Das rote Kanu - Wayne Johnson - E-Book

Das rote Kanu E-Book

Wayne Johnson

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Beschreibung

Buck besuchte vor vierzig Jahre ein katholisches Internat außerhalb des Reservats. Dort wurde er Michael Fineday genannt. Sein Ojibwe-Name jedoch lautet Miskwa'doden (Roter Hirsch). Er verdient seinen Lebensunterhalt als Schreiner und Bootsbauer in der Nähe der Shakopee Mdewakanton Sioux Community in Minnesota und hat gerade die Scheidungspapiere von seiner Frau Naomi erhalten, die genug von seinem Retterkomplex und den Gefahren hat, die er heraufbeschwört. Er verbringt seine Tage allein, bis ein fünfzehnjähriges Mädchen auftaucht, das von einem Kanu angezogen wird, das Buck baut. Lucy's Ojibwe-Name lautet Gage' bineh (Ewiger Vogel). Sie lebt allein in einem Wohnwagen mit ihrem Vater, einem örtlichen Polizisten, der aufgrund des Irakkriegs mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen hat. Seit dem Tod ihrer Mutter wird sie von den Polizeikollegen ihres Vaters systematisch belästigt und vergewaltigt. Ihr wurde gedroht, dass ihr Vater die Konsequenzen tragen müsse, sollte sie jemals etwas sagen. Buck spürt, dass Lucy in Schwierigkeiten steckt, und zögert nicht, ihr anzubieten, zusammen mit ihm ein Kanu zu bauen. Als Lucys beste Freundin ermordet wird, fürchtet sie um ihr eigenes Leben und wendet sich hilfesuchend an Buck.

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Seitenzahl: 478

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Wayne Johnson

Das rote Kanu

Aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn

Herausgegeben von Wolfgang Franßen

Polar Verlag

Originaltitel: The Red Canoe

Copyright: © 2022 by Wayne Johnson

First published by Polis Books.

Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2024

Aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn

Mit einem Nachwort von Jon Bassoff, übersetzt von Karen Witthuhn

© 2024 Polar Verlag e.K., Stuttgart

www.polar-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie,

Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne

schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Tobias Schumacher-Hernandez

Korrektorat: Andreas März

Umschlaggestaltung: Robert Neth, Britta Kuhlmann

Coverfoto: © MichaelThomas / Adobe Stock

Autorenfoto: © Wayne Johnson

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign

Druck und Bindung: CPI Books GmbH, Ulm, Deutschland

ISBN: 978-3-910918-02-3 eISBN: 978-3-910-91803-0

Zu jener Zeit wird Michael auftreten, der große Engelfürst,

der für dein Volk einsteht …

Und die Verständigen werden leuchten wie des Himmels Glanz und

die vielen zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.

Das Buch Daniel

Für die,

die zum Schweigen gebracht wurden,

die kein Gehör fanden,

die keine Stimme hatten.

HERBST

1Buck

Das Mädchen kam am Nachmittag desselben Tages zu ihm, an dem man ihm die Scheidungspapiere überbrachte – Erhalt durch Unterschrift quittiert – und ein Wunder ihm das Leben rettete.

Den Vormittag über arbeitete er in seiner Garagenwerkstatt, deren Tor, breit wie zwei Autos, offen stand, für einen Softwaredesigner aus Seattle an der Nachbildung eines Ruderboots aus den 1880ern, als er Schritte auf der Einfahrt hörte.

»Michael Fineday?«, dröhnte eine Stimme, die etwas von einem Herold an sich hatte.

Er drehte sich um und stand einem harmlos aussehenden Mann mittleren Alters gegenüber, ganz in Schwarz gekleidet, als würde er nicht auffallen wollen, das schmutzigblonde, fettige Haar zum Seitenscheitel gekämmt. Es dauerte einen Moment, bis der Name Sinn ergab – es war nicht seiner, aber wenn Ärger drohte, und das war in den vergangenen Jahren oft vorgekommen, dann drohte er immer Michael. Dem Erzengel, der, wie Schwester Seraphim in der katholischen Internatsschule außerhalb des Reservats ihm beigebracht hatte, sein Namensvetter war.

Nach all den Jahren, vier Jahrzehnten, schob sich Michael immer noch vor ihn, und ihm blieb dann nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

»Unterschrift bitte?«, sagte Ganz-in-Schwarz und hielt ihm ein Clipboard und einen Stift hin. »Hier unten.«

Er nahm die Thermoskanne vom Zeichentisch, schenkte ein und griff nach dem Clipboard.

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht«, sagte er blinzelnd, versuchte zu erkennen, was das jetzt wieder war, »werfe ich da erst mal einen Blick drauf. Bevor ich meinen Erstgeborenen verkaufe oder – « Ganz oben stand: DRITTES BEZIRKSGERICHT, darunter: Naomi Louise Weston, Antragstellerin.

Mo, dachte er, verdammt, und in seinem Kopf ging eine Bombe hoch. Um Zeit zu gewinnen, schaute er auf, sagte scherzend: »So, wie Sie gekleidet sind, wie soll ich da wissen, ob Sie nicht irgendein Whiskeypriester sind, der mich auf Abwege führen will?«

Ganz-in-Schwarz hielt einen Ausweis an einem gelben Band hoch, Gerichtsbeamter. So ein Typ war das, kein Wort zu viel.

»Wenn Sie dann bitte unterschreiben würden«, sagte er.

Er stützte das Clipboard auf seiner Hüfte ab wie ein Flügel, aber nichts rettete den Moment, und in ihm die schreckliche Starre, an der er litt, seit er bei Naomi ausgezogen war. »Wenn ich unterschreibe, heißt das nur, dass ich es bekommen habe, nicht mehr, stimmt’s?«

Ganz-in-Schwarz nickte.

»Sie kennen die alte Geschichte über den Überbringer schlechter Nachrichten, oder?«

Ganz-in-Schwarz kannte sie zur Genüge und gestattete sich den Schatten eines Lächelns, als wollte er einen Schlag abwehren.

Hinter ihm standen windschiefe Grabsteine auf Rasenflächen, hingen Geister in Bäumen, lauerten Papphexen und Vampire auf Türschwellen. Halloween stand bevor. Aber mit dem Clipboard in der Hand in der Tür seiner Werkstatt erschien alles an diesem Vormittag unwirklich, die überstille Luft, der zu gedämpfte Verkehr drüben auf dem Highway. Dass Naomi vor einigen Tagen vorbeigekommen war, um »ein paar Dinge zu holen«, wie sie es ausgedrückt hatte – Fotos, Geschirr, Kleinkram, den er bei seinem Auszug im Juni versehentlich in die Kisten gepackt hatte – hatte ihn nicht beunruhigt. Schließlich gehörte ihr das Haus in St. Paul, und als sie ihm mitteilte, dass sie »Raum brauche«, hatte er seine Sachen zusammengesammelt und war hierhergekommen, in das Haus, das sein Vater ihm hinterlassen hatte.

Wenn man die früheren »Eingewöhnungsphasen«, wie Naomi sie scherzhaft genannt hatte, mitzählte, war das hier die dritte.

Aber jetzt? Er betrachtete das Clipboard. Juristenjargon, alles Kauderwelsch. Das hier war etwas anderes.

»Einfach unterschreiben bitte?«, sagte Ganz-in-Schwarz. »Unten rechts.«

Er tat es, mit zornigem Schwung, und gab das Clipboard zurück. Ganz-in-Schwarz lächelte, riss die Kopie des Antrags heraus und hielt sie ihm mit einem leichten Nicken hin.

»Und was soll ich damit machen?«, fragte er. »Die Wände tapezieren oder – jetzt weiß ich – mir den Hintern damit abwischen?«

»Danke sehr«, sagte Ganz-in-Schwarz und hielt ihm immer noch den Antrag hin. »Einen schönen Tag noch.«

»Ihnen auch«, sagte er und nahm ihn entgegen.

Er schmiss das Papierbündel in eine Ecke seiner Werkstatt, sodass die Seiten, wie viele es auch sein mochten, auseinanderflogen, ging dann in die Hocke und betrachtete das Ruderboot der Länge nach. Eine geradere Linie konnte man sich nicht vorstellen.

Aber der Kiel ist in der Mitte eine Winzigkeit zu hoch, dachte er und griff zum Hobel.

Irgendwann später trat er verschwitzt und erschöpft vom Boot zurück, dabei war erst später Vormittag. Noch länger konnte er nicht warten, es war nicht zu ertragen, Naomi war in jedem Strich seines Hobels, jedem Raspeln seines Schleifblocks, jedem Kreisen der Stahlwolle, mit der er den Rumpf polierte. Er betrachtete das Boot und biss in das immer noch klebrig-frische Zimtbrötchen, das er in der Bäckerei gekauft hatte. Auch durch das Essen des Zimtbrötchens zögerte er das Unausweichliche hinaus. Noch ein kleines bisschen länger, wenn er es aushielt. Das Brötchen hefig, fett, von Adern aus Butter und Zimt durchzogen und dick glasiert. Normalerweise ein Genuss, jetzt wie Pappe in seinem Mund, fade, fast eklig. Er aß es trotzdem. Er hatte den Brötchen abgeschworen, als Naomi meinte, er würde eine »Plauze« bekommen, aber heute Morgen war er Stunden vor Ladenöffnung zur Hintertür der Bäckerei gegangen und hatte sich zwei geholt. Hatte sie noch heiß in der Tüte zur Garage getragen und – schlaflos um vier Uhr morgens – das erste gegessen, da war es tatsächlich ein Genuss gewesen, und das zweite auf die Werkbank gelegt, als Belohnung für die schwierige Arbeit, die ihm bevorstand.

Und jetzt, nachdem er den Bootsrumpf vorbereitet hatte, war es Zeit für das zweite Brötchen, obwohl er beim Essen fast eine Art Schwindel verspürte, den er aus Erfahrung misstrauisch wahrnahm.

Wenn er sich in der Vergangenheit diesem Gefühl hingegeben hatte, danach gehandelt hatte, war Schlimmes passiert.

»Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert«, hatte Naomi ihm mitgeteilt, bevor sie ihn zum letzten Mal zum Ausziehen aufgefordert hatte.

Er griff zur Thermoskanne. Spähte in ihre Dunkelheit hinein, wusste nicht, warum. Leer war leer.

In der Küche setzte er den Kessel auf, und während der gluckerte, rauchte er an der Spüle eine Zigarette. Der Rauch zog durch das Haus, na und? Wer störte sich daran? Naomi jedenfalls nicht! Das Telefon lag neben seinem Ellbogen, er dachte: Nein, ruf sie nicht an, es ist noch zu früh. Er besaß noch einen Rest Würde, oder nicht?

Sie jetzt anzurufen, würde … verzweifelt wirken. Oder war sie nicht anzurufen einfach nur feige?

Nach dieser Erkenntnis wählte er. »Also«, sagte er, »was hat der Gerichtsbote zu bedeuten, den du ausgesandt hast?«

»Ja, darüber reden wir gleich«, erwiderte sie. »Aber kann ich dich erst um eine Sache bitten?«

Er würde ihr geben, was sie wollte, dachte er. Oder es versuchen, und dann würde alles von vorn losgehen. Aber er würde nicht betteln.

»Um was denn?«, fragte er.

Früher hatte sie ihn gebeten, nicht noch mehr Streuner – menschliche oder tierische – mit nach Hause zu bringen, keine Sorgenkinder mehr anzuschleppen, von denen es im Lauf der Jahre einige gegeben hatte. Daher trat er jetzt fast mit einem Gefühl der Freude von einem Fuß auf den anderen, wartete darauf, dass es weiterging, auf die nächste Runde.

»Diesmal: Lass. Mich. Gehen«, sagte Naomi mit einer Verdrossenheit in der Stimme, die mehr als endgültig klang.

Er wickelte die Telefonschnur um sein Handgelenk und zog so fest zu, dass das Blut aus seiner Hand wich. Scheiße. Das war anders. Als sie zu lange nichts gesagt hatte, sagte er: »Komm schon, Naomi, lassen wir den Blödsinn, ja?« Bettelte, wie er es absolut nicht hatte tun wollen.

»Du kapierst es einfach nicht, wie?«

»Was?«

»Mit dir zu leben … ist wie … als wäre man ein gottverdammtes Menschenopfer. Ich halte es nicht mehr aus. Nicht. Eine. Sekunde. Länger. Ich hab dir gesagt, dass ich deinen Scheiß nicht mehr ertrage, und dann – «

Nun, er konnte nicht leugnen, dass Menschen ihn aufsuchten, und wenn sie kamen, dann steckten sie ihn Schwierigkeiten. Wie Naomi auch, vor seinem letzten Schlamassel.

»Hör zu, du hast gesagt, jemand würde dich verfolgen, und jetzt – tja, jetzt bist du sauer, weil ich mich darum gekümmert habe?«

»Du hast versprochen, so was nicht mehr zu tun.«

»Was sollte ich denn dann tun?«

»Die Polizei rufen. Ganz einfach. Herrgott, er wurde mit einer Halsmanschette auf einem Spineboard eingeliefert.«

»Wenn das alles war, was du wolltest, warum hast du dann nicht selber die Polizei gerufen? Warum hast du mich gebeten, mir ›mal anzusehen‹, wer der Typ ist?«

»Du hast es versprochen«, sagte sie, »aber das bedeutet gar nichts.«

»Und du hörst nicht auf die Stimme der Vernunft, Nina«, sagte er, sie bei ihrem Kosenamen nennend, es war einer der Sätze, die sie immer zu ihm gesagt hatte. Ninamuch – Liebling – aber nur in den allerinnigsten Momenten.

»Halt den Mund, geht das? Halt einfach mal den Mund und hör mir auf – mit deinem Vernunfts…blödsinn.«

»Die Rolle Klebeband und das andere Zeug im Kofferraum dieses Typen waren nicht zum Wändestreichen gedacht, Nome, das ist dir klar, oder? Und wenn – « Als sie seufzte, brach er ab.

»Wenn du mich wirklich liebst, musst du mich gehen lassen.«

»Klar«, sagte er, »aber wenn du bei deinem Lebensplan bleibst, erhältst du frei Haus ein Silberbesteckset für sechs Personen und das dazugehörige Geschirr. Und damit – «

»Buck?«

»Was, Liebling?«

»Deine Art zu leben macht mir Angst. Ich halte es nicht mehr aus, mit dir zusammen zu sein. Nicht eine Minute länger.«

»Also?«

»Lass. Mich. Gehen«, sagte Naomi und legte auf. Er stand mit dem Hörer in der Hand da und hörte die automatische Stimme sagen: »Wenn Sie jemanden anrufen möchten, legen Sie bitte auf und wählen Sie erneut. Wenn Sie jemanden anrufen möchten, legen Sie bitte auf und – «

Er drückte auf Rückwahl, es klingelte und klingelte und klingelte, er kratzte sich beim Warten den Bauch. Das rote T-Shirt, das er trug, hatte ein Loch, er pulte mit dem Zeigefinger darin herum, zog daran. Der rote Stoff riss auf, sodass er wie ein Latz, wie Fleisch vor seinem Bauch hing, und er hatte tatsächlich eine kleine Speckrolle, obwohl er jeden zweiten Tag joggen ging, fünf Kilometer die River Road hoch und zurück.

Er legte auf, wickelte den roten Stoffstreifen um seine Finger. Geschockt.

Er öffnete die Schublade unter dem Telefon und nahm den Revolver heraus, den er dort aufbewahrte, eine .38-Spezialanfertigung für die Polizei. Sechs glänzende Messingpatronen in metallisch blauem, gefrästem Stahl, hübsch. Er summte eine muntere Melodie, schob den Revolver in die hintere Hosentasche, den Zeigefinger durch den Henkel des Kaffeebechers, stieg die Treppe zum Dachboden hinauf, ließ sich in den Stuhl hinter seinem Schreibtisch fallen, und schaute durch das Fenster in den Hof. Sein Nachbar Jerry hatte einen Wagen aufgebockt und fummelte an den Bremsen herum.

Als Jerrys Vermieter irgendwann versucht hatte, Jerry rauszuschmeißen, weil er auf der Einfahrt sein kleines Geschäft betrieb, hatte Buck eingegriffen.

Aber in diesem Moment sah er Jerrys Grundstück durch die Augen des Vermieters, ein regelrechter Schrottplatz aus Autoleichen mit aufgeklappten Motorhauben, und überall Verteiler und Motoren und Reifen und Räder und Glas.

Das ganz normale Leben in Shakopee und im Reservat mit seinem Casino.

Er legte den Revolver auf den Tisch und lachte leise in sich hinein. Tja, Idiot, jetzt hast du’s geschafft. Er nahm einen Quarter aus der Schale, die Naomi ihm für sein Kleingeld hingestellt hatte und in der passenderweise ein Bild von ihr war. Ein Münzwurf. Warum nicht? Bisschen Risiko und Spaß, Kopf, und er würde sich nicht erschießen, Zahl, Lichter aus. War ja nicht schlimm, nur ein Jux.

Er balancierte den Quarter auf dem Daumen, hielt sich den Revolver an den Kopf, schnippte die Münze weg. Sie flog im Bogen über den Schreibtisch, drehte sich in der Luft und fiel auf die Schreibtischunterlage, wo sie weiterrollte und schließlich liegenblieb. Er beugte sich vor. Kopf. Tja, das löste gar nichts. Was nun, aller guten Dinge sind drei?

Wieder setzte er den Quarter auf seinen Daumen, schnippte die Münze weg, aber diesmal, noch bevor sie auf dem Schreibtisch aufkam, zog er schon fast den Abzug und jaulte leise auf, als er sah, dass schon wieder Kopf oben lag.

Er kratzte sich den Bauch und sagte fast kichernd: »Wenn es hart auf hart kommt, machen sich die Harten auf den Weg …«

Tja, steck dir das sonst wohin, Schwester Seraphim. »Gott hat einen Plan für dein Leben«, hatte sie gesagt. Verdammt. Wie oft würde er diesem verfickten »Plan« noch folgen müssen?

»Deine Art zu leben macht mir Angst. Ich halte es nicht mehr aus, mit dir zusammen zu sein. Nicht eine Minute länger.«

Und er hatte vor langer, langer Zeit beschlossen, dass er einen Plan Gottes oder des Universums oder Was-auch-immer-da-war, das ihn hier unten hielt, nicht für ausgeschlossen hielt.

Solange er gebraucht wurde, was, wenn Naomi meinte, was sie gesagt hatte, nicht mehr der Fall war, vielen Dank auch.

Bei dem Gedanken schnippte er die Münze ein drittes Mal, aber diesmal verstärkte er den Druck auf dem Abzug noch ein kleines bisschen, mogelte, jedoch – die Münze fiel auf die grüne Schreibtischunterlage, und wieder: Kopf.

Er hatte einen Revolver mit schwerem Abzug gekauft, damit Naomi sich nicht versehentlich erschießen konnte, so was kam nur allzu häufig vor. Schnippte die Münze ein viertes Mal. Beugte sich vor. Kopf. Im Ernst? Ein fünftes Mal, Kopf. Ein sechstes, Kopf. Und ein siebtes, immer nur Kopf, verdammt noch mal, bring’s endlich hinter dich, ja?!

Setzte sich wieder den Quarter auf den Daumen, acht, seine Glückszahl, rief: »Aber jetzt, acht!«, schnippte die Münze so hoch, dass sie an die Decke stieß, dann auf den Tisch fiel und sich immer und immer wieder im Kreis drehte, bis sie erschöpft auf die Seite kippte, und er, den Revolver an die Schläfe gedrückt und die Augen zusammengekniffen gegen den Lärm und die Brutalität der zu erwartenden Kugel, warf einen heimlichen Blick darauf.

Kopf.

Er schob den Stuhl nach hinten, dachte, tja, er hatte mit dem Ding noch nie geschossen. Vielleicht funktionierte es nicht?

Er richtete den Revolver auf den braunen Kunstledersessel in der Ecke, den er immer gehasst hatte, sagte leise kichernd: »Nimm das, hombre«, zog den Abzug durch und schoss ein faustgroßes Loch in die Kopfstütze, die Polsterung flog in alle Richtungen, und ein Sonnenstrahl fiel durch das Fenster.

»Meine Güte«, sagte er.

Mit klingelnden Ohren ging er ans Fenster, um nachzusehen, ob sein Nachbar den Schuss vielleicht gehört hatte.

Aber – nichts, Jerry stand über das Auto gebeugt, und im Hof streckte sich die rothaarige Streunerkatze, die er oft fütterte, in der Sonne.

Er schob den Revolver in die mittlere Schreibtischschublade, verschloss sie mit einem Schlüssel, der an seiner Schlüsselkette hing, und ging mit dem Kaffeebecher in der Hand runter in die Werkstatt, stand in der Tür, das spätvormittägliche Licht fiel durch die Blätter der Straßenbäume, die von innen heraus zu leuchten schienen.

Ihm ging auf, dass jetzt alles so aussah, ein Licht, das aus dem Abgrund seines Lebens strahlte.

Er schauderte. Vielleicht würde er eines Tages wissen, wozu das alles gut war – dass er nicht in seinem Arbeitszimmer gestorben war. Aber bis dahin – und wann hatte er je gewusst, zu was irgendwas gut war? – hatte er einiges zu erledigen. Die Schraubzwingen am Boot mussten abgenommen werden. Blieb nur zu hoffen, dass der Holzleim keine Flecken hinterlassen hatte – und dass die Linie vom Vorsteven zum Heck dem Augenmaß standhielt, was heute Morgen noch nicht der Fall gewesen war.

Der Kiel war eine komplexe Kurve, eine Linie durch drei Vektoren, das Heck den Wünschen des Designers entsprechend wie ein Champagnerkelch geformt, und da das Boot aus Eschenholz gebaut war, war es besonders leicht. Genau das machte es einzigartig. Ein Whitehall 14 war elegant wie ein Schwan, hielt eine Ewigkeit, drehte sich bei umgekehrtem Rudereinsatz voller Leichtigkeit, lag tief im Wasser und wich kaum vom Kurs ab.

Ein wunderschönes Whitehall, wie es sie in den Häfen von New York seit über einem guten Jahrhundert gab, und dieses hier war ein Fliegengewicht.

Mit diesem Gedanken und fast einer gewissen Ehrfurcht griff er zu seinem Werkzeug.

Er arbeitete bis weit in den Nachmittag hinein, nahm die Schraubzwingen ab und schmirgelte die Leimreste weg, erst am Rumpf und den Ruderbänken, dann an den Bodenplatten. Als er fertig war, stellte er sich in die Tür der Werkstatt, Schmirgelblock und Sandpapier noch in der Hand, als würde er auf eine Erscheinung warten. Oder war jetzt alles so? War dies einer jener Momente? Die Sonne, buttergelb, fiel durch die Blätter am Ende der Einfahrt, Holzrauch hing in der Luft, Vögel flitzten zwischen den Bäumen hin und her und zwitscherten einander zu. Bineshi, pashkandamo, segibanwanish, i okanisse odamaweshi. In ihren Namen die Stimmen der Toten und lange Verlorenen, und eine Brise ließ die Pappeln rauschen, schüttelte Blätter ab, die in Spiralen zu Boden sanken und auf der Straße umherwirbelten wie kleine gelbe Boote.

Und genau in dem Moment trat ein Mädchen in einem schmutzigen pinken Hoodie dazwischen. In ihrer Haltung lag etwas Verletztes.

Sie streckte das Gesicht in die fallenden Blätter, und daran war etwas so … Melancholisches, das Mädchen in den fallenden Blättern, unter der Kapuze verborgen wie eine Messdienerin, und er trat zurück in die Garage, um ihr diesen Augenblick zu gönnen. Nur, als er das tat, bemerkte sie ihn. Das Mädchen, vierzehn oder fünfzehn, das eigentlich in der Schule sein müsste – wahrscheinlich drüben in der St. Francis Xavier, der Schule außerhalb des Reservats.

»Hallo«, rief sie ihm zu. Nur das. Sie wandte sich zum Gehen, hielt dann inne und schaute zurück.

»Was ist das da hinter Ihnen?«, rief sie.

Ihre Direktheit amüsierte ihn, sie versuchte, hart und erwachsen zu wirken, und er winkte sie heran. Die Einfahrt hinauf.

»Ein Boot«, sagte er, als sie auf halbem Weg war.

Er trat beiseite, damit ihr, wenn sie an ihm vorbei in die Werkstatt ging, ein Fluchtweg zur Straße blieb. Sie strich über den Bootsrumpf, berührte den Süllrand, zog leicht daran.

»Es riecht gut hier drinnen«, sagte sie. Das überraschte ihn. Er wollte gerade etwas sagen, als sie hinzufügte: »Haben Sie für den Süllrand Dampf benutzt oder die Planken eingeweicht?«

»Eingeweicht, aber nicht hier. Hab sie dann hergefahren und um die Formen da hinten gebogen.«

Sie nickte. »Cool«, sagte sie, und er dachte schon, das wäre alles. Sie würde sich umdrehen und gehen.

Als sie blieb, steckte er sich eine Zigarette an, blinzelte in den Rauch, zupfte ein bisschen Tabak aus seinen Zähnen.

»Kann ich eine haben?«, fragte sie.

Er zuckte die Achseln. »Schlechte Angewohnheit.«

»Ich weiß. Aber Sie rauchen.«

»Wie gesagt, schlechte Angewohnheit.«

»Also?«

Jetzt hatte er die blauen Flecke an ihren Unterarmen bemerkt und würde sie nicht einfach so wieder gehen lassen. Er klopfte eine Zigarette aus der Packung und gab sie ihr, und sie beugte sich vor, ein unbehaglicher Moment, bis er begriff, dass er mit einem brennenden Streichholz aufwarten sollte. Was er tat.

Sie zog einmal an der Zigarette, täuschte Erfahrung vor, unterdrückte ein Husten, wandte sich dafür von ihm ab.

»Wohnen Sie schon lange hier?«, fragte sie.

Auf ihrem Gesicht waren Schlieren. Sie hatte geweint. Wussten ihre Eltern, wo sie war? Oder waren sie das Problem? Oder jemand in der Schule?

»Meinst du hier im Haus oder in Shakopee?«, fragte er. Es lag außerhalb des Reservats, aber ganz in der Nähe.

»Beides«, sagte sie.

»Im Haus erst seit Juni. Aber früher hat mein Vater hier gearbeitet, und ich war viel bei ihm.«

»Tja«, sagte das Mädchen, »Sie sollten die Garage abschließen. Hier treibt sich jede Menge Gesindel rum.«

»Meinst du?« Machte irgendein Gesindel ihr Schwierigkeiten?

»Das ist ein ziemliches Drecksloch, wenn ich das so sagen darf.« Sie schaute weg, wandte ihm den Rücken zu. »Ich meine, vor allem weiter nördlich. Arschlöcher. Die nehmen alles mit, das nicht niet- und nagelfest ist.«

»Aha«, sagte er. Die.

Um sie vom Thema ihres Weißseins abzubringen – was sie nicht war, und das war das eigentlich Traurige, er sah ihren Augen auf den ersten Blick an, dass sie Native war –, zeigte er auf die Werkstatt. Wer weiß, womöglich waren sie sogar verwandt.

Schmeiß in der Nähe eines Reservats einen Stein in eine beliebige Richtung, und du triffst auf jeden Fall einen Vetter, einen Onkel oder eine Tante.

»Kannst dich gern umsehen, wenn du willst«, sagte er, trat in die Garage und holte ein Furnier aus dem Gestell.

»Ahorn«, sagte sie.

»Ja? Wieso?«

»Das sieht man an der Faser. Die ist fein, sehen Sie?« Sie zog den Nagel ihres Zeigefingers über die glatte Oberfläche. »Und sie gibt nicht nach. Pinienfasern sind breiter. Und die hier ist auch nicht so weich wie Linde oder Lärche. Und dann gibt es noch die superharten Hölzer wie Eisenholz und Eiche und …«

Sie gab sich alle Mühe, und er hatte Mitgefühl mit ihr, alles an ihr gab sich alle Mühe, gut genug zu sein. Von ihrem Lass-michmit-deinem-Scheiß-in-Ruhe-pinken Hoodie über die Stacheldrahttattoos auf ihren Händen bis zu den zerfetzten Löchern an den Knien ihrer Jeans. Und die abgenutzten schwarzen Stiefel.

Das Mädchen machte auf viel zu hart, und man konnte nur ahnen, in welche Art von Schwierigkeiten sie hineingeraten war.

Was ihn, als sie sich umwandte, wie ein Schlag traf. Sie hatte einen kleinen Blutfleck zwischen den Oberschenkeln – ein Unfall mit ihrer Regel? Nein, da sie nicht versucht hatte, sich sauber zu machen, musste etwas anderes dahinterstecken.

»Du kennst dich also aus mit Holz?«, fragte er.

Sie zuckte die Achseln. Das tat sie häufig. Es war zu einer Art Reflex geworden, auch das verhieß nichts Gutes.

»Ich würde gern lernen, wie man Boote baut«, sagte sie, doch kaum ausgesprochen, wurde sie verlegen, und in diesem stillen, traurigen Moment lagen seine Verzweiflung und ihre, aber keiner verlor ein Wort darüber.

»Ach ja?«

»Ihre Arbeit ist … wunderschön. Ich meine, das Boot da ist toll. So was macht doch heute keiner mehr. Das ist ein Whitehall, stimmt’s?«

Das überraschte ihn wirklich. Wer wusste heutzutage noch über Boote Bescheid, geschweige denn über die, die er baute?

»Kluges Mädchen«, sagte er.

Natürlich zuckte sie auch da die Achseln, aber sie stand jetzt aufrechter, hatte ein bisschen von der Niedergeschlagenheit verloren. Errötete.

»Mein Dad ist verrückt nach diesem – « Sie hatte »Scheiß« sagen wollen, kriegte aber die Kurve. »Zeug. Na ja, so Motoren und Boote und Kanus und so. Und Waffen.«

Etwas war an die Oberfläche seiner Gedanken gestiegen, aber er war nicht sicher, ob er dem vertrauen konnte. Sie steckte in Schwierigkeiten, in echten Schwierigkeiten, aber welche genau das waren, konnte sie nicht sagen, und das machte es noch schlimmer.

Und da war das Blut und – nun, er konnte sehen, dass sie eine Spätentwicklerin war, das war es also nicht, es war das andere, das Schreckliche.

»Wenn du willst, bringe ich es dir bei«, sagte er zu seiner eigenen Überraschung. Und der Tonfall – was war das, Einsamkeit? Oder schlimmer, Bedürftigkeit? Wo er doch nur helfen, dem Mädchen eine Chance geben wollte.

»Sie meinen, hier – «

»Hier. Klar. Warum nicht?«

Sie überlegte. »Wann?«

Jetzt zuckte er die Achseln. »Nächste Woche?«

Sie rechnete nach. Ihr Blick schoss nach oben und in die Ferne, ihr Gehirn arbeitete.

»Und nur, wenn du meine Anweisungen befolgst«, fügte er lächelnd hinzu. »Meine Werkzeuge sind zum Teil so scharf, dass sie dich umbringen, wenn du Mist baust. Also. Wenn du nicht aufpasst oder zu spät kommst – « Er wollte sie nicht kränken. »Du musst hoch konzentriert sein, ›ich bin noch nicht ganz wach‹ zieht nicht. Das akzeptiere ich nicht.«

»Im Ernst?«, sagte sie. »Sie sagen das nicht einfach nur so?«

»Ja. Niemand sonst will in die Lehre gehen, also hast du den Job. Ich bringe dir alles bei, wie ich es gelernt habe.«

Er streckte die Hand aus, das Mädchen ergriff sie, schüttelte sie einmal und ließ sie los. Der Handschlag eine Formalität, die ihr nicht lag. Ihm auch nicht.

»Also gut«, sagte sie, nickte einmal, zog die Kapuze über ihrem Kopf zurecht und marschierte die Einfahrt hinunter.

Er steckte sich eine weitere Zigarette an und sah ihr nach, als sie die entgegengesetzte Richtung zum Reservat einschlug. Clever. Entweder wollte sie sichergehen – was er für eine gute Idee hielt –, oder er sollte nicht wissen, dass sie drüben am Casino wohnte, in den verwahrlosten Wohnwagensiedlungen.

Er zertrat die Zigarette mit der Schuhspitze. Schaute hoch in die Bäume, blinzelte ins Licht. Er hatte ihren Namen nicht erfahren. Aber was soll’s? Es war alles nur Gerede gewesen.

Und Naomi? Er würde die Papiere unterschreiben. Ihr geben, worum sie ihn bat, weil, wie ihm aufging, er genau das auf dem Dachboden getan hatte.

Oder nicht?

2Lucy

Als sie den Trailer betrat, war er weg, aber ein widerwärtiger Metallgeruch hing in der Luft. Da nichts auf dem Herd stand, schaute sie aus dem Fenster.

Die Pfanne stand draußen auf dem Verandageländer, schwarz verbrannt, der Griff von ihr weggedreht wie ein Uhrzeiger. Zwei, kurz vor drei. Nur dass es jetzt fast vier war. Sie hatte den Vögeln eine Schale mit Wasser hingestellt, auf deren Rand jetzt Spatzen hockten und sich um die Plätze balgten, ein paar hüpften hinein und badeten, andere tranken.

In den Bewegungen lag Freude, die Brüste waren aufgeplustert, lauter Vögel flatterten um den Futterspender herum; es war der einzige Luxus, den sie sich gönnte, die Vögel zu füttern, und seit sie damit angefangen hatte, erkannte sie viele wieder, die Meise mit dem krummen Flügel, die stolzierende Taube, den Albino-Eichelhäher, der immer die kleineren Vögel verscheuchte, die Winterammern und Schwarzkopf-Phoebetyrannen und Finken und Spatzen. So viele, viele Spatzen. Nichts Besonderes, genau wie sie selbst, trotzdem liebte sie sie. Ein Schwarm futterte den Futterspender in einem Tag leer, und das Geld, das sie an den Schulnachmittagen durch das Einräumen von Büchern verdiente, reichte gerade dafür aus.

Die Vögel waren das, worauf sie sich freute, wenn sie zum Trailer zurückkehrte. Und dann war da noch der Essikan, der Waschbär, der unter der Veranda hauste – genannt Söckchen, wegen seiner schwarzen Pfoten. Sie hob jeden Tag ein Stück Hamburger oder einen Chickenwing oder so für ihn auf. Seine Ohren waren abgefroren und unterschiedlich groß, das linke bestand nur noch aus Knorpel. Was sie jetzt, als sie ihn unter der Veranda hervorschlüpfen sah, nachdenklich stimmte. Der Winter rückte näher, sie würde sich irgendwas überlegen müssen, um ihm einen Unterschlupf zu bauen – einen, gegen den ihr Vater keine Einwände erheben würde –, oder aber, kam es ihr in den Sinn, sie könnte ein Verlängerungskabel unter die Veranda legen und irgendeine Heizquelle anschließen.

Eine Erhaltungsheizung, wie man sie für Vogelbäder benutzt, dachte sie, das würde reichen, und sie nahm den Rucksack ab, holte ihr Notizheft heraus und schrieb auf: Baumarkt, Verlängerungskabel. Die Heizung konnte sie zum Briefkastenschuppen des Trailerparks schicken lassen, auch wenn sie gute Gründe hatte, nicht dorthin zu gehen.

Im Trailer war es still, dann ging knackend der Heizlüfter an und surrte, kurz danach kam das Geräusch des zündenden Gasbrenners. Eine Art Dröhnen. Sogar im Fußboden zu spüren. Ein kontrolliertes Brennen. Wie spät war es? Viertel nach vier. Sie würde eine Stunde lang lernen und dann das Essen vorbereiten. Alles, um nicht an das zu denken, was der Polizeifreund ihres Dads, Arn, getan hatte.

Sie zog die Bücher aus dem Rucksack. Die grüne Einführung in die Literatur, das Geometriebuch mit den Eselsohren, das blaue, viel gelesene Länder und Völker für den Soziologie-Unterricht, der Band Unsere Demokratie für Politik.

Sie drehte sich um und sah die blaue Polizeiuniform ihres Vaters an dessen Schlafzimmertür im hinteren Teil des Trailers hängen. Das Zeichen, dass sie die Waschmaschine anstellen musste. Sie tapste durch den Flur, nahm die Uniform von der Tür, warf sie sich über die Schulter, holte den Wäschekorb und duckte sich dann durch die Tür in den Schuppen, wo der Waschtrockner mit aufgeklapptem Deckel bereitstand. Das übliche Ritual.

Um die Klamotten in die Maschine zu werfen, musste sie den Korb hochstemmen, was ihr Körper mit fast ängstlicher Erschöpfung verweigerte, denn der Waschtrockner schien unerreichbar hoch zu sein.

Also trat sie zurück und sammelte ihre Kräfte wie ein Gewichtheber – der Wäschekorb war aus dickem Sperrholz und schwer – und in der Tiefe ihrer Seele protestierte eine Stimme: Das ist zu viel, viel zu viel.

Aber das war es nicht. Nie. Und das wusste sie auch. Er hatte ihr beigebracht: »Plan deine Arbeit, arbeite deinen Plan ab«, und fügte stets hinzu: »und selbst wenn du keine Kraft mehr hast, Bebbe Gurl, was kannst du dann tun?«

Noch mehr aus mir rausholen.

So hielt er sich über Wasser, seit der Armee. Hatten die ihm das beigebracht?

Also, Ordnung. Rituale. Aber darin auch Blindheit, sodass er das, was nicht passte, einfach ignorierte oder übersah.

Er timte alles mit seiner Armbanduhr, sogar, wie lange es dauerte, bis im Restaurant das Essen kam. »Zwölfeinhalb Minuten für Eier mit Hash Browns, von der Bestellung bis zum Servieren«, informierte er dann leichthin die arme Bedienung, und Lucy spürte, wie sie bis unter die Haarspitzen rot anlief.

Mist! Echt?! Was ihr das Frühstück irgendwie vermieste.

Oder sie stand unter der Dusche, und wenn sie rauskam, sagte er: »Ganz schön viel heißes Wasser, Luce. Denk dran, wir sparen für ein neues Haus, stimmt’s? Das Wasser lief jetzt – «, und dann sagte er ihr, wie viele Minuten sie geduscht hatte, und sie wollte schreien – oder weinen.

Sie hasste es, dass er alles überorganisierte, aber war auch froh darüber, weil er sich, wenn er nicht überorganisierte, über die Flaschen hermachte, die er überall im Trailer versteckt hatte. Und dann nachlässig und schlampig und gefährlich wurde.

Und nach dem Aufwachen Probleme hatte, zur Arbeit zur kommen. Dann stieß er in der Dunkelheit im Wohnzimmer gegen die Möbel und fluchte.

»Du verdammter Idiot, warum hast du das gemacht?«, fragte er sich dann selbst, und ihr Herz schwoll an.

Alles hatte an seinem Platz zu sein. Genau so. Geschirrtücher hingen vor dem Herd – genau so, die Nähte nach hinten.

»Ein Mädchen sollte so was wissen, genau wie ihre Mutter«, sagte er.

Ja, klar.

Das Essen nicht mischen. Die Socken zu Paaren. Die Hosen so zusammenlegen, dass die Falte vorn ist. T-Shirts dreifach falten. Uniform: gewaschen, links an der Stange im Schrank, Jacke, Hemd, Hose, Gürtel.

Freitags Fisch. Reste eintuppern, um sie mit zur Arbeit zu nehmen, rechte Seite des zweiten Kühlschrankfachs.

Tja, es funktionierte. Wirklich. Bis auf die vier Drinks, auf die er sich beschränkte, bei denen es aber nie blieb. Und wie sollte sie sich beschweren? Sie liebte ihn, aber manchmal, so wie jetzt, war sie auch sauer auf ihn oder hasste ihn sogar.

Oder nicht?

Mit diesem Gedanken stemmte sie den Korb nach oben, warf seine Uniform und Klamotten in das offene Maul der Maschine, schüttete eine Kelle Waschmittel hinterher und stellte die Maschine an.

Kurz darauf lag sie ausgestreckt auf dem Bett, das Licht war an, und vergrub sich in ihren Soziologie-Text, ins weit entfernte Afghanistan. Sie las konzentriert und mit echtem Interesse über den Krieg und die Menschen, weil ihr Vater dort drüben stationiert gewesen war, und ihr Vater stellte für sie ein schreckliches Geheimnis dar. Vielleicht fand sie in ihrem Buch irgendeinen Hinweis darauf, was bei ihm schiefgegangen war.

Und während sie über den Hindukusch und die Paschtunen las, kam ihr eine Idee, die sie überraschte.

Vielleicht konnte der Bootstyp – seltsam, dass sie seinen Namen nicht rausbekommen hatte, sonst war sie in solchen Dingen besser – ihr helfen?

3Buck

In der Küche wandte er sich vom Herd ab, in der Hand einen vollen Teller, und war merkwürdig stolz auf sich; er würde nicht zu einem geschiedenen Mann mittleren Alters mit Schmerbauch mutieren, der sich von Mikrowellenfraß vorm Fernseher ernährte.

Schweinebraten in Granatapfelmarinade. Kürbis mit einem Klacks Butter. Brokkoli. Und Salat. Die Vinaigrette hatte er selbst gemacht: zwei Esslöffel Olivenöl, ein Esslöffel Rotweinessig, eine gehackte Knoblauchzehe, eine Prise Thymian und Basilikum. Was war so schwer daran? Aber wenn er ehrlich war, dann war es schwer, nur nicht so, wie man meinen würde. Weil, wozu war das gut, sich so viel Mühe zu geben, wenn doch alles sinnlos war?

Hätte die Münze – ein einziges Mal – Zahl gezeigt, wäre er nicht mehr hier, aber achtmal Kopf?

Und er aß, mit tiefer Dankbarkeit. Nein, dachte er, fast glücklich, er würde versuchen, ihr zu helfen, aber er musste vorsichtig sein.

Nichts übereilen, dachte er und lachte über sich. Warf einen Blick auf die alte Küchenuhr: halb sieben. Warten machte ihn irre.

Das Fleisch war zart. Natürlich. Sechzehn Jahre lang hatte er das Kochen übernommen, Naomi war als Unfallchirurgin am Fairview Hospital rund um die Uhr eingespannt gewesen.

Er hob den Kopf. Lärchenholzschränke. Grüne Linoleumarbeitsflächen. Der Herd mit dem einzelnen Licht über den Platten.

»Wenn du hierbleibst, musst du renovieren«, hatte Naomi gesagt, als sie ihre Sachen abgeholt hatte.

Draußen war es dunkel geworden, das Laternenlicht dunstig vom Nebel, der vom Fluss heranrollte. Mit raschem Griff nahm er die Frischhaltefolie aus dem Schrank und deckte seinen Teller ab, drehte sich zum Kühlschrank um und zog die Tür auf. Auf dem oberen Boden standen zwei ebenso verpackte Teller, beide hatte er essen wollen, bevor er sich etwas Neues zubereitete.

Angst kroch ihm über den Rücken, er stellte den Teller von heute Abend auf die anderen beiden und begab sich ins Wohnzimmer, wo er zu dem Buch griff, das er gerade las, ohne sich darauf konzentrieren zu können.

Er nahm die Fernbedienung, wählte den Nachrichtenkanal, den Naomi seit Jahren schaute. Nur wegen der Geräusche, damit im Haus Stimmen zu hören waren.

Schlug das Buch auf und las: »Der Zweifler steht am Scheideweg …«

Er legte das Buch beiseite, starrte ins Nichts, die aufgebrachten Stimmen aus dem Fernseher schienen aus einer anderen Welt zu kommen.

Nein, das Blut an der Hose des Mädchens war kein Unfall gewesen. Sie war sogar zusammengezuckt, als sie unabsichtlich die Beine gekreuzt hatte, hatte ein »Is nix«-Lächeln aufgesetzt, um ihren Schreck zu verbergen.

Jemand hatte sich an ihr vergriffen, wie man es damals genannt hatte, als er auf der St. Mary’s Boarding School gewesen war; und wenn er eins jetzt tun würde, dann herausbekommen, wer das gewesen war.

Alles weitere würde sich finden – sonst würde er sich darum kümmern.

4Lucy

»Das ist gut«, sagte ihr Vater mit der Gabel in der Hand. »Aber mach nächstes Mal weniger Brot rein. Wie deine Mutter früher. Okay?«

»Okay«, sagte sie. »Klar, mache ich. Möchtest du mehr?«

»Nur einen Löffel.« Sie tat ihm auf, er nickte. »Wie war’s in der Schule? Hast du im Geometrietest eine Eins?«

Hatte sie, würde es aber niemals sagen. »Ich hatte ein paar Punkte Abzug.« Stimmte nicht. Nur einen. Sie hatte die beste Note der ganzen Klasse bekommen.

Er sagte nichts, aß noch konzentrierter, als würde er genau das Thema verdrängen wollen, das er versehentlich angeschnitten hatte. Ihre Mutter. In ihm lief irgendein Vier-Augen-Gespräch ab, was sie, obwohl er aß, seinem Mund ablesen konnte. Immer war es der Mund, den sie besonders beobachtete, denn wenn er anfing, mit sich selbst zu streiten oder mit wem auch immer, dann schlug er sie irgendwann.

Er hatte auch ihre Mutter geschlagen. Also hielt sie nach den typischen Anzeichen Ausschau, um notfalls aufspringen und fliehen zu können.

»Was ist mit den anderen Fächern?«, fragte er und sah sie an. »Kommst du klar?«

»Ja, Daddy«, sagte sie, erleichtert, die Zeit am Esstisch mit diesem Thema vertreiben zu können, und erzählte.

Und während sie redete, um die Stille zwischen ihnen zu füllen, passte sie auf, nichts zu sagen, das ihm missfallen könnte, machte Witze über ihren Sozialkundelehrer Bill Opitz, den sie B.O. Pitts nannten, und ihre Sportlehrerin, Popeye Lahey, die durch die Lücke zwischen ihren Schneidezähnen pfiff, und als sie sie nachmachte, lachten beide.

Und so plauderten sie über die albernen kleinen Dinge, die am Tag passiert waren, und alles war gut, weil sie sich über die Schule lustig machte.

Lucy wusste, dass ihr Vater, obwohl er schlau war, früh angefangen hatte zu arbeiten, um seine Familie zu unterstützen, und nach einem Jahr auf der Highschool hatte er bei der Armee angeheuert, um sich als Mechaniker ausbilden zu lassen, hatte ein falsches Alter angegeben, wollte Fahrzeuge reparieren. Hatte die Ausbildung »mit fliegenden Fahnen«, wie ihre Mutter es ausgedrückt hatte, absolviert, in Friedenszeiten, und war gleich danach zur National Guard gegangen, um »mit seinen Armeekumpels zusammen zu bleiben« und das monatliche Gehalt einzustreichen. Nur dass wenig später, er hatte gerade seinen ersten echten Job begonnen – als Schrauber für ein Fuhrunternehmen –, der Golfkrieg begann und er wieder einberufen wurde, direkt in die Höhle des Löwen.

Straßen voller Schutt. Und die Menschen. Nicht nur Soldaten, auch normale Leute, tot in ihren Häusern, tot in ihren Autos, tot in einer Wäscherei. Sie hatte die Fotos von ihrem Vater gesehen. Darauf stand er mittendrin, in einem sandfarbenen Kampfanzug, Gewehr vor der Brust, Schweißstreifen wie Kriegsbemalung auf dem staubigen Gesicht und eine grimmig entschlossene Miene. Von dieser Entschlossenheit war nichts mehr zu sehen gewesen, als er am Lindberg Terminal angekommen war. Nein, ganz und gar nichts.

Sie, damals erst fünf, hatte ihn nicht erkannt und geschrien, als er sie in den Arm genommen hatte.

»Erinnerst du dich daran, Bebbe Gurl?«, sagte er jetzt.

Anstatt zu fragen, wovon er gerade gesprochen hatte, sagte sie: »Erzähl’s mir noch mal!« Wie früher immer, als sie klein und alles gut gewesen war.

Und das tat er, lehnte sich im Stuhl zurück, und sie lachten, sodass er der Vater war, den sie geliebt hatte. Vorher.

Der Hunde mochte und gern Gitarre spielte und rührselige Country-Western-Songs sang. Der sie auf seine Schultern gehoben und gesagt hatte: »Jetzt bist du eine Prinzessin, Luce! Was siehst du von da oben?!«

»Ich habe Apfelknusper gemacht«, sagte sie jetzt. Stirnrunzelnd witzelte er: »Warum heißt das Knusper, wenn es nie knusprig ist?«

Es verletzte sie, und er merkte es.

»Hey, Bebbe Gurl, ich hab nur Spaß gemacht, okay?«, sagte er. »Hör zu, Süße, es war ein langer Tag, und ich glaube, das Spiel läuft schon.«

Er ging zur Couch vorn im Trailer und ließ sich vor den Fernseher plumpsen.

»Willst du mitgucken?«

Seltsam, dass er fragte, denn er kannte die Antwort. Sie hasste Football. Oder vielleicht auch nur Football-Spieler, wie Arn, den Freund ihres Vaters. Es tat immer noch weh da unten. Sie tastete unter ihrem T-Shirt nach der Kette, die Er, der vor Arn, der Erste, ihr vor Wochen über den Kopf gezogen hatte, nachdem Er endlich – und an der Kette ein Kreuz. Nimm es nicht ab, hatte Er sie gewarnt. Und zeig es niemandem, du weißt, was sonst mit deinem Vater passiert.

Sie fing mit dem Abwasch an, brachte dann ihrem Vater den Apfelknusper mit einer Kugel Eis.

»Danke«, sagte er, sein Blick hing am Bildschirm, daher war sie überrascht, als er über die lauten Kommentatoren hinweg sagte: »Kommt deine Freundin heute vorbei? Um dir in Geometrie zu helfen?«

»Jean?«

»Ja, die«, sagte er. »Das ist die mit den rot gefärbten Haaren, stimmt’s? Die sich für besonders schlau hält?«

»Darf sie?«

»Ruf sie an«, sagte ihr Vater und widmete sich wieder dem Fernseher, und Lucy, glücklich, tat genau das.

Jean lag rücklings auf Lucys Bett, einen Arm theatralisch über die Stirn drapiert. »Oh – Mein – Gott«, sagte sie. »Das hat er echt getan?«

»Lass es, Jean«, sagte Lucy flehend. »Ich will nicht darüber reden.«

»Du hast also«, sie machte eine Stoßbewegung mit ihren Hüften, und Lucy errötete entsetzt. Ja, das.

Sie blutete da unten immer noch. Nachdem Jean den Fleck auf ihrer Hose bemerkt hatte, hatte sie sich umziehen und dann etwas erfinden müssen.

Der alte Typ mit dem Boot, der hatte es sicher auch gesehen, aber kein Wort gesagt, was bedeutete, dass er nett war, und es machte sie traurig, dass es ihr jetzt zu peinlich war, um jemals wieder hingehen zu können.

»Weißt du was«, sagte Jean und schlug ihr auf die Schulter, »wenn du so weitermachst, bekommst du noch den Ruf, die Art Mädchen zu sein.«

»Aber das bin ich nicht«, protestierte Lucy, und das war sie wirklich nicht. Sie hatte nur eine Lüge über sich und den seltsamen Ryan erzählt, damit Jean die Klappe hielt.

»Tja.« Jean zuckte die Achseln. »Und ihr habt … hier, als dein Vater Nachtdienst hatte, ja? Dein Dad mit dem Schlafzimmerblick?«

»Jean«, sagte Lucy, »bitte!« Sie zeigte auf ihr Schulbuch, sie beugten sich wieder darüber, Lucy tat so, als würde sie lesen, aber ihre Gedanken rasten. Sah Jean ihren Vater wirklich so?

Gerade jetzt, bei all dem anderen, konnte sie Jeans Interesse an ihrem Vater nicht brauchen. Und was, wenn Jean irgendwas zu ihm sagte, und sei es nur auf ihre übliche Art, im Spaß?

Gott! Igitt! Das wäre einfach zu schrecklich.

Klar, ihr Vater »sah gut aus« und konnte charmant sein, wenn er wollte – wenn er grinste, hatte er Grübchen in den Wangen. Die Frauen zeigten auf ihn, vor allem, wenn er Uniform trug, das Polizisten-Blauschwarz oder die olivfarbene Armeejacke mit den ganzen Einsatzabzeichen aus Afghanistan, wie Orden – Arn hatte auch so eine, und das ließ sie wünschen, ihr Vater würde seine nicht tragen.

Wenn er sie von der Schule abholte, fragten die anderen Mädchen manchmal: »Ist das dein Vater? Er sieht aus wie ein Schauspieler.«

Tja, stimmt, er war Schauspieler, und zwar ein guter. Aber das würde sie niemals sagen, und wer genau hinsah, erkannte sowieso, dass die Strahlemann-Show nichts anderes war: eine Show, die jemand abzog, der sein Leben kaum im Griff hatte. Nachdem vor vier Jahren ihre Mutter gestorben war, bei einem Unfall mit Fahrerflucht auf einem Zebrastreifen in Shakopee, hatte er eigentlich gar nichts mehr im Griff. Nur das Versprechen, für ein besseres, ordentliches Zuhause zu sorgen, hatte das Jugendamt dazu bewogen, sie wieder in seine Obhut zu geben, und Lucy war in den Trailer zurückgekehrt.

Und danach war er zu einer verdammten Mrs. Doubtfire mutiert, mit der Wäsche und seinen Regeln.

Nein, sie konnte nicht zulassen, dass Jean ihre Nase in diese Dinge steckte und alles nur schwieriger machte, indem sie irgendwas sagte.

Dass ihr Vater, aus Angst, sie wieder zu verlieren, Doppelschichten schob, um sie aus dem Reservat rauszuholen, machte es nicht besser, und der »Schlafzimmerblick«, von dem Jean gesprochen hatte, war genau das. Er litt unter Schlafmangel, war gereizt, aufbrausend, wurde schnell jähzornig, und sie hatte nicht den … was immer es brauchte gehabt, um es ihm zu sagen, nachdem Er zum ersten Mal nachts zu ihr gekommen war. Und weil ihr Vater Arn den Hausschlüssel gegeben hatte, damit er »nach ihr sah«, und, Gott, sie hatte nicht geahnt, dass es nicht aufhören würde und dass da noch andere waren, und weil sie diesen sturen Sinn für widerwärtige, ekelerregende … Verantwortung hatte – sie musste irgendwas getan haben, um das zu verdienen –, hatte sie ihm immer noch nichts gesagt.

Vor allem nicht, was Arn jetzt getan hatte, weil sie sicher war, dass ihr Vater komplett und vollkommen ausrasten würde – und sie ihn verlieren würde.

Neben ihr Jean; sie malte sich aus, was er tun würde, wenn sie es ihm sagen würde, und ihr stockte der Atem.

Jean schlug ihr auf die Schulter. »Mann, Lucy«, sagte sie, »jetzt sei nicht sauer.« Sie lächelte. »Das mit deinem Dad war nur Spaß. Jetzt krieg keine Krise. Gott, Lucy! Ich wollte nur witzig sein, okay? Ich bin deine Freundin. Ich würde alles für dich tun, das weißt du doch, oder?«

»Mhm.« Sie warf Jean einen Blick zu, die ihre Ellbogen aufgestützt hatte, in einem hautengen Popcorn-Shirt.

»Wir schreiben Freitag einen Test«, sagte Lucy. »Können wir jetzt endlich mal lernen?« Alles, um Jean von ihrem Vater abzulenken, und von Ryan.

»Spielverderberin.«

»Und du, Jean, wirst in einem Trailer wie diesem enden, wenn du nicht aufpasst und – «

Lucy beugte sich vor, drohte scherzhaft, war endlich wieder ihr heiteres Selbst, und Jean küsste sie. Lucy war schockiert. Jean schmeckte nach Traubenkaugummi, und es fühlte sich seltsam gut an. Wirklich gut. Sie hatte den Gedanken nie bewusst gedacht, aber jetzt war er da – sie war mehr als ein bisschen verliebt in ihre Freundin.

Und das zu wissen, tat weh, weil sie Jean nicht in ihr Leben lassen konnte. Obwohl sie so gern wollte.

Lucy schmiss das Algebra-Buch auf die Bettdecke. »Jean? Hier und jetzt!«

»Mann, Lucy«, sagte Jean.

»Welche Supplementärwinkel ergeben zusammen hundertachtzig Grad?«

»Alle.« Jean schnitt eine Grimasse. »Weißt du, Lucy, ich mag Blödsinn machen, aber ich bin nicht blöd.«

Es klopfte an der Tür, und Lucy zuckte zusammen, rückte von Jean ab. Schreckliche Dinge würden geschehen, wenn ihr Vater auch nur ahnte, was gerade passiert war.

»Ja?«, sagte sie.

Er öffnete verlegen lächelnd die Tür und lugte hinein. Die Grübchen. Der nette Vater. »Ich wollte nur mal nach euch sehen.«

»Warum?«

»Morgen ist Schule«, sagte er, zog sich auf den Flur zurück, ließ die Tür aber offen. »Das wisst ihr, oder?«

»Jahaa«, rief Lucy. Erleichtert, weil er gegangen war und weil er sie unterbrochen hatte.

»Ich gehe besser.« Jean zog sich den Hoodie über und sammelte ihre Bücher vom Bett.

Lucy ging vor ihr durch den Flur. Jean holte sie ein, tat so, als wollte sie ihr etwas zuflüstern, und leckte sie am Ohr. O mein Gott!

»Gute Nacht, Mr. Walters!«, rief sie Lucys Vater zu, der die Hand über den Kopf hob.

Und damit verließ Jean den Trailer und ließ Lucy hinter der Tür stehen, sorgenvoll und verblüfft.

Als sie aufwachte, war es dunkel, der Fernseher lief, und ihr Vater weinte – harte, herzzerreißende Schluchzer. Sie schwang die Beine über die Bettkante, stand auf, stellte sich an die Tür und horchte. Sie sollte ihr Zimmer eigentlich nie abschließen, wegen der Brandgefahr, sagte ihr Vater immer, aber die schlimmen Dinge passierten immer dann, wenn ihr Vater so war wie jetzt. Früher war ihre Mutter aufgestanden und zu ihm gegangen, ihre Stimme hatte so tröstlich geklungen, und sie hatte es immer geschafft, ihn zu beruhigen, sodass Lucy oft zu diesen Geräuschen eingeschlummert war. Die wunderschöne, melodiöse Stimme ihrer Mutter, und manchmal hatte sie in der alten Sprache gesungen, Lieder, die sprangen und rannten, die wie Licht schmeckten und ihr Herz mit Hoffnung füllten.

Aber irgendwann hatte das nicht mehr gewirkt, und der Klang seines Schluchzens wurde unendlich gequält, und dann kamen laute, klatschende Geräusche. Morgens sah sie manchmal Schatten unter der Schminke im Gesicht ihrer Mutter, und sie flitzte umher, während die beiden Abstand zueinander hielten. Als ehemaliger Verhörspezialist wusste ihr Vater, wie man Leute schlug, ohne dass Spuren blieben.

Einmal hatte sie ihre Mutter über die Küchenschublade gebeugt ertappt, in der die Pistole lag.

Lucy hatte in ihrem Flanellschlafanzug dagestanden, sich den Schlaf aus den Augen gerieben und gesagt: »Mom?«, und ihre Mutter hatte sich umgedreht, die Schublade mit dem Po zugeschoben, ihre Kaffeetasse genommen und gesagt: »Wie läuft es mit Mr. Lincoln, Lucy? Gehst du immer noch so gern in seine Klasse? Was lest ihr gerade?«

Sie kroch ins Bett zurück, die Bettwäsche pillte. Sie würde sich im Goodwill-Laden neue – na ja, neue alte – besorgen. Aber ihre Vögel, ohne die konnte sie nicht leben, also keine neue Bettwäsche.

Sie lag im Dunkeln auf dem Rücken, starrte die rissige Decke an, und ihr Herz schlug so heftig, dass sie es im Hals spüren konnte. Fürchtete, die Schritte ihres Vaters würden sich wieder nähern.

Er war immer noch da draußen und schluchzte. Gab tierähnliche Laute von sich, die sie sowohl ängstigten als auch traurig machten.

So hatte er gejammert, nachdem ihre Mutter getötet worden war, und sie hatte in der ersten Zeit nachts leise in ihrem Bett geweint.

Sie atmete tief ein und aus, versuchte, sich zu beruhigen. Um schlafen zu können, denn sie war völlig erschöpft. Und dann war es still, und sie spürte in der Dunkelheit Jeans Lippen auf ihren. Was wie … das Licht war. Sanft. Und nach Trauben schmeckte. Jean. Sie hatte nur rumgeblödelt, sagte sie sich, typisch Jean. Jean, ein Jahr älter, fast sechzehn, die eine Klasse wiederholte, weil sie fast ein Jahr lang den Unterricht verpasst hatte, nachdem sie bei einem Brand fast gestorben wäre. Darüber redete Jean nicht, auch nicht, wie sie ihre Eltern verloren hatte. Und auch nicht über die Narben an ihrer linken Seite, neben dem Schlüsselbein, netzartig, rosa, die nur zu sehen waren, wenn sie ein zu weites Oberteil trug, was sie nur dann tat, wenn es draußen warm war, und –

Auf dem Rücken liegend und die fleckige Decke anstarrend sehnte sich Lucy danach, Jean genau dort anzufassen, die Haut an Jeans Schulter mit ihren Lippen zu berühren, dort, wohin Jean immer die Hand legte, um die Narben zu verdecken, und auch weil – wie Lucy sehen konnte – es wehtat; weil sie von allen Menschen vor allem Jean liebte.

Vielleicht nicht auf die Weise – oder nur deswegen nicht, weil sie wusste, was die Leute sagen würden? Was es bedeuten würde? Und ihr Vater? Er hatte null Verständnis für solche Sachen, lag es daran?

»Man sollte einfach die Schnauze halten über solche Leute«, hatte er mal geschnaubt. »Man sollte einfach nicht darüber reden.«

Ihre Mutter hatte ganz einfach gesagt: »Lee, die sind völlig in Ordnung, und das weißt du auch.«

»Jaaa«, hatte er gedehnt gesagt. »Aber müssen sie uns das unter die Nase reiben?«

»Sie haben Rechte, genau wie wir, Lee. Aus genau dem Grund warst du doch da drüben, oder nicht?«

Ryan war auch irgendwie so, irgendwie falsch, deswegen war es blöd von ihr gewesen, das zu behaupten … dass sie es getan hätten, weil er so nicht war. Aber er war eben anders als alle. Obwohl sie nicht genau wusste, ob es daran lag, dass er Koreaner war – oder Chinese? – oder weil er schon fast aspergermäßig in sich gekehrt war, aber superintelligent, und sie schien die Einzige zu sein, die seinen schrägen Humor verstand.

Aber er hatte auch etwas Mürrisches an sich und wurde in der Schule oft gepiesackt. Beim Mittagessen flogen ihm Milchkartons an den Kopf – gefolgt von Gegröle am Tisch der Sportlerjungs.

»Hey, Mongo«, brüllten sie, »warum bist du nicht in der Reinigung, wo du hingehörst?«, und Ryan ignorierte die rassistischen Beleidigungen, die dem folgten.

Was Lucy gern Ryans Mutter erzählt hätte, aber natürlich nicht konnte. Weil die Art, wie sie einen ansah, wirklich zum Fürchten war – als würde sie Dinge wissen, schreckliche Dinge. Oder hätte schreckliche Dinge getan.

Da hörte sie auf zu denken. Denn immer erinnerte sie alles an das. Ihr schreckliches Geheimnis.

Sie stellte es sich in einer Schachtel vor. In einer Schachtel, die sie Gott überreichte, obwohl sie nicht an ihn glaubte.

Es war ein Weg, um nicht an Ihn oder Arn oder die beiden anderen zu denken, und sie drehte sich um auf den Bauch, den Kopf unter dem Kissen, und berührte sich in der völligen Finsternis selbst, stellte sich vor, Jean würde sie berühren, und war schockiert, wie schnell es kam, ganz anders als mit denen, obwohl sie jetzt nicht daran denken wollte, an all das, so wunderbar war Jeans Berührung. Sie stellte sich vor, sie würde Jean ebenfalls berühren, und sie fühlte sich, als wäre sie nicht sie selbst, und so rollte es durch sie hindurch, durch ihren ganzen Körper, ihr stockte der Atem, und dann Jean in ihr, in ihrer Berührung, ihren Fingern, und sie gab sich hin, Jean in ihr, und genau da erlebte sie ein Gefühl wie ein Kitzeln, das stärker wurde, größer, sie mitriss, sich ausdehnte, bis es, als könnte sie es nicht länger in sich halten, nach außen explodierte – Oh Gott! Jean! – wie ein Blitz, und sie streckte sich, keuchte.

Danach, in dem schwebenden gelösten Zustand, träumte sie, ihre Mutter käme durch die Tür.

Wie ein Engel, wie der, der so wunderschön gesungen hatte, und sie weinte im Schlaf, weinte um sie.

5Buck

Er war vor dem Morgengrauen auf den Beinen und trug eine Schale Futter hinter das Haus, stellte sie neben den Trocknerabzug auf den Betonboden, aber dieses Mal ein winziges Stück dichter an der Hintertür.

Er hob die Hände über den Kopf, streckte sich, war zwar angezogen, aber noch nicht wach, und seine Gedanken wanderten.

Die rote Katze, die erfrorenen Ohren gespitzt, kam hinter den Eiben hervor, die seinen Hof von dem des Nachbarn trennten, wie an den meisten Tagen.

Wenn er sich nicht bewegte, würde die Katze vielleicht heute – nach all den Monaten – endlich am Haus fressen, während er sich draußen aufhielt. Dann wäre er nicht allein, hätte die Katze bei sich, was ihm seltsam wichtig war.

Die Rote kam näher, schlich vorsichtig über das Laub, und auch die Vögel begannen sich zu regen, und er – die Katze beobachtend und kaum atmend – kratzte sich unbewusst am Bauch, und die Katze erstarrte auf halbem Weg, und er erinnerte sich: an sein Gespräch mit Naomi, an all das da oben im Arbeitszimmer, und dass das Mädchen aufgetaucht war.

Und dabei hatte er hier auf die Katze gewartet, als wäre nichts geschehen. Aber das war es.

Er schnalzte der Katze leise zu, kniete sich dann hin, um kleiner zu wirken, aber die Katze rührte sich nicht.

Mit dir zu leben … ist wie … als wäre man ein gottverdammtes Menschenopfer. Ich halte es nicht mehr aus.

Die Katze, den Schwanz nach oben gebogen, kam keinen Schritt näher. Dabei war sie hungrig. Stummelohren, die goldenen Augen auf ihn gerichtet. Was für eine Heldin. Auf ein Knie gestützt, streckte er die Hand aus, soooooo langsam, und hob die Schüssel an und schob sie über das Gras.

Die Katze schlängelte den Schwanz wie ein Fragezeichen. Ließ ihn nicht aus den Augen. Er hielt den Atem an und zog sich zurück.

Die Katze trippelte vorsichtig weiter. Dann, stets fluchtbereit, fraß sie.

»Gaagige«, sagte er zu ihr. Leben. Das war ihr Name. Abgekürzt Gyg. Und in der Katze lag die Lösung für das Problem mit dem Mädchen.

Abstand und Zeit. Nur dass er fürchtete, die könnte knapp werden, denn er wusste, wie diese Dinge liefen.

6Lucy

Eine Hand griff über ihre Schulter und schlug ihr die Bücher aus dem Arm, sie fielen zu Boden. Ryan, der neben ihr ging, drehte sich um, aber zu langsam, um zu sehen, wer das gewesen war.

»Du bist so schwul, Einstein«, sagte Booker und baute sich dicht vor Ryan auf, der zurückwich. Booker in seiner weiß-braunen Collegejacke, die Haut so schwarz, dass sie fast lila wirkte. Gut aussehend, der Scheitel akkurat rasiert.

Dass Ryan nie kapierte, dass Booker bloß Spaß machte, eine Rolle spielte, schien ihn nur weiter anzustacheln.

Also übertrieb er wieder, wie so oft schon, tauchte zum x-ten nervtötenden Mal anscheinend aus dem Nichts auf, aber keiner der drei spielte bei diesem kleinen Theater so richtig mit.

»Booker«, sagte Lucy ergeben.

Er war da gewesen, in der Nacht, in der sich alles geändert hatte, aber er hatte nichts unternommen, und das zermürbte ihn. Fast hätte er eingegriffen – was eine Katastrophe gewesen wäre – Arn war in Uniform und bewaffnet gewesen –, aber sie hatte ihn niedergestarrt, über Arns verdammte Schulter hinweg, während Arn es tat, während es passierte.

Aber es machte ihn fertig, er kam nicht klar damit, selbst jetzt schien er noch etwas sagen zu wollen.

»Booker, bitte?«, sagte sie, sollte heißen Lass es. Sie sagte es auch um Ryans willen, denn auch Ryan war dabei gewesen. Er und Booker waren ihrer Wege gegangen, wie immer, wie auch jetzt, Ryan zum Trailer seiner Mutter und Booker zu … wohin auch immer, und Arn hatte gedacht, sie wäre allein, war aus der Dunkelheit gekommen, aber hatte … etwas in ihr gesehen?

Hatte es an ihren Klamotten gelegen, hatte er sie deswegen – anstatt zu tun, was er schon vorher getan hatte – zerrissen?

Und Booker hatte ihren Schrei gehört und war umgekehrt, und Ryan hatte ebenfalls gesehen, wie Arn sie gegen den Schuppen mit den Briefkästen gedrückt hatte.

Booker war aus der Dunkelheit auf sie zugelaufen und hatte gebrüllt: »HEY! JA, SIE! WAS TUN SIE DA?!« Sie hatte ihn über Arns Schulter hinweg drohend angesehen, mit den Lippen das Wort »Nicht« geformt, und Arn hatte den Kopf umgedreht und Booker einen langen, harten, wütenden Blick zugeworfen.

Dass Booker erstarrt war, sagte alle möglichen Dinge über sie beide aus, die nicht ausgesprochen wurden. Über Leute wie sie. Und der fette Arn hatte seine Hose hochgezogen und war in die Dunkelheit hinein zu seinem Streifenwagen gestolpert, den Booker, daran bestand kein Zweifel, hatte kommen sehen.

Ein Polizist. Der das getan hatte, und Lucy, panisch über das Brennen in ihr, war zum Trailer gerannt.

»Booker?«, sagte sie jetzt.

Er zuckte die Achseln. Bückte sich, hob ihre Bücher auf und gab sie Ryan, der völlig verblüfft zu sein schien.

»Trag du die mal ein bisschen, ja?« Er grinste. Perfekte weiße Zähne. »Schließlich hast du deine in ’nem Rucksack.«

Sie liefen weiter, nur ging jetzt Booker neben Lucy, und Ryan zuckelte hinter ihnen her.

»Leg’n Schritt zu, Einstein«, sagte Booker. »Ist kalt. So wie du schleichst, isses dunkel, bis wir zu Hause sind, klar?«

Booker wechselte beim Gehen von einer Seite auf die andere. »Alles okay?«, fragte er. Natürlich wusste er, dass gar nichts okay war. Lucy hätte gern ihre Bücher im Arm gehabt. Um sie zwischen sich und alles andere zu halten. Ihr Körper veränderte sich, sie