkuchen sprach er über die Kirchturmuhr, die noch immer nicht repariert worden war und natürlich über den Verkehrslärm, der in den letzten Jahren überhand genommen hatte.
Als die Gäste gegangen waren, zahlte Karl die Rechnung und ging die wenigen Meter zu Fuß nach Hause.
Er schloss die Tür und wartete.
Verwandte und Freunde kamen und gingen.
Karl blieb und wartete.
Die Menschen fragten, wie es ihm ginge und er sprach mit feuchten Augen. Er erzählte, dass es vor dem Krieg viel Wald gab, hier in dieser Gegend, und er gar nicht verstehen könne, warum es heute hier überall nur freies Feld gebe. Er erzählte von seiner Jugend und ganz wenig von dem Krieg. Dann sprach er über Hannelore und blieb gefangen in dieser Geschichte.
Die Tage schwammen an dem alten Mann vorbei und wie Wellen kamen die Menschen. Er fühlte, wie er immer mehr einsackte und wunderte sich darüber, dass heutzutage kaum noch Wald in dieser Gegend übriggeblieben war. Er vertrieb den Gedanken, und in ihm ballte sich Ärger zusammen, dass er damals nicht mutiger und offener gewesen war. Hannelore hatte ihn geführt. Sie allein wusste, was wichtig war, und hatte auf ihn gewartet, all die Jahre. Und als er dann endlich aus der Gefangenschaft zurückkam und schweigen musste, da waren die Wälder verschwunden und alles war so anders als im Spätsommer 1944.
Karl ließ sich von seiner erstgeborenen Tochter bekochen und kümmerte sich ab und zu um seine letzte große Schnitzarbeit. Ansonsten torkelte er zwischen dem Nachtschlaf und dem Mittagsschlaf durch die Wohnung, ohne einen Tropfen Alkohol getrunken zu haben. Alkohol machte ihm Angst. Er trank nie. Als er noch mit dem Bus in die große Stadt fuhr, um allerlei Besorgungen zu machen, sprach er oft davon, niemals so enden zu wollen wie die Unrasierten, die in den Ecken saßen und mit dem Becher zwischen den Füßen auf den Boden starrten.
Der alte Mann rieb seine Glatze, trank nichts und die Tage vergingen. Der erste Zusammenbruch kam, als er auf dem Speicher versteckt in einer alten Kiste die Feldpostkarte fand, die ihm Hannelore geschrieben und an die Front geschickt hatte.
Nachdem er das Stück Papier gefunden hatten, trug er die vergilbte und an den Rändern ausgefranste Postkarte bei sich, auch in der Nacht.
2.
Draußen wurde es langsam wärmer.
Der Eiche vor dem Haus, die Karl gepflanzt hatte, entsprang frisches Grün.
Karl ließ sich nichts anmerken.
Die lange Unterhose trug er auch nachts.
Das Essen wurde zweimal wöchentlich gekocht, auf Vorrat.
Samstags kam die Putzfrau. Karl erzählte wie ein Radio, das unbeachtet den gesamten Tag über lief.
»Es war minus 17 Grad. Auf dem Boden lag eine dicke Eisschicht. Jeden Morgen musste ich um fünf Uhr mit dem klapprigen Fahrrad zu der alten Schreinerei fahren, meiner Ausbildungsstätte. Auch samstags. Samstags hatte ich schon um vier Uhr Feierabend. Danach fuhr ich zurück, um meinem Vater zu helfen. Sonntags sind wir um sieben aufgestanden und in die Kirche ins Nachbardorf gelaufen. An der großen Kreuzung stand sie, immer pünktlich. Ich lief vorbei. Ich wollte nicht, dass sie mir auffiel. Ich war erst siebzehn. Ich sollte andere Gedanken im Kopf haben, sagte mein Vater.
Irgendwann, viel später im Sommer, sprach sie mich an. Von da an gingen wir gemeinsam in die Kirche. Noch später spazierten wir auch ab und zu abends allein durch die Gegend. Der Krieg war schon im Lande.«
Der alte Mann trug die gemütliche graue Strickjacke, lief hin und her und erzählte. Die Putzfrau arbeitete. Sie hörte nicht zu. Sie kam aus Polen und verstand nur wenig. Karl erzählte von dem fehlenden Wald und seiner Schüchternheit und folgte der Putzfrau von Raum zu Raum.
Hannelores Geburtstag rückte näher. Karl zündete eine Kerze an und starrte gegen die Wand. Dann ging er in sein Bett und starrte gegen die Decke. Das Telefon klingelte öfters. Der Tag ging vorbei und es fühlte sich an, als dauerte er ein ganzes Jahr.
Ein neuer Zeitabschnitt begann und Karl stellte die Feldpostkarte neben Hannelores Bild und beleuchtete beides mit einer Kerze. An einem Mittwoch war der Mittagsschlaf kurz. Er wurde unterbrochen durch mehrmaliges Klingeln und lautes Klopfen. Die Nachbarsfrau stand vor der Tür. Schwarzer Rauch drang aus dem Wohnzimmerfenster. Hannelores Bild lag verschrumpelt auf dem Boden. Von da an kam die Frau öfters und versuchte mit Karl ins Gespräch zu kommen. Er wollte nicht mit ihr reden. »Die will mich nur ausspionieren«, pflegte er hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln. »Die will nachschauen, ob ich die Wohnung in Ordnung halte und ob ich auch passende Sachen anhabe. Die denkt wohl, ich käme ohne Hannelore nicht zurecht.«
Der alte Mann ließ die Frau dennoch in der Küche Platz nehmen und kaufte sich ein batteriebetriebenes Kerzenimitat. »Früher gab es hier in der Gegend noch viel mehr Wald«, erzählte er, »erst in den letzten Kriegsmonaten haben die Amerikaner den Wald abbrennen lassen. Die Deutschen hatten sich oft darin versteckt. Soldaten waren im Laub eingebuddelt und schliefen ein paar Stunden. Das mit dem Schlafen war so eine Sache, damals. Nie wusste man, wann man zum Schlafen kam.«
Als die Nachbarfrau gegangen war, schubberte der alte Mann die gestrickte Kopfbedeckung auf seiner Glatze hin und her und beschloss wieder häufiger in seine Werkstatt zu gehen. Dort fand er zwei Holzbretter. »Kirschbaum, aus dem Garten meiner Eltern«, erzählte er stolz,»seit 1930 getrocknet und gelagert.«
Die Bretter wurden geleimt, geschnitten und zu einem Eckregal bearbeitet. Ein Regal mit drei Böden. Darauf sollten ein Blumenstrauß, die batteriebetriebene Kerze, ein Bild von Hannelore sowie ein Ast eines Lebensbäumchens und ein Kruzifix Platz finden. Karl nannte das Regal von Anfang an Altar. Wenn er über sein neues Werk sprach, sagte er oft: »Das Holz verklebte sich gut, es ist ausreichend getrocknet.«
3.
Die heiße Jahreszeit kam und mit ihr rückte der Hochzeitstag näher. Die Eiche vor dem Haus gab den nötigen Schatten. Das Regal war zu Ende geschreinert. Karl hatte die seitlichen Bretter aufeinander zulaufen lassen und das Holz so geschnitzt, dass es einem Gebirge ähnelte. Auf dem oberen Brett stand der gekreuzigte Jesus, gleich darunter ein neues Bild von Hannelore und die Feldpostkarte, ganz unten das Lebensbäumchen und die Kerze.
Das Regal zierte eine Ecke im Wohnzimmer.
Draußen stach seit zwei Tagen die Sonne. Karl schwitzte und wollte im Haus bleiben. »Bei dem Wetter kriegt mich keiner vor die Tür«, sagte er und mähte dennoch den Rasen, weil das Gras gewachsen war und ungepflegt aussah. Die Nachbarfrau fand den alten Mann auf der Gartenbank sitzend, schweißverklebt und vor Kälte zitternd. Sein Herz raste und polterte. Behutsam führte sie ihn in die Wohnung und informierte die Töchter.
Einen Krankenwagen lehnte Karl ab.
Die beiden Töchter kamen sofort.
»Nein, in das Krankenhaus in der großen Stadt kriegt ihr mich nie mehr. Beim letzten Mal haben mir die Ärzte irgendwas reingespritzt. Dieses Gift machte mich ganz durcheinander.«
»Ja, Papa«, sagte die jüngere Tochter und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, »du dachtest, der Oberarzt wäre ein Maurer und hast mit ihm über den schlecht verlegten Estrich auf der Intensivstation gestritten.«
»Dieses Gift hat mich noch Wochen später verfolgt. Da war ich schon aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ich weiß nicht, was die mit mir vorhatten. Die haben bestimmt an mir herumexperimentiert!«
»Ach Papa«, sagte die ältere Tochter und wischte den Küchentisch. »Was möchtest du heute zu Mittag essen? Es gibt noch Kartoffelbrei von gestern. Ich kann dir dazu ein Putenschnitzel braten.«
Auch dieser Tag verging. Am nächsten verklebte wiederum kalter Schweiß die Glatze des alten Mannes. Immer wieder wischte er die Brille sauber und sprach mit dem Stuhl, auf dem er Hannelore sitzen sah. Dann bekam er Gleichgewichtsstörungen. Die Hausärztin versorgte den verwirrten Mann mit mehreren Infusionen und gab den Töchtern den Rat, sie sollten mehr darauf achten, dass ihr Vater ausreichend Flüssigkeit zu sich nehme.
Die beiden Töchter wechselten sich ab. Sprudelwasser und Apfelsaftschorle standen den gesamten Tag über bereit. Karl saß am Küchentisch oder lag im Bett. Die Nächte waren ruhig. Der alte Mann schlich auf leisen Sohlen durch die Wohnung oder drehte sich in seinem Bett von der einen auf die andere Seite. Morgens war er sehr müde. In den wenigen Stunden, die er am Küchentisch verbrachte, ließ er sich bekochen und erzählte.
»Ja, ja, mit dem Wald, das ist sonderbar. Früher war hier in der Gegend alles voller Bäume, und heute? Wo man hinschaut, überall Felder und Gebüsch. Es gibt kaum noch die dichten, dunklen Wälder, die ich früher hier in der Gegend fand. Die Wälder, in denen man sich ausruhen konnte. In denen niemand gefunden wurde, wenn er nicht gefunden werden wollte. Manchmal, wenn es hinter dem großen Fluss ruhig war, bekamen die Pioniere den Befehl, Kriegsgefangene in das nächste Dorf zu bringen. Manchmal versteckten die sich dann im Wald und schliefen sich aus.«
Die Tage vergingen und die Töchter sorgten sich. Telefonisch nahmen sie mit der Hausärztin Kontakt auf. Beim Arztbesuch nahm sich die Ärztin Zeit. Sie riet dem alten Mann, der sich immer wieder den Schweiß von der Glatze wischte, er solle jeden Morgen einen kurzen Spaziergang machen und die Antidepressiva, die sie ihm verschrieben hatte, regelmäßig einnehmen.
»Die Löcher, in die ich reinstolpere, sind nicht mehr so tief«, sagte er zwei Wochen später und weinte, manchmal eine halbe Stunde lang. Dennoch absolvierte er regelmäßig die morgendlichen Spaziergänge.
4.
Der Sommer war lang und trocken. Endlich kam der Herbst. Die Blätter der Eiche rollten sich zusammen. Die fehlenden Wälder traten etwas in den Hintergrund. Die Spaziergänge taten gut. Karl fand Ruhe, wenn er an dem Seitenarm des Rheins die Vögel beobachtete und er nutzte die Zeit, den Menschen, denen er unterwegs begegnete, zu erzählen, wie er Hannelore kennen gelernt hatte. Gerne erzählte er, dass sie so lange auf ihn gewartet hatte.
»Meine Frau hat mich wieder zu einem Menschen gemacht. Als ich aus dem Krieg kam, war ich kein Mensch mehr. Sie hat mich geführt und mir alles gezeigt. Ich konnte ihr vertrauen und mich auf sie verlassen.«
Regelmäßig nahm er seine Tabletten, denn er spürte, dass ihm dadurch eine unsichtbare Kraft half, die vielen einsamen und grausamen Nächte und Vormittage besser zu ertragen. Die Tage wurden merklich kürzer. Die Dunkelheit und die Kälte bedeckten Karl zentnerschwer.
Am Totensonntag besuchten er und seine jüngere Tochter den Friedhof. Hinter vorgehaltener Hand sprach er über andere Dinge. »Ich bin noch immer fremd in diesem Dorf hier. Das ist das Dorf von Hannelore. Ich habe hier hineingeheiratet. Oh, mein Gott, wie waren die Leute im Dorf neidisch, als ich Hannelore geheiratet habe. Hier gönnt mir niemand etwas. Da muss ich aufpassen. Die Leute im Dorf behalten mich im Auge. Die kontrollieren mich. Man muss vorsichtig sein, was man so erzählt. Die stellen mir manchmal Fragen, da weiß ich gleich, wohin der Hase läuft.«
»Papa, das kann ich gar nicht glauben. Du wohnst hier schon seit fast 60 Jahren.«
Der alte Mann stand schweigend am Grab. Dann drehte er sich um und ging. »Weißt du«, sagte er, »die dürfen nicht wissen, dass ich einen Brunnen auf unserem Grundstück gegraben haben. Wenn die das wüssten, die würden mich gleich verpfeifen, das kannst du ruhig glauben. Die alten Weiber, die tratschen, und wie die tratschen. Hannelore war nicht so. Der kann man vertrauen. Sie hat aufgepasst, dass ich ordentlich das Haus verließ. Ihr konnte ich meinen Verdienst als Schreiner anvertrauen. Sie hat immer noch etwas am Monatsende gespart. Und wir haben nie gehungert und hatten immer gute Sachen zum Anziehen. Mit Geld konnte Hannelore umgehen. Ich bekam von ihr jede Woche fünfzig Pfennig Taschengeld, später auch etwas mehr. Damit kam ich aus. Sie hat mir ja jeden Morgen Brote geschmiert für die Arbeit, und abends, als ich nach Hause kam, hatte sie gekocht.«
5.
Der Winter kam. Schnee fiel wenig. Es regnete oft und der alte Mann weinte häufig. Die Tabletten nahm er regelmäßig. Weihnachten und der Jahreswechsel vergingen und Karl hielt sich immer an den Orten auf, an denen Hannelore gewesen wäre, hätte sie noch gelebt.
Der erste Todestag rückte näher und Karl wischte sich so lange die Glatze trocken, bis er seine beiden Töchter telefonisch erreicht und eingeladen hatte.
Es gab Sauerbraten und viel später Kaffee und Kuchen. Dann erzählte der alte Mann: »Mit den Wäldern, das ist schon so eine Sache. Früher gab es viele davon. Ich bin als Soldat oft nächtelang durch das Dickicht gekrochen. Meine Kollegen haben sich noch in den letzten Kriegsmonaten darin versteckt, wenn sie den Befehl bekommen hatten, Kriegsgefangene in die Dörfer zu bringen. Sehr oft waren die Soldaten müde, denn es gab nur wenig Schlaf, damals in diesem kalten Winter. Ich war auch oft sehr müde. Wenn dann der Befehl kam, haben wir uns tief in das Laub eingegraben und eingewickelt in den dicken Mantel ein paar Stunden Schlaf gefunden. Später gingen wir zu unserer Einheit zurück. Ob die Gefangenen wirklich abgegeben worden waren, kontrollierte niemand. Ja, damals, als es noch den Wald gab, da hatte ein Menschenleben nur einen sehr geringen Wert.«
Karl wischte sich über die Glatze, stand auf und drehte zwei Runden in der Küche. Dann setzte er sich wieder.
»Tja, und nun sind die Wälder größtenteils verschwunden und wachsen nicht wieder nach.«
Er nahm das halb volle Wasserglas und trank es aus. Dann schwieg er, bis er endlich seinen letzten Gedanken in Worte fassen konnte: »Das ist vielleicht auch besser so.« Schweigend stand er auf und ging in die Werkstatt. An der Küchentür drehte er sich nochmals kurz um und murmelte: »Ich schnitze das Holzkreuz zu Ende. Morgen gehe ich raus aufs Feld. Dorthin, wo früher die großen Bäume standen.«
Am nächsten Morgen zog Karl den Wollpullover und die dicke Jacke über und ging hinaus auf das weite Feld. Weit draußen kniete er an dem Ort, an dem früher die riesige knorrige Eiche gestanden hatte, die er wohl niemals vergessen würde. Er steckte das kunstvoll verzierte Holzkreuz in den Boden und betete zum ersten Mal seit seiner Jugend.
Es ist Sommer.
Die Sonne erstrahlt über der schönen Insel im Mittelmeer.
Kommissar Lothar Ludwig Dobermann sitzt auf der reich bepflanzten Terrasse des terrakottafarbenen Hotels. Vor Jahrzehnten war es mit Blick auf den Rauch und Feuer speienden Ätna erbaut worden, um Touristenaugen zu erfreuen und Geldbörsen zu öffnen. Verträumt bewundert der Darmstädter Kommissar, dessen Lebensjahre sich bedenklich der Midlifecrisis näherten, abwechselnd die entfernte Bergwelt und das türkise, ihm zu Füßen liegende Meer. Das Urlaubsdomizil, direkt am Golf di Naxos gelegen, regt all seine Sinne an.
Eine junge Bedienung, bewaffnet mit einem Brotkorb, schwebt auf ihn zu.
Dobermann fühlt sich magisch berührt.
Welche Haut.
Er gerät heimlich ins Schwärmen.
So zart, makellos und bronzen.
Beinahe gelangweilt stellt die junge Frau den Brotkorb auf den Tisch und wendet sich ab. Der Kommissar beobachtet sie wie ein Kater. Keine Bewegung entgeht ihm. Die Schönheit entfernt sich betont langsam, nur ein, zwei Schritte weit. Dann bleibt sie abrupt stehen, dreht ihren Kopf – nur den Kopf - und blickt ihren Gast offen an.
Diese Augen!
Der Kommissar erstarrt.
Sie hält ihren Kopf leicht gesenkt und zaubert mit ihren Augen. Das Weiße darin blitzt auf, als Kontrast zu der tiefschwarzen Iris. Irgendetwas trifft Lothar Ludwig mitten ins Herz. Eigentlich trifft es ihn etwa einen halben Meter tiefer, aber das will er nicht wahrhaben.
Die grazile Gestalt öffnet langsam die prallen, kirschroten Lippen und bildet ein kleines Oval, in dem sich blütenweiße Zähne zeigen.
Eine Serviette fällt.
Die Südländerin beugt sich - eine Armlänge von dem Kommissar entfernt - nach vorne. Mit durchgesteckten Beinen lässt sie den Oberkörper langsam nach unten gleiten, das Gesicht noch immer ihrem Gast zugewandt.
Dobermann wettet mit sich selbst, ob der Stoff des viel zu kurzen Rocks platzen würde. Der Stoff reißt nicht. Viel mehr schiebt er sich noch weiter nach oben und gibt einen Slip frei, der gerade so viel verdeckt, dass die Fantasie angeregt wird. Lothar Ludwig Dobermann beginnt zu schwitzen.
Sein Blick auf ihrer Bluse.
Die Schwerkraft zeigt ihm, dass darunter kein weiteres Kleidungsstück versteckt sein kann. Er beißt sich an dieser Erkenntnis fest, so lange, bis sich dieser Traumkörper aufrichtet und auf ihn zu bewegt. Jetzt erst sieht er die tiefschwarzen Haare, die ihr in Locken wild ins Gesicht fallen. Noch immer blickt die Frau ihm direkt in die Augen. Ihr Bein berührt leicht das Seine.
Ein magischer Moment.
Der Kommissar wird aus der Zeitlosigkeit des Augenblickes gerissen, als plötzlich ein Schlüssel auf den Tisch knallt.
Ihr Zimmerschlüssel, schießt es Dobermann durch den Kopf, als die Bedienung kehrtmacht und in dem Hotel verschwindet.
Der Kommissar ist allein und kann es nicht ertragen. In ihm erwacht ein Tier, das keine Widerworte zulässt. Es zwingt ihn, aufzustehen, den Schlüssel zu nehmen und der unausgesprochenen Aufforderung zu folgen. Dobermann ist dermaßen von seinem eigenen Mut überwältigt, dass er einfach nur handelt, ohne einen Augenblick nachzudenken. Nach einigen Treppenstufen findet er das Zimmer und klopft sehnsuchtsvoll an. Zuerst ganz leise, dann fordernd.
Die Tür wird geöffnet. »
Dann geht alles verdammt schnell. Zwei starke Hände schnappen den Kommissar, werfen ihn auf das Bett. Er bekommt einen Knebel in den Mund gestopft, ihm werden die Kleider, bis auf das weiße Unterhemd und die weiße Unterhose, vom Leib gerissen und er wird herumgeworfen, ausgeraubt, gefesselt und landet kurze Zeit später im Nebenraum. Hier trifft er auf vier Leidensgenossen, alle in weißer Unterwäsche und als Paket verpackt.
Der Herbst hatte schon seit Tagen die Stadt fest im Griff. Die Glocken der Sankt-Elisabeth-Kirche läuteten.
Lothar Ludwig Dobermann erwachte aus dem Tagtraum. Wie so oft hatte er sich nicht erlaubt, den erotischen Traum zu Ende zu bringen. Seine Profession, die Kriminalistik, hinderte ihn daran. Er saß in einem altbekannten Eck-Café und beobachtete verstohlen die anderen Gäste.
Hoffentlich hat niemand etwas von meinem amourösen Abenteuer bemerkt, dachte er und kümmerte sich wieder um seinen erkalteten Latte-Macchiato.
Da sah er sie.
Schon oft war sie ihm aufgefallen. Ihr braun glänzendes, halblanges Haar und das markante Gesicht halfen dabei. Ihre Art, Geld zu verdienen natürlich auch. Die Hand der Frau steckte in der Hosentasche des anderen. Ganz kurz nur. Es wirkte wie ein liebevoller Klaps. Aber Dobermann sah es. Seinen geschulten Augen entging nichts. Die Verabschiedung war kurz. Im nächsten Augenblick stöckelte die Braunhaarige an seinem Tisch vorbei. Der Kommissar packte ihren Arm.
»Hallo Tanja, na, wieder einmal auf Beutefang?«
Die Schöne verlor nicht die Fassung. Sie versuchte nicht einmal, sich aus seinem festen Griff zu winden.
»Herr Kommissar, Sie täuschen sich. Ich habe schon lange aufgehört, fremden Männern in die Hose zu fassen. Schlechte Erfahrungen, Sie verstehen?«
Lothar Ludwig Dobermann ließ nicht locker.
»Das werden wir gleich feststellen. Sie haben doch nichts dagegen?«
