Das liebt nicht jeder - Maria M. Koch - E-Book

Das liebt nicht jeder E-Book

Maria M. Koch

0,0

Beschreibung

Nach Teil 1 "Das kann nich jeda, sagt mein Bruder Benni, der mega coole Behindi" das zweite Buch über Benni, das Erwachsenwerden und die Suche nach einer Freundin. Der 21-jährige Benni lebt in einem Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung. Er sehnt sich nach Nähe und Zuneigung, doch seine impulsiven Versuche, jede hübsche Frau für sich zu gewinnen, führen wiederholt zu Schwierigkeiten mit den Betreuern. Dann trifft er Sunny in einer Wohngemeinschaft in München. Sie ist nicht nur attraktiv, sondern lässt sich auch darauf ein, mit ihm zu schmusen. Endlich fühlt Benni sich geliebt, doch bald merkt er, dass Sunny etwas Entscheidendes fehlt: ein eigener Geruch. Als sie kein Mitgefühl für Bennis Trauer um den verstorbenen Vater zeigt, wird Benni von seinen Emotionen überwältigt. Ein verhängnisvoller Unfall passiert, und Benni flüchtet. Findet Benni heraus, was er in einer Beziehung sucht und was ihm wirklich wichtig ist? Im Anhang des Romans finden Interessierte nützliche Infos zu den Themen Beziehung, Sexualität und Inklusion und entsprechende Kontakte für Angehörige und Betreuer*nnen von Menschen mit geistiger Behinderung.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 246

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Anhang

1

Es klopft an der Tür. »Benni?«

»Nein. Bin nicht da. Lass mich!«

Die Tür öffnet sich langsam und die Hakennase von Olga schiebt sich zusammen mit einem ihrer fliederfarbenen Pantoletten in den Spalt. »Darf ich herein kommen?«

»Nein«, aber da sieht er seine Betreuerin schon im Türrahmen stehen. Immer macht sie, was sie mag, egal, was er sagt. Die Falten zwischen seinen Augenbrauen vertiefen sich und er verzieht die Lippen zu einer Schnute.

»Benni, wir müssen reden. Das, was heute im Betrieb los war, ist nicht okay. Wenn du dich nicht zusammenreißen kannst, dann ...«

»… muss ich ins Gefängnis, ich weiß.«

»Ins Gefängnis?« Sie kommt herein und setzt sich zu ihm auf die Bettdecke. Benni senkt den Kopf unter der ausgebleichten Kappe und rückt von Olga weg, bis sein Arm die kühle Wand berührt.

»Wer sagt denn so was? Ins Gefängnis kommt man nur, wenn man …« Olga seufzt. »Ach was. Es ist ja nicht wirklich was passiert, aber du darfst einfach nicht … In der Werkstatt wird gearbeitet und sonst nichts, verstehst du?«

Er schnauft wie der Stier, den er einmal im Fernsehen gesehen hat. Den haben die Leute eingefangen und weggebracht. Andreas vom Zimmer nebenan behauptet, dass die Polizei Benni in ihrem Bus mit den vergitterten Fenstern abholt. Weil Olga nicht wissen kann, was wirklich vorgefallen ist, sagt er: »Das war doch bloß in der Pause.«

»Ja und? Das wollen die Betreuer auch da nicht. Du musst dich anständig betragen. Das ist wichtig.«

»Und reden darf ich auch nix bei der Arbeit«, fügt er mit heiserer Stimme hinzu und schiebt die Lippen vor. Durch die Terrassentür zieht der Geruch von gegrilltem Fleisch herein. Plötzlich hat er Angst, nichts davon zu bekommen, wenn Olga weiter sauer auf ihn ist. Also sagt er einfach »Okay«.

Sie steht auf. »Dann hol ich uns jetzt was zu essen. Tut mir Leid, aber du bleibst heute im Zimmer. Später machen wir eines von den Brettspielen, abgemacht?«

Er streckt ihr die Zunge heraus, was sie zum Glück nicht mehr sieht. Als er aufs Klo muss, begegnet ihm draußen auf dem FlurAndreas. Der hat seine nackte Barbie in der Hand. Benni geht ganz nahe an ihm vorbei und knurrt wie ein gefährlicher Hund. Da dreht Andreas sich um und rennt den Gang entlang. Zufrieden atmet Benni tief ein und wieder aus. Wenigstens Andreas hat Angst vor ihm. Das ist gut. Er ist nicht mehr sein Freund, seitdem er das mit dem Gefängnis gesagt hat.

2

Als Benni zurückkommt, trifft er vor der offenen Zimmertür auf Olga.

»Schau, was ich mitgebracht habe«, sagt sie und zeigt ihm Pappteller mit Fleisch und Bratkartoffeln.

Er greift danach und tritt über die Schwelle. Mit dem Fuß schubst er die Tür hinter sich zu, stellt rasch die Teller ab und dreht den Schlüssel um.

»Benni, warum schließt du ab? Das ist für uns beide. Ich hab das Besteck …«

Er legt den Zeigefinger auf die Lippen und wartet, bis sie weg ist und sein Kater aus dem Schrank kommt. »Herr Hasenwanz. Da bist du ja. Ich hab ganz viel Fleisch für uns.«

Das Tier maunzt ihn an. Olga mag den Kater wegen seiner Haare nicht, die sie niesen lassen. Damit sie beim Essen nicht stört, schließt Benni auch die offene Terrassentür und zieht den Vorhang vor. Dann hebt er Herrn Hasenwanz zu sich auf das Bett. Er hat seit seinem Unfall nur noch einen Stummelschwanz und kann nicht mehr gut springen. Die grünen Katzenaugen richten sich für einen Moment auf Benni, bevor sie sich schließen und das Schnurren einsetzt. »Ja, ich weiß schon, was du willst.« Der Kater reibt den weißhaarigen Kopf an Bennis Gesicht. Der hebt den Körper hoch und bedeckt den weichen Bauch, der wie Vanillepudding riecht, mit einer Million Küsse.

Dann macht sich das Tier gierig über das Fleisch her, das Benni abgeleckt auf den Teller zurückgelegt hat. »Du hast Hunger, okay? Die Mäuse sind zu schnell für dich. Aber ich bin da für dich. Mein lieber Herr Hasenwanz.« Er streicht über das Fell und lächelt.

Damals hat Benni den Kater mit dem blutenden Rest seines Schwanzes mit ins Wohnheim genommen und über einen Namen für ihn nachgedacht. Weil er unmittelbar aufeinander treffende Konsonanten nicht aussprechen konnte, ließ er sie weg. »Jetzt sprech ich gut, weil ich immer zu Frau Düren nach München fahre, aber dein Name bleibt, okay?«

Später sitzt er im Sessel mit Herrn Hasenwanz auf dem Schoß und streichelt das silbergraue Fell. Die Hand bewegt sich wie in einem stummen Tanz, dem sein Blick folgt. »Ich bin traurig, Herr Hasenwanz. Weil ich behindert bin. Ich mag das nicht.« Es ist still im Zimmer, nur der FC Bayern-Wecker tickt laut und irgendwo im Stockwerk fällt eine Tür ins Schloss. Bennis Blick streift die weiße Wand hinter seinen CD-Türmen. Beim Einzug bat er darum, die Wände in seiner Lieblingsfarbe zu streichen, doch der Hausmeister lehnte es ab, obwohl Mama einen Kübel roter Farbe ins Wohnheim brachte.

»Ich darf nix entscheiden und weiß nix und hab keine Freundin. Und du springst nicht mit ohne Schwanz.« Nach einem tiefen Atemzug sagt Benni: »Wir dürfen nix machen. Aber egal. Wir sind Freunde und hören, wenn Olga kommt und uns stört. Immer will sie mit mir reden und üben. Ich will aber nicht.«

Der Kater richtet seine Augen auf Bennis Gesicht und gibt ein Maunzen von sich.

»Hörst du? Sie kommt. Gleich klopft sie und ruft. Geh in den Schrank und sei still.«

»Benni? Machst du bitte die Tür auf?«

Er ist längst aufgesprungen, um den Schlüssel umzudrehen. Olga öffnet die Tür und tritt ein. Nach einem flüchtigen Blick durch das Zimmer streicht sie den Bettbezug glatt und setzt sich. »Erzähl mal. Was genau war heute los im Betrieb?« Ihre Nasenflügel zucken. »Benni? War hier eine Katze? Die an der Leine, mit der ich dich gesehen hab?«

Er schüttelt den Kopf und schnieft laut. »Die kommt vielleicht nicht mehr.«

»Das tut mir Leid, aber ich halte es trotzdem nicht aus. Ich muss gleich niesen.« Olga steht auf und zeigt auf die Zimmertür. »Kommst du mit? Damit ist dein Zimmerarrest aufgehoben. Wir setzen uns ins Wohnzimmer, reden kurz und spielen dabei eine Runde Memory.« Sie geht voraus.

»Ich komm gleich.« Er öffnet die Schranktür und fragt leise: »Magst du bleiben?«

Der Kater hebt den ergrauten Kopf und lässt ihn wieder sinken.

»Okay. Du bleibst. Ich komm wieder.« Benni lehnt die Schranktür an und folgt Olga ins Wohnzimmer.

Gerade als Olga die Kärtchen über den Tisch verteilt, kommt Andreas schreiend den Flur entlang gerannt. Er ist in Bennis Zimmer gewesen, um nach dessen FC Bayern-Sachen zu schauen. Dabei hat er die Schranktür geöffnet und Herrn Hasenwanz entdeckt.

Benni muss den Kater auf die Terrasse schicken. »Später darfst du wieder rein, okay?«

3

Florian, Bennis Lieblingsbetreuer, hat frische Krapfen von seiner Mutter mitgebracht. Sie liegen auf einem Kuchenblech in der Küche und die Bewohner stehen an der Tür und bewundern sie.

Olga macht einen Schritt auf sie zu. »Wartet. Ihr wisst, dass heute Putztag ist. Nur wer mir einen aufgeräumten sauberen Raum zeigt, kommt zur Kaffeerunde.« Sie geht voraus zur Putzkammer und verteilt die Staubtücher, die Besen und den Eimer mit dem Wischmopp an die Bewohner. »Nicht umschütten, Sabine, verstanden?«

Andreas klemmt sich die Barbie unter den Arm, um den Staubsauger greifen zu können und Benni bekommt den Teppichroller. Er sieht Olga in ihre Hosentasche greifen und weiß Bescheid. Jetzt geht sie wieder auf die Terrasse zum Rauchen. Einmal hat er sie gefragt, warum sie das macht und sie hat gesagt: »Das hilft gegen das Traurigsein.«

Sie hat ihm nicht erzählt, warum sie traurig ist. Olga ist nicht behindert und darf Auto fahren. Ist er etwa daran schuld, dass sie so selten lacht? Manchmal hört er sie mit Rosi, der anderen Betreuerin, reden und dabei seinen Namen nennen.

Als Olga eine Stunde später an die Tür klopft, ruft Benni laut »Herein«. Stolz steht er mit ausgebreiteten Armen in dem schmalen Gang zwischen Bett und Fernseher. Aus der Anlage tönt ›Ein Stern, der deinen Namen trägt‹ von DJ Ötzi. Bestimmt freut sich Olga darüber, wie gut Benni geputzt hat. »Alles picobello. Du kannst schauen.«

»Stell die Musik ab und sag mir eins: Hast du dir einen Krapfen geholt?«

Sein Kinn fällt herunter, der Mund öffnet sich und erlaubt einen Blick auf eine rosige Zunge. Langsam schüttelt er den Kopf. »Nein. Hab ich nicht. Wer hat den geklaut?«

»Das wüsste ich selber gern«, sagt Olga leise.

»Ich finde den Dieb.« Er saust los zur Küche und schnuppert an den weiß bestäubten goldgelben Krapfen. Dann geht er den Gang entlang und hält vor jeder Tür an, um tief einzuatmen. Er geht nahe an die Klinke und den Türspalt heran. Olga weiß, wie verblüffend gut er riechen kann und folgt ihm neugierig. Doch Benni ist unentschlossen.

»Es reicht, Benni. Vielleicht warst du es ja selbst und das alles ist jetzt nur ein großes Theater.« Sie wendet sich der Küche zu, doch er bittet sie, noch zu warten. Wieder geht er von Tür zu Tür, kniet sich davor und schnüffelt wie ein Hund am Spalt entlang. Als er sich vor Annis Tür niederlässt, dreht sich Olga endgültig weg.

»Schluss jetzt. Anni würde ich sogar zwei Krapfen geben, damit sie was auf die Rippen kriegt. Die klaut freiwillig kein Essen.«

Doch er öffnet schon die Tür und ruft: »Darf ich reinkommen?«

Anni sitzt im Sessel vor dem eingeschalteten Fernseher und nickt.

Benni strahlt sie an. »Bei dir riecht es wie Geburtstag. Hast du was Leckeres? Darf ich in dein Schrank schaun?«

Sie beobachtet ihn mit weit aufgerissenen Augen, ohne zu antworten. Olga steht inzwischen an der Tür, um ihn zurückzurufen. Er hat die Schranktür geöffnet und die Hand unter Annis Wäsche geschoben. Etwas Vermanschtes erscheint. Rot und weiß und ein Rest vom Krapfen, der an Bennis Fingern klebt.

»Ich hab ihn«, jubelt er stolz und Anni beginnt zu schluchzen. Olga beugt sich zu ihr herunter und streicht ihr übers Haar.

»Und ich?« will Benni fragen, aber er sagt nichts. Anni kriegt nie Ärger, weil sie ein stilles Mädchen ist. Das kennt er schon und beschließt, nicht sauer auf sie zu sein.

4

»Wir gehen hinunter an den See. Zieht euch die Schuhe an«, ruft Florian nach der Kaffeerunde.

»Benni, du bleibst da. Wir haben zu reden«, sagt Olga.

Mit zusammengebissenen Zähnen packt er seine Sneakers und schmeißt sie den Flur entlang. Immer muss Olga ihm alles Schöne verderben.

»Schluss jetzt. Es reicht. Warte in deinem Zimmer auf mich.«

Er setzt sich aufs Bett und lässt den Kopf hängen. Vielleicht will sie nur wegen Herrn Hasenwanz reden. Aber vielleicht auch wegen dem Küssen. Egal. Er hasst das Reden. Es bringt nichts. Er sagt immer ›Ja‹ und nimmt sich vor, gut zu sein, aber dann vergisst es sein Kopf wieder.

Nach dem Aufbruch der anderen – Anni hat mitgehen dürfen trotz des Krapfens, den sie geklaut hat – ist es still geworden.

Herr Hasenwanz jammert vor der Terrassentür, aber er muss draußen bleiben.

Olga klopft und ruft: »Komm mit nach vorne.«

Benni lässt die Terrassentür für den Kater offen.

Im Wohnzimmer riecht es nach Olgas Trockenshampoo und ihrem Deostift. Benni geht mit geschlossenen Augen bis zum Tisch, an dem sie sitzt.

»Was machst du? Spielst du wieder blinder Mann? Sei froh, dass du sehen kannst!«

»Aber besser kann ich riechen.«

Olga will das gar nicht wissen, obwohl sie erlebt hat, wie er Annis Krapfen gefunden hat. »Hör zu!« Sie stellt eine Tasse Milchkaffee vor ihn hin.

»Krieg ich Zucker?«

Sie sagt meist nein, damit er nicht zu dick wird, aber heute steht sie auf und holt zwei Beutel Zucker. Dann will sie bestimmt etwas, das er nicht mag. Dafür schmeckt der Milchkaffee süß viel besser.

»Benni, hör zu! Ich versteh, dass du eine Freundin willst, aber das geht einfach nicht so. Wenn du meine Unterstützung dabei willst, brauch ich deine Hilfe, verstehst du?«

Er denkt nein, aber sagt ja, damit Olga weiter redet.

»Bitte sag, was damals mit Dani los war. Mit ihr hattest du endlich eine richtige Freundin, doch dann hast du Schluss gemacht. Vielleicht passiert es dir wieder. Was hat sie falsch gemacht? Was hat dir nicht gefallen, als du die Nacht bei ihr verbringen durftest?«

Er nimmt einen tiefen Atemzug und stößt die Luft wieder raus. Warum versteht Olga nicht, dass er nicht darüber reden will? Dani hat was Blödes gemacht und er mag sie nicht mehr. Zum Glück wohnt sie im anderen Wohnheim und arbeitet nicht in seiner Werkstatt.

»Benni, sag! Hat sie was Dummes gesagt? Bitte sprich mit mir, damit ich …«

Jetzt ist er auch auf Olga sauer. Den süßen Kaffee schüttet sie sicher weg, aber das ist ihm egal. Nie glaubt sie ihm, wenn er nein sagt. Doch wenn er nein sagt, dann heißt es auch nein. Sie folgt ihm, als er rasch ins Zimmer zurückgeht, aber als er die Tür laut zuschmeißt, bleibt sie draußen. Herr Hasenwanz ist nicht gekommen, und Benni setzt sich aufs Bett und spürt die Tränen von innen an die Wangen drücken. Er hört Olgas Schritte im Flur und ihr Klopfen an der Tür. Benni will allein sein und wartet, bis sie ihn in Ruhe lässt. Sicher geht sie jetzt auf den Küchenbalkon hinaus und raucht.

5

Ein neuer Arbeitstag beginnt. Benni sitzt an seinem Platz in der Fertigung und sortiert die Spritzen für die Zahnarztpraxen in die Boxen. Die Arbeit ist langweilig, aber er mag den weißen Arztkittel. Das Haarnetz allerdings ist komisch und rutscht, da er wenig Haare zum Festhalten hat. Er muss dafür seine Kappe absetzen, was ihm schwer fällt. Sie ist alt und das schöne Rot haben sich die Sonne und der Regen geholt. Die Kappe gehörte seinem Vater. Der war FC Bayern-Fan wie Benni. Er sperrt sie jeden Morgen in den Spind, um sie in der Arbeitspause herauszunehmen und mit dem Schild nach hinten aufzusetzen. Meist fragt ihn dann jemand, warum er sie verkehrt herum trägt. Doch das ist nicht verkehrt, das ist richtig, damit ihm bei Regen kein Wasser in den Kragen läuft.

In der Tischreihe hinter ihm sitzt die hübsche Frau, deren Namen Benni vergessen hat. Er darf sich während der Arbeit nicht zu ihr umdrehen und sie danach fragen. Als endlich die Pausenglocke schrillt, ist er der erste, der vom Platz aufsteht. Er eilt zum Spind, um das Haarnetz mit der Kappe auszutauschen. Er ist auch der erste, der in der Kantine vor der Frau steht, die dort die Getränke ausgibt. »Zwei Kaffee bitte!«

Sie bekommt Falten zwischen den Augen. »Es gibt nur einen für dich. Wie für alle.«

»Aber ich will einen für meine Freundin.«

Sie kneift die Augen zusammen. »Warum kommt die nicht selbst?«

»Die hat Bauchweh.«

»Dann ist Kaffee ganz schlecht für sie«, sagt die Frau und gibt ihm den Euro für den zweiten Kaffee zurück.

Er dreht sich weg und lässt die Augen schweifen, bis er seine hübsche Kollegin an einem der Tische sitzen sieht. Neben ihr ist noch ein freier Platz, den Benni rasch belegt. Er streckt die Hand aus und streicht über ihre Finger. »Magst du meine Freundin sein?«

Sie lacht und nickt.

In seinem Gesicht rutschen die Sommersprossen in die Lachfalten, mit denen er sie anstrahlt. »Wie heißt du?«

»Margit«, hört er sie sagen. Er will sich den Namen diesmal ganz sicher merken.

»Ich sag es Philipp, okay?« Margits Freund kennt er aus dem Wohnheim.

Sie fasst unter dem Tisch zu Bennis Bein hinüber und ihm wird warm im Bauch.

Zurück bei der Arbeit lächelt er still vor sich hin und strengt sich an, die roten Spritzen richtig einzusortieren. Als Marcus, sein Chef, die volle Box hinausträgt, dreht sich Benni zu Margit um und schickt ihr ein Bussi durch die Luft. »Bald ist Mittagessen«, ruft er ihr zu, als Marcus überraschend schnell zurückkommt.

Er steht vor Bennis Tisch. »Was ist los? Was willst du vonMargit?«

»Sie ist jetzt meine Freundin.«

»Komm her und setz dich zu mir. Du lässt mir keine Wahl.«

Benni gibt ein Knurren von sich und steht auf, um den Platz zu wechseln. Als er sich zuMargit umdreht, hält sie den Kopf gesenkt. »Blöde Arbeit«, murmelt er hörbar und lässt sich auf dem Plastikstuhl nieder. Er steckt die nächste Spritze in ihre Röhre und wirft sie mit Schwung in die Box. Sie ist so leer wie er sich fühlt. Warum muss Marcus immer so streng werden? Kann ein Chef nicht auch nett und ein Freund sein? Benni seufzt und greift nach der nächsten Spritze.

Als endlich die Glocke für das Mittagessen läutet, zieht er rasch den weißen Kittel aus und das Haarnetz vom Kopf. Statt sich anzustellen, sucht er Philipp, der gerade seinen Teller gefüllt bekommt. »Pass auf, ich muss dich was fragen. Darf ichMargit als meine Freundin haben?«

Philipp schaut kurz auf und geht langsam mit seinem Teller zum Tisch. »Okay«, meint er und lässt sein Essen nicht aus den Augen.

»Danke. Du bist mein Freund«, sagt Benni und stellt sich ans Ende der Reihe für die Essensausgabe.

Der Nachmittag zieht sich wie ein altes Gummiband hin und Benni dreht sich nicht mehr nach Margit um. Er ahnt, dass Philipps Zusage nicht viel wert ist. Beim Gedanken daran, weiterhin ohne Freundin zu sein, stößt er einen tiefen Seufzer aus.

Nach der Rückfahrt zum Wohnheim stürmt er in sein Zimmer und wirft den Rucksack aufs Bett. Die Brotzeitdose knallt gegen die Trinkflasche. Sein Atem geht stoßweise und er starrt auf die zitternden Hände wie auf etwas, das nicht zu ihm gehört.

Vor der Balkontür steht Herr Hasenwanz und stößt mit dem Kopf an den Rahmen, bis Benni ihn entdeckt, öffnet und ihn aufs Bett hebt. »Komm…mein Freund.« Er drückt den warmen Körper an sich und atmet tief ein und wieder aus. »Pass auf. Ich erzähl dir was. Ich hab Philipp gefragt. Der sagt okay. Aber ich darf nicht mit Margit, sagt Marcus. Der muss immer bestimmen. Dann hab ich eine andere Frau gesehen. Die mit der Tasche. Sie hat Ja gesagt. Sie will meine Freundin sein. Wir haben auf der Bank gesessen, weil der Bus noch nicht da war. Da hat der Chef hergeschaut. Ganz bös hat er geschaut. Sie riecht wie Gummibärchen. Ich hab sie nicht angefasst, nur auf der Bank gesessen. Sie hat Ja gesagt. Aber der Chef hat geschaut und geschaut. Ich trau mich nicht, ihr ein Bussi zu geben. Vielleicht ruft er die Polizei. Schau, wie meine Hände zittern.«

Herr Hasenwanz maunzt und leckt Bennis Finger, die allmählich ruhiger werden.

6

»Ich warte auf dich«, hört Benni Olga mit dem Gesicht zu ihm gewandt sagen. Sie macht aus den Wörtern ein kleines Lied mit verschiedenen Tönen, doch er hört trotzdem ihre Ungeduld heraus.

Er atmet tief ein und wieder aus, bevor er zu ihr hingeht. Schon wieder eines dieser blöden Spiele, das sie vor sich auf dem Tisch liegen hat. Olga zeigt mit demZeigefinger erst auf ihren Kopf und dann auf den Platz neben sich, doch Benni lässt sich in den Sessel hineinplumpsen, der ihr gegenüber steht, ohne seine Kappe abzunehmen.

Sie seufzt laut. »Dickkopf, du. In geschlossenen Räumen trägt man keine Mütze. Und außerdem steht jetzt alles auf dem Kopf für dich.«

Er sagt nichts. Er will ja gar nicht spielen. Doch sie hat schon ein Blatt ausgewählt und möchte nun von ihm wissen, wie viele Pullover darauf abgebildet sind. Er soll sie möglichst nicht abzählen, aber er muss, weil er es sonst nicht weiß.

Olga kann wie immer nicht warten und fragt: »Zwei Pulli und ein Pulli sind?«

Er ist sich nicht ganz sicher und sagt einfach »Drei« und sie strahlt.

»Und zwei Taschen und zwei Taschen sind zusammen?«

Er weiß es nicht und sie lässt ihn seine Finger zählen. Aber dann will sie, dass er es ohne abzuzählen kann und er wird sauer.

»Bitte, Benni, ich mein es bloß gut mit dir. Du musst doch die einfachsten Grundlagen …«

Mit einem Knurren verzieht er das Gesicht, damit sie ihn endlich in Ruhe lässt. »Ich muss nicht. Ich bin behindert.« Er lehnt sich zurück im Stuhl und schlägt die Beine übereinander.

»Benni. Was haben wir vereinbart?«

»Weiß ich nicht. Du sagst ›Wir‹, aber in echt hast nur du was gesagt.«

»Ich hab dich darum gebeten, die Beine nicht übereinander zu schlagen, das macht man als Mann nicht, und du hast es eingesehen.«

»Stimmt nicht. Warum soll ich das nicht machen?«

Sie seufzt. »Du bist so tüchtig in vielen Bereichen. Oft merken die Leute gar nicht, dass du behindert bist.«

Das weiß er genauso gut wie sie. Er schnauft laut. »Ich hasse die Behinderung.«

»Aber Benni. Sag das nicht. Wenn du nicht behindert wärst, wäre ich nicht deine Betreuerin und könnte hier nicht arbeiten. Wer gibt mir dann das Geld für die Miete, mein Auto und das Essen?«

Für einen Moment weiß er keine Antwort, aber dann sagt er: »Das ist mir egal. Du kannst den Andreas nehmen, nicht mich.«

Olga sagt nichtsundräumtdas Spiel zusammen.Er schaut ihr zu und atmet auf. Doch er weiß, dass sie nicht damit aufhörenwird, ihm das Rechnen beibringen zu wollen.

7

Mit einem Plopp fällt die Ladentür hinter Benni zu. Eine Duftwolke aus Vanille hüllt ihn ein und lässt seine Nasenflügel zittern. Der Blick gleitet die Theke entlang und prüft das Angebot an Croissants und Kuchenstücken.

»Grüß Gott, ich will ein Cappuccino und das da.« Er zeigt auf das Gebäck mit den dunkelroten Kirschen in der Mitte.

»Das macht 5 Euro 70«, sagt die pausbäckige Verkäuferin, greift das Teil mit einer silbernen Zange und legt es auf einen Teller.

Er holt einen 5 Euro Schein aus seiner FC-Bayern-Geldtasche und reicht ihn zur Theke hinauf.

Die Frau stellt die Tasse Kaffee zum Gebäck. »Da fehlen noch 70 Cent.«

»Das hab ich nicht«, sagt er und blickt ihr ins Gesicht. Ist sie nett oder nicht nett?

Sie ist nicht nett. Er schaut dem Gebäckstück, das die Zange zurück in die Auslage legt, mit einem tiefen Seufzer hinterher. Der süße Schwall hängt für einen Moment in der Luft. Jetzt wird ein anderer das Teil bekommen. Benni hört seinen Magen knurren und streicht darüber. Dann streckt er sich nach der Tasse und den Münzen, wendet sich um und begegnet dem Blick einer Frau mit weißem, gewelltem Haar. »Darf ich mich setzen?«

»Ja gerne«, sagt sie und zieht ihren Teller zu sich heran.

Er betrachtet den Rest ihrer Sahnetorte. »Das schmeckt gut?«

»Sehr. Danke der Nachfrage. Warum hast du nichts gewählt?«

»Hab keine siebzig Cent.«

»Was kostet hier 70 Cent?«

»Ich hab schon Geld, aber nicht genug«, beeilt er sich zu erklären.

»Na dann werd ich mal nachsehen«, sagt sie und greift nach ihrer Geldbörse.

Benni hält den Atem an, als die alte Dame ihm die beiden Münzen reicht. Seine Augen leuchten wie angeknipst, als er aufspringt und sich heftig atmend an einem Kunden vorbei zur Theke drängt. »Jetzt hab ich das Geld«, ruft er und zeigt auf die dunklen Kirschen in der Auslage.

Zurück am Tisch spießt er die Gabel in das weiche Fleisch der Früchte und führt sie zum Mund. Seine Zunge schmeckt unter der Gelatine die zarte Säure der Kirschen. Er sinkt tief einatmend im Stuhl zurück. Als die alte Dame ihm ein Lächeln schenkt, nickt er zufrieden. »Soll ich Ihnen was Schönes erzählen?«

»Beim nächsten Mal. Heute hab ich noch was vor«, sagt sie und erhebt sich.

Benni beißt in den Blätterteig und leckt sich die Reste aus den Mundwinkeln. Zum Abschluss löffelt er den letzten Milchschaum aus der Tasse und steht auf. Mit seinem Geschirr bringt er auch das der alten Dame zurück zur Theke. Die Verkäuferin nickt und greift danach.

»Entschuldigung«, sagt er und wartet, bis sie aufschaut. »Darf ich weiter helfen?«

Die Frau macht Falten zwischen den Augen und neben den Mundwinkeln. Dann sagt sie: »Nein. Das geht nicht. Das ist mein Job.«

Er geht zur Tür und hinaus auf die Straße. Dort ist er mehr glücklich als traurig, weil er an die alte Dame und die Kirschen denkt und nicht mehr an die Frau an der Theke.

8

Es ist Freitag Nachmittag und Olga ruft vor Bennis Zimmertür. Noch immer ist seiner Betreuerin nicht aufgefallen, dass er einen roten Punkt auf die Wanduhr geklebt hat. Für die Sprachtherapie bei Frau Düren. Wenn der lange Zeiger genau nach unten zeigt und der kurze beim roten Punkt zwischen der 3 und der 4 angekommen ist, muss Benni los. Als er die Tür öffnet, steht Olga vor ihm in ihrer dunklen Kleidung. Nur die Pantoffeln sind nicht schwarz. Die hat sie sicher von jemandem geschenkt bekommen, den sie mag.

»Komm diesmal zügig zurück. Nicht herumbummeln wie beim letzten Mal!«

»Ich geh Kaffee trinken, wenn ich mag.«

Sie verzieht das Gesicht und ihre große Nase zuckt. »Du scheinst zu viel Geld zu haben, wenn du …«

Er läuft an ihr vorbei den Gang entlang zur Haustür, drückt auf den elektrischen Türöffner und steht auf der Straße. Tief durchatmen! Die Luft schmeckt sauber nach dem Regenguss vom Vormittag und Benni zieht den Reißverschluss der Jacke hoch. Auf dem Fußweg ist die Erde matschig geworden, deshalb geht er über die Wiese. Lieber nasse Schuhe als schmutzige!

Am Bahnhof angekommen fährt die rote Regionalbahn ein und bleibt mit einer ihrer Türen bei ihm stehen. Sie gleitet geräuschlos auf und er nimmt ihre Einladung an. Ein Fensterplatz wartet und er lässt sich auf das Polster fallen. Ein Schwall aus Gerüchen empfängt ihn und er sucht schnuppernd einen vertrauten Duft. Den säuerlich-süßen nach Friedhofslilien erkennt er wieder, der von einer Frau im bunten Kleid herüberweht. Er atmet so flach er kann und lässt den Blick schweifen. Unbemerkt ist der Zug angefahren. Wie sehr liebt Benni das Dahingleiten. Als roter Wischer fährt eine entgegenkommende Bahn mit einem plötzlichen Luftknall auf dem Nebengleis vorbei. Benni kennt das schon und erschrickt längst nicht mehr.

Die satten Grüntöne der Laubbäume leuchten, dahinter der See und die Windräder am anderen Ufer. Die Bäume stehen jetzt nur noch vereinzelt, der Blick aufs Wasser weitet sich und zeigt eine metallisch silberne Fläche. Wie Quecksilberkügelchen, denkt Benni.

Sie sind ihm einmal aus einem zerbrochenen Fieberthermometer entgegengesprungen.

»Entschuldigung. Hält der Zug in Pasing?« Eine Wolke Weichspüler wallt von einem Mitreisenden auf ihn zu.

»Ja. Er hält in Pasing«, antwortet Benni dem dicken Mann, der ihn angesprochen hat. Als der sich bedankt, kriecht Benni ein schönes Gefühl über den Rücken. Vielleicht kann er bei der Bahn arbeiten und den Leuten Auskunft geben, wie sie fahren müssen. Er kennt die meisten der farbig markierten Strecken auf dem Plan und weiß von vielen sogar die Nummern. Aber er kann ihre Namen nicht lesen oder aufschreiben. Also werden sie ihn dort nicht arbeiten lassen. Er seufzt. Lesen stellt er sich vor wie Zaubern. Damit erfährt man plötzlich etwas Besonderes und kennt sich aus mit etwas Neuem. Das muss schön sein. Wenn er es könnte, würde er bestimmt den ganzen Tag lang Bücher lesen und den anderen davon erzählen.

Er denkt an Frau Düren. Sie ist eine gute Lehrerin, mit der er gerne lernt. Seine Gedanken sind beim Beginn der Therapie, als es ihm schwer fiel, die Wörter so nachzusprechen, dass Frau Düren zufrieden war. Lange hat er geglaubt, dass seine raue Stimme schuld daran war, nacheinander stehende Konsonanten nicht aussprechen zu können, doch das war es nicht. Frau Düren übte mit ihm, bis seine Reibeisenstimme es schaffte.

Er lächelt bei dem Gedanken daran, dass sie es längst aufgegeben hat, ihn zu verbessern, wenn er ihren Namen nennt. Klar weiß er, wie man ihn richtig ausspricht, doch weil sie dürr wie ein Besenstiel ist, nennt er sie »Frau Dürren«. Inzwischen sagt sie nicht mehr: »Benni, bitte nur mit einem ›R‹!«

Kurz nachdem der Zug Pasing passiert hat, steht er auf und wartet im Gang auf die Einfahrt in den Hauptbahnhof. Beim Ausstieg zögert er jedes Mal vor dem breiten Abstand zwischen dem Zug und dem Bahnsteig. Lang und hoch muss Bennis Schritt sein, um auf den Steinplatten zu landen. Doch auch diesmal gelingt es und er läuft in Richtung Bayerstraße. Dort schiebt ein Mann einen vollen Einkaufswagen vor sich her. Gelbe Abfallsäcke und Jacketts und Decken hat er hineingepackt. Eine Frau legt einen Euro obendrauf und Benni sieht den Mann nicken.

Er selbst achtet immer auf die Leute, die am Boden sit