Das Münster-Komplott - Simone Hausladen - E-Book

Das Münster-Komplott E-Book

Simone Hausladen

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Beschreibung

Eine erfolgreiche Psychiaterin wird brutal ermordet in einem Waldstück in der Nähe von Havixbeck bei Münster gefunden. Hauptkommissar Dietrich übernimmt den Fall und gerät gehörig unter Druck: Nur zwei Tage zuvor hatte das Opfer beim traditionsreichen Kramermahl im Rathaus fünf Gäste der angesehenen Kaufmannschaft mit brisanten Behandlungsprotokollen erpresst. Stecken sie hinter der Bluttat? Bevor das KK 11 die Verwicklungen durchschauen kann, erschüttert ein zweiter Mord die Stadt. Die Angst wächst: Wer wird als Nächstes sterben?

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Seitenzahl: 350

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Simone Hausladen

Das Münster-Komplott

Münsterland-Krimi

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Bei Fragen zur Produktsicherheit gemäß der Verordnung über die allgemeine Produktsicherheit (GPSR) wenden Sie sich bitte an den Verlag.

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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

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[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Daniel Abt

Satz/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Laurenz / stock.adobe.com

ISBN 978-3-7349-3426-1

Widmung

Für meine Familie

Zitat

»Die Welt ist voll von offensichtlichen Dingen, die niemand je beobachtet.«

Arthur Conan Doyle

»The Hound of the Baskervilles«

(1902)

Prolog

Es ist wahr. In den letzten Minuten vor dem Tod sieht man sein Leben noch einmal an sich vorüberziehen. Allerdings geschieht es in Sequenzen, die vielleicht Sekunden dauern. Oder auch nur den Bruchteil einer einzigen. Das weiß keiner genau. Denn die, die davon berichten könnten, sind tot. Normalerweise gestorben an Altersschwäche, an Krankheit, durch Suizid, an gebrochenem Herzen, an Vereinsamung, durch Armut, infolge von Naturkata­strophen, durch Sucht, an Hoffnungslosigkeit oder an den Folgen eines Unfalls. Und manche Menschen sterben, weil jemand anderes möchte, dass sie es tun. In diesem Fall werden sie zu Opfern – egal, wie sie gelebt haben. Ob sie gut waren oder schlecht.

Seit Stunden lag sie an Armen und Beinen gefesselt mit geknebeltem Mund in dem Kofferraum. Das viele Blut aus der Wunde an ihrer rechten Schläfe hatte ihr Haar und die ganze Gesichtshälfte verklebt. Sie trug nur ein T-Shirt unter einem dünnen Leinenanzug und hatte vor Kälte gezittert, als sie aus ihrer Ohnmacht erwacht war. Jetzt fror sie nicht mehr. Der Hunger hatte sich ebenfalls aufgelöst. Als sie wieder so etwas wie einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte sie vor Einsamkeit geweint, vor Angst und Verzweiflung erstickend versucht zu schreien. Sie hatte den Regen gehört, der auf den Kofferraumdeckel geprasselt war. Es war das letzte Geräusch, an das sie sich erinnerte. Regen. Das Ende war nah. Sie wusste es.

Mittlerweile spürte sie ihre Glieder kaum noch. Sie hatte es aufgegeben, gegen den Schmerz in den Gelenken anzukämpfen. Ihre Schultern waren taub geworden. Irgendwann einmal hatten ihre Handgelenke geblutet. Ihre Fingernägel waren abgebrochen und gesplittert, vom Zerren, Drehen und Ziehen an den Kabelbindern. Sie hatten sich nicht einen Millimeter gelockert. Wie gerne hätte sie mit dem Blut, das sie gefühlt hatte, ihre aufgesprungenen Lippen benetzt. Doch sie konnte die Hände an ihrem Rücken nicht vor ihren Körper bringen und das Blut hatte sich verkrustet.

Der stinkende Stofffetzen in ihrem Mund schien mit ihrer trockenen Kehle zusammengewachsen zu sein. Der einzige Schmerz, den sie bewusst wahrnahm, wenn sie gelegentlich kurz bei Sinnen war, hatte sich in ihrem Kopf eingenistet. Das Hämmern in ihrem Schädel war einem dumpfen Pochen gewichen, das ganz fern schien. Hin und wieder durchzuckten sie Stiche, Blitze. Aber sie fühlten sich beinahe an, als wären sie außerhalb ihres Körpers. Ihr Gehirn arbeitete nicht mehr zuverlässig. Ihre Haut musste zerkratzt und wund sein. Von den Schlägen, von dem Sturz, von dem Aufprall und von der rauen Gummimatte, auf der sie kauerte. In dem Kofferraum stank es fürchterlich. Nach Urin, Erde, Schweiß.

Manchmal schaffte sie es mit dem bisschen Kraft, das noch in ihrem Körper steckte, sich ein wenig zu drehen und das Gewicht zu verlagern. Aber das brachte keine Erleichterung.

Sie stellte sich vor, wie draußen die Wintersonne unterging. Sie konnte es aus ihrem Verlies nicht sehen und wusste auch nicht, wie spät es war. Dabei hatte sie Sonnenuntergänge immer geliebt. Vor allem die über dem Aasee, wenn die Strahlen auf der Wasseroberfläche bunte Muster gemalt und der Wind im Gras und in den Bäumen gespielt hatte. Sie hatte nach einem langen Arbeitstag im weichen Gras gelegen oder war auf ihrer Lieblingsbank gesessen.

Den Kampf ums Überleben hatte sie aufgegeben. Wann, wusste sie nicht mehr. Es könnte vor Stunden, genauso gut vor Minuten gewesen sein. Vielleicht auch schon gestern. Sie konnte nicht einschätzen, wie viel Zeit vergangen war. Hier drin war es immer dunkel. Einmal – im Dämmerzustand – hatte sie von einem Strahl Tageslicht geträumt. War er real gewesen? Vermutlich nicht.

Er würde sie hier verrotten lassen und nicht zurückkommen. So gut kannte sie ihn in der Zwischenzeit. Menschen waren nun einmal, wie sie waren. Es war ein Irrglaube, dass sich jemand durch Erziehung oder Therapie zum Besseren entwickeln konnte. Handlungen konnten adaptiert werden, Charaktere nicht.

Die Bilder der Menschen in ihrem Kopf, die sie in ihrem Leben geliebt hatte, waren mittlerweile verschwunden. Es waren ohnehin nicht viele gewesen. Ihre Schwester vielleicht – aus Verantwortungsgefühl. Ihre Großeltern. Ihr Ex-Mann, der trotz der Scheidung immer ein wichtiger Teil ihres Lebens geblieben war, und dann noch der Vater ihres Kindes, das sie getötet hatte. Ihnen hatte in den ersten Stunden der Gefangenschaft ihre Sehnsucht gegolten. Einen flüchtigen Moment lang waren die Gesichter so real gewesen, dass sie vor dem hilflosen Verlangen, ihre Stimmen zu hören, fast den Verstand verloren hatte. Oder hatte sie ihn verloren? So wie einige ihrer Patienten? Die, denen sie die ganz starken Psychopharmaka verschrieb, um sie wieder funktionsfähig zu machen?

Es war ihr nicht vergönnt, zufrieden zu sterben. Sie war nie eine glückliche Frau gewesen. Höchstens für einige wenige Augenblicke. Mehr nicht. Sie war auch kein glückliches Kind gewesen. Wenn sie sich früher an ihre Kindheit im Sauerland zurückerinnert hatte, dann hatte sie gedacht, sie hätte damit ihren Frieden gemacht. In den letzten Stunden ihres Lebens, hier, zusammengekauert in dem kalten Kofferraum mit offenem Schädel und dem Tod vor Augen, hatte sie erkennen müssen, dass dem nicht so war. Sie machte ihren Eltern immer noch Vorwürfe. Vor allem ihrem schwachen Vater, der sie nicht vor der manisch-depressiven Mutter beschützt hatte. Wie oft hatte ihre Mutter sie und ihre Schwester grün und blau geprügelt, um anschließend mit überschwänglichem Lob und Süßigkeiten die Liebe ihrer Kinder zurückkaufen zu wollen. Wochenlang hatte die Mutter sich im abgedunkelten Schlafzimmer versteckt, nicht ansprechbar, nicht am Leben teilhabend. Dann – in den manischen Phasen – hatte sie wilde Partys gefeiert, fremde Männer mit nach Hause gebracht, den Kindern Drogen und Alkohol gegeben.

Eines Tages war ihr Vater einfach gegangen. Er hatte nach dem Frühstück seine graue Jacke angezogen und wortlos die Wohnungstür hinter sich geschlossen. Ein paar Stunden später war er von Spaziergängern im Wald gefunden worden. Er hatte sich an seinem Gürtel erhängt. Von da an waren sie und ihre kleine Schwester mit der kranken Mutter allein gewesen.

Das Leben, das man gelebt hat, ist wie ein Buch. Geschichten wurden gesammelt, und daraus zog man Schlüsse. Dieser Gedanke war ihr gekommen. Wer würde wohl in ihrem Buch lesen? Wer würde sich an sie erinnern? Sie vermissen? Sie hinterließ nichts. Rein gar nichts.

Der Tod kam für sie zu einem ungerechten Zeitpunkt. Gerade jetzt, als sie mit knapp 40 Jahren noch einmal einen Neuanfang wagen wollte. In der Hoffnung auf zufriedene Jahre am anderen Ende der Welt. So kurz vor ihrer Abreise. Sie hatte einer Tätigkeit nachgehen wollen, von der sie glaubte, sie hätte ihr das, was sie so früh verloren hatte, ersetzen können. Vielleicht wäre es sogar eine Art Wiedergutmachung dem Universum gegenüber gewesen. Gutes Karma.

Ein Zittern durchlief ihren Körper. Ihre Zeit war gekommen. Sie musste loslassen. Mama, wieso konntest du dir nicht helfen lassen? Wieso konntest du uns nicht helfen?

Sie hatte ihren Beruf gewählt, um ihre Mutter zu heilen. Sie hatte diesen Plan geschmiedet, um Kindern zu helfen, denen es genauso schlecht ging wie ihr damals. Sie hatte so sehr gehofft, ihr Leben würde sich endlich zum Guten wenden. Nichts davon war wahr geworden.

Ein einziger Wunsch drängte sich an die Oberfläche ihres Bewusstseins, durch die unsichtbare Decke, die der Tod bereits über sie gelegt hatte: Erlösung.

Freitag 31. Januar

1

Das Flugzeug aus München war pünktlich am Flughafen Münster-Osnabrück gelandet. Die Strecke wurde dreimal täglich angeboten und meistens von Geschäftsleuten genutzt. Konstantin Dietrich war auf die 15-Uhr-Maschine gebucht gewesen. Jetzt, kurz nach seiner Ankunft, war es halb fünf. In der Halle des FMO herrschte nicht viel Betrieb. Ein paar Urlaubsreisende warteten an einem Check-in-Schalter. Sie wollten nach Ägypten und waren teilweise, den Temperaturen am Zielflughafen angepasst, in Sommerklamotten gekleidet. Eine Frau wusste nicht, wohin mit ihrem überdimensionalen Sommerhut. Sie setzte ihn sich schließlich auf den Kopf, was in der Halle, die von Flutlicht erfüllt war, lächerlich deplatziert wirkte.

Als Konstantin Dietrich durch den Arrival-Bereich gegangen war, stellte er seine beiden großen Reisetaschen auf dem Boden ab und schloss den Reißverschluss seines olivgrünen Parkas bis unters Kinn. Unter der Kapuze, die er sich überstreifte, versteckte er seine dunklen Locken. Sie waren immer einen Tick zu lang und ließen ihn deshalb auf den ersten Blick jünger wirken, als er war. Mit seinen 35 Jahren hatte er noch keine grauen Haare, aber um seine braunen Augen zeigten sich bereits erste Fältchen, die, wenn er lachte, nicht sofort wieder verschwanden.

Durch eine der gläsernen Drehtüren, die ins Freie führten, konnte Konstantin sehen, dass Münster ihn mit Nieselregen begrüßte. Die Tropfen tanzten, vom Wind getrieben, im Schein der Straßenlaternen am Taxistand wirr hin und her. Draußen empfand er die kühle, nasse Luft als wohltuend und atmete tief ein. Im Flugzeug war es stickig gewesen. Überall um ihn herum hatte er die Ausdünstungen der anderen Passagiere riechen können. Fast hätte er angefangen zu raten, wo sie in München zum Mittag gegessen hatten. Er hatte sehr deutlich Bier- und Bratfettgeruch wahrgenommen.

Vor seiner Nase fuhr das Taxi ab, auf das er gerade zugegangen war. Er hatte den Fahrgast nicht einsteigen sehen. Anstatt sich zu ärgern, stellte er sich in aller Seelenruhe an den Straßenrand und wartete. Er hatte Zeit. Den Dienst würde er erst morgen antreten.

Den Vormittag in München hatte Konstantin Dietrich damit verbracht, sein Jugendzimmer in dem Reihenhäuschen seiner Eltern zu entrümpeln. Dort hatte er die letzten Wochen seine Wunden geleckt und mit Alkohol desinfiziert. An Konstantin, den Teenager, erinnerte in dem Raum nun nichts mehr. In fünf großen schwarzen Müllsäcken warteten CDs, Bücher, Klamotten, Poster und Zeitschriften darauf, dass sein Vater sie zum Wertstoffhof brachte. Er freute sich auf den Neuanfang in Münster und den Job beim KK 11, der Mordkommission, der sogar mit einer Beförderung verbunden war. Ab morgen war er Kriminalhauptkommissar.

Er hatte für seinen Umzug nicht viel dabei. Die zwei großen Trekkingtaschen hatte fast ausschließlich seine Mutter gefüllt. Sie hatte ihm Toastbrot, Tütensuppen, zwei Äpfel, eine Tafel Schokolade mit Karamellsplittern, Handtücher und Bettwäsche eingepackt. Er hatte lediglich eine Zahnbürste und ein paar seiner Klamotten mit hineingestopft. Jeans, erdfarbene T-Shirts und Sweatjacken. Und zwei Hemden. Eins für den ersten Tag im Büro und eines für besondere Anlässe. Außerdem im Gepäck hatte er Liebeskummer, eine beginnende Alkoholsucht und einen Bauchansatz, der in den letzten Wochen begonnen hatte, sich an seinem Körper wohlzufühlen. Und natürlich Respekt vor der neuen Aufgabe.

Über eine Webseite hatte er sich ein möbliertes Apartment gemietet. Sein Plan für die nächste Zeit und den Neuanfang in Münster bestand darin, beruflich Gas zu geben, vom Alkohol loszukommen, bevor er wirklich zum Problem wurde, und seine Ex-Verlobte zu vergessen. Dafür war mindestens eine andere Stadt nötig, und Münster hatte er in allerbester Erinnerung, seit er dort im Rahmen eines Austauschprogramms ein Semester an der Polizeischule studiert hatte.

Ganz anders waren die Erinnerungen an die letzten Monate in seiner alten Heimat Oberbayern. Jedes Wort, das Amalia bei ihrer Trennung zu ihm gesagt hatte, schmerzte immer noch. Nachts, kurz vor dem Einschlafen, liefen die Sätze, die sie ihm vor die Füße geknallt hatte, in Dauerschleife in seinem Kopf: Du bewegst dich nicht weiter … Soll das schon alles gewesen sein? … Du gibst dir keine Mühe … Du magst meine Freunde nicht … Stell dich nicht so an … Ich verlasse dich … Ich liebe einen anderen.

Ja, sie liebte jetzt einen anderen. Das tat am meisten weh. Das Einzige, was half, Amalias Stimme abzustellen und den Schmerz und das ohnmächtige Gefühl der Zurückweisung zu betäuben, war Wodka. Und eigentlich mochte er den nicht mal. Der Geschmack widerte ihn an.

»Sei froh, dass du diese Zicke los bist«, war der Kommentar seiner kleinen Schwester Julia gewesen. »Sie hat nie zu dir gepasst, und wenn du ehrlich bist, weißt du das auch.« Er hätte es nie zugegeben, doch – klar – er hatte es immer irgendwie gewusst. Amalia kam aus einer anderen Welt. Reich, verwöhnt und mit einem unerschütterlichen Selbstvertrauen, das ihr in die Wiege gelegt worden war. Dazu wunderschön, witzig, klug und manchmal warmherzig. Da konnte er, der Durchschnittstyp, nicht mithalten. Er war kein erfolgreicher Investmentbanker oder Top­anwalt wie die Leute aus ihrer Münchner Schickimicki-Clique, und er hatte es auch nie sein wollen. Aber er hatte sich tatsächlich keine Mühe gegeben und seine Außenseiterrolle im Bekanntenkreis seiner Freundin ganz bequem gefunden. So lange, bis sich Amalia in einen Kollegen verliebt hatte. Einen aus ihren Kreisen.

»Sie hat dich nicht verdient«, hatte die Analyse seiner Mutter gelautet. Das war besser gewesen als die harten Worte seiner Schwester. Jedoch hatten die Blicke seiner Mutter, wenn er wieder einmal verkatert zur Arbeit gegangen war, angefangen, ihn zu nerven. So war ihm der Hinweis eines Kollegen gerade recht gekommen, dass in Münster eine Stelle bei der Mordkommission zu besetzen sei. Er kannte noch ein paar Leute bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen und hatte nicht lange gezögert, sie anzurufen. Seine Unterlagen wurden angefordert, und bald darauf war alles perfekt gewesen. Er, Konstantin Dietrich, 35 Jahre alt, gebürtiger Münchner, würde der neue Kriminalhauptkommissar im KK 11 Münster sein.

»Hey! Steigen Sie ein oder warten Sie auf jemanden?« Der Taxifahrer, der neben Konstantin angehalten hatte, rief genervt durch die offene Scheibe an der Beifahrerseite. Er wollte offenbar Feierabend machen. Das würde wahrscheinlich seine letzte Fahrt sein. Auf einen unentschlossenen Fahrgast hatte er augenscheinlich keine Lust.

Im ersten Moment irritiert, riss Konstantin sich von seinen Gedanken los und ließ den Schmerz, der bei den Erinnerungen angefangen hatte zu piksen, in die Pfütze zu seinen Füßen gleiten. »Ja, klar. Danke!«, antwortete er betont freundlich, ging zum Kofferraum, öffnete die Klappe und warf seine Taschen hinein. Er setzte sich auf die Rückbank des Autos und gab dem Taxifahrer die Adresse an: »Horste­berg 21, bitte.«

»Horsteberg 21? Das ist am Domplatz, oder?«

»Ja. Halten Sie einfach beim Kiepenkerl am Spiekerhof. Ich habe am Horsteberg eine Wohnung gemietet.«

»Na gut. Wenn Ihnen das dort nicht zu viel Trubel ist. Parken kann man da nicht gut«, brummte der Taxifahrer in seinen grauen Dreitagebart.

»Ich habe kein Auto.«

Der Taxifahrer betrachtete Konstantin neugierig durch den Rückspiegel, wie man einen Ortsfremden betrachtet. Der bayerische Einschlag in Konstantins Aussprache war unverkennbar. Der Fahrer zuckte mit den Schultern, drückte auf den Taxameter und fuhr wortlos ab. Mit jedem Kilometer, den sie in Richtung Innenstadt zurücklegten, fühlte Konstantin sich besser und weiter in seiner Entscheidung bestätigt. München zu verlassen, war goldrichtig gewesen. Es kam sogar Vorfreude und etwas Aufregung im Hinblick auf seinen ersten Arbeitstag auf. Nur sein Herz war immer noch in Bayern. Amalia hatte vergessen, es ihm zurückzugeben.

*

Zur gleichen Zeit, ein paar Hundert Meter von Konstantin Dietrichs neuer Wohnung entfernt, warteten die Vorsitzenden der Münsteraner Kaufmannschaft, einem Zusammenschluss von Unternehmern und Geschäftsleuten der Stadt Münster, auf das Eintreffen des Ehrengastes des Kramermahls im Rathaus. Die jährliche Veranstaltung, die in diesem Jahr auf Ende Januar fiel, galt als eines der prestigeträchtigsten Events der Stadt. In schwarzen Limousinen fuhren die geladenen Gäste staatsmännisch vor und wurden von den Vorsitzenden der Kramergilde begrüßt. Am Rande des roten Teppichs standen Mitarbeiter des Cateringunternehmens mit großen dunklen Schirmen und versuchten, die Gäste vor dem Nieselregen und dem Wind zu schützen.

Unter den Schaulustigen, die sich entlang des Prinzipalmarkts aufgestellt hatten, stand eine schlanke Frau, die gekleidet war, als gehörte sie zu den Gästen. Unter einem edlen schwarzen Wollmantel mit brauner Pelzkapuze, die sie so tief in die Stirn gezogen hatte, dass ihr Gesicht verborgen blieb, trug sie ein schwarzes Kleid, dessen Saum unter dem Mantel hervorlugte. Sichtlich angespannt verlagerte sie das Gewicht immer wieder von einem Fuß auf den anderen. Dabei war es ein beachtlicher Balanceakt, mit ihren filigranen Gianvito-Rossi-Pumps nicht in den Fugen des Kopfsteinpflasters hängen zu bleiben. Sie hatte sich diese teuren Schuhe zum erfolgreichen Abschluss ihres Studiums vor vielen Jahren selbst geschenkt und trug sie seitdem nur zu wirklich besonderen Anlässen. Ihre Hände hatte sie tief in den großen Manteltaschen vergraben, wo sie nervös an einem Schlüsselbund in der einen und ihrem Handy in der anderen spielte. Auf eine Handtasche hatte sie bewusst verzichtet – falls es später zu einem Handgemenge kommen würde oder sie sich verstecken musste, wäre es besser, die Hände frei zu haben. Aus den Schaufenstern der Geschäfte leuchteten ihr bereits die Farben des Frühlings entgegen. Die Dekorationen mit Frühlingsblumen, neonfarbenen Osterhasen und Sommerhüten wirkten an dem nasskalten Januarabend deplatziert.

Ein Raunen ging durch die Menge, was wohl bedeutete, dass der Ehrengast des Abends, der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, eingetroffen war. Weitere Passanten blieben stehen, einige stellten sich auf Zehenspitzen, um besser sehen zu können. Die Frau schenkte dem Schauspiel keine Beachtung. Für sie war es Zeit, sich in Bewegung zu setzen. Sie schlängelte sich geschmeidig wie eine Katze auf samtenen Pfoten durch die Menge und überquerte die Straße. Als sie direkt vor dem Rathaus stand, positionierte sie sich unauffällig nahe dem Eingang. Kleider machen Leute, und das richtige Auftreten konnte viele Türen öffnen – an das hatte sie immer geglaubt, zahlreiche psychologische Studien hatten dieses Phänomen bestätigt. Sie schlug die Pelzkapuze zurück und öffnete ihren Mantel. Niemand zweifelte daran, dass die schöne Frau mit der blonden Hochsteckfrisur, den funkelnden Diamantohrsteckern, dem eleganten Make-up und dem schicken schwarzen Kleid dazugehörte.

Der Ehrengast zog noch immer die gesamte Aufmerksamkeit der klatschenden Menge auf sich. Sie straffte ihre Schultern und betrat ungehindert mit selbstbewussten Schritten das Rathaus über die breite Treppe.

*

Die Schlüssel zur Wohnung und zum Haupttor, die der Vermieter Konstantin zugeschickt hatte, nachdem die Kaution auf seinem Konto eingetroffen war, hatte er unpraktischerweise ganz unten in eine seiner Taschen gepackt. In welche, wusste er nicht mehr. Das war ganz Konstantin: zuverlässig, ja, aber immer mit einer Prise vermeidbarem Chaos behaftet. So stand er nun vor dem Tor zur Wohnanlage am Horsteberg und durchwühlte im spärlichen Licht der Straßenlaternen erst die eine, dann die andere Tasche, bis er schließlich fündig wurde. Es hatte aufgehört zu nieseln, aber der Wind frischte auf und pfiff eisig durch die Gassen vom Dom herunter.

Konstantin Dietrich hatte es bis vor die Wohnungstür im rechten Apartmenthaus geschafft. Sein Name stand schon in großen schwarzen Buchstaben am Klingelschild: K. Dietrich. Der zweite der beiden Schlüssel an dem Metallring passte ins Schloss, und die Tür sprang geräuschlos auf. Abgestandener Geruch kam ihm entgegen. Die Wohnung war seit Längerem ungelüftet. Er schulterte eine Tasche, hob die andere auf und betrat beherzt das kleine Apartment.

Im fensterlosen Flur knipste er das Licht an. Die Deckenstrahler leuchteten grell und gaben den Blick in das Hauptzimmer der Wohnung frei, das am Ende der Diele lag. Die Tür dorthin stand weit offen. Er stellte die Taschen im Flur unter dem einfachen Garderobenhaken ab, der neben einem großen Spiegel montiert war, und ging neugierig in die Wohnküche. Auch dort lieferten Deckenstrahler gutes Licht, und er erfasste sein neues Zuhause mit einem Blick: Eine graue Küchenzeile mit kleiner Kochinsel, die mit zwei Barhockern auch als Esstisch diente, befand sich im hinteren rechten Teil neben den Fenstern, die zum Spiekerhof hinausgingen. Unter den Fenstern linker Hand, die zum Innenhof der Wohnanlage lagen, stand ein braunes Ledersofa mit einem simplen schwarzen Sofatisch davor.

Er ging hinüber und zog die silberfarbenen Jalousien zu, die an den Fensterrahmen angebracht waren. An der Wand neben dem Sofa war ein Fernseher mit schwenkbarer Halterung angebracht. Das Badezimmer und das Schlafzimmer gegenüber, in denen er die Fenster öffnete, waren mit schlichten weißen Möbelhausbausätzen eingerichtet: Bett, Schrank, Badschrank. Das war alles.

Konstantin gefiel, was er sah. Und was ihm noch mehr zusagte, war die Gewissheit, dass Amalia diese Wohnung gehasst hätte. Er entledigte sich seiner Jacke und hängte sie an den Garderobenhaken im Flur, danach packte er seine Taschen aus. Die wenigen Klamotten arrangierte er auf die vorhandenen Bügel im Kleiderschrank. Die zwei Handtücher, die er mitgebracht hatte, legte er ins Badezimmer. Die Bettdecke bezog er mit der weißen Bettwäsche, und die Lebensmittel legte er auf der Küchenanrichte ab. Er würde morgen nach seiner Einführung im Präsidium in Ruhe in den Supermarkt gehen und den Kühlschrank auffüllen. Mittlerweile war es 18.30 Uhr, und die Luft in der Wohnung war angenehm frisch geworden. Als er so dastand und sich unentschlossen umblickte, fröstelte ihn. Außerdem meldete sich sein Magen. Er hatte seit dem Frühstück nichts gegessen.

Der Rest seines Körpers, vor allem das tückische Belohnungszentrum seines Gehirns, begann sich in dem Moment des Innehaltens um dieses diabolische Verlangen nach Alkohol zu winden. Noch relativ leise, aber er hatte eine Vorahnung, wohin es führen würde. Eigentlich hatte Konstantin den Abend in der Wohnung verbringen, eine Pizza bestellen und sich vor seinem ersten Arbeitstag morgen gut ausruhen wollen. Er hatte sich noch nicht einmal auf das Sofa gesetzt, da wusste er bereits, das würde nicht funktionieren.

Er fühlte die Wände auf sich zukommen. Der Raum verengte sich – wie seine Brust –, schnürte sich zusammen, seine Atmung beschleunigte sich. Was tat er hier überhaupt? Was war mit seinem Leben geschehen? Was war aus den Plänen geworden, eine Familie zu gründen und in Elternzeit zu gehen? Wie sollte er in dem Zustand, in dem er seit Monaten war, den Aufgaben als Hauptkommissar gewachsen sein? Noch dazu in einer Stadt, in der er seit Jahren nicht gewesen war.

Konstantin gab sich einen Ruck und setzte sich nun doch auf das Sofa. Er schnappte sich die Fernbedienung, die auf dem Tisch vor ihm lag, und schaltete den Fernseher ein. Das Gerät funktionierte einwandfrei. Mechanisch drückte er die Knöpfe und zappte durch die Programme. Keines der bunten Bilder konnte seine Aufmerksamkeit festhalten. Die Stimmen nahm er nicht wahr. Er schlug die Hände vors Gesicht, und seine Schultern begannen zu beben.

Mit jeder Faser seines Körpers vermisste er Amalia. Er hasste sie, aber sie war der einzige Mensch, den er sich neben sich auf das Sofa gewünscht hätte. Der Schmerz, die Demütigung, die sie ihm zugefügt hatte, taten so weh. Wieso konnte sie ihn nicht mehr lieben? Alles, was sie an ihm einmal anziehend und erfrischend gefunden hatte – seine unorganisierte Art, sein absolutes Unverständnis für alles, was mit Mode, Kunst und Kultur zu tun hatte, die Hingabe an seinen Beruf – hatte sie am Ende ihrer Beziehung gestört. Er hatte einfach nie in das Leben der Amalia von Burghausen gepasst. In einer Welt, in der die größten Probleme der Menschen darin bestanden, das Ziel für den nächsten Luxusurlaub zu finden und sich Investitionsmöglichkeiten für ihre Vermögen auszudenken, war er nicht zu Hause. Aber sie hatten sich geliebt! Die gemeinsamen Jahre mit dieser Frau waren die besten seines Lebens gewesen.

Bis sich vor einem halben Jahr alles verändert hatte. Amalia war immer später aus der Kanzlei gekommen, ging fast täglich aus, war nie daheim, wenn er aus dem Präsidium kam. Sie gab sich spröde und gereizt in der wenigen gemeinsamen Zeit, die sie hatten. So war es schließlich keine allzu große Überraschung mehr gewesen, als eines Abends seine Taschen an der Eingangstür der 200 Quadratmeter großen Altbauwohnung in Schwabing standen – die natürlich ihrem Vater gehörte. Und trotzdem hatte ihm die Erkenntnis, dass ihre Beziehung am Ende war, den Boden unter den Füßen weggezogen und ihm sogar ein Stück weit seinen Lebenswillen genommen. Wenn er die Augen schloss, roch er immer noch den Duft von Amalias blondem Haar, fühlte ihre weiche Haut und ließ sich in ihre Zärtlichkeit fallen. Vor allem, wenn er betrunken war und sein Gehirn eine Zeit lang nicht zwischen Realität und Traum unterscheiden konnte.

Noch wartete er auf ihren Anruf. Auf den Anruf, in dem sie ihn bat: »Komm nach Hause.«

Er rieb sich die Augen und streckte den Rücken durch. Dann stand er vom Sofa auf und schüttelte sein Gewissen, das mit erhobenem Zeigefinger an das Versprechen erinnerte, das er seiner Mutter gegeben hatte, nicht mehr zu trinken, so lange durch, bis er nichts mehr spürte außer Selbstmitleid, Selbstzweifel und den Willen zur Selbstzerstörung.

Er schaltete den Fernseher ab, schnappte sich seine Jacke und die Schlüssel und verließ fluchtartig seine neue Wohnung, die ihm Angst machte. Konstantin handelte aus einer Verzweiflung heraus, die viel stärker war als seine Widerstandskraft. Die Beständigkeit seines Lebens hatte sich aufgelöst. Er trieb wie ein Stück Holz auf stürmischer See.

*

Die Frau hatte es tatsächlich in den Friedenssaal und an das Rednerpult des Kramermahls geschafft. Das leise Klirren von Besteck und Gläsern mischte sich mit gedämpften Gesprächen. Die Schatten der Kronleuchter malten Muster an die Kassettendecke und die Holzvertäfelung an den Wänden. Die Verhandlungsführer, die genau an diesem Ort im Jahr 1648 den Westfälischen Frieden verhandelt hatten und in Porträts im Saal verewigt waren, blickten stumm in den Raum. Die Diplomaten hatten damals einen Krieg beendet. Sie würde einen beginnen. Für sich, für ihre Zukunft und für die Menschen, denen sie in ihrem neuen Leben helfen wollte. Sie würde sich nicht aufhalten lassen und fühlte in jeder Faser ihres Körpers die Entschlossenheit, diesen letzten Schritt zu gehen. In den letzten Wochen hatte sie die Situation so häufig in ihrem Kopf durchgespielt, dass sie manchmal selbst nicht genau gewusst hatte, was Einbildung und was Wirklichkeit war. Doch dieser Moment war real. Sie kämpfte für ihre Zukunft, für ein neues Leben, und schwang eine Rede, die sich anfühlte wie ein letzter Walzer auf einem Parkett, das nicht das ihre war und das sie nie wieder betreten würde. Sie hatte sich nie akzeptiert gefühlt von Menschen wie denen hier im Raum. Und doch wusste sie, dass sie keinen Deut besser waren als sie selbst. Sie hörte ihre eigene Stimme durch das Mi­krofon und brauchte einen winzigen Augenblick, um sich bewusst zu machen, dass es endlich geschah. Sie sprach ruhig. Beherrscht. Vollkommen auf Autopilot. Wie oft hatte sie diese Worte vor dem Spiegel geübt? Hundertmal. Von ihren Gefühlen drang nichts nach außen. Sie tobten in ihrem Inneren für sich. Abgekapselt.

»Sehr verehrte Mitglieder der Kaufmannschaft Münster, sehr geehrte geladene Gäste des Kramermahls, in einer Stadt, in der Anstand und Ehre seit Jahrhunderten als Pfeiler des Handels gelten, fällt heute ein Schatten auf die makellose Fassade einiger Ihrer geladenen Gäste. Im Speziellen spreche ich von Volker Gronau, Christian Brehme, Philipp Rathenau,Dr. Sandra Meininger und Lutz von Staden – Personen, die Sie als ehrenwerte Bürger kennen mögen, doch deren Hände nicht so rein sind, wie es den Anschein hat. Es sind alte Fehler, schmutzige Geschäfte und moralische Grenzüberschreitungen, die bisher der Öffentlichkeit verborgen blieben – bis jetzt. Ich bin im Besitz von Informationen, deren Offenlegung nicht nur Karrieren beenden, sondern auch Vertrauen zerstören wird. In Kürze werden die angesprochenen Personen wieder von mir hören. Ob sie das Licht der Wahrheit ertragen oder im Dunkel der Lüge verharren wollen, liegt allein bei ihnen.«

Die gesamte Szenerie war seltsam unscharf, trat auf einmal in den Fokus, nur um erneut zu verschwimmen. Sie sah die Gesichter der Menschen im Saal vor sich und nahm doch kein einziges davon wahr. Sie wusste, dass sie nicht mehr viel Zeit haben würde. Es dauerte auch nicht lang nach anfänglichem Zögern der beiden Vorsitzenden, die nicht so recht verstanden hatten, was gerade passierte. Noch bevor sie wieder vom Rednerpult treten konnte, griffen Arme nach ihr und zerrten sie vom Pult. Sie hatte keine andere Wahl, als den Sicherheitsleuten des Ministerpräsidenten Folge zu leisten und sich aus dem Saal auf die Straße hinausführen zu lassen. Sie versuchte nicht einmal, sich gegen die groben Hände an ihren Oberarmen zur Wehr zu setzen. Sie hatte erreicht, was sie geplant hatte.

Erst hatte sie ihr Glück nicht fassen können, als sie herausgefunden hatte, dass ausgerechnet diese fünf Personen gemeinsam als Gäste zum Kramermahl der Kaufmannschaft geladen worden waren. Als sie ihre Namen genannt hatte, war ein Raunen durch den Raum gegangen, dessen Klang sie als Versicherung mit sich nehmen würde. Weit weg, ans andere Ende der Welt. Die Herren Rathenau, Gronau, Brehme, von Staden und Frau Meininger mussten richtig Angst bekommen haben.

Samstag 1. Februar

2

Sanftes Stimmengewirr fand durch ein gekipptes Fenster seinen Weg in Konstantins Bewusstsein, und er erwachte vor dem schrillen Klingeln seines Handyweckers. Es fehlte ihm an Orientierung, und er dachte mit geschlossenen Augen angestrengt darüber nach, wo er sich befand und welcher Tag heute war. Als er sich dazu durchgerungen hatte, die Augen zu öffnen, blickte er an die weiße Decke seines Schlafzimmers und alles fiel ihm wieder ein. Er war in Münster, heute war Wochenmarkt – deshalb die Stimmen, die der Wind vom Domplatz herunterwehte. Er würde gleich seine neue Stelle antreten und den Wochenenddienst übernehmen. Dazu hatte er sich allzu gerne bereit erklärt. Damit ging er der Versuchung aus dem Weg, den ganzen Tag im Bett zu bleiben, und würde sich obendrein bei seinen neuen Kollegen beliebt machen. Normale Menschen hatten schließlich gerne am Wochenende frei. Andererseits, wer war schon normal? Einen Augenblick später fühlte er den Schmerz des Katers hinter den Augäpfeln pochen.

»Scheiße!«, sagte er zu sich selbst. Seine Stimme hallte in der neuen Wohnung. Er quälte sich aus dem Bett und unter die Dusche. Nachdem er unter dem Strahl lauwarmen Wassers gestanden hatte, ging es ihm besser.

Fertig angezogen, in einem blauen Hemd für den Amtsantritt, saß er auf einem der beiden Barhocker an der Kochinsel und blies in den heißen Tee, den er sich gemacht hatte. Er frühstückte einen Apfel. In den Küchenschränken hatte er keinen Toaster gefunden und verzichtete deshalb auf das Brot. Hinausgehen und an einem der Marktstände essen wollte er nicht. Der Himmel vor den Fenstern lag grau in grau da und überzog Münster nach wie vor mit englischem Nieselregen, der von allen Seiten kam.

Er checkte sein Handy und fand zwei Nachrichten seiner Mutter, die gefragt hatte, ob er gut angekommen sei, und ihm viel Glück für den ersten Arbeitstag in Münster wünschte. Er antwortete ihr mit einem Daumen-hoch-Emoji.

Im Internet suchte er nach einem lokalen Radiosender und lud die App von »Radio Kiepenkerl« herunter. Als er gerade den letzten Schluck seines Tees trank und damit eine Paracetamol hinunterspülte, verlas die Moderatorin der Lokalnachrichten eine Meldung, die ihn aufhorchen ließ: »… kam es beim gestrigen Kramermahl im Bürgersaal des Rathauses, an dem auch der Ministerpräsident teilnahm, zu einem Eklat. Eine Frau hatte es geschafft, sich in die traditionsreiche Veranstaltung zu schleusen, und geladenen Gästen der Gilde damit gedroht, ihre angeblichen Verfehlungen öffentlich zu machen, wenn sie nicht auf ihre Forderungen eingingen, die sie ihnen in nächster Zeit zukommen lassen würde. Um was es sich dabei handelte, führte sie nicht näher aus. Die betroffenen Personen werden nach Informationen des Senders rechtlich gegen die Frau vorgehen. Der Vorstand der Münsteraner Kaufmannschaft drückte sein Bedauern bezüglich des Vorfalls aus und versprach, zur Aufklärung des Zwischenfalls beizutragen sowie die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Kommen wir zum Wetter …«

Eine öffentlich durchgeführte Erpressung, dachte Konstantin und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Das war mal was anderes. Leider fielen derlei Delikte nicht in seinen Zuständigkeitsbereich.

Um Punkt 10 Uhr klopfte Konstantin an die Bürotür des Kriminaldirektors Markus Neumann, seinem zukünftigen Chef im recht neuen Polizeipräsidium an der Loddenheide.

Augenblicklich ertönte ein kräftiges »Herein«.

Als Konstantin eintrat, kam der Kriminaldirektor hinter seinem riesigen Eichenschreibtisch hervor, der in den modernen Räumen unpassend wirkte. Er reichte ihm freundlich lächelnd die Hand: »Herr Dietrich. Ich begrüße Sie herzlich in Münster und freue mich auf unsere Zusammenarbeit. Nehmen Sie doch Platz.« Er deutete auf einen von zwei Stühlen, die vor dem Schreibtisch standen, und setzte sich selbst wieder dahinter.

»Danke. Ich freue mich, hier zu sein.« Konstantin fand den großen, sehr schlanken Mann mit den kurzen blonden Haaren, die am Hinterkopf etwas dünn wurden, auf Anhieb sympathisch. »Es ist sehr freundlich von Ihnen, dass Sie extra an einem Samstag gekommen sind, um mich zu begrüßen und einzuführen.«

»Das mache ich gerne«, sagte Neumann und sein Lächeln vertiefte sich. Er lehnte sich entspannt in seinem gepolsterten Sessel zurück und strich die grüne Krawatte über seinem flachen Bauch glatt. »Wir machen gleich einen Rundgang, und ich stelle Ihnen die Kollegen vor, die auch Wochenenddienst haben. Ihr eigenes Team lernen Sie am Montag in der Morgensitzung kennen. Die findet normalerweise immer um 8 Uhr statt, aber es liegt zukünftig natürlich bei Ihnen, wie Sie das handhaben wollen.«

»Montag, 8 Uhr, hört sich gut an.« Bei dem Gedanken, seine erste eigene Teamsitzung zu leiten, verspürte er freudige Aufgeregtheit. Gleichzeitig war er froh, das Wochenende Vorlauf zu haben, um sich in alle aktuellen Fälle und Ermittlungen einlesen zu können. Nach einem Glas Wasser und Small Talk ging Markus Neumann mit ihm durch die Flure des Präsidiums, klopfte an jede Tür, hinter der Licht durch die Fensterschlitze über dem Türrahmen leuchtete, und stellte Konstantin jedes Mal mit den gleichen Worten vor: »Unser neuer Kriminalhauptkommissar aus München – vergrault ihn mir nicht gleich.« Er unterstrich seine Worte mit einem dröhnenden, lauten Lachen.

In der Verwaltung bekam Konstantin seine Polizeimarke, ein Diensthandy und den Badgefür den Zutritt zum Gebäude. In der Waffenkammer holten sie seine Dienstwaffe, eine Walther P99, samt Holster und Patronen ab. Als sie an der Teeküche vorbeikamen, bot Neumann Konstantin eine Tasse Kaffee an, und Konstantin griff dankend zu. Der Kaffee war gerade frisch aufgebrüht worden und dampfte noch. Konstantin nahm einen hastigen Schluck. Die heiße Flüssigkeit verbrühte ihm beinahe die Zunge, doch es fühlte sich gut an, als das Koffein endgültig den restlichen Nebel der letzten Nacht in seinem Kopf vertrieb.

»Wir sind damit am Ende meiner kleinen Einführungsrunde angelangt, Herr Dietrich. Mir bleibt nun nur noch, Ihnen Ihr eigenes Büro zu zeigen, das Sie sich mit Kommissar Weiland teilen. Daniela Schneider, Ihre Kriminalassistentin, hat wohl schon ein paar Akten auf Ihren Schreibtisch gelegt und den Laptop organisiert. Die Zugangsdaten finden Sie in der ersten Schublade oben rechts. Sie können sich alles in Ruhe übers Wochenende einrichten und die Akten durcharbeiten – falls nichts dazwischenkommt, nicht wahr? Morde geschehen ja leider häufig an Wochenenden, wenn die Menschen Zeit haben.« Er lachte wieder schallend.

Konstantin wunderte sich darüber, wie ein Kriminaldirektor, der sein ganzes Berufsleben lang in die Abgründe der menschlichen Seelen geblickt hatte, so ein Lachen haben konnte. War es ein Teil der Mauer, die er um sich errichtet hatte, um nicht an der Bosheit der Leute zu verzweifeln?

»Die Tour war sehr hilfreich, ich bedanke mich herzlich. Und das neue Präsidium ist wirklich vom Feinsten. Ich werde mich hier wohlfühlen.«

Wenig später stand Konstantin allein in den Büros seines Teams. Es waren zwei große Räume, die durch ein riesiges Fenster und eine offene Tür getrennt waren. In dem größeren Raum stand sein eigener Schreibtisch. Er war so ausgerichtet, dass er mit dem Rücken zur Wand saß und einen guten Überblick über alles hatte. Der Schreibtisch seines Kollegen Ronny Weiland stand im 90-Grad-Winkel versetzt zu seinem mit den Außenfenstern im Rücken. Im anderen Büro waren zwei weitere Tische, die spiegelverkehrt angeordnet waren. Beim näheren Betrachten konnte sich Konstantin einen gewissen Reim auf die Menschen machen, die dort arbeiteten. Neben der internen Telefonanlage, die immer noch Standard war, sah er auf einem Tisch ein Foto von einem Teenager mit Baseballcap in einem weißen Rahmen. Daneben lag eine Box mit der Aufschrift »Tarot«. Auf dem Tisch rechts davon zählte er in einer BVB-Tasse sieben akkurat angespitzte gelb-schwarze Bleistifte. Der dazugehörige Anspitzer, ebenfalls mit BVB-Logo, lag griffbereit. Auf Ronny Weilands Schreibtisch in Konstantins eigenem Büro lag eine offene Schachtel Pralinen neben einer Packung Schokoriegel, außerdem eine Packung Taschentücher, neben der ein benutzter Kaffeebecher stand. Sein eigener Platz war bis auf den kleinen Stapel Akten und den Laptop leer. Und das würde er wohl erst einmal bleiben. Er hätte nicht gewusst, was er an persönlichen Gegenständen darauf platzieren sollte. Konstantin setzte sich in den grauen Bürostuhl und fand ihn ziemlich bequem. Er stellte die Höhe richtig ein, rollte einmal vor und zurück und sah sich weiter um. Rechts neben ihm an der Wand neben der Tür hing ein riesiges Smartboard. Das fand er großartig. Er würde es später ausprobieren. In München hatten sie noch mit den alten Whiteboardsgearbeitet. Das Licht im Zimmer war gut, viel Tageslicht, das durch die großen Fenster zu seiner Linken in beide Räume fiel. Das half bei Fällen, die Einsätze am Tag und bei Nacht erforderten, das Zeitgefühl nicht zu verlieren. Alles in allem war er mit seinem neuen Arbeitsplatz sehr zufrieden, und er konnte sich vorstellen, hier rasch zurechtzukommen. Mit dem Laptop hatte er ebenfalls keine Probleme. Im Nu war sein Postfach eingerichtet und das allgemeine Passwort in ein persönliches geändert. Er machte sich nicht viele Gedanken und wählte das gleiche, das er schon als Kommissar in München benutzt hatte: »München671991!«. Seine Geburtsstadt, sein Geburtsdatum und als Sonderzeichen ein Ausrufezeichen.

Gerade als er eine der Akten geöffnet hatte und begann zu lesen, klopfte es an seiner Bürotür, die sogleich aufging. Kriminaldirektor Neumann stand im Türrahmen, kam jedoch nicht herein. Er trug jetzt ein Jackett. In der Hand hielt er eine Aktentasche. Klar, er wollte nach Hause.

»Hauptkommissar Dietrich, alles klar?«

»Ja, danke. Das Büro ist sehr schön, ich werde mich hier wohlfühlen.«

»Das freut mich«, sagte Neumann und fuhr etwas leiser fort: »Ich hätte da gleich ein Anliegen. Im gesamten Präsidium sind die Krankenstände sehr hoch und wir bräuchten da noch einen Mann bei einem Einsatz am Hauptbahnhof. Ein Koffer steht wohl schon länger verlassen mitten in der Halle und die Streife hat Verstärkung angefordert. Das Sprengstoffteam ist unterwegs, aber wir brauchen einen Ermittler vor Ort. Es handelt sich zwar nicht direkt um Ihren Zuständigkeitsbereich, aber könnten Sie vielleicht trotzdem mitfahren und die Kollegen unterstützen? Sie fahren in zwei Minuten unten ab.«

»Schon unterwegs«, sagte Konstantin, packte seine Jacke, die er über die Stuhllehne gehängt hatte, und machte sich auf den Weg.

Wenig später traf er mit dem Sprengstoffteam am Hauptbahnhof Münster ein. Er war froh, etwas zu tun zu haben, auch wenn ein möglicher Bombenanschlag nicht der Einstand war, den er sich vorgestellt hatte. Streifenpolizisten hatten den Bereich der Halle bereits großzügig abgesperrt. Dennoch gab es viele Schaulustige und es herrschte das reinste Chaos. Samstagnachmittags war am Bahnhof die Hölle los. Konstantin führte die Teams zusammen mit dem Einsatzleiter der »Bombentruppe«, wie die Männer in den schwarzen Schutzanzügen mit Helmen intern genannt wurden. Er selbst hatte im Fahrzeug eine kugelsichere Weste angelegt und einen Schutzhelm aufgesetzt. Das Teil drückte höllisch an seinem rechten Ohr, aber er schaffte es, den Schmerz weitestgehend zu ignorieren.

Als sie das Gebäude betraten, sprang den Männern der gelbe Trolley sofort ins Auge, der verlassen mitten in der Halle stand. Er wirkte vergessen und bedrohlich zugleich. Die Fachleute machten sich mit Spürhunden und Bombensuchgeräten an die Arbeit. Sie wussten, was sie taten.

Konstantin suchte einen der Streifenpolizisten und wies ihn an, die Menschenmenge weiter zurückzudrängen und zu versuchen, die Leute komplett vom Bahnhofsgelände zu bekommen. Was praktisch ein Ding der Unmöglichkeit war. Die Aufregung war zu groß. Die Sensationsgier zu überwältigend. Sogar ein Vertreter der Lokalpresse war schon da. Konstantin konnte ihn an der Kamera erkennen, mit der er unaufhörlich Fotos von dem Einsatz schoss, und am Presseausweis, der um seinen Hals baumelte. Wie kam der so schnell hierher? Konstantin erklärte dem Mann, so höflich er konnte, dass es Zeit war, das Gebäude schnellstmöglich zu verlassen. Er befände sich schließlich in Lebensgefahr. Dieser Hinweis wirkte. Der Pressevertreter und die Menschen um ihn herum, die Konstantin gehört hatten, verließen zügig das Bahnhofsgebäude. Zehn Minuten später war das Gelände komplett evakuiert und der gesamte Zugverkehr eingestellt. Es herrschte Ruhe. Man hörte einzig die Hunde schnüffeln und auf dem glatten Boden in der Bahnhofshalle umhertappen. Bis jetzt hatte keiner angeschlagen. Konstantins Gefühl, auf das er sich wenigstens im Job immer verlassen konnte, sagte ihm, dass sich in dem Koffer keine Bombe befand. Er sollte recht behalten.

»Akten und Klamotten. Nicht gerade spannend.« Der Kollege des Sprengstoffkommandos hatte seinen Schutzhelm abgenommen. Der spezielle Kampfmittelentschärfer war vor ein paar Minuten mit enttäuschtem Gesichtsausdruck gegangen. Wegen dieses blöden gelben Koffers war ihm der Samstag verdorben worden. Er hatte seine Karte für das Spiel von Preußen Münster verfallen lassen müssen, wie er zum Abschied kundgetan hatte.

»Wenn Sie möchten, kann ich von hier übernehmen«, schlug Konstantin vor. Mit dem Kollegen stand er über den offen daliegenden Koffer gebeugt und nahm eine der Aktenmappen heraus.

»Sie sind doch vom KK 11. Ich kann das auch dem Erkennungsdienst oder sonst wem geben. Die machen dann vielleicht den Kofferbesitzer ausfindig. Der wird schön blöd gucken, wenn er für diesen Einsatz hier bezahlen muss.«

»Ich übernehme das gerne. Ich habe dieses Wochenende sowieso Dienst.«

»Sie wollen sich wohl beliebt machen?«, lachte der Mann.

»Kann ja nicht schaden, oder?« Konstantin lächelte, zwinkerte ihm zu und verschloss den Koffer wieder.

Er würde im Büro in Ruhe den Inhalt prüfen und den Besitzer oder die Besitzerin finden. Irgendeine Geschichte musste es dazu geben.

Als er nach einem Sandwich in der Kantine zurück im Büro war, fand er es nicht wie erwartet verlassen vor. Am anderen Tisch im Raum saß ein Mann, dessen Alter er nicht auf Anhieb schätzen konnte. Er trug einen viel zu weiten grauen Kapuzenpullover mit auffälligem Graffiti darauf. Im Sitzen wirkte er relativ klein, was er scheinbar mit Muskelmasse zu kompensieren versuchte, zumindest hatte er einen recht breiten Nacken. Sein blondes Haar war dicht und sehr kurz geschnitten. Seine Füße, die in abgetretenen Sneakern steckten, lagen auf der Schreibtischplatte.

»Guten Tag«, grüßte Konstantin freundlich.

»Hi«, antwortete der Mann, zog die Beine vom Tisch, stand auf und kam direkt auf Konstantin zu, der den gelben Trolley hinter sich herzog. »Ich bin Ronny Weiland. Einer der Kommissare im Team.«

»Freut mich. Konstantin Dietrich. Kriminalhauptkommissar.« Warum er das sagte, wusste er nicht. Er kam sich im selben Moment blöd vor.