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Maike ist 10 Jahre alt, etwas zu groß für ihr Alter, und ihrer Meinung nach zu dick. Sie wächst in der wohlhabenden Gesellschaft Heidelbergs der 70er Jahre auf. Die Familie von Hochfelden lebt in einer repäsentativen Villa. Der Vater Victor von Hochfelden, ist ein erfolgreicher und anerkannter Rechtsanwalt für Scheidungsrecht. Doch Maike sieht Abend für Abend das wahre Gesicht ihres Vaters. Maike wünscht sich in eine Zeit, in ein anders Leben. Immer tiefer gerät sie in die Schattenwelt der Fantasie und der Träume, taucht darin unter und findet damit eine Möglichkeit, sich vor Schmerz und Enttäuschung zu schützen, entflieht so der Realität. Unter dramatischen Ereignissen gerät Maike immer tiefer unter den Einfluss der alles umgebenden schwarzen Macht, der sie sich bedingungslos hingibt…
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Seitenzahl: 415
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Inga Berg
Wo Anders
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Esther
Drei Kieselsteine
Das Kummertier
Wenn Rotze schwimmt
Schatten der Wahrheit
Großer, dummer, dicker Maikevogel
Tristan und Esther
Wenn Freundschaft stirbt
Carla oder wie fühlt sich der Tod an
Esther kommt zurück
Fräulein Anneliese Rosalind
Die Wirklichkeit des Vaters
Die Flucht
Spaghetti im Bett
Auch nur ein Traum
Wenn sich Steine auflösen
Impressum neobooks
Erste Auflage 2012
© Inga Berg, 2012
„Wo Anders“
ISBN 978-300-037709-9
Wo Anders
Lautlos tanzte der Wind durch die Äste des alten Baumes, der direkt vor meinem Fenster stand, und malte damit ein bewegtes Bild aus Licht und Schatten auf die Wand meines Kinderzimmers. Das dramatische Schauspiel fand ein jähes Ende, als sich eine Wolke vor den hellen Mond schob und den Raum in völlige Dunkelheit tauchte.
Angestrengt lauschte ich in die Stille, suchte nach Stimmen, Geräuschen oder wenigstens nach einem Rauschen, einem Flüstern, nach einem auf leisen Sohlen schleichenden Schritt. Meine Ohren schienen wie hochsensible Antennen ausgefahren und auf das kleinste Geräusch reagierend. Doch da war nichts.
Langsam setzte ich mich auf, immer noch mit weit geöffneten Sinnen. Vorsichtig schob ich meine nackten Füße unter der Decke hervor, um sie geräuschlos auf den kalten Dielenboden zu setzen. Bedächtig verlagerte ich mein Gewicht von der Bettkante auf meine Beine, als ich plötzlich zusammenzuckte. Noch konzentrierter nahm ich die Stille in mir auf, sog sie tief in mein Bewusstsein. Eingehüllt in Schweigen lag mein Zimmer vor mir. Nur die Schatten der Nacht tanzten erneut an den Wänden. Langsam löste ich mich aus meiner stummen Starre und sah mich um. Meinem Bett gegenüber stand ein großer Eichenschrank. Auch über seine Ornamente und Schnitzereien sprangen die Geschöpfe der Phantasie und brachten ihn damit zum Leben, setzten seine ganz eigenen Wesen in Szene.
Beinahe hätte ich mit all diesen Elfen, Gnomen, Fabelwesen und Märchengestalten mitgetanzt, mich davontragen lassen in ihre ihnen eigene Welt. Wäre selbst einer von ihnen geworden. Doch ich war nicht einer von diesen traumgleichen Fantasiegestalten, ich war Maike von Hochfelden, gerade neun Jahre alt und viel zu groß für mein Alter. Mutter versuchte mich zuweilen damit zu trösten, dass ich bei so einem stattlichen Mann, der mein Vater nun einmal sei, eben nicht klein und zierlich sein könnte. Aber ich war doch kein Mann und wollte auch keiner sein. Hätte ich doch ihre zierliche Gestalt geerbt, aber auch die war längst nicht mehr so schlank wie auf dem Hochzeitsfoto. Und da gab es noch etwas, worauf ich liebend gerne bei der Verteilung der Erbanlagen verzichtet hätte.
Meinen Jähzorn, sagte meine Mutter, hätte ich ebenfalls von seiner Seite der Familie mitbekommen. Ich hasste ihn dafür. Diese unbeherrschbare Wut, die von tief innen aufstieg, sich im ganzen Körper ausbreitete und einem jeden Gedanken vergiftete, einem die Luft zum Atmen nahm und sich früher oder später in einem blinden Anfall von unbändiger, türkisgrüner Gewalt Luft verschaffte. Nein, ich war nicht zart und vergänglich!
Inzwischen hatte ich mich, vorbei an achtlos hingeworfenen Kleidern, Schuhen und Spielsachen, zum Fenster geschlichen. Der alte Baum zwang sein Nachtschattenvolk zurück in seine Äste. Und sie gehorchten. Je heller der Himmel wurde, je mehr sich das schweigende Dunkelblau durch beinahe schon silbergleißendes Licht verdrängen ließ, umso schwächer wurden meine Besucher, bis sie sich ganz in die von schwarz auf immer grüner werdenden Zweige zurückzogen.
Ein leichter Schauer lief mir den Rücken herunter. Diese Nacht konnte einfach noch nicht zu Ende sein. Ich schloss meine Augen, ballte meine Hände zu Fäusten, so fest, dass meine Nägel schmerzhafte Spuren in meinen Handflächen verursachten und wünschte mich zurück in das Dunkel.
Doch die Zeit ließ sich nicht aufhalten. Mein Wecker surrte leise, um dann in einem ohrenbetäubenden immer wiederkehrenden Piepton die friedliche Stille zu zerreißen. Intensivmedizin und Herzstillstand schoss es mir durch den Kopf. Blitzartig war ich zurück an meinem Nachttisch und tötete dieses kreischende Ding. Ich zog den Stecker, brachte ihn zum Schweigen. Doch es war zu spät. Nebenan, im elterlichen Schlafzimmer, hörte man das erste Gähnen des Morgens, das erste Knatschen der Bodendielen, wenn sie unter menschlichem Gewicht leicht nachgaben und die Steife der Nacht wegraunten. Die Holzbohlen sprachen miteinander, drehten und dehnten sich, machten sich bereit. Ich war wieder unter meiner Bettdecke verschwunden, kniff die Augen zusammen und harrte der Dinge, die nun unweigerlich ihren Lauf nahmen. Mutters Schritte hallten durch mein Bewusstsein. Ihr süßes Parfum legte sich um meine Sinne. Zielstrebig ging sie zum anderen Ende des Raumes, zog die Gardinen zurück und öffnete die Fenster. Ein leiser Lufthauch streichelte mein Gesicht. Das Leben mit all seiner Beharrlichkeit und Aufdringlichkeit wogte in mein Zimmer. Die Luft war erfüllt von Vogelstimmen, die man Zug um Zug geradezu einzuatmen schien. Und mit jedem Atemzug kam ich dem Tag näher als dem Traum.
„Maike, aufstehen!“ hörte ich meine Mutter zum wiederholten Male sagen. Immer gleich freundlich. Wie die nette Stimme aus dem Lautsprecher des Supermarktes um die Ecke, die jeden Tag ein neues Sonderangebot offerierte.
Und da war es schon wieder „Maike komm, du musst aufstehen, sonst verpassen wir den Bus“. Den Bus? Plötzlich war ich hellwach. Der Bus! Heute war der Tag meiner Abschiebung. Doch noch bevor ich mir einen Schlachtplan ausdenken konnte, irgendeine furchteregende, ansteckende Krankheit oder eine Strategie, die den Zeitplan meiner Mutter durcheinander bringen würde, kam sie auch schon in mein Zimmer. Zustimmend lächelte sie mich an und öffnete meinen Kleiderschrank. Vorsichtig blinzelte ich in die aufgehende Sonne die mein Zimmer orangerot durchflutete. Mutters Schatten schob sich vor mein Gesicht. Schnell hatte sie mein kirschrotes Lieblings-T-Shirt und eine alte, zerschlissene Jeans mit bunten Flicken auf den Knien und roter Bordüre am Ende der Hosenbeine herausgeholt. Letztere war neu und diente der optischen Verlängerung der Hochwasserhose. Kopfschüttelnd betrachtete sie mich. „Du wächst einfach zu schnell“ sagte sie mehr zu sich selbst und wandte sich wieder meinem Kleiderschrank zu. Wohlgefüllt mit den schönsten und teuersten Kinderkleidern, zog sie doch geschickt das älteste Sweatshirt aus der geordneten Fülle und streckte es mir entgegen.
„Nein“ schrie es in mir auf „nicht dieser olle Pullover und außerdem, es ist Sommer!“
Aber, als ob sie meine Gedanken gelesen hätte, hielt sie mir dieses Ding mit Nachdruck und einer Unerbittlichkeit in ihrem Blick entgegen, der jedem Widerspruch den Boden nahm. Ich zog ihn an. Türkisgrün blitzte es in mir auf. Ich wollte diese Hose nicht, nicht diesen hässlichen, hellblauen Pullover und schon gar nicht ins Sommerzeltlager. Ich spürte, wie es mir die Kehle zuzog, wie Tränen meinen Blick verschleierten und ich kämpfte - kämpfte um einen klaren Verstand, um Ideen, diesen Weg nicht gehen zu müssen. Ich wusste, dass meine Mutter in meiner Abschiebung nur die Anweisung meines Vaters befolgte, aber genauso gut wusste ich, dass ich meiner Mutter nicht kampflos nachgeben würde. Ohne Eile nahm ich meiner Mutter den dargebotenen Pullover aus der Hand und legte ihn neben mich aufs Bett. Meine Gedanken rasten. Dann nahm ich auch die Hose entgegen, die gleich darauf freundlich bestimmt angereicht wurde. Ich platzte beinahe vor Wut. Der grobe Stoff glitt durch meine Hände. Der Knopf am Bund saß bedenklich locker. Mit einem Ruck in einem unbeobachteten Moment und er war ab. Meinen Jubel wohlweißlich verbergend und mit einem unschuldigen Blick, gab ich meiner Mutter die marode Hose wieder zurück. Skeptisch musterte sie zuerst den Hosenbund und dann mich. Den Knopf hatte ich immer noch in der Hand. Langsam und unauffällig ließ ich meine geschlossene Faust unter der Bettdecke verschwinden. „Was hast du da in deiner Hand?!“ schnitt die Stimme meiner Mutter scharf in meine Engelsmiene.
„Nichts!“ beteuerte ich und ließ den Knopf los.
Ohne zu zögern griff sie nach meiner Daunendecke und warf diese zurück. Und da lag er, rund, verräterisch, roter Hosenknopf auf weißem Bettlacken. Wortlos ging meine Mutter zurück zum Schrank, holte eine zweite, genauso zerschlissene und geflickte Hose heraus, legte sie neben meinen Pullover und ging, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen aus dem Raum. Voller Wut nahm ich den Knopf und schoss ihn einmal quer durch mein Zimmer, an die gegenüberliegende Wand. Dann, noch immer in türkisgrün flackernder Ohnmacht, schlüpfte ich in meine mir vorgelegten Kleider. Doch in ihrem vermeidlichen Triumph hatte meine Mutter etwas Entscheidendes übersehen. Weder Schuhe noch Strümpfe zierten meine Füße als ich mein Zimmer verließ, schließlich hatte meine Mutter sie mir nicht hingelegt. Und jetzt lagen sie gut versteckt unter meinem Bett zwischen meinen Buntstiften und meinem Steifflöwen, hinter meiner mit Lehm verschmieren Latzhose und zwei Kartons mit allerlei Schulheften und selbst kreierten Kunstwerken, dessen Wert außer mir, keiner wirklich zu schätzen wusste. Bis ich die wieder finden würde, ich war ja so verträumt und unkonzentriert, würde es mindestens eine Ewigkeit dauern, wenn nicht sogar zwei!
Siegessicher schritt ich die alte, knarrende Holztreppe, die mit schwerem, dunkelroten Teppich ausgelegt war, hinunter in den Wohnbereich der Jugendstilvilla. Als meine nackten Füße den kalten, schwarz-weiß gefliesten Boden am Ende der Treppe berührten, lief mir ein leichtes Frösteln durch den Körper. Es war für Mitte Juli doch noch ziemlich frisch und unser Haus lag, von Bäumen umgeben, auch im Sommer immer im Schatten. Wie jeden Morgen schenkte ich dem kalten Steinboden nur kurze Beachtung und ging, das Wohnzimmer mit seiner hohen stuckverzierten Decke und seinen breiten, weißen Flügeltüren rechts neben mir lassend, in die Küche. Die Küche selbst war nicht ganz so groß, wie man es in diesem Haus erwartet hätte, verfügte jedoch über genug Platz einem massiven Eichentisch in der Mitte des Raumes Platz zu bieten. Mein allmorgendliches Marmeladenbrot und das tägliche Glas Milch waren bereits aufgetragen. Heute musste ich zum Glück nicht diesen braunen, schleimigen Saft trinken, der mir angeblich zu mehr Konzentration und damit zu besseren Noten verhelfen sollte, es waren ja Ferien und meine Denkleistung war nicht gefragt. Nur mein Gehorsam wurde heute vorausgesetzt. Den gab es aber nicht um sonst! Mit dem traurigsten und bedauernswertesten Blick, den ich mimen konnte, setzte ich mich an den Frühstückstisch. Wenn es die Situation verlangte, würde ich auch weinen. Doch zunächst würde ich mich auf schweigend leiden beschränken, so wie sie, wenn ich nicht tat, was sie wollte. Ich würde nie mehr auch nur ein Wort mit ihr wechseln, wenn sie es tatsächlich schaffte, mich in diesen unseligen Bus zu setzen.
Gerade als ich zu schauspielerischer Hochform auflief, betrat mein Vater die Küche. Seine Persönlichkeit füllte das gesamte Hier und Jetzt. Nichts neben ihm hatte Bedeutung oder war auch nur einen kurzen Moment der Aufmerksamkeit wert. Sofort lag eine fast greifbare Spannung im Raum. Meine Mutter, die bis eben gedankenverloren ein kleines Vesper für mich gerichtet hatte und mit dem Rücken zur Tür stand, drehte sich um und sah ihn an.
Mit einem geringschätzigen Ausdruck in seinem braungebrannten, fast jugendlichen Gesicht musterte er sie. Sein imposantes Auftreten duldete keinen Widerspruch. Einen Moment lang sah sie ihm direkt in die Augen, kämpfte ihr Stolz in ihr gegen die Demütigung, doch sie war ihm um 25 Jahre Lebenserfahrung und Selbstbewusstsein unterlegen. Beschämt senkte sie den Blick.
„Der Bus fährt erst um halb zehn“ sagte sie leise, ohne aufzuschauen.
Es war so ungewöhnlich, meinen Vater hier in der Küche zu sehen, dass ich mich zwingen musste, ihn nicht anzustarren. Langsam kauend konzentrierte ich mich auf den süßen, fruchtigen Geschmack, der sich in meinem Mund ausbreitete, mich erfüllte, meinen Vater aus meinen Gedanken löschte. Wärme und dumpfe, watteweiche Dunkelheit stiegen in mir auf. Fast konnte ich wieder die Elfen tanzen sehen, als mich ein unsanfter Stoß aus meinem Zuckerrausch riss. Vorsichtig sah ich mich um. Er war weg und der Raum hatte seine gewohnte Vertrautheit wieder. Blass und nervös sah meine Mutter mich an.
„Träume nicht“, drängte sie verzweifelt „Komm lieber in die Puschen!“
Erst jetzt entdeckte sie meine bloßen Füße, die munter unter dem Tisch hin und her schaukelten. Entsetzt zog sie mich vom Stuhl und schob mich Richtung Foyer. Genau dahin, wo mein Vater vor wenigen Minuten entlang gegangen war. Unvermittelt standen wir uns gegenüber. Ich spürte seinen Blick auf mir. Spürte, wie der schwarz-weiß geflieste Boden seine zuverlässige Stabilität und Kälte verlor, direkt unter meinen nackten Füßen zu brennen begann.
„Auf, auf!“ vernahm ich die betont fröhliche Stimme meiner Mutter. Sie stand direkt hinter mir und schob mich an. Meine Rettung.
Ohne aufzuschauen huschte ich geschickt an ihm vorbei. Ich spürte, wie er mir abwartend und drohend hinterher sah, wie er mich in Gedanken verfolgte. Er wartete, das wusste ich. Er stand in der Eingangshalle und wartete. Sogar durch die Wand meines Zimmers spürte ich seine Aufmerksamkeit, seine Gegenwart. Vergessen war alle Rebellion. So schnell ich konnte, hatte ich meine Schuhe unter dem Bett hervorgeholt, Strümpfe aus der Schublade meiner Kommode am Fußende meines Bettes gekramt und angezogen. Dann hielt ich inne. Mein Herz raste, schlug mir bis zum Hals. Meine Knie wurden weich. Gleich würde er kommen, mich anschreien, mir seine Ablehnung ins Gesicht schleudern und ich würde mich auflösen, wie ein Windhauch durchs Zimmer schweben, um dann genau wie alle anderen Luftgestalten in den Zweigen des großen Baumes verloren zu gehen.
Statt meines Vaters kam meine Mutter. Sie drängte mich, schob mich, zupfte mich und zog mich, bis wir endlich zur vereinbarten Sammelstelle für ungewollte Kinder kamen.
Ein fröhliches Gewirr aus dutzenden Kinderstimmen umgab mich. Erstickte mich. Über den gesamten Platz verteilt standen kleine Grüppchen mit plaudernden Müttern inmitten ungeachtet abgelegter Taschen und Rucksäcke. Ein ganzes Volk quiekender Kinder in alten Hosen und unempfindlicher Oberbekleidung gaben dem Chaos Raum. Alle Spuren des Wohlstandes und der Herkunft wurden geschickt getarnt. Nur hier und da lugte an Hosen mit geflickten Knien und T-Shirts mit verblichenen Mustern ein Markenschild hervor.
Und bei genauerem Hinsehen gab es auch hier deutlich gezogene Grenzen. So standen Oshkosh- und Pre Natal-Mütter bei Gucci-Handtaschen- und Mercedesschlüssel-Trägerinnen und beäugten kritisch die Woolworth - Kinder, die sich ungeachtet dieser doch durchaus wichtigen Merkmale mit ihren Kindern vermischten.
An der Hand meiner Mutter, die die Meine fest umfasste, wurde ich durch die kreischende, brodelnde Schar gezogen, direkt auf eine Gruppe Mütter zu, etwas abseits des gemeinen Volkes. Ihren Luxuskarossenschlüssel brauchte meine Mutter, die Frau des erfolgreichen Scheidungsanwaltes Dr. Victor von Hochfelden, zur Identifikation nicht zu zücken. Man kannte sich. Und noch bevor ich es richtig begriff, waren Information und Kind kurzerhand ausgetauscht. Keine Szene, kein stumme Diskussion. Ein flüchtiger Kuss auf die Stirn, ein fahriges Streichen durch die schweren, dunklen Locken und schon hing ich an der Hand einer anderen Frau.
Noch spürte ich den Druck ihrer Finger, roch das schwere Parfüm, empfand den flüchtigen Kuss auf meiner Stirn. Doch sie war weg, war in der Menge verschwunden und hatte mich zurückgelassen. Verzweiflung stieg in mir auf, trieb mir Tränen in die Augen. Ich hatte ihr gar nicht sagen können, wie lieb ich sie eigentlich habe, dass ich Angst hatte um sie, um mich und überhaupt. Was würde geschehen, wenn ich nicht bei ihr war. Sie würde mich brauchen und ich war unter all diesen Kindern, die keine Ahnung hatten von mir, meiner Mutter, meiner Welt - der Welt.
Der Griff, der mich gefangen hielt, lockerte sich, wurde nachlässig - vergaß. Meine Chance!
Schnell wand ich mich aus der Bemächtigung der für mich fremden Frau. Doch diese, als geübte Mutter durchaus auf solche Attacken vorbereitet, festigte erneut ihren Griff und sah abschätzig zu mir herunter. Wut stieg in mir auf - türkisgrüne Wut. Sie betäubte mich, ergriff mich, zog mich in ein giftgrünes Gefühlschaos. Niemals würde ich zulassen, dass mich irgendjemand festhielt, niemals. Ich mobilisierte all meinen Mut und meine Kraft. Meine Oberschenkel zuckten, mein Fuß hob sich. Blitzartig und für meine Peinigerin völlig überraschend trat ich ihr an das in kostbaren Stoff gekleidete Schienbein. Damit hatte die zweifache Mutter wohlerzogener Jungs nicht gerechnet. Unvermittelt ließ sie mich los und griff mit beiden Händen an die Stelle, wo ich sie mit voller Wucht getroffen hatte. Meiner plötzlichen Freiheit gehorchend, setzte ich mich in Bewegung. Schnell, immer schneller rannte ich, geschickt um die Kinder und Muttis zirkelnd, in Richtung nach Hause. Ich musste sie retten, musste bei ihr sein, wenn er erneut zuschlug.
Noch einmal drehte ich mich um, ohne auch nur geringfügig das Tempo zu drosseln, in dem ich über den Platz rannte. Die genauestens festgelegten Gruppen mit ihrer scheinbaren Vornehmheit und Arroganz lösten sich auf in gemeinschaftlichen Tumult. Hier taumelte ein Kind, das ich in meiner wilden Flucht angestoßen hatte, dort rief eine Mutter, die mich gesichtet haben wollte. Hände griffen nach mir, ich wand mich und entkam. Manch Eine stellte sich mir siegessicher in den Weg - und doch - ich flog. Erst ihnen allen davon, dann auf die Nase.
Ich hatte einen dieser „ach wie putzigen“ Kinderrucksäcke mit netten kleinen Marienkäfern darauf übersehen und mich der Länge nach auf dem harten Asphalt ausgestreckt. Noch einmal spürte ich den starken Willen zu entkommen, der alles in mir beherrschte, doch es war zu spät. Ehe ich es mich versah, waren meine Verfolger um mich versammelt. Hart wurde ich am Oberarm gefasst und in die Höhe gezogen. Ein kurzer, musternder Blick. Kein Blut! Keine Schrammen! Alles gut! Unsanft brachte man mich zurück in die Gefangenschaft.
„So ein unerzogenes, undankbares Geschöpf“ wisperte und tuschelte es hinter mir und wie sehr man doch meine arme Mutter bedauern müsse. Wieder stiegen Angst und Verzweiflung in mir auf. Er würde sie töten!
Tränen schossen mir in die Augen, ich schrie. Doch Keiner sah meine Tränen, Keiner hört mein Schreien, keiner spürte meine Angst. Es war in mir - unsichtbar und besser so. Einen zweiten Fluchtversuch gab es nicht. Der Kreis um mich wurde enger gezogen und für ein Kind, sei es noch so einfallsreich und wehrhaft, nicht zu durchbrechen.
Als der Bus auf den Platz auffuhr, war alles wieder in seiner gewohnten Einvernehmlichkeit und scheinbaren Ordnung. Grob wurde ich in das Gefährt geschoben, der an beiden Ausgängen von übereifrigen Muttis bewacht wurde, die einen erneuten Ausbruchversuch meinerseits fürchteten. Keine Chance für kleine Mädchen. Missmutig setzte ich mich, dicht gedrängt an eines der Fenster. Trotzig, wurde später gesagt -trotzig hätte ich mich in die Ecke verzogen. In kürzester Zeit war der Fahrgastraum gefüllt mit all denjenigen und dem, was noch kurz zuvor den gesamten Kirchplatz eingenommen hatte. Der Rest konzentrierte sich rund um das Gefährt, reckte und streckte sich hinauf zu den Fenstern. Eltern drängten sich noch einmal hinein, Kinder noch einmal hinaus. Es wurde umarmt, geküsst, verabschiedet, als gäbe es kein nächstes Mal. Ich beugte mich unter den Fensterrand. Verbarg mein erhitztes Gesicht hinter meinen Locken. Das Gefühl der Liebkosung auf meiner Stirn war einem schmerzhaften Pochen meines rechten Oberarmes gewichen, an dem ich kurz zuvor zurück in den Gehorsam gezogen worden war. Mein Kopf dröhnte, meine Gedanken rasten. Ein heftiges Zittern durchfuhr den Bus, meinen Körper, ein Rucken nach vorne und die Welt da draußen löste sich auf, blieb einfach dort, wo sie war, zurück. Ich versank noch tiefer hinter der eiskalten Glasscheibe des Busses, die meine Stirn angenehm kühlte. Langsam, ganz langsam wich das Giftgrün meiner Seele dem sanften, stillen Dunkel meiner Phantasie. Die so quälend fröhlichen Stimmen, das so aufdringliche Gelächter, Getuschel und Geschwatze schien mit jedem Meter, den der Bus sich durch den Wald hinauf auf den Königstuhl arbeitete, leiser zu werden. Blieb zurück, dort wo alles ist. Meine aufgewühlte Seele kam zur Ruhe, zu tiefschwarzer Ruhe. Vorsichtig hob ich den Blick. Ich hatte mich aufgelöst. Glitt mit dem Schatten meines Reisegefährtes über steile Böschungen, durch graues Laub, das wild aufgestöbert durch die Luft tanzte und gleißendes Sonnenlicht, das ab und zu seinen Weg durch das dichte Sommerblätterdach auf den kühlen Waldboden fand. Ein unsanfter Stoß in die Rippen brachte mich zurück. Wie ein Schlag ins Gesicht trafen mich die Stimmen. Einen Moment lang gab mein Körper dem plötzlichen Geschwindigkeitsabfall des schweren Wagens in einer der 180 Grad - Wendung nach, um dann kurz darauf wieder in den Sitz gedrückt zu werden. Immer steiler und kurvenreicher wurde die Straße hinauf zum Bierhelderhof, unserem Ziel. Empört wandte ich mich in die Richtung, aus der der Angriff kam und sah in zwei lustig funkelnde, blaue Augen, die mich neugierig anschauten. Rotblonde Haare umrahmten das sommersprossige Gesicht. Und die kleine, leicht sonnengerötete Stupsnase zeigte direkt gen Himmel, in diesem Fall gen Bushimmel.
Fröhlich wippte sie auf dem Platz neben mir auf und ab und musterte mich dabei neugierig.
Als offensichtlich unwichtig erkannt, drehte ich mich wieder ab, um erneut in meine Tagträume zu flüchten. Doch auch diesmal ließ sie mir keine Chance, zog mich am Ärmel und sah mich unverwandt an. Wieder sah ich in dieses freundliche, lustige Gesicht und konnte mir ein Lächeln nur schwer verkneifen. Irgendwie hatte sie wohl das Zucken um meine Mundwinkel bemerkt und grinste mich nun mit einem Lächeln an, das mich mit der Welt und meinem Schicksal versöhnte.
Gut, ich war gefangen in diesem Bus mit all seinen gut gelaunten, fröhlichen Kindern. Jedes in seiner Abteilung, genau festgelegt nach sozialer Herkunft. Und ja, ich wurde abgeschoben in ein Sommerferienauffanglager für ungewollte Kinder, aber da gab es jemanden, der mich so herrlich anlachte, als gäbe es nichts Schöneres auf dieser Welt, als neben mir in diesem Zeltlagertransport zu sitzen. Plötzlich wurde alles ganz leicht, ganz klar und einfach.
Der Bus fuhr aus dem Wald heraus auf einen kleinen Parkplatz, wo bereits drei weitere Busse hielten. Aus dessen Türen strömten unablässig Kinder. Hüpfend, lachend, plappernd zog sich ein Strom von buntem, lebendigem Dasein am Waldrand entlang zu einem etwas erhöht liegenden Haus am Ende eines Maisfeldes. Auch unser Bus schob unter Stöhnen die Glastüren auseinander und entließ uns in den Strom von Sommer, Sonne, heißem Asphalt und kühlem Wald. Esther, meine neue kleine Begleiterin, und ich verschmolzen mit dem bunten Treiben und flossen mit all den anderen in die Gefangenschaft des Freizeitgeländes. Sicher eingezäunt, dass auch ja keines verloren geht. Wir mussten wohl so ziemlich die Letzten der zu erwartenden Kinder gewesen sein, denn wie von Geisterhand schlossen sich die großen eisernen Flügeltüren hinter uns und machten ein Entkommen endgültig zu Nichte.
Panik durchfuhr mich erneut. „Er wird sie töten“ schoss es mir durch den Kopf.
Instinktiv suchte ich nach einer Fluchmöglichkeit, einer Lücke im Zaun, einer flachen Stelle in der Mauer, die es durchaus zu überwinden ging. Mein Blick durchforstete die große Wiese mit den riesigen, weißen Zelten, die dort extra für die Dauer der Ferien aufgeschlagen worden waren. Wanderte entlang des Zaunes zu dem Spielplatz auf der anderen Seite, auf dem eine ausgediente Dampflok, kindgerecht ungefährlich gemacht, stand. All das wirkte wie ein Traum. So unwirklich wie ich, hier mitten in dieser Schar kreischender, von Ferienlaune erfüllter Kinder. Als hätte Esther meine Gedanken und Gefühle gespürt, schob sie ihre Hand in die Meine.
Ich schloss meine Augen, spürte die Wärme und das Leben, das aus ihrer Hand in die meine zu fließen schien und mich völlig erfüllte. Die Welt um mich herum tauchte auf in farbenfrohem, warmem Licht. Zuerst konnte ich mich gegen ein Lächeln nicht mehr wehren, dann wurde aus dem Lächeln ein Grinsen und zu guter Letzt kam das, was sich da unkontrolliert in mir regte sturmflutartig nach außen. Schaffte sich Platz und Raum in Zeit und Gegenwart. Überflutete mich, riss mich mit, entließ mich in eine andere Realität. Ich wurde eins mit all der mich umgebenden Freude, der Sommersonnenlaune, dem Ferienzeltlagergefühl. Endlich gab mein Sein dem kindlichen Impuls nach, wurde meine Seele frei. Nach einer schier nicht enden wollenden Ansprache des Obererlebnispädagogen wurden wir namentlich aufgerufen und in die Zelte verteilt. Jede dieser Behausungen als Schutz gegen Regen und anderer Unannehmlichkeiten, war bestückt mit fünfzehn Feldbetten. Eines davon war für mich gedacht. Mein neues Privatdomizil für die nächsten sechs Wochen. Esthers Residenz lag neben der Meinen, gleich neben dem Zelteingang und gegenüber unserem Zeltwebel, denn jedem Zelt stand ein Untererlebnispädagoge vor. Die anderen dreizehn Insassen hatten schnell ihre Wohnsitze bezogen und mit einzigartigen, ganz individuellen Accessoires ausgestattet. Sie thronten zwischen neuen lilablassblaukarierten, mit Goldbeschlägen verzierten Rucksäcken und eleganten Picknicksets, zum stilvollen Aufnehmen der Mahlzeiten. Zwei der Mädchen, eine der Beiden war Katharina, die Tochter unseres Nachbarn und zwei Jahre älter als ich, hatten sogar Decken mitgebracht, obwohl jedes der Chaiselongues mit einer Militäratmosphäre verbreitenden, mausgrauen Decke ausgestattet war. Passend zu der grauweißen Leinenbespannung der Feldbetten auf hellgrauem Planenboden unter weißem PVC-Dach.
Neid und Wut brach in mir auf, meine wiederentdeckte Kindheit zu unterdrücken. Warum hatte ich keine cremeweiße, flauschige Wolldecke dabei. Wo waren mein mit Blumendekor verzierter Teller und mein silberfarbenes Besteck? Sogar Servietten hatte sie in ihrem „Ich nehme mein Mittagessen stilecht ein“ – Care-Packet. Ohne den Blick von ihr zu wenden, angelte ich nach meinem „Ich gehöre dazu“ - Rucksack. Doch ich griff ins Leere. Wiederholt schwenkten meine Hände Richtung Zeltplanenboden, doch da war nichts.
Als sie zu mir herüberblickte nahm ich demonstrativ meine kratzige, schmutziggraue Zeltlagereigentumwohlfühlausstattung in den Arm. Gespielt abgestoßen wandte sie sich ab.
Das war ja so gemein! Sie sollte es nicht besser haben als ich. Ihr Vater war nur ein seltsamer, schrulliger Mann, niemand wusste so genau, was er den ganzen Tag machte und manchmal war er wochenlang nicht zu sehen. Und das Haus, in dem sie lebten, war auch nur gemietet, betonte meine Mutter immer. Mein Vater dagegen war Dr. Victor von Hochfelden. Ein bedeutender Rechtsanwalt in Sachen Scheidungs- und Familienrecht mit zweifachem Scheidungsselbstversuch. Wobei Letzteres von meiner Mutter nur ungern zur Sprache gebracht wurde. Auf jeden Fall war mein Vater viel bedeutender und somit hatte ich das Recht auf weißen Plüschträumen gebettet zu werden und nicht die schöne Katharina. Aber wo war, verdammt noch mal, mein Rucksack. Fluchen durfte ich nicht, genau deswegen tat ich es.
Wieder und wieder griff ich ins Nichts. Unter das Bett war er nicht gerutscht, auf dem Bett lag er nicht, auch die Decke hatte ihn nicht verborgen. Langsam beschlich mich ein ungutes Gefühl, das immer mehr zur Gewissheit wurde; ich hatte ihn im Tumult des auf dem Kirchplatz stattgefundenen Homerun einfach vergessen. Diese blöden übereifrigen Muttis hatten zwar mich siegestrunken in den Bus verfrachtet, aber mein „ich hab dich lieb Gedanke“ meiner Mutter war zurückgeblieben. War mir einfach verloren gegangen. Vielleicht hatte sie mir auch eine kuschelweiche Schmusedecke eingepackt und meinen orangefarbenen Lieblingspicknickbecher. Noch einmal sah ich fieberhaft überall nach. Drehte das Unterste zu oberst und das Oberste zu unterst. Schließlich hing ich mit den Beinen in der Luft, Kopf unter von der Kante meines Feldlagers, das zu kippen drohte. Doch mein Stück eigenes zu Hause war und blieb verschwunden. Resigniert setzte ich mich wieder auf.
Tränen kämpften sich in mir hoch. Schnell schloss ich meine Augen, um der Schwäche nach außen keinen Raum zu geben, doch zu spät, heiß lief mir eine Träne die Wange herunter und hinterließ eine brennende Spur der Scham auf meinem Gesicht. Noch bevor ich sie mit meinem Ärmel erwischte, tropfte sie auf meinen Schoß. Höhnisches Gelächter drang in mein Bewusstsein, dröhnte durch meinen Kopf. Ich sah auf und wusste genau, dass ich auch diesmal nicht wirklich Jemanden sehen würde, der mich auslachte, und doch war es da, dieses Lachen, dieses nicht hörbare erniedrigende Lachen. Es war kein neues Gefühl, mir wohl vertraut und folgte mir wie ein Schatten. War immer da, wo ich schwach wurde, wo meine Gefühle nach außen traten und sei es nur in Form einer kleinen Träne.
Esther, die mich die ganze Zeit beobachtet hatte, setzte sich neben mich auf die Bettkante und hielt mir ein blütenweißes Leinentaschentuch vor die Nase. Sie lachte mich nicht aus oder sah verschämt weg, sie kam nicht, um mir irgendetwas Aufmunterndes zu sagen wie, stell dich nicht so an, ist doch nur eine Tasche. Sie saß da, sah mich an mit ihrem sanften Sommersonnenhimmelblau und hielt mir einen Hauch von Trost entgegen, zart mit feinen Blümchen bestickt. Nachdem ich das Taschentuch genommen und meine zweite, verräterische Träne aufgefangen hatte, stand sie auf, ging zu ihrem Platz, holte ihren Rucksack und begann, zu meinen Füssen sitzend, auszupacken. Neugierig setzte mich zu ihr auf den Boden.
Ich spürte die Feuchtigkeit des unter dem Planenboden befindlichen Grases, das nun langsam zu verrotten begann und den typischen Zeltgeruch freisetzte. Zusammen mit Esther war ich zwischen den Betten unsichtbar geworden. Kinder, Bewohner dieser seltsamen, grauweißen Zeltwelt gingen ein und aus, fröhlich schwatzend, hochgradig beschäftigt oder ziellos schlendernd, aber wir, zwischen den Bettenburgen im Schutz der Deckenmauern blieben unentdeckt, unbeachtet. Esther breitete ihre Schätze vor mir aus, brachte sie mir dar. Das Wenige, das sie hatte, war sie bereit, mit mir zu teilen.
Da war ein kleines Taschenmesser, dessen Holzgriffe schon den Glanz und die blaue Lackierung verloren hatten. Es war das Taschenmesser ihres Bruders, der es ihr für die Dauer des Zeltlageraufenthaltes geliehen hatte.
Ich hatte keinen Bruder, nur einen quälenden Neffen, zwei Jahre jünger als ich und quasi Dauergast in unserem Haus. Auch jetzt war er wahrscheinlich bei uns und ließ sich von meiner Mutter bedienen. Stöberte durch mein Zimmer und suchte nach Dingen, die er „gut gebrauchen“ könne. Es war doch alles ersetzbar und wenn er etwas fand, bekam er es und ich etwas Neues.
Tristan war der Sohn meiner Halbschwester Carla, aus erster Ehe meines Vaters.
Sie und meine Mutter waren zusammen in die Hauswirtschaftsschule gegangen, waren beste Freundinnen gewesen, hatten alles miteinander geteilt. Auch meinen Vater, nur auf völlig andere Art. Carla hasste mich!
Das Zweite, was Esther auspackte, war eine halbe Tafel Schokolade, die hatte ihr ihre Schwester aus ihrem Süßigkeitendepot abgerungen. Gerne wäre auch sie mit in das Feriendomizil ihrer kleinen Esther gegangen, aber das konnte sich die Familie nicht leisten. Warum gerade sie hier oben auf dem Königstuhl Ferien machen durfte, vergaß ich zu fragen.
Ein Stück von Esthers Schokolade zerschmolz in meinem Mund, legte sich um meine Sinne, verdunkelte meine Wahrnehmung. Ich floss wie das cremige Süß auseinander. Löste mich auf in Traum und Phantasie. Dann war er weg, der herrliche Geschmack nach anders sein, wo anders sein.
Wieder gab mir Esther ein Stück ihrer zarten Versuchung und wieder zog es mich in eine andere Realität. Blieben Schwestern und Brüder zurück und auch Mütter und Väter verloren an Gewicht und Bedeutung. Noch bevor ein Stück Köstlichkeit richtig geschmolzen war, schob mir meine Verführerin schon das Nächste hin und ich nahm es willig. Nun reicht eine halbe Tafel Schokolade nicht für die Ewigkeit und ich wurde schneller als ich wollte wieder in die Zeltlagerwirklichkeit entlassen.
Ich hatte die gesamte Schwesternliebe in mich hinein gestopft, verschlungen und der wahren kleinen Schwester weggenommen. Diese Liebe war nicht für mich gedacht und doch lächelte mich Esther zufrieden und glücklich an. Wie konnte sie nur? Warum war sie nicht sauer auf mich?
Sie hatte keine Süßigkeit mehr und auch kein Geld, sich neue zu kaufen, und trotzdem war sie noch hier bei mir zwischen den Betten und sah so glücklich aus, als hätte sie selbst jede Menge allerfeinste Schokolade im Bauch. Dann griff sie nach dem kleinen buntbestickten Leinentaschentuch, das sie mir vor wenigen Minuten, oder waren es bereits Stunden(?), zugeschoben hatte, um meine Gefühle zu verstecken. Von ihrer Oma, sagte sie stolz, handbestickt und extra für sie. Meine Großmütter lebten nicht mehr, tot. Das war alles, was ich wusste und wissen musste, befand meine Mutter.
Und sowieso, bei uns gab es Papiertaschentücher, hygienisch zum wegwerfen und keine Omas, die sie verzierten. Nur mein Vater besaß Stofftaschentücher. Einstecktücher aus feinster Seide, passend zur Krawatte und nicht zum Trösten oder Besticken gedacht und schon gar nicht zum Gebrauch in Kinderhände.
Nachdem sie mir ihre Schätze dargebracht hatte schaute sie mir direkt in die Augen. Die unbeschwerte Fröhlichkeit in ihren Augen war einem ernsten mustern gewichen. Erst zögernd, der Wichtigkeit diese Augenblickes Geltung verschaffend, dann bestimmt zog sie aus einem einfachen Leinenbeutel drei unscheinbare, graue Kieselsteine. Nein, an und für sich waren sie nichts Auffälliges, nichts was man nicht an jedem Bachlauf finden könnte, doch diese Steine hatten eine besondere Geschichte.
„Als mein Vater auf Geschäftsreise war“, begann Esther ihre Geschichte, „es war ein heißer Junitag im Jahre 1966 und meine Mutter hochschwanger mit mir, hatte er eine Panne mit seinem Auto mitten auf einer Landstraße im Schwarzwald. Er hatte es gerade noch zu einer kleinen Haltebucht rechts der schmalen Straße geschafft, bevor der Motor ausgegangen war. Da stand er nun, keinen Kontakt nach Hause, nicht ahnend, dass seine kleine Tochter, nämlich ich“, sagte Esther stolz, „bald zur Welt kommen würde…
Die Sonne stand hoch und der Motor dampfte und zischte. Er war einfach zu heiß gelaufen und das Kühlerwasser übergekocht. Verzweifelt sah sich mein Vater nach allen Richtungen um, in der Hoffnung ein Haus, einen Brunnen oder irgendetwas dergleichen zu entdecken. Doch alles was er fand, war ein kleiner Pfad rechts der Straße, der direkt in den Wald führte. Noch zögerte er, ließ seinen Blick wiederholt die Straße hinauf und hinunter wandern, doch diese lag heiß flimmernd vor ihm, keine Bewegung, kein Leben, kein Auto, das kam, um ihn mitzunehmen. So entschied er, dem kleinen Weg in den Wald zu folgen, in der Hoffnung, eine Quelle oder einen Bachlauf zu finden. Als er eine kurze Strecke des Weges hinter sich gebracht hatte, wurde dieser immer ungemütlicher. Die dunklen, blaugrünen Tannen ließen kaum Licht durch und der Weg wurde immer mehr zum Trampelpfad. Dichter schlossen sich die Bäume um ihn. Es schien, als wolle der Wald ihn abwehren, wolle ihn nicht weiter lassen, verschloss sich vor ihm. Aber auch ein Zurück war nicht möglich. Der Weg hinter ihm löste sich im Dunkel auf war, sobald er den nächsten Schritt nach vorne wagte, hinter ihm einfach verschwunden. So ging er weiter. Bis er sich schließlich vor den Ästen, die ihm wütend ins Gesicht schlugen, mit Händen und Armen schützte. Bald kämpfte er sich einer Urwaldexpedition gleich durch das Unterholz. Immer wieder sah er seine Frau vor sich, das ungeborene Leben unter ihrem Herzen deutlich sichtbar, sein Kind. Das machte ihn stark. Ließ ihn unermüdlich weitergehen. Irgendwo würde er schon rauskommen.
Und tatsächlich, nach schier unendlichem Kampf, wurde der Urwald wieder zu einem Trampelpfad und der Trampelpfad wieder zu einem kleinen Weg. Die Tannen mischten sich mit uralten Laubbäumen. Sonnenstrahlen tanzten durch das lichte Grün der Bäume, malten ein wildromantisches Bild aus Schatten und Licht auf den Waldboden und in seine Seele. Der Gedanke an seine Familie hielt ihn in Bewegung, bis er unerwartet stoppte. Direkt vor ihm gabelte sich der Weg. Rechts von ihm führte er hinaus aus dem Tann. Versprach menschliche Siedlungen, einen Bauernhof oder ein verschwiegenes schwarzwälder Dörfchen mitten im Nichts. Aber auch unerträgliche Hitze. Ein staubiger Weg durch gnadenlose Sommersonne.
Der Weg links von ihm versprach angenehme Temperaturen und vielleicht doch die Quelle oder den Bachlauf, den er zu finden hoffte. Doch auch hier könnte es zu einem Irrweg werden, wie er ihn bereits hinter sich hatte. Verzweifelt stand er da. Wusste nicht, welchen Weg er nun gehen sollte. Tausend Argumente für und wider. Immer wieder abwägen. Wahrscheinlichkeiten erwägen. Keine Gewissheit finden. Hin und her gerissen gab er schließlich auf. Er fand keine Entscheidung. Erschöpft kniete er nieder, schloss die Augen, faltete die Hände und betete. Regungslos hockte er so da. Wortlos flehte er zu Gott. Da erschien vor seinem inneren Auge seine Frau. Sie lag unter Tränen auf einem Bett. Steril und kalt war alles um sie herum. Immer wieder bäumte sie sich unter Schmerzen, die sie in regelmäßigem Intervall zu zerreißen drohten, auf. Ihr Gesicht jedoch strahlte einen tiefen Frieden aus. Sie war völlig einverstanden mit dem, was da gerade mit ihr geschah. Und dann sah sie ihn an. Erfüllt von Liebe und so zärtlich, wie er sie noch nie gesehen hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben war er bei der Geburt eines seiner Kinder direkt dabei, und sie wusste es. Sah ihn an, bis sie von der nächste Wehe überrollt wurde. Schreiend bäumte sie sich ein letztes Mal auf. Sie kämpfte, schrie. Dann war alles ruhig. Es wurde dunkel um ihn. Er verlor sie. Eine Träne verlor sich durch seine geschlossenen Augen, rann über sein heißes Gesicht. Zog eine Spur der Verzweiflung. Da brach es aus ihm heraus. Laut, mit all seiner Kraft schrie er, hier mitten im Wald, an einer alles entscheidenden Kreuzung, zu seinem Schöpfer. Als er innerlich wieder zur Ruhe kam, sein Schreien verebbte, sich im Wald verlor, wurde es wieder still. Das Schweigen war erdrückend. Selbst die Vögel hatten ihren Gesang unterbrochen, als würden sie gespannt auf seine Entscheidung warten. Doch noch immer wusste er nicht, welchen Weg er gehen musste. Er wusste es einfach nicht. Da traf ihn, durch die geschlossenen Lider ein seltsamer Glanz. Tanzte durch seine Gedanken, nahm ihn gefangen und ließ ihn neugierig die Augen öffnen. Geblendet hielt er sich zum Schutz die Hände vor. Langsam, ganz langsam gewöhnte er sich an das Licht. Immer noch trieb der tanzende Lichtreflex sein Spiel mit seinen Sinnen. Instinktiv wandte er sich in die Richtung, aus der das Licht kam.
Ein leichter Windhauch liebkoste sein erhitztes Gemüt. Der Himmel war nicht mehr so himmelblau und strahlend hell. Es zogen Schatten spendende, bauschige Wolkengebilde ihre Bahn über das Sommerhimmelblau. Plusterten sich auf, zerfielen, um dann wieder aus dem Nichts zu entstehen. Er suchte nach der Quelle des Lichts und fand schließlich drei Kieselsteine, die immer, wenn eine Wolke den Weg zum Himmel frei gab, in der Sonne funkelten und mit den Lichtstrahlen spielten wie der Wind mit den Wolken. Sie lagen am Rand des Weges, der aufs offene Land führte, sich durch goldgelbe Weizenfelder wand, um sich dann auf buntgetupften Wiesen zu verlieren.
War das die Antwort auf sein Gebet? Lag hier der Grundstein seines Vertrauens, seines Glaubens?
Ein wirklich gläubiger Mensch war er nicht! Ja schon, er hatte oft von Gott gehört und gelesen. War in einer streng katholischen Familie erzogen worden. Doch so wirklich, richtig konnte er nie glauben. Immer war Gott sein Richter gewesen. Er war nach dem Tod seines Vaters bei seinem Onkel aufgewachsen. Der, der schmerzhafte Prügelstrafen ausgeführt hatte, im Namen Gottes und all der Heiligen; Jeder Hieb ein Heiliger. Und die katholische Kirche hat viele davon. Wurde nicht sogar im Namen Gottes getötet? Seine Frau?! Ja, die glaubte.
Anders, so frei und einfach wie ein Kind, das die Hand des Vaters sucht, wenn es droht, verloren zu gehen. Voller Vertrauen auf eine bessere Welt, erfüllt von Wärme und Güte. Immer wieder betete sie. Hatte eine Verbindung zu ihrem Vater, wie sie Gott auch zärtlich nannte, die ihn manchmal richtig eifersüchtig machte. Geh mir weg mit diesem Gott, hatte er ihr oft an den Kopf geworfen, wenn sie wieder mit ihren Bekehrungsversuchen kam. Sollte er ihr Unrecht getan haben?
Wie auch immer. Da lagen nun diese drei Kieselsteine, direkt nach seinem Notruf, und forderten ihn auf, den rechten Weg zu gehen. Wie im Traum folgte er seinem Lauf, der sich langsam zu einem breiten Feldweg öffnete, um am Ende zu einem großen Gehöft zu führen.
Der Hof lag einsam, umrahmt von saftigen, grünen Wiesen und alten Obstbäumen, unter denen Kühe zufrieden grasten. Die Eine oder Andere hatte sich satt am Fuße der knorrigen Obstbäume niedergelassen, um dem Ende des Tages entgegenzudösen.
Die Sonne stand inzwischen tief am Himmel und tauchte die Welt in ein tiefrotes, glühendes Licht. Die Hitze des Tages wich dem kühlen Lufthauch, der die kommende Nacht ankündigte. Die Natur atmete auf, sog die klare Luft tief auf, um sie in Vogelgezwitscher und Blätterrauschen aus dem nahen Wald wiederzugeben. Auch seine Gedanken wurden mit jedem Schritt, den er auf das tief gegen das Sonnenlicht der untergehenden Sonne gebeugte Haus zuging, immer klarer.
Die Hitze seiner innerlichen Kämpfe wich der Kühle seiner Handlung. Waren seine Schritte am Anfang noch zögerlich und unsicher auf dem schmalen Schotterweg, so wurden sie nun zunehmend zielgerichteter und auch seine Gedanken hatten nur noch ein Ziel: Nach Hause!
Als er schließlich den unregelmäßig gepflasterten Innenbereich des Hofes betrat, sah man ihm seinen Kampf durch dichtes Unterholz und ihm ins Gesicht schlagende Hoffnungslosigkeit nicht mehr an. Nicht einen Kratzer hatte er davon getragen, nicht einen blauen Fleck.
In der Mitte der u-förmig angereihten Gebäude stand eine riesige alte Kastanie, unter der ein Brunnen munter gurgelnd unermüdlich Wasser in eine längliche, aus Sandstein gehauene Tränke ergoss. Einladend funkelte das Wasser in der Abendsonne. Erst jetzt spürte er das trockene Brennen in seiner Kehle und das Schwindelgefühl in seinem Kopf.
Wasser, endlich. Keine Quelle, kein Bach, eine Viehtränke unter einem sich weit ausladenden, weiß blühenden Kastanienbaum. Tief tauchte er seine Hände in das klare kalte Wasser, führte es zum Mund und ließ es seine Kehle hinunterlaufen. Kühle Frische durchflutete ihn, nahm die Mühsal und die flirrenden Bilder aus seinem Kopf, die Trägheit aus seinen Gliedern. Noch einmal ergoss sich ein Strom der Befreiung durch seinen erhitzten Körper, bevor er sich dem Brunnen abwandte, um sich vorsichtig umzusehen.
Direkt vor dem herrschaftlichen Wohnhaus mit seinem mächtigen, strohgedeckten Dach saß ein altes Mütterlein und beobachtete ihn still. Ihre dunklen Augen glänzten im Abendrot, während ihre flinken, faltigen Hände ein sich windendes Schilfrohr geschickt um ein dagegenstehendes Gerüst flocht. Der Boden und die darauf entstehenden Wände eines Korbes waren schon jetzt gut erkennbar und gewannen unter der schnellen und sicheren Hand der alten Frau immer mehr an Gestalt. Doch bei all der Arbeit ließ sie ihn nicht aus den Augen, sah ihn freundlich an.
Er hatte sie beim Eintreten in den schattigen Innenhof nicht bemerkt. Hatte nur dem mächtigen Baum und dem darunter auffordernd plätschernden Wasser seine Aufmerksamkeit geschenkt und hätte schwören können, dass da niemand gewesen ist. Keine alte Frau, keine Körbe, die rings um sie wild durcheinander lagen und Zeugen eines langen Tages waren.
Eigentlich verfügte er über eine gute Beobachtungsgabe, entging ihm sonst keine Regung um ihn herum und schon gar keine Körbe flechtende Frau, die ihn noch dazu so gerade heraus beobachtete! Erklären konnte er sich das nicht, aber was war an diesem Tag schon normal und verstandesgemäß?
Die Dinge nicht zu ernst zu nehmen entschloss er sich, der freundlichen Aufforderung der Alten zu folgen und sich zu ihr zu gesellen. Nein, gesprochen hatte sie noch kein Wort, aber es schien, als hätte sie direkten Zugang zu seinen Gedanken. Ihre Blicke sprangen durch seine Gedanken, formten sich zu verständlichen Worten. Er wusste, nein hörte geradezu, wie sie zu ihm sprach. Plötzlich tauchte vor ihm wie aus einem grauen Nebel wieder seine Frau auf. Diesmal lag sie in einem strahlend weißen Bett. Sie war umgeben von gleißender Helligkeit, gerade so als schwebe sie, von Licht getragen. Die Lehne ihres Lagers war leicht aufgerichtet und wieder sah sie ihn direkt an. Ihre blonden Haare umrahmten dünn und strähnig ihr von Anstrengung gezeichnetes, blasses Gesicht.
Ein Strom aus Liebe und Wärme ergriff ihn und zog ihn noch näher an ihr Bett heran. Völlig unerwartet regte sich etwas unter ihrer Decke. Ein leichtes Wimmern war zu hören und vorsichtig schob er das dicke, weiße Daunenbett beiseite. Und da lag es. Klein und zerknautscht, eingehüllt in feines Linnen, lag da ein neugeborenes Kind in den Armen seiner geliebten Frau. Ein Gefühl der übervollen Freude brach in ihm auf. Er breitete seine Arme aus, um seine Frau zu umarmen, an sich zu drücken, ihr und dem Kind nahe zu sein, doch da verschwand das Bild und er sah in ein von Jahren gezeichnetes und zerfurchtes, freundliches Gesicht.
Immer noch sah ihn die Korbflechterin unverwandt an. Doch seine Gedanken waren nicht weiter in den ihren gefangen. Alles, was er nun sah und hörte, war Ursprung seiner ureigensten Empfindungen.
„Es ist ein Mädchen“ drang die Stimme der Bäuerin an sein Ohr „und Mutter und Kind sind wohl auf!“.
Erschrocken und doch nicht wirklich überrascht sah er sie an. Diese nickte nur sanft lächelnd, erhob sich von der in die Jahre gekommenen, aschfahlen Holzbank und verschwand im Haus, noch bevor er irgendetwas sagen konnte. Kurze Zeit darauf erschien ein stämmiger Mann in grober Leinenhose und zerschlissenem Flanellhemd, in der Eingangstür. Der Bauer, wie sich herausstellte. Was er wolle und wer er sei, fragte der Hofbesitzer den unerwarteten Gast.
Kurz und die vielen seltsamen Begegnungen und Ereignisse auslassend, schilderte der Gestrandete seine Not und bat um die Hilfe, derentwegen er vor einem ganzen Leben, so schien es, aufgebrochen war.
Schnell war ein Kanister mit Wasser gefüllt und ein tuckernder, grasgrüner Traktor schnaubend und polternd auf der Landstraße Richtung defektem Auto unterwegs. Die Schatten der Tannen hatten nun auch das letzte bisschen purpurrote Sonne auf den Wegen vertrieben, doch die hellen Scheinwerfer des landwirtschaftlichen Fahrzeuges beleuchteten sicher die Straße und fanden ohne Probleme den liegen gebliebenen PKW.
Wäre er doch einfach der Straße gefolgt! Wie einfach wäre das gewesen. Was um Himmels Willen hatte ihn dazu gebracht, diesen kleinen Weg, der nun gänzlich im Dunkel lag, zu nehmen? Doch nun galt es, den Wagen wieder flott zu machen. Mit einem Trichter, den der vorsorgliche Landwirt mitgenommen hatte, wurde das frische Wasser in den Kühler des Wagens gegossen und so wie ihn dieses herrliche Nass wieder belebt hatte, vermochte es auch dem Motor wieder neue Kraft und Bewegung zu verleihen.
Ohne Probleme sprang der Wagen an. Vielleicht auch, weil er so lange gestanden hatte und abgekühlt war oder auch weil es nun einfach Zeit war, weiter zu fahren, wer wusste das schon so genau! Mit einem freundlichen Gruß verabschiedete sich der Bauer, schwang sich auf sein grünes Gefährt und tuckerte davon. Noch lange hörte man den rumpelnden Motor und sah ab und zu den Lichtkegel seiner Scheinwerfer zwischen dem dichten Tann aufblitzen, bis er dann endgültig in der Dunkelheit verschwand.
Nachdenklich blieb er zurück. Stand neben seinem, wie ein Kätzchen schnurrenden Wagen und starrte abwechselnd in die Richtung, in die der Traktor verschwunden war und die, in der der kleine Weg, den er heute Mittag erst genommen hatte, nur noch zu erahnen war.
Hatte er all das nur geträumt?
Gedankenverloren ließ er seine Hand in seine Hosentasche gleiten und hielt abrupt in der Bewegung inne. Hatte er sie mitgenommen? Vorsichtig, als könnten sie jederzeit zu Staub zerfallen, denn was war schon an diesem Tag unmöglich, zog er einen nach dem anderen aus seiner Hosentasche. Vor ihm lagen die drei Kieselsteine. Die drei Kieselsteine, die ihn geblendet hatten und ihm schließlich Wegweiser gewesen waren in seiner größten Not.
Spät in dieser Nacht kam er endlich nach Hause und zum ersten Mal in seinem Leben schlug er die Bibel als Suchender auf. Das Buch Esther stand da in großen Lettern.
Und so kam ich zu meinem Namen“, schloss Esther ihre Geschichte. „Jahre nach meiner Geburt“, fügte sie noch geheimnisvoll hinzu, „fuhr mein Vater erneut beruflich in den Schwarzwald und kam an die Stelle, an der er damals seine Panne hatte. Er hielt an derselben kleinen Haltebucht und fand auch nach einigem Suchen den inzwischen völlig überwucherten Pfad in den Wald. Dann folgte er der Straße weiter und war sich sicher, genau den Weg zu fahren, den damals der Traktor genommen hatte. Er kam auch bald aus dem Wald heraus und vor ihm öffnete sich eine sanft hügelige, in Wiesen und Felder eingebettete Landschaft.
Doch einen Hof fand er nicht. Da aber ein Gehöft von so beachtlicher Größe wie dieser damals nicht einfach verschwinden konnte, gab mein Vater nicht auf und wurde letztendlich fündig.
Schon von weitem sah man den uralten Kastanienbaum. Schnell lenkte er sein Fahrzeug von der geteerten Straße auf eine Schotterpiste, die genau auf den Hof zuhielt. Doch je näher er den Gebäuden kam, je unwegsamer wurde der Weg und schließlich war er nicht mehr zu befahren. Mein Vater stieg aus und ging das letzte Stück zu Fuß, was er dann aber sah, wagte er nicht zu glauben. Außer dem alten Baum war das ehemals stattliche Gehöft nur noch zu erahnen. Die Gebäude waren teilweise bis auf die Grundmauern abgetragen oder zerfallen. Das Dach des Haupthauses streckte sich in nacktem Gerippe gen Himmel und die Stallungen bzw. was davon übrig war, war von Brombeeren überwuchert.
Als er später zurück auf der Landstraße an einem kleinen Souvenirgeschäft anhielt und den Mann hinter der Ladentheke nach eben diesem Hof fragte, wurde dieser sehr nachdenklich, zog sein ohnehin schon faltiges Gesicht in Runzeln und sah meinen Vater gedankenverloren an. Der Hof sei im Krieg völlig abgebrannt und die gesamte Familie, bei dem Versuch noch etwas zu retten, in den Flammen umgekommen. „Seitdem spukt es dort“, sagte der Ladenbetreiber ehrfürchtig.
So manch ein verirrter Wanderer habe dort Menschen angetroffen und seltsame Dinge erlebt aber nie ist ihnen irgendetwas zugestoßen, immer wurden sie dort freundlich aufgenommen und wieder auf den Weg gebracht.
Mein Vater schwieg. Zurück im Auto umfasste er die drei Kieselsteine, die er seit jenem Tag immer bei sich trug, nur um sicherzugehen, dass sie wirklich existierten, und wendete den Wagen. Noch einmal sah er den riesigen, alten Baum, der sich gegen den in Abendrot getauchten Himmel dunkel abhob, und erkannte nun deutlich das verkohlte Gebälk des ehemals herrschaftlichen Hauses mit seinem mächtigen strohgedeckten Dach. Und da war es ihm, als sehe er einen Lichtkegel zwischen den alten Obstbäumen auf und ab tanzen, so als wenn ein Traktor sich seinen Weg über holprige Feldwege bahnen würde. Er hielt den Wagen an, suchte nach dem Gefährt, das auf den Hof zugehalten hatte, doch da war nichts mehr. Alles lag still und verlassen vor ihm in der untergehenden Sonne. Nur die drei Kieselsteine in seiner Hand waren Zeugen seiner merkwürdigen Begegnung und Beweis dafür, dass er nicht geträumt hatte.“
Mit offenem Mund und gespitzten Ohren hatte ich Esthers Erzählung gelauscht. Jedes Wort hatte ich tief in mir aufgenommen und alles beinahe selbst erlebt. Und nun hielt sie mir die Steine hin. So unbedeutend sie auch aussehen mochten, waren sie doch etwas ganz Besonderes. Sie waren greifbar gewordene Vaterliebe, denn Esthers Vater hatte sie ihr für die Dauer des Zeltlagers anvertraut, zum Schutz – aus Liebe. „ Damit ich auf dem richtigen Weg bleibe!“ hallten ihre Worte in mir nach. So also sah Liebe aus. Vaterliebe.
