Das Lichtspielhaus - Zeit der Entscheidung - Heidi Rehn - E-Book

Das Lichtspielhaus - Zeit der Entscheidung E-Book

Heidi Rehn

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Beschreibung

Die Geschichte der fiktiven Münchner Kinobetreiber-Dynastie Donaubauer von den 20er bis in die 40er Jahre. Ein historischer Roman von der Bestseller-Autorin Heidi Rehn, der Garantin für spannend erzählte Frauen- und Familien-Sagas im 20. Jahrhundert München, 1926. Die Goldenen Zwanziger Jahre funkeln auf Hochglanz, München ist nach Berlin die Metropole des deutschen Films und Kinos. Die Donaubauers sind eine der großen Kino-Betreiberfamilien an der Isar. Mit ihrem mondänen Lichtspielpalast sorgen die heiß umschwärmte Theater-Schauspielerin Elsa und ihr charmanter Ehemann Karl landesweit für Furore. Alfred Hitchcock bietet Elsa sogar die Hauptrolle in seinem nächsten Film an. Dann aber brennt Karl mit einer Revue-Tänzerin durch. Statt als Star auf der Leinwand muss Elsa sich von einem auf den anderen Tag als Kino-Besitzerin im realen Leben behaupten - keine leichte Aufgabe für die junge Frau, die sich zudem gegenüber ihrer gestrengen Schwiegermutter behaupten muss. Als durch Hitlers Machtergreifung Film und Kino zum begehrten Propagandainstrument werden, droht Elsa ihre Lizenz zu verlieren … Von der Autorin des erfolgreichen Kaufhausromans "Das Haus der schönen Dinge".

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EPUB

Seitenzahl: 659




Heidi Rehn

Das LichtspielhausZeit der Entscheidung

Roman

Knaur e-books

 

 

Über dieses Buch

Die Geschichte einer Münchner Kinobetreiber-Dynastie von den 20er- bis in die 40er-Jahre

München, 1926. Die Goldenen Zwanziger Jahre funkeln auf Hochglanz, München ist nach Berlin die Metropole des deutschen Films und Kinos. Die Donaubauers sind eine der großen Kino-Betreiberfamilien an der Isar. Mit ihrem mondänen Lichtspielpalast sorgen die heiß umschwärmte Theater-Schauspielerin Elsa und ihr charmanter Ehemann Karl landesweit für Furore. Alfred Hitchcock bietet Elsa sogar die Hauptrolle in seinem nächsten Film an. Dann aber brennt Karl mit einer Revue-Tänzerin durch. Statt als Star auf der Leinwand muss Elsa sich von einem auf den anderen Tag als Kino-Besitzerin im realen Leben behaupten - keine leichte Aufgabe für die junge Frau, die sich zudem gegenüber ihrer gestrengen Schwiegermutter behaupten muss.

 

Als durch Hitlers Machtergreifung Film und Kino zum begehrten Propagandainstrument werden, droht Elsa ihre Lizenz zu verlieren …

Inhaltsübersicht

WidmungMotto1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. Kapitel49. Kapitel50. Kapitel51. Kapitel52. Kapitel53. Kapitel54. Kapitel55. Kapitel56. Kapitel57. Kapitel58. Kapitel59. Kapitel60. Kapitel61. KapitelVorankündigungListe der erwähnten FilmeGlossarLiebe Leserinnen und Leser
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Für Elsa, Lotti und Emil

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Tatsächlich, ich kann die Welt ohne das Kino

nicht mehr aushalten!

Gert Hofmann, Der Kinoerzähler[1]

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1

Ende Oktober 1926

Was für ein famoser Nachmittag! Beseelt von den Erlebnissen bei der Filmvorführung im Emelka-Haus, tanzte Elsa die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf, übersprang zwei Stufen, drehte auf dem nächsten Absatz schwungvoll eine Pirouette und summte fröhlich vor sich hin. Vielleicht war sie auch ein wenig beschwipst. Sie kicherte. Der eisgekühlte Champagner zeigte Wirkung. Wunderbar hatte er in der Kehle geprickelt, was an einem so schwülwarmen, föhnigen Herbsttag wie diesem äußerst guttat. Sie dachte an Karl und seine Kopfschmerzen. Der Ärmste! Mitten im Film hatte er nach Hause gehen müssen. Und dabei hatte er sich so auf die Vorführung gefreut.

Vor einigen Wochen hatte er dem talentierten englischen Regisseur Alfred Hitchcock bei den Dreharbeiten des Bergadlers über die Schulter gesehen. Die Studioaufnahmen waren im großen Glashaus der Emelka im Geiselgasteig gemacht worden. Bestimmt brannte Karl jetzt auf ihren Bericht, wie sie das fertige Werk fand. Sie würde ihn enttäuschen müssen. Der Film war grauenhaft geworden. Kein Vergleich etwa zum Heiligen Berg, in dem sie letzte Woche um das Leben der beiden Helden in Gestalt von Luis Trenker und Ernst Petersen gezittert hatte. Auch darin ging es um eine Frau, die von zwei Männern gleichzeitig geliebt wurde, um rasende Eifersucht und hehre Freundschaftsgefühle, ebenfalls vor wildromantischer Alpenkulisse in Szene gesetzt. Anders als Der Bergadler aber riss einen Der heilige Berg von der ersten Minute an mit, erst wegen der aufreizenden Tänze der jungen Leni Riefenstahl im glühenden Abendrot, dann wegen der halsbrecherischen Kletterszenen der beiden männlichen Darsteller im zerklüfteten Bergmassiv. Elsa hatte sich regelrecht die Nägel abgekaut, so hatte sie es mitgenommen, wie aussichtslos Luis Trenker am Abgrund hing. Allein bei der Erinnerung spürte sie von Neuem ein aufgeregtes Kribbeln im Bauch.

So wie ihr war es auch den anderen Zuschauern ergangen, die den Heiligen Berg im Elvira-Palast, dem größten der mittlerweile fünf Donaubauer Lichtspiele, gesehen hatten. Sobald das Licht erlosch und sich der Vorhang vor der gigantischen Leinwand öffnete, lag absolute Stille über dem Saal. Ganz gleich, ob akademisch gebildeter Anwalt oder schlicht gestrickte Witwe, braver Angestellter oder pfiffige Tippmamsell, alle zeigten sich von der ersten Einstellung an völlig gefangen vom Geschehen. Menschen jeden Alters und jeder Herkunft stürmten die Kinos, um den Streifen zu sehen. Zwei Wochen länger als geplant zeigten die Donaubauer Lichtspiele ihn inzwischen – und das nacheinander in allen fünf Filmtheatern! Nur weil bereits der nächste große Schlager auf seine Vorführung wartete und sie die Verleihfrist nicht hatten verlängern können, mussten sie ihn in der Folgewoche schweren Herzens absetzen.

Versonnen lächelte Elsa. Wenn sie in solchen Erlebnissen schwelgte, wusste sie wieder, wie richtig ihre Entscheidung für ein Leben an Karls Seite in der Kinobranche gewesen war. Längst galten sie beide als das Traumpaar des Münchner Films, wobei es richtigerweise heißen musste: der Münchner Filmtheater. Die Schauspielerei hatte sie mit ihrer Hochzeit kurz vor Ausbruch des Großen Krieges an den Nagel gehängt. Zusammen mit Karl und dessen Mutter Zenzi leitete sie seither die Donaubauer Lichtspiele. Nach Kriegsende war noch ihr Schwager Heinrich, der Gatte von Karls Schwester Ulla, hinzugekommen. Jedes Jahr freuten sie sich über größere Erfolge beim Münchner Publikum. Vor allem Karl und Elsa wurden bewundert und gefeiert, als sorgten sie höchstpersönlich für die herzerschütternden Geschichten auf der Leinwand oder wären gar selbst Teil dieser romantisch verklärten Zauberwelt.

Umso wichtiger war es Elsa, ihren Kinogästen nur die besten Werke zu präsentieren. Hitchcocks Film Der Bergadler erzählte zwar wie Der heilige Berg eine aufwühlende Liebesgeschichte, doch mangelte es ihr im direkten Vergleich eindeutig an Tragik. Man bangte schlichtweg nicht mit, wie sich wer für wen entschied oder ob am Ende eine höhere Gewalt doch noch für die ganz große Katastrophe sorgte. Wenigstens bewies Hitchcock Talent und baute geschickt einige ungewöhnliche Aufnahmen der Darsteller sowie der monströsen Berglandschaft ein. Auch solche Ansätze zu erkennen und auf eine vielversprechende Zukunft des Regisseurs mit anderen Werken zu setzen, machte für Elsa die Faszination des Kinogeschäfts aus.

Im Weiterlaufen zupfte sie sich die dünnen Handschuhe von den Fingern, lockerte den Seidenschal und knöpfte den leichten Mantel auf. Bei aller Sympathie für Hitchcock musste sie Karl und Zenzi unbedingt die Idee ausreden, von der Emelka die Münchner Erstaufführungsrechte für den Bergadler zu erwerben. Der passte einfach nicht ins Konzept, das sie für ihren neuen Lichtspielpalast entworfen hatten. Sie wollten ihr Publikum einen Abend lang mitreißen, verzaubern, die Gegenwart vergessen lassen. Dazu aber musste die Geschichte perfekt sein. Mit Leichtigkeit ließe sich etwas Besseres für die nächste Premiere im Elvira finden. Gute Filme gab es zuhauf. Derzeit liefen die Kameras in den Ateliers in Geiselgasteig und Babelsberg heiß. Nahezu rund um die Uhr wurde für das kinosüchtige Publikum gedreht. Längst hatten die Lichtspieltheater den Biergärten und Wirtshäusern den Rang als Vergnügungsstätten abgelaufen, nur zu gern versank man in den schönsten Illusionen.

Auch die Donaubauers hatten den Aufstieg geschafft. Um Atem zu schöpfen, blieb Elsa im Zwischengeschoss vor dem Fenster zur Flussseite stehen und sah auf die in der Abendsonne glitzernde Isar hinaus. Fünf Kinos besaßen sie inzwischen: zwei sehr bescheidene, aber bei den »kleinen Leuten« äußerst beliebte Ladenkinos in den Vorstädten aus Zenzis Anfangsjahren vor dem Großen Krieg, ein weiteres schlichtes in Ingolstadt, zudem die vornehmeren Kaiser-Lichtspiele in Schwabing sowie seit ein paar Wochen den luxuriösen Elvira-Palast nahe dem Stachus. Mit dem brachen sie alle Rekorde, was Technik, Ausstattung und Komfort betraf. Und das nicht nur in München, sondern in der ganzen Republik, ja, sogar in ganz Europa!

Abermals musste Elsa kichern, dieses Mal jedoch vor Stolz. Die Lichtspiele wurden edel. Und nicht nur die Lichtspiele. Auch ihr Publikum, wie man an der Garderobe sah, die abends bei den Vorführungen im Elvira zu bewundern war. Und doch ging es den meisten nach wie vor in erster Linie darum, sich von den auf Zelluloid gebannten Schatten ein, zwei Stunden in andere Hemisphären entführen zu lassen. Die Filme wurden immer anspruchsvoller. Inzwischen fanden sich die Besprechungen sogar in den Feuilletons der großen Zeitungen. Film wie Kino waren gesellschaftsfähig geworden. Wer hätte das vor einigen Jahren gedacht?

Ihre Eltern in Wien kamen Elsa in den Sinn, die entsetzten Blicke, als sie ihnen kurz vor Ausbruch des Großen Krieges den Filmtheaterbesitzer Karl als künftigen Schwiegersohn präsentiert hatte. In der Gosse hatten der frühere K.-u.-k.-Hofrat Ferdinand Horwitz und seine Gattin, die Generalstochter Eleonore von Trull, ihr einziges Kind landen sehen, die einstige Hoffnung des seinerzeit noch kaiserlichen Hofburgtheaters elendig besudelt vom billigen Charme der Kinobranche und der verhängnisvollen Liebe zu einem windigen Hasardeur.

Vor drei, vier Jahren hatte es tatsächlich einmal so ausgesehen, als lägen sie mit ihren Befürchtungen richtig. Nach dem blutigen Ende der Räterepublik schmolz die Kinosucht in München ebenso schnell dahin wie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Friedenszeiten. Die Lichtspielhäuser kratzten haarscharf am Ruin. Elsa wurde schummrig, wenn sie an die Zeiten dachte, in denen sie kaum mehr gewusst hatten, wie sie den Strom für die Vorführapparate oder die Leihgebühr für die Filme bezahlen sollten. Vor nahezu leeren Bänken hatten sie die Streifen abgespult. Niemand interessierte sich mehr für wilde Abenteuer auf hoher See oder ergreifende Liebeleien in Märchenschlössern. Dramatik hatte jeder mehr als genug im eigenen Leben. Deshalb pilgerten die Menschen lieber in die Bierkeller, wo ihnen am Rednerpult statt auf der Leinwand die neuen Helden, die in Wahrheit nichts anderes waren als feige Hetzer, den politischen Aufstand gegen das »verhasste« Berlin und die noch »verhassteren jüdischen Profiteure« von »System« und Inflation einpeitschten.

Karl und Elsa hatten die Hoffnung jedoch nicht aufgegeben, dass ihr Publikum eines Tages wieder zur Besinnung kommen und die Verlogenheit der Aufwiegler erkennen würde. Und sie behielten recht. Die Revolte gegen die ungeliebte Republik wie auch die Geldentwertung erledigten sich nach dem gescheiterten Hitler-Putsch fast auf einen Schlag. Von einem auf den anderen Tag gab es wieder feste Arbeit und genug zu essen für alle. Statt sich in rauchigen, überfüllten Bierhöllen weiter den dumpfen Hasstiraden braun gefärbter Schreihälse hinzugeben, berauschten sich die Münchner bald wieder im Kino an den Drachenkämpfen tapferer Recken wie den Nibelungen, zitterten bei mysteriösen, nervenzehrenden Dramen wie dem des verrückten Doktor Caligari mit oder erlebten die Herausforderungen der gefährlichen Naturgewalten wie im Berg des Schicksals. Die Inszenierungen wurden immer aufwendiger, um die Zuschauer in neue Dimensionen zu entführen.

Gleich fiel Elsa wieder Der Bergadler und sein Regisseur ein. Zweifelsohne verfügte der zur Korpulenz neigende Brite über Talent. Und auch über Witz. Packend hatte Alfred Hitchcock ihr von dem überraschenden Wintereinbruch bei den Dreharbeiten in den Ötztaler Alpen berichtet – und das in fließendem Deutsch, das er dank mehrerer Aufenthalte bei der UFA in Berlin beherrschte. Mit seiner Hauptdarstellerin wolle er allerdings kein zweites Mal in den Schneemassen versinken, hatte er beteuert. Die sei einfach nur grässlich. Gern arbeite er dagegen einmal mit Elsa in einer einsamen Berghütte zusammen. Natürlich vor laufender Kamera.

Bei der Erinnerung an dieses Kompliment flammte Elsas Übermut von Neuem auf. Auch wenn sie ihre Schauspielkarriere mit ihrer Hochzeit vor zwölf Jahren an den Nagel gehängt hatte, tat es gut, nach so langer Zeit wieder als Darstellerin umworben zu werden. Sie raffte den knielangen, schmalen Rock ihres Smokingkostüms und schwebte weiter die Treppe hinauf.

Einen Wimpernschlag lang bedauerte Elsa, kein Publikum für ihre Ausgelassenheit zu haben. Dabei wollte sie den Erfolg bis zur letzten Sekunde freudig auskosten und den Tag zum »Tag der guten Nachrichten« küren.

Im Emelka-Haus, das sich seit fünf Jahren im ehemaligen Hotel Reichshof nahe dem Sendlinger Tor befand, hatte sie beim nachmittäglichen Sektempfang für Hitchcock und seinen misslungenen Bergadler noch einige Bekanntschaften geschlossen, die ihr in näherer oder fernerer Zukunft nützlich sein konnten. Hans Kaschinski, ein eigens wegen der Pressevorführung von Hitchcocks zweitem Film aus der Hauptstadt angereister Redakteur von der BIZ – der Berliner Illustrirten Zeitung –, hatte überraschend zurückhaltend reagiert, als sie ihm vom neuesten Flaggschiff der Donaubauer Lichtspiele vorgeschwärmt hatte. Angeblich hatte er von der spektakulären Einweihung des Elvira-Palastes vor sechs Wochen gar nichts mitbekommen. Das zeigte wieder, wie einseitig die Berliner Feuilletonisten die Ereignisse in München wahrnahmen. Sobald in den Kammerspielen die Premiere von Carl Zuckmayers Fröhlichem Weinberg von SA-Rüpeln gestört wurde, wussten sie sofort Bescheid und berichteten großformatig. Oder zerrissen sich über das peinliche Auftrittsverbot für Josephine Baker hämisch das Maul. Fand dagegen etwas Bemerkenswertes wie eben die Eröffnung des Elvira-Palastes statt, ging das komplett an den Berliner Zeitungsfritzen vorbei. Zumindest bei Kaschinski würde sich das jetzt ändern. Am nächsten Tag wollte Elsa ihn persönlich durchs Elvira führen.

Der nach der zweiten, im Kleinkindalter verstorbenen Tochter von Schwiegermutter Zenzi benannte Elvira-Palast hatte nicht nur die Premierengäste restlos begeistert. Im süddeutsch-österreichischen Raum hatten seine technische Ausstattung wie auch die gelungene Architektur für Schlagzeilen gesorgt. Die wie Elsa aus Wien stammende, seit Langem in Berlin lebende Gesellschaftsreporterin Judith Lichtblau hatte seitenlange Berichte in allen wichtigen österreichischen Zeitungen und Journalen gebracht, derart begeistert war sie gewesen. Zweitausenddreihundert Plätze bot das Elvira. Weder in München noch in Berlin oder im Rest Europas existierte ein Lichtspieltheater von vergleichbarem Format. Selbst der in Kürze ebenfalls in der Sonnenstraße eröffnende Phoebus-Palast würde nicht mithalten können. Mit dem Elvira schenkten die Donaubauers ihrem Publikum und den Filmen einen Ort, an dem sich der Kunstgenuss neue Sphären erschloss.

Davon konnte Kaschinski sich am folgenden Tag bei seinem exklusiven Rundgang mit eigenen Augen überzeugen. In Vorfreude auf sein sicherlich verblüfftes Gesicht schlitterte Elsa beim nächsten Schritt mit den glatten Sohlen der Pumps über den dunkelroten Teppich und knickte um. Sie hatte wohl doch einen Schluck Champagner zu viel getrunken. Vorsorglich verlangsamte sie ihr Tempo.

Ted Russel, Kaschinskis Reporterkollege von der New York Times, hatte sich gleich weitaus charmanter gezeigt als der Berliner. Sein Auftreten war weltgewandter als das Kaschinskis, zudem sprach auch er – wie Hitchcock – verblüffend gut Deutsch. Ihn hatte sie ebenfalls zur Besichtigung eingeladen. Zwar schien er Filmtheater von ganz anderen Ausmaßen und Ausstattungen gewöhnt, dennoch signalisierte er größtes Interesse am Elvira.

Karl würde es freuen, das zu hören. Zwei Jahre hatte er vor dem Großen Krieg in Amerika gelebt, hatte an der Westküste gearbeitet und war quer durchs Land gereist. Im Sommer war er erneut dort gewesen und hatte Kontakte nach New York geknüpft. Dabei waren er und Russel einander sogar begegnet, wie der Reporter beiläufig erwähnte, als die Rede auf Varietés am Broadway kam. Davon hatte Karl ihr bislang nichts erzählt. Hoffentlich ging es ihm bis morgen besser. Bestimmt würde er Russel gern wiedersehen. Der Amerikaner konnte es kaum erwarten, ihn zu treffen.

Einige Treppen weiter oben schlug eine Tür zu, Schlüsselgerassel folgte. Mit schweren Schritten stapfte jemand die Stufen herunter. Das verhieß schlechte Laune. Der wollte Elsa entgehen, also beeilte sie sich. Gerade noch rechtzeitig erreichte sie die Wohnungstür, sperrte auf und verschwand nach drinnen, bevor ihr jemand den »Tag der guten Nachrichten« verderben konnte.

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2

In der Wohnung empfing sie angenehme Stille. Hausmädchen Trudi genoss seinen freien Nachmittag, der wegen der Einladung ins Emelka-Haus bis in den frühen Abend verlängert war. Elsas Töchter Sidonie und Jette ließen sich wie jeden Donnerstag nach Strich und Faden von ihrer Tante verwöhnen. Davon war Karls Schwester durch nichts abzuhalten. Längst hatte ihr Mann Heinrich die Hoffnung aufgegeben, Ulla würde ihn einmal zu Veranstaltungen wie der Pressevorführung des Hitchcock-Films begleiten, denn sie hasste gesellschaftliche Verpflichtungen. Zugleich vergötterte sie ihre beiden Nichten. Eigene Kinder waren ihr und Heinrich bislang versagt geblieben. Da sie in großen Schritten auf die vierzig zuging, würde sich dieser Wunsch wahrscheinlich auch nicht mehr erfüllen.

Elsa drehte das Licht an, legte den Schlüssel in die Muschelschale auf der Kommode und stellte die Pochette ab. Im Spiegel erspähte sie ein müdes, aber glückliches Gesicht. Sie nahm den Filzhut vom Kopf, lockerte das nackenkurze Haar mit den Fingern auf und sortierte das Revers ihres Jacketts sowie den gewagten Ausschnitt ihrer Bluse.

Unvorstellbar: In sechs Wochen feierte sie ihren vierunddreißigsten Geburtstag! Zwar zeichneten sich mittlerweile erste Falten um die Augenwinkel ab, auch das erste graue Haar war längst gezupft, dennoch fühlte sie sich unbeschwert wie ein Backfisch. Dass sie Mutter von inzwischen zehn- und elfjährigen Kindern war, wollte sie selbst kaum glauben. Viel zu gern heckte sie mit Jette Streiche aus, entwarf mit Sidonie Puppenkleider und schlug mindestens genauso gern mit Karl und Heinrich nächtens über die Stränge. Seit sie im Elvira-Palast nach dem Abendfilm im Saal des zugehörigen Restaurants das Hausorchester zum Tanz aufspielen ließen, versackten sie öfter, als gut war, bis in die Morgenstunden bei Charleston, Quickstepp oder Tango. Natürlich floss dazu reichlich Champagner. Schließlich wollten sie auch ihre Gäste zum Konsumieren verführen.

Für einen Moment fragte sie sich, ob das alles war, was das Leben ihr noch zu bieten hatte. Vielleicht sollte sie doch Hitchcocks Offerte annehmen und noch einmal etwas anderes ausprobieren, als Kinoprogramme zusammenzustellen und das zahlende Publikum zum Zechen zu animieren. Womöglich war das ihre letzte Chance. Trat sie wieder als Schauspielerin auf, verlieh das Karls und ihrem Ruf als »Traumpaar des Münchner Films« noch einmal eine ganz besondere Note.

»Unsereins gehört ned auf, sondern hinter die Leinwand«, hörte sie ihre Schwiegermutter Zenzi allerdings bereits mahnen. »Wie willst sonst den andern ihre Träume verkaufen?«

Sollte sie sich schlechte Kritiken einfangen, würde Schwager Heinrich sich köstlich amüsieren. »Selbst schuld, wenn du dich unbedingt auf Zelluloid blamieren willst.«

Karl dagegen wäre bestimmt begeistert, zumal es sich für die Donaubauer Lichtspiele durchaus finanziell rechnen konnte. Das zeigte das Beispiel der Tochter von Münchens Vorstadtkinokönigin Maria Zach. Unter Pseudonym trat die seit Kurzem publikumswirksam vor die Kamera. In den Lichtspielen ihrer Mutter waren die Filme sofort Kassenschlager geworden.

Schon sah Elsa die Schlagzeilen zur nächsten Hitchcock-Premiere vor sich, die natürlich im Elvira-Palast stattfinden musste: »In der weiblichen Hauptrolle die Gattin des erfolgreichen Münchner Kinobetreibers Karl Donaubauer!« Judith Lichtblau berichtete gewiss exklusiv darüber für ihr Wiener Gesellschaftsblatt. Vielleicht würde Kaschinski sich sogar zu einer Exklusivgeschichte in der BIZ überreden lassen. Sobald die Kasse klingelte, wäre Zenzi von der Idee sicher ebenso überzeugt wie Heinrich.

Wie sie wohl vor der Kamera wirkte? Ausprobiert hatte sie es noch nie. Als Burgschauspielerin war ihr vor dem Großen Krieg die Filmerei untersagt gewesen. Sie stemmte die Hände in die Hüften, musterte ihr Profil von beiden Seiten. Probehalber schnitt sie mal ein trauriges, mal ein fröhliches und gar ein ganz verruchtes Gesicht, zog die schmal gezupften Augenbrauen hoch, bevor sie die kirschrot geschminkten Lippen zu einem frechen Kussmund rundete. Nicht übel. Am besten, sie sprang ins kalte Wasser und versuchte es einmal.

Schwungvoll warf sie den Mantel beiseite. Sie hielt inne. Noch immer rührte sich in der weitläufigen Wohnung nichts. Hoffentlich kein schlechtes Zeichen. Unsinn! Die Stille tat Karl gut, um sich von den Kopfschmerzen zu erholen, beruhigte sie sich gleich wieder. Auf Zehenspitzen schlich sie zur Küche im hinteren Teil der Wohnung. Dort würde sie sich jetzt einen Tee aufbrühen.

In Höhe der Schlafzimmertür hielt sie kurz inne, legte lauschend das Ohr an die Tür. Dahinter war es mucksmäuschenstill. Sie beschloss, eine große Kanne Pfefferminztee zu kochen und Karl zu bringen. Der tat bei Kopfschmerzen immer gut. Und dann gab es ja noch dieses Geheimmittel, das sie bei der Wiener Köchin ihrer Eltern kennengelernt hatte.

Flink bereitete sie in der Küche Tee sowie einen extrastarken Mokka mit frisch gepresstem Zitronensaft zu und platzierte die Tassen auf einem Tablett. Fröhlich vor sich hin summend, balancierte sie das Ganze zum Schlafzimmer, drückte die Klinke mit dem Ellbogen hinunter und schob die Tür mit einem eleganten Hüftschwung auf. Um Karl nicht zu erschrecken, streifte sie im Halbdunkel die Schuhe von den Füßen und trat barfuß ein.

Erst als sie das Fußende des Bettes erreichte, bemerkte sie, dass etwas nicht stimmte. Zum Schlafen war es viel zu hell. Es war ein außergewöhnlich sonniger Oktobertag gewesen. In zarten Schlieren fiel das letzte Dämmerlicht durch die Vorhänge herein.

Sie sah zum Fenster. Karl hatte vergessen, die Rollläden zu schließen. Sie stutzte. Selbst nachts bestand er darauf, die Fenster mit den schweren Jalousien vollständig abzudunkeln. Er hasste es, wenn auch nur ein Ritz offen blieb, durch den ein Funken Licht dringen konnte. Vom Straßenlärm ganz zu schweigen. Bei einer so heftigen Migräneattacke war das noch notwendiger.

Sie wandte sich zum Bett.

Und erstarrte.

Es war unberührt.

Die Decken waren glatt gestrichen, die Kissen ordentlich aufgebauscht, ihr Seidennegligé wie auch Karls gestreifter Pyjama lagen an den Fußenden des Betts zum Hineinschlüpfen bereit.

Und kein Karl weit und breit, der das hätte tun können.

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3

Von wegen Kopfschmerzen! Schlagartig war Elsas Champagnerlaune verflogen. Mit zittrigen Händen stellte sie das Tablett auf dem Frisiertisch ab, setzte sich auf die Bettkante. Wieso hatte Karl sie angelogen? Hatte er den Film ähnlich grauenhaft gefunden wie sie und deshalb nicht zu Ende ansehen wollen? Das hätte er doch sagen können! Sie hätten sich gemeinsam aus dem Emelka-Haus davonschleichen und den Nachmittag ohne Kinder anderweitig verbummeln können. Warum war er ohne sie verschwunden?

Hoffentlich hatte er ihr eine Nachricht geschrieben. Sie suchte die beiden Nachtkästen, dann den Frisiertisch ab, schüttelte die Kissen auf und tastete unter Negligé und Pyjama. Ohne Erfolg. Auch auf der Kommode im Flur, in Wohn- und Esszimmer oder auf dem Schreibtisch im Herrenzimmer fand sich nirgendwo ein Zettel mit erklärenden Zeilen von Karl. Wo war er hin? Wann kam er zurück?

Ehe sie es recht bedachte, griff sie zum Telefon und rief im Büro an, um sich nach Karls Verbleib zu erkundigen. Dort sei er nicht, erwiderte Sekretärin Lotti. Es war nicht zu überhören, wie sehr sie sich über die Frage wunderte, war Karl doch am Mittag extra früher gegangen, um mit Elsa ins Emelka-Haus zu gehen. Ohne weitere Erklärung legte Elsa auf.

Wut stieg in ihr auf. Sie beschloss, ein Bad zu nehmen. Das beruhigte. Sie ging zum Kleiderschrank im Schlafzimmer, um frische Wäsche und ein schlichtes Hauskleid herauszuholen. Beim Blick in den Schrank erstarrte sie. Er war halb ausgeräumt! Ein Großteil von Karls Garderobe wie auch der Überseekoffer, den er für seine Amerikareisen zu benutzen pflegte, fehlte. Was hatte das zu bedeuten? War Karl nicht einfach nur für einen Nachmittag oder Abend weg, sondern verreist?

Fieberhaft kramte sie in ihrem Gedächtnis, ob sie da etwas verdrängt hatte. Doch ihr fiel partout nichts ein. Nie hätte sie vergessen, wenn er verreisen wollte. Und er hätte sich dafür auch nicht mit einer Lüge aus der Vorführung davongeschlichen. Ein mulmiges Gefühl beschlich sie. Das war wohl keinesfalls ein Tag der guten Nachrichten! Sie setzte sich aufs Bett, massierte sich mit den Fingerspitzen die Schläfen.

Die Wohnungstür wurde aufgeschlossen. Elsa horchte auf. Helle Kinderstimmen ertönten, unterbrochen von Hausmädchen Trudis strenger Anweisung, sich leise und gesittet zu verhalten, »wie es sich für zwei junge Fräuleins aus gutem Haus gehört«. Dennoch näherten sich aufgeregte Schritte dem Schlafzimmer.

»Mama?«, hörte Elsa ein leises Stimmchen durch das Türblatt.

»Scht!«, zischte ein anderes.

Wenigstens die Kinder waren wieder bei ihr. Das allein zählte.

»Kommt rein«, rief sie und drehte sich zur Tür. Schon stürmten die beiden Mädchen herein. Kaum hatten sie das Bett erreicht, tauchte Trudi im Türrahmen auf.

»Leise! Eure Mutter braucht Ruhe«, wies sie die Kinder zurecht. Offenbar genügte ihr ein Blick auf Elsas erschöpftes Gesicht, um die Lage zu erfassen. »Sagt Gute Nacht. Ausnahmsweise mache ich euch heute bettfertig.«

»Schon gut, sie dürfen noch einen Moment bleiben«, winkte Elsa ab und unterdrückte den sehnlichen Wunsch, sich krampfhaft an Jette und Sidonie zu klammern. »Bringen Sie mir bitte ein Glas Wasser und ein Aspirin.«

»Und heißen Kakao für uns!«, fügte Jette vorwitzig hinzu.

Sie kuschelte sich an ihre linke, Sidonie an ihre rechte Seite.

»Bist du krank?«, fragte Sidonie und musterte Elsa besorgt. Mit ihren dunklen Haaren und den dunklen Augen war sie ganz das Ebenbild ihres Vaters. Ihr Anblick schmerzte Elsa plötzlich.

»Wo ist Papa?« Jette hatte die unbenutzte Bettseite entdeckt. »Ihr wart doch zusammen im Kino. Wieso ist er nicht da?«

Mit den rotblonden Locken und der spitzen Nase kam sie ganz auf Elsa. Lediglich die grünen Augen fielen aus der Art. Eine seltsame Laune der Natur.

»Ist ihm was passiert?« Sidonies Augen weiteten sich vor Schreck.

»Musste er ins Krankenhaus? Fahren wir hin und schauen nach ihm!« Unternehmungslustig sprang Jette auf, griff nach Elsas Hand und zog daran. »Beeil dich, Mama! Nicht, dass wir zu spät kommen. Vielleicht stirbt er schon.«

»Keine Sorge. Es geht ihm gut«, brachte Elsa mühsam heraus.

Sie wollte die Kinder nicht anlügen, aber sie konnte ihnen schlecht die Wahrheit sagen. Sie kannte sie ja selbst noch nicht.

Außerdem war es vermutlich nicht einmal gelogen. Wahrscheinlich ging es Karl tatsächlich gut, wo auch immer er gerade war. Deshalb war er ja vermutlich fort – und hatte sie und die Kinder allein gelassen. Sie schluchzte auf.

»Ist er schon wieder im Büro und arbeitet, weil er heute Mittag was versäumt hat?«, bohrte Sidonie nach.

»Wollen wir ihn besuchen? Vielleicht können wir einen Blick auf die Leute werfen, die abends ins Kino gehen.« Jettes Augen funkelten.

»Red keinen Unfug!«, fuhr Sidonie der jüngeren Schwester über den Mund. »So spät dürfen wir nicht mehr ins Foyer oder in die Bar im ersten Stock. Da sind jetzt nur noch Erwachsene in feinen Kleidern erlaubt.«

»Wann kann ich meinen Freundinnen das Elvira zeigen?«, überging Jette den Einwand. Aufgeregt trippelte sie herum, als wollte sie gleich losstürmen, um ihre Kameradinnen zu holen. »Großmama hat gesagt, ich darf sie einmal einladen, dann schaltet Gustl extra den Springbrunnen mit den Wasserspielen für uns an und führt uns die Kinoorgel vor.«

»Nie im Leben darf Gustl das!« Sidonie tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Er ist Ingenieur und kein Musiker. Am Ende macht er nur das teure Ding kaputt.«

»Gehen wir, Mama?« Von Neuem zerrte Jette an Elsas Hand. »Auf dem Weg in die Sonnenstraße können wir noch bei Anneliese, Erika und Theres klingeln und ihnen sagen, dass wir sie demnächst ins Elvira einladen.«

Jettes Eifer brachte Elsa jetzt doch zum Schmunzeln. Wie froh war sie, dass die Kinder sich so rasch ablenken ließen. Das verschaffte ihr eine Verschnaufpause, um zu überlegen, wie sie ihnen Karls Abwesenheit am besten erklärte.

»Die schlafen doch schon alle«, wies Sidonie abermals ihre jüngere Schwester zurecht. Ostentativ verdrehte sie die Augen. »Wir dürfen nur deshalb noch aufbleiben, weil Papa uns ausnahmsweise erlaubt hat, bei Tante Ulla Abendbrot zu essen.«

Die Bemerkung riss Elsa zurück auf den Boden der Tatsachen. Natürlich! Wie hatte sie nur so schwer von Begriff sein können? Mit Absicht hatte Karl die Kinder so lange bei seiner Schwester gelassen und Trudi längeren Ausgang gewährt, damit er währenddessen ungestört seine Sachen packen konnte. Der elende Striezi! Wahrscheinlich hatte er seine Flucht von langer Hand geplant und schreckte nicht einmal davor zurück, seine gutmütige Schwester zur nichtsahnenden Helferin zu machen.

»Ich will jetzt trotzdem ins Elvira«, verlegte Jette sich aufs Quengeln. »Bestimmt freut Papa sich, wenn wir ihn einmal aus dem Büro abholen.«

»Euer Papa ist nicht im Büro.«

Kaum war das heraus, ärgerte Elsa sich über sich selbst, doch es war zu spät.

»Wo ist er dann?« Von Neuem weiteten sich Sidonies Augen angsterfüllt. Die Kleine hatte zu viel Fantasie. Bestimmt malte sie sich bereits die nächste Katastrophe aus, der Karl zum Opfer gefallen sein könnte.

Elsa zerriss es das Herz. Wie verhielt sie sich jetzt am geschicktesten, ohne die Mädchen unnötig zu verunsichern? So unverständlich Karl sich verhielt, durfte sie den beiden den guten Glauben an ihn nicht zerstören. Sie liebten ihn abgöttisch. Und sie waren noch zu jung, um womöglich eine bittere Enttäuschung zu verkraften. Es reichte, dass sie das musste. Dass er ohne weitere Erklärung fort war, war eine Sache allein zwischen ihnen. Das sollte Sidonie und Jette nicht belasten.

»Ist er wieder nach Berlin, um sich neue Kintopps anzuschauen?« Sidonies Stimme schwankte hörbar zwischen Furcht und Neugier.

»Geht er dort aus? In all die verrückten Lokale und Bars, in denen Leute an Seilen durch die Lüfte fliegen, Zauberer schöne Frauen zersägen und Papageien über den Tischen hängen? Um sich bis in den Morgen mit seinen Freunden zu vergnügen und ganz viel Sekt zu trinken?«

Neugierig hüpfte Jette vor dem Bett hin und her. Es war ihr anzusehen, wie sie sich das gerade alles en détail ausmalte. Haarklein hatte Karl ihr von seinen Reisen an die Spree erzählt.

»Warum bist du nicht mitgefahren?«, fragte Sidonie zaghaft.

»Als Papa im Sommer aus New York zurückgekommen ist, hast du doch gesagt, dass das das letzte Mal gewesen ist, dass er ohne dich irgendwohin gefahren ist. Weil du es leid bist, brav zu Hause zu hocken, während er wild in der Weltgeschichte umeinanderreist und fremde Frauen aufgabelt und die Flitscherl dann auch noch nach München lotst«, ergänzte Jette.

Im ersten Moment blieb Elsa die Luft weg. Das waren damals tatsächlich ihre Worte gewesen. Die Kinder bekamen wohl weitaus mehr mit, als sie vermutet hatte.

Entsetzt erinnerte sie sich an den Streit mit Karl nach seiner Rückkehr aus Amerika vor einigen Wochen. Angeblich »rein zufällig« war er mit demselben Schiff wie die »Sunshine Girls« gereist, ein Trupp von fünf zweifelsohne sehr hübschen wie talentierten Revuemädchen aus der New Yorker Bronx. Deren Vortänzerin Flora Bloem wies nicht nur eine frappierende Ähnlichkeit mit der skandalumwitterten Josephine Baker auf, sondern sprang ähnlich dürftig bekleidet über die Bühnen Europas. Ebenso »rein zufällig« war Flora für einen Auftritt bei einer der legendären Soireen im Kaufhaus Hirschvogl am Rindermarkt mit Karl von Hamburg nach München weitergereist. Ganz ohne die anderen »Sunshine Girls«. Genauso »rein zufällig« hatte sie in den letzten Wochen noch eine Handvoll weiterer Auftritte im Deutschen Theater und im Kolosseum absolviert. Und das, obwohl man im biederen München Künstlerinnen wie Josephine Baker wegen ihres freizügigen Gebarens in Kostüm und Tanzstil jeden öffentlichen Auftritt untersagte. Die Bloem hatte offenbar sehr einflussreiche Fürsprecher in der Stadt.

Nun dämmerte Elsa, wer das sein konnte. Karl hatte die Bloem sogar bereits für den Elvira-Palast engagieren wollen. Die imposante Bühne im Kinosaal sollte künftig zusätzlich zu den Filmvorführungen mit einem spektakulären Varietéprogramm bespielt werden. Dabei wollte er Lily Mandel vom Kaufhaus Hirschvogl zur Unterstützung gewinnen. Die verfügte über beste Kontakte zu Künstlern, Musikern und Operettenstars – auch an Flora Bloem fand sie Gefallen – und war interessiert an einer ausreichend großen Bühne, um solche Auftritte entsprechend zu inszenieren. Die wiederum konnte Karl ihr bieten. Mit der Bloem würden sie für Furore sorgen. So etwas reizte Lily Mandel über die Maßen. Und Karl natürlich zuallererst.

Elsa schüttelte den Kopf. Wie hatte sie nur so schwer von Begriff sein können? New York und Flora Bloem – diese besondere Mixtur war ganz offensichtlich der Grund für Karls plötzliches Verschwinden! Eine schöne, junge Frau, die einen Tick anders war, und die Verbindung zu seinem geliebten New York ergaben ein explosives Gemisch, dessen Wirkung er sich nicht entziehen konnte und wollte. Dafür war er anscheinend sogar bereit, seine Familie aufzugeben und sein Leben in München an den Nagel zu hängen.

Für einen Moment raubte der Gedanke Elsa den Atem. Im nächsten wusste sie, dass es stimmte. All die vielen vermeintlichen Zufälle, die ihn immer wieder aufs Neue mit der Bloem zusammengebracht hatten, waren Beweis genug. Noch dazu, da das »Flitscherl« nicht, wie wohl ursprünglich geplant, nach Paris zu Josephine Baker und den anderen Kolleginnen verschwunden, sondern immer länger in München geblieben war. In aller Seelenruhe hatten Flora und Karl wohl abgewartet, bis er die Gelegenheit für günstig hielt, mit ihr durchzubrennen.

Das erklärte auch, warum Ted Russel von der New York Times sich am Nachmittag im Emelka-Haus so interessiert nach ihm erkundigt hatte. Wahrscheinlich wusste er über ihn und seine Pläne Bescheid. Sobald sie sich ausmalte, wie Karl womöglich im Beisein des amerikanischen Reporters dem Charme der Bloem erlegen war, wurde ihr noch schlechter. Und sie hatte sich eben noch dank Hitchcocks Angebot für schön und attraktiv gehalten!

Wie rücksichtsvoll, dass Karl vor seinem Verschwinden seiner Mutter wenigstens noch die Eröffnung des Elvira-Palastes ausgerichtet hatte. Als guter Sohn hatte er sie mit dem Trubel nicht allein lassen wollen. Was für ein Heuchler! Seine Frau und seine Kinder aber ließ er rücksichtslos im Stich. Um nicht vor Wut und Enttäuschung laut aufzuschreien, presste Elsa sich die Hand vor den Mund.

»Mama, was hast du?« Besorgt legte Jette ihr die kleine, warme Hand an die Wange.

»Ist es so schlimm?« Sidonie kuschelte sich wieder an ihre Seite.

»Gnädige Frau?« Trudi räusperte sich. Mit dem Tablett, auf dem sich ein Glas Wasser, das Aspirin sowie Kakao für die Kinder befanden, stand sie bereits am Bett. Offenbar hatte Elsa ihr Klopfen überhört.

»Stellen Sie das bitte hier ab.« Elsa deutete auf den Nachttisch.

Trudi tat wie geheißen. Dabei fiel die Schlafbrille zu Boden. Flink bückte Trudi sich, um plötzlich tiefer unters Bett zu greifen.

»Ein Brief für Sie.« Mit einem weißen Kuvert in der Hand, das an Elsa adressiert war, richtete sie sich wieder auf.

»Danke!« Hastig griff Elsa danach. Der musste ihr wohl beim Aufschütteln der Kissen hinuntergefallen sein. Hoffentlich hatten ihn die Kinder nicht gesehen.

Zu spät!

»Von Papa!«, jauchzte Jette in derselben Sekunde auf.

»Dürfen wir ihn lesen?«, bettelte Sidonie.

Auf Anhieb hatten sie Karls Schrift erkannt. Die Art, wie er das E in Elsas Namen malte und das S mit einem Kringel versah, war unverwechselbar.

»Der ist für mich«, stellte Elsa klar. »Deshalb steht mein Name drauf. Bestimmt schreibt Papa euch demnächst einen eigenen Brief. Nehmt eure Tassen mit dem Kakao und geht mit Trudi ins Kinderzimmer, die Gute-Nacht-Geschichte lesen. Nachher schaue ich noch einmal bei euch rein.«

Nur unter Protest befolgten die Mädchen ihre Anweisung. Ungeduldig wartete Elsa, bis sich die Schlafzimmertür hinter den dreien endlich schloss.

Ihre Finger zitterten, als sie den Briefbogen auseinanderfaltete. Hastig überflogen ihre Augen die Zeilen, die Karl in seiner verschnörkelten, von langen Ober- und Unterschwüngen geprägten Schrift verfasst hatte.

Es war wie befürchtet. Er hatte sie Flora Bloems wegen verlassen und befand sich längst mit ihr auf dem Weg nach Hamburg, um sich von dort nach New York einzuschiffen.

»Ich kann nicht anders. In Amerika zu leben war schon immer mein Traum, wie du weißt. Mit Flora ist mir jetzt die Frau begegnet, mit der ich das endlich wagen will. Trotzdem liebe ich Dich bis in alle Ewigkeit«, schloss seine Erklärung.

»Bitte verzeih. Du hast einen weitaus besseren Mann verdient als mich«, hatte er am unteren Rand in deutlich kleinerer und weniger schwungvoller Schrift hingekritzelt. Als wäre ihm das just im letzten Moment erst eingefallen.

Sie schnappte nach Luft, las den Brief noch einmal. Und noch ein weiteres Mal. Es änderte sich nichts. Karl hatte sie verlassen. Wegen einer anderen Frau. Einer jüngeren, hübscheren und exotischeren. Und weil er eine neue Herausforderung suchte – im fernen New York. Weil ihm das Leben an ihrer Seite offenbar zu langweilig geworden war.

Elsa war zutiefst verletzt. In derselben Sekunde wusste sie, welche Reaktionen von Zenzi, Ulla, Heinrich oder sonst wem zu erwarten wären: ungerechte Schuldzuweisungen, lähmendes Mitleid, boshafte Häme. Warum ließ Karl das zu? Er musste doch wissen, wem und was er sie aussetzte, wenn er sich heimlich aus dem Staub machte. Warum hatte er sie überhaupt verlassen? Nicht wenigstens noch mit ihr geredet, bevor er gegangen war? Bestimmt hätten sie eine Lösung gefunden. Vertraute er ihr so wenig, dass er ihr keine Chance geben wollte, sich zu seinen Plänen zu äußern? Dabei behauptete er doch, sie trotz allem »bis in alle Ewigkeit« zu lieben.

Und für diesen Feigling hatte sie einst alles aufgegeben! Abermals kochte Wut in ihr hoch. »Eines Tages wirst du das noch bitter bereuen«, hatte ihr Vater ihr bei ihrem Weggang aus Wien prophezeit. War es nun so weit? Zornentbrannt griff Elsa nach dem leeren Wasserglas und holte zum Werfen aus.

Auf halber Höhe hielt sie inne, ließ den Arm in Zeitlupe wieder sinken. Ein solches Verhalten war albern, einer intelligenten, selbstbewussten Frau wie ihr nicht angemessen. Karl hatte sie verlassen. Obendrein hatte er sie schmählich verraten. Aber es lag allein an ihr, wie sie damit umging.

Sie konnte sich in Sack und Asche hüllen und verzweifeln – oder ihrer Wut freien Lauf lassen.

Beides würde Karl nicht zurückbringen, ihr aber das Weiterleben erschweren.

Sie konnte jedoch auch einen klaren Kopf behalten und in ihrem Leben künftig nach eigenem Drehbuch selbst Regie führen.

Sie musste an die Mädchen denken. Auch um deren Zukunft und vor allem um ihr Erbe an den Donaubauer Lichtspielen ging es. Wenn sie Karls Mutter Zenzi mit ihrer Wut auf deren einzigen Sohn verärgerte, würde die sie hochkant rauswerfen. Dann hatte Schwager Heinrich freie Bahn, um Zenzi gegen sie aufzuhetzen. Eine schmutzige Schlammschlacht wäre die Folge. Im Interesse der Mädchen galt es, die zu verhindern. Die beiden durften nicht mehr als unbedingt nötig unter dem feigen Verschwinden ihres Vaters leiden.

Zögernd stellte sie das Glas auf den Nachtkasten zurück. Sie wusste, was sie zu tun hatte. Mit der Schauspielerei war es ein für alle Mal vorbei. Zumindest im herkömmlichen Sinn.

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4

Schon Viertel nach neun. Wo blieb Elsa nur? Fünfzehn Minuten war sie bereits über der Zeit. Auch Karl war noch nicht aufgetaucht. Heinrich ärgerte sich, musste jedoch vor den beiden Besuchern Ruhe bewahren. Sie sollten einen guten Eindruck von den Donaubauer Lichtspielen bekommen. Schlimm genug, dass sie mit Elsas und Karls Unpünktlichkeit konfrontiert wurden.

Völlig eigenmächtig hatte seine Schwägerin die beiden Reporter aus Berlin und New York, die sie am Vortag im Emelka-Haus kennengelernt hatte, zur Besichtigung in den Elvira-Palast eingeladen. Weder Zenzi noch ihm oder zumindest Fräulein Lotti hatte sie im Büro Bescheid gegeben. Aus purem Zufall hatte ihn sein morgendlicher Gang von seiner und Ullas Privatwohnung in der vierten Etage des Gebäudes auf einem Umweg ins Foyer geführt. Dort hatte er die wartenden Reporter entdeckt und von Elsas Einladung an sie erfahren. Geistesgegenwärtig hatte er so getan, als wäre er darüber informiert. Nicht auszudenken, was die zwei über die Donaubauer Lichtspiele gedacht oder gar später geschrieben hätten, wenn sie ohne Nachricht mutterseelenallein im Foyer versauert wären!

Was fiel Elsa nur ein? Und warum bremste Karl sie nicht? Es war Heinrichs Aufgabe, den Kontakt zur Presse zu pflegen. Typisch für die beiden, ihn wieder einmal zu übergehen. Seit fast acht Jahren arbeitete er jetzt bei den Donaubauer Lichtspielen. Seit die deutsche Filmindustrie nach dem Großen Krieg so richtig ins Rollen gekommen war, war er dabei, hatte die Krise 1923 durchlitten und den Aufschwung ab 1924 miterlebt.

Wie die meisten in der Branche kam er ursprünglich aus einem ganz anderen Metier. Vor seiner Zeit als Soldat hatte er in seiner Heimatstadt Hannover in der Verwaltung gearbeitet, was durchaus von Vorteil war, wenn es um die organisatorischen Belange der Filmtheater ging. Die Chance, nach dem Krieg dank seines Frontkameraden Karl etwas vollkommen Neues zu beginnen und einen dicken Strich unter sein bisheriges Dasein zu ziehen, hatte er voller Begeisterung ergriffen. Dass die Donaubauer Lichtspiele mittlerweile ebenso rasant wie die anderen großen Münchner Kinodynastien und Filmproduktionen wuchsen, war genauso sein Verdienst wie das seines Freundes und Schwagers Karl. Als Gründerin und bislang noch alleinige Besitzerin hatte Zenzi zwar weiterhin das letzte Wort bei allen Entscheidungen, längst aber war sie nicht mehr auf der Höhe der Zeit, was die technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen betraf. Das hatten Karl und er weitaus besser im Blick, wie der gelungene Start des Elvira-Palastes bewies, den sie gemeinsam geplant und realisiert hatten.

Umso unverständlicher, dass Karl offenbar das wichtige Treffen mit den beiden Reportern und damit die einmalige Gelegenheit versäumte, den Erfolg über die Münchner Stadtgrenzen hinaus im besten Licht zu präsentieren. Ging es ihm so schlecht? Warum gab Elsa nicht wenigstens telefonisch Bescheid, dass sie nicht kamen? Voller Sorge runzelte Heinrich die Stirn.

»Ist Ihr Schwager immer noch krank?«, erkundigte Hans Kaschinski sich, als könne er seine Gedanken lesen.

»Er ist zwar auf dem Weg der Besserung, aber leider noch nicht so ganz auf dem Damm. Deshalb lässt er sich vielmals entschuldigen«, schwindelte Heinrich und hoffte, dass Karl im selben Moment nicht doch noch auftauchte und seine Worte Lügen strafte.

»What a mess!«, bedauerte Ted Russel. »Zu gern hätte ich ihn wiedergesehen. Und jetzt das. Aber wenigstens kann ich Ihren spektakulären Kinopalast sehen, von dem mir Ihre Schwägerin gestern so begeistert erzählt hat. Eine faszinierende Frau! Karl hat unverschämtes Glück.«

»Wo bleibt sie nur?«, knurrte Kaschinski übellaunig und zückte seine Taschenuhr. »Das Elvira ist heute nicht mein einziger Termin in München.«

»Lassen Sie uns mit der Besichtigung beginnen. Natürlich draußen, damit Sie den richtigen Eindruck bekommen«, schlug Heinrich vor und wies einladend zur Tür.

Kaschinski war ihm auf Anhieb unsympathisch gewesen. Er war ein verblüffend zierliches Männlein, das ständig in Bewegung war, alles einem forschenden Blick unterzog, wobei ihm nicht die geringste Kleinigkeit zu entgehen schien. Ted Russel mit seiner Bärenfigur wirkte dagegen geradezu gemütlich und vertraut. Genau das aber ließ Heinrich auf der Hut bleiben. Mit solchen Typen hatte er Erfahrung. Die durfte man nicht unterschätzen.

»Was wird Elsa dazu sagen?«, hakte Russel zu seinem Verdruss auch schon nach.

»Sie wird sich uns anschließen, sobald sie eintrifft«, erwiderte Heinrich. »Wahrscheinlich gab es einen Zwischenfall mit der Tram. Sie fährt am liebsten mit der Elektrischen hierher. Leider gibt es dabei oft enorme Verspätungen.«

Um weiteren Einwänden zu entgehen, eilte er in flinken Schritten hinaus.

 

Das Elvira war wirklich ein Palast. Am imposantesten wirkte er aus einigen Metern Entfernung. Daran tat auch der Nieselregen keinen Abbruch, der seit den frühen Morgenstunden die Stadt in einen feuchtwarmen Schleier hüllte.

»Achtung!« Kaum setzte Heinrich den Fuß auf die Fahrbahn, um zum Grünstreifen in der Straßenmitte zu gelangen, riss Kaschinski ihn am Jackettärmel zurück. Im nächsten Moment brauste ein Lastauto dicht am Bürgersteig vorbei. Pfützenwasser spritzte auf.

»Haben Sie das gesehen?«, entrüstete Kaschinski sich. »Nicht einmal abgebremst hat der Idiot. Mit Vollgas ist er auf und davon. Ob das ein illegaler Waffentransport von der Schwarzen Reichswehr gewesen ist? Davon gibt es doch täglich welche in eurer faschistischen Stadt. Früher oder später kommt es zu einem neuen Putsch der Nazis. Waffen haben die genug gebunkert.«

»Nur, weil vor einigen Monaten ein solcher Handel aufgeflogen ist, schafft hier nicht gleich jedes Lastauto Waffen für die Schwarze Reichswehr ran«, stellte Heinrich klar. »Die politische Lage hat sich längst beruhigt.«

Flink nutzte er die nächste Lücke im Straßenverkehr, um seine Besucher unbeschadet zum Grünstreifen zu geleiten, der die breite Spur der Sonnenstraße teilte. Von den kahlen Ästen einer Platane tropfte es auf ihre Schultern und Hüte, die feinen Lederschuhe drohten im aufgeweichten Rasen zu versinken.

»Die politische Lage hat sich also beruhigt?« Mit einem höhnischen Lachen griff Kaschinski Heinrichs Bemerkung auf. »Da hab ich anderes gehört. Ungehindert feiert Hitler die sogenannte Standartenweihe der SA im Bürgerbräukeller, und hinterher marschieren die Braunen unter ›klingendem Spiel‹ zu Hunderten quer durch die Stadt. Die Polizei kontrolliert lediglich, ob sie Waffen tragen. Ein echter Triumphzug für Hitler und seine Schergen – mit Billigung von ganz oben! Wenn man sich dann noch anschaut, welchen Krawall die SA in den Theatern inszeniert, damit bestimmte Stücke vom Spielplan verschwinden, und welche Filme oder Bücher im vorauseilenden Gehorsam an der Isar gar nicht erst durch die Zensur kommen, begreift man sehr gut, was in der sogenannten Kunststadt wirklich gespielt wird.«

»Hier passiert nichts gegen das Gesetz«, beharrte Heinrich trotzig. Es überraschte ihn, wie gut Kaschinski über die jüngsten Ereignisse in München informiert war. »Die Polizei ist stets zur Stelle, um für Ordnung zu sorgen. Innenminister Stützel hat die Lage im Griff. Deshalb hat er auch das Rede- und Auftrittsverbot für Hitler erlassen, das im Übrigen strikt eingehalten wird.«

»So strikt, dass Hitler einfach einen anderen seine Rede halten lässt und ihm so eine lange Nase dreht«, knurrte Kaschinski.

Heinrich schüttelte den Kopf. Es war zwecklos, den Berliner eines Besseren zu belehren. Dessen Urteil über München stand ohnehin schon fest.

»Come on, guys! What’s the matter?«, schaltete Russel sich betont munter ein.

»Everything is alright!«, beeilte Heinrich sich auf Englisch zu versichern und hoffte, Russel würde die Unterhaltung dennoch weiter auf Deutsch bestreiten. Eine längere englische Konversation lag außerhalb seiner bescheidenen Sprachkenntnisse. Um davon abzulenken, zeigte er zu dem imposanten Gebäude hinüber.

»Unser Filmtheater ist das beste Beispiel, wie sehr die ›Kunststadt München‹ floriert. Die hiesige Filmindustrie ist dabei, der UFA in Berlin den Rang abzulaufen. In den Studios in Geiselgasteig wird gedreht, was das Zeug hält. Sogar ausländische Produktionen wie Der Bergadler kommen dorthin, wie Sie spätestens seit gestern wissen.«

»Immer nur Bergfilme«, monierte Kaschinski von Neuem. »Zur Abwechslung allenfalls noch irgendwelche Historien- oder Kriegsschinken wie Unsere Emden oder ähnlicher Schwulst. Das lullt das Publikum ein. Mit Absicht natürlich. Wenn man sich dagegen ansieht, was Regisseure wie Fritz Lang oder Friedrich Wilhelm Murnau aktuell an Zukunftsweisendem …«

»Natürlich beschränken wir uns in unserem Programm nicht allein auf die hiesige Produktion«, entgegnete Heinrich. »Das wäre zu eng gedacht. Murnaus Faust haben wir nur wenige Tage nach der Uraufführung als Premiere gezeigt. Das Publikum war hellauf begeistert von Emil Jannings’ schaurig düsterem Mephisto. Stehend haben sie ihm applaudiert. Natürlich war er an dem Abend persönlich anwesend. Regelrecht aufgedrängt hat er sich, weil es ihm so viel bedeutet hat, den Film bei uns im Elvira zu präsentieren.«

Ehe Kaschinski Luft holen und ihm womöglich erneut widersprechen konnte, begann Heinrich zu dozieren: »Unbestreitbar erlebt das Kino gerade seine beste Zeit. Wichtig für das richtige Erleben der großartigen Werke ist natürlich die Umgebung, in der das Publikum sie sieht. Ein luxuriöses Lichtspieltheater wie das Elvira bietet den Zuschauern höchstes Vergnügen mit allem denkbaren Komfort. Hierher strömen die Produzenten, Regisseure und Akteure, um ihre neuesten Kunstwerke angemessen zu präsentieren. Hierher kommt das geneigte Publikum, wenn es sich einen schönen Abend gönnen will. Ganz bewusst sage ich ›geneigtes‹ Publikum. Kino und Film haben die höheren Schichten erobert, wie man an den aufwendigen Inszenierungen der Filmpremieren sieht. Das sind mittlerweile gesellschaftliche Ereignisse, zu denen die besten Kreise erscheinen. Die Zeiten der lausigen Bumskinos in den ärmlichen Vorstädten ist vorbei. Drittklassige Filme in drittklassigen Spelunken für drittklassige Zuschauer, die den Film nicht als Kunstwerk begreifen, gehören der Vergangenheit an.«

Kaschinski kommentierte Heinrichs Ausführungen mit einem verächtlichen »Warten wir’s ab!«.

»Great.« Die Miene des Amerikaners dagegen hatte sich aufgehellt, und er klopfte Heinrich auf die Schulter.

»Bei der Fassadengestaltung des Kinos aber liegen uns leider immer noch sehr enge Fesseln an.« Heinrich machte eine ausholende Armbewegung, um den von der Sonnenstraße über Eck bis in die Schwanthaler Straße reichenden, insgesamt fast achtzig Meter langen und über vier Stockwerke hohen Palast zu umfassen. Natürlich war ihm klar, welch schamlose Untertreibung das gerade gewesen war. Allen engstirnigen Vorgaben der Lokalbaukommission zum Trotz war dem Architekten das Kunststück gelungen, das Elvira zwar unauffällig in die Straßenfront einzureihen, ihm aber dennoch genügend Individualität zu verleihen, um es schon von Weitem daraus hervorstechen zu lassen. Die geschickte Platzierung von betont schlicht gestalteten Säulen, Bögen, Figuren, Ornamenten und Lampen trug das Ihre dazu bei. Der Clou war der über Eck angelegte Haupteingang mit den großzügigen, messinggerahmten Glastüren und dem ebenfalls gläsernen Vordach. Darauf prangte in schnörkelloser Goldschrift »Elvira-Palast«. So vermeintlich bescheiden die Fassade sich gab, so offen sandte sie die Botschaft aus, dass im Innern nicht an Pracht gespart worden war.

»Awesome!«, zeigte Russel sich beeindruckt, schob den Hut in den Nacken und grinste.

»Die Reklame ist eher dürftig«, murrte Kaschinski. »Offenbar sollen nur Eingeweihte erkennen, dass es sich bei dem Gebäude um ein Kino handelt. Bei Dunkelheit wird das Ganze hoffentlich durch Flutlicht ins rechte Licht gerückt. Nicht umsonst heißt es ja ausdrücklich Lichtspieltheater.«

»Ein frommer Wunsch«, entschlüpfte Heinrich, bevor er mit süffisantem Schmunzeln ergänzte: »Die Münchner Kinogänger sind nicht dumm. Die wissen, wo sie gute Filme anschauen können. Nächtliche Dunkelheit wie auch zurückhaltende Architektur halten sie gewiss nicht davon ab.«

Russels Blick schweifte interessiert über die weitere Umgebung, blieb an der bauchigen Silhouette der Matthäuskirche mit dem schmalen, hohen Turm hängen, während Kaschinski mit seinen kurzsichtigen Augen den noch halb vom Baugerüst verdeckten Phoebus-Palast auf der gegenüberliegenden Seite der Sonnenstraße fixierte.

Genau das hatte Heinrich vermeiden wollen. In wenigen Wochen wurde das Kino der Berliner Phoebus-Film eröffnet. Schon jetzt kursierten Superlative über Superlative zu dem Haus und seiner technischen Ausstattung. Wenn die wohl auch kaum an das Elvira heranreichte, stellte das Filmtheater dennoch eine ernsthafte Konkurrenz in allernächster Nachbarschaft dar.

Kaschinski ahnte das wohl – und grinste. »Der Phoebus-Palast wird Ihrem Elvira in äußerer Bescheidenheit und innerer Größe wohl kaum nachstehen. Sogar ein eigenes Restaurant soll er bekommen.«

»Aber erst im nächsten Sommer«, stellte Heinrich klar. »Bei uns ist die Restauration seit dem ersten Tag in Betrieb. Ebenso die große Bar, an der Ihnen alle Cocktails der Welt gemixt werden.«

»Ich sehe schon, der Film ist bei Ihnen Nebensache, das Kino mehr ein Vergnügungs- denn ein Filmpalast.« Kaschinskis Grinsen wurde noch breiter. »Aber was bleibt Ihnen übrig, wenn die Berliner Konkurrenz mitten in Ihrer großartigen Kunststadt so prächtig gedeiht.«

»Let’s go inside«, überging Heinrich die neuerliche Stichelei. Erleichtert registrierte er, wie bereitwillig Russel und Kaschinski ihm folgten. Die Neugier auf das Innere des Elvira, auf das sie nur einen ersten flüchtigen Blick hatten werfen können, war doch groß.

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5

Dieser aufgeblasene Schlawiner! Zenzi drückte sich die Nase an der Fensterscheibe platt, um von ihrem Büro im dritten Stock aus zu verfolgen, wie Heinrich die beiden Männer erst auf den Grünstreifen in der Sonnenstraße und dann wieder zurück ins Elvira führte. Lotti, die gute Seele aus dem Vorzimmer, hatte recht: Ihr Schwiegersohn scharwenzelte ganz allein um die wichtigen Besucher herum. Das hatte Gustl, der sich als Ingenieur um alles Technische im Haus kümmerte, ihr per Haustelefon bereits gemeldet. Zwei Reporter seien da, hatte er gesagt, einer aus New York, der andere aus Berlin. Heinrich habe sie unter seine Fittiche genommen, nachdem Elsa sie offenkundig versetzt habe.

Schlimm genug, dass ihre Schwiegertochter die beiden Herren eigenmächtig zur Besichtigung ins Elvira eingeladen hatte und dann aus unerfindlichen Gründen nicht rechtzeitig auftauchte, ohne irgendjemandem Bescheid zu geben, befand Zenzi. Noch schlimmer, dass ihr Sohn Karl offenbar zu krank war, um sich selbst um die Besucher zu kümmern. Dass jetzt aber Heinrich sich als Herr über Leinwand, Lichter und Luxus aufspielte, weil die beiden anderen wie vom Erdboden verschluckt waren, schlug dem Fass den Boden aus. Der war doch kein Mann des Kinos!

Elsa und Karl teilten wenigstens Zenzis Leidenschaft für das, womit die Donaubauer Lichtspiele seit Jahr und Tag ihr Geld verdienten: den Menschen Träume auf die Leinwand zu zaubern, mit denen sie den Mühen des Alltags für eine Weile entfliehen konnten. Und das in einer Umgebung, die ihnen behagte. Dafür hatten Elsa und Karl anfangs die blödesten Aufgaben in Kauf genommen und die ärgsten Zumutungen ertragen. Sogar auf den Weg nach Wien hätte Elsa sich vor ein paar Jahren gemacht, als es ganz eng um die Donaubauer Lichtspiele bestellt war und die Schließung der Ladenkinos unausweichlich schien. Ausgerechnet ihre Eltern hätte sie um das nötige Geld angefleht – und das, obwohl sie genau wusste, was die vom Metier ihres Ehemanns hielten. Zum Glück hatte eine überraschend günstige Entwicklung die Bettelei beim früheren kaiserlichen Hofrat in letzter Minute überflüssig gemacht.

Zenzi schnaubte. In all den Jahren, die Heinrich nun schon bei ihnen war, hatte er nie eine ähnliche Opferbereitschaft gezeigt. Er brannte weder für die Schatten auf der Leinwand noch für die technischen Raffinessen des Elvira, die das Filmschauen in neuen Dimensionen ermöglichte. Das Einzige, worauf er sich verstand, war, dass die Buchhaltung am Ende des Tages stimmte und auch sonst alles mit rechten, das hieß seiner Meinung nach korrekten Dingen zuging. Er war und blieb der humorlose Hannoveraner Paragrafenhengst, als der er nach dem Großen Krieg in München aufgetaucht war.

Weiß der Geier, wie es dazu gekommen war, dass ihr Sohn ausgerechnet Heinrich in den Schützengräben der Westfront zu seinem besten Kameraden auf Leben und Tod auserkoren hatte. Genauso war es Zenzi ein Rätsel, was ihre Tochter an dem undurchdringlichen Burschen gefunden hatte, dass sie ihn auf der Stelle hatte heiraten wollen. Erklärt hatte Ulla das niemandem. Mit Zenzi redete sie seit viel zu vielen Jahren sowieso nur mehr das Notwendigste. Da Karl für Heinrich bürgte, war es Zenzi recht gewesen, dass er bei ihnen einstieg. Eine zusätzliche Hand, die kräftig mit anpackte, konnten sie immer gebrauchen. Obendrein war damit die Sorge um Ullas seltsame Traurigkeit erledigt. In Heinrichs Gegenwart war sie erfreulicherweise wieder etwas aufgeblüht.

Gelegentlich aber nahm Heinrich sich zu viel heraus. So wie jetzt mit den beiden Reportern, die ihn womöglich für den alleinigen Direktor der Donaubauer Lichtspiele hielten. Das war ihnen auch nicht vorzuwerfen, wenn kein anderer auftauchte, der das richtigstellte. Also beschloss Zenzi, die Sache wieder einmal selbst in die Hand zu nehmen, um Schlimmeres zu verhindern.

In Windeseile rauschte sie aus dem Büro und stürzte die Treppen hinunter. Dabei umklammerte sie die schweren Halsketten auf der Brust, um sich durch ihr munteres Klirren nicht vorzeitig zu verraten. Gerade noch rechtzeitig erreichte sie den Treppenabsatz im ersten Stock und beobachtete, wie Heinrich und seine beiden Gäste durch die blank polierten Glastüren das Vestibül betraten. Wie von Geisterhand setzten sich im selben Moment die Wasserspiele in Gang.

In Wahrheit zeichnete die treue Seele Gustl als Hüter der Zauberkunst dafür verantwortlich.

Erst gelb, dann grün, rosa und schließlich blau flammten die verdeckt angebrachten Lampen im Springbrunnen auf, um die durch die Luft tanzenden Fontänen in immer neue Farbmuster zu tauchen, bis schließlich die ebenfalls verborgene Beleuchtung an den Wänden und Treppenaufgängen für weitere Effekte sorgte. Die reichlich mit Marmor, Stuck und goldgerahmten Spiegeln verzierten Mauern entfalteten ihre ganze Pracht, auch der schachbrettartig geflieste Boden leuchtete in wechselnden Farbmustern.

Nur widerstrebend lösten sich die beiden Besucher von dem Wunder, doch Heinrich hatte es auf einmal eilig, sie in den riesigen Kinosaal mit seinen zweitausendvierhundert Plätzen in Parkett und Rang zu geleiten. Diagonal verlief der in dem Gebäudekomplex, um überhaupt auf die imposante Größe zu kommen. Zenzi vermutete, Heinrich wollte wie zufällig mit den Reportern in die Vormittagsprobe des fünfzigköpfigen Hausorchesters platzen. Raffiniert war er gelegentlich doch, das musste sie ihm lassen. Und trotz aller Paragrafenreiterei hatte er schnell gelernt, worauf es im Kinogeschäft ankam: zur rechten Zeit für die richtigen Illusionen zu sorgen.

Die Tür zum abgedunkelten Zuschauerraum schloss er dennoch einen Tick zu spät. Zenzi gelang es gerade noch rechtzeitig, Hand und Fuß dazwischenzuklemmen. Schon wurde aus den Tiefen des beleuchteten Orchestergrabens ein dramatisches Streicher-Glissando vernehmbar, das am Abend bei der Wiederaufnahme des legendären Murnau-Films Der letzte Mann die Kamerafahrt aus der Perspektive des Portiers durch die verschiedenen Etagen des Hotels untermalen sollte. Mit dem Emporschrauben der Töne breitete sich auf Zenzis Gesicht ein überlegenes Lächeln aus.

»Die Lotti meint, du hättst Besuch«, stellte sie mit ihrer rauen Stimme fest, die verriet, wie viele Jahrzehnte sie schon dem Genuss von Zigarren frönte. »Wo steckt die Elsa? Der Gustl sagt, die Herren hätten zuerst nach ihr gefragt. Also san’s eigentlich ihre Gäst und ned deine.«

Vergeblich legte Heinrich den Zeigefinger über die Lippen, um sie um Ruhe zu bitten. Die in der Lautstärke anschwellende Musik stachelte sie jedoch erst recht an. Schwungvoll stieß sie die Tür auf und füllte mit ihrer stämmigen Figur fast den ganzen Rahmen aus.

Sie war sich bewusst, wie wenig ihre Erscheinung zum Prunk des Elvira-Palastes passte. Dem wirtschaftlichen Erfolg ihres Kinounternehmens zum Trotz war sie ein Geschöpf aus der Schicht der kleinen Leute geblieben. Ihr eigentliches Reich waren die einfachen Ladenkinos in den Seitenstraßen und Vorstädten, mit denen sie vor dem Großen Krieg ihr Geld gemacht hatte.

Für eine Frau ihres Alters war sie obendrein ungewöhnlich groß. Das versuchte sie mit schlichter grauer Kleidung und flachen Schuhe mehr schlecht als recht zu kaschieren. Weiblicher Schick sah anders aus, lässige Eleganz sowieso. Ihr Hang zu ausholenden Gesten wie auch ihr dunkles Lachen, das sie bei jeder Gelegenheit hören ließ, sprachen jedem Bemühen um Unauffälligkeit Hohn, zumal es stets die langen, dicken Ketten zum Klimpern brachte, die sie über dem üppigen Busen trug. Sie waren das einzig sichtbare Zugeständnis ans Weibliche, wenn auch nicht an ihre Zugehörigkeit zu besseren Kreisen, handelte es sich doch eher um billigen Tand von der Dult als um auserlesene Schmuckstücke vom Goldschmied.

»Wo bleibt die Elsa nur?«, bohrte sie nach und suchte mit den Augen die langen Zuschauerreihen ab. »Sonst is’ sie allweil pünktlich. Und wo steckt überhaupt der Karl? Isser noch krank? Kopfschmerzen, sagt die Lotti, hat er. Ganz was Neues. So was hat er noch nie gehabt.«

»Elsa lässt sich entschuldigen«, schwindelte Heinrich, wie sie ihm an der Nasenspitze ansah. »Sie kommt später. Karl geht es wohl wirklich schlecht. Deshalb kümmere ich mich vorerst um die beiden Herren aus Berlin und New York.«

»Aus New York? Ein Amerikaner also? Wie willst mit dem reden? Kannst neuerdings Englisch? Oder probierst’s ganz weltläufig auf Chinesisch?«

Aus Zenzis Kehle brach ein amüsiertes Glucksen hervor.

»Willst du das lieber übernehmen?«, gab Heinrich barsch zurück.

»Mit Händ und Füß kann ich allweil noch besser reden als wie du mit ’m Maul.«

Zenzis Glucksen verwandelte sich in ein kehliges Lachen und brachte die Ketten auf ihrer Brust nun doch zum Beben. Ein Paukenschlag aus dem Orchestergraben markierte das Erreichen des vorläufigen Höhepunkts. Nach einer kurzen Pause setzte ein liebliches Geigenspiel ein. Heinrich breitete die Arme aus, als wollte er die Besucher vor ihr verbergen.

Damit weckte er erst recht ihre Neugier. Sie reckte sich und entdeckte den Größeren, Stämmigeren der beiden, den sie gleich für den Amerikaner hielt. Völlig versunken in die auch im Dämmerlicht gut erkennbare Pracht aus Marmor, Palisanderholz, vergoldetem Stuck und rotem Samt, sank er auf einen der Polstersessel. Der andere, Zierlichere zeigte sich von dem Luxus gänzlich unberührt. Zu ihrem Entsetzen begann er gar an einer der Säulen zu kratzen, als wollte er das Material prüfen. Typisch Berliner Schlauschädel.

»Der Marmor is’ echt«, rief sie ihm zu. Ungeduldig zwängte sie sich an Heinrich vorbei zu dem Rüpel, der vor ihr zu einem zierlichen, gut gekleideten Zwerg mit einer lächerlich runden Brille auf der spitzen Nase schrumpfte. Nichtsdestotrotz grinste er sie überheblich an. Eine ungehobelte Frau wie sie an der Spitze eines solchen Palastes, das kam ihm gewiss recht, um seine Vorurteile über München zu bestätigen. Dem aber würde sie es zeigen. Für den zwang sie sich sogar glatt zum Hochdeutsch und heuchelte Begeisterung für all den überflüssigen technischen Kokolores, auf dem der Karl bestanden hatte. Hauptsache, dem Berliner quollen vor Bewunderung die Augen aus den Höhlen.

»Anders als bei euch in Berlin ist bei uns alles echt, und nix is’ fauler Zauber.« Energisch warf sie das unordentlich frisierte dunkle Haar zurück und klopfte mit dem gekrümmten Zeigefinger gegen die Wandvertäfelung. »Palisanderholz, Stuck, Messinglampen, Seidentapeten, feinster Velvet für Polster und Vorhänge und oben an der Decke sogar knapp zwanzigtausend Glühlampen, die eine Leuchtstärke von rund hunderttausend Kerzen haben. Einen Moment, bittschön!«

Sie hob die Hand und schlüpfte flink zum Saal hinaus. Zum Glück erwischte sie Gustl gleich hinter der Tür, um ihm Anweisungen zu erteilen. Der staunte nicht schlecht, was sie von ihm wollte. Voller Vorfreude eilte sie zum seitlichen Bühnenaufgang. Halb verborgen vom Vorhang, hatte sie beste Sicht auf das Schauspiel im Saal.

Die Beleuchtung an der mitternachtsblau gestrichenen Decke flammte auf. In gut dreizehn Meter Höhe wölbte die sich über den Zuschauerraum. Die winzigen Glühlampen leuchteten wie Sterne am nächtlichen Firmament. Die Streicher wechselten in ein Decrescendo, das dem allmählichen Verklingen der Töne unter dem künstlichen Himmelszelt etwas Sphärisches verlieh.

»Amazing!«, begeisterte sich der Amerikaner und sprang vom Sessel, um im Stehen zu applaudieren. Sogar der Berliner schien einen Moment verzückt, bevor er wieder die buschigen Augenbrauen über den Brillenrand nach oben zog.

Parallel zur leise abschwellenden Musik erlosch das Licht. Auch die Soffittenlampen an den Wänden gingen aus, und der gewaltige Saal versank erneut in geheimnisvoller Dämmerung. Einzig im Orchestergraben brannte Licht. Flöten gesellten sich zu den Geigen, ebenso stiegen die Pauken erstaunlich zart auf die neue Melodie ein.

»Einen Moment, bittschön. Das ist noch lang nicht alles.«