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Marie, eine junge Frau Ende zwanzig, wird in ihrer Wohnung überwältigt und kurz darauf betäubt. In einer kurzen Sequenz erwacht sie, bevor sie endgültig in die Bewusstlosigkeit sinkt. Hannah, ihre Frau, kommt kurz darauf nach Hause und findet Marie geschwächt im Flur. Beide fahren ins nahe gelegene Krankenhaus. Die Kommissarin Ingrid Blumensaat nimmt ersten Kontakt zu Marie und Hannah auf. Hier taucht dann auch Martha, Maries ältere Schwester auf. Besorgt und mit einer ihrer eigenen Dramatik versucht sie Marie davon zu überzeugen, dass sie mit ihr in ihr Elternhaus, eine alte Mühle bzw. das dazu gehörige Gesindehaus, kommen soll. Doch vorerst bleibt Marie standhaft. Stellt sich zu ihrer Frau. Aus dem Krankenhaus entlassen, bleibt es zunächst ruhig um die drei Frauen. Marie ist wegen Burnout krank geschrieben, dreht jeden Tag ihre Runden im nahe gelegenen Park. Dort kommt es zu einer weiteren, unheimlichen Begebenheit. Bildet Marie sich das nur ein? Eine Mauer aus Misstrauen und Verdächtigungen entsteht…
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inga Berg
Das Mühlen-Trauma
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Schlüsselgewalt
Ingrid Blumensaat
Spuren im Schnee
Die alte Mühle
Weihnachten ist Vergangenheit
Wenn Puppen tanzen
Gegenübergestellt
Emmas Vater
Schwesterliebe
Thomas empfiehlt Ingwertee
Wenn Schlüsselanhänger Rätsel lösen
Impressum neobooks
Marie liegt auf dem Teppich in ihrem Wohnzimmer. In ihrem Kopf hämmert ein Schmerz, den sie nicht kennt. In ihrer Nase ein Geruch, der ihr fremd ist, der nicht zu ihr, zu ihrer Wohnung gehört. Was war passiert? Wie war sie hierhergekommen, unfähig, sich zu bewegen? Eine Erinnerung drängt sich in ihr Bewusstsein. Die Wohnungstür. Das Schloss. Ihr Schlüssel! Sie hatte ihren Wohnungsschlüssel von innen stecken lassen, die Tür ließ sich nicht öffnen, sie brauchte Hilfe, hatte in ihrem Smartphone nach einer Nummer gesucht und … Sein Gesicht taucht über ihrem auf. Und ihr wird klar, dass sie nun sterben muss.
Mit aller Kraft, einem letzten Aufbäumen im Kampf gegen ihre Unfähigkeit sich zu bewegen und dem drohenden Realitätsverlust, versucht sie sich auf das Gesicht über ihr zu konzentrieren. Der Schmerz in ihrem Kopf hämmert unerbittlich gegen ihren Verstand, gegen ihre Konzentration. Angst, die schiere, blanke Angst breitet sich wie ein giftiges Gas in ihren Sinnen aus. Erneut verliert sie alle Kontrolle, sinkt zurück in den farblosen Alptraum aus Nichts und Erinnerungslosigkeit.
Stimmen, weit weg dringen an ihr Ohr. Irgendwo maunzt eine Katze, tief in ihrem Inneren ergreift sie Panik und eine Frage drängt sich ihr unweigerlich auf: „Bin ich tot?“
Endlich gelingt es ihr, gegen die Schwere ihrer Lider, die Augen zu öffnen. Ihr Schlafzimmer, ihr Bett! Nein, sie lebt!
Vorsichtig richtet sie sich auf. Ihr Nachthemd! Ihr Handy neben ihr! Alles scheint ruhig, keiner da! Nur der Kopfschmerz, der heftig gegen ihre Gedanken hämmert und dieser unerträglich süße Geruch. Übelkeit wallt in ihr auf, übermannt ihre Sinne für einen kurzen Augenblick.
Erneut kämpft sie gegen das Verlangen, einfach liegen zu bleiben, quält sich hoch. Mit trägen Gliedern und Schwindel im Empfinden steht sie auf. Langsam schaut sie sich um. Die Wohnung liegt friedlich im Dämmerlicht des Abends vor ihr. Mit all ihrem Sein tastet sie sich durch die Stille des Raumes. Immer noch maunzt irgendwo eine Katze. Leichter Regen setzt ein und trommelt sanft gegen die Fensterscheiben. Die Straßenlaternen gehen an und zaubern ein unwirklich orangerotes Licht an die Zimmerdecke.
Beinahe schleichend geht sie in den Flur. Eine Holzpaneele knarzt unter ihrem Gewicht. Erschrocken zieht sie den Fuß zurück, verharrt atemlos.
Alles ruhig, weiter! Ihre nackten Füße spüren den warmen Holzboden, ertasten die ungleichmäßigen Bohlen, erkennen den Weg. Die Tür zum Wohnzimmer ist geschlossen.
Mit klammem Griff umfasst sie die messingfarbene Türklinke. Alle Sinne lauschen in die Dunkelheit. Hier hatte es stattgefunden, das Verbrechen, der Übergriff auf sie und ihr Leben. Was würde sie hinter dieser Tür finden?
Plötzlich erhellt Licht das Treppenhaus, durchfährt ihre Gedanken und trifft sie tief in ihrem schmerzenden Kopf. Durch die Glasscheiben der alten, massiven Eingangstür dringen bunte Reflexe und spiegeln sich auf dem Boden wider. Schwere Schritte quälen sich über knarrende Stufen. Immer näher. Atem ist zu hören, schwer, beinahe keuchend. Ihr Mörder! Er kommt wieder!
Ein Schlüssel dreht sich im Schloss, die schwere Tür springt auf, die alte Lampe an der hohen Decke im Flur erhellt die Szenerie.
„Marie, was ist mit dir?“ vernimmt sie noch die vertraute Stimme ihrer Partnerin, bevor sie von Schwindel übermannt zusammenbricht.
Gerade noch schafft es die elegante, schlanke Frau am Eingang Marie aufzufangen. Taschen und Aktenkoffer auf die Seite schiebend, öffnet sie einen Teil der Flügeltür zum Wohnzimmer und hilft Marie, sich auf dem Sofa niederzulassen. Ungläubig, beinahe suchend schaut sich Marie um. Helena sitzt ihr gegenüber, schaut sie besorgt und fragend an.
„Ich weiß es nicht!“ antwortet Marie auf die stumme Frage Helenas.
„Ich weiß es einfach nicht!“ wiederholt sie mehr zu sich selbst und wendet sich aus den brennenden Blicken ihrer Liebe. Die Sorge in den Augen von Helena ist für sie kaum zu ertragen.
Seit drei Jahren sind sie nun offiziell ein Paar. Haben gegen alle Konvention zusammengehalten, einen Hausstand gegründet und sich diese Altbauwohnung gekauft.
Helena übte auf sie von Anfang an eine gewisse Faszination aus.
Diese große, elegante Frau, die mit einer unerhörten Selbstverständlichkeit die Blicke auf sich zieht.
Sie ist eine Frau, die genau weiß wer sie ist. Kennt ihre Stärken und akzeptiert ihr Schwächen.
Das kommt ihr als Anwältin für Scheidungsrecht erheblich zu Gute.
Helenas Stimme drängt sich in Maries Bewusstsein. Leicht vorgebeugt sucht sie ihre Aufmerksamkeit.
„Willst du ein Glas Wasser?“ Marie nickt, immer noch unfähig das Geschehene zu erfassen.
Auf dem Weg in die Küche hebt Helena ihre Taschen und Koffer am Flur auf.
Einem Automatismus folgend, greift Marie nach der Fernbedienung des Fernsehers, als sie ein stechender Schmerz durchzuckt.
Ihr Handgelenk leuchtet in allen erdenklichen Blau- und Violetttönen. Ähnlich der bunten Verglasung ihrer Wohnungstür.
Ihre Gedanken rasen, setzen eins zum anderen. Die Tür, der Mann, der Überfall! Oh Nein, das war keine Einbildung!
Plötzlich und völlig sinnfrei sprudelt alles, woran sie sich noch erinnern kann, aus ihr heraus. Helena, die inzwischen mit dem Wasserglas in der Hand aus der Küche zurück ist, beginnt zu erschauern. Immer wieder versucht sie ihre Gedanken zu ordnen, das Erzählte zu verstehen. Fragen, ordnende Fragen, verstehen, was passiert ist, begreifen was vorgefallen ist. Nach gefühlten Stunden lässt sich Helena kreidebleich in dem alten Sessel, der der Couch gegenübersteht, fallen.
Angespannte Stille tritt ein. Erwartungsvoll beobachtet Marie diese unglaublich intelligente Frau. Dieser Mensch, der ihr so nahesteht und dem sie all ihre Liebe und ihr Vertrauen schenkt. Was Helena sagt und meint ist für sie Gesetz
Langsam steht sie auf, alles, was sie jetzt tut ist überlegt. Aufgerichtet und sehr gefasst geht sie in den Flur und kommt wenig später mit ihrem Handy in der Hand zu Marie an das Sofa.
„Wir müssen die Polizei anrufen und ins Krankenhaus fahren!“ ihre feste Stimme duldet keinen Widerspruch.
„So muss sich eine Mandantin fühlen, wenn sie weiß, welche Richtung sie in einem Prozess einschlagen wird!“ Ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit durchzieht ihre Gedanken. „Ja!“ denkt sie und schaut Helena direkt in ihre grünen Augen.
Erschrocken senkt sie den Blick. In Helenas Augen spiegeln sich Tränen wider. Tränen voller Hass und Verzweiflung, Tränen voller Trauer und Sorge.
Langsam begreift Marie Helenas Gedanken. Vorsichtig und zögerlich fühlt sie in sich hinein. Tastet sich durch ihren Körper.
Der Kopf, immer noch hämmert der Schmerz gegen ihren Verstand. Der Hals, Übelkeit in ihrem Rachen. Die Brust, regelmäßiger Atem strömt durch ihre Lungen. Das Handgelenk, pochend und geschwollen. Der Bauch, hebt und senkt sich mit dem Ein- und Ausströmen der kühlen, frischen Novemberluft.
Wieder schaut Marie zu Helena auf. Ihre Blicke begegnen sich. Helena wartet, als ob sie wüsste, wo in ihrem Körper Marie gerade ist. Ein Schauer läuft Marie eiskalt den Rücken herunter.
Sie schließt ihre Augen, holt tief Luft und fühlt in sich hinein.
Tief in ihr, in ihrer Erinnerung verborgen, tauchen Bilder auf. Längst vergessen und verdrängt. Ihr Vater. Hierarchisch thront er hinter seinem gigantischen Schreibtisch.
„Komm zu mir!“ hallt seine sonore Stimme durch den Raum ihrer Vergangenheit. Eine Spieluhr die in Endlosschleife Für Elise ertönen lässt.
Schmerz unheilbarer, seelischer Schmerz durchflutet ihr Sein. Tränen, heiß und unerbittlich, fluten ihr Hier und Jetzt.
„Hat er?“ dringt Helenas besorgte und zu gleich sehr dominante Stimme in ihr Bewusstsein.
„Ja, er hat“ dröhnt es in ihrem Kopf. „Jahrelang, immer wieder!“ schreit es in ihr auf.
Marie schweigt, sieht zu Helena auf und schüttelt den Kopf.
„Trotzdem müssen wir ins Krankenhaus fahren!“ unerbittlich hält Helena ihr das Telefon hin. Marie weiß, was zu tun ist und wählt die Nummer 110.
Kurze Zeit später sitzen die beiden Frauen im Auto von Helena, das sie vor dem Haus geparkt hatte. Gleichmäßig und ruhig gleitet der schwere Wagen durch die Nacht. Maries Gedanken kreisen um Männer, die sie nicht kennt. Männer, die sie hasst. Männer, die immer nur in sie eindringen, unerbittlich, brutal.
In Helenas Armen hatte sie Ruhe gefunden.
Als sie sich kennenlernten war Helena noch in einer festen Beziehung zu einer ebenso erfolgreichen wie sehr attraktiven Journalistin.
Schön und aufrecht begegnete Helena, in ihrer Funktion als Anwältin ihres Schwagers Karl, Marie damals.
Es war Liebe auf den ersten Blick. Doch beiden war bewusst, dass sie sich eigentlich auf feindlicher Linie entgegenstanden. Sie waren Gegner, wie Martha, Maries Schwester immer betonte.
Martha konnte Helena noch nie leiden. Karl hingegen himmelte Helena geradezu an.
Er war es, der die Scheidung von Martha wollte. Er war ihrer überdrüssig geworden. Hatte sie mehrfach mit ihrer besten Freundin betrogen, sie angelogen und hintergangen. Und doch, Martha wollte ihn nicht gehen lassen. Tief gedemütigt und doch wohl nicht tief genug, kämpfte sie verzweifelt um diesen so selbstherrlichen, geradezu narzisstischen Mann. Er war sich seiner Attraktivität mehr als bewusst, liebte es, sich darzustellen und Martha schmückte sich mit ihm.
Nötig hatte sie das nicht. Eine hochgewachsene, schlanke Frau, der bei jedem Schritt dunkle, schwere Locken um ihr doch eher zierliches Gesicht tanzten. Ihr dunklen Augen funkelten temperamentvoll unter Ihrer Mähne hervor, wenn sie sich an etwas festgebissen hatte. Nur schwer ließ sie sich von einmal gefassten Entschlüssen abbringen. So war für sie auch klar; eine Ehe ist für immer!
Helena stand dagegen! Erfolgreich!
„Wir sind da!“ reißt Helenas Stimme Marie aus ihren Gedanken. Neonhelles Licht spiegelt sich auf nassem Asphalt. Blaue Lichtfetzen kreisen um das dunkel aufragende Gebäude. Hellerleuchtetes Foyer umgibt Maries Angst, die immer weiter in ihr aufsteigt und ihren Verstand zu umfassen droht. Unsicher folgt Marie ihrer Beschützerin in die Aufnahme der Ambulanz.
Eine kleine, dicke Frau springt hinter der Theke im Wartebereich hervor und führt die Frauen an den Wartenden vorbei.
„Sie werden bereits erwartet!“ meint sie kurz angebunden und schiebt die beiden Frauen durch eine schwere Edelstahltür in das sterile Behandlungszimmer.
Marie nimmt auf der Pritsche in der Mitte des Raumes Platz, während Helena sich in den Hintergrund unter eine flackernde Neonröhre zurückzieht.
„Wie blass sie in diesem grellen Licht wirkt!“ Maries Blicke halten sich an der Gegenwart ihrer Vertrauten fest.
Da schiebt sich beinahe schwebend ein Schiebeelement der Stahlwand auf und eine kleine, zierliche Person mit wehend weißem Kittel tritt ein.
„Sie müssen hier raus!“ fährt die Frau, die sich als Doktor Nawalany mit polnischem Akzent vorstellt, Helena an
Diese nickt nur, tritt noch einmal zu Marie an die Pritsche und greift ihre Hand. Kurz schauen sich beide tief in die Augen. Marie fühlt den Strom an Liebe, den sie jetzt so dringend braucht. Ein warmer Hauch von Vertrauen vertreibt die Angst aus ihren steifen Gliedern. Dann verschwindet Helena hinter der eiskalten Tür, die sich wie von Geisterhand schließt.
„Dann erzählen sie mal!“ fordert die Ärztin sie sachlich auf „Was ist passiert!“
„Ich glaube Nichts!“ sagt Marie zögernd
„Wie, Nichts?!“ ungeduldig tritt die drahtige Frau einen Schritt auf Marie zu „Es muss doch einen Grund geben, warum sie hier auftauchen!“
Kleine, blaue Augen funkeln Marie an
„Ja, schon!“ Marie fühlt, wie ihr schwarz vor Augen wird. Ein klingeln und rauschen in den Ohren raubt ihr die Worte, setzt die Szenerie, in diesem kalten, klaren Raum in den Hintergrund.
„Legen Sie sich hin!“ fordert die nüchterne Stimme aus der grellen Wirklichkeit sie auf.
„Beine hoch!“
Eine hektische Geschäftigkeit umgibt Maries schwindendes Bewusstsein.
„Chloroform, ihr Atem riecht nach Chloroform!“ hört sie noch, dann lässt sie sich in die Unwirklichkeit zurückgleiten.
Kurz darauf kommt sie wieder zu sich. Noch stärker hämmert nun der Schmerz gegen ihre Schläfen.
„Sie kommt zu sich!“ ein freundliches Gesicht, umspielt von blonden Locken beugt sich über sie.
Und da ist es wieder, dieses misstrauische Funkeln zweier Augen.
„Ok“ meint Dr. Nawalany und beschreibt ihr mit Zynismus und Ungeduld in der Stimme, wie nun die Untersuchung aussehen wird.
Ein ungutes Gefühl beschleicht Marie.
„Auch…?“ zögerlich schaut sie zu der kleinen, herrischen Frau auf.
„Nein, wenn sie das nicht wollen, dann nicht!“
„Besser wäre es aber!“ murmelt sie jedoch etwas verärgert, als sie sich von Marie abwendet. Nachdem die freundliche Schwester, das erste wirklich nette Gesicht in diesem Krankenhaus, ihr Blut genommen, und Marie brav eine Urinprobe abgegeben hat, wird sie zu Helena in den Warteberreich gebracht.
Aus Blut und Urin wird nun eindeutig klar: Es ist eine Chloroformvergiftung. Wieder im Behandlungszimmer wird ihr mitgeteilt, dass sie zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben muss
„Mindestens eine Nacht!“ Dr. Nawalanys Stimme duldet keinen Widerspruch.
Es ist ein Einzelzimmer, in das Marie kommt. Helena bringt ihr spät am Abend noch ein paar Sachen vorbei, dann ist sie allein.
Langsam entspannt sich ihr Körper und sie lässt sich in das krankenhaussterile Bett sinken. An der Zimmerdecke spiegeln sich zahlreich Lichter, treiben blaue Reflexe ihr Spiel mit ihren Sinnen.
Die Augen fallen ihr zu.
Aus der Tiefe ihrer Träume formiert sich eine Gestalt. Bedrohlich baut sich ein Schatten über ihr auf, zieht sich zu einem männlichen Körper zusammen und kommt auf sie zu. Die Stimme aus der Flut ihrer Angst dringt an ihr Ohr.
„Das Schloss ist kein Problem!“ hallt es durch ihr Bewusstsein.
Sie öffnet die Augen. Durch das Dunkel ihres Zimmers erkennt sie einen Mann an ihrem Bett. Stumm und regungslos steht er da. Hastig tastet sie, ohne ihn aus den Augen zu lassen, mit klammen Fingern nach der Klingel. Mehrmals greift sie ins Leere. Die Gestalt rührt sich nicht. Dann endlich, sie bekommt das kleine Ding zu fassen, drückt sie mehrmals.
Unter ihrer Zimmertür huschen Schatten hin und her. Die Tür springt auf. Fahles Licht fällt in den Raum. Kurz darauf vertreibt grelles Neonlicht die Schatten, eine Schwester tritt an ihr Bett. Ungläubig schaut sich Marie um. „Weg! Der Mann ist weg!“
„Sie haben schlecht geträumt!“ meint die Schwester geduldig. Dreht sich um, verlässt den Raum wieder in die Nacht und schließt die Tür hinter sich.
Wieder ist Marie allein. Sie lässt die kleine Nachtischlampe die ganz Nacht an.
„Licht vertreibt Schatten“, denkt sie noch und fällt in einen unruhigen Schlaf.
„Können sie mir jetzt sagen, was passiert ist!“ Frau Dr. Nawalany steht, kaum dass die blasse Novembersonne Maries Zimmer spärlich erhellt, am nächsten Morgen an ihrem Bett.
Marie nickt „Soweit ich mich erinnern kann!“ setzt sie trotzig der Aufforderung entgegen.
Den Ton in ihrer Stimme wahrnehmend, entschuldigt sich die Frau in der weißen Robe.
Etwas sanfter in ihrer Wortwahl erkundigt sie sich nach Maries Befinden.
Müde fühlt sie sich, aber ihre Gedanken sind klar. So klar, wie die Luft, die durch das geöffnete Fenster zu ihr dringt.
„Ich wurde nicht vergewaltigt!“ stellt Marie entschieden fest.
Noch bevor sie weiterfährt betritt Helena den Raum.
„Helena!“ denkt Marie erleichtert und beginnt stockend zu erzählen. Immer wieder rast ihr Puls und ein eiskalter Schauer läuft ihr den Rücken herunter.
Nach Helena betritt eine etwas schlampig angezogene und untersetzte Frau den Raum.
Sie stellt sich als Soko-Beamtin im Fall Schlüsseldienst vor
„Ingrid Blumensaat!“ sagt sie und nimmt an Maries Bett auf einem Stuhl Platz.
Etwas irritiert von diesem doch eher nett klingenden Namen für eine Polizistin, beginnt Marie, das Geschehene zu rekonstruieren.
“ Ich war etwas früher als sonst zu Hause. Kalt war es und regnerisch. Schnell schlüpfte ich in die warme Wohnung, steckte den Schlüssel von innen in die Tür und trat ins Badezimmer. Dort zog ich mir die klammen Klamotten aus und kroch in meine Wohlfühljogginghose“
Bis hierher behielt Marie ihre Fassung, war alles gut.
„Danach ging ich in die Küche. Ab diesem Zeitpunkt beschlich mich der Verdacht, dass ich beobachtet werde. Immer wieder sah ich mich um, aber da war niemand!“
„So wie heute Nacht!“ drängt sich Marie da ein Gedanke auf
Mit zunehmend zittriger Stimme erzählt Marie von dem gestrigen Nachmittag „Also machte ich mir das Essen vom Vortag warm. Kürbiscremesuppe.
Bevor ich mich jedoch gemütlich auf das Sofa kuscheln konnte, musste ich den Müll noch runterbringen. Ich nahm also den Müllbeutel, lehnte die Haustür an und ging ins Treppenhaus. Wieder beschlich mich der Verdacht, dass Blicke auf mit ruhten.“
„Das Fenster ist auf!“ schreit es stumm durch ihre Sinne.
Marie unterbricht ihre Ausführung. Zögernd schaut sie sich um. Sie will nicht für verrückt gehalten werden. Tief atmet sie ein.
„Unsere Tür ist noch nie einfach so zugefallen. Eigentlich ist diese Tür so schwer, dass sie nie zufällt. Und windig war es auch nicht!“ Gibt sie zu bedenken
„Ich zog also das Handy aus meiner Tasche. Helena brauchte ich nicht zu kontaktieren, die schaltet ihr Handy aus, wenn sie arbeitet. Das ist übrigens Helena, meine Lebensgefährtin!“ unterbricht Marie und schaut in zwei sanfte, grüne Augen. Eine Strähne ihrer rotblonden Harre fällt ihr ins Gesicht. Unwillig aber beinahe im Nebenbei bring sie die freche Strähne wieder in die ihr zugedachte Position.
„Sie ist so schön!“ denkt Marie noch und widmet sich wieder ihren Ausführungen
„Schnell hatte ich via Internet einen Schlüsseldienst zur Hand. Dieser traf dann auch wenig später ein.
Dieser Mann vom Schlüsseldienst, er war groß und kräftig, mittleren Alters, irgendwie aber doch unscheinbar und sehr unangenehm.“ Marie stockt, sammelt sich
„Er meinte noch, dass unser Schloss kein Problem wäre, und dass wir uns doch ein besseres kaufen sollten. Gerade in einer besseren Wohngegend wie hier. Dann hatte er die Tür auch schon auf!“
Wieder stockt Marie der Atem. Sie hält inne, sucht nach Halt. In Helenas Blicken findet sie den Mut weiter zu erzählen.
„Er hat mich dann von hinten überwältigt. Mir ein, mit einer süßen, schweren Flüssigkeit kombiniert mit scharfem Alkohol getränktes Tuch vor Mund und Nase gepresst.“
Tränen ersticken ihre Stimme. Helena tritt zu ihr, nimmt ihre Hand.
Ihre Fassung zurückerlangend fügt sie noch erschöpft hinzu: „Alles woran ich mich dann noch erinnere ist, dass ich mich auf dem Boden im Wohnzimmer befand und sich jemand über mich beugte!“
„Haben sie irgendetwas erkannt, was auf diesen Jemand schließen lässt“ fragt die Beamtin völlig unbeeindruckt ob ihres Gefühlsausbruches.
Marie schüttelt den Kopf
„Warum steckte der Schlüssel von innen?“
„Nun, das machen wir immer so!“ kommt Helena ihrer Frau zu Hilfe. Wohl vertraut mit Verhören „Wir haben, wie sie ja aus Maries Beschreibungen entnehmen können, kein sehr sicheres Schloss. Daher schließen wir grundsätzlich immer von innen ab!“
„Ihre Lebensgefährtin hat uns geschildert, dass sie sie im Flur antraf, als sie nach Hause kam. Wie sind sie dahin gekommen und wo war der Schlüssel, der doch angeblich von innen steckte?“ will Frau Blumensaat, Helena ignorierend, von Marie wissen.
„Ja!“ Marie richtet sich in ihrem Bett auf. Helenas Gegenwart gibt ihr Kraft.
„Das Nächste, an das ich mich erinnere, ist die Katze. Irgendwo maunzte eine Katze. Es war dunkel geworden und ich wurde im Schlafzimmer wach.
Gegen meinen Schwindel kämpfend stand ich auf und ging in den Flur! Und den Rest kennen sie ja anscheinend schon!“ Marie schaut ihre Frau an, weiß nun, dass auch sie schon verhört wurde.
„Am Anfang haben sie behauptet, dass sie in Jogginghose den Müll runterbrachten. Als ihre Freundin sie fand, waren sie aber im Nachthemd?“ dringt die Beamtin weiter in sie ein.
Marie schwirrt der Kopf, vor ihrem inneren Auge tauchen Bilder auf, zerplatzen wie eine Seifenblase hinterlassen Emotion, Erinnerungsfetzen treiben ihr Spiel mit ihr, rauschen durch ihre Gedanken
Gerade will sie in irgendeiner Weiße versuchen, die Geschehnisse und Tatsachen zu erklären, da tritt Fr. Dr. Nawalany aus dem Hintergrund in das Geschehen.
„Genug jetzt, meine Patientin muss sich ausruhen!“ sagt sie mit einer Konsequenz und Macht, die nur Ärzte haben.
Gehorsam packt die seltsame Beamtin ihre Sachen und trollte sich. Nach kurzer Untersuchung sind Helena und Marie alleine.
„Ich weiß es doch nicht!“ versucht sie sich dem Chaos ihrer Gedanken zu entziehen „Ich weiß es doch nicht!“
Behutsam streichelt Helena über Maries in Falten gelegte Stirn.
„Ist gut, beruhige dich!“ wirkt sie besänftigend auf ihre Liebe ein.
Marie schaut auf. Auch auf Helenas Stirn zeichnen sich tiefe Sorgenfalten ab. Ihre Augen sind von dunklen Schatten umringt.
„Helena, was weißt du?“ Marie spürt, dass Helena ihr etwas verheimlicht. Sichtlich unwohl lässt sie Maries Hand los, dreht sich ab. Marie ergreift ihr Hand.
„Was verheimlichst du mir?“
Bedacht dreht sich Helena Marie zu.
„Du bist nicht das einzige Opfer!“ besorgt darüber, wie ihre Frau das Gesagte aufnehmen würde, beobachtet Helena Marie
Nach kurzer Pause fügt sie hinzu:“ Unmittelbar in unsere Nachbarschaft zwei Monate zuvor wurde eine weibliche Leiche gefunden. Offenbar vergewaltigt. Die Tür wies geringe Einbruchsspuren auf. Der Schlüssel steckte von innen und die Frau wurde mit Chloroform getötet!“
Mit weit aufgerissenen Augen starrt Marie ins Nichts.
Unter Helenas genauester Beobachtung führt diese mit ruhiger Stimme und sehr einfühlsam weiter aus, dass diese Frau wohl auch einen Schlüsseldienst kontaktierte.
„Die letzte Nummer auf ihrem Handy spricht dafür“ Helena schweigt. In Ihren grünen Augen spiegelt sich Unmut und Sorge.
Unbeantwortete Fragen stehen stumm im Raum. Ergreifen das Hier und Jetzt
Warum ist Marie noch am Leben?
Wie ist sie ins Schlafzimmer gekommen?“
Warum hatte sie ihr Nachthemd an?
Und, wo war ihr Haustürschlüssel?
Im Wissen um die Gedanken des Anderen setzt sich Helena auf Maries Bettkante. Marie greift erneut nach ihrer Hand.
Gerade findet die Stärkere der Beiden wieder zu ihrer Fassung, da springt die Tür auf und eine hochgewachsene, schlanke Frau betritt das Zimmer. Ihre dunklen Locken umspielen den offenbar besorgten Gesichtsausdruck.
„Marie!“ ruft sie mit stark übertriebener Dramatik aus, während sie Helena beiseite schubst und es sich auf deren Platz gemütlich macht „Marie! Was machst du für Sachen!“
„Martha!“ entweicht es Marie, wenig begeistert.
Martha ausweichend sucht Marie Helenas Augenkontakt. Diese zuckt nur mit den Schultern.
Martha indes greift nach Maries Hand. Immer wieder beteuert sie übertrieben, wie sehr sie sich Sorgen macht und wie entsetzt sie ist. Natürlich sorgt sie sich in erster Linie auch um sich selbst. Das Leben als schöne Frau, die Betonung liegt auf „schöner Frau“ für die sich Martha zweifelsfrei hält und die sie auch durchaus ist, ist heute mehr denn je gefährlich. An jeder Ecke warten Neider und solche, die ihr schnelles Vergnügen suchen.
„Schrecklich!“ voller Dramatik und übertrieben zum Ausdruck gebrachtem Entsetzen lässt sie Maries Hand endlich wieder los und fasst sich an ihre bebende Brust.
„Aber,“ aufgerichtet und keinen Widerspruch duldend „ich werde beten. Gott wird mich schützen!“
Der Höflichkeit halber möchte Martha dann natürlich wissen, wie es Marie geht.
„Gut!“ meint diese. „Ich gehe heute wieder Heim. Warte nur noch auf die Abschlussberichte und die Entlassungspapiere!“
Kaum ausgesprochen steht Martha auf, packt die wenigen Sachen, die Marie hat, zusammen und schaut, Helena ignorierend, zu Marie herab.
„Selbstverständlich kommst du nach Hause!“ meint sie fest
Helenas grüne Augen fangen Feuer. Das geht zu weit. Ja, Martha ist Maries Schwester und ja, rein rechtlich steht Martha Marie näher als sie. Aber sie sind ein Paar. Sie gehören zusammen. Sie, Helena und Marie! Auch wenn Martha das nie akzeptieren wird.
Gerade will Helena, mit sehr wohl gewählten Worten und nach außen die Ruhe selbst, Marthas voreilige Aktion stoppen, da richtet sich Marie auf der Bettkante auf und nimmt ihrer Schwester das kleine Bündel mit Zahnbürste und Waschlappen aus der Hand.
„Nein!“ sagt sie kurz und ohne jeden Zweifel in der Stimme.
Zurückgewiesen und in ihrem Eifer gebremst, senkt Martha den Blick, holt tief Luft, um sich dann erneut Marie zu zu wenden.
Diese schüttelt betont langsam und entschieden den Kopf. Eine Geste, die nicht missverstanden werden kann.
Helena sieht ihre Chance, schiebt sich zu Marie.
„Bei ihr ist mein zu Hause!“ liebevoll schaut sie zu Helena auf.
Martha wendet sich angewidert ab. Sie kann dieses Verhältnis nicht tolerieren.
Als sie vor 5 Jahren von Karl geschieden wurde, brach für Martha eine Welt zusammen. Sie, die immer nach Perfektion strebte. Sie, schön und attraktiv, die Zierde eines jeden Mannes. Für sie spielte es keine Rolle, dass sie mehrfach betrogen wurde. Ihre Ehe würde wieder auf den richtigen Weg kommen. Sie war davon überzeugt, wenn sie sich nur noch mehr nach seinen Wünschen richten würde, würde alles wieder gut werden.
Doch es wurde nicht gut. Er reichte die Scheidung ein, verließ sie für ein kleines, unscheinbares, graues Mäuschen.
Martha indes hatte Halt im Glauben gefunden. Hatte sich einer sehr extremen Freikirche angeschlossen. Ohne ihren Ältesten tat sie keinen Schritt mehr. Sein Wort war Gesetz für sie und das setzte sie mit aller Kraft und Überzeugung um. Für ihr Seelenheil, wie sie immer betonte.
Nach der Scheidung war Martha wieder ins elterliche Haus gezogen. Der Vater lebte schon lange nicht mehr. Die Mutter, dankbar um die Gesellschaft in dem großen Haus, nahm ihre älteste Tochter mit offenen Armen wieder auf.
Langsam lässt sich Marie von dem Krankenlager rutschen, drängt sich an Martha vorbei. Kurz bleibt sie stehen, schaut in zwei dunkel erzürnte Augen.
„Ich lieb dich trotzdem!“ Sie streicht Ihrer Schwester eine ihrer wilden Locken aus dem Gesicht. Ein Hauch von Sanftheit streift über Marthas finstere Mine. Klein gibt sie bei. Den alten Stolz zurückerlangend und nicht ohne noch einmal zu betonen, wo Marie eigentlich und ihrer Meinung nach zu Hause ist, geht sie, wie sie gekommen ist.
Marie geht ins Bad. Unter steriler Neonröhre zieht sie die von Helena mitgebrachten Kleider an. Zögerlich mustert sie sich im Spiegel.
Nein, sie ist nicht so schön wie ihre Schwester oder wie Helena. Ihre Augenfarbe ist irgendetwas zwischen braun und grün. Locken, die sie sich immer gewünscht hat, gibt es nicht. Strassenköterblond ist sie. Leicht gewelltes Haar umspielt ihr doch eher rundes Gesicht. Sie ist nicht dick aber als schlank würde sie sich jetzt auch nicht bezeichnen. Ohne sich weiter zu mustern schließt sie die Gürtelschnalle ihrer Jeans und schlüpft in Ihre Turnschuhe.
Helena, die geduldig vor dem Bad gewartet hat, hält ihr ihren Mantel hin. Brav schlüpft Marie hinein und lässt sich willig den Schal um ihren Hals schlingen.
Ein letztes Mal schaut sich Marie im Zimmer um. Noch immer ist das Fenster leicht angelehnt. Will sie das wirklich sehen? Will sie wirklich darüber nachdenken?
Kurz darauf verlassen die beiden Frauen das Krankenhaus.
Zu Hause angekommen bleibt Marie einen Moment lang vor der verschlossenen Tür stehen. Die Spuren der gewaltsamen Öffnung sind deutlich zu sehen. Plötzlich ist alles wieder da. Der Fremde Mann, groß und doch unscheinbar. Wie er sie mustert in ihrem engen Top, ohne BH und Jogginghose. Helena umfasst Maries Taille von hinten. Erschrocken zuckt sie zusammen. Im selben Moment weicht Helena zurück. Marie dreht sich blitzartig um, beide schauen sich an.
„Oh Gott. Entschuldige!“ reagiert Helena in Maries Schockstarre hinein. Tränen laufen über Maries Gesicht und mit jeder von ihnen lösen sich die dunklen Erinnerungen auf. Marie fällt in Helenas Arme. Die Geliebte haltend, schließt Helena die Tür auf.
An diesem Abend lieben sich die beiden Frauen wie zum ersten Mal. Zwischen dem Bewusstsein, beinahe gestorben zu sein, und der Gewissheit, dass es jeden Moment jeden der Beiden erneut treffen könnte, entsteht eine Innigkeit und Verbundenheit, die Marie so noch nie gespürt hat.
In dieser Nacht weiß sie, in Helenas Armen kann ihr nichts geschehen.
Weit entfernt maunzt eine Katze. Aus dem Rausch der Liebe erwachend, drängt sich Marie die Wirklichkeit erbarmungslos auf.
„Waren sie hier?“ will sie von Helena wissen.
Helena dreht sich ihr zu, schaut sie fragend an.
„Waren die Beamten hier? Haben sie etwas gefunden?“
„Ja, sie waren hier!“ bringt sie etwas irritiert hervor „Aber gefunden…“ stumm schüttelt Helena den Kopf, dreht sich um und schläft ein.
Marie folgt noch eine Weile dem Tanz von orangeroten Lichtreflexen und dem Schattenspiel der großen Kastanie vor dem Schlafzimmerfenster über die Stuckverzierung der hohen Zimmerdecke. Wie ein Tanz bewegen sich die Schatten im Reigen des Windes, lassen die Tiefen und Höhen der Gipselemente beinahe lebendig werden. Irgendwann in dieser Nacht findet dann auch Marie Ruhe und Schlaf
Als sie am nächsten Morgen wach wird, ist Helena schon lange weg. Schlaftrunken geht sie, sich gähnend streckend, in die Küche, macht sich dort einen Kaffee und setz sich auf ihren Lieblingssessel im Wintergarten. Das Wohnzimmer, das zu dieser Jahreszeit wärmer und gemütlicher ist, meidet sie jedoch bewusst.
Kalt und unerbittlich treibt der Novemberwind die letzten bunten Blätter von den alten Bäumen, die hinter dem Haus groß und mächtig in den stahlgrauen Himmel ragen. Fröstelnd zieht sie sich eine Wolldecke über die Schultern und umfasst die wärmende Kaffeetasse. Für die nächsten Tage ist Marie krankgeschrieben. Erneut setzt leichter Regen ein, trommelt sanft durch ihre Tagträume.
Das, was geschehen ist scheint so weit weg, einem Alptraum gleich, an den die Erinnerung daran irgendwann verblasst. Was bleibt ist der schale Nachgeschmack, das ungute Gefühl, dass es doch kein Traum war. Und das Wohnzimmer, das ihr immer noch ein unbehagliches Gefühl gibt, wenn sie es durchläuft.
Die nächsten Tage vergehen langsam, beinahe wie in Zeitlupe. Helena verbringt viel Zeit in der Kanzlei. Ein neuer Scheidungsfall, und „die stinken vor Geld“, wie Helena sagt
Sie selbst versucht die düsteren Gedanken zu vertreiben, geht jeden Morgen, sobald sich das schwache Dämmerlicht in einen annähernd hellen Tag verwandelt hat, im Park gegenüber laufen.
