Das Leben neben mir - Catharina Thanner - E-Book

Das Leben neben mir E-Book

Catharina Thanner

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Beschreibung

Dina ist fast 15 und sehr unglücklich. Gemeinsam mit ihren Eltern muss sie in eine andere Stadt ziehen, weg von all ihren Freunden und weg von ihrem Zuhause. Und dann ist auch noch die neue Schule eine große Enttäuschung. Die Schulkollegen sind schrecklich und Dina bemüht sich sehr, ihr Geheimnis, das sie immer mit sich trägt, zu verbergen. Niemand soll erfahren, was vor einiger Zeit passiert ist und auf keinen Fall will sie den Sportunterricht besuchen, denn dann könnte es herauskommen. Aber in ihrer Klasse interessiert sich sowieso niemand für sie, nur zwei Mädchen aus anderen Klassen wollen mit ihr befreundet sein. Und es scheint so, als ob sich jetzt alles zum Guten wenden würde. Doch dann geschehen schreckliche Dinge und nichts ist mehr so wie es einmal war.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Catharina Thanner

Das Leben neben mir

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Neubeginn unfreiwillig

Martin

Adriana

Der Neumann

Ende gut – alles besser

Impressum neobooks

Neubeginn unfreiwillig

Freiwillig wäre ich niemals hier. Dachte ich damals.

Herausgerissen hatten sie mich aus meinem Leben. Innerhalb kurzer Zeit war nichts mehr so, wie es einmal war. Es blieb mir gar nichts anderes übrig als die Situation zu akzeptieren. Die Alternative war nicht brauchbar gewesen. Schon gar nicht in meiner Situation.

Ich zitterte so stark, dass ich Angst hatte, sie würde es merken. Aber sie konzentrierte sich auf die Straße. Es war ziemlich viel Verkehr heute Morgen und sie kannte sich nicht aus in der Gegend.

Ich versuchte meine Hände ruhig zu halten und atmete tief ein. Die nächste rote Ampel nutze sie um mich genau zu betrachten. Ich machte nicht mal den Versuch zu lächeln. Erstens hatte ich keine Lust, die heitere, verständnisvolle Tochter zu spielen und zweitens hätte ich sowieso nichts, das einem Lächeln ähnlich gesehen hätte, zustande gebracht. „Es ist alles o.k.“, sagte ich, nur weil ich irgendetwas sagen musste. Sie gab nicht auf: „Geht es dir wirklich gut? Du weißt, wir könnten wieder umdrehen und nach Hause fahren, wenn du dich krank fühlst!“ Nun war ich echt genervt, diese übermäßige Fürsorge ging mir auf die Nerven. „Es ist wirklich alles o.k. Mam!“, sagte ich, sicher eine Spur zu laut.

Währenddessen flog draußen die Landschaft vorbei. Obwohl wir mitten in der Stadt waren, gab es hier rechts und links der Straße zwei schnurgerade Alleen mit unzähligen Bäumen. Die Baumkronen trugen weiße Schneehauben, die in der Sonne glitzerten. Fast wie im Wiener Prater an einem sonnigen Spätwintertag. Fast wie zu Hause.

Mitten in meine Gedanken hinein, tauchte die Schule vor uns auf. Da war schon einiges los, morgens so kurz vor Schulbeginn.

Und ich, ich fühlte mich jetzt so richtig schlecht und mein Magen zog sich zusammen. Nun war es also soweit. In Gedanken hatte ich das in den letzten Tagen mindestens hundertmal durchgespielt. Wie ich in die neue Klasse reingehen und lässig „Hallo“ sagen würde und ganz normal würde ich gehen, so normal wie andere auch. Und wie die anderen neugierig sein würden, auf die aus der Großstadt. Und wie sie mich fragen würden, was ich denn bisher so gemacht hätte und wie es denn in Wien so sein würde und warum ich überhaupt jetzt hier sei und so... Das hatte ich mir gedacht und gehofft hatte ich, dass es o.k. sein würde hier, zumindest ein wenig so wie zu Hause.

Und dann stand ich da, am ersten Tag in der neuen Schule, in der neuen Stadt. Weit weg von Zuhause. Ich war jetzt da, wo ich überhaupt nicht sein wollte. Und das auch nur, weil mein Vater seinen alten Job geschmissen hatte und wir jetzt hier wohnen mussten. Und deshalb war ich sehr wütend auf ihn. Dass er mir das angetan hatte!

Ich holte noch mal tief Luft und stieg aus dem Auto. „Alles Gute für deinen ersten Schultag!“, rief Mam mir nach. Ich winkte ihr, drehte mich aber nicht mehr um. Ich wollte nicht noch mal ihr besorgtes Gesicht sehen müssen. Langsam ging ich auf das Schultor zu, ganz genau setzte ich einen Fuß vor den anderen. Ganz vorsichtig und gerade ging ich und hinkte dabei kein bisschen. Das konnte ich, wenn ich mich sehr bemühte, sehr aufmerksam war und nicht zu laufen begann. Heute schaffte ich das, trotz meiner Nervosität. Noch hatte mich niemand beachtet. Die Jungs und Mädels vor der Schule alberten herum und kümmerten sich nicht um mich. Noch ein paar Schritte, dann war ich vor dem großen Eingangstor angekommen. Dann bemerkten sie mich doch, ich spürte ihre neugierigen Blicke. Sie grinsten und tuschelten miteinander. Das fing ja gut an. Mein Magen zog sich noch mehr zusammen und ein sehr unangenehmes Gefühl machte sich in mir breit. Hinkte ich etwa doch beim Gehen oder warum lachten die so offensichtlich über mich? Ich fing wieder zu zittern an und bekam Angst. Was, wenn eine von denen mit mir in eine Klasse ging? Die waren sicher in meinem Alter. Mein Herz klopfte wild und ich hatte das Gefühl, dass ich ihr Gelächter hinter mir hören konnte. Trotzdem hatte ich mich im Griff, das Zittern meiner Hände merkte keiner außer mir. Ich stand jetzt in der Eingangshalle und schaute nach oben. Die Schule machte den Eindruck, als ob sie bereits sehr alt wäre, der Steinboden war mit Schriftzeichen durchzogen, die ich nicht lesen konnte. Fast war ich ein wenig beeindruckt, aber nur fast. Was war das schon gegen meine Schule in Wien. Die war auch alt, aber vertraut. Und es fühlte sich gut an, als ich noch zu Hause in die Schule ging. Es fühlte sich gut an, als ich noch zu Hause in meinem alten Zimmer schlafen konnte. Es fühlte sich alles gut an in meinem alten Zuhause, das wurde mir erst jetzt so richtig klar. Das Leben war schön, dort wo ich zu Hause war, meistens jedenfalls. All das dachte ich, als ich nun durch diese neue Schule ging.

Die Realität holte mich ein. Es war fünf Minuten vor acht und ich musste möglichst schnell meine neue Klasse finden. Inzwischen strömten immer mehr Schüler durchs Schultor und liefen in alle Richtungen davon. Ich begann zu schwitzen und mein Magen zog sich wieder zusammen, so wie er das in den letzten Tagen bereits mehrmals gemacht hatte. Ich fühlte mich ziemlich alleine und hilflos und so sah ich wahrscheinlich auch aus. „Hallo, bist du neu hier?“ Ich erschrak, als mich jemand von hinten ansprach. Eine große Blonde stand vor mir und schaute mich neugierig an. Jetzt sollte ich etwas sagen: „Ja, ich habe heute meinen ersten Schultag hier. Weißt du zufällig wo die 5 M ist?“ „Natürlich weiß ich, wo die 5 M ist! Ich gehe schließlich in die 5 N, das ist die Klasse daneben!“, sagte die Blonde grinsend und zog mich mit sich. Ein Stockwerk höher, zweimal um die Ecke und wir waren vor der 5 M angekommen. „Also, dann mach’s gut! Ich heiße übrigens Toni, na ja, eigentlich Antonia!“, rief mir die Blonde zu und noch bevor ich mich bedanken konnte, war diese Toni in ihrer Klasse verschwunden.

Gleich daneben war also meine neue Klasse, die 5 M. Ich öffnete die Türe und ging langsam rein. Ungefähr die Hälfte der Kollegen waren schon da, also probierte ich es mit: „Hallo!“ und schaute mich um. Einige der Jungs und Mädels sagten „Hallo“, ein paar starrten mich einfach nur an. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen: „Wo ist noch frei?“ Ein Junge mit rotblonden Haaren zeigte schweigend auf den Platz neben sich. „Danke“, sagte ich und passte genau auf, mich möglichst lässig in den Stuhl fallen zu lassen, ohne dass ich schwankte oder unsicher wirkte. Im selben Augenblick kam eine Gruppe laut lachender Mädels in die Klasse und die erkannte ich sofort. Es waren genau die, die draußen vor dem Schultor über mich geredet und gelacht hatten. Aber ich tat so, als ob ich nichts bemerkt hätte und räumte meinen Rucksack aus. Da läutete die Schulglocke und eine kleine schlanke Frau kam rein. Ich kannte sie, es war die Lechner, meine neue Klassenlehrerin. Als ich mit meinem Vater zur Anmeldung hier war, hatte die Direktorin sie uns vorgestellt. Die Lechner nickte mir freundlich zu und sagte laut: „Guten Morgen! Es freut mich, dass wir heute eine neue Schülerin bei uns begrüßen dürfen. Dina Gärtner kommt aus Wien und war dort bereits auf einem Musikgymnasium. Herzlich willkommen, Dina! Ich hoffe, du wirst dich bei uns wohlfühlen!“ Und dann wandte sie sich mit ernster Miene an die Klasse und sagte: „Und euch bitte ich, Dina zu helfen, sich gut bei uns einzuleben! Ich hoffe, ich kann mich auf euch verlassen!“ Sie lächelte mir nochmals zu und ich lächelte zurück. Dann startete sie und gab ein unglaubliches Tempo vor, ich war überrascht wie viel Lernstoff sie in eine Deutschstunde reinpackte. Das konnte ja heiter werden! In meiner alten Schule waren wir nicht so weit, hoffentlich schaffte ich das hier! Ich war so in Gedanken, dass ich gar nicht bemerkt hatte, dass mich mein Nachbar, der Rotblonde, die ganze Zeit anstarrte. Irritiert schaute ich weg. Um alles mitzubekommen, was die Lechner da an Unterrichtsstoff brachte, musste ich mich ziemlich konzentrieren. Ich wollte mich schließlich nicht gleich an meinem ersten Tag hier blamieren, sollte sie auf die Idee kommen, mich was fragen. Aber die Lechner war gnädig, sie ließ mich in Ruhe und warf mir nur ab und zu einen aufmunternden Blick zu. Als die Stunde zu Ende ging, war ich trotzdem erleichtert. Eines stand mit sofortiger Wirkung fest, in Deutsch musste ich mich ziemlich anstrengen, damit ich bei dem Tempo mitkam! Die Klasse war scheinbar wenig beeindruckt von der Lechner und ihrem Vortrag, die meisten saßen gelangweilt da oder machten irgendwas anderes, wie zum Beispiel SMS zu schreiben, Wörter auf Zetteln zu kritzeln oder miteinander zu quatschen. Einige wenige von ihnen hatten aufgepasst, was die Lechner so erzählt hatte und kaum war sie rausgegangen, brach ein ohrenbetäubender Lärm aus. Ich konnte kaum glauben, dass es hier so laut werden konnte, nur weil die Pause begonnen hatte. Einige kreischten herum, Gegenstände flogen durch die Luft und laute Musik hämmerte aus irgendeinem Gerät. Wieder kümmerte sich niemand um mich, scheinbar interessierte es keinen, wo ich herkam, was ich so machte und warum ich in diese Stadt gezogen war. Aber heute war es mir sowieso lieber, dass mich alle in Ruhe ließen, denn mir war ganz und gar nicht nach Plaudern zumute. Der Rotblonde neben mir war gleich zu Beginn der Pause aus der Klasse verschwunden und bis jetzt noch nicht wieder aufgetaucht. Da läutete es und die nächste Stunde begann. Langsam ließ der Krach nach. Auf dem Stundenplan stand Mathe, aber kein Lehrer tauchte auf. Es vergingen zwanzig Minuten und niemand kam, aber das schien keinen meiner neuen Kollegen zu interessieren. Die meisten standen in Gruppen zusammen und unterhielten sich. Niemand interessierte sich für mich. Der Rotblonde neben mir las in einer Autozeitschrift und ignorierte mich ebenfalls. Ich fühlte mich ziemlich alleine in dieser eigenartigen Klasse und wusste nicht, was ich von den neuen Kollegen halten sollte.

In meiner alten Klasse war alles anders. Wir waren so was wie eine Gemeinschaft und miteinander befreundet. Der Gedanke an meine Freunde in Wien schlug sich schlagartig auf meine Stimmung und ich musste sehr schnell an was anderes denken, sonst kam im schlimmsten Fall noch das heulende Elend über mich. Endlich läutete die Schulglocke und die Stunde ohne Lehrer war zu Ende. Keiner meiner neuen Kollegen hatte etwas unternommen. In meiner alten Schule war es üblich, dass man im Konferenzzimmer nachfragte, wenn ein Lehrer nicht zum Unterricht erschienen war. Aber das kam sehr selten vor, denn wenn einer der Lehrer krank war oder aus einem anderen Grund nicht unterrichten konnte, wurde er von einem anderen vertreten.

Wieder mal wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, denn Toni, das Mädel aus der Nachbarklasse, stand plötzlich vor mir. „Na du, wie war’s, hast du deine neuen Kollegen schon kennengelernt? Die sind ja besonders toll!“ Ich wusste nicht, was sie damit meinte. „Naja, du wirst dich schon einleben, bist ja schließlich deutschsprachig!“ Wieder wusste ich nicht, was ich darauf sagen sollte und was das mit „deutschsprachig“ bedeuten sollte, war mir völlig rätselhaft. Hoffentlich meinte sie nicht meinen Wiener Dialekt. Naja, Dialekt konnte man das eigentlich nicht nennen. Wir sprachen in Wien meist hochdeutsch in der Schule, das war so üblich dort. Und viele meiner Freunde sprachen auch außerhalb der Schule so. „Wienerisch“ war bei uns nicht so üblich. Vielleicht sprach ich doch zuviel hochdeutsch oder warum sagte sie „deutschsprachig“? Ich wusste wirklich nicht, was ich davon halten sollte. Doch bevor ich ihr sagen konnte, wo ich herkam, redete sie schon weiter: „Jetzt komm endlich, sonst ist die Vormittagspause vorbei!“ Ich stand auf und folgte Toni aus der Klasse. Nun musste ich mich endlich mal vorstellen, ich brachte ein leises: „Ich heiße übrigens Dina und komme aus Wien!“, hervor. „Hallo Dina, schön dich kennenzulernen! Na, von deiner Klasse kümmert sich scheinbar niemand um dich, dann werde ich das mal übernehmen!“, rief Toni und ich war richtig erleichtert, dass sie mich aus dieser merkwürdigen Klasse geholt hatte. „Im ersten Stock gibt es ein Schulbuffet, dort holen wir uns jetzt was zu essen“ und schon zog sie mich wieder mit sich fort. Ich kam kaum mit bei dem Tempo, so schnell rannte sie. Aber ich wollte mir nichts anmerken lassen und strengte mich an mitzulaufen. Als wir im ersten Stock beim Schulbuffet ankamen, war ich ziemlich erledigt. Schnell zu laufen und dabei noch darauf zu achten nicht zu hinken, war ziemlich anstrengend für mich. Toni merkte das und sah mich fragend an: „Was ist mit dir, bist du krank?“ „Nein, nein, ich bin nur etwas aus dem Training!“, stieß ich schnaufend hervor. „Also gut, dann solltest du aber öfter Sport betreiben“, ermahnte mich Toni, die sehr fit zu sein schien. Dann wandte sie sich dem zu, was das Schulbuffet zu bieten hatte. Als wir schließlich schweigend nebeneinander aßen, musterte ich die flotte Toni unauffällig von der Seite. Sie sah ziemlich gut aus, groß und schlank, mit sportlicher Figur. „Ich wollte mich noch bei dir bedanken, dass du dich um mich gekümmert hast heute morgen!“ „War doch selbstverständlich!“, murmelte Toni mit vollem Mund. Kurz darauf war die Pause auch schon vorbei und wir mussten wieder in unsere Klassen. „Schade, dass ich nicht in ihrer Klasse bin“, dachte ich mir, als ich wieder in die 5 M kam, in der auch jetzt wieder ein Höllenlärm herrschte. Alle brüllten durcheinander und wieder beachtete mich niemand, als ich mich neben den Rotblonden setzte. Der blickte kurz auf und vertiefte sich dann wieder in seine Autozeitschrift. Scheinbar hatte er sie noch immer nicht zu Ende gelesen. Die nächste Stunde war Religion, dann kam endlich Musik. Da das eine „M“ Klasse war, war der Schwerpunkt dieser Klasse Musik. Meine alte Schule war ein Musikgymnasium gewesen und darum wollte ich auch hier unbedingt wieder in eine Schule, in der auf Musik Wert gelegt wurde. Das gab es jedoch nicht in der Umgebung meines neuen, angeblich so tollen Zuhauses, wie Mam es nannte. Und ich wollte nicht jeden Tag eineinhalb Stunden Fahrtzeit in ein Musikgymnasium in Kauf nehmen. Darum hatten wir nach einer Schule gesucht, in der es Klassen mit verschiedenen Schwerpunkten, darunter auch eine mit Musik gab. Die Schulglocke riss mich wieder aus meinen Gedanken. Die war sowieso ein unmöglich altmodisches Ding, so was kannte ich von Zuhause längst nicht mehr. Endlich war die Schule zu Ende und Mam würde mich abholen. Meine neuen Kollegen stürmten aus der Klasse und ich war alleine. Aber das war mir nur recht, dann konnte ich in Ruhe und langsam die vielen Treppen ins Erdgeschoss gehen, ohne beobachtet zu werden. Vor der Schule wartete Mam schon ungeduldig im Auto. Sie sprang raus und lief mir entgegen. Stürmisch umarmte sie mich, was mir mehr als unangenehm war. „Hallo Mam, es ist alles o.k., wir können fahren“, sagte ich genervt und versuchte mich loszumachen. Fragend blickte mich meine Mutter an: „Ist wirklich alles o.k., mein Schatz?“ „Ja, natürlich. Komm, lass uns endlich fahren“, rief ich und setzte mich schnell ins Auto, ich hatte Angst, dass jemand die Begrüßungsszene mitbekommen hatte. „Na, jetzt erzähl schon, wie war dein erster Tag?“ Mam war wieder mal sehr ungeduldig. „Die Klasse ist laut, sonst ist alles wie in Wien“, log ich. Nichts war wie in Wien! In Wien hatte ich Freunde! In Wien war meine alte Schule mit der vertrauten Klasse, mit den vertrauten Freunden, mit den vertrauten Lehrern, einfach alles war vertraut. In Wien wussten alle, was mit meinem Bein war. In Wien musste ich nicht so tun, als ob nichts wäre. In Wien humpelte ich ganz einfach, wenn ich Schmerzen hatte. Ich kämpfte mit den Tränen und gleich darauf zog sich auch mein Magen zusammen und ein spitzer Stachel bewegte sich darin. Ich fühlte mich so hilflos wie noch nie in meinem Leben. Schnell wischte ich mir über die Augen, Mam sollte nicht merken, wie ich mich fühlte. Ich wollte nicht reden, nicht schon wieder getröstet werden. Mam hatte das schon unzählige Male versucht und es war ihr kein einziges Mal gelungen. Das mit meiner alten Heimat war wie ein Stachel. So ein ekliger, spitzer Stachel, der tief drinnen in mir herumbohrte. In meinem neuen Zuhause angekommen, verzog ich mich gleich in mein Zimmer und kam erst wieder raus, als mich Mam zum Essen rief. Es gab Spaghetti, das war mein Lieblingsessen, das wusste sie. Aber heute schmeckte es mir nicht. Ich ging in mein Zimmer, wollte meine Ruhe haben. Zweimal klopfte es an der Türe: „Dina, geht es dir gut?“ „Alles o.k., ich schaue mir die neuen Schulbücher an!“ Nach einer Stunde klopfte es wieder: „Möchtest du Tee, Dina?“ Sie suchte nur einen Vorwand um mich aus meinem Zimmer zu locken. „Nein danke.“ Ich würde sicher nicht in die Küche kommen und mit ihr plaudern, dazu hatte ich jetzt wirklich keine Nerven. Ich wollte nur einfach in Ruhe gelassen werden.

Der zweite Schultag verlief ähnlich wie der erste, in der Klasse hatte noch keiner ein Wort mit mir geredet.

Am dritten Schultag stand Sport auf dem Stundenplan. Die Nacht davor konnte ich kaum schlafen, was man mir anhand der dunklen Ringe, die sich unter meinen Augen gebildet hatten, auch ansah. Ich saß meinem Vater beim Frühstück gegenüber, er trank seinen Kaffee, las die Zeitung und schien nichts um sich herum wahrzunehmen. Ich versuchte ihn mit Blicken zu erreichen, aber bis er das bemerkte, dauerte es. Endlich schaute er mich an: „Hey Dina, was ist los mit dir?“, rief er. „Ich habe heute Sportunterricht.“ Mehr brauchte ich gar nicht zu sagen. „Oje, na ja, es war klar, dass du irgendwann mal Sportunterricht haben würdest. Ich werde mit deiner Klassenlehrerin sprechen.“ Ich war nun richtig verzweifelt: „Können wir damit nicht noch warten? Was ist, wenn sie es gleich der ganzen Klasse erzählt?“ Ich merkte wie mir die Tränen in die Augen schossen. „Ich könnte doch für heute einfach eine Ausrede erfinden!“ „Nein Dina, das hat keinen Sinn, du kannst die Sache nicht hinauszögern. Es ist besser die Wahrheit zu sagen. Du kannst schließlich nichts dafür!“ Mein Vater meinte es wirklich ernst und ich schwieg nun resigniert. Eigentlich hatte er ja Recht, mit einer Ausrede konnte ich die ganze Sache vielleicht eine Woche hinauszögern, aber dann hatte ich wieder Sportunterricht. Ich konnte schließlich nicht jede Woche eine neue Ausrede erfinden. Und hingehen und mich vor den anderen ausziehen, das konnte ich auch nicht. Das war einfach unmöglich, schon beim Gedanken daran, geriet ich in Panik. Also musste die Lechner die Wahrheit erfahren. Grundsätzlich fand ich sie ja ganz nett. Sie würde sicher Verständnis für mich haben, aber helfen konnte sie mir nicht, das war mir klar. Mein Vater wollte mich heute in die Schule fahren und dann gleich mit ihr reden.

Wie jeden Morgen, seit wir unsere alte Heimat verlassen hatten, war mir schlecht. Ich hatte mein Frühstück nicht angerührt. Meine Mutter biss sich auf die Lippen, aber sie sagte kein Wort, sie wollte scheinbar heute nicht mit ihrer Tochter streiten. Und jetzt mussten wir sowieso los, es war schon spät. Mein Vater parkte den Wagen fast direkt vor der Schule, er fand immer einen Parkplatz. Gemeinsam gingen wir rein, aber gleich in der großen Halle verabschiedete ich mich von ihm. Ich wollte nicht, dass jemand sah, dass mich mein Vater zur Schule brachte. Also ging ich alleine in meine Klasse und die war Gott sei Dank noch leer, die meisten kamen erst knapp vor acht Uhr. Auch das war ganz anders als in meiner alten Schule. Dort waren wir alle schon mindestens eine Viertelstunde früher da und hatten schon morgens viel Spaß. So hing ich auch heute mal wieder meinen Gedanken nach und merkte gar nicht, wie sich der Rotblonde neben mir in den Stuhl fallen ließ. Als er ein kurzes „Morgen“ murmelte, erschrak ich. „Oh, Verzeihung, ich habe nicht gesehen, dass du noch schläfst“, sagte er mit einem spöttischen Blick und vertiefte sich gleich wieder in eine seiner Autozeitschriften. Es war das erste Mal, dass er mit mir gesprochen hatte, wenn es auch ziemlich zynisch geklungen hatte. Komischer Typ, fand ich. Der Vormittag verging mit Englisch, Geschichte, Physik und Religion ziemlich schnell. Keiner der Lehrer hatte mich aufgerufen und etwas gefragt und keiner aus meiner Klasse hatte mit mir geredet. Untereinander unterhielten sich meine Kollegen aber sehr angeregt und das sogar während des Unterrichts. Ich fand das ziemlich ungewöhnlich. Aber noch ungewöhnlicher war, dass die Lehrer das scheinbar duldeten, sie übergingen die Unruhe in der Klasse, indem sie einfach lauter sprachen oder gelangweilt ohne Punkt und Komma den Unterrichtsstoff runterleierten. So was war ich nicht gewöhnt von zu Hause. Die meisten Lehrer dort waren streng, aber sie hatten Humor und meistens Spaß an der Arbeit mit uns. Das schien hier nicht so zu sein. Einige waren zwar bemüht, machten aber den Eindruck, als ob sie lieber was anderes arbeiten würden. Der Wahnsinn im positiven Sinn war mir hier noch nicht begegnet, weder in der Gestalt eines Lehrers noch in der Gestalt eines Kollegen. Außer Toni natürlich, aber die ging leider nicht mit mir in eine Klasse.

Während ich noch meinen Gedanken nachhing und daran dachte, dass heute nach der Mittagspause wieder Sportunterricht stattfinden würde, läutete die Schulglocke. Gleich darauf ging die Türe auf und die Lechner schaute rein.

Mit einem freundlichen Lächeln winkte sie mir zu und gab mir zu verstehen, dass ich zu ihr ins Lehrerzimmer kommen sollte. Durch den Höllenlärm, der gleich nach Ende der Stunde ausgebrochen war, beachtete niemand die Lechner und es war scheinbar auch niemandem aufgefallen, dass sie mir zugewinkt hatte. Mein Herz klopfte bis zum Hals, als ich die Tür zum Lehrerzimmer öffnete. Gott sei Dank! Niemand von den anderen Lehrern war zu sehen, die Lechner war scheinbar alleine und lächelte mir aufmunternd zu. „Hallo Dina, komm setz dich. Ich möchte etwas mit dir besprechen. Dein Vater hat mir heute Morgen von deiner Behinderung erzählt. Es tut mir sehr leid, was dir passiert ist. Du bist natürlich vom Sportunterricht befreit! Wenn du aber mitmachen möchtest, bist du jederzeit herzlich willkommen!“ „Danke, das ist sehr nett, ich möchte aber nicht.“ Ich wollte gleich wieder aufstehen und gehen, doch die Lechner hielt mich zurück. „Kann ich etwas für dich tun? Ich habe das Gefühl, dass dich etwas bedrückt! Möchtest du vielleicht mit mir darüber sprechen? Fühlst du dich in der Klasse nicht wohl?“ Die Lechner meinte es bestimmt gut, aber ich schüttelte den Kopf, murmelte noch „Danke“ und ging. Ich wollte so rasch als möglich weg und niemandem aus meiner Klasse treffen. Vor der Schule wartete bereits Mam im Auto und ich stieg schnell ein. „Die werden sich wundern, warum ich nicht beim Sport bin“ dachte ich und hatte richtig Angst, dass mich am nächsten Tag jemand danach fragen würde.