Der Mäzen - Andreas Roß - E-Book

Der Mäzen E-Book

Andreas Roß

0,0

Beschreibung

Dobermanns neuer Fall. Am Rand des Bessunger Waldes steht, versteckt unter einer Trauerweide, ein hellblauer VW-Käfer. Auf dem Fahrersitz kauert eine junge Frau. Schwarze hohe Stiefel, kurzer Latexrock, durchsichtige Bluse und eine blonde Langhaarperücke. Sie wurde schon vor Wochen ermordet, dennoch ist jedes Härchen auf ihrer pfirsichfarbenen Haut erhalten. Das Gesicht so zart und friedlich, als sei sie eben erst eingeschlafen. Die Leiche wurde kunstvoll einbalsamiert. Ein Ritualmord? Der Darmstädter Kommissar Dobermann macht sich gemeinsam mit seinem Kollegen und seiner neuen Liebe ans Werk. Bald schon gibt es weitere Opfer. Skurrile Gestalten führen die Kommissare an der Nase herum, bedrohen sie mit dem Tode und bringen sie an ihre Grenzen. Können sie noch selbst entscheiden oder sind auch sie fremdbestimmt? Der Showdown auf dem Luisenplatz wird es entscheiden.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 365

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Andreas Roß

Der Mäzen

Dobermann ermittelt

Darmstadt-Krimi

eISBN 978-3-948987-70-1

Copyright © 2023 mainbook Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Olaf Tischer

Auf der Verlagshomepage finden Sie weitere spannende Bücher:

www.mainbook.de

Inhalt

Das Buch

Der Autor

1. Die Fahrradfahrerin

2. Der Tatort

3. Benjamin Dobermann

4. Daniel Hartmann

5. Peter Renner

6. Das Verhör

7. Der Vogelmensch

8. Das Sondereinsatzkommando

9. Florian Hacke

10. Doc Muffinski

11. Der Vogelmensch

12. Florian Hacke

13. Polizeipräsidium Südhessen

14. Elvira Stolze

15. Sascha Kiebitz

16. Dobermann und Hartmann

17. Florian Hacke

18. Sascha Kiebitz

19. Dobermann und Hartmann

20. Benjamin und Pia

21. Benjamin, Pia und Daniel

22. Das Schlossrevier

23. Daniel Hartmann

24. Dobermanns Wohnung

25. Helmut Schmidt

26. Otto Renner

Danksagung

Das Buch

Der Darmstädter Kommissar Benjamin Dobermann wird in seinem zweiten Fall gefordert. Eine einbalsamierte Leiche am Rande des Bessunger Waldes gibt Rätsel auf. Bald schon gibt es neue Opfer und einige Verdächtige: Ein vom Leben gezeichneter Informatiker, der dem Alkohol verfallen ist und in einem Zirkuswagen haust. Ein Unternehmersprössling, von Beruf „Sohn“. Ein „Schwätzer“ und zu guter Letzt: der Mäzen. Doch welche Rolle spielt er genau?

Spuren führen den jungen Kommissar zur alten Kunst der Einbalsamierung. Ein perfides Spiel auf Leben und Tod beginnt und es zeichnet sich ein Showdown auf dem Luisenplatz ab.

Der Autor

Andreas Roß, geboren 1962, lebt seit 1985 in Darmstadt, verheiratet, zwei Söhne und von Berufs wegen seit Jahrzehnten als „Mundwerker“, also Sozialarbeiter, unterwegs.

Neben zwei Kurzgeschichtensammlungen „Begegnung mit dem Berserker“ (2011) und „Das Leben ist eine Zicke“ (2018) sind fünf Kriminalromane erschienen: „abgedrückt“ (2013), „weißkalt“ (2015), „Tage, die alles verändern“ (2017), „Innere Schreie“ (2020) und „Der Mäzen“ (2023). Von 1996 bis 2008 veröffentlichte er monatlich Kurzkrimis im Darmstädter Magazin „Vorhang Auf!“ und war siebenmaliger Gewinner regionaler Literaturpreise. Roß ist Mitglied der Krimiautor*innenvereinigung „Syndikat“ und der Literaturgruppe „Poseidon“.

Seine Zuneigung zum Krimi-Genre entwickelte er insbesondere in der Zeit, als er in verschiedenen Justizvollzugsanstalten tätig war und einige Geschichten hörte, die ihn inspirierten. Hinzu kam die Liebe zu seiner Wahlheimat Darmstadt.

Ich sehe nur Hunde,die an der Leine gehen.

1. Die Fahrradfahrerin

Es war das Spiel des Windes in ihren langen braunen Haaren, was sie als erstes empfand. Franziska war glücklich. Ihr Herz fühlte sich leicht an. Ihr Bauch voller Schmetterlinge und seinen Duft noch in ihrer Nase. Auf ihrem Gesicht hing ein Lächeln, als wäre es eintätowiert. Auf dem Fahrrad glitt die junge Frau gleichmäßig über den Asphalt.

Alles war voller Leben.

Gestern Abend hatte sie ihn zum ersten Mal gesehen. Fridolin sein Name, das war egal. Sie hatte sich in seine braunen Augen verloren und verbrachte den Abend allein mit ihm. Die Musik war der Wahnsinn, genauso wie das Tanzen eng an ihn geschmiegt. Viele Worte wurden nicht gewechselt. Das hatte Zeit für später.

Er hatte sie nach Hause begleitet, etwas Anderes hätte nicht gepasst. Die Zeit zerfloss, keine Gedanken störten, alles war Gefühl und zeitlos. Der Augenblick zählte und das Leuchten in seinen Augen, die Grübchen, das Lächeln und das Spüren der Haut. Die Nähe war vertraut, es fühlte sich an, wie nach Hause zu kommen. Gedanken verloren sich. Auch das Erwachen war angenehm, der Morgen mit dem Frühstück, Worte fanden Platz und ergänzten sich gegenseitig. Alles klang nach Mehr und Wiederholung.

Der Abschied war ein langer Kuss. Die Arbeit rief, aber eine neue Verabredung war vereinbart und nichts sprach dagegen. Franziska hatte jeden Moment ausgekostet. Nun war sie in Eile und gedanklich noch in der letzten Nacht verfangen.

Das Fahrrad rollte dahin. Das nasskalte Wetter störte nicht. Der Asphalt war feucht, der Nebel dicht. Der rot gefärbte Fahrradpfad schlängelte sich entlang der Landgraf-Georg-Straße. Eine leichte Rechtskurve, eine Ampel näherte sich. Sie zeigte grün. Alles war gut, alles war im Fluss.

Doch plötzlich ein Schlag, ein Scheppern und Quietschen. Franziska verlor jeglichen Halt, die Erdanziehungskraft setzte aus und Franziska flog, kurz nur und doch unendlich lang. Die Augen weit aufgerissen kam ihr der raue Asphalt rasend schnell entgegen. Der Ampelmast stand im Weg, der Fahrradhelm fehlte, Knochen brachen, Blut floss.

***

„Dieser verdammte Pendlerverkehr! Ein bisschen Nieselregen und schon schleichen alle wie Schnecken durch die Gegend. So `ne Kacke! So eine verdammte Kacke! Dieses Unvermögen der Darmstädter. Ich hasse es!“

Die Faust des Mannes, dessen Alter um die sechzig Jahren lag, schlug voller Ungeduld auf das Lenkrad und betätigte die Hupe.

„Fahr schon, du Arsch!“, schrie er.

Otto Renner hatte keine Zeit. Viel Geld wartete darauf, verdient zu werden.

„Otto, du bist ein skrupelloses Arschloch“, hatte es ihm vor ein paar Minuten aus dem Lautsprecher seines Smartphones entgegen geschallt und der Anrufer hatte recht. Er meinte es nicht als Beleidigung, viel mehr als Lob, denn Otto Renner griff immer zu, wenn sich die Möglichkeit ergab.

Warum sollte er es nicht tun?

Wenn er nicht zugreifen würde, würden es andere tun und die Sahne von dem Kuchen schlecken. Das war sein Credo und danach handelte er und jetzt musste er Gas geben. Er tat es und sein nagelneuer Porsche Cayenne Turbo, mit ein paar Extras für knapp unter hunderttausend Euro, gehorchte und sprang gleich einer angriffslustigen Wildkatze nach vorne. Renner zog das Lenkrad nach rechts.

Dieser verdammte Darmstädter Lahmarsch schleicht auf der linken Spur herum, als habe er alle Zeit der Welt, dachte er und trat das Gaspedal in Richtung des Bodenbleches. Als er gleichauf mit dem gegnerischen Fahrzeug war, schaute er nach links, hupte zweimal und ballte die Faust, um seinem Widersacher zu zeigen, dass er dessen Fahrstil ganz und gar nicht gutheißen konnte. Renner schrie lauthals ein unflätiges Schimpfwort und verzog das Lenkrad. Kurz schoss sein Fahrzeug über den Bordstein, der die Fahrbahn von dem Fahrradweg abtrennte, dann traf der vordere Kotflügel das Fahrrad. Ein Schlag und ein entsetzliches Kratzen an der Karosserie waren die Folgen.

Oh nein, das neue Auto!, war Renners erster Gedanke.

***

Freitag früh. Der junge Kommissar musste heute nicht ins Polizeipräsidium, er hatte dienstfrei. Überstunden mussten abgebaut werden. Ihm kam es gelegen. Er hatte anderes zu tun. Er musste nachdenken, den Kopf frei bekommen. Schon seit mehreren Stunden war er durch Darmstadts Wälder gelaufen, bis er am großen Woog vorbei in der Innenstadt angekommen war. Der Kaffee und das Croissant, die er sich im Caféhaus Bormuth gönnte, taten gut. Der athletisch wirkende Kommissar mit den kurzen schwarzen Haaren und der Körpergröße von nahezu zwei Meter lief dennoch weiter rastlos über den Marktplatz und hatte noch immer keine Antwort auf seine dringenden Fragen gefunden. Schon wieder hatte er es nicht geschafft, die gesamte Nacht bei Pia zu verbringen. Früh um fünf war er aus dem kuschelig warmen Bett geschlüpft, hatte sich leise angezogen und war aus ihrer Wohnung verschwunden.

Nach dem letzten erfolgreich gelösten Fall und nach mehreren gemeinsamen Treffen waren sie ein Paar geworden, so Pias Version. Pia Stenger, Hauptkommissarin und Benjamins Kollegin im Polizeipräsidium Südhessen.

Benjamin spürte zwar, wie er sich zu ihr hingezogen fühlte, von Woche zu Woche immer mehr, aber irgendetwas hinderte ihn daran, sich auf eine Beziehung einzulassen.

Warum nur?

Warum konnte er nicht die Nächte mit Pia zu Ende bringen, gemeinsam mit ihr aufwachen, frühstücken, den Tag beginnen, einfach das Zusammensein genießen?

Das Leben hat einen Rückspiegel und darin sieht man immer die eigenen Eltern, blitzte die Erkenntnis in seinem Kopf auf. Der Gedanke war unangenehm, aber irgendwie wahr. Der junge Kommissar wollte ihn vielleicht gerade deswegen nicht zulassen und gab sich den wiederkehrenden Fragen hin: Warum kann ich mich nicht auf eine Beziehung mit Pia einlassen? Was hindert mich daran? Was nur?

Die Gedanken hämmerten in seinem Kopf, als er am Schloss vorbei in Richtung der Landgraf-Georg-Straße lief. Plötzlich drangen ein Knall und ein fürchterlich kratzendes Geräusch in seine Ohren. Aus den Augenwinkeln sah er einen Körper durch die Luft fliegen und gegen einen Ampelmast prallen.

Für Sekundenbruchteile war da eine eigenartige Stille, bevor Bremsen quietschten und den Augenblick zerschnitten. Ein SUV kam direkt hinter einer Ampel in einem Fußgängerbereich zum Stehen. Die Fahrertür wurde aufgerissen, ein kahlköpfiger Mann schoss heraus, umrundete das Fahrzeug, schrie und patschte sich die flache Hand vor die Stirn.

Der Kommissar zerrte sein Smartphone heraus, wählte die 110 und forderte einen Notarzt an. Dann rannte er los. Als er am Unfallort angekommen war, kümmerte er sich sofort um die Fahrradfahrerin. Bald schon hörte er, dass Hilfe nahte und nahezu zeitgleich spürte er, dass diese zu spät kommen würde.

Dobermann nahm nicht den wild herumspringenden und wütend fluchenden Mann wahr, der immer wieder auf die Vorderseite seines SUV deutete. Auch sah er nicht, dass der Mann einsteigen und losfahren wollte, ihn aber zwei Passanten daran hinderten.

Mittlerweile hatten sich der Gehweg und die Straße mit Schaulustigen gefüllt. Der Notarztwagen näherte sich schnell, bremste und ein Mann mit einem Koffer in der rechten Hand sprang heraus.

Dobermann wurde nicht mehr gebraucht. Langsam richtete er sich auf und entfernte sich von dem Unfallopfer. Er lief hinüber zu dem SUV-Fahrer und wunderte sich maßlos. Der ältere Mann schimpfte noch immer lauthals und außer sich vor Wut über die Unfähigkeit der Darmstädter Verkehrsteilnehmer, insbesondere der Fahrradfahrer.

Der Kommissar versuchte ihn zu unterbrechen. Es gelang ihm nicht. Als Dobermann seine Polizeimarke zog, sprang der Kahlköpfige in seinen SUV und raste mit quietschenden Reifen davon. Der Kommissar war so verdattert, dass er nicht rechtzeitig reagieren konnte. Es blieb ihm lediglich, das Kennzeichen zu notieren und zu beobachten in welcher Richtung der Wagen davonbrauste. Dobermann kehrte zu dem Unfallopfer zurück und erfuhr von dem ernst dreinblickenden Arzt, dass die Fahrradfahrerin ihren schweren Verletzungen erlegen war. Der Arzt hatte eben noch neben der jungen Frau gekniet, ihre Augen geschlossen und war nun im Begriff ein Laken zu holen, um die Leiche zu bedecken.

Ein Einsatzfahrzeug der Polizei näherte sich und hielt an. Dobermann eilte auf seine Kollegen zu und informierte sie. Sofort raste das Fahrzeug mit Blaulicht in die angegebene Richtung. Kurz darauf setzte sich der Kommissar im Schneidersitz auf den Gehsteig. In seinem Kopf drehte es sich. Er wusste nicht, was er denken sollte. Zu viel war in den letzten Stunden passiert.

2. Der Tatort

Das Polizeipräsidium Südhessen lag nicht nur in der Klappacher Straße, sondern auch versteckt im Nebel. Die Sonne tat sich an diesem Sonntagmorgen Ende September 2008 schwer, ihn aufzulösen. Dazu passte die Kunst am Bau des Präsidiums hervorragend, insbesondere die Plastik der Frankfurter Gruppe Formathaut um den Bildhauer Ottmar Hörl, die aus sieben verschiedenfarbigen geneigten Schirmen bestand. Diese ragten rechts des Haupteingangs in den Himmel, als würden sie das Präsidium nicht nur vor der Kriminalität, sondern auch vor dem misslichen Wetter schützen.

Gegenüber des Eingangs erstreckte sich ein Parkplatz, ausgelegt für etwa fünfzig Besucherfahrzeuge. Heute war er nahezu leer. Nur wenige Autos standen herum. Neben einem davon stand Kommissar Daniel Hartmann, gestikulierte wild und lief auf seinen Kollegen zu.

„Benjamin, da bist du ja endlich. Wo bleibst du denn?“ Hartmann beobachtete ungeduldig, wie Dobermann sehr umständlich sein Fahrrad an einem Geländer anschloss.

„Wie du siehst, bin ich mit dem Rad gekommen. Dauert halt ein wenig, um vom Martinsviertel hier rauf zu strampeln.“

„Warum bist du denn nicht mit dem Auto gefahren?“, wollte Hartmann genervt wissen.

„Na, da wär ich noch später gekommen. Die Baustelle in der Teichhausstraße gibt es immer noch.“

„Willst du mich veräppeln? Es ist Sonntag früh und kaum Verkehr.“

„Da magst du recht haben. Ich denke allerdings an die Ampelschaltung. Die springen immer auf Rot um, wenn man sich darauf zubewegt. Außerdem brauchte ich heute ein wenig Bewegung, um überhaupt in die Gänge zu kommen.“

Gegen dieses Argument konnte Hartmann nichts einwenden. Er schüttelte unwirsch den Kopf und lenkte ein: „Okay, okay, dann lass uns jetzt losfahren. Da vorne steht der Dienstwagen.“

Dobermann hatte sein Fahrrad nun fest an den Ständer gekettet und dachte verärgert, selbst hier muss man sein Eigentum mit einer Stahlkette vor Diebstahl schützen. Er steckte den Schlüsselbund in die Hosentasche und lief hinter seinem Kollegen her.

„Was gibt es denn so früh am Sonntagmorgen, an dem man eigentlich das Bett hüten sollte, am besten bewaffnet mit einem heißen Kaffee und einem guten Buch“, wollte er wissen, als er seinen Kollegen erreicht hatte.

„Ne Leichensache“, war die Antwort.

„Wo denn?“

„Richtung Roßdorf, auf einem kleinen Parkplatz kurz vor der Autobahnbrücke. Die Spusi und Doc Muffinski sind schon vor Ort. Komm jetzt, steig endlich ein. Es pressiert!“

„Dem Toten ist es, glaube ich, egal, wenn wir ein paar Minuten später kommen.“

„Der Leiche bestimmt, den Kollegen allerdings nicht, also komm schon.“

Dobermann stieg ein und kurz später rollte das Fahrzeug vom Hof des Polizeipräsidiums und bog rechts ab.

Dobermann schwieg. Daniel gab Gas und beobachtete seinen Kollegen aus den Augenwinkeln. Ihm fiel auf, dass er müde aussah. Seine schwarzen Haare waren wuschelig, obwohl sie dazu eigentlich zu kurz geschnitten waren. Seine Gesichtshaut war fahl und unter den Augen befanden sich gräuliche Ringe. Der Glanz in den Augen fehlte.

„Was ist los mit dir?“, fragte Hartmann mit Sorge in der Stimme.

Dobermann ließ Schultern und Kopf sinken, was aussah wie ein tiefer Seufzer. „Ach, ich habe nicht gut geschlafen. Mir geht die tote Fahrradfahrerin nicht aus dem Sinn, außerdem ist Pia sauer auf mich.“

„Na dann ist ein neuer Fall genau das Richtige“, versuchte Hartmann ihn aufzuheitern. Dobermann richtete sich auf, atmete tief durch und schaute seinen Kollegen von der Seite aus an. Die Aussicht auf einen neuen Fall hatte ihn tatsächlich aus seinem Tal des Leidens und der Müdigkeit geholt. Er mochte die positive Art seines Kollegen und auch dessen lustiges Äußeres. Er musste grinsen. Die dunklen Locken, die Hartmanns Kopf umspielten, sahen witzig aus, dazu passten das Lächeln, die über die dicken Backen gespannte rosige Haut und auch das blaue Hemd, teilweise bedeckt mit dem farblich passenden Pullunder, der an dem ausladenden Bauch spannte, als müsse er eine Kugel vor dem Wegrollen schützen.

„Vielleicht hast du recht“, bemerkte Dobermann, als Hartmann an der nächsten Kreuzung geradeaus auf einen schmalen Weg zusteuerte, der erst an einem alten Forsthaus vorbei und dann am Waldrand entlang zu den quaderförmigen und mausgrauen Gebäuden der Darmstädter Universität an der Lichtwiese führte. Eine gern genutzte Abkürzung, wenn man den Innenstadtbereich weiträumig umfahren wollte.

„Was erwartet uns am Tatort?“

„Ich weiß es nicht so genau. Es soll sich um eine tote Frau handeln, die in einem Auto liegt. Ein Jogger hatte sie heute früh zufällig gefunden. Die Einsatzleitung meinte lediglich, es sei wohl ein ganz besonderes Tötungsdelikt.“

„Was soll das heißen?“

„Keine Ahnung, wir müssen uns überraschen lassen.“

„Na, dann können wir gespannt sein.“

„Gespannt wie ein Flitzebogen.“

„Immer das Ziel im Auge …“

„… und den richtigen Moment im Blick …“

„… wann die Sehne losgelassen werden muss …“

„… um den Feind dingfest zu machen!“

Hartmann lachte, Dobermann lachte, beide klatschten sich ab.

„So kenne ich dich, Kollega. Jetzt biste wieder der Alte, immer `nen lockeren Spruch auf den Lippen“, begeisterte sich Hartmann.

„Und so werden wir auch diesen Fall lösen“, ergänzte Dobermann.

„Bescheidenheit war noch niemals deine Stärke, oder?“

„Nein, dafür bin ich viel zu neugierig. Eben hast du mich nach meinem Befinden gefragt, nun bin ich an der Reihe. Gibt es was Neues in deinem Liebesleben?“, fragte Dobermann ketzerisch.

„Alles beim Alten“, antwortete Hartmann lächelnd, „täglich lebe ich mehrmals meine Liebe zu gutem Essen aus und abends kommt der Rotwein dazu. Bei mir geht die Liebe halt durch den Magen. Alles wie immer und alles bestens!“

„Das ist ne tolle Einstellung. Essen und Trinken motzen nicht rum und hegen auch keine Erwartungen, im Gegensatz zu den Frauen.“

Hartmann reagierte nicht auf Dobermanns Äußerung. Mit hoher Geschwindigkeit bog er auf die Nebenstrecke nach Roßdorf ein. Nach wenigen hundert Metern lag rechts ein schmaler asphaltierter Weg, der zur Fischerhütte führte, wie zumindest das hölzerne Schild anzeigte, das am Straßenrand vor sich hin verwitterte.

Hartmann bremste scharf und lenkte den Wagen auf den schmalen Weg. Er hielt vor der Brücke und öffnete die Fahrertür. Beide Kommissare stiegen aus und schauten sich um. Links von ihnen erstreckte sich ein kurzer Schotterweg, der nach circa dreißig Metern in einer rechteckigen grasbewachsenen Fläche mündete. Sie wirkte wie ein kleiner Parkplatz, der lange nicht genutzt worden war. Rundherum dichtes Buschwerk und als Abgrenzung mehrere ausladende Trauerweiden. Dazu passte nicht der alte, ehemals hellblaue VW-Käfer, der ganz hinten parkte. In einem weiten Kreis um das Fahrzeug herum, an den nahegelegenen Büschen und Bäumen befestigt, flatterte das rot-weiß gestreifte Absperrband. Etwa zehn Personen gingen dahinter geschäftig ihrer Arbeit nach.

„Schau an, unsere geschätzte Spusi-Bande und mitten drin der betagte Kollege Karl Leuthner, unser Ober-Spusi“, frotzelte Dobermann, als er auf das Flatterband zulief. Er war mit ihm noch nicht so richtig warm geworden. Noch immer steckte ihm der peinliche Kontakt bei seinem ersten Fall vor knapp einem Jahr in den Knochen. Auch Leuthner hatte mit seiner häufig hochnäsigen Art keine Anstalten gemacht, das Eis zu brechen.

Dobermann strich seine Lederjacke glatt. Dann schlenderte er, gemeinsam mit seinem Kollegen, auf den Fundort der Leiche zu. Erst als sie das Plastikband anhoben, um darunter hindurchzukriechen, machten sie sich bemerkbar.

„Na, wie sieht es aus? Wir sind geschickt worden, um mal einen kriminalistischen Blick auf das Geschehene zu werfen.“

Karl Leuthner blickte kurz auf und unterbrach die Untersuchung der Reifen. Behäbig erhob er sich aus der Hocke und ging langsam auf die Kommissare zu. Er war ein stattlicher Mann, bei dem der weiße Schutzanzug an den Schultern spannte. Unter der Kapuze war ein rundes Gesicht mit rot glänzenden Wangen zu sehen. Hauptmerkmal war der buschige graue Oberlippenbart. „Schau mal an, die beiden Kriminal-Männer sind da, Dobermann und Hartmann.“ Er reichte ihnen nacheinander die Hand. „Diesmal haben wir hier eine ganz besondere Sache“, begann er ohne Umschweife. „Wir sind fast durch. Wenn ihr noch einen Augenblick hier wartet, können wir die letzten Spuren sichern. Dann seid ihr dran. Ich schick euch mal Doc Muffinski rüber, der kann euch schon mal darüber berichten, was ihr später wohl oder übel selbst in Augenschein nehmen müsst. Und dann ist da noch der Jogger, der die Leiche gefunden hat. Wir haben ihn in unserem Dienstwagen geparkt, da ihm sonst zu kalt geworden wäre.“

Nach dem letzten Satz drehte er sich um und ging zurück zu dem blauen Fahrzeug. Er stieß ein paar Worte hervor und im nächsten Moment kroch ein kleiner runder Mann schwerfällig rückwärts aus dem VW-Käfer. Er wirkte wie ein riesiger grauer Flummi, denn als er mit beiden Beinen den Boden erreicht hatte, drehte er seinen Körper abrupt um und dotzte auf die beiden Kommissare zu. Ein breites Lächeln auf seinem Gesicht passte zu dem runden Kopf, dessen beinah kahler Schädel von einem hellbraunen Haarstreifen verziert wurde, als trage er einen Lorbeerkranz. Sein grauer Trenchcoat, den er nun schloss und zuknöpfte, umspannte seinen Körper und vollendete das Bild.

„Na ihr beiden, auch schon da“, war die Begrüßung, „in ein paar Minuten dürft auch ihr den Tatort betreten. Dann sind wir fertig.“

Dobermann erreichte den Rechtsmediziner und umarmte ihn herzlich. „Altes Haus, lang nicht gesehen. Hast dich gar nicht mehr gemeldet. Drückst dich wohl die ganze Zeit in den Kellerräumen der Rechtsmedizin in Sachsenhausen rum. Was ist denn los? Ist so viel zu tun?“

„Gemordet wird immer, und jetzt sage ich dir was, das dir garantiert nicht gefallen wird: Die Mörder machen noch nicht einmal vor dem Wochenende halt.“

„Ach, dieses verfluchte Pack, denen ist aber auch gar nichts heilig.“

„Da sagst du was Wahres, Benjamin“, lachte Muffinski und klopfte dem Kommissar kumpelhaft auf den Rücken. „Haste deinen Kollegen mitgebracht?“

Ohne auf eine Antwort zu warten, ging er auf Hartmann zu und umarmte ihn.

„So, ihr beiden Schönen wollt sicher wissen, was meine Äugelein gesehen haben und was meine Einschätzung ist, oder?“

Die Kommissare nickten.

„Kommt mal mit, aber passt auf. Der Anblick ist nicht angenehm. Nicht, dass ihr das Frühstück nochmals rückwärts essen müsst.“

„So schlimm?“, fragte Dobermann mit ein wenig Zittern in der Stimme.

„Schaut selbst!“

Dobermann spürte ein Ziehen im Bauch. Unweigerlich dachte er an die erste Leiche seines Vaters, Hauptkommissar Lothar Ludwig Dobermann. Er hatte ihm bei einem gemeinsamen Bier davon erzählt. Damals, als sein Vater noch in der Ausbildung war, musste er einen Leichnam in einem ausgebrannten Auto inspizieren. Rauchig-süßlich stank das zusammengekauerte Opfer, es musste einfach eklig gewesen sein. Lothar Ludwig hatte einen großen Abstand zu seinen Gefühlen aufgebaut. Nach der Tatortsarbeit war er erstaunt darüber, dass er Hunger hatte und Lust auf eine Bratwurst verspürte. Als er an der Imbissbude stand, wurde er von einem Mann angestoßen. Der alte Dobermann drehte sich erschrocken um und blickte in das Gesicht eines Schwarzen. Verdrängt geglaubte Bilder übermannten ihn, und er kotzte dem Fremden direkt vor die Füße.

Hoffentlich kein Brand-Opfer, dachte Dobermann, nahm allen Mut zusammen und ging weitere Schritte auf den VW-Käfer zu. Muffinski hatte zwischenzeitlich die Tür des alten Käfers geöffnet und zeigte ins Innere.

„Ist das `ne Puppe?“, fragte Dobermann erschrocken und kannte schon im nächsten Moment die Antwort. Hartmann blickte über seine Schulter und stöhnte: „Oh, Gott, was ist das denn? Ist die wirklich echt?“

„In der Tat, es handelt sich um einen richtigen Menschen“, antwortete der Rechtsmediziner.

„Die sieht gruselig aus. Ist doch eine Frau, oder?“

„Ja, eine Frau Anfang, Mitte vierzig.“

„Die sieht aus wie eine etwas übertrieben geschminkte Puppe. Die dicken glänzenden Backen, der halb geöffnete Mund und die weit aufgerissenen Augen.“

Hartmann schob seinen Kollegen etwas zur Seite, damit er besser sehen konnte. Entsetzt fasste auch er seine Gedanken in Worte: „So eine Kacke, die wurde drapiert wie eine verdammte Erotik-Puppe. Dieser hautenge rote Latexrock, die blaue Seidenbluse und dann noch die schwarzen Stiefel, die bis zum Oberschenkel reichen. Dazu passt die blonde Langhaarperücke. Doc, hast du die schon angefasst und verrutscht oder war das so?“

Muffinski veränderte seinen Gesichtsausdruck. Das Lächeln, das eben noch darauf zu sehen war, verflog. „Ja, ich habe ihren Kopf untersucht, dachte vielleicht etwas finden zu können. Die Kopfhaut ist total glattrasiert und anscheinend mit irgendeiner Säure bearbeitet worden. Daraufhin habe ich mir auch andere Körperstellen angeschaut.“ Der Mediziner drehte sich um, nahm vorsichtig den linken Arm des Opfers und hielt ihn so, dass die Kommissare die Finger in Augenschein nehmen konnten. „Die Fingerkuppen wurden verätzt. Fingerabdrücke können wir also vergessen.“

„So ein Mist. Hast du ´ne Erklärung für das alles?“, fragte Dobermann und konnte das Zittern in seiner Stimme nicht unterdrücken.

„Genaueres kann ich euch erst sagen, wenn ich die Dame auf meinem Tisch liegen habe. Dann weiß ich auch, ob sich mein Verdacht mit den Beinen bewahrheitet.“

„Welcher Verdacht?“

„Sag ich euch später.“

Hartmann klopfte dem Rechtsmediziner auf den breiten Rücken. „Ach, komm schon Doc, denk an meinen und Benjamins Vater. Mit den beiden hast du doch lange und vertrauensvoll zusammengearbeitet.“

„Und weiter“, grummelte Muffinski. „Worauf willst du hinaus?“

„Sei nicht so verstockt, denk an die guten alten Zeiten. Vor unseren Vätern hattest du keine Geheimnisse, oder? Warum dann vor uns?“

„Hahaha, du bist mir einer.“ Muffinskis Lachen war zurückgekehrt, intensiver als zuvor. Freundschaftlich knuffte er Hartmann in die Wange, wie es ein Opa bei seinem Enkel tut. Danach wurde er ein wenig ernster, schaute die beiden Jung-Kommissare abwechselnd an und fragte nachdenklich: „Könnt ihr die ganze Wahrheit vertragen?“

Dobermann nickte zuerst. Die Neugierde war ihm ins Gesicht geschrieben.

„Also gut“, begann Muffinski, „dann nehme ich mir die Zeit und sage euch etwas Unausgegorenes. Es ist erst mal nur ein Verdacht und zwar ein ganz und gar gruseliger.“

„Egal, erzähl schon!“, drängelte Hartmann.

„Als ich mir die Haut genauer anschaute und sie befühlte, hatte ich einen Verdacht und nahm mir auch die Beine unseres Opfers vor. Dazu genügte es, den Reißverschluss eines Stiefels zu öffnen und ich sah die Wunde an der Arteria femoralis.“

Die beiden Kommissare schauten verwundert. Muffinski merkte es und sprach weiter: „Ich meine natürlich die Oberschenkelarterie. Anscheinend wurde sie geöffnet, um das gesamte Blut aus dem Körper herausfließen zu lassen. Danach wurde die Wunde fachgerecht vernäht und ich gehe davon aus, dass der Blutkreislauf mit einer wässrigen Formaldehyd-Lösung, umgangssprachlich auch Formalin genannt, aufgefüllt worden ist.“

„Waaas?“, entfuhr es Dobermann angewidert.

„Tja, tatsächlich. Ich vermute, in diesem Fall liegt modern embalming vor.“ Der Rechtsmediziner blickte ins Leere, anscheinend hing er seinen Gedanken nach. Er blickte ernst und verfiel in einen Dozentenmodus, als er weitersprach: „Dabei handelt es sich um eine Technik der Leichenkonservierung, deren Anwendung zu den Methoden der Thanatopraxie zu rechnen ist. Im heutigen Bestattungswesen umfasst die Thanatopraxie all jene Maßnahmen, die über eine hygienische Totenversorgung hinaus nötig sind, um die ästhetische Aufbewahrung eines Verstorbenen zu gewährleisten. Sie findet in den Fällen statt, in denen vor der endgültigen Bestattung eine öffentliche Aufbahrung des Verstorbenen üblich ist, wie etwa in den USA, Großbritannien, Russland oder auch in Armenien. Die konservierenden Maßnahmen sollen sicherstellen, dass sich der Zustand der Leiche durch Fäulnis und Verwesung nicht verändert.“

Die beiden Kommissare glotzten den Rechtsmediziner verwundert an. Sie konnten kaum glauben, was Muffinski ihnen berichtete.

„Dabei wird das Blut durch eine verwesungshemmende Substanz ersetzt. In den meisten Fällen wird eine formaldehydhaltige Flüssigkeit mittels einer Kanüle und eines Schlauches ins Arteriensystem gepumpt, zum Beispiel über die Halsschlagader. Deswegen habe ich auch am Kopf der Leiche nachgeschaut und tatsächlich Hinweise für dieses Vorgehen gefunden.“

„Wahnsinn“, ächzte Dobermann und stieg von einem Fuß auf den anderen. Muffinski ließ sich davon nicht irritieren und dozierte weiter: „Durch die Zellwände verbreitet sich die Flüssigkeit im ganzen Körper. Je nach Stärke der Lösung kann der Verwesungsprozess vier bis sechs Wochen aufgehalten werden. Die Methode verleiht dem Toten ein rosiges Aussehen. Das Ergebnis sitzt vor uns in diesem alten Käfer.“

„Kann das jeder machen?“, fragte Hartmann erschrocken.

Muffinski überlegte nicht lange, bevor er antwortete: „Man braucht dafür schon ein paar Spezialgeräte. Das Gefäßsystem des toten Körpers wird unter Druck mit durchschnittlich sechs bis acht Liter formalinhaltiger Flüssigkeit gefüllt, wofür elektrische Pumpen verwendet werden.“

„Das ist ja total verrückt. Davon habe ich noch nie etwas gehört“, stöhnte Dobermann.

Der Gesichtsausdruck des Rechtsmediziners hatte sich plötzlich verändert, als habe man einen Schalter umgelegt. Nun lag ein spitzbübisches Grinsen darauf. „Tja, ihr seid ja auch noch neu auf dem Markt. Aber immerhin, im letzten Jahr die Ausbildung abgeschlossen, schnell mal einen Doppelmord im Paulusviertel mit aufgeklärt und dann schon diese besondere Leiche hier und heute an diesem nebeligen Sonntagmorgen mitten im Altweibersommer. Mann, Mann, Mann, ihr habt ein Leben.“

Dobermann lachte. „Hast du schon einmal einen ähnlichen Fall erlebt?“, wollte er wissen.

Der Mediziner plapperte gleich los: „Vor ein paar Jahren lebte in einem kleinen Odenwälder Dorf ein alter Metzger. Seine Frau war schwer krebskrank, sie wollte nicht mehr leben und ihr Mann half ihr beim Übergang von hier nach drüben. Auch er hat die embalming Methode angewendet, hat den Kühlraum im Keller zu einem Wohnzimmer ausgebaut, seine Frau dort auf einem bequemen Sessel aufgebahrt und mit ihr gemeinsam an jedem Sonntagabend den aktuellen Tatort angeschaut. Das ging über ein Jahr lang gut, bis wir auf die Sache aufmerksam gemacht worden sind.“

„Das glaube ich jetzt nicht, oder?“, entfuhr es Dobermann, der mit offenem Mund der Geschichte gelauscht hatte.

„Kannst du aber. Ist alles genauso geschehen und dokumentiert, wie ich es gesagt habe.“

Hartmann boxte Muffinski freundschaftlich gegen die Schulter. „Komm schon Alter. Da haste aber dick aufgetragen. Gib`s zu, das mit dem gemeinsamen Tatort-Schauen hast du erfunden, oder?“

Das Grinsen auf dem Gesicht des Rechtsmediziners wurde noch ein wenig breiter. Er antwortete nicht.

„Kannst du schon bestimmen, wann die Frau gestorben ist?“, fragte Hartmann nun wieder ernster.

„Hmmh, das ist gar nicht so einfach … Bei ihrem Zustand würde ich schätzen, so vor zwei bis drei Wochen.“

Muffinski zeigte erneut seinen spitzbübischen Gesichtsausdruck. „Wenn ich recht überlege, könnte ich allerdings das Alter der Dame etwas genauer schätzen.“

„Hääh, wie kommst du jetzt darauf?“, fragte Dobermann verwirrt.

Der Arzt grinste noch immer. „Nach reiflicher Überlegung und unter Berücksichtigung aller mir vorliegenden Fakten“, sagte er, „komme ich zu dem Schluss, dass unser Püppchen hier in der nächsten Woche dreiundvierzig Jahre alt geworden wäre, wenn sie hier nicht in diesem Zustand untätig herum säße.“

„Waaas?“

„Außerdem heißt oder besser gesagt hieß sie Frauke Stolze und wo sie wohnte, müsste Karl bekannt sein.“

Der Rechtsmediziner freute sich darüber, dass die beiden Kommissare sprachlos waren, so interpretierte er zumindest ihre Mimik. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Dobermann vor sich hin stammelte: „Woher … woher weißt du das alles.“

„Na, die Dame hat zwar keine verwertbaren Fingerkuppen mehr für eine Identitätsbestimmung, stattdessen steckte ein Personalausweis in ihrem rosa Handtäschchen, das ordentlich auf dem Beifahrersitz lag und intensiv von Karl beschnuppert wurde.“

„Sachen gibt`s“, bemerkte Hartmann und Dobermann legte nach, als habe er die Ausführungen des Rechtsmediziners nicht gehört: „Kannst du auch was über die Todesursache sagen?“

„Nun mach aber mal halblang“, echauffierte sich Muffinski, „wie du weißt, bin ich zwar äußerst clever, gutaussehend und ein Halbgott in Weiß, aber leider kein Hellseher. Gebt mir zwei bis drei Tage, dann sage ich euch genau, wie unsere Leiche von innen aussieht, was sie wann gegessen hat und wie drogenaffin sie war.“

„Okay … okay“, erwiderte Dobermann.

Bevor er oder sein Kollege noch was sagen konnten, hatte sich Doc Muffinski umgeschaut und anscheinend etwas entdeckt. „So, Jungs“, sagte er, „nun müsst ihr alleine eure Arbeit tun. Der Leichenwagen kommt. Ich werde beim Verladen gebraucht.“

Muffinski grüßte kurz, indem er mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand an seine Stirn tippte, lächelte nochmals herzerweichend und machte sich mit wippenden Schritten auf den Weg.

Dobermann grinste und erwiderte: „Na dann mach’s mal gut, wir hören voneinander.“

„Spätestens in drei Tagen habt ihr meinen Bericht auf dem Tisch“, war die Antwort, ohne dass sich der Rechtsmediziner noch einmal umdrehte.

Die beiden jungen Kommissare starrten in den VW Käfer hinein und schüttelten gleichzeitig mit den Köpfen.

„Wie krank muss man sein, um so etwas zu tun?“

„Keine Ahnung“, erwiderte Hartmann. „Mich interessiert viel mehr, warum das Opfer genau hier an diesem Ort und obendrein noch in so einem nostalgischen Oldtimer abgelegt worden ist. Was will uns der Täter damit sagen? Es muss ihm klar gewesen sein, dass die Leiche schnell gefunden werden würde.“

„Na Jungs, wie ist es so?“

Dobermann drehte sich erschrocken um und schaute in Leuthners Augen. Unwirsch sagte er: „Warum nennt uns eigentlich jeder hier nur Jungs?“

„Na, weil ihr Jungs seid, einfach nur junge Jungs oder sollte ich lieber: Na, ihr Küken sagen?“

Dobermann und Hartmann sahen sich an und antworteten nahezu gleichzeitig: „Sag lieber Jungs, anstatt Küken. Das klingt irgendwie nicht ganz so herablassend.“

„Okay, also Jungs, wie ist es so?“

„Ist schon eine besondere Leichensache“, begann Dobermann. „So etwas habe ich zum ersten Mal in meiner Laufbahn gesehen.“

„Ist ja auch keine Kunst“, antwortete Leuthner ironisch und nach kurzem Überlegen: „Ihr unter Dreißigjährigen wurdet bei eurem zweiten Fall schon wieder als erstes an den Tatort geschickt und habt null Ahnung. Also, Herzlichen Glückwunsch.“ Er deutete eine Verneigung an.

Dobermann stellte sich breitbeinig vor dem älteren Kollegen auf und erwiderte mit fester Stimme: „Karl, altes Haus, ich bin begeistert von deiner Countdown-Begrüßung. Du hast bestimmt mehr Tatort-Wissen als wir. Du bist bestimmt auch so kameradschaftlich-kooperativ und lässt uns daran teilhaben, oder?“

„Klar doch, und nicht nur, weil der Kriminalrat euch, wegen eurer Väter, wohlgesonnen ist und mir die Hölle heißmacht, wenn ich euch nicht mit all meinen Kräften unterstützen würde.“

„Nun lass den Kriminalrat aus dem Spiel und erzähl uns lieber, welche Spuren ihr sichern konntet. Toll wäre auch, wenn du uns den Personalausweis dieser Frauke Stolze zeigen würdest“, erwiderte Hartmann genervt.

„Ihr seid informierter, als ich dachte …“

Mittlerweile hatte der Leichenwagen rückwärts eingeparkt und zwei in schwarz gekleidete Mitarbeiter der Rechtsmedizin waren ausgestiegen. Der eine öffnete die rückwärtige Klappe des alten aschgrauen Mercedes-Combis und kramte einen Leichensack heraus. Anschließend bewegte er sich gemeinsam mit seinem Kollegen theatralisch und mit versteinerter Miene auf den VW-Käfer zu. Die Kommissare und Karl Leuthner machten Platz und beobachteten andächtig, wie der Leichensack auf dem Boden ausgebreitet und geöffnet wurde. Doktor Muffinski gab kurze sachliche Anweisungen. Die Leiche wurde mit ein paar gekonnten Handgriffen vom Fahrersitz gewuchtet und auf den offenen Sack gelegt. Die Schwarzgekleideten stellten sich kurz daneben, verschränkten ihre Armen vor die Brust und verharrten einen Moment lang.

Dobermann war erstaunt darüber, es gefiel ihm allerdings. Einer der beiden kniete sich hin und schloss mit einem lauten Ratschen den Reißverschluss des Sackes. Bei diesem Geräusch zuckte der junge Kommissar zusammen. Er entspannte sich wieder, als die Leiche eingeladen worden war.

„Also, was kannst du uns noch sagen?“, versuchte Dobermann wieder an das Gespräch anzuknüpfen.

Leuthner riss seinen Blick vom Leichenwagen los und berichtete kurz und sachlich: „Keine Nummernschilder an dem alten VW-Käfer. Im Innenraum fanden wir nichts außer der Handtasche des Opfers. Alles porentief rein. Außerhalb des Fahrzeugs lagen zwei frische Zigarettenstummel, Marke Overstolz, allerdings ohne verwertbare Fingerabdrücke. Sie könnten von heute Morgen oder letzter Nacht stammen.“

„Overstolz, was ist das denn für `ne Marke? Die kenne ich gar nicht.“

„Wieder einmal ein Beweis für deine Jugendlichkeit und hoffentlich auch für deine Sportlichkeit. Rauchst du eigentlich?“

„Nee, ich habe gar nicht erst damit angefangen, da muss ich auch nicht aufhören.“

„Das nenne ich doch logisch und löblich. Also pass auf. Die Marke Overstolz wurde nach dem alten Kölner Patriziergeschlecht der Overstolzen benannt und ist seit 1917 geschützt. Ende der Fünfziger wurde das Unternehmen an die R. J. Reynolds Tobacco Company, auch Camel genannt, verkauft, die die Marke weiterhin im Sortiment hat.“

„Vielleicht war der Raucher ein strammer Deutscher?“

„Möglich. Overstolz wird nicht mehr häufig verkauft. Kann natürlich sein, dass der Raucher einfach den rauen kratzigen Geschmack gut findet. Ich weiß es nicht.“

„Hmmh“, entfuhr es Dobermann und dann nochmals: „Hmmh.“

„Wie gesagt, wir konnten keine Fingerabdrücke auf den Zigarettenkippen feststellen. Im Auto allerdings haben wir ein paar Fingerabdrücke finden können. Von unserem puppenhaften Opfer können die nicht stammen. Ihr habt sicher schon vom Doc gehört, dass ihre Fingerkuppen mit Säure bearbeitet worden sind.

Mehr gibt es momentan nicht zu sagen. Ihr könnt euch jetzt um den Jogger kümmern, der drüben im Wagen sitzt und unser Treiben hier neugierig beobachtet hat.“

Die beiden Kommissare gingen zu dem grünen Opel Kombi, Dobermann öffnete die hintere Tür. Ein Mann Mitte Fünfzig saß darin, zusammengekauert, beide Arme fest um den Oberkörper geschlungen: „Das hat ja ewig gedauert! Ich habe noch anderes zu tun, als hier herumzusitzen und zu warten. Mir ist verdammt kalt. Was stellen Sie sich eigentlich vor?“

„Erst einmal vielen herzlichen Dank, dass Sie uns heute Vormittag angerufen haben“, fuhr ihm Dobermann in die Parade.

„Stellen Sie schon Ihre Fragen, die Sie stellen müssen. Es können ja nicht so viele sein. Ich bin heute früh hier vorbei gejoggt, habe dieses verdammte Auto dastehen sehen und vor lauter Neugierde habe ich durch die Windschutzscheibe geschaut. Dafür verfluche ich mich noch immer! Auch dafür, dass ich aus lauter Pflichtbewusstsein bei der Polizei angerufen habe. Ich wusste ja nicht, dass ich solange gefangen sein würde und mir einen abfrieren muss. Ich warte jetzt schon seit mehr als einer Stunde und habe etwas zu sagen, was vielleicht knapp `ne Minute dauert. Das ist ja wie beim Arztbesuch.“

„Wir sind sehr dankbar, dass Sie gewartet haben“, versuchte Dobermann nochmals, empathisch zu wirken, „es ist uns sehr wichtig, was Sie zu sagen haben, immerhin waren Sie anscheinend der Erste am Tatort.“

„Mag schon sein.“

„Können Sie mir Ihre Personalien geben?“

„Was soll das jetzt?“, brauste der Jogger auf, „habe ich doch schon dem Typen mit diesem komischen Ganzkörperanzug gegeben, diesem Spurensicherer, wie heißt der noch gleich?“

„Sie meinen, Herrn Leuthner.“

„Kann sein, was wollen Sie noch mehr wissen?“

„Ist Ihnen etwas Besonderes aufgefallen, als Sie das Auto gefunden haben? War da noch irgendjemand?“

„Nein, ich war allein. Sonst war da niemand.“

„Haben Sie etwas angefasst?“, wollte Hartmann wissen.

„Natürlich nicht. Auch ich schaue Krimis und weiß, was sich gehört. Als ich die Frau, oder was immer das ist auf dem Fahrersitz, sah, verging mir die Lust, weiter an diesem Ort herumzuschnüffeln. Es war plötzlich alles so unheimlich. Ich lief auf den Asphaltweg zu und wählte die Notrufnummer. Bald darauf kam der erste Polizeiwagen.“

„Danke für Ihre Geduld. Ich denke, Sie können jetzt nach Hause gehen. Wir werden Sie nochmals ins Präsidium einladen, um ihre Zeugenaussage zu protokollieren. Vielleicht benötigen wir auch noch Ihre Fingerabdrücke.“

„Warum das denn?“, fragte der Jogger laut.

„Eine reine Formalie, machen Sie sich keine Sorgen.“

„Ach, noch eine Frage: Rauchen Sie?“, grätschte Hartmann in das Gespräch.

Der Jogger blickte verärgert auf. „Was denken Sie denn? Eins ist sicher: Rauchen endet tödlich! Ich habe mich für das Leben entschieden, deswegen renne ich durch den Wald, wenn ich gelassen werde. Weitere Fragen?“

„Nein“, lenkte Hartmann ein. „Sie können gehen, wir werden Sie anrufen.“

Die beiden Kommissare ließen den Sportler aussteigen.

In diesem Moment hörten sie es. Ein Geräusch, das klang wie ein eigenartiges Lachen, das aus dem Himmel zu fallen schien. Es war kurz und markant und bewirkte, dass alle am Tatort Arbeitenden innehielten und nach oben schauten. Erst konnte niemand etwas erkennen, doch dann ein zweites Geräusch und ein Schrei: „Da hinten auf der Trauerweide, da sitzt einer. Der hat uns die ganze Zeit beobachtet. Kommt, den holen wir uns!“

Alle stierten auf den großen Baum in etwa fünfzig Meter Entfernung. In einer Höhe von etwas mehr als zwei Metern spaltete sich der massive Stamm. Auf dem Abzweig kauerte eine ganz in schwarz gekleidete Gestalt, geschützt durch die herunterhängenden Äste der Weide, die wie ein Vorhang wirkten. Das einzig Auffällige an ihr war die Maske, die über ihrem Gesicht hing und rundherum von einer schwarzen Kapuze abgeschlossen wurde. Die Maske, in weiß, leuchtete trotz des trüben Wetters und fiel auch deswegen sofort auf, weil sie eine ausgeprägt spitze Nase zierte. So wirkte der dort Lauernde wie eine übergroße Krähe. Dazu passten die wippenden Bewegungen, die die Gestalt vollführte und das keckernde Lachen, das nun deutlich zu hören war.

Dobermann schaute zu, wie ein Spurensicherer auf den Baum zustürmte und wie sich die Gestalt gleich darauf abstieß und elegant hinter dem dicken Stamm hinunterglitt. „Ruf an. Hol Verstärkung!“, schrie Dobermann in Richtung seines Kollegen, befreite seine Dienstwaffe aus dem Schulterholster, entsicherte sie und lief los. Mittlerweile hatte der Spurensicherer den Baum erreicht und verschwand dahinter. Im nächsten Moment hörte Dobermann einen dumpfen Schlag, ein Stöhnen und wie ein Körper raschelnd ins Laub glitt.

Dobermann stürmte weiter. In seiner Wahrnehmung dauerte es unendlich lang, bis er den Baumstamm erreichte und dahinter blicken konnte. Ihm stockte der Atem, als er den Kollegen von der Spusi unnatürlich verkrümmt am Boden liegen sah. Blut quoll aus einer Wunde an der Stirn, viel Blut. „Ich brauche Hilfe, schnell. Holt endlich Hilfe!“, schrie der Kommissar und blickte sich panisch um. Von dem Fremden keine Spur. Er kauerte sich neben den Ohnmächtigen, befühlte mit Mittel- und Zeigefinger dessen Hauptschlagader und zielte kurz später mit seiner Waffe auf das nahegelegene Gebüsch. Er sah den herbeistürmenden Leuthner und ein paar Sekunden später auch den schwer atmenden Hartmann. Dobermann machte mit einem Zeigefinger an seinen Lippen klar, dass keiner etwas sagen sollte, dann hörte er ein Rascheln, rechts, ein paar Meter entfernt im Gebüsch.

„Kümmere dich um deinen Kollegen!“, zischte er Karl zu und an Hartmann gerichtet sagte er: „Komm mit.“

Mit einer Bewegung machte er deutlich, dass er links herum und sein Kollege rechts herum angreifen sollte. Dann wurden beide von dem Gebüsch verschluckt. Sie nahmen keine Rücksicht auf die Äste, die ihnen ins Gesicht peitschten. Das Buschwerk war nur wenige Meter breit. Dahinter ging es steil bergab. Eine Böschung führte zur Schnellstraße. Die Gestalt in schwarz war beinahe unten angelangt. Ihre Bewegungen waren schnell und geschmeidig. Ohne Schwierigkeiten kletterte sie über den mannshohen Maschendrahtzaun. Schon hatte sie die Fahrbahn erreicht und rannte darüber hinweg. Die Leitplanken in der Mitte verstellten dem Flüchtenden den Weg. Dobermann hatte noch immer seine Waffe in der Rechten und schrie: „Halt! Stehen bleiben!“

Ein Schuss löste sich. Der Flüchtende war anscheinend trainiert in Parcours, einer Fortbewegungsart, deren Ziel es ist, nur mit den Fähigkeiten des eigenen Körpers möglichst effizient von Punkt A zu Punkt B zu gelangen. Er zeigte einen eleganten Katzensprung, bei dem man vor dem Objekt abspringt und die Beine anzieht und diese zwischen den Armen hindurchführt. Hinter der Leitplanke kam er auf dem Asphalt auf und rollte sich ab. Er hatte zweifaches Glück, kein Fahrzeug weit und breit und die Kugel schlug in die Leitplanke ein und verfehlte somit seinen Körper. Alles ging sehr schnell. Kurz später verschwand der Flüchtende im Gestrüpp. Im Schutz der Pflanzen und auf allen Vieren kroch er die Böschung empor. Die Ampel am Stadtausgang war mittlerweile auf grün umgesprungen. Jetzt brausten mehrere PKW, ein Lastkraftwagen und ein Bus heran. Ein weiterer Schuss war nicht mehr möglich. Mittlerweile stand Hartmann neben seinem Kollegen. Die beiden Kommissare konnten nur zusehen, wie der Maskierte floh, den angrenzenden Wirtschaftsweg erreichte und in dem dahinterliegenden Wald verschwand. Hartmann hielt die ganze Zeit über das Smartphone ans Ohr und informierte die mit Blaulicht heranrasenden Kollegen, die allerdings noch ein paar Kilometer entfernt waren.

„So ein Mist“, wütete Dobermann. Er bemerkte nicht, dass sich der Boden unter seinen Füßen löste.

„Benjamin!“ Den entsetzten Schrei seines Kollegen hörte er genau in jenem Moment, als sein Körper aus dem Gleichgewicht geriet und er mit rudernden Armen die Böschung hinunterrutschte. Er machte zwei schnelle Schritte, um wieder Halt zu erlangen, doch dann spürte er wie sein rechter Fuß an einer Wurzel hängen blieb und der untere Teil seines Körpers abrupt abgebremst wurde. Kopfüber stürzte der Kommissar in die Tiefe. Mit weit aufgerissenen Augen sah er den dicken Ast näherkommen. Ein Schlag und im nächsten Augenblick umgab ihn nur noch lähmende Schwärze.

3. Benjamin Dobermann

Behäbig, wie ein vertrocknetes Blatt im Spätherbst von einem Baum gleitet, lichtete sich das Dunkel. Ausgehend von den Rändern breitete sich ein wenig Helligkeit aus. Die Außenwelt war in einen dichten Schleier gehüllt.

Dazu kam ein Gefühl. Die Hände, sie wurden gehalten. Mehr noch, sie wurden gestreichelt. Gefühlvoll. Es schien, als wäre es von Dauer. Es war schön.

Es sollte genossen werden.

Die Geräusche störten.

Dieses elendige Tatütata.

Die Augenlider waren schwer. Eine Zwischenwelt, er musste sich in einer Zwischenwelt befinden, kurz vor dem Erwachen und dennoch mit Träumen verwoben.

Seine Hand, sie wurde gehalten. Das Gefühl berührte ihn und zog ihn langsam aber beständig in den Schmerz. Er musste seinen Kopf ruhig halten. Durfte ihn nicht anheben. Der Schmerz würde ihn ansonsten übermannen, das war ihm klar.

Dieses ständige Tatütata nervte und das Geruckel ebenso.

Er lag auf dem Rücken.

Er wollte seine Augen vollständig öffnen, das müsste der Plan sein, dachte er, dann glitten seine Gedanken ab.

Er sollte sich aufrichten, unabhängig von dem Schmerz. Ja, das wäre der Plan.

Langsam hob er den Kopf leicht an. Das Bild vor seinen Augen wurde etwas klarer. Er sah etwas Weißes, sah schmale Verstrebungen, darunter an einer metallenen Wand Geräte, anscheinend medizinische, und dahinter eine Rückenlehne. Alles wackelte und die immer wiederkehrenden Geräusche schmerzten in seinem Kopf. Sein Blick glitt nach rechts. Er versuchte, seine Augen scharf zu stellen, schaffte es und sah dunkle Haare, gelockt.

Er kannte das, was er sah.

Ein Geruch aus seiner Erinnerung half ihm.

„Pia?“, flüsterte er mit trockenem Mund.

Das Drücken an seiner Hand wurde stärker, und es freute ihn.

Pia lächelte ebenfalls und strich sich langsam eine Locke aus dem Gesicht. Dobermann versuchte, erneut seinen Kopf zu heben, und schaffte es ein wenig, aber er konnte sich nicht aufrichten. Seine Brust wurde auf die Liege gedrückt. Irgendetwas hielt ihn fest. Er schaute in Pias Augen und genoss das Braune darin.

„Wie geht es dir?“, fragte sie.

„Was ist passiert?“

„Du hast einen dicken Ast geküsst und jetzt eine Platzwunde an der Stirn und bestimmt heftige Kopfschmerzen. Das kommt davon, wenn du etwas Anderes küsst als mich.“

Dobermann wollte auflachen, aber sofort war da dieses elendige Stechen in seinem Kopf.

„Liege ich in einem Krankenwagen?“, erkundigte er sich nach dem Offensichtlichen.