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NEUAUFLAGE!!!!!! Aus BITTER BÖSER MANN wird DAS LETZTE MÄDCHEN Seit einigen Wochen verschwinden immer wieder junge attraktive Frauen aus der ganzen Stadt und tauchen in gewissen Abständen verhungert und von Ihren Peiniger gezeichnet wieder auf. Das Team um Hauptkommissar Niklas Schröder und Oberkommissarin Katja Fuchs übernehmen diesen Fall, der die ganze Stadt im Atem hält. Während die Polizei alles Menschenmögliche tut den Täter zu fassen, stürzt sich die Presse auf die Ermittlungsbehörden.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Seit einigen Wochen verschwinden junge attraktive Frauen aus der ganzen Stadt und tauchen in unregelmäßigen Abständen verhungert und von ihrem Peiniger gezeichnet wieder auf. Das Team um Hauptkommissar Niklas Schröder und Oberkommissarin Katja Fuchs übernehmen den Fall, der die ganze Stadt im Atem hält.
David Führt wurde 1992 in Arnstadt/Thüringen geboren und lebt in der Nähe von Eisenach. »DAS LETZTE MÄDCHEN« ist der Titel seines Debütromans und das erste Buch der Reihe um Hauptkommissar Niklas Schröder und seiner Kollegin Katja Fuchs.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Zum Thema Angst
Bonusmaterial
Glossar
Nachwort
An Sarah. Danke für alles.
Nach wochenlanger Ermittlungsarbeit hatte das Team um den Leipziger Top-Ermittler Niklas Schröder den Mann gefasst, der unzählige Frauen auf dem Gewissen hat. Er wurde für immer weggesperrt. Nur nicht, und dies war der einzige Wermutstropfen, hinter Gefängnisgitter, sondern in eine geschlossene Anstalt.
Ungeduldig blickte Schröder auf seine Armbanduhr. Er befand sich gerade auf einer Pressekonferenz, welche mit großem medialem Interesse verfolgt wurde. Sein Unmut über die Behandlung eines Menschen, der eine ganze Stadt in Atem gehalten hatte, war unschwer an seinem Gesicht abzulesen. Er schien in den letzten Wochen um Jahre gealtert zu sein. Seine Falten schienen tiefer, die Augenringe dunkler und sichtbarer. Betitelten ihn Pressevertreter vor wenigen Wochen noch als total unfähig, wurden er und sein Team nun hochgelobt.
»Wissen Sie, in Deutschland gibt es eine Presse- und Meinungsfreiheit, das ist einerseits gut, doch andererseits möchte ich an so manchem Morgen gar nicht erst das Haus verlassen, da ich auf dem Weg Richtung Revier unweigerlich die Tageszeitung in die Hand gedrückt bekomme. Ich bin jedes Mal erleichtert, wenn es mal nicht um mich und mein kompetentes Team geht. Dabei gibt es doch bestimmt andere – interessantere – Dinge, über die man berichten könnte, um die Seiten voll zu bekommen.«
Ein Raunen ging durch die Menge. Von der euphorischen Atmosphäre war nun nichts mehr zu spüren. Eine junge Frau, schätzungsweise dreißig Jahre alt, stand auf. Dabei fielen ihre langen haselnussbraunen Haare über ihre Schultern. Eine Brille mit einem viel zu dicken Rand, die unweigerlich an einen Fensterrahmen erinnerte, zierte ihr schmales und ebenes Gesicht. Die junge Frau stach kaum aus der Menge hervor, was vielleicht auch an ihren einen Meter siebenundfünfzig liegen mochte, mit denen sie kleiner war, als der Durchschnitt der in Deutschland lebenden Frauen. An der Brust der Journalistin baumelte ein Anhänger mit dem Aufdruck »Leipziger Tageskurier«.
»Haben Sie eine Ahnung, wieso die Tageszeitungen über die Arbeit Ihres Teams so negativ berichteten?«, wollte sie wissen, doch Schröder reagierte nicht.
»Also nicht«, kommentierte sie sein Stillschweigen.
»Als Frau hat man es so schon nicht leicht, vor allem nicht in einer Metropole wie Leipzig es ist, und wenn man dann noch erfährt, dass über Wochen ein Vergewaltiger unterwegs ist und die Polizei viel zu lange braucht, um diesen endlich dingfest zu machen, ist es doch klar, dass wir beginnen negativ über Sie zu berich…«
In einem etwas zu energischen Tonfall unterbrach er den Redeschwall der jungen Journalistin.
»Junge Frau, wir geben tagtäglich unser Bestes! Wir sorgen dafür, dass man in Leipzig sicherer leben kann, als in so manch anderer Stadt in unserem Land. Wir wissen, wie wir unsere Arbeit zu machen haben. Es ist klar, dass so ein brisanter Fall, wie wir ihn jetzt hatten, auch mit vielen Emotionen verbunden war, Angst, Wut und Hass, womöglich zu gleichen Teilen. Angst, weil es uns nicht schnell genug gelang, den Mann zu fassen. Wut und Hass auf die Justiz, weil wir uns eben nun mal in unserem Rechtsstaat an gewisse Richtlinien zu halten haben! Wir können nicht einfach durch die Stadt spazieren und jeden, der uns auch nur ein bisschen verdächtig vorkommt, festnehmen. In solchen Fällen ist es wichtig mit Bedacht vorzugehen. Über Wochen haben wir Beweise zusammengesucht und als wir genug gegen ihn in der Hand hatten, konnten wir handeln. Wir werden von Familien der Opfer aufgesucht und beschuldigt, dass nichts geschieht. Ich kann Ihnen versichern, dass wir auf Hochtouren gearbeitet haben. Auch uns hat es geärgert, dass wir diesen Menschen nicht schnell genug stellen konnten. Und dann kommen Sie und Ihre Pressekollegen und leckt euch eure gierigen Finger nach einer Story, um Verkaufszahlen zu machen und dabei die Masse aufzuheizen. Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen?«
»Nein, danke. Ich habe keine weiteren Fragen«, erklärte die Journalistin, ließ sich auf den unbequemen Stuhl hinter sich fallen und sehnte das Ende dieser Konferenz herbei. Sie hatte das Gefühl, lange nicht mehr eine solche Demütigung erfahren zu haben. Wenig später kam ein anderer Polizist auf sie zu. Sein rotes Haar war so lang, dass der Pony einen Teil seiner Augen verdeckte.
»Guten Tag Frau Sommer, mein Name ist Thomas Engel.«
»Guten Tag«, sagte sie.
»Nehmen Sie meinen Chef nicht so ernst. Er ärgert sich nur, dass man uns damals so einen Druck gemacht hatte. Außerdem haben wir, wie sie sicher gehört haben, nun einen ähnlichen Fall, und da liegen bei ihm verständlicherweise die Nerven blank. Aber ich bin eigentlich gekommen, um Sie etwas anderes zu fragen. Ich finde Sie sympathisch und wollte wissen, ob Sie Lust hätten mit mir etwas essen zu gehen?«
Nina schüttelte den Kopf. »Ich bin vergeben, tut mir leid.«
»Das ist sehr schade, darf ich Ihnen trotzdem meine Nummer geben?«
Sie zuckte lustlos mit ihren Schultern. Dennoch tauschten sie die Nummern aus und Thomas Engel verabschiedete sich.
***
2 Stunden später
Nina Sommer war auf dem Weg ins Hotel Seehof, um ihren Freund auf der Arbeit zu besuchen. Er war der Grund, warum sie einem kleinen Kaff den Rücken gekehrt hatte und in die
Messestadt gezogen war. Seit nunmehr einem Jahr arbeitete und lebte die Journalistin hier, doch wenn sich die Möglichkeit ergab, stattete sie ihrer alten Heimat einen Besuch ab. Es war nicht einmal zehn Minuten her, dass ihr Smartphone in ihrer Tasche geklingelt hatte. Basti, ihr Lebensgefährte, wollte sich nach seiner Schicht mit ihr am Hotel treffen. Er druckste herum und wollte ihr nicht mitteilen, warum gerade dort. Sie hätten sich doch spätestens am Abend gesehen. Sonst war der Mann, mit dem sie ihre Zukunft verbringen wollte, nicht so geheimnisvoll.
Basti ahnte nicht, dass Nina sowieso auf dem Weg zu ihm gewesen war, um einfach nur mit ihm zu reden. Sie brauchte seine Nähe nach solchen Tagen, Tage, die einfach nur beschissen liefen. Er schaffte es immer wieder, sie aufzubauen. Er gab ihr Kraft. Austeilen, das war schon immer die Stärke der taffen Brünetten, einstecken dafür umso weniger.
Am Hotel angekommen, sah Nina den jungen blonden Mann schon am Eingang des Gebäudes stehen. Ein wenig Enttäuschung machte sich in ihr breit. Sie wusste es war albern, aber sie hatte die Hoffnung gehabt, dass der Grund, wieso er so spontan um ein Treffen bat, der war, ihr endlich eine Frage zu stellen, auf die sie schon seit gefühlten Ewigkeiten wartete. Doch nach seiner gewöhnlichen Kleidung zu urteilen, würde es heute nicht den ersehnten Heiratsantrag geben. Die beiden waren bereits zwei Jahre zusammen gewesen, als sie sich entschloss, nach Leipzig zu ziehen.
Sie liefen ein Stück Richtung Zwenkauer See, der nur einen Katzensprung von Bastis Arbeitsplatz entfernt war. Dort hatte er ihr damals auf einem Fest seine Liebe gestanden. Sie war für einen kleinen Artikel des Tagesblattes in Leipzig unterwegs gewesen und lernte in einem Café den sympathischen Basti kennen. Für sie wäre es das Schönste, wenn er ihr genau hier die lang ersehnte Frage stellen würde. Seine nervöse Art ließ erneut Hoffnung in ihr entflammen. Den gesamten Weg war er, untypisch für ihn, seltsam still.
»Hast du irgendwas?«, wollte sie wissen, als er sich weiter in Schweigen hüllte. Er seufzte und blickte an ihr vorbei in die Ferne.
»Also, ich …«, begann er. Ninas Herz schlug ihr bis zum Hals. Sollte es nun wirklich wahr werden? Nervös scharrte er mit seinen ausgeblichenen roten Sneakers ein paar Steine umher. Er mied ihren Blick.
»Was ist denn? Du weißt du kannst mir alles sagen«, versuchte die junge Frau es erneut. Er schloss die Augen.
»Ich kann das nicht mehr«, nuschelte er.
Verwirrt blickte sie ihn an. »Was kannst du nicht mehr? Mensch, lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.«
»Ich möchte nicht mehr mit dir zusammen sein. Ich denke schon seit einigen Wochen darüber nach«, gestand er, doch sie hatte schon abgeschaltet als er sagte, dass es aus sei. Natürlich war Nina bitter enttäuscht und würde dies auch noch die nächsten Tage sicherlich sein. Auch wollte sie den Grund für das plötzliche Beziehungsaus nicht hören. Sie rannte wenige Sekunden, nachdem er die Worte ausgesprochen hatte, die ihr Herz in Milliarden Scherben zersplitterten, weinend zurück in Richtung Hotel, wo sie ihr Auto abgestellt hatte. Sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Je mehr die bittere Wahrheit in ihr Hirn drang, umso schwerer wurde ihr Herz und die Enttäuschung über seine Worte. Ihre Schritte beschleunigten sich, die letzten Meter rannte sie zum Hotelparkplatz. Sie wollte nur noch eins und das war nach Hause ins Bett. Sich einmummeln und die ganze Welt hassen.
Zu Hause angekommen, bemerkte sie gegenüber dem Block, in dem sie wohnte, ein für sie unbekanntes Auto, einen weißen Seat Ibiza. Sollen das schon die neuen Nachbarn sein, fragte sie sich, während sie sich der Hauseingangstür zuwendete. Mit zittrigen Händen versuchte sie ihren Schlüssel in das Schloss zu führen. Es war schon ziemlich unwirklich, wie sich von der einen zur anderen Sekunde dein ganzes Leben verändern konnte. Gerade wenn du glaubst, dass du genau weißt, wie sich dein Leben entwickeln würde. Und man selbst steht nur daneben und kann zuschauen. Jetzt hatte sie nur noch ihren Beruf, einen Job, für den sie ihre Freunde links liegen ließ, sich nie Zeit für sie genommen hatte. Es war schon sehr verwunderlich, dass die Beziehung unter den Umständen so lange halten konnte. Sie war durchaus als Workaholic zu bezeichnen. In der Redaktion war sie morgens meist die Erste und spätabends die Letzte, die das Gebäude verließ. Basti hatte sich damit arrangiert. Klar hatte es ein paar kleine Streits gegeben, weil sie so viel arbeitete, aber am Ende hatte er es doch immer verstanden. Auch deswegen kam das Beziehungsaus für sie umso heftiger. Oder hatte er einfach nur gehofft, dass sich Nina irgendwann änderte? Schließlich wollte er ja früher oder später Kinder mit der hübschen Journalistin. Im Gegensatz zu ihr, für die das Thema ein rotes Tuch war. War es mit ihrem Beruf doch nicht vereinbar
Denk an das Aug', das überwacht / noch eine
Freude dir bereitet, / denk an die Hand, die manche Nacht / dein Schmerzenslager dir
gebreitet, / des Herzens denk, das einzig wund /
und einzig selig deinetwegen, / und dann knie nieder auf den
Grund / und fleh um deiner Mutter Segen!
Annette von Droste-Hülshoff
2005
Alles begann an einem Sommerabend. Ihre Familie war bei Tante und Onkel zum Grillen eingeladen. Auch der Freund Ihres Vaters, mit dem sich das Mädchen sehr gut verstand, war dabei. Die beiden besaßen einen kleinen gemütlichen Schrebergarten, nicht weit von der eigentlichen Wohnung entfernt. Die Rostbrätel und Bratwürste dufteten lecker und die Salate luden zum Verzehr ein. Aus dem alten Funkradio, welches sich in einem Holzgehäuse befand, ertönte Musik und alle hatten ihren Spaß. Sie war damals noch ein Kind gewesen und während die Erwachsenen sich bei eisgekühlten Getränken unterhalten hatten, war sie in ihre ganz eigene Welt versunken. Eine Welt voller Fantasie, die nur ein Kind verstehen konnte. Sie konnte sich dem stundenlang hingeben und alles sein was sie wollte, es gab keine Grenzen. Für Erwachsene war es oft faszinierend, was in den Köpfen ihrer Schützlinge vorging.
»Sie ist seit dem letzten Mal aber wieder ganz schön gewachsen«, bemerkte die Tante ihrer Schwester gegenüber.
»Ja«, meinte diese lächelnd. »Kaum zu glauben, dass sie schon seit einem Jahr in die Schule geht.« »Eh du dich versiehst, ist sie erwachsen und zieht aus«, sagte sie lachend.
»Und wie macht sie sich in der Schule?«, wollte der Kumpel ihres Vaters wissen. Sie nannte ihn immer beim Spitznamen: Massel. Dieser Mann war der Mutter des Mädchens schon immer etwas suspekt gewesen.
»Ab und an hat sie kleine Schwierigkeiten, im Moment steht sie mit Mathe auf Kriegsfuß.«
»Ach …«, er machte eine wegwerfende Handbewegung, »...sie ist doch ein hübsches gescheites Mädchen, sie bekommt das schon hin.« Alle lachten.
»Das stimmt«, sagte ihr Vater. »Sie erklärt mir manchmal Dinge, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie das schon weiß.«
Zum Ende vereinbarten die Schwestern, dass das Kind bei den Verwandten übernachten könne. Und auch Marcel blieb, da er sich mit seiner Lebensgefährtin gestritten hatte. Das Mädchen hing sehr an ihrer Tante und von daher hatte keiner etwas dagegen. Die Frauen verabschiedeten sich mit einer Umarmung.
»Ich hole die Kleine gegen acht Uhr ab. Oder hast du etwas dagegen?«
Ihre Schwester schüttelte den Kopf. »Absolut nicht.«
Die Männer nickten sich zum Abschied lediglich zu. Das Mädchen umarmte seine Eltern und ging dann mit Tante, Onkel und Marcel in Richtung deren Wohnung. Nachdem die Mutter ihrer Tochter noch ihre Schlafsachen vorbeigebracht hatte, machte diese sich für das Zubettgehen fertig.
»Soll ich dir noch etwas vorlesen?«, fragte der Onkel zur Verwunderung der Tante.
»Au ja«, rief das Mädchen erfreut aus.
Er lächelte. Die beiden hatten selbst keine Kinder und so war die Kleine ein Ersatz für das, was sich die Tante sehnlichst wünschte und was nie in Erfüllung gehen würde. Denn die Tante war unfruchtbar. Ihn störte das weniger. Er teilte ihr zu Beginn ihrer Beziehung mit, dass er keine Kinder wolle. Umso erstaunter war sie jetzt über das plötzliche Interesse an seiner Nichte. Und während seine Frau noch ein wenig Hausarbeit erledigte, ging er mit dem Kind in das Gästezimmer. Doch war es der Kumpel, der wenig später noch einmal bei dem Mädchen vorbeischaute.
Alles fing ganz harmlos an. Die Mutter des Mädchens hatte zwei ihrer Lieblingsbücher mitgegeben. Er setzte sich an den Rand des Bettes und begann zu lesen. Als er zu Ende gelesen hatte, wollte er aufstehen, doch das Mädchen hielt ihn zurück.
»Bleibst du noch ein bisschen, nur bis ich eingeschlafen bin?« Er überlegte kurz.
»Bitte«, bat sie.
Ein Prickeln ging durch seinen Körper. Sie war so hübsch. Er durfte das nicht. Sie ist doch ein Kind, dachte er. Doch sie blickte ihn traurig an.
»Ok, ich bleibe noch kurz«, versprach er und setzte sich neben die Kleine.
Das Mädchen setzte sich und umarmte ihn. »Danke, ich habe dich ganz doll lieb.«
»Ich habe dich auch lieb«, sagte er.
Das Mädchen lächelte, als er sich zu ihr legte. Das Kind legte sich in seinen Arm und kuschelte sich an ihn. Wieder durchströmte ihn dieses warme Gefühl. Und er merkte noch etwas, und das war der Moment, in dem er sich vor sich selbst ekelte. Er ekelte sich davor, dass sein Penis steif wurde, doch auf eine perverse Art und Weise erregte ihn das noch mehr. Er schob seine Hand unter ihr Nachthemd und küsste sie. Erschrocken blickte das Mädchen ihn an.
»Was tust du da?«
Er hatte nicht gemerkt, wie sie das Zimmer betreten hatte. Er wich zurück.
»Er hat seine Hand an meine Mumu gemacht«, sagte das Mädchen zu seiner Tante.
»Ich hab es gesehen. Das darfst du aber keinem erzählen«, erwiderte sie, dann blickte sie ihn an und deutete auf die Tür.
»Raus hier. Raus aus dieser Wohnung. Und dass du dich ja nicht mehr in ihre Nähe begibst, DU MONSTER!«
Als er aufstand, machte er alles noch schlimmer. »Es ist nicht so, wie es aussieht«, versuchte er es und dann bemerkte er ihren Blick, der auf seinem Schritt lag.
Pressekonferenz der Polizei
Die Nacht brach über die Stadt hinein, eine Stadt, die niemals schlief. Auch heute trieben sich wieder Sexualstraftäter, Mörder, Erpresser und andere Kriminelle herum, die nur auf ihre Chance warteten, zuzuschlagen. Ein besonders kritischer Fall ging derzeit durch die Medien, denn seit einigen Wochen verschwanden junge attraktive Frauen. Bis jetzt wurde keine von ihnen aufgefunden, aber es gab keinerlei Zweifel, dass es sich um ein und denselben Täter handelte.
Alle Frauen wiesen eine entscheidende Gemeinsamkeit auf: Ihr fast identisches Aussehen!
Nina Sommer, Journalistin des Leipziger Tageskuriers, schrieb über den Fall, doch dass es bis heute keine heiße Spur gab, konnte die junge Frau einfach nicht verstehen.
Sie machte sich nach ihrer Arbeit auf den Weg in Richtung Polizeirevier, jedoch nicht, um nach neuen Informationen bezüglich des Falles zu fragen, denn da würde sie sowieso nur enttäuscht werden. Sie wollte Teil des Teams sein, des Falles und des Artikels, den sie in einem zweiten Teil vollenden wollte. Sie meinte genau zu wissen, dass kaum ein anderer Journalist, der in dem brisanten Fall berichtete, so intensiv beteiligt war wie sie.
Das für den Fall zuständige Polizeirevier liegt etwa dreißig Minuten von Nina Sommers Wohnung entfernt, mit dem Fahrrad kaum der Rede wert. Vorbei an der Grundschule, in der wohl die meisten Kinder aus ihrem Block unterrichtet wurden. Vorbei an dem Park, in denen ihr schon zur frühen Stunde die verrückten Sportler mit ihren MP3-Playern entgegenkamen. Sie liebte diese Stadt, die nicht nur irgendeine von vielen war, nein, diese Stadt, Leipzig, war ihr Zuhause, und das auf unbestimmte Zeit.
Als sie das Fahrrad an eines der Fahrradständer vor dem Gebäude anschloss, wehte ein eisiger Wind durch ihr schulterlanges haselnussbraunes Haar.
»Polizeidirektion Abteilung Kriminalpolizei« stand auf einem Schild am Gebäude. Hier war sie richtig. Ein Beamter kam ihr entgegen, der gerade auf dem Weg zum Parkplatz war. »Können Sie mir helfen?«, fragte sie den Polizisten, welcher schon seine Autoschlüssel in der Hand hielt.
»Ich möchte zu Herrn Schröder, ist er noch im Haus?«
»Ja«, sagte er, »die dritte Tür rechts.« Dann war er bereits weitergegangen. Mit einer knallroten Handtasche bewaffnet, machte sich die Frau auf den Weg zum Büro von Niklas Schröder. Sie wollte gerade den Türknopf betätigen, als ein großer schlanker Mann in den Vierzigern hinter ihr stand.
»Wollen Sie zu mir?«
Sie drehte sich um. »Wenn Sie Herr Schröder sind, dann ja. Ich bin Nina Sommer vom Leipziger Tageskurier.«
»Ich weiß, wer Sie sind«, sagte Schröder in einem scharfen Tonfall. »Sie sind mit unseren Ermittlungen nicht zufrieden, das konnte ich aus Ihrem letzten Artikel rauslesen«.
Sie schluckte.
»Hoffen Sie auf weitere Informationen zu diesem Fall, wenn Sie hier aufschlagen?«
Die junge Journalistin zögerte kurz, fand dann aber doch recht schnell die Fassung wieder. »Nein«, meinte sie, »ich bin hier, um Ihnen bei diesem Fall zu helfen.«
Schröder schmunzelte. »Sie? Ich möchte auf keinen Fall unhöflich wirken, aber jeder sollte das machen, was er am besten kann und unsere Aufgabe ist es, den Fall zu lösen. Ihre, ein paar lächerliche Worte für ein Käseblatt zusammenzustellen.«
Sie blickte ihn an wie ein geprügelter Hund. Er deutete zur Tür und begleitete die Journalistin nach draußen. Doch was glaubte sie? Hatte sie ernsthaft gedacht, dass sie bei der Kripo hereinspaziert und mit offenen Armen empfangen würde? Zumal sie kurz vorher erst wieder negativ über die Arbeit der Ermittler in ihrer Kolumne berichtet hatte.
Nina arbeitete noch gar nicht so lange für das Tagesblatt, dennoch: hinter die Kulissen zu schauen und das letzte Quäntchen Wahrheit aus den Leuten zu holen, das war das, weshalb sie sich für diesen Beruf entschieden hatte. Ihr damaliger Mentor an der SFU Berlin meinte einmal, dass sie den nötigen Ehrgeiz hätte es bis nach ganz oben zu schaffen, auch bei der Berliner Tageszeitung. Diese Worte begleiteten sie seit diesem Tag und gaben ihr bei allem, was sie tat, das nötige Selbstvertrauen. Doch durch ihre Art hatte sie es weder in dem Ort in dem sie aufgewachsen war, noch in Berlin, geschweige denn hier in Leipzig leicht gehabt Anschluss zu finden. Es waren nur leichte Freundschaften, die sie schließen konnte, welche jedoch schnell kaputtgingen.
Die sexuellen Missbräuche haben sehr deutlich gemacht, dass im Namen der Liebe etwas ganz anderes geschehen kann als Liebe; dass
Sexualität sich mit Machtinteressen verbinden kann, mit Gewalt, Schamlosigkeit und Selbstbespiegelung.
Klaus Mertes
Heute
Er wollte nur noch sterben und das so schnell wie möglich. Das Blut rann aus der Wunde wie ein kleiner Bachlauf. Er quälte sich vor Schmerz, doch tat er gar nichts dergleichen die Blutung zu stoppen. Er hatte damit abgeschlossen.
Mit sich.
Für immer.
Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Beamten eintreffen würden, doch ob er dann noch lebte, war fragwürdig. Zu groß klaffte die Wunde in seinem Intimbereich. Möglicherweise verlor er sogar noch den Verstand, bevor es zu Ende sein würde.
Zumindest das, was davon übriggeblieben war.
Später würde man in den Medien seine Taten als menschenverachtend betiteln. Dabei wollte er nur eins: Zuneigung.
Das junge Mädchen, welches über Wochen und Monate von ihm sexuell misshandelt wurde, hatte jegliche weibliche Züge verloren. Schmutzig und mit Spuren der Gewalt übersät, mit denen ihr Peiniger sie gezeichnet hatte, kauerte sie in einem kleinen modrig riechenden Raum, welcher an einen alten Keller erinnerte. Zweimal pro Tag wurde das Mädchen von ihm mit Nahrung, bestehend aus zwei Scheiben Brot und einem Glas Wasser versorgt. Doch nachdem er die Lust an ihr verloren hatte, war sie froh über jeden Tropfen Flüssigkeit und jeden Krümel, den er sich erbarmte, ihr zu geben. Aber es gab noch eine viel bittere Wahrheit: sie war nicht die Einzige. Sie war eine von vielen.
Man könnte meinen, dass er junge attraktive Frauen sammelte, wie andere Briefmarken oder Bücher eines bestimmten Autors. Doch dienten diese nur als Mittel zum Zweck. Danach warf er sie weg wie Müll, so als ob sie vollkommen wertlos wären.
Keiner wusste von seinem kranken Spiel, und wenn es nach ihm ginge, sollte sich daran auch nichts ändern.
Nachdem er seine Familie aufgegeben hatte, machte er sich aus dem Staub. Neuer Job, neues Aussehen. Er hatte sich bei einem namhaften Schönheitschirurgen unters Messer gelegt. Zu guter Letzt ein neuer Name. Doch die Gedanken lassen sich nicht so einfach ändern wie das Profil, denn sein Verlangen nach jungen unverbrauchten Frauen wurde von Tag zu Tag größer.
Fotograf, das ist es, was er gelernt hat. Die letzten Jahre hatte er in einer vollkommen anderen Branche gearbeitet, doch jetzt war dieser Beruf für ihn passender denn je. Eingemietet in einem Künstlerhaus im Stadtteil Leutzsch, konnte er nach Belieben und ohne sich rechtfertigen zu müssen seine Triebe ausleben.
Damals Die Flucht
Das Telefon der Leipziger Polizei klingelte. Am anderen Ende der Leitung war die Stimme einer um Fassung ringenden Frau zu hören, deren Schluchzen Böses erahnen ließ. Kommissarin Katja Fuchs versuchte die Frau zu beruhigen. Als jeglicher Versuch scheiterte, beschloss Katja, die Frau in ihrer Wohnung in Leipzig Leutzsch zu besuchen. Das Wenige, was sie in dem Telefonat in Erfahrung bringen konnte war, dass ihre Tochter verschwunden war. Der Anblick eines Streifenwagens wäre in der Gegend sowieso nichts Besonderes.
