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Die vierzehnjährige Amra und ihre Freundin Louise lernen unvermutet die Ausreißerin Coco kennen, die zu Hause bei Amra duschen darf und danach spurlos verschwindet. Das Tagebuch der Siebzehnjährigen bleibt liegen, und seine Lektüre enthüllt den beiden Mädchen Cocos dramatische Geschichte. Sie machen sich auf die Suche nach ihr. Besuchen Orte, an denen sie sich aufgehalten hat, sprechen mit der Vermisstenstelle, mit Streetworkern und mit Menschen, die sie kannten. Schon bald ahnen sie, dass Coco das Opfer krimineller Machenschaften geworden sein muß. Laut dem Deutschen Jugendinstitut leben in Deutschland 37.000 Kinder und Jugendliche auf der Straße oder sind wohnungslos, davon 7.500 Minderjährige. In Berlin gibt es Schätzungen zufolge etwa 2.500 obdachlose Straßenkinder.* Die Figur der Coco ist eine von ihnen. Durch diesen rasanten Jugendroman mit seinem unverwechselbaren Sound rückt sie ganz nah an die Leserinnen und Leser heran.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Kapitel 01.
Kapitel 02.
Kapitel 03.
Kapitel 04.
Kapitel 05.
Kapitel 06.
Kapitel 07.
Kapitel 08.
Kapitel 09.
Kapitel 10.
Kapitel 11.
Kapitel 12.
Kapitel 13.
Kapitel 14.
Kapitel 15.
Kapitel 16.
Kapitel 17.
Kapitel 18.
Kapitel 19.
Kapitel 20.
Kapitel 21.
Kapitel 22.
Kapitel 23.
Kapitel 24.
Kapitel 25.
„Ich weiß nicht, was es bedeutet,
wirklich alleine zu sein.
Ohne Mutter. Ohne Vater.
Alles alleine entscheiden zu müssen.
Überhaupt zu wissen,
was man will oder nicht.“
Amra, vierzehn Jahre
Diese blöden neuen Turnschuhe. Zwei Runden bin ich durch den Preußenpark gerannt, habe voll Speed gegeben und jetzt kann ich kaum noch gehen. Mein linker Hacken ist aufgescheuert und tut höllisch weh. Und dann noch diese Affenhitze. 28 °C sagt mein Handy, und das Ende September. Ich muss mich setzen. Sofort. Am liebsten in den Schatten und am allerliebsten auf die Bank unter der Eiche.
Aber da sitzt schon ein Mädchen. Ich könnte mich neben sie setzen, aber irgendwie ist sie merkwürdig. In Shorts hockt sie barfüßig und breitbeinig da, in der einen Hand eine Zigarette und mit der anderen kratzt sie mit langen grasgrünen Fingernägeln überall an sich rum. Zwischendurch leckt sie ihre Finger ab, dann geht das Kratzen weiter. Ihre scheckigen Haare hat sie zu einem schlaffen Dutt zusammengebunden. Weiße Cowboystiefel liegen vor ihr auf dem Boden – daneben mindestens ein Dutzend Bierflaschen. Ich schätze mal, sie ist siebzehn.
„Is was?“, raunzt sie mich an.
Mist, glaube, ich habe sie voll angestarrt. „Nee, was soll sein?“, sage ich, humple schnell weiter und hocke mich neben unsere Fahrräder. Obwohl ich mindestens fünf Meter von ihr entfernt bin, kann ich sie riechen.
Aber immerhin sitzt sie im Schatten, während ich hier in der prallen Sonne auf meine Mutter warten darf. Wo steckt die überhaupt? Vom Weg abgekommen oder eine andere Schnecke getroffen? Meine Wasserflasche ist leer und auf meinem Kopf könnte man Spiegeleier braten. Meine Laune ist am Tiefpunkt angelangt. Endlich taucht sie auf, doch sie läuft an mir vorbei und bleibt direkt vor dem Mädchen stehen. Sie lächelt ihr zu und sagt irgendetwas. Das Mädchen antwortet, woraufhin meine Mutter ein Taschentuch aus der Tasche ihrer Shorts zieht und es ihr reicht. Kennen die sich etwa? Was gibt’s da zu bequatschen? Ich spitze die Ohren.
„... schon ein paar Mal gesehen. Deshalb wollte ich dich fragen, ob es vielleicht irgendetwas gibt, was ich für dich tun kann?“, höre ich meine Mutter sagen.
Völlig entgeistert starre ich sie an.
Das Mädchen zögert. Ziemlich lange. „Eine Dusche, ich würde gerne mal duschen“, antwortet es schließlich leise.
Meine Mutter überlegt. Auch ziemlich lange. „Klar, kann ich verstehen. Bei der Hitze!“ Fragend schaut das Mädchen meine Mutter an. Ich auch. „Also, wenn du magst, kannst du bei uns duschen.“
Mir fällt die Kinnlade runter.
„Wirklich?“ Das Mädchen ist genauso baff wie ich.
Meine Mutter nickt. „Heute passt es allerdings nicht so gut, morgen wäre besser. Morgen früh um zehn. Wäre das okay für dich?“
Das Mädchen zögert wieder. „Ich weiß nicht. Normalerweise mache ich so was ...“
„Schon in Ordnung“, unterbricht sie meine Mutter. „Du bist eingeladen! Wir wohnen in der Mommsenstraße 256, ganz in der Nähe vom S-Bahnhof Charlottenburg. Vorderhaus, 4. Stock. Du musst bei R. A. H. klingeln! Abgemacht?“
„Also, wenn das wirklich okay für Sie ist? Dann komme ich gerne“, erwidert das Mädchen überrascht und schaut meine Mutter ungläubig an.
„Ja, klar, komm ruhig vorbei! Wäre aber nett, wenn du pünktlich bist. Also bis morgen“, sagt meine Mutter lächelnd und dreht sich um. „Wollen wir los, Amra?“
Ich bin sprachlos. Wenn ich das richtig sehe, hat meine Mutter gerade dieses Mädchen zu uns nach Hause eingeladen. „Kennst du die?“, will ich wissen.
„Nein.“
Ich fasse es nicht. „Und wie kannst du sie dann einfach so zu uns nach Hause einladen?“ Verständnislos starre ich meine Mutter an.
„Warum nicht?“, antwortet sie ruhig. „Du hast doch gehört, dass sie gerne mal duschen möchte. Darum!“
„Und wie wär’s, wenn du Papa und mich auch mal fragst, ob wir das überhaupt wollen?“
„Ach komm, jetzt stell dich nicht so an. Was findest du denn daran so schlimm? Außerdem bin ich sicher, dass Hannes mir zustimmt“, erwidert meine Mutter.
„Ach ja, und was ist mit mir? Ich muss wegen jeder Kleinigkeit ... und überhaupt, warum kann die nicht zu Hause duschen?“, rege ich mich auf.
„Weiß ich auch nicht. Vielleicht hat sie gar kein Zuhause.“
„Die und kein Zuhause? Hast du ihr Shirt nicht gesehen? Da stand groß und fett DSQUARED2 drauf. Ich glaube nicht, dass eine Obdachlose so was trägt“, antworte ich triumphierend. „Und weiße Cowboystiefel erst recht nicht.“
„Ich habe ja gar nicht gesagt, dass sie obdachlos ist. Vielleicht hat sie nur keine eigene Wohnung“, vermutet meine Mutter.
Fassungslos schnappe ich nach Luft. „Ach, und wo soll da der Unterschied sein?“
„Ist doch jetzt auch egal. Das ist jedenfalls schon das dritte Mal, dass ich sie hier im Park sehe“, erklärt meine Mutter gereizt. „Jedes Mal sitzt sie alleine mit ihrem großen Rucksack auf dieser Bank und irgendwie habe ich Mitleid mit ihr. Nun komm schon.“ Meine Mutter schwingt sich aufs Fahrrad und fährt los.
Mir ist das Mädchen heute zum ersten Mal aufgefallen und einen Rucksack habe ich auch nicht gesehen. Wo soll der gewesen sein? Ich drehe mich um und starre direkt in ihre dunklen Augen. Unheimlich. Hat sie etwa unser Gespräch mitgekriegt? Schnell schnappe ich mir mein Rad und trample meiner Mutter hinterher. Schon allein die Vorstellung, dass dieses Mädchen in unserer Wohnung auftaucht, mein Handtuch benutzt, sich mit meiner Haarbürste seine klebrigen Haare bürstet und sich womöglich noch mit meiner Zahnbürste ..., och, nee, bitte nicht!
„He, pass doch auf! Fahrradfahren ist auf dem Bürgersteig verboten“, blafft mich eine Männerstimme von der Seite an.
Erschrocken drehe ich mich um. Natürlich Herr Polzin, der schrecklichste Typ überhaupt, der obendrein auch noch bei uns im Haus wohnt. Steht mit seinem fetten Rauhaardackel da und schnauzt mir hinterher. Der hat mir gerade noch gefehlt.
„Wie oft soll ich dir das noch sagen, hä?“, schnaubt er vor Wut.
Ich sag einfach gar nichts und fahre weiter. Mit diesem Typen ist nicht zu spaßen, sagt selbst mein Vater, und der muss es wissen. Polzin hat ihn nämlich angezeigt. Wegen eines Stinkefingers!
Das wär’s, wenn dieses Mädchen morgen nicht bei uns, sondern aus Versehen bei Polzins klingelt. „Guten Tag. Da bin ich. Ich wollte zum Duschen kommen!“
Frau Polzin würde der Putzlappen aus der Hand fallen und Herr Polzin hätte ganz schnell die 110 gewählt und sein Luftgewehr aus dem Schrank geholt. Mit dem hat er mal Jagd auf die Tauben im Innenhof gemacht, weil sie ihm den Balkon vollgekackt haben. So sind die beiden drauf.
Ich bin mir nicht sicher, was ich von der Duschaktion halten soll. Was, wenn es dem Mädchen bei uns gefällt? Womöglich taucht die dann jeden Montag bei uns auf. Und weil die anscheinend kein eigenes Bett hat, bietet ihr meine Mutter als Nächstes an, bei uns im Gästezimmer einzuziehen. Das kann sie echt nicht bringen. Na ja, ein bisschen kann ich sie schon verstehen, wenn sie sagt, dass das Mädchen Hilfe braucht. So richtig glücklich sah es nicht aus. Außerdem ist meine Mutter eine Mutter, und eine Mutter sorgt sich nun mal um Kinder. Das ist genetisch bedingt! Mein Vater sagt, dass er die Einladung hochanständig findet. Aber er ist sich zu 99 Prozent sicher, dass das Mädchen morgen nicht auftauchen wird.
„Boah, echt jetzt? Deine Mutter hat einfach dieses Mädchen zu euch zum Duschen eingeladen?“, platzt Louise auf dem Weg zur Schule raus.
„Yep. Einfach so.“
Louise starrt mich ungläubig an. „Und was sagt dein Vater dazu?“
„Na, was wohl? Der findet das natürlich voll nett“, sage ich und verdrehe die Augen.
„Und du?“
„Weiß nicht“, gebe ich zu. „Schon nett. Aber vielleicht kommt sie ja auch gar nicht.“
„Und die ist wirklich obdachlos?“
Ich zucke mit den Schultern. „Sie sah auf alle Fälle echt fertig aus. Stinkend und schwitzend mit fettigen Haaren und roten Flecken am ganzen Körper. Hat die ganze Zeit gequalmt. Und überall lagen Bierflaschen herum. Voll ekelig. Und das am frühen Morgen. Außerdem, warum sollte sie sonst bei uns duschen wollen? Bestimmt nicht, weil in ihrem Bad der Duschkopf kaputt ist.“
Louise kichert. „Stimmt auch wieder.“
„Wie würdest du das denn finden, wenn plötzlich eine Obdachlose bei euch duschen will?“
„Na ja, im Gegensatz zu eurem Badezimmer ist unseres ja mini und ...“, druckst Louise rum.
„Ach, und weil unser Badezimmer größer ist, müssen wir alle reinlassen?“ Ich schnappe empört nach Luft.
„Nein, natürlich nicht.“
„Und wie ist jetzt deine Antwort?“, bohre ich nach.
Louise hebt die Schultern und verstummt. Was nicht oft passiert.
Louise ist zehn Monate älter als ich, eine Klasse unter mir, einen Tick größer, aber vor allem ist sie meine beste Freundin. Und das, obwohl wir komplett unterschiedlich sind. Sie ist megachaotisch, plappert einfach drauflos und hat null Zeitempfinden. Das kann ganz schön nerven. Besonders morgens, wenn sie zum hundertsten Mal im Jahr zu spät zu unserem Treffpunkt kommt und mich dann auch noch unschuldig mit ihren großen karamellbraunen Kulleraugen anlacht.
Nicht, dass ich ständig pünktlich bin, aber mehr als sie bestimmt. Und aufgeräumter. Nicht nur in meinem Zimmer, auch in meinem Kopf. Alles hat seinen Platz. Ich mag das. Ordnung. Dinge und Gedanken zu sortieren und in Boxen und Büchern zu sammeln. Aber das erzähle ich besser niemandem. „Ich liebe Streetdance, Kickboxen und Saxofonspielen und du, Amra?“ Ich liebe Sammeln und Sortieren. Das klingt dermaßen bescheuert und geht gar nicht. Ganz früher waren es Kronkorken, dann Sticker und jetzt sammle und sortiere ich Farbstifte. Nicht wegen der Stifte, sondern wegen der Farben. Für mich ist ein Rot nicht einfach rot, sondern rougerot, mandarinrot, blutrot ...
„Und, war sie da?“, will ich als Erstes wissen, als ich aus der Schule nach Hause komme.
„Allerdings. Sie ist sogar immer noch da“, antwortet mein Vater.
Ich reiße ungläubig die Augen auf. „Wieso das denn? Die sollte doch um zehn kommen!“
„Ist sie auch. Und gleich im Badezimmer verschwunden. Seitdem wurde sie nicht mehr gesehen.“
„Echt jetzt? Seit fast vier Stunden?“
Zum Glück haben wir ein Gästeklo. Denn mittlerweile hat sich das Mädchen seit sechs Stunden in unserem Badezimmer verschanzt und wir haben absolut keine Ahnung, was es da eigentlich macht. Ab und zu hören wir mal Wasser laufen und einmal hat sie geredet. Entweder Selbstgespräche oder sie hat telefoniert. Aber sonst: Nichts!
Mein Vater findet dauernd einen neuen Grund, um von seinem Arbeitszimmer in die Küche zu gehen. Da muss er nämlich am Badezimmer vorbei und dann lauscht er an der Tür, aber anscheinend ist nichts Verdächtiges zu hören. Ich befürchte, er ist kurz davor, durchs Schlüsselloch zu kucken. Würde er natürlich nicht machen, aber gechillt ist er auf jeden Fall nicht mehr. Meine Mutter und ich auch nicht.
„Deine Kleidung ist jetzt trocken. Ich lege sie dir vor die Tür“, ruft meine Mutter.
„Danke“, antwortet das Mädchen in unserem Badezimmer.
„Brauchst du vielleicht noch etwas?“
„Nein, danke.“
„Brauchst du denn noch lange?“
„Nein, nicht mehr so lange.“
Zwanzig Minuten später hat mein Vater einen Entschluss gefasst. „Allmählich habe ich die Nase voll. Wir sagen ihr jetzt, dass wir um sechs wegmüssen und sie dann gefälligst fertig sein soll.“
„Aber das stimmt doch gar nicht“, wende ich ein.
„Hast du eine bessere Idee?“, pflaumt mich meine Mutter an. Habe ich nicht. Also marschiert meine Mutter zur Badezimmertür und bittet das Mädchen, um sechs fertig zu sein.
„Okay, ich komme gleich“, ruft das Mädchen durch die Tür.
Wir setzen uns in die Küche und versuchen „Stadt, Land, Fluss“ zu spielen.
17:55 Nichts zu hören.
18:06 Immer noch nichts.
18:16 Endlich! Wir hören etwas. Gebannt starren wir zur Badezimmertür. Sie öffnet sich einen Spaltbreit, eine Hand mit langen pflaumenblauen Fingernägeln greift nach den Klamotten und verschwindet wieder. Der Schlüssel dreht sich im Schloss.
„Prune“, sage ich laut. „Dein neuer Nagellack von Chanel.“ Meine Mutter nickt.
18:25 Mein Vater steht auf und geht auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Macht er nur in Notfällen.
18:29 Mein Vater kommt zurück. „Welcher Buchstabe ist dran?“
„D wie Deike, duschen und dämlich“, erwidere ich und werfe meiner Mutter einen giftigen Blick zu.
Meine Mutter verdreht die Augen. „Was machen wir denn jetzt?“, fragt sie leise meinen Vater.
„Das fragst du uns?“, zische ich sie an. „Du hast uns das Ganze doch eingebrockt, jetzt kannst du die Suppe auch wieder auslöffeln. Und eins sage ich dir, wenn die ...“
„Ich würde jetzt gerne gehen.“
Aufgeschreckt drehen wir uns um. Das Mädchen steht direkt vor uns. Nee, oder? Ihre Haare sind jetzt kirschrot und fallen lockig über ihre Schultern. Den Lockenstab hat sie also auch gefunden, genau wie das Parfüm meiner Mutter. Ganz schön dreist. Aber es hat sich gelohnt. Sie sieht tausendmal besser aus als gestern.
„Vielen Dank, dass ich bei Ihnen duschen durfte. Ich habe es sehr genossen. Und danke fürs Wäschewaschen.“ Sie hebt die Hand zum Abschied. Auf dem Unterarm hat sie ein kleines Tattoo. „Jasmin“ steht da in verschnörkelten schwarzen Buchstaben.
„Klar, gern geschehen“, stottert mein Vater und meine Mutter lächelt glücklich.
„Warte, ich bring dich noch zur Tür“, sagt sie erleichtert.
Das Mädchen guckt mich an. „Wie heißt du eigentlich?“
„Meinen Sie mich?“ Ich wundere mich selbst – warum sieze ich die denn jetzt? So viel älter als ich ist sie nun auch wieder nicht. Zwei oder drei Jahre vielleicht, höchstens. Aber irgendwie passt es besser. Irritiert schaue ich zu ihr hinüber. Natürlich meint sie mich. „Ich bin Amra.“
Das Mädchen nickt anerkennend. „Cooler Haarschnitt, Amra!“
„Danke“, antworte ich und streiche über mein kurzes Haar.
„Tschüss, Amra“, sagt sie.
„Tschüss, äh ... Ich weiß gar nicht, wie Sie heißen?“
„Coco“, sagt das Mädchen und lächelt mich mit strahlend weißen Zähnen an. Es dreht sich um und folgt meiner Mutter zur Wohnungstür.
„Ich wünsche Ihnen alles Gute“, höre ich meine Mutter sagen. Jetzt siezt sie das Mädchen also auch.
„Endlich“, seufzt mein Vater, als wir unten die Haustür zuschlagen hören. „Ich dachte schon, die geht nie mehr.“
„Ich auch!“, stimme ich ihm zu und auch meine Mutter nickt erleichtert.
Irgendwie sind wir alle froh, dass sie endlich weg ist. Gespannt öffnen wir die Badezimmertür. Bis auf die benutzten Handtücher, die auf dem Rand der Badewanne liegen, und eine leere Packung Haarfarbe im Mülleimer sieht eigentlich alles aus wie immer.
Ich checke den Schrank. Gott sei Dank, meine Sachen stehen noch genauso da, wie ich sie hingestellt hatte. Meine Zahnbürste ist trocken. Die Haarbürste hatte ich vorsichtshalber gestern schon mit in mein Zimmer genommen. Was allerdings nicht stimmt, ist der Geruch. Der ist definitiv anders als sonst und ich kann nicht behaupten, dass er mir gefällt. Eine Mischung aus Chemiestunde, Schweißfüßen, Vanilleeis und vollem Aschenbecher.
Mein Vater öffnet das Fenster und meine Mutter holt eine Ladung Putzmittel. Obwohl alles sauber aussieht, jedenfalls so sauber wie sonst auch, fangen wir alle an zu putzen. Das haben wir noch nie gemacht: zusammen freiwillig und mit Hingabe das Badezimmer geschrubbt. Zwischendurch schicke ich ein Stoßgebet zum Himmel: „Bitte, bitte, lass sie nicht wiederkommen. Einmal duschen reicht!“ Ein bisschen schäme ich mich ja, dass ich mir das wünsche, aber wenn ich ganz ehrlich bin, will ich nicht, dass sie noch mal kommt.
Ich mag das nicht. Wildfremde Menschen in unserer Wohnung, in unserem Badezimmer und schon gar nicht an meinem Schrank. Zum Glück fahren wir übermorgen nach Paris. Herbstferien.
Zwei Wochen später
„Was? Du hast das ganze Tagebuch von dergelesen?“ Louise starrt mich entsetzt an. „Alles, was das Mädchen geschrieben hat?“
Hätte ich ihr bloß nichts erzählt. Und das auch noch direkt vor der Tür unserer Schülerzeitung, wo gerade die komplette Redaktion an uns vorbeizieht und neugierig glotzt. Als wir aus Paris zurückkamen, lag nämlich ein Buch mit einem Pferdekopf auf meinem Schreibtisch. Jadwiga, unsere Putzfrau, hatte es beim Aufräumen gefunden und dachte, es wäre meins. Ich habe natürlich reingeguckt. Es war Cocos Tagebuch.
„Nein, nicht alles“, zische ich und spüre, wie das Blut in mein Gesicht schießt. „Nur zwei oder drei Seiten. Was denkst du denn von mir? Dass ich in fremden Tagebüchern schnüffle, oder was?“
„Nein, natürlich nicht“, beschwichtigt Louise.
Ich lege die Stirn in Falten. „Dann tu auch nicht so!“
„Mach ich doch gar nicht.“ Louise verdreht die Augen.
„Klingt aber so“, brumme ich.
„Komm mal runter, Amra, war nicht so gemeint.“
Ratlos hebe ich die Schultern. „Was sollte ich denn machen? Plötzlich liegt da ein wolkenrosa Buch mit Pferdekopf auf meinem Schreibtisch. Ist doch logisch, dass ich da reingucke, oder? Wie hätte ich denn sonst rausfinden können ...“
„Schon gut“, fällt mir Louise ins Wort. „Erzähl es mir nachher! Ich muss hoch. Latein nachschreiben.“
„Später bei mir? Kommst du vorbei?“
Louise hebt den Daumen und flitzt die Steintreppe hoch. „Und kämpfe für die Klos!“, ruft sie noch von oben runter.
Zwei Fünfties gehen kichernd an mir vorbei.
„Ist was?“, raunze ich sie an. „Oder gefallen euch etwa die Klos?“ Erhobenen Hauptes betrete ich die Redaktion. Seit zwei Jahren zeichne und schreibe ich für unsere Schülerzeitung CHARLY_19. Meistens berichten wir über das, was an der Schule passiert oder passieren sollte. Zum Beispiel endlich die Sanierung der Toiletten. Die sind nämlich ein stinkender Albtraum. Mit Türen, die nicht mehr schließen, verstopften Rohren und Überschwemmungen. Da geht keiner freiwillig hin.
Endlich. Louise ist da. Wir sitzen im Schneidersitz auf meinem Bett. Das Tagebuch zwischen uns.
„Bist du dir überhaupt sicher, dass es von diesem Mädchen ist?“, fragt Louise.
Ich gucke sie entgeistert an. „Ja klar, von wem denn sonst?“
Vorsichtig nimmt Louise es in die Hand. „Hat sie da viel reingeschrieben?“
„Das Buch ist fast voll“, erwidere ich.
„Und warum holt sie es nicht ab? Das ist echt merkwürdig.“
„Sage ich ja! Ein Tagebuch lässt man doch nicht einfach irgendwo liegen.“
„Und du bist dir ganz sicher, dass da keine Adresse oder Telefonnummer drinsteht?“, hakt Louise nach.
„Vorne steht jedenfalls nichts. Wenn wir wissen wollen, was es mit dem Buch auf sich hat, müssen wir reingucken“, stelle ich fest.
Louise nickt. „Stimmt! Außerdem hast du doch schon die ersten Seiten gelesen.“
„Ja, aber nur ...“
„Vier Augen sehen mehr als zwei“, fällt Louise mir ins Wort.
„Vielleicht finden wir ja einen Hinweis, wo Coco steckt, und dann geben wir es ihr wieder. Und weiter lesen wir nicht. Abgemacht?“
„Abgemacht!“ Louise schaut mich an. „Bist du bereit?“
Ich nicke. „Also dann ...“
Liebe Jasmin!
Ich bin’s. Coco. Deine große Schwester. Korrekt gesagt deine Halbschwester. Ich weiß noch nicht mal, ob sie dir erzählt haben, dass es mich gibt. Tut es aber. Früher haben wir zusammengelebt. Bis sie uns getrennt haben. Ich vermisse dich.
Ich bin jetzt 17 und lebe in Berlin. Wenn ich nicht weiß, wo ich hinsoll, gehe ich manchmal in die Stadtbücherei. Ich mag es da. Keiner quatscht mich blöd an, ich kann das Handy aufladen und sie haben WLAN. Hier ist mir eingefallen, alles aufzuschreiben, was ich von uns weiß. Von Anfang an. Damit du Bescheid weißt. Ich habe mir extra dieses Buch besorgt. Wenn ich fertig bin, werde ich es dir schicken. Oder vielleicht treffen wir uns in Wirklichkeit. Dann lese ich es dir vor.
Zum ersten Mal habe ich in der Küche von dir gehört. Carlos hatte die Hand auf Mamas Bauch gelegt und fett dazu gesmiled. Sie saß auf seinem Schoß, hat seine Stirn geküsst und ihm zärtlich durch die Locken gestreichelt. Und dann verkündeten die beiden feierlich: „Es gibt wunderbare Neuigkeiten! Du bekommst eine Schwester!“ Und dann haben sie geheult. Vor Freude. Geheult habe ich auch. Aber vor Wut. Ich wollte keine Schwester. Als ich klein war, wollte ich unbedingt eine, aber bestimmt nicht mit 11! Es war doch alles gut, so wie es war.
Du warst ein Wunschkind. Ich nicht. Mama war 16 und hat gar nicht mitgekriegt, dass sie schwanger war. Und als dann doch, war es zu spät. Zu spät zum Abtreiben. Das wäre allen am liebsten gewesen. Mama hat gesagt, dass Cem, ein Junge aus ihrer Schule, der Vater ist und dass sie ihn liebt und dass sie das Kind bekommen will. Also mich. Aber seine Familie ist komplett ausgerastet, sie haben Mama richtig übel beschimpft. Cem haben sie zurück in die Türkei geschickt. Der war dann weg. Habe ihn noch nie gesehen.
Ich kam also auf die Welt. Gewohnt haben wir bei Oma, die war 35 und hatte keinen Bock auf vollgeschissene Windeln und Babygeschrei. Außerdem war sie eifersüchtig. Wegen Herbert, ihrem Freund. Der hat behauptet, Mama würde ihn angraben. Dabei hat sie Herbert und seine Grapschereien gehasst. Er war ekelhaft, hat sie gesagt. Irgendwann ging es nicht mehr, und wir sind zu einer Bekannten gezogen. Ging aber irgendwie schief. Auf jeden Fall hat Mama Ivo kennengelernt und mit dem sind wir nach Bremen. Mama hat im Balkan-Grill gearbeitet. Fanta und Pommes satt. Von der Kita weiß ich nur noch den Tag, als Mama mich da abgeholt hat und meinte, dass wir den Abflug nach Hamburg machen.
Da hat sie dann im Hecht gearbeitet. Der Hecht hatte immer auf, 24 Stunden, 365 Tage, Weihnachten inklusive. Gewohnt haben wir daneben. Mama hat soo viel gearbeitet, meistens nachts. Wenn sie nicht da war, bin ich manchmal wach geworden, weil da Schritte waren. Weil jemand durch die Wohnung schleicht. Habe dann richtig Angst gekriegt und mich mit meinen Kuscheltieren unter der Bettdecke verkrochen. Und mich totgestellt.
Ich kam in die Schule. Am Tag davor hat Mama mich mit zur Kosmetikerin genommen. Die hat uns die Nägel lackiert, die Augenbrauen gezupft, und am besten: Sie hat uns Locken gedreht. So richtig mit Lockenwicklern. Wir sahen aus wie Schwestern. Und am ersten Schultag hat Mama mir ganz feierlich eine riesige Schultüte überreicht, bis obenhin voll mit Süßigkeiten, vor allem Mäusespeck.
Ich liebe Mäusespeck. Bin meistens alleine zur Schule, Mama schlief ja. Ich mochte Mathe, weil ich gut rechnen konnte. Das konnte ich, weil ich für Horst die Deckel ausgerechnet habe. Horst war der Chef vom Hecht. Deshalb hat er mir manchmal einen Euro gegeben, den habe ich dann sofort in mein grünes Sparschwein gesteckt. Das stand in der Küche auf der Fensterbank. Eigentlich habe ich auf Rollerblades gespart. Aber als ich das Geld zusammenhatte, habe ich sie doch nicht gekauft. Ein volles Sparschwein war mehr wert.
Das Beste an der Schule waren Swantje und Collin.
Swantje war die Horterzieherin. Wenn die anderen schon weg waren, haben wir uns in der Kuschelecke versteckt und Swantje hat vorgelesen. Nur für mich und noch einen Jungen. Wir lagen auf riesigen Sitzkissen ganz eng zusammen und es roch nach Vanille. Collin war Swantjes Hund, ein Jack Russel Terrier, der beste Hund ever. Wir waren beste Freunde. Collin hat immer verstanden, was ich gesagt habe. Andersrum auch.
Wenn Mama mal früher Schluss hatte, sind wir zusammen nach Hause, haben es uns im Bett mit Chips gemütlich gemacht und ferngesehen. Am liebsten Familientausch. Da tauscht eine Familie mit wenig Geld ihr Leben für eine Woche mit einer Familie mit viel Geld. Auf einmal in einer fetten Villa, dickes Auto und Putzfrau. Trotzdem war die Familie mit dem wenig Geld immer froh, wenn sie wieder in ihr altes Leben zurückkonnte. Die mit viel Geld sowieso. Ich schreibe morgen weiter.
18. Juli
Eines Tages tauchte Carlos auf. Ich weiß noch, wie er das erste Mal bei uns im Flur stand. Eine blaue Uniform hatte er an und alles an ihm war groß. Riesige Hände und voll die breiten Schultern. Für Mama hatte er einen Blumenstrauß mitgebracht. Und für mich eine Glitzerlicht-Meerjungfrau! Carlos hat für einen Security-Service gearbeitet, bei Konzerten und in Clubs und so. Aber er war kein Aggro. Im Gegenteil. Mama hat immer gesagt, Carlos ist ein echter Gentleman. Carlos kam aus Kuba. Wenn er lachte, und das hat er oft, hat er seinen Bauch festgehalten und seine großen braunen Augen leuchteten. Die beiden waren dermaßen ineinander verknallt. Nach drei Monaten haben sie geheiratet. Nach dem Standesamt sind wir zu den Landungsbrücken und Carlos hat Mama ein Liebesschloss geschenkt. ‚Siempre por te‘ hatte er da eingravieren lassen. Das ist spanisch und bedeutet ‚Für immer Dein‘. Gemeinsam haben sie es ans Geländer geklickt und den Schlüssel dann ab in die Elbe. Und dann haben sie rumgeknutscht. Ich stand daneben, wusste gar nicht, wo ich hingucken sollte. Aber glücklich war ich.
Carlos war es wichtig, dass alles vom Feinsten ist. Als Erstes hat er einen gigantischen Fernseher angeschleppt. Mama hat er das neueste iPhone geschenkt und überhaupt alles. Unsere Wohnung fand er auch nicht korrekt – wegen der Gegend. Wir also woanders hin und ich in eine neue Schule. Das wars dann mit Swantje und Collin. Da hatte keiner dran gedacht. Ich habe die beiden total vermisst. Carlos war immer nett. Jeden Morgen hat er mir einen heißen Kakao ans Bett gebracht, und wenn er nicht arbeiten war, hatte er Zeit für mich. Wir haben gekocht wie die Leute in Kuba, mit Reis, Bohnen und vielen Gewürzen. Wir haben einen Drachen gebaut, mit dem sind wir zum Elbstrand, haben ihn geflogen und dabei den Schiffen hinterhergeschaut. Und PlayStation haben wir gespielt, keine Chance für Carlos. Er hat sogar versucht, mir bei den Hausaufgaben zu helfen. Und beim Fernsehen habe ich meinen Kopf auf seinen dicken, weichen Bauch gelegt. Das war voll gemütlich.
Dann kamst du. Auf dich hatte ich echt nicht gewartet. Habe ich ja schon gesagt. Ich wollte Carlos mit niemandem teilen. Als ich dich im Krankenhaus das erste Mal gesehen habe, war ich voll erleichtert. Du warst nämlich richtig hässlich: knallrotes Gesicht, voll die Falten und geschielt hast du wie ein Kakadu. War den beiden egal, sie fanden dich zuckersüß. Hat nicht lange gedauert, da fand ich dich auch zuckersüß. Alle fanden dich zuckersüß. Stolz bin ich mit dir im Kinderwagen rumgekurvt, die ganzen Omas immer voll ausgeflippt: „Was für ein reizendes Kind!“ Ich fand mich dann auch reizend.
Carlos wollte nicht, dass Mama im Hecht arbeitet. Hat sie nicht eingesehen, aber dann doch. Da hat es angefangen: das Abhauen. Manchmal war sie eine ganze Nacht weg, manchmal länger. Einfach weg, ohne was zu sagen. Carlos wusste auch nicht, wohin. Er dachte, ich kriege es nicht mit, aber ich habe gesehen, wie er geweint hat. Es war schrecklich. Das machte gar keinen Sinn. Wenn sie wiederkam, sah sie schlimm aus. Bleich und dunkle Ringe unter den Augen. Sie haben sich dann gestritten, geheult und wieder vertragen. Und sie hat geschworen, nie wieder zu verschwinden. Ich weiß nicht, wohin sie ist und was sie gemacht hat. Ich habe sie gefragt, aber sie meinte: „Das geht dich nichts an.“ Natürlich ging es mich was an. Es war so unfair.
21. Juli
Ich fahre oft U-Bahn. Einfach so. Am Hermannplatz war heute ein Poster vom Tropical Islands. Da sind wir mal alle zusammen hin. Das ist eine mega Halle, in die sie einen Urwald reingebaut haben. Original. Mit Wasserfällen, Sandstränden, Lagunen, Palmen und Flamingos. Aber das Beste sind die Rutschen. Wir beide sind überall hin, haben alles ausprobiert. Mama und Carlos hockten an der Strandbar und haben Drinks aus Kokosnüssen geschlürft. Und Carlos hat versprochen: „Wartet ab, bald nehme ich euch alle mit nach Kuba. Da gibt’s das in echt. Und tausendmal schöner.“ Am Ausgang hat die Kassiererin dir einen Teddy geschenkt. Schneeweiß, mit blauen Augen und einem hellgrünen Badeanzug. Ein Eisbär aus der Südsee. Du hast gestrahlt. Das war ein toller Tag. Der letzte.
Plötzlich steht mein Vater im Zimmer. „Hallo, jemand zu Hause?“
„Wie kommst du denn hier rein?“, fragt Louise verdattert.
„Durch die Tür. Störe ich etwa?“, fragt er scheinheilig.
„Kannst du nicht anklopfen?“, fauche ich ihn an und schiebe schnell das Buch unter die Bettdecke.
Verständnislos guckt er mich an. „Warum das denn?“
„Hallo? Weil du soeben in meine Privatsphäre eingedrungen bist.“ Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu.
„Erstens habe ich drei Mal geklopft. Zweitens will Kathrin wissen, warum Louise nicht an ihr Handy geht, und ...“
„Wieso? Mein Handy ist doch ...“ Louise fingert es aus ihrem Rucksack. „Oopsie daisy, nicht aufgeladen.“
„Und drittens, Daisy, mach dich besser sofort auf, denn deine Mutter ist kurz davor zu explodieren, weil“, er schaut theatralisch auf seine Armbanduhr, „ihre Theatervorstellung in exakt 20 Minuten beginnt und dein Vater versprochen hat, dich genau jetzt bei euch abzuholen.“
„Oh, total vergessen.“ Sie steht auf und wirft meinem Vater ihr typisches breites Grinsen zu. Bei dem scheint einfach alles an ihr zu grinsen. Die Augen, die krausen Haare, der volle Mund, selbst die feste Zahnspange.
Ich liege im Bett. Cocos Tagebuch liegt gut versteckt in der ziegelroten Schachtel ganz hinten im Regal. Ich habe überlegt, wohin mit ihm. Ich kann es unmöglich zu meinen Sachen legen. Es piept. Louise.
Seit dreißig Minuten stehe ich mir vor der verschlossenen Tür der Schauspielschule die Beine in den Bauch und warte auf Hennig.
