Das letzte Quartier - Dennis A. Nowak - E-Book

Das letzte Quartier E-Book

Dennis A. Nowak

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Beschreibung

Im Rohbau des neuen Nobelquartiers am Eichstätter Stadtrand wird die Leiche einer Frau gefunden. Für Hauptkommissar Pallasch die Gelegenheit sich vor dem Termin, den Inge, seine Sekretärin bei einem Ingolstädter Quacksalber ausgemacht hat zu drücken. Mit Peter Lachmann, dem technikbegeisterten Nerd, der quirligen Anna Herzig und dem Frauenheld Burgerking Berger, begibt sich Pallasch in die schwierigen Ermittlungen eines Falles, dessen Abgründe scheinbar weit in die Vergangenheit hinein reichen. Aber im Hier und Jetzt beginnt für das Ermittlerteam ein Wettlauf - mit einem kaltblütigen Mörder, der drei weitere Morde angekündigt hat.

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ähnliche


Inhaltsverzeichnis

Prolog 

Kapitel 1 

Kapitel 2 

Kapitel 3 

Kapitel 4 

Kapitel 5 

Kapitel 6 

Kapitel 7 

Kapitel 8 

Kapitel 9 

Kapitel 10 

Kapitel 11 

Kapitel 12 

Kapitel 13 

Kapitel 14 

Kapitel 15 

Kapitel 16 

Kapitel 17 

Kapitel 18 

Kapitel 19 

Kapitel 20 

Kapitel 21 

Kapitel 22 

Kapitel 23 

Kapitel 24 

Kapitel 25 

Kapitel 26 

Kapitel 27 

Kapitel 28 

Kapitel 29 

Kapitel 30 

Kapitel 31 

Kapitel 32 

Kapitel 33 

Kapitel 34 

Kapitel 35 

Kapitel 36 

Kapitel 37 

Kapitel 38 

Kapitel 39 

Kapitel 40 

Kapitel 41 

Kapitel 42 

Kapitel 43 

Kapitel 44 

Kapitel 45 

Kapitel 46 

Kapitel 47 

Kapitel 48 

Kapitel 49 

Kapitel 50 

Kapitel 51 

Kapitel 52 

Kapitel 53 

Kapitel 54 

Kapitel 55 

Kapitel 56 

Epilog 

Anmerkung 

Glossar 

 

 

 

 

Vollständige e-Book Ausgabe 2021 

 

Copyright © 2021 RICCARDI-Books 

ein Imprint der Spielberg Verlag GmbH, Neumarkt 

Korrektorat: Kati Auerswald 

Umschlaggestaltung: © Ria Raven, www.riaraven.de 

Bildmaterial: © photocase.de, jock+scott 

 

Alle Rechte vorbehalten. 

Vervielfältigung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden. 

 

(e-Book) ISBN: 978-3-98522-844-7 

 

www.spielberg-verlag.de 

 

Dennis A. Nowak ist Neurologe und Neurowissenschaftler. Seit 2014 lässt er als Autor den eigenwilligen Kommissar Dieter Pallasch von der Ingolstädter Mordkommission ermitteln. Nowak lebt mit seiner Familie in Eichstätt im oberbayerischen Altmühltal.

 

 

 

 

 

 

Der Inhalt dieses Buches ist reine Phantasie. Namen von Personen, Institutionen, Unternehmen und Orten, die tatsächlich existiert haben oder noch existieren, beziehen sich nicht auf reale Begebenheiten. Sämtliche Ereignisse und Zusammenhänge sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist reiner Zufall. Aufgrund der Anforderungen der Handlung sind einige Teile der Geographie der Stadt Eichstätt und einige Innenansichten verändert worden, der ortskundige Leser möge es dem Autor großzügig nachsehen.

 

 

 

 

Vergelt’s Gott an Johanna fürs bewährte Mundartlektorat 

 

 

 

 

Let us go now, my only companion 

Set out for the distant skies 

Soon the children will be rising, 

will be rising This is not for our eyes 

 

Nick Cave – Distant Sky © Bad Seed Ltd. 2016 

Prolog 

Dollnstein, Bahnhof, 

Freitag, 2. Oktober 2015, 21:38 Uhr 

 

Der Bursche beachtete ihn gar nicht. Die Kopfhörer auf den Ohren öffnete er das Schloss und hob mit einem Scheppern das Fahrrad aus dem Ständer. Dann schlenderte er in Richtung Bahnhofsgebäude davon, das Rad lässig neben sich herschiebend. Er sah ihm nach, bis seine Gestalt im Schummerlicht hinter dem klobigen Bau verschwunden war. Auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt lachte jemand, viel zu laut. Von der Straße war das Aufheulen eines Motors zu hören. Er zog die Mütze aus der Jackentasche und streifte sie über den Kopf. Seine Wimpern verhakten sich in der feinen Wolle, als er hinter dem Fahrradhäuschen hervortrat, um in Richtung der Gleise zu spähen. Verärgert zupfte er an den Lidschlitzen. Er hätte sie größer ausschneiden sollen, doch dafür war es nun zu spät. Einige Sekunden blickte er mit angehaltenem Atem und pochendem Herzen zu den flachen Bauten hinüber. Keine Menschenseele war zu sehen. Er legte den Rucksack über die Schulter und sprang ins Gleisbett hinab. Nach dem dritten Schritt blieb seine Fußspitze an einer Bohle hängen. Er taumelte. Nur mit Mühe konnte er sich auf den Beinen halten. Leise fluchend stolperte er weiter.

Dort wo der Bahnsteig endete und die matten Energiesparlampen schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr brannten, duckte er sich ins Gestrüpp. Hektisches Rascheln ließ ihn zusammenfahren. Vermutlich irgendein Tier, das sich im Gebüsch auf die Lauer gelegt hatte. Vielleicht eine Katze? Oder ein Marder? Egal. Das Rascheln verstummte und er kniete nieder, um sich für einen Moment zu sammeln. Die Wolle über Mund und Nase war vom Atmen ganz feucht. Als er sich über die spröden Lippen leckte, blieben ein paar Fäden an seiner Zungenspitze haften. Vergeblich versuchte er sie auszuspucken. Er nahm sich vor für das nächste Mal ein Atemloch auszuschneiden.

Die Kälte tat gut, kühlte ihm das Gemüt. Auch das Pochen in den Schläfen ließ nach. Er befreite sich aus den dornigen Ästen, die ihm durch den Stoff der Jacke in die Arme stachen, zog den Rucksack von den Schultern. Langsam öffnete er den Reißverschluss, kramte Flasche und Feuerzeug hervor. Ließ sich Zeit damit, hatte keine Eile. Die Schatten konnten nicht fliehen, würden ihm nicht entkommen. Langgestreckt lagen sie vor ihm in der Dunkelheit. Wie Wale, die gestrandet auf den sicheren Tod warteten. Knapp zwei Wochen hatte es gedauert die Baracken auf dem morastigen Boden zu errichten. Noch waren sie unbewohnt. Aber nicht mehr lange. Schon am Montag sollten die ersten Flüchtlinge dort einziehen. Sollten … Er schüttelte den Kopf. Es war so grotesk, am liebsten hätte er laut losgelacht. Überall im schönen Altmühltal verschandelten Wohncontainer Orte und Landschaften. Schuhkartons, aufgereiht einer neben dem anderen, von einem findigen Bauunternehmer, der die Gunst der Stunde erkannt und geschickt für sich zu nutzen wusste. Einer von vielen Trittbrettfahrern auf der Welle der staatlich verordneten Willkommenskultur. Pah! Wie er dieses Wort hasste. Willkommenskultur. Blanker Hohn! Niemand war willkommen. Keiner der dunkelhäutigen Fremden war eingeladen, gekommen waren sie trotzdem. In Massen. Und nun errichtete man ihnen auf Kosten des Steuerzahlers nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern versorgte sie auch noch mit Taschengeld, Sprachkursen und freiem Arztbesuch. Völlig absurd. Kein braver Deutscher kam in den Genuss solcher Privilegien.

Er dachte an seinen Vater. Der Alte arbeitete bis zu zwölf Stunden täglich. Hatte seit Jahrzehnten keinen einzigen Tag krankgefeiert. Noch nie eine Kur in Anspruch genommen. Geschenkt bekommen hatte er dafür gar nichts. Im Gegenteil. Sein Leben war ein einziger Scherbenhaufen. Eine gescheiterte Ehe und einen Berg Schulden. Das war alles, was ihm sein verdammtes Pflichtbewusstsein eingebracht hatte. Ohne Beruhigungsmittel konnte er nachts nicht schlafen und wenn er in wenigen Jahren in Rente ging, würde er sich allein kaum über Wasser halten können. So erging es seiner Generation. Der Generation der Vergessenen. Über Jahrzehnte hatten sie dieses Land groß gemacht. Gebuckelt ohne zu murren. Steuererhöhungen hingenommen. Dem Osten blühende Landschaften beschert. Jede noch so dreiste Lüge der Führenden mit einem Schluck Bier hinuntergespült. Jede Erniedrigung ertragen. Doch jetzt war Schluss damit. Das Maß war voll. Übervoll!

Was wollten diese verfluchten Syrer, Afghanen und Iraker eigentlich hier? Glaubten die ernsthaft, sie könnten sich im deutschen Sozialwanst festbeißen? Wie ein Zeck Blut saugen, bis sie satt und Deutschland tot war? Sich laben am fetten Euter der deutschen Melkkuh? Er könnte kotzen, wenn er daran dachte, dass einige seiner Landsleute auch noch Mitleid hatten mit diesen Schmarotzern. Elende Gutbürger, die nicht begreifen wollten, dass mit jedem der ein Bleiberecht erhielt, etliche weitere nachfolgten. Familiennachzug nannte man das. Widerlich. Das Trojanische Pferd des Arabers mitten im Herzen Europas. Und diese Idioten von der Presse hatten nichts Besseres zu tun, als den Pseudohumanismus auch noch zu fördern. Ließen Bilder von traurig dreinschauenden Kindern und prügelnden Grenzpolizisten ins Wohnzimmer flattern, um dem depperten Deutschen das Herz zu erweichen. Dabei hatte der Orbán Viktor doch Recht. Sein Land wurde überrannt. Der Mann tat nichts anderes, als sein Volk zu schützen. Genau das sollte die Merkel auch endlich tun. Doch anstatt auf die Straße zu hören und zu handeln, versteckte sich die Kanzlerin hinter Floskeln. ›Wir schaffen das!‹ Ja, genau! Irgendwann war es geschafft, dass Deutschland im islamischen Terror versank und auf bayerischen Kirchtürmen das schwarze Banner der Dschihadisten wehte. Wie zur Mahnung begann in der Ferne die Turmuhr zu schlagen. Einmal. Zweimal. Beim dritten Schlag erhob er sich. Zündete das Feuerzeug und schlich an den Maschendrahtzaun. Es war soweit. Zeit die Scharte auszuwetzen. Zeit die Schatten den Flammen zu übergeben.

Kapitel 1 

Eichstätt, Gabrieli-Quartier, Innere Freiwasserstraße, 

Freitag, 2. Oktober 2015, 22:23 Uhr 

 

Ihre ganze Sorge galt Olivier. Das Gebäude war nicht sicher. Hier oben gab es keine Wände. Die Geschoße wurden lediglich von Stahlbetonsäulen getragen und überall klafften Löcher im Boden. Berni hatte ihr erklärt, dass dort später einmal Glas das Tageslicht einlassen sollte. Nur ein einziger unbedachter Schritt und man stürzte haltlos in die Tiefe. In welchem Stockwerk waren sie überhaupt? War es das Dritte? Oder das Vierte? Sie hatte keine Ahnung, war völlig orientierungslos. Über die windige Leiter hatte er sie das Baugerüst hinaufgetrieben. Höher, immer höher. Und die ganze Zeit hatte sie nur an Olivier gedacht.

Dann endete die Leiter und es ging nicht mehr weiter. Er befahl ihr unter der Plane hindurchzukriechen, sich neben dem Gerüst auf den Boden zu legen. Flach auf den Bauch. Hände über den Kopf, wie in einem billigen Sonntagabendkrimi. Als sie von der Leiter stieg, dachte sie ganz kurz daran, ihm den Stiefelabsatz ins Gesicht zu treten. Aber das war nicht möglich. Er trug Olivier auf seinem Arm. Fiel er, so fiel auch Olivier und einen Sturz aus dieser Höhe würden sie beide nicht überleben. Also tat sie, was er wollte, legte sich flach auf den eiskalten Beton.

Er stand jetzt über ihr, sie konnte ihn atmen hören. Seine Atemzüge ruhig und gleichmäßig. Keine Spur von Panik. Eine ganze Weile stand er schweigend in der Dunkelheit und sie betete, dass er Olivier nicht absetzte, ihn nicht sich selbst überließ.

»Auf die Knie, bitte«, forderte er. Seine Stimme merkwürdig beherrscht. Beinahe freundlich. So wie die eines Schaffners, der eine Reisende nach der Fahrkarte fragte. Sie gehorchte, stemmte die Handflächen auf den Beton und zog die Beine unter den Körper. Kleine Steinchen drückten ihr in die Kniescheiben, als sie auf dem Estrich niederkniete. Sie ignorierte es, hob den Kopf und betrachtete die Silhouette seiner Gestalt vor den Lichtern der Stadt. Noch immer hielt er Olivier auf seinem Arm. Erleichtert atmete sie auf.

Einen Lidschlag später kam die Angst. Plötzlich und unerwartet. Heftig und unkontrolliert. Rasende Angst. Todesangst. Sie füllte jeden Winkel ihres Bewusstseins. Kroch unter ihre Haut, erfasste jede Faser ihres Körpers. Sie konnte nichts dagegen tun. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie in sein Gesicht gesehen, dort unten am Altmühlufer, als er sie abgepasst und hinter den Bauzaun gezerrt hatte. Sie hatte es erkannt, das unheimliche Lodern in seinen Augen.

»Und jetzt, die Augen schließen.« Er sagte es, so als spreche er mit einem Kind, dem ein lang gehegter Wunsch erfüllt werden wollte. Sie tat, was er verlangte. Zitternd schloss sie die Lider. Was für ein perverses Spiel hatte er sich ausgedacht? Wollte er über sie herfallen? Sich hier oben an ihr befriedigen? Wie ein Tier seinen Trieb ausleben? Das Scharren von Schuhsohlen auf Beton. Er war ihr jetzt so nahe, dass sie ihn riechen konnte. Sie meinte gar die Wärme seines Körpers zu spüren. Jeden Moment rechnete sie damit, dass er den Reißverschluss seiner Hose aufzog. Hielt verbissen den Atem an.

»Ich hab hier etwas für Dich. Du darfst die Augen öffnen.«

Zögernd schlug sie die Lider auf und sah … Olivier! Sie juchzte vor Freude, als er ihr Olivier in die Arme legte. Sanft, so wie man einer Mutter ihr Neugeborenes überreicht. Überglücklich drückte sie Olivier an sich, realisierte erst jetzt, dass er sich nicht rührte. Kalt und leblos war sein kleiner Körper. Fast wie … Tot. Um Himmelswillen, bitte nicht! Sie packte Olivier an den Schultern. Schüttelte ihn, in der verzweifelten Hoffnung er würde schlafen. Doch seine Glieder blieben schlaff. Seine Augen schwarz und stumpf. Oh Gott, nein! Ihr Baby war tot! Er hatte ihn getötet. Dieser verfluchte Scheißkerl hatte ihn heimtückisch ermordet. Wut stieg in ihr auf. Unglaubliche Wut. Aus Leibeskräften begann sie zu schreien. Sie wollte aufspringen. Ihn schlagen. Das Monster in die Tiefe stürzen. Da spürte sie seine Hände im Nacken.

Sie riss den Kopf zurück, als sich seine Finger um ihren Hals legten. Er stand hinter ihr. Das Gesicht zu einer schemenhaften Fratze verzogen. Sie wand sich, versuchte sich aus dem Griff zu befreien. Unmöglich. Er war zu kräftig. Viel zu kräftig. Ohne Erbarmen drückten seine Finger zu. Wieder begann sie zu schreien. Versuchte es zumindest, aber nur ein klägliches Röcheln fand den Weg aus ihren Lungen. Er verstärkte den Druck. Sie hörte, wie etwas in ihr zerbrach. Verzweifelt rang sie nach Luft. Zerrte an seinen Handgelenken. Schlug um sich. Es half nicht. Wie zwei Schraubstöcke umkrallten seine Finger ihren Hals. Er wollte sie erwürgen. Sie töten. So wie er Olivier getötet hatte. Aber sie wollte nicht sterben. Nicht hier. Nicht jetzt. Sie musste kämpfen. Sich ihm widersetzen. Mit aller Kraft bäumte sie sich auf. Boxte mit den Fäusten. Strampelte mit den Beinen. Alles vergebens. Ihre Hiebe und Tritte gingen ins Leere. Unbeeindruckt bohrten sich seine Klauen immer tiefer in ihre Kehle. Sie fühlte, wie die Energie aus ihrem Körper wich, ihre Muskeln erschlafften. Da wurde ihr klar, dass es kein Entrinnen gab. Der Kampf war verloren. Ein letztes Mal noch dachte sie an Berni. Dachte an das Leben, das sie einander versprochen und dann doch nie gelebt hatten. Sie fühlte nicht mehr, wie ihre Arme und Beine zu zucken begannen. Sah nur die hellen Lichter vor ihren Augen tanzen. Sinnlose Entladungen eines sterbenden Gehirns. Dann erloschen die Lichter und ihr Geist verlor sich in der endlosen Finsternis.

 

• • • 

 

Er löste die Umklammerung, stieß den toten Körper von sich. Mit einem dumpfen Laut schlug er auf, verschmolz zu seinen Füßen mit den Schatten. Seine Finger schmerzten. Er hatte nicht gedacht, dass es so anstrengend sein würde. Behutsam dehnte er die steifen Glieder, als eine Böe die Schutzplane von einer der Säulen riss. Flatternd verschwand sie in der Nacht, gab den Blick frei auf die beleuchtete Stadt. Er fühlte sich gut. Unvorstellbar gut. Die Vergeltung gab ihm Kraft. Kraft sich aus dem Kerker der Trauer zu befreien, in dem er so lange hatte ausharren müssen. Endlich würden sie Buße tun für das, was sie ihm angetan hatten. Jeder einzelne von ihnen sollte ihn spüren, den Schmerz, der sich über die Jahre durch seine Seele gefressen hatte, bis nichts mehr von ihr übrig war. Sie hatten es verdient, das Leid, das er über sie bringen würde. Sie alle. Ihr Todeskampf würde ihn stark machen. Stark und mächtig. Und frei. Frei, um wieder mit ihr vereint zu sein. Wiedervereint. Nach all der Zeit. Für immer.

Kapitel 2 

Ingolstadt, Neubaustraße, 

Freitag, 2. Oktober 2015, 23:49 Uhr 

 

Pallasch drückte den Schalter, huschte ins Badezimmer, zog die Tür hinter sich zu. Die Hände auf den Rand des Waschbeckens gestützt, blinzelte er in den Spiegel. Das Gesicht mit den hohlen Augen und den hervorstehenden Wangenknochen wollte ihm nicht gefallen. Es war das Gesicht eines alten Mannes. Eines Mannes, der am Abgrund lebte, stets nur einen Schritt davon entfernt in die Tiefe zu stürzen. Die Übelkeit kam völlig überraschend, Pallasch schaffte es gerade noch den Toilettendeckel aufzuziehen. Im Schwall erbrach er sich in die Schüssel. Es ging so schnell, er hatte nicht einmal würgen müssen. Die Magensäure ließ ihm die Zunge anschwellen, wie ein Knebel füllte sie seinen Mund. Eine düstere Reminiszenz an damals, als der Brechreiz ihn noch jede Nacht aus dem Schlaf gerissen, der falsche Freund über ihn geherrscht, er die Finger nicht von der Flasche hatte lassen können. Er drückte die Spülung. Sie lärmte laut wie ein Wasserfall. Im Spiegel zeigte sich das Gesicht eines Toten. Fahl und wächsern. Pallasch wandte den Blick ab, öffnete den Hahn. Er hielt die Hände unter das eiskalte Wasser, dachte an den Traum aus dem er vor wenigen Minuten hochgeschreckt war.

Es war ein verrückter Traum gewesen. Gemeinsam mit Inge hatte er im Schatten unter Palmen an einem Sandstrand gelegen. Sie hatten der Brandung gelauscht, aufs Meer hinausgeblickt, als urplötzlich eine Gruppe junger Menschen vor ihnen im Wasser aufgetaucht war. Die Gruppe war näher gekommen. Erst als sie ganz nah war, hatte Pallasch erkannt, dass jeder einzelne schwer verletzt war. Einem langhaarigen Jungen fehlten beide Unterarme. Unbeholfen wedelte er mit den blutigen Stümpfen, wie ein Küken bei ersten Flugversuchen. Ein anderer hielt sich den offenen Bauch. Zwischen den Fingern feucht glänzende Darmschlingen. Die Frau, die hinter den beiden durchs flache Wasser robbte, hatte nur noch ein Bein. Eine Blutspur folgte ihr, schlängelte sich hellrot durch azurblaues Wasser. Inge war aufgesprungen, wollte helfen. Pallasch aber hatte sie zurückgehalten, den Horizont abgesucht, jeden Augenblick damit gerechnet, die Rückenflosse eines Hais zwischen den schaumgekrönten Wellen auszumachen. Umso erstaunter war er gewesen, als auf einmal der splitternackte Körper eines Greises aus dem Wasser schoss. Sardonisch grinsend war der Alte auf sie zugestürzt, eine röhrende Motorsäge in den knochigen Händen. In dem Moment war Pallasch erwacht.

Er drehte den Hahn ab, trocknete die Hände. Nach einem weiteren Blick in den Spiegel stieg er aus dem schweißnassen Pyjama, ließ ihn achtlos auf die Fliesen fallen und schlich aus der Tür. Nackt tastete er sich an der Wand entlang durch die Dunkelheit, als ihm klar wurde, was der Traum zu bedeuten hatte. Zwei Millionen Jahre Evolution hatten nichts bewirkt. Der Mensch war noch immer ein Raubtier. Das Schlimmste, was er zu fürchten hatte, war er selbst. Er erreichte das Schlafzimmer, hockte sich auf die Bettkante. Eine Weile lauschte er den gleichmäßigen Atemzügen. Die trüben Gedanken verflogen. Das Gefühl der Enge in seiner Brust wurde leichter. Er schlüpfte unter die Decke, schmiegte sich an ihren Körper, schloss die Lider. In seinem Kopf erklang eine Melodie. Glad I found you. Wenig später war er eingeschlafen.

Kapitel 3 

Eichstätt, Gabrieli-Quartier, Innere Freiwasserstraße, 

Samstag, 3. Oktober 2015, 10:11 Uhr 

 

Raupenbagger durchpflügten den vom Regen aufgeweichten Lehmboden vor dem vierstöckigen Rohbaugerippe aus Beton und Glas. Über die vergangenen Monate hatte sich das Gebäude Stück für Stück aus dem Kalkgestein emporgehoben, erstrahlte nun am Ufer der Altmühl wie die knöchernen Überreste eines urzeitlichen Megadinosauriers. Geräuschlos schoben sich die Glastüren auf, als Ignatz hinter seinem Bruder Theo den Eingang erreichte. Über weißen Marmor hasteten sie in die Empfangshalle, wo ein gedrungener Mann in neongelber Weste gerade eine Gruppe Menschen in einen Aufzug dirigierte.

»Guten Morgen«, grüßte Ignatz, fragte sich gleichzeitig was an diesem Morgen gut sein sollte. Zu wenig Schlaf. Zu wenig Kaffee. Zu wenig Sonnenschein. Der Mann in der Weste reichte ihm wortlos einen Plastikhelm. ›Felix Brandner. Bauleiter der Schlotter GmbH‹ las Ignatz auf dem Messingschild an seiner Brust. Er nahm den Helm entgegen, setzte ihn auf den Kopf. Der Helm war viel zu groß. Natürlich.

»Steht Dir gut, Bruderherz.« Mit einem frechen Grinsen klopfte Theo auf den Deckel. Ignatz drückte sich an Brandner vorbei in die Kabine. Er fühlte sich wie Calimero, die italienische Zeichentrickfigur aus der Kindheit, die stets eine halbe Eierschale mit sich herumgetragen hatte. Theos Helm passte wie angegossen. Natürlich. Die Türen schlossen sich.

»Müssen wir uns das denn wirklich antun, Theo?« Kaum merklich setzte sich der Aufzug in Bewegung. »Du kannst Dir doch so eine überteuerte Immobilie gar nicht leisten.« Im Hintergrund dudelte leise ein Jazzklassiker.

»Nö, aber das weiß ja hier niemand, oder?«

Das schicke Pärchen, das ihnen gegenüberstand, bedachte Theo mit einem pikierten Blick. Er in Anzug und Krawatte. Sie im hellen Kostüm. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern vermittelte, dass sie mit Theos unappetitlich offen zur Schau getragener Illiquidität nichts anzufangen wussten. Ignatz entdeckte sandfarbene Lehmflecken auf ihren Schuhspitzen. Es waren die gleichen Flecken, die auch an seinen Schuhen hafteten. Wir haben zwar unterschiedlich viel Geld in den Taschen und doch müssen wir über dieselbe schmutzige Erde wandeln, dachte er zufrieden, besah sich die anderen Passagiere.

Links von ihm ein großer, mürrisch dreinblickender Mann mit schwarzem Vollbart. Er lehnte an der Kabinenwand und spielte mit dem Smartphone. Daneben eine ältere Dame mit wachen Augen, den Gehstock in der einen, eine große Tasche in der anderen Hand. Sie zwinkerte ihm zu, als ihre Blicke sich trafen. Waren die beiden wirklich am Kauf eines so schwindelerregend überpreisten Eigenheims interessiert oder einfach nur neugierig auf das, was im Eichstätter Tagblatt doppelseitig als ›Wohntraum über den Dächern der Stadt‹ gepriesen wurde?

Der Aufzug stoppte, die Türen öffneten sich. Einer nach dem anderen verließen sie die Kabine, versammelten sich vor einem deckenhohen Panoramafenster. Dahinter zeigte sich die barocke Altstadt malerisch unter wolkenverhangenem Himmel.

»Ist die Aussicht nicht wunderbar, Schatz?« Die Dame im Kostüm schlang ihrem Begleiter die Arme um den Hals.

»Hhm«, erwiderte der, wenig begeistert. »Was ist denn das da hinten für ein Kasten? Schaut ja aus wie sozialer Wohnungsbau.«

»Das ist das Flüchtlingsheim, das die Stadt hat bauen lassen«, antwortete der Vollbärtige, ohne von seinem Smartphone aufzuschauen. »Da werden demnächst noch mal hundert Flüchtlinge aus Syrien einziehen.« Der Anzugträger gab ein Grunzen von sich. Seine Begleiterin klimperte bestürzt mit den Lidern.

»Aber hinter dem hohen Zaun kommen die doch nicht raus. Die bleiben eingesperrt, bis das mit der Ausweisung geklärt ist, oder etwa nicht?« Bevor jemand antworten konnte, öffneten sich die Türen des Fahrstuhls erneut. Ein adrett gekleideter Mann hüpfte aus der Kabine.

 

• • • 

 

»Willkommen im Gabrieli-Quartier!« Mit breitem Lächeln eilte er auf sie zu. ›Fred Funke. Immobilienmakler der Schlotter GmbH‹ war am Revers des taubenblauen Jacketts zu lesen. Funke streckte Ignatz eine braungebrannte Hand entgegen.

»In diesem Gebäude werden sie von purem Luxus umgeben sein«, erklärte er in einer Wolke aus teurem Rasierwasser.

»Nur die allerbesten Materialien werden hier verarbeitet.«

Ignatz blickte sich um. Es brauchte einiges an Phantasie den Worten des Maklers Glauben zu schenken. Das ganze Gebäude steckte noch in den Geburtswehen. Das Stockwerk hatte weder ausreichend Wände noch einen Bodenbelag. Bauplane schlug im Wind. Von der Decke hingen zahllose Kabel herab und im Betonboden klafften Löcher, nur notdürftig mit kniehohem Gitter gesichert. Alles in allem glich der Ort eher einer Bombenruine als einem Luxusquartier. Funke schien es nicht zu stören. Im Gegenteil.

»Sie werden sehen, unsere Wohnungen sind wahrhafte Meisterwerke«, tönte er und flog weiter, den Rest der Truppe begrüßen.

Währenddessen machte sich Brandner demonstrativ lustlos daran, ein paar farbige Hochglanzprospekte zu verteilen. Auch Ignatz bekam eines zu fassen. Auf den Weitwinkelfotos sah alles wirklich sehr luxuriös aus. Er ließ den Prospekt in der Gesäßtasche verschwinden.

»Folgen Sie mir Herrschaften. Ich verspreche Ihnen, unsere Musterwohnung wird sie begeistern.« Funke hopste los, einer Tür aus Holz und milchigem Glas entgegen. Zwischen all dem Bauschutt wirkte sie wie das Portal in eine andere Welt. Das schnieke Pärchen heftete sich ihm an die Fersen, gefolgt vom Bärtigen und der älteren Dame. Trotz der Gehhilfe legte sie eine erstaunliche Schnellfüssigkeit an den Tag, bis ein schriller Pfiff sie alle in der Bewegung erstarrten ließ.

»Ja, wo samma denn, Funke?« Den Daumen in den Gürtel der Arbeitshose gehakt, produzierte sich Brandner vor einem Betonmischer. »Das ist ein Sicherungsbereich. Hier gilt die Unfallverhütungsvorschrift.« Funke war baff. Er öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder. Wie ein Karpfen, der durchs Aquariumglas das Treiben in der Restaurantküche bestaunte. Brandner beorderte sie zurück vors Panoramafenster hinter dem sich der Himmel weiter verdüstert hatte.

»Mensch Brandner, ist das denn unbedingt notwendig?« Funke presste die Handflächen aufeinander. Brandner beachtete ihn nicht. Schmallippig forderte er sie auf, sich hintereinander aufzureihen. Sie taten es, wenn auch widerwillig.

»Sie machen sich lächerlich, Brandner«, maulte Funke. Es nutzte nichts. Der Bauleiter lotste sie im Gänsemarsch über das Stockwerk. Im Zickzackkurs, vorbei an Kabelbergen, Schutthaufen und halbfertigem Gemäuer. Der Wind hatte aufgefrischt, lautstark rüttelte er an der Bauplane.

»Linientreu, wie ein preußischer Beamter«, raunte Theo, als die Delegation endlich vor der Wohnung angelangt war und auf weitere Anweisungen wartete. »Der Kerl sollte sich Gauleiter nennen. Das trifft es besser als Bauleiter.« Er kicherte und die Alte, die seine Worte gehört hatte, lachte heiser.

»Sind Sie jetzt zufrieden Brandner?« Funke richtete die Krawatte, deren fest sitzender Knoten sich im Eifer des Gefechts kein bisschen gelöst hatte. Brandner zuckte die Achseln.

»Vorschrift ist Vorschrift.« Auf direktem Weg trottete er zurück zum Aufzug, achtete nicht auf gemeine Bodenfallen, Funken sprühende Stromkabel oder Extremitäten verstümmelndes Schneidwerkzeug. Lächelnd sah Ignatz ihm nach, während der Makler einen Schlüssel aus der Hosentasche fingerte und sich über das Türschloss beugte.

Kapitel 4 

Eichstätt, Gabrieli-Quartier, Innere Freiwasserstraße, 

Samstag, 3. Oktober 2015, 10:57 Uhr 

 

»Na so was.« Funke schob den Schlüssel zurück in die Hosentasche. »Da ist ja gar nicht abgesperrt.« Vorsichtig drückte er die Tür auf, tapste auf den hellen Granit. Die anderen hinterdrein. Erst der Bärtige, dann die Alte, dann das Pärchen. Er voran, sie an seiner Hand mehr oder weniger mitgerissen. Als alle um eine Ecke des langen Korridors verschwunden waren, fegte ein Windstoß Ignatz den Helm vom Kopf. Scheppernd kullerte er über den Flur. Er sprang ihm nach, bückte sich ihn aufzuheben, da hörte er Musik.

»On Jubilee street there was a girl named Bee … She had a history, but she had no past …« Eine leise wimmernde Gitarre, eine düstere, unheimliche Stimme. »When they shut her down the Russians moved in … And I am too scared … And I am to scared to even walk on past…«

Verwundert richtete er sich auf. Der Ursprung des Gesangs war nicht ausmachen. Nirgendwo konnte er Lautsprecher entdecken. Theo schlenderte heran, cool wie immer. Ihn schien die eigentümliche Berieselung nicht zu irritieren. Ignatz setzte den Helm zurück auf den Kopf, folgte seinem Bruder den Korridor hinab. Sie fanden Funke und die übrige Bande in einer riesigen Küche. Allesamt um einen freistehenden Herd versammelt. Ein pompöser Herd mit gigantischen Ausmaßen. Ignatz zählte nicht weniger als acht Kochfelder. Staunend fragte er sich, wer in der Welt mit acht Kochplatten zurechtkam. Er selbst hatte schon Schwierigkeiten bei Dreien den Überblick zu behalten. Weitschweifig dozierte der Makler über die technischen Finessen der zahllosen Gerätschaften, die rund um den Superherd zu finden waren. Ignatz fand es sterbenslangweilig, aber Theo und der Alten gefiel es. Eifrig stellten sie Fragen und Funke antwortete derart detailreich, dass man meinen konnte, er habe jedes einzelne Maschinchen selbst entworfen und zusammengeschraubt. Das Kreischen der Gitarre wurde lauter, der Gesang düsterer.

»I’m transforming … I’m vibrating … I’m glowing … I’m flying … Look at me now … I’m flying … Look at me now …«

Funke zog schwungvoll eine in die Wand versenkbare Schiebetür auf.

»Der Essbereich!«, rief er euphorisch. Wie auf Kommando erklang ein Klavierriff. Sie spazierten durch die Tür. Ignatz musste feststellen, dass der Essbereich der Küche proportionsmäßig in nichts nachstand. Der Raum bot mühelos Platz für sämtliche Ritter der Tafelrunde. Einschließlich der Pferde.

»The silicon chip inside her head gets switched to overload … And nobody’s gonna go to school today … She’s going to make them stay at home …«

Funke begann wortreich über Wärmetechnik, Klimatisierung und Energieeffizienz zu schwadronieren. Diesmal fand er in dem Bärtigen einen interessierten Zuhörer. Theo und die anderen wandelten umher, begutachteten die Einrichtung. Die Musik hielt sich im Hintergrund, war gerade so laut, dass sie Funkes Vortrag nicht störte. Ignatz gähnte. Die Beschallung musste irgendwo unter der Deckenverkleidung verborgen sein.

»Tell me why? I don’t like Mondays … Tell me why? I don’t like Mondays …«

Ein merkwürdiges Gefühl machte sich in ihm breit. Vage erinnerte er, dass der Song von einem Mädchen im Teenageralter handelte. An einem Montagmorgen hatte sie von ihrem Kinderzimmerfenster aus mit dem Gewehr des Vaters auf die gegenüberliegende Grundschule geschossen, den Direktor getötet und mehrere Schüler verletzt. Auf die Frage eines Journalisten, weshalb sie das getan habe, hatte sie lapidar geantwortet: »Ich mag keine Montage.«

»I want to shoot the whole day down …«

Der Schwarzbärtige jedenfalls war zufrieden, tippte mit entrücktem Lächeln auf dem Smartphone. Theo, die Alte und das Pärchen hatten vor einer dunklen Holztür Stellung bezogen, bestaunten die filigranen Schnitzereien. Fabelwesen, die mal kopulierend, mal meuchelnd übereinander herfielen. Ignatz überlegte noch, was der Künstler damit zum Ausdruck bringen wollte, als Funke die goldene Klinke drückte, sie hinüber in den ›Wohnbereich‹ delegierte. Ebenso platzangsteinflössend und mit einer nahezu ausgestorbenen kanadischen Baumart ausgelegt, wie der Makler stolz zu berichten wusste. Ignatz fand’s grausig. Er stellte sich an eine der raumhohen Scheiben, sah auf die herbstliche Stadt hinab. Der Anzugträger gesellte sich zu ihm.

»Bescheidene Aussicht, was?« Mit dem Kinn nickte er in Richtung der Flüchtlingsunterkünfte. Ignatz tat so, als habe er die Bemerkung nicht gehört. »Sowas drückt den Preis, aber saftig.« Ein Vogelschwarm formierte sich vor dunklen Wolken über den Glockentürmen des Doms. Wie schwarzer Rauch um zwei überdimensionierte Zigarren waberte er rastlos hin und her. Ignatz registrierte, dass der Anzugmann ihn noch immer anstarrte. Er erwartete wohl eine Reaktion. Ignatz wollte aber nicht, wandte sich erleichtert ab, als Funke eine weitere verborgene Tür aufzog und zur Besichtigung der »Sanitäranlagen« lud. Eine rauchige Stimme aus dem Nirwana folgte ihnen auf den Flur.

»You who wish to conquer pain … You must learn what makes me kind … The crumbs of love that you offer me … They’re the crumbs I’ve left behind …«

Nacheinander quetschten sich die Alte, das Pärchen und der Bärtige zu Funke ins Gästebad. Theo hielt sich im Türrahmen. Ignatz blieb zurück auf dem Flur, lauschte dem gruseligen Sprechgesang. Im Bad suchte man sich mit Detailwissen über Frischwasserzufuhr und Abwasserleitungen zu übertrumpfen.

»You say you’ve gone away from me … But I can feel you when you breathe … Do not dress in those rags for me … I know you are not poor …«

Nachdem das Bad besichtigt war, trieb Funke die Meute in die »persönlichen Gemächer.« Wenige Meter den Gang hinauf und sie erreichten eine unscheinbare Tür. Sie verschmolz so perfekt mit der Wandmaserung, dass Ignatz sie glatt übersehen hätte. Der Makler drückte einen versteckten Mechanismus. Die Tür schwang auf. Vor ihnen lag ein schmaler Flur. Und weitere Türen.

»You don’t love me quite so fiercely now … When you know that you are not sure … It is your turn, beloved … It is your flesh that I wear …«

Funke öffnete eine der Türen, demonstrierte den »Wellnessbereich« mit Sauna, Whirlpool und anderem Schnickschnack. Die Dame im Kostüm quiekte vor Freude, der Anzugträger knipste mit dem Smartphone Fotos. Die Alte und der Bärtige bewunderten die barrierefreie Wanne. Theo inspizierte die Tageslichtdusche. Ignatz hockte sich auf den Rand eines kleinen Schwimmbeckens und studierte das bunte Wandmosaik. Exotische Tiere, die sich um eine Wasserstelle versammelt hatten. Mehr und mehr gelangte er zu der Einsicht, dass Franz-Peter Tebartz-van Elst wohl doch nicht so furchtbar verschwenderisch gewesen war, wie ihm gemeinhin nachgesagt wurde.

Vom Wellnessbereich ging es weiter in das Ankleidezimmer. Zu rotierenden Kleiderschränken mit maßlosem Fassungsvermögen. Ignatz Fassungsvermögen war längst erschöpft. Er hatte die Nase voll. Als Funke »Und zu guter Letzt, das Allerheiligste!« ausrief und die Entourage im Schlepptau auf die letzte verbliebene Tür zuhielt, packte er Theo am Arm.

»Na, hast Du genug?« Theo grinste breit.

Als Ignatz den Mund öffnete, um zu antworten, ertönte der Schrei. Hell. Laut. Panisch. Der Schrei einer Frau, einer jungen Frau. Zweifellos die Begleiterin des Anzugträgers. Einen Moment lang war Ignatz wie gelähmt. Reglos betrachtete er Theo, sah in dessen Gesicht den eigenen Schrecken wie in einem Spiegel. Dann stürzten sie los. Den anderen nach. Ins Allerheiligste.

Kapitel 5 

Kinding, Hügelgräberweg, 

Samstag, 3. Oktober 2015, 12:37 Uhr 

 

Die Wolkendecke war aufgerissen. Die Sonne entsandte ein paar kräftige Strahlen durch das farbenprächtige Blätterdach. Pallasch blieb stehen, zog den Rucksack von den Schultern, setzte ihn auf einen moosbewachsenen Stein. Während er die Trinkflasche hervorkramte, bemerkte er, dass der Wald von einem beständigen Rauschen erfüllt war. Ein kräftiger Wind strich durch die dichten Baumkronen, zerrte an den Ästen, verwirbelte das herabfallende Laub. Kreiseschlagend tanzte es zu Boden. Er nahm einen Schluck aus der Flasche. Das kühle Wasser trieb feine Schweißperlen aus den Poren, die ihm kitzelnd in den Nacken rannen. Pallasch knöpfte die Jacke auf, ließ den Blick umherschweifen.

Schroffe Felsformationen umgaben den steil ansteigenden Pfad. Sie ragten zwischen den Bäumen auf, so als seien sie vor langer Zeit von Riesenhand hierher geschafft und dann einfach vergessen worden. Zu seiner Rechten schmiegten sich auf halber Höhe ein paar besonders bizarr gestaltete Felsen an den Hang. Groß wie ein Haus beherbergten sie eine Höhle in der einmal ein Einsiedler gelebt haben sollte. Eine flache Steinplatte verlieh dem Ensemble das Aussehen eines archaischen Opferaltars. Folgte man dem Pfad nach oben auf den Hügel gelangte man ins alte Holz zu den keltischen Hügelgräbern. Pallasch stellte sich vor, wie frühe Menschen, dem mystischen Zauber des Ortes verfallen, genau hier ihren vorzeitlichen Göttern gehuldigt hatten.

Der Druide stand auf einem der Felsen. Sein schlohweißes Haar wehte im Wind. Die Arme in die Höhe gereckt, hielt er eine Steinklinge in der einen, ein strampelndes Ferkel in der anderen Hand. Menschen drängten sich am Fuße des Felsens. Männer, Frauen und Kinder. In einer wilden, fremden Sprache forderten sie den Tod des Tieres. Die Klinge schoss herab, drang in das sich windende Fleisch. Das Ferkel schrie, doch das Geschrei ging unter im Gebrüll der Menge. Blut rann über die nackte Haut des Druiden, tropfte auf sein Haar, sein Gesicht, seine Lippen. Er öffnete den Mund, trank gierig vom roten Saft des Lebens. Als er genug hatte, warf er das sterbende Tier in die Meute. Hände packten zu, zerrten an den Gliedern, rissen sie aus den Gelenken, zerfetzten den Körper in nur wenigen Sekunden, bis nicht mehr von ihm übrig war.

Der Schrei einer Krähe riss Pallasch aus dem Tagtraum.

Der Vogel hatte sich direkt über ihm auf dem kahlen Ast eines hohlen Baumstamms niedergelassen. Aus pechschwarzen Augen starrte er auf ihn herab. Ein Galgenvogel, dachte er, der hat mir gerade noch gefehlt. Prompt kam ihm der verfluchte Montagmorgentermin in den Sinn. Inge hatte ihn bei einem Homöopathen in Ingolstadt angemeldet. Seine Attacken waren in den letzten Wochen stärker geworden, sie machte sich Sorgen, wollte, dass er sich einmal gründlich durchchecken ließ. Eine Zeitlang hatte Pallasch sich gesträubt, doch Inge hatte nicht locker gelassen. Ihn nach und nach weichgekocht, bis er endlich versprochen hatte hinzugehen. Widerwillig und mit auf dem Rücken gekreuzten Fingern. Der Quacksalber behandelte ausschließlich auf private Rechnung. Der Besuch würde ihn ein kleines Vermögen kosten. Pallasch konnte Ärzte nicht ausstehen. Wenn es nach ihm ginge, sollte man die Kerle meiden, so lange man nur konnte. Denn geriet man ihnen erst in die Fänge, hefteten sie einem garantiert etwas an, das man absolut nicht gebrauchen konnte.

Die Wolkendecke war zugezogen. Pallasch fröstelte. Eilig verstaute er die Trinkflasche, knöpfte die Jacke zu und schulterte den Rucksack. Gerade als er den Aufstieg fortsetzen wollte, läutete das Mobiltelefon. Die Melodie von Irgendwie und Sowieso schreckte die Krähe auf. Flügelschlagend erhob sie sich von ihrem Ast, verschwand im Dickicht. Es dauerte eine Weile, bis Pallasch das Gerät aus der Hosentasche gefischt hatte. Als er es endlich in der Hand hielt, musste er grinsen. Es war Franz. Er rief aus der Esplanade an. Mit ein wenig Glück war das die Gelegenheit dem Montagmorgentermin zu entkommen. Einem Mord konnte schließlich auch Inge nichts entgegensetzen. Er drückte die Rufannahme, bellte seinen Namen ins Mikro.

Kapitel 6 

Eichstätt, Gabrieli-Quartier, Innere Freiwasserstraße, 

Samstag, 3. Oktober 2015, 13:43 Uhr 

 

Das Schlafzimmer war riesig. Exakt in der Mitte stand ein gewaltiges Wasserbett. Exakt darüber konnte man durch ein kreisrundes Fenster den grau schattierten Himmel sehen. Pallasch verharrte im Türrahmen, ließ die Szene auf sich wirken. Eine Handvoll Tatorttechniker bevölkerte den Raum. In weißen Ganzkörperanzügen durchstöberten sie die wenigen Möbel, beleuchteten die Wände, krochen auf dem Parkett umher. Das Ganze von Musik untermalt, die aus dem Nichts zu kommen schien. Eine sanfte Stimme sang zu ruhigen Gitarrenklängen.

»Oh, you look so tired … Mouth slack and wide … Ill-housed and ill-advised … Your face is as mean as your life has been …«

Vor einem Sideboard am anderen Ende des Raumes stand Lachmann. Der Kommissar war ebenfalls in einen Ganzkörperanzug geschlüpft. Die langen Haare unter der Haube, das Gesicht hinter der Maske, verriet ihn lediglich der ihm so eigene Körperbau. Hochgewachsen und schlaksig. Lachmann hatte die Hände in die Hüften gestemmt, lauschte einem Techniker, der mit einem durchsichtigen Folienbeutel hantierte.

»And I know a place where no one is likely to pass … Oh, you don’t care if it’s late and you don’t care if you’re lost …«

Pallasch löste sich aus dem Türrahmen, näherte sich über eine auf dem Boden ausliegende Folie vorsichtig dem Bett. Eine Frau im Regenmantel lag auf der Matratze. Sie lag auf der Seite, die Beine angezogen, die Arme um die Knie geschlungen. Wie ein Embryo im Mutterleib. Pallasch stieg über eine Nummerntafel, trat an die Längsseite des Bettes. Konzentriert betrachtete er den toten Körper.

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