Das kann nich jeda,sagt mein Bruder Benni, der mega coole Behindi. - Maria M. Koch - E-Book

Das kann nich jeda,sagt mein Bruder Benni, der mega coole Behindi. E-Book

Maria M. Koch

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Beschreibung

Der 16jährige Leander muss die Ferien mit seinem geistig behinderten Bruder zuhause am Starnberger See verbringen. Er erlebt das Verhalten des behinderten Benni als peinlich, doch dessen selbstbewusstes und erfolgreiches Auftreten gewinnt den Außenseiter Leander dafür, selbst mutige Entscheidungen zu treffen. Seine heimlich betriebenen Sprachvergleiche, deren Ergebnisse er wie ein Orakel nutzt, werden letztendlich zu dem, was sie sind, nämlich interessante Anregungen zum Lernen und zum Bewusstmachen der vielfältigen Kultur Europas. Was Leser*innen dazu meinen: In die Welt einer Familie einzutauchen, die nicht der Norm entspricht, gelingt der Autorin gut. Eine Coming of age-Geschichte der besonderen Art. Leander lernt von Bennis unangepasster Art manches für sein eigenes Leben. Wie sich die Beziehung der Brüder positiv entwickelt, hat mich berührt und auch immer wieder zum Lachen gebracht. Das Leben als pubertierender Junge mit einem behinderten Bruder wird sehr flüssig, lebensnah und amüsant - aber auch mit ernsten Hintergrund und real - beschrieben. Gerade für Leser ohne Erfahrungen mit behinderten Menschen tun sich neue und wichtige Aspekte auf.

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Seitenzahl: 231

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Behinderte Menschen sind Geschenke in einer ganz besonderen Verpackung.

Für Dominik und Fabian.

Etwas von später

Dieser Juni ist wie mein Leben. Ich schwör auf Sommer, aber ich krieg November. Das Wetter ist wie Dampf nach endlosem Duschen bei defekter Deckenbeleuchtung oder wie Nebel ohne Sonne, obwohl schon Mittag ist. Wie ist das an diesen grauen Tagen? Trägt die Sonne so ’ne Art Burka, und ich bin der Einzige, der das checkt? Der Grund, warum ich heute auf dem Rad sitze, ist mein behinderter Bruder Benni. Er ist älter als ich und schon erwachsen, aber mit einem Hirn von einem Kind. Entsprechend nervig, wie man sich vorstellen kann. Sein Goldfisch hat ihn aus dem Bett und an den See getrieben. Wer von den beiden überlebt, ist echt nicht vorherzusehen. Am Seeweg entlang radelnd treffe ich keinen. Nicht einmal Jogger, die hier sonst immer unterwegs sind. Die Welt scheint unter einer Glocke zu liegen, so still und grau ist sie. Ich beuge mich über den Lenker, trete in die Pedale und erschrecke, als von links ein blaues Blinklicht mit aufheulendem Martinshorn direkt auf mich zukommt. Ein Krankenwagen. Ich steige voll in die Bremsen, um ihn vorbeifahren zu lassen. Er hält genau da, wo ich auch hin will. Ich stelle mein Rad an den Wegrand, sperre sorgfältig ab und kontrolliere sogar, ob die Kette richtig hängt. Ein Teil von mir weiß längst, dass Benni etwas passiert ist. Als ich über die Wiese zum See runter laufe, kommt mir ein Sanitäter entgegen: »Hier darf jetzt niemand her.«

»Aber vielleicht ist es mein Bruder.«

Der Mann schaut mir ins Gesicht und meint: »Dein Bruder? Okay, dann warte dort auf der Bank. Ich kümmere mich gleich um dich.«

Ich bin froh, nicht ans Ufer gehen zu müssen. Dort liegt jemand am Boden. Ist das Benni? Als der Sanitäter sich abwendet, fällt mir ein: »Meine Mutter, hat die schon jemand informiert?«

»Das macht der Trainer.«

Wie fremdgesteuert gehe ich langsam auf die Bank zu und komme irgendwie zum Sitzen. Gedanken, was mit Benni los ist, springen mich an. Ich ducke mich vor ihnen wie vor schnappenden Hunden. Meine Augen finden keinen Horizont über dem Wasser. Alles Schiefer. Der Himmel macht heute mit dem See gemeinsame Sache. Plötzlich bilde ich mir ein, Benni vor mir zu haben. Ich sehe sein Grinsen und höre seine Reibeisenstimme sagen: »Hallo. Lala. Ich beib bei dich.«

»Das heißt, ich bleibe bei dir, Benni.«

»Genau.«

Als ich den Blick auf den Menschen neben mir richte, ist es Bennis Trainer, der mich ansieht. Warum sagt der nichts? Hat er meine Nachricht nicht gelesen? Er war doch mit Benni draußen auf dem See. Der muss doch wissen, was los ist.

An dem Tag, an dem diese Geschichte hier anfing, wachte ich in einem fremden Zimmer auf einer dünnen Matratze auf. Philipps Bein lag quer über meinem und Marco schnarchte. Alles Dinge, die mich krass nervten. Langsam schob ich mich die Wand entlang, tastete nach meinen Chucks, fixierte die Tür im Raum, erreichte sie und schaffte es, einigermaßen geräuschlos hinaus zu kommen. Auf dem Weg durch die Eingangshalle blieb mein Blick an so einem antiken Spiegel hängen. Das blasse Gegenüber mit den dunklen Ringen unter dem schwarzen Filz erkannte ich erst nach einem kurzen Schockmoment als mein eigenes Gesicht. Was war ich froh, es im Spiegel zurücklassen zu können. Ich verließ das Haus und ging durch den Garten auf die ruhige Anliegerstraße. Die Hecken vor den Grundstücken blickten gelangweilt, doch ich sah den eingewachsenen Maschendraht, der Prolls und streunende Katzen abhalten sollte.

Als Einziger stieg ich in den leeren, wartenden Bus und starrte vor mich hin. Nicht einmal der Translator, den ich mir als App heruntergeladen hatte und der normalerweise meine Laune verbesserte, reizte mich. Die blauen Polster rochen nach Fisch wie fabrikneue Autos. Passte perfekt zu meiner Verfassung. Am liebsten hätte ich mit dem Edding auf die kacksaubere Rücklehne geschrieben: Du stinkst. Aber so was machte ich nicht. Ich doch nicht. Gut erzogen, hätte meine Mutter gesagt. Ich kannte die Wahrheit: Ich war ein Schisser, ein Weichei. Egal. Bloß keinen Stress.

Eine ätzende Party war das gestern bei Philipp. Statt Sommernacht mit coolen Lampions und Trägerhemdchen am Pool gab es Gewitterregen mit Sturmböen. Von den Mädchen waren nur Marie und Anna da, die anderen waren weggeblieben. Ines auch. Die Playlist von Marco kannte ich schon, und dann kriegte ich auch noch voll mit, wie die Mädels mit Basti herum machten. Später brachte Philipp Wodka, weil der Kasten Bier leer war. Kein Wunder, dass ich derart leichenmäßig durch die Welt latschte.

Als ich zuhause ankam, hörte ich meine Mutter in der Küche. Bloß keine Ansprache um diese Zeit. Ich schlich zum Bad, öffnete leise die Tür und erstarrte. Vor dem Spiegel stand eine fremde Tussi in einem pinkfarbenen Hemd mit gelben Haaren auf dem Kopf. Sie sah aus wie diese ›Gutemine‹ bei Asterix. Das unbekannte Wesen grinste, reichte mir eine Kinderhand mit kurzen Fingern und nuschelte: »Hallo, bin Dani.«

Ich starrte in wasserblaue Augen. »Hä?«, mehr fiel mir einfach nicht ein. Passte logisch überhaupt nicht. Aber ich fühlte mich echt mies, stürzte den Gang zurück und riss die Tür zur Küche auf. Mama saß wie gewohnt mit der Zeitung vor sich am Tisch in unserer blauen Sitzecke.

»Was macht der Mopp mit Entensteiß im Bad?«

Sie schaute auf. »Ach, du bist auch schon zuhause. Guten Morgen übrigens.«

»Guten Morgen. Was soll das?«

»Was genau? Du meinst Dani? Sie ist Bennis Freundin und hat bei uns übernachtet.«

Ihr Grinsen verschwand, als ich sie anblaffte: »Sag, dass das nicht wahr ist.«

Sie kapierte überhaupt nichts, nichts davon, wie es war, einen Bruder wie Benni zu haben. »Was ist los mit dir?«

Mir war eiskalt. Ich spürte ein Würgen im Hals. Sie griff nach mir. Wollte mich zu sich ziehen. Bloß das nicht. Ich drehte mich weg und war mit wenigen Schritten in meinem Zimmer. Sie folgte mir und schloss die Tür hinter sich.

»Lenni, sag, was los ist. War was auf der Party?«

Ungefragt setzte sie sich auf mein Bett und sah mich wortlos an.

»Lass mich in Ruhe. Später.«

Es war ja klar, dass sie ohne Antwort nicht gehen würde. Prompt fragte sie: »Ist es wieder einmal wegen deinem Vater, dass du so schlecht drauf bist?«

Vielleicht. Mit ihr darüber zu reden, brachte nichts außer Psychogeschwafel. Immer diese Hartnäckigkeit, mit der sie auf ihrer Meinung bestand und todsicher erreichte, was sie wollte. Um sie vom Thema abzulenken, warf ich ihr den zweiten großen Brocken meines Lebens hin. »Es ist wegen Benni.«

»Was ist mit ihm?«

»Ich halte das nicht mehr aus.«

»Was? Dass er behindert ist und eine Freundin hat? Oder dass du wegen ihm nicht nach Kroatien fährst?«

Checkte sie es echt nicht? War auch egal. Wenn sie mich nur in Ruhe ließ. »Alles. Er macht mich einfach fertig.«

»Das wusste ich nicht. Ich dachte, ihr versteht euch.«

Ihr Gesicht kam auf mich zu. Ey. Keine Diskussionen. Wie konnte ich sie stoppen? Vielleicht sollte ich ihr Recht geben. »Ja, schon. Aber trotzdem.«

»Das ist traurig. Ich wollte eigentlich noch warten. Was sollen wir tun?«

Ich zuckte mit den Schultern. Als ob sie sich je nach meiner Meinung gerichtet hätte. Sie wollte mir über den Kopf streichen, was ich mit einer raschen Bewegung verhindern konnte. Da hörte ich sie sagen: »Du bist viel für deinen Bruder da. Ohne dich …«

Jemand schlug an die Tür. Fast gleichzeitig wurde sie aufgerissen. Benni stand mit hochrotem Kopf in seinem FC Bayern Teil da und presste mit rauer Stimme hervor: »Ich muss sagen.«

»Benni, wir reden gerade.«

»Ich muss.«

Es war klar, dass er nicht nachgeben würde, und Mama meinte: »Also dann sag, was du sagen möchtest, aber hör auf zu schreien.«

»Ich wohn um.«

»Du wohnst was?«

»Su Dani.«

Mama schien überrascht. »Echt? Willst du das?«

»Ja, jetz.«

»So schnell geht das nicht. Aber ich frag gern nach einem freien Zimmer.«

Benni atmete hörbar ein. Das Bayern Emblem entfaltete sich in seiner prachtvollen Breite. »Ja, ich will.«

»Gut. Aber zuerst fahren wir Dani zurück. Leander, wir lassen dich allein?«

Was sollte die Frage? Ich war froh, als sich endlich die Tür hinter den beiden schloss, und ich mein Buch aus dem Wäschefach herausholen konnte. Meine Finger strichen über den Einband, der sich wie das glatte Fell eines Maulwurfs anfühlte, stellte ich mir zumindest so vor. Hellbraunes Kunstleder mit stilisierten Blumen, Schmetterlingen und seltsam verschlüsselten Schriftzügen. Shigé? Ein Name? Egal. Unter meinen Fingerspitzen spürte ich die Erhebungen im Muster, schlug es auf. Damals im Laden hatte ich nicht lange gesucht. An der Kasse war es mir mega peinlich gewesen, eine Art Poesiealbum zu kaufen. Es sollte etwas Besonderes sein. Analog statt digital.

Seitdem ich es benutze, habe ich mehrere Seiten eng beschrieben. Sieben Spalten für das gleiche Wort in sechs Sprachen. In der letzten steht die Bewertung. Je mehr Übereinstimmungen der Buchstaben, desto höher die Wertung. Wen es interessiert, der findet hier am Ende eine Übersicht dazu. Wenn die Wörter auf Italienisch, Spanisch, Französisch, Englisch und Deutsch gleich wären, bräuchten wir nur eine einzige Sprache und die Grammatik dazu. Das wäre total lahm. Interessant sind die Ähnlichkeiten und die gemeinsamen Wurzeln.

Manto (ital.) – manto (span.) – manteau (franz.) – mantle (engl.) – Mantel

Ein Erlebnis am Bahnhof hat mich damals auf die Idee gebracht. Die Frau, die dem abfahrenden Zug total außer sich »manto, manto« hinterher schrie. Sie wurde kurz darauf von Leuten abgeholt, die sie wohl gesucht hatten. Einer davon erzählte, dass die Frau vielsprachig war, bevor sie krank wurde. Weil ich an dem Tag keinen Plan hatte, wollte ich herausfinden, welche Sprache es war, in der sie geschrien hatte. Das war der Anfang. Sprachvergleiche. Die Ergebnisse sind inzwischen weniger überzeugend ausgefallen als bei ›manto‹. Dennoch kann ich nicht damit aufhören, habe sogar Latein dazugenommen. Es ist fast wie früher, als ich die Buchstaben der Autokennzeichen zu Wörtern machte. Das jetzt ist besser, und ich weiß meistens gleich, welches Wort ich untersuchen will. Der Kick ist, dass ich das Ergebnis nicht kenne. So wie andere Leute ihr Horoskop oder Orakel befragen, bedeutet das Resultat für mich die Chance auf Erfolg oder die Warnung vor einem verkackten Tag.

Trasloco (ital.) – mudanza (span.) – déménagement (franz.) – removal (engl.) – demigratio (lat.) – Umzug

Nach Bennis Abgang war der Begriff ›Umzug‹ im Raum hängengeblieben. Als ich den checkte, fand ich nur zwei Übereinstimmungen in drei Buchstaben. Ein mega schwaches Ergebnis. Trotzdem übertrug ich die Wörter in ihre Spalten.

Mama und Benni kamen überraschend schnell zurück. Durch die offenstehende Zimmertür sah ich meinen Bruder mit der Hand an dem Kugelglas sitzen, das seinem goldfarbenen, runden Fisch als Aquarium diente. Der stand mit großen Augen und halboffenem Maul bewegungslos im Wasser. Benni nahm die Brille ab, seufzte tief und redete laut vor sich hin. »Kein Simmer für Benni. Un Dani mag nich mit mich wohnen. Su eng, sag sie.« Zwei tiefe Atemzüge lang passierte nichts, dann lehnte er die Stirn unter dem kurzhaarigen Schädel an das Glas. »Dani is nich mehr meine Feun-din.« Seine Hand strich über die Scheibe, und der Fisch glotzte.

Nebenan hörte ich Mama telefonieren. Sie schien es eilig zu haben, brach sofort auf und verzichtete sogar darauf, mit uns zu essen.

Sepoltura (ital.) – sepelio (span.) – enterrement (franz.) – burial (engl.) – sepultura (lat.) – Beerdigung

Als ich Benni rief, stand der in der Tür und redete, als ob er mir etwas dazu erklären müsste. »Wenn des Han-dy läutet, redet Mama wie in die Kir-che. Warum die Leute weinen. Ich weiß, ein Mann is tot. Wer tot is, is tot. Mama redet mit die Leute und hol tote Mann zum Fied-hoff. Warum die Leute wollen, dass sie komm.«

Während Benni sich am Bauerntisch in der blauen Ecke genussvoll Teile der großen Pizza Margherita in den Mund schob, gab ich das Wort ›Beerdigung‹ ein, über das Benni weiter brabbelte. Das Ergebnis war gut genug, um zu chillen. Wobei ich dafür jede Lautverschiebung hernahm, die sich anbot. Sollte mir doch jemand das Gegenteil beweisen. Ich war ja kein Wissenschaftler. Um Benni ruhig zu stellen, zappte ich mich auf der Suche nach einer passenden Sendung durch die Mediathek.

»Is heute B-las-musik?«, fragte er prompt.

»Keine Ahnung.« Ich knurrte ihn an: »Da ist nichts. Und ich hab keinen Bock, weiter zu suchen. Sag mal, kannst du nicht irgendwas anderes hören?«

Total sinnlos die Frage, das war schon klar. Benni betrachtete mich sekundenlang und meinte langsam artikulierend: »Lala, bin ich schul-d?«

»Was? – Nenn mich nicht Lala. Du bist kein Baby mehr.«

Er schien zu checken, dass ich genervt war und sagte: »Ich weiß nich. Ich nehm alles surück.«

»Warum sagst du das jetzt? Was soll der Quatsch?«

Klar war er Schuld, dass Mama das Geld für den Urlaub fehlte. Seine nächste Ansage machte alles noch krasser: »En-schuligun. Bitta vaseih mir.«

Ich ertrug es echt nicht mehr. »Spinnst du jetzt total?«, schrie ich ihn an. Dabei sprang ich auf und warf die Fernsteuerung auf den Sessel. Benni verstummte und zupfte verlegen an seinem bunt geringelten Pullover. Ich schaute ihm für einen Moment dabei zu, spürte meinen Unterkiefer hart werden und stürzte in mein Zimmer. Dort schlug ich auf den Punchingball ein, bis ich vor Erschöpfung aufs Bett fiel.

Danaro (ital.) – dinero (span.) – argent (franz.) – money (engl.) – argentum (lat.) – Geld

Sonntag. Ich werde wach und weiß nicht, was los ist. Etwas stimmt nicht. Die Vorhänge sind offen. Eingeschlafen und durchgeschlafen, ohne mich um irgendwas gekümmert zu haben. Egal. Benni hat sicher vor der Glotze gesessen, bis Mama zurückkam. Warum auch nicht? Soll sie doch selbst schauen, wie sie ihren Job und Benni auf die Reihe bekommt. Solange er in seiner Werkstätte betreut wird, kann sie mit ihrem Bestattungsinstitut alle Toten dieser Welt unter die Erde bringen. Ist mir recht, wenn Mama beschäftigt ist und mir meine Ruhe lässt. Die anderen fahren heute nach Kroatien, nur ich muss wegen Benni hierbleiben, weil seine Werkstatt in den Ferien geschlossen ist. Wegen Ines wollte ich mitfahren. Was sie nicht weiß und jetzt nicht erfahren wird. Denn ich musste absagen. Zu teuer für Mama. Sie hätte nicht nur meine Reise, sondern auch die Ferienbetreuung für Benni zahlen müssen. Beides schafft sie nicht. Deshalb erzählte ich den anderen etwas von eigenen Plänen. Interessierte aber keinen. Jetzt fährt sicher Tom mit. Und Ines macht vielleicht mit ihm herum und erfährt nie, dass ich es ihr endlich sagen wollte. Ich greife nach dem Handy und checke das ›Geld‹. Das Ergebnis ist kein Megahit, aber ganz okidoki.

Als ich die Tür zum Gartenzimmer öffne, tönt mir ein fröhliches »Guten Morgen« entgegen und zwei vertraute Gesichter strahlen mich an.

»Danke für gestern Abend. Benni schlief tief und fest, als ich zurückkam.«

Ich schaue meinen Bruder an. Manchmal erinnert er mich an Opa, als dieser noch lebte. Wenn Benni lacht, verschwindet ein Teil der Sommersprossen in seinen tausend Falten. Mit dem zerknautschten Gesicht schaut er stolz zu mir herüber. Ich setze mich an den gedeckten Frühstückstisch, und Mama reicht mir den Korb mit den Brötchen herüber. Benni scheint dicht gehalten und nichts vom Anschiss gestern Abend erzählt zu haben. Egal. Vielleicht ist es ja auch nur Mamas Taktik, um mich für die Ferienwochen bei Laune zu halten. Sie erwartet doppelt soviel Aufträge wie gewohnt, weil ihre Kollegin Urlaub macht. Toll für sie. Ich soll dafür den Babysitter für Benni spielen. Aber das Wetter an diesem Morgen ist zu schön, um mich zu ärgern.

Piscina (ital.) – piscina (span.) – piscine (franz.) – pool (engl.) – piscina (lat.) – Schwimmbad

»Was habt ihr heute vor?«, fragt Mama in diesem Moment.

»Ihr könntet zum Schwimmen fahren«, fährt sie fort, ohne auf unsere Antworten zu warten.

»See su kal-t, ich mag nich«, meint Benni.

»Und ins Freibad?«

»Ja, ja, ich will.« Benni springt auf, um seine Badesachen zu packen. Warum nicht. Dort treffe ich wenigstens keinen von den anderen. Während Mama nach den Rühreiern schaut, gebe ich das Wort ›Schwimmbad‹ ein. Tolle Übereinstimmungen. Wenn Englisch nicht daneben liegen würde, könnte es sogar ein krass guter Tag werden. Wir brechen auf.

Als wir an der Kasse durch sind, sehe ich von weitem ein Mädchen, das wie Ines aussieht. Ich wähle den erstbesten freien Platz auf der Liegewiese, und Benni beginnt damit, seine Badesachen nach einem mir rätselhaften Prinzip zu sortieren.

»Du bleibst hier und wartest auf mich. Verstanden? Ich muss unbedingt jemanden suchen. Wenn ich zurückkomme, gehen wir zusammen schwimmen, okay? Nicht weggehen. Mach, was du willst, aber bleib hier!«

Er schaut mich aus seinen kurzsichtigen Augen groß an. »Lala, was machen?«

»Egal. Schau dir von mir aus die hübschen Mädchen da drüben an.« Ich zeige auf die jungen Frauen, die nicht weit entfernt in knappen Bikinis in der Sonne liegen. Benni nickt und setzt sich in die richtige Blickrichtung. Ich will unbedingt herausfinden, ob es echt Ines ist, die ich gesehen hab, und warum sie nicht mit nach Kroatien gefahren ist. Vielleicht, weil sie erfahren hat, dass ich zu Hause bleibe? Ziemlicher Schwachsinn, doch der Gedanke ist krass. Ich genieße ihn voll. Die Wiese ist dicht von Badegästen belagert. Am Kiosk wartet eine lange Schlange Menschen. Falls es wirklich Ines ist, trägt sie etwas Gelbes. Ich checke immer wieder die Leute, die sich ständig bewegen. Nicht aufgeben. Noch ein letztes Mal am Becken entlang. Vielleicht ist Ines dort am Tauchen. Es nervt, sie im Gewühl zu suchen. Ich muss zurück zu Benni, bevor er auf eigene Faust losmarschiert.

Plötzlich sehe ich sie mit einer Freundin auf mich zukommen. Sie trägt einen zitronengelben Bikini, der ihre Haut wie Milchschokolade schimmern lässt. Es sind ihre kastanienbraunen Haare, in denen sich mein Blick wie in einem Netz verfängt. Ich gehe langsamer. Die Mädchen quatschen und lachen, lecken sich die Finger ab und sehen mich nicht. Ich zögere. Ines legt ihrer Freundin den Arm um die Hüfte und scheint ihr einen Kuss zu geben. Sie schlendern eng umschlungen über die Wiese. Ich komme mir wie gewohnt voll peinlich vor, wenn ich Mädels miteinander schmusen sehe. Ines hält an einer hellen Decke an, beugt sich zu ihrer Tasche hinunter, zieht etwas heraus und zeigt es ihrer Freundin. Ein grünes Teil. Sie greift nach ihren Bikiniträgern. Ich kann nicht wegschauen. Ihre hellen Brüste blitzen für einen Moment auf wie die Spatzen, die über mir in den Bäumen tschilpen. Sie legt das neue Top an. Auch schön. Mit einem tiefen Atemzug gehe ich auf sie zu. »Hallo, Ines.«

Sie schaut auf, erkennt mich und meint: »Hi, Leander.«

»Du fährst nicht mit nach Kroatien?«

»Nein, meine Mutter erlaubt es nicht.«

»Oh«, ich spüre einen Stich. Ines fragt nichts. Ihr Desinteresse schmeckt bitter. Doch nur einen Moment lang, dann überwiegt das beruhigende Gefühl, dass ich nichts erklären muss. Keiner aus der Schule weiß von Benni, und das ist gut so. Dafür fahre ich jeden Tag zum Anna-Gymnasium statt hier ins örtliche zu gehen. An der Münchener Schule bin ich Ines begegnet. Sie wendet sich ab, und ich schick ihr ein »Okay, dann noch viel Spaß« hinterher.

Als ich mich umdrehe, sehe ich den Bademeister mit raschen Schritten über die Wiese kommen. Er scheint etwas zu suchen. Jemand hängt an seiner Hand und zeigt mit dem freien Arm auf mich. Es ist Benni. Ich versuche Abstand zu den Mädchen zu gewinnen und gehe dem Mann entgegen. Prompt blökt er mich an: »Gehört der zu dir?«

Er sieht mich nicken und fügt hinzu: »Ihr packt sofort eure Sachen und verschwindet. Wenn ich euch hier noch einmal sehe, ruf ich die Polizei.«

Ich greife nach Benni und ziehe ihn hinter mir her. Er jammert, aber ich will hinaus aus dem Bad, weg von den gaffenden Leuten. An unserem Lagerplatz stopfe ich die Kleidung in die Tasche und zerre Benni in Richtung Ausgang.

Ein Badegast, an dem wir vorbei müssen, ruft: »Der gehört in eine Anstalt. Hier sind junge Mädchen. Das nächste Mal greift der nach ihnen.«

Ich drehe mich um. »Lassen Sie uns in Ruhe. Das macht er garantiert nicht.«

Draußen auf dem Parkplatz zeige ich zur Bank unter den Bäumen.

»Meine Schuhe«, heult er. »Fuß tut weh.«

»Was war los? Erzähl.«

»Aber nich schim-fen.«

»Sag endlich, was war«, fauche ich ihn an.

Benni stammelt: »Weiß nich. Schöne Mäd-chen. Ich mag Pimmel k-rat-sen.«

»Was? Bist du verrückt? In der Öffentlichkeit?«

Der Wahnsinnige. Ich lasse Benni einfach hier sitzen. Anders kapiert er es nicht. Mit seinem T-Shirt in der Hand zische ich ihm zu: »Anziehen und los.«

»Meine Schuhe. Auf die Wiese.«

»Da bleiben sie auch. Hier, zieh meine an. Und los.«

An der Haltestelle warten wir schweigend auf den Bus. Ich weiß echt nicht, was ich mit Benni tun soll. Ihn für einen Tag los zu sein ist ein verlockender Gedanke. Aber ihn später suchen zu müssen umso ätzender. Da schiebt ein junger Mann einen Rollstuhl mit einer schmalen Gestalt darin auf uns zu. Benni betrachtet die beiden und sagt laut auf die sitzende Person zeigend: »Die Ame is kan-k, muss mit Roll-schu fahren.«

»Schnauze«, fahre ich ihn an.

Der fremde Mann sieht zu uns her, seine Augen verengen sich, und die Mundwinkel sinken nach unten. Die junge Frau rutscht tief in das Polster hinein. Ich schubse Benni hinter die Infotafel, um nicht angesprochen zu werden. »Noch ein Wort, und ich lass dich endgültig hier allein.«

Benni verstummt erschrocken.

Costume da bagno (ital.) – traje de bano (span.) – maillot de bain (franz.) – bathing-dress (engl.) – vestis balnearia (lat.) – Badeanzug

Während der Busfahrt denke ich logisch wieder an Ines und suche ein passendes Wort zum Checken. Statt ›Bikini‹ gebe ich ›Badeanzug‹ ein. Die Übereinstimmungen betreffen nur die Hälfte des Begriffs, daher bleibt der restliche Tag unklar.

Als ich den Schlüssel in die Wohnungstür stecke, wird diese von innen aufgerissen. Mama steht mit verquollenen Augen vor uns, und ich frage: »Was ist passiert?«

Sie presst die Lippen zusammen und flüstert: »Ich muss mit dir reden.«

Benni verschwindet in seinem Zimmer, und ich sehe ihm einen Moment lang neidisch hinterher. »Sag, was los ist.«

Ich will von Benni und dem Vorfall im Freibad erzählen, doch meine Mutter scheint ein größeres Problem zu haben. Sie putzt sich geräuschvoll die Nase und atmet tief ein, bevor sie voll pathetisch sagt: »Oliver hat mich verlassen.«

Das ist der Typ, der mir in den letzten Wochen manchmal am Frühstückstisch gegenüber saß und ein Gespräch über die Schule beginnen wollte. Um dem zu entgehen, verschwand ich meist ungefrühstückt. Die Aussicht darauf, in der nächsten Zeit keinem nackten Mann im Bad zu begegnen, gefällt mir. Ich schaue Mama an und versuche, meine Erleichterung zu verbergen. »Dann suchst dir halt einen Neuen.«

Es soll echt nach Trost klingen. Ich traue ihr zu, einen ähnlichen Typen zu finden, der ab und zu das Bett und das Frühstück mit ihr teilt. Sie hebt die Hand, und einen Moment lang sieht es so aus, als wollte sie nach mir schlagen, doch dann lässt sie sie zum Glück wieder sinken. Einigermaßen hysterisch textet sie mich zu. »Das ist fies. Du weißt genau, dass ich jemanden für uns suche.«

»Keiner will das außer dir. Das einzige, was ich will …«

Mama fällt mir ins Wort. »Was meinst du? Sag. Alles, bloß deinen Vater nicht. Er ist ein totaler Versager.«

Ich atme tief durch. Es macht keinen Sinn, ihr erneut zu sagen, dass ihr Krieg mit Papa selten etwas mit mir und Benni zu tun hat. Sie redet ruhig wie zu einem Psycho. »Du musst es mir einfach glauben. Ich will, dass wir wieder eine Familie sind. Aber nicht mit ihm, er ist das Letzte.«

»Sei still, du redest von meinem Vater.« Ich fühle die Wut wie eine Stichflamme in mir hochschnellen, reiße mich los von der Hand, die plötzlich klammernd auf meinem Oberarm liegt, stürme in Richtung der Wohnungstür und höre Mama kreischen: »Wenn du jetzt gehst, …«

Den Rest kriege ich nicht mehr mit. Die Tür fällt krachend ins Schloss. Schwer atmend stehe ich draußen und knirsche mit den Zähnen. Statt den Ärger mit Benni los zu werden, habe ich jetzt auch noch Stress mit Mama. Wieso kann ich nicht einfach zu meinem Vater fahren? Warum meldet der sich nie? Als er auszog, versprach er, einen Weg zu finden trotz des Kontaktverbots, das Mama vor Gericht erwirkte. Inzwischen behauptet sie, Papa sei froh, seine Familie los zu sein. Da er unter der alten Handynummer nicht mehr erreichbar ist, stimmt das vielleicht sogar.

Als ich nach einer Weile meine Mutter aus der Wohnungstür kommen höre, drücke ich mich in die Nische hinter die Fahrräder. Ich sehe sie in dunkler Jacke und schwarzer Hose vorbeigehen. Ihre übliche Berufskleidung.

Kurz darauf läute ich an unserer Tür und höre Bennis Stimme: »Ich daf nich offen. Wer is da?«

»Benni, du Idiot. Mach auf.«

Benni dreht endlos lange am Schlüssel herum. Ich überprüfe in Gedanken alle Möglichkeiten, ohne ihn in die Wohnung zu kommen. Doch plötzlich öffnet sich die Tür mit Schwung, und Benni springt mir strahlend an den Hals. Ich knurre ihn an: »Lass mich einfach in Ruhe.«

Schweigend verzieht sich jeder von uns in sein Zimmer. Benni lässt während der nächsten Stunden zum Glück nichts von sich hören.

Gegen Mittag vibriert mein Handy, und ich lese ›Mama‹ auf dem Display. Offensichtlich hat sie die Auseinandersetzung vergessen. Sie ist Weltmeisterin im Verdrängen und ist nicht nachtragend, was ich gut finde. Deshalb nehme ich das Gespräch an und höre sie sagen: »Lenni, ich bin schon unterwegs nach Hause. Magst du für uns Pizzen in den Ofen schieben? Ich habe seit dem Frühstück nichts gegessen.«

Ich stöhne. Seit Papa ausgezogen ist und Mama arbeitet, wird in der blau gefliesten Küche selten gekocht. Ich habe echt keine Lust, damit auch noch anzufangen. Es gibt genug anderes zu tun. Pizza hängt mir inzwischen zum Hals heraus, doch das interessiert hier keinen. Grußlos beende ich das Gespräch. Kurz darauf höre ich Benni zur Wohnungstür hereinkommen und frage in seine Richtung: »Wo warst du?«

Er reagiert nicht und verschwindet in seinem Zimmer. Auch okay. Ich will gar nicht wissen, wo er sich herumtreibt, solange er keinen Stress macht. »Benni, Tisch decken, Mama kommt.«

Er kommt grinsend auf mich zu. »Mit Ker-sen?«

»Nein, keine Kerzen. Einfach nur für uns drei, schaffst du das?«

»Ja, ja«, nickt Benni eifrig und öffnet den Küchenschrank. Konzentriert betrachtet er die weißen Teller mit den blauen Rändern. »Ein, s-wei, dei«, dann zögert er und beginnt neu. »Ein, s-wei, dei, vier.« Entschlossen packt er den Stoß und bringt ihn zum Tisch, wo er vorsichtig an jede Kante einen davon auf das dunkelblaue Tischtuch stellt. Zurück am Besteckkasten zählt er von neuem. »Ein, s-wei, …«

»Vergiss Mama nicht«, fällt mir ein, während ich die Pizzen aus ihren Verpackungen befreie und in den Ofen schiebe. Benni hält inne und bringt den Teller, den er ursprünglich in den Schrank zurückgestellt hat, wieder zum Tisch zurück. Ich sehe ihn stolz sein Werk betrachten und trete neben ihn. Jeder Teller hat eine Gabel und ein Messer, sogar ein kleiner Löffel liegt daneben für eine ungeplante Nachspeise. Als besonderen Tischschmuck hat Benni die rote Vase mit der künstlichen Gerbera aus Mamas Zimmer geholt und zwischen die Teller gestellt. Ich spüre den Blick, den er mir zuwirft, überlege kurz und sage: »Ich wusste gar nicht, dass Herr Schluder zum Essen kommt. Hast du ihn eingeladen?«

Bennis Gesicht gefriert, der Mund öffnet sich wie unter großer Anstrengung. Die Laute darin finden nicht zueinander, und es fällt nur Unartikuliertes heraus. Die Augen weit aufgerissen schüttelt er stumm und heftig den Kopf.

Ich frage nach: »Ach so, du willst nicht, dass Herr Schluder mit uns isst?«

Benni versteht endlich, greift nach dem überzähligen Teller und dem Besteck und presst die Sachen an sich. Ich grinse. Logisch ist es heftig, Benni mit dem prolligen Vermieter zu erschrecken, doch irgendwann muss mein Bruder kapieren, dass drei Leute keine vier Teller zum Essen brauchen.