Das Licht am Ende des Traums - Torge Naß - E-Book

Das Licht am Ende des Traums E-Book

Torge Naß

0,0

Beschreibung

"Immer, wenn ich abends zu Bett gehe, wünsche ich mir, am nächsten Tag einfach nicht wieder aufzuwachen. Aber ich werde jedes Mal enttäuscht. Dann muss ich einen weiteren beschissenen Tag in der Schule verbringen und Scheiße fressen. Vor einiger Zeit habe ich mal gehört, Aborigines könnten allein Kraft ihrer Gedanken die Blutzufuhr zum Gehirn abschneiden. Vollkommen abwegig scheint mir das nicht, wenn ich an Fakire denke. Manchmal versuche ich diese Technik herauszufinden. Dann liege ich nachts im Bett und konzentriere mich darauf mein Gehirn vom Rest des Körpers zu entkoppeln. Natürlich ohne Erfolg. Am Ende bleibt mir doch nichts anderes übrig, als mich in die Sphäre zurückzuziehen. Das kommt der Erlösung noch am nächsten." - Auszug aus Lailas Klagebuch Auf der Flucht vor ihrer Depression zieht sich Laila mehr und mehr in eine Traumwelt zurück. Als sie eines Tages nicht mehr aus dieser aufwacht, bringen ihre Eltern sie ins Krankenhaus, wo man sie mit Hilfe von Medikamenten stabilisiert. Doch die Ärzte wissen nicht, dass ihr Einfluss Lailas Traumwelt schnell in eine feindliche Umgebung verwandelt. Unterdessen durchforstet ihr Stiefbruder Ben Lailas Tagebuch nach Antworten. Aber ihm bleibt nicht viel Zeit, denn als Laila plötzlich aufwacht, kann sie Traum und Wirklichkeit nicht mehr voneinander trennen. Wenn Ben nicht zu ihr durchdringen kann, droht ein Unglück zu geschehen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 99

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für alle, die sich vergeblich bemüht haben, zu mir durchzudringen.

„Ich habe Angst, Angst davor, mich niemals erklären zu können. Mir nicht und allen anderen auch nicht. Meine unerreichbaren Träume, meine Ziele, die keine sind, meine Ansichten, die keiner teilt.“

- Auszug aus Lailas Klagebuch

Inhaltsverzeichnis

Laila

Ben

Bernard

Laila

Bernard

Laila

Bernard

Laila

Bernard

Laila

Ben

Laila

Ben

Laila

Ben

Daneberg

Laila

Daneberg

Laila

Ben

Garnele

Laila

Daneberg

Laila

Ben

Laila

Hellblau leuchteten die Ziffern ihres Mp3-Weckers im Dunkel des Zimmers. Es hatte eine Zeit gegeben, in der die angezeigte Uhrzeit sie beunruhigt hätte. Schließlich musste sie am Morgen zur Schule und ausgeschlafen sein. Aber ausgeschlafen war Laila schon lange nicht mehr gewesen. Selbst dann nicht, wenn sie eigentlich genug geschlafen hatte. Insofern machte es keinen Unterschied, wann oder ob sie überhaupt schlief. Dabei wären die Bedingungen dafür, in einen erholsamen Schlaf zu fallen, an sich ideal: Bis auf das blasse Licht des Weckers war es vollkommen dunkel im Raum, die Bettdecke hielt sie warm und außer dem gelegentlichen Knacken in der Heizung war nichts zu hören.

Die Bedingungen wären gut, läge nicht dieser unbeschreibliche Druck auf ihrem Brustkorb. Diese Schwere, die sich über ihr Herz legte, als würde jemand versuchen es mit den Händen zu erdrücken. Sie bekam kaum Luft. Mühsam wälzte Laila sich auf die Seite und schlang ein Stück der Bettdecke zwischen ihre Beine. Aber auch das half nicht. Ihre Augen meldeten die Bereitschaft zu tränen, all den Schmerz herauszulassen. Nur war da nichts. Sie atmete einmal laut ein und schluchzend wieder aus, wobei es sie schüttelte, als würde sie weinen. Aber ihr Schluchzen blieb trocken und stumm.

Es war aussichtslos. Wie oft hatte sie nun schon wachgelegen und krampfhaft versucht, dem Schmerz in den Schlaf zu entgleiten? Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich weiter zu bemühen. Also schlug sie die Decke weg und richtete sich auf. Ohne das Licht einzuschalten erhob sie sich und ging zum Fenster, wo sie den Schalter ertastete, der den Rollladen betätigte. Der Rollladen fuhr schwerfällig auf. Gleißendes Mondlicht fiel in das Zimmer wie das Scheinwerferlicht der Außenwelt. Laila nahm keine Notiz von dieser Außenwelt, sondern machte auf dem Absatz kehrt. Sie streifte ihr Nachthemd ab und ließ es achtlos zu Boden fallen. Nun trug sie nichts außer ihrem Slip. Ihr nackter Körper schimmerte blass im Mondlicht.

Auf einer kleinen Borte an der gegenüberliegenden Wand stand ein gläsernes Ei. Es war mit Wasser gefüllt. Vorsichtig nahm sie es herunter und stellte es auf den Teppich vor ihrem Bett. Als das Mondlicht darauf fiel, erstrahlte ein Algenzweig im Inneren des Eies und drumherum trieben seelenruhig ein paar winzige Garnelen. Es war gewissermaßen ein selbsterhaltendes Aquarium, in dem sich die Garnelen von Mikroben ernährten, die von der Alge lebten, welche nur Sonnenlicht und CO2 brauchte, das sie von den anderen Lebewesen bekam. Laila hatte die kleinen Tierchen darin gern. Sie taten tagein tagaus nichts anderes, als geradezu stoisch herumzutreiben und zu fressen. Sorgen hatten sie sicher keine, vermutlich nicht einmal Gedanken. Ein beneidenswerter Zustand, wie Laila fand.

Sie legte sich hinter dem Ei auf den Teppich und rollte sich zusammen, sodass sie den Algenzweig direkt vor sich hatte. Dann stellte sie sich vor, sie würde mit den Garnelen im Wasser treiben. Bei ihnen war sie stets willkommen. Sie leisteten ihr tröstende Gesellschaft, ohne irgendwelche Fragen zu stellen. Laila stellte sich vor, sie wäre eine von ihnen und würde die Welt einfach sein lassen. Die nächtliche Kühle auf ihrer nackten Haut gab ihr die Illusion von Feuchtigkeit, während sie mit ihren stummen Kameraden um das spärliche Grün schwamm. Bald verschwand der Raum um sie herum und es gab nur noch das abgeschlossene Innere des gläsernen Eis. Nichts außerhalb dieser Sphäre spielte mehr eine Rolle.

Ben

Carol:

„Willst du es dann noch mal mit dem Sofa versuchen?“

Ben:

„Bloß nicht, schon bei dem Gedanken daran bekomme ich Rückenschmerzen!“

Carol:

„Sonst könnten wir dir auch eine Liege ins Wohnzimmer stellen, wenn es dir nichts ausmacht, jeden Abend den Tisch beiseite zu räumen.“

Ben:

„Und wenn ich in Lailas Zimmer schlafe? Dann bräuchte ich die Liege immer nur auf und zu zu klappen.“

Carol:

„Das ginge natürlich auch, sofern sie nichts dagegen hat.“

Ben:

„Warum sollte sie etwas dagegen haben? Das wird doch bestimmt lustig – wie in alten Zeiten!“

Carol:

„Du vergisst, dass sie kein kleines Mädchen mehr ist, mein Schatz. Mädchen in ihrem Alter brauchen ihre Privatsphäre.“

Ben:

„Ach was, das geht bestimmt in Ordnung. Ich rede mal mit ihr.

Wie geht es Laila überhaupt? Liegt sie immer noch manchmal nackt auf dem Boden herum?“

Carol:

„Hach, frag nicht! Es wird immer schlimmer mit ihr. Wir haben ihr schon gesagt, sie soll damit aufhören, aber das ist zwecklos. Sie ist nun auch immer öfter einfach so weggetreten. Manchmal redet man minutenlang mit ihr, bis sie mitten drin plötzlich 'Was?' fragt, weil sie überhaupt nicht zugehört hatte.“

Ben:

„Oh Mann, und ich dachte, es könnte vielleicht eine ganz nette Zeit werden mit uns allen wieder zusammen... Naja, wird schon irgendwie werden. Ich muss jetzt Schluss machen, ich gehe gleich auf die Semesterabschlussparty!“

Carol:

„Ist gut, Schatz, ich wünsche dir viel Spaß!“

Ben:

„Danke, Mom, bis dann!“

Auf der einen Seite wollt ihr, dass ich jede Woche zum Psychotherapeuten gehe und diese verdammten Dinger schlucke, damit es mir besser geht und ich nicht von der Brücke springe. Und andererseits untersagt ihr mir das Einzige in meinem Leben, das mir irgendwie noch Halt gibt. Ihr habt ja keine Ahnung! Ich bin gerade voller Hass und Unruhe. Wo soll ich abends um 23:00 Uhr sonst damit hin?

Bernard

Am Morgen klopfte Lailas Vater an ihre Zimmertür.

„Aufgewacht, junge Dame, Zeit zum Aufstehen“, flötete er im Bemühen, nicht als Übermittler des ungeliebten Weckrufes von ihr gekreuzigt zu werden. Verzweifelt versuchte er seine Krawatte zu binden, während er auf eine Reaktion wartete. Diese blieb aus. Also klopfte er erneut.

„Wach auf, mein Spatz, du kommst zu spät zur Schule!“ Wieder nichts. Daraufhin öffnete er die Tür einen Spalt breit. Als er vorsichtig hindurchlugte, entfuhr ihm sogleich ein Seufzen.

„Nicht schon wieder.“ Er ließ seine hoffnungslos verwirrte Krawatte los und trat ins Zimmer. Kurz darauf durchbrach ein markerschütternder Aufschrei die morgendliche Stille des Hauses:

„Carol!“ Unten in der Küche ließ Lailas Stiefmutter sofort alles stehen und liegen und stürmte die Treppe hinauf.

„Ja, Bernard, wo bist du?“

„In Lailas Zimmer, komm schnell!“ Carol rollte mit den Augen. Dieses Mädchen! Was war nun schon wieder? Sie trat in Lailas Zimmer und musste erst einmal das Licht einschalten. Sie fand ihren Ehemann auf dem Boden, seine reglose Tochter in den Armen haltend. Lailas Augen waren offen, starrten jedoch glasig ins Leere.

„Was ist passiert?“, fragte sie erschrocken. So hatte sie ihre Stieftochter noch nicht zu Gesicht bekommen.

„Sie wacht nicht mehr auf“, erklärte Bernard. „Dieses Mal will sie einfach nicht mehr aufwachen.“

„Atmet sie denn noch?“ Bernard horchte, vermochte jedoch nichts zu hören. Wenn man genau hinsah, konnte man allerdings erkennen, dass sich Lailas Brustkorb ganz sacht hob und senkte. Sie lebte.

„Ja... ja sie atmet noch“, bestätigte Bernard. „Schnell, hilf mir, ihr etwas überzuziehen, ich bringe sie zu Dr. Daneberg ins Krankenhaus!“ Keine Minute später trug er hastig seine Tochter aus ihrem Zimmer. Als Carol im Rausgehen das Licht ausmachen wollte, wunderte sie sich, dass sie es überhaupt hatte einschalten müssen. Warum war denn der Rollladen noch zu? Der sollte sich doch automatisch öffnen und draußen war bereits helllichter Tag. Sie ging zum Fenster und ließ den Rollladen auffahren. Auf dem Weg hinaus stolperte sie fast über das Glasei, das nun frei und deplatziert auf dem Teppich stand. Sie hob es auf und stellte es ohne groß darüber nachzudenken zurück ins Regal – der Ordnung halber.

Laila

Ganz plötzlich war Laila herumgewirbelt worden und kurz darauf war das Wasser weg gewesen. Laila lag nun schutzlos auf kargem Boden. Wo war sie? In einer Höhle? Ja, das musste es sein. Sie hatte sich offenbar die ganze Zeit in einer Höhle befunden, die bei Hochwasser geflutet wurde. Aber nun war das Wasser wieder abgeflossen und sie war allein zurückgeblieben. Ihre Freunde, die Garnelen, waren mit der Ebbe hinausgesogen worden. Nun lag Laila auf dem Trockenen. Über ihr war durch ein Loch in der Decke der Himmel zu sehen. Sie lag einfach nur da und schaute zu, wie die Wolken vorüberzogen.

Wenn sie nicht zurück ins Wasser gelangte, würde sie wohl bald sterben. In der Ferne hörte sie das Meer rauschen. Vielleicht könnte sie es bis bis dorthin schaffen, wenn sie sich nur aufraffte und um ihr Leben kämpfte. Jedoch fehlte ihr jede Motivation dazu. Sollte sie sich bis zum Meer kämpfen, nur um zuhause wieder aufzutauchen und in die beschissene Schule zu gehen, wo sie vor Langeweile verrecken würde? Dann würde sie eben gleich hier sterben, na und? Eine Garnele fürchtet den Tod nicht. Sie hat weder etwas zu verlieren, noch etwas zu gewinnen. Vermutlich hat sie überhaupt keine Gefühle. Also blieb Laila einfach liegen und ließ die Wolken weiter vorüberziehen.

Bernard

„Ich habe ja gleich gesagt, wir müssen in dieser Sache etwas unternehmen“, sagte Carol im Auto. „Aber du wolltest ja nicht auf mich hören.“ Sie warf einen besorgten Blick auf die Rückbank. Laila hatten sie auf den Rücksitz legen müssen, weil sie sich vollkommen in ihrer Haltung versteift hatte.

„Ich habe sie doch schon zur Therapie geschickt, was soll ich denn noch tun, wenn sie die nicht annimmt?“ Bernard schlängelte seinen Wagen waghalsig durch den zäh fließenden Verkehr.

„Mehr Druck ausüben zum Beispiel. Manchmal muss man die Kinder zu ihrem Glück zwingen.“

„Eine Therapie hilft nur, wenn man einsieht, dass man Hilfe braucht und bereit ist, sich zu öffnen! Sie zu irgendetwas zu nötigen, wird sie doch nur noch unzugänglicher machen als ohnehin schon. Außerdem hatte ich die ganze Zeit die Hoffnung, es wäre nur so eine pubertäre Phase, die sich mit dem Erwachsenwerden wieder legen würde.“ Er hieb auf die Hupe ein, um einen unaufmerksamen Fußgänger davon abzuhalten, auf die Straße zu treten.

„Nur so eine Phase? Glaubst du denn, dass viele Mädchen in ihrem Alter nachts nackt und völlig weggetreten wie ein Shrimp auf dem Fußboden herumliegen?“

„Ich bitte dich, Carol, das bringt uns doch jetzt auch nicht weiter!“ Bernard fluchte über das Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer.

„Sag ihnen nachher bloß, dass die sie auf Drogen testen sollen“, fügte Carol an. „Es würde mich nicht wundern, wenn sie irgend so einen neuen Designermist eingeworfen hätte!“

„Mhm.“ Bernard schenkte dieser typischen Unterstellung wenig Beachtung, sondern drückte kräftig auf das Gaspedal, um in letzter Sekunde noch über eine Kreuzung zu brettern.

„Um Himmels Willen, Bernard, deiner Tochter ist sicher auch nicht geholfen, wenn du auf dem Weg zum Krankenhaus einen Unfall baust!“

„Es ist gut jetzt, Carol! Ich versuche nur so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu kommen. Wenn ich ein Blaulicht hätte, würde ich es benutzen, okay? Aber ich habe nun mal keines.“

In einem Film, den ich vor Kurzem gesehen habe, zog sich ein zurückgebliebener Junge, wenn er Probleme hatte, an seinen geheimen Platz zurück und stellte sich vor, dass er eine Wolke sei. Denn als Wolke bräuchte man sich um nichts zu sorgen.

Wenn man so eine Wolke ist, hat man vermutlich den gleichen Geisteszustand, wie wenn man tot ist, also einen erstrebenswerten Zustand.

Immer, wenn ich abends zu Bett gehe, wünsche ich mir, am nächsten Tag einfach nicht wieder aufzuwachen. Aber ich werde jedes Mal enttäuscht. Dann muss ich einen weiteren beschissenen Tag in der Schule verbringen und Scheiße fressen.