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Jack Jordan und Summer Ashton sind in den Besitz eines Kilos Koks gekommen, haben sich neue Namen zugelegt und eine neue Identität angenommen. Sie machen sich auf den Weg nach Lufkin, Texas, wo sie einen großen Coup landen wollen. Er ist charmant, engagiert, extrem paranoid. und eifersüchtig. Summer mehr durchgeknallte Partnerin, die einer ehemaligen Liebe nachtrauert und schwört, Jordan nie zu hintergehen. Mit einem Kilo Koks in einer Bibel, erscheint ihnen alles möglich zu sein. Eine unbeschwerte Zukunft. Erst jedoch müssen sie einen Abnehmer finden. In letzter Zeit lässt der Verstand nach, was es schwer macht, nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Die beiden haben sich gegenseitig so viele Lügen erzählt, dass es schwerfällt, sich an die Wahrheiten zu erinnern. Außer jener Regeln, die sie stets befolgen: Bullen erzählen sie nie etwas, und in eine Notaufnahme zu gehen, bedeutet, ins Gefängnis zu wandern. Pruitts überdrehter, düsterer Southern-Noir-Kriminalroman ist ein Parforceritt, in dem es inmitten der eigenen Versklavung Momente voller schwarzem Humor gibt.
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Seitenzahl: 479
Veröffentlichungsjahr: 2022
Eryk Pruitt
Aus dem Amerikanischen von Jürgen BürgerHerausgegeben von Wolfgang Franßen
Originaltitel: What we reckon
Copyright: © 2017 by Eryk Pruitt
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2022
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger
Mit einem Nachwort von Marcus Müntefering
© 2022 Polar Verlag e. K., Stuttgart
www.polar-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Eva Weigl, Nadine Helms
Umschlaggestaltung: Robert Neth, Britta Kuhlmann
Coverfoto: © Mr Doomits / Adobe Stock
Autorenfoto: © Alex Maness Photography
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck, Deutschland
ISBN: 978-3-948392-50-5eISBN: 978-3-948392-51-2
Für Jennifer,Geraud und, wie immer,Lana
»Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt! Der Geist zwar ist willig, das Fleisch aber schwach.«
Jesus zu seinen Jüngern in Gethsemane [Mk 14,38]
»Finde, was du liebst, und lass dich davon umbringen.«
Charles Bukowski
»Weißt du, früher hat’s mal was bedeutet, verrückt zu sein. Heutzutage sind alle verrückt.«
Charles Manson
TEIL I
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
TEIL II
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Danksagungen
Wenn’s zu Ende geht, wird’s ziemlich genau so sein, dachte Grant, als die Flammen, die seine Nasenlöcher hinaufflackerten, zu einem sanften Tröpfeln auf der Rückseite seiner Kehle wurden. Gerade als er den Schweiß verscheucht hatte, das Flüstern, die konstante, fiebrige Angst, die so oft ihre Finger unerbittlich um seine Luftröhre legte, da beäugte er den Rest des Kilos – immer noch in Schrumpffolie mit nur einem schartigen Loch, kaum groß genug – und überlegte, in welchem neuerlichen Chaos er sich wiederfinden könnte.
Es war gutes Koks, gar keine Frage, aber Grant hatte nicht den geringsten Grund, etwas anderes zu erwarten. Unten in South Carolina war Bobby sein bester Freund gewesen, und er hätte nicht mal einen schrägen Seitenblick für Scheiße gehabt, die nicht eine bestimmte Qualität hatte. Wenn du dir irgendein Dreckszeug reinziehen willst, sagte Bobby immer, dann geh doch runter zum Decker Boulevard. Bobby genoss einen Ruf. Die Leute in der Stadt wussten, dass er den guten Scheiß hatte. Sie wussten, wie sie ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichen konnten. Den Ort jedoch, an dem er es bunkerte, den kannten sie nicht. Grant jedoch schon, und so wurde ein Trottel zackig um seine Drogen erleichtert.
Das Einzige, was besser ist als gutes Kokain, dachte er, als er eine weitere Messerspitze aus dem Loch in dem Päckchen pulte, ist geklautes Kokain.
Doch jede vermeintliche oder tatsächliche Gelassenheit fand ihr jähes Ende mit einem Klopfen an der Tür des Motelzimmers. Hastig verstaute Grant den Koksbarren in einer ausgehöhlten King-James-Bibel und kickte diese sodann geschickt unters Bett. Er spitzte die Ohren. Hielt die Luft an.
»Hey, Grant!«, rief eine Stimme draußen. »Mach auf. Ich werd nicht den ganzen Tag hier rumstehen.«
Craig.
Erleichterung.
Grant fischte aus einer Papiertüte eine noch ungeöffnete Flasche mit einer braunen Flüssigkeit, und griff sich zwei Plastikbecher, die zum Zimmer gehörten, und stellte alles auf die Tischplatte, wo gerade noch das Diebesgut gelegen hatte.
Craig kam nicht herein, als sich die Tür öffnete, sondern blieb stattdessen auf der Schwelle stehen.
»Danke, dass du gekommen bist«, sagte Grant. »Das bedeutet mir echt viel.«
»Du siehst scheiße aus«, sagte Craig. Er deutete mit dem Kopf auf Jasmine, die auf dem Bett saß und nicht vom Fernseher aufblickte. »Ihr beide.«
»Und du hast mehr Haare verloren, seit ich dich das letzte Mal gesehen hab«, erwiderte Grant. »Komm rein. Trink einen mit. Ist lange her.«
»Nicht lange genug.« Craig machte einen Schritt in den Raum. Nur einen.
»Jasmine, sag Craig Guten Tag«, rief Grant. Falls sie ihn hörte, ließ sie es sich nicht anmerken. »Du erinnerst dich noch an Craig, oder?« Als sie immer noch nichts sagte, verkürzte Grant den Abstand zu ihr und sagte, »Jazz, du bist unhöflich.«
Sie drehte nur den Kopf, stellte einen flüchtigen Blickkontakt her und widmete sich dann wieder dem Fernseher. Der Ton war ausgeschaltet, und die Bildqualität war beschissen, fesselte aber dennoch ihre ganze Aufmerksamkeit.
Bevor Grant noch etwas sagen konnte, winkte Craig ab und pfiff ihn zurück. »Mach dir deswegen keinen Kopf«, sagte Craig. »Ich bleib sowieso nicht lange.«
Grant trat um den kleinen Tisch in der Ecke und schüttete Whiskey in die Plastikbecher. Ungefähr zwei Fingerbreit. Er putzte die erste Ladung weg, bevor er sich nachschenkte, dann reichte er Craig einen Becher.
»Wie geht’s dir?«, fragte er.
»Hab mich scheiden lassen«, antwortete Craig. »Vor ungefähr einem halben Jahr, schätz ich.«
»Hey, tut mir echt leid, Mann. Ich fand, ihr zwei wart ein tolles Pärchen.«
»Du hast sie doch nie kennengelernt.« Craig trank einen Schluck. »Als wir geheiratet haben, warst du schon lange nicht mehr in der Stadt.«
»Was ich meine, ist doch, ich hab Fotos von euch beiden gesehen. Eines von euch beim Tanzen. Ich fand sie echt heiß, selbst für deine Verhältnisse.«
»Unsere Hochzeit«, sagte Craig. Er trat von einem Fuß auf den anderen. »Hör zu, wenn’s dir nichts ausmacht, dann …
»Warum setzt du dich nicht erst mal?« Grant kickte mit dem Fuß einen Stuhl heraus, den Craig aber nur ansah. »Echt jetzt, setz dich. Das hier ist eine frische Flasche, und ich hab schon mal den Anfang gemacht. Ist doch wohl das Mindeste, dass wir das Ding leer machen. Und über alte Zeiten quatschen.«
Craig rümpfte die Nase, als würde er was Komisches riechen. »Ganz ehrlich, ich würd lieber nicht über alte Zeiten reden. Ich hab fast eine verkackte Stunde gebraucht, bis ich hergefunden hab, und ich freue mich überhaupt nicht auf die Stunde für die Rückfahrt.«
»Hey Mann, ich bin dir voll dankbar.« Grant drehte die Handflächen nach oben. »In echt. Es bedeutet mir total viel, dass du dir die Mühe gemacht hast, hier rauszukommen. Ich wär ja auch zu dir gekommen, wenn’s möglich gewesen wär, aber es ist das Beste, wenn ich mich eine Weile nicht in Lake Castor blicken lasse, wenn du verstehst, was ich meine.«
Craig nickte. Er sah durch den Raum zu Jasmine hinüber und beobachtete eine einzelne Träne, die mit einem leichte Beben über ihre Wange rollte. Er sah lang hin, dann richtete er seinen Blick wieder auf Grant.
»Das war’s dann, verstehst du mich?«, sagte er. »Das ist das letzte Mal.«
»Craig … Alter, ich …«
»Es ist mein Ernst. Es ist schwer, dir was auszuschlagen. Also, wenn das hier durch ist, dann vergisst du am besten meine Telefonnummer. Vergiss mich und alles, was ich je für dich getan hab.«
»Ziemlich viel verlangt«, sagte Grant. »Ohne dich wär ich wahrscheinlich längst tot. Tot oder im Knast. Also verzeih mir, wenn ich nicht alles vergess …«
»Ich red keinen Scheiß, Mann.« Tat er nicht. Er hatte seinen Whiskey praktisch nicht angerührt. Der Becher klapperte, als er mit der flachen Hand auf den Tisch schlug. »Das ist das letzte Mal.«
»Okay.«
»Ich muss es aus deinem Mund hören.«
Grant leckte sich über die Lippen. »Es ist jetzt das letzte Mal.«
Craig ließ es einen Moment so im Raum stehen. Stille hing zwischen ihnen wie ein Sünder. Er zog es noch ein bisschen in die Länge, bevor er hinter sich griff und einen braunen Umschlag aus dem Bund seiner Arbeitshose zog. Den legte er nun auf den Tisch zwischen sie, nahm seinen Whiskey. Grant hielt kurz den Atem an, bevor er sich den Umschlag schnappte. Er riss ihn auf und kippte den Inhalt auf den Tisch.
Führerscheine. Zwei.
Sozialversicherungskarten. Ebenfalls zwei.
Ein Paar Geburtsurkunden.
Zwei Leben, neben einer Flasche mit billigem Fusel auf den zerkratzten Tisch geworfen.
»Meine Fresse«, meinte Grant bewundernd, »echt super Arbeit.« Er nahm einen Ausweis in die Hand, dann den anderen. Beide hielt er ins Licht der einzelnen Glühbirne, die zwischen ihnen hing, legte sie dann zurück auf den Tisch. Er konnte den Blick nicht von ihnen nehmen. »Ich meine, das ist echt richtig gute Arbeit. Jasmine, komm mal her und sieh dir das an.«
Sie rührte sich nicht.
»Diesmal hast du dich selbst übertroffen«, sagte Grant. »Jack Jordan. Ich heiße jetzt Jack Jordan. Hör dir das an, Jas… öh, ich meine, Summer? Von jetzt an bin ich Jack Jordan, und du heißt Summer Ashton.«
Und damit war das geklärt.
»Wer sind die?«, fragte der frischgebackene Jack.
»Jack Jordan war nur so ein Kid«, antwortete Craig. »Ist in der Nähe von Amarillo aufgewachsen, in West Texas. Hat ein paar Tage vor der Abschlussfeier auf der Highschool seine Karre an einen Baum gesetzt. Das Mädchen ist vor ungefähr sechs Monaten an Leukämie gestorben. Bei normalen Verkehrskontrollen oder einer Bonitätsprüfung müsstet ihr damit durchkommen, aber ich an eurer Stelle würde mich von einer Unfallambulanz oder jedem anderen Ort fernhalten, wo Krankenakten gezogen werden.«
Jack klopfte seinem alten Freund auf die Schulter. »Du verplemperst deine Talente in diesem Copyshop. Ich bin schon einigen Leuten begegnet, die würden für einen Kerl wie dich ’ne Stange Geld hinlegen.«
»Nach allem, was ich weiß«, sagte Craig, »würden die auch ’ne Stange dafür hinlegen, dich in die Finger zu bekommen. Euch beide.«
Jack ließ das eine Weile im Raum stehen, bevor er sich nachschenkte. Füllte Craigs Becher ebenfalls nach.
Sagte: »Wenn du’s so durchziehen willst, okay. Ich werde mich nicht mehr bei dir melden. Wenn du hier raus bist, sind wir miteinander fertig. Aber vergessen werde ich dich nicht. Niemals.« Er deutete mit dem Kopf auf den Becher. »Und jetzt trink mit mir, und dann nehmen wir Abschied.«
Craig beäugte ihn über den Rand des Bechers hinweg, während er in kleinen Schlucken trank. Umgehend musste er husten. Er schluckte es runter, so gut er konnte, dann fing er unbeholfen an zu lachen.
»Hätte ich wissen müssen, dass du nur Scheiße trinkst.« Er nahm einen weiteren Schluck. »Ich schwöre, ich glaub nicht, dass du mich noch groß überraschen kannst.«
»Ich hab ein Kilo Koks unter dem Bett liegen.«
»Scheiße, Keith …« Craig stand auf, kippte dabei den Stuhl um.
»Willst du’s sehen?«, fragte Jack. »Ich hab noch nie so viel Schnee auf einem Haufen gesehen. Wir haben eine Bibel ausgehöhlt und das Zeug darin verstaut …«
»Scheiße, nein, ich will’s nicht sehen. Ich will nicht mal in einem Raum sein mit dem Stoff.«
Jack versuchte, ihn davon abzuhalten zu gehen. »Craig, warte …«
Craig blieb stehen. Sah seinem alten Freund in die Augen.
»Du musst mir dabei helfen, es zu verkaufen«, sagte Jack.
»Geh zum Teufel, Keith oder wie du momentan heißt. Weißt du, für so ein kleines Stück Scheiße bist du wirklich …«
»Ich red keinen Stuss, Mann.« Jack legte seine Hand auf den Türknauf, bevor Craig danach greifen konnte. »Ich muss den Scheiß ziemlich zügig abstoßen. Ich könnte die Kohle gut gebrauchen. Scheiße, wer nicht? Du könntest dir selbst auch einen ordentlichen Batzen verdienen, wenn du …«
Craig schlug Jacks Hand vom Türknauf, zog die Tür auf. »Ich bin weg«, sagte er in den Raum, »und ich will nicht, dass du mich anrufst. Nicht wegen Koks, nicht wegen gefälschter Ausweise … wegen gar nichts.«
Jack folgte ihm auf den Parkplatz. Am Abend war es deutlich abgekühlt, während das Versprechen auf den Herbst unübersehbar war. Craig blieb kurz vor seinem Pick-up stehen, machte dann auf dem Absatz kehrt und sah seinen alten Freund an.
»Wie lange willst du noch mit der rumziehen?«, fragte er.
»Mit Jas… ich meine, mit Summer? Die kann gehen, wann immer sie will.«
»Vögelt ihr beide schon?«
Jack lachte durch die Nase. »Nein, wir vögeln nicht, und wir werden auch nicht damit anfangen.« Er scharrte mit der Schuhspitze über den Asphalt. »Das ist so ziemlich das Letzte, was ich im Moment brauche.«
»Dann solltest du dich vielleicht von ihr trennen«, sagte Craig. »Sie sieht aus, als könnte sie eine kleine Pause ganz gut vertragen.«
»Ihr geht’s gut«, sagte Jack. »Wenn du dich mal erinnerst, sie war schon immer eine Dramaqueen.«
»Es geht mich ja wirklich nichts an, aber ich hab’s schon so gemeint, wie ich’s gesagt hab: Ihr zwei habt schon bessere Tage gesehen. Esst ihr überhaupt mal was?«
»War alles irgendwie nicht so toll, als wir die Carolinas verlassen haben.« Jack rieb über die Narbe an seiner Hüfte, staunte immer noch, wie es sich anfühlte. »Ich fürchte, unser Mädel, also, sie hat nicht …«
»Ich sagte doch, ich will nichts darüber hören«, unterbrach Craig ihn. »Du hast mich gebeten, dir Texas-Papiere zu besorgen, also stelle ich mir vor, dahin wollt ihr als Nächstes, falls ich mir überhaupt was vorstellen wollte. Was ich aber gar nicht möchte. Aber wenn du vorhast, dich vom Acker zu machen, dann bleib auch vom Acker. Ich will nicht wissen, woher du kommst, und todsicher will ich auch nicht wissen, wohin du gehst.«
Yonder, ein streunender Kater, tauchte aus dem Gebüsch auf und schlich lautlos und geschmeidig auf der Suche nach Futter über den Parkplatz. Jack beobachtete ihn einen Tick länger als geplant und wandte seinen Blick erst ab, als Craig die Fahrertür seines Pick-ups öffnete. Jack schlurfte zu ihm.
»Weißt du noch, wie du und ich und Davey früher immer die ganze Nacht in der Fernfahrerkneipe am anderen Ende der Stadt Kaffee gesoffen und abgehangen haben?«, fragte Jack. »Wie hieß der Laden noch gleich? The All-Niter? Was, wenn ich dir sage, ich hab genau so einen Laden zwei Ausfahrten weiter auf dem Highway gesehen? Da könnten wir doch hinfahren, dann bestellen wir uns Bratkartoffeln und beschissenen Kaffee und …«
»Mann, ich muss los.«
»Sag mal, wie geht’s eigentlich Davey? Siehst du den manchmal noch? Ist der immer noch in der Nähe von Lake Castor? Ich hab nichts mehr …«
»Keith, ich muss jetzt los.«
Jack ließ kraftlos die Hände fallen. Er trat zwei Schritte zurück und starrte auf die Reifen des Pick-ups. Er zuckte mit den Achseln.
Craig stieg hinter das Steuer, kurbelte dann die Scheibe runter. Er deutete mit dem Kopf auf die Zimmertür des Motels und sagte: »Ich möchte mich echt in nichts einmischen. Aber an deiner Stelle würde ich mich zusammenreißen und meinen Scheiß in Ordnung bringen. Das Gespenst da drinnen hat nichts mehr mit dem Mädchen zu tun, das ich vor, wann?, vier, fünf Jahren kennengelernt habe. Du bist auch nicht mehr derselbe, warst aber schon immer ein schlaues Kerlchen. Vielleicht manchmal zu schlau.«
Jack biss sich auf die Unterlippe.
»Was ich damit sagen will, ist«, fuhr Craig fort, »vielleicht solltet ihr zwei mal ein paar Tage freinehmen, sozusagen. Irgendwie hab ich das Gefühl, die ganze Scheiße, in die du euch zwei manövriert hast, wird einen von euch beiden erledigen. Wenn sie dir wirklich so viel bedeutet, wie du behauptest, solltest du darüber vielleicht mal nachdenken.«
»Ja, du hast in jeder Hinsicht voll recht.« Jack berührte jede seiner Fingerspitzen mit den Daumen, wobei mehrere Knöchel hörbar knackten. »Nachdem das gesagt ist, wär’s doch für dich viel einfacher, eine Unze zu verticken, wenn du dich einfach mal umhörst …«
Craig hob verzweifelt eine Hand. »Du hast so eine Art, Leute mit dir in die Scheiße zu ziehen, und wenn’s recht ist, ich will nichts damit zu tun haben. Früher oder später erwischt dich mal einer. Die Bullen oder Schlimmeres, und ich darf nicht zulassen, dass irgendwas sie zu mir führt.« Er legte einen Gang ein, und ohne auch nur ein Nicken zum Abschied setzte er aus dem Motelparkplatz zurück. Mit durchdrehenden Reifen fädelte er sich wieder auf der Schnellstraße ein, Kies und Steinchen flogen durch die Luft.
Jack stand eine ganze Weile einfach nur da. Zuerst fühlte er sich beschissen. Craigs Worte durchbohrten ihn wie Querschläger und machten taub. Und dann kam die Wut. Er war ziemlich gut darin geworden, neu anzufangen, und war es nicht gewohnt, dass aus heiterem Himmel irgendwer aus seiner Vergangenheit aufkreuzte und einen anklagenden Finger auf ihn richtete. Er musste sich schwer zusammenreißen, nicht in den verranzten Honda zu steigen, den sie gerade gekauft hatten, und seinem alten Freund hinterherzurasen, um ihn von der Straße abzudrängen und ihm genau das zu geben, worauf er’s wahrscheinlich schon angelegt hatte, seit sie noch ganz klein waren.
Schließlich legte sich das alles, und er stand allein im fluoreszierenden Summen der Straßenlampen und dem weit entfernten Verkehrslärm. Es ist leicht zu hassen, dachte Jack. Es ist leicht, auszurasten und das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren.
Viel schwerer war es, alles im Fokus zu behalten.
Aus den eigenen Fehlern zu lernen.
Vielleicht war ja was dran an dem, was Craig gesagt hatte. Vielleicht war ja alles ein bisschen aus dem Ruder gelaufen. Vielleicht war’s ja Zeit für einen Wechsel. Vielleicht war’s an der Zeit, sich von Summer, oder Jasmine oder wie immer sie gerade hieß, zu trennen, damit sie ihn nicht runterziehen konnte.
Aber, bis das so weit war, hatte er noch jede Menge zu erledigen. Zum einen und vor allem hatte er ein gestohlenes Kilo Koks, das er loswerden musste. Zum anderen musste er sorgfältig die schnellste Route nach Ost-Texas ausarbeiten, und zwar auf Nebenstraßen. Und ganz akut war da noch eine drei viertel volle Flasche Whiskey im Zimmer.
Er schlug mit den Handflächen auf seine Oberschenkel, als müsste er sie abwischen, dann ging er wieder hinein, um herauszufinden, ob Summer lange genug aus ihrem Tran auftauchte, um ihm zu helfen, das Zeug wegzuputzen.
Der Geruch von Benzin.
Zikaden, Nachtschwalben, die ganze liebliche Sinfonie von Ende August.
Summer kam auf dem Beifahrersitz ihres verranzten Hondas zu sich, ganz weit hinten auf dem Parkplatz einer Tankstelle. Vielleicht drei, vier Uhr morgens. An der Straße, aber weit und breit keine Menschenseele. Niemand auf dem Fahrersitz.
Allein.
Kein Jack.
Kein Schlüssel im Zündschloss. Wenn er sich schließlich vom Acker gemacht und sie verlassen hätte, dann hätte er ihr die Schlüssel dagelassen. Bisschen Geld. Vielleicht sogar …
Hektisch stieß sie ihre Hand unter den Beifahrersitz. Durchwühlte leere Papiertüten und Limonadenflaschen aus Plastik.
Nichts da.
Summer stürzte sich auf den Rücksitz und schob zuerst einen Müllsack mit Klamotten beiseite, dann einen Rucksack. Warf verirrte Bücher und CD-Hüllen auf den Boden.
Immer noch nichts.
In einem Anfall verzweifelter Eingebung griff sie unter den Fahrersitz und bemerkte gar nicht, dass sie vergessen hatte zu atmen, bis ihre Finger es schließlich fanden.
Da ist es.
Sie atmete aus.
Ohne würde Jack niemals verschwinden.
Summer lehnte den Kopf gegen die Seitenscheibe der Rückbank. In der Tankstelle brannte Licht. Straßenlaternen, fluoreszierend, aber gedämpft von Fliegen und Motten und Mücken, die sich in wütenden Zuckungen darum drängten.
Sie wischte sich den Schlaf aus den Augen.
Summer hatte vom Leben auf einer Farm geträumt. Möhren, Rüben und Kohl anzubauen und über Felder mit Obstbäumen und Gemüse zu wandern. Reihe um Reihe wuchs es aus guter, ehrlicher Erde, die sich zwischen den Zehen ihrer nackten Füße sammelte, nur um sofort wieder auf den Boden zurückzufliegen, um weitere Pflanzen hervorzubringen. Sie hatte von der Scheune geträumt, vom Farmhaus, von den Hühnern und Kühen und sogar von einem Hahn, den sie Gordon nannte. Am Ende war es dann Gordon, der sie weckte. Gordons Krähen, mit dem er ihr und dem Rest der Welt sagte aufzuwachen, um nicht das Ende aller Tage zu verschlafen.
Jack …
Vielleicht war er zum Pinkeln in die Tankstelle gegangen. Vielleicht war er auch rein, um sich mehr von diesen Koffeinpillen zu besorgen, die er oft meinte, vor ihr verstecken zu können.
Vielleicht wäre er nur kurz weg.
Summer zweifelte keine Sekunde daran, dass sich Jack Jordan eines Tages vom Acker machen würde. Weiterhin ging sie davon aus, dass es ziemlich unspektakulär passieren würde. Durchaus möglich, dass sie sich irgendwo am Straßenrand weit weit weg von zu Hause wiederfinden würde. Kalt, allein und irgendwie von der Rolle. Aber sie wusste auch, dass er beim ersten Anzeichen von Problemen angerannt kommen würde. Er würde irgendeine andere kennenlernen, eine, die seinen Scheiß nicht aushalten konnte – sie hielten es nie aus –, und dann würde er kapieren, dass es überhaupt nichts mit Liebe zu tun hatte, was da zwischen ihm und diesem Mädel lief, auch nicht annähernd das war, was er und Summer hatten. Er würde irgendwie um die Ecke kommen und am Ende zu der Erkenntnis gelangen, dass der ganze Bullshit, den er sich eingeredet hatte, überhaupt keinen Wert hatte, denn ohne Summer war er nichts. Überhaupt nichts. Und dann würde er wieder ankommen, mit eingezogenem Schwanz.
Nicht mal Jack Jordan konnte sich davon überzeugen, dass er ohne sie ein Kilo verticken könnte.
Falls sie irgendwas hingekriegt hatte, dann zu beweisen, dass sie allein klarkam. Wenn’s hart auf hart kam, konnte sie auf der Straße leben. Eines Abends, vor ungefähr einem Jahr oder so, war sie für ein paar Tage mit einem Typen losgezogen, und einfach nur, um mal zu sehen, ob es ging, hatten sie unter einer Brücke kampiert. Sie hatten sich Feuer gemacht und Hotdogs gegessen und sich an die Ausfahrten gestellt, Schilder in der Hand, auf denen sie um Geld bettelten. Sie hatten in drei Stunden achtundsechzig Bucks gemacht. Das war ein Stundenlohn von fast 23 Dollar, und sie hatten sich nicht mal groß angestrengt. Am dritten Abend wurde es kalt, also gingen sie in seine Wohnung zurück und probierten Teerheroin aus.
Aber sie wusste, Jack hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass sie weg gewesen war.
Summer beugte sich zwischen Fahrer- und Beifahrersitz vor. Mehr als einmal kam ihr in den Kopf, rüber in die Tankstelle zu gehen und zu sehen, was er sich wieder eingebrockt hatte, machte aber nicht mal die Tür zum Rücksitz auf. Stattdessen saß sie ruhig da, starrte auf das Armaturenbrett und strengte sich wie irre an, nicht in Gedanken zu versinken, verlor aber gnadenlos, bis sie dort drüben eine Bewegung registrierte und Jack bemerkte, der rückwärts schlurfend den Parkplatz überquerte, seine Hose vorne zusammenraffte. Ein fetter alter Mann verfolgte ihn zu einer Stelle kurz vor den Tanksäulen. Ein Mann mit einem Baseballschläger in den Händen.
Jack riss die Fahrertür auf und rammte den Zündschlüssel ins Schloss, ließ den Wagen an, raste raus auf die Straße. Er warf ihr nicht einmal einen Blick im Rückspiegel zu, fragte nicht einmal, warum sie auf den Rücksitz geklettert war. Er war schweißgebadet, zitterte am ganzen Leib und umklammerte mit beiden Händen das Steuer, um nicht aus der Tür zu kippen. Dieser ganze Aufruhr, und doch waren seine Augen völlig ruhig. So ruhig und fest. Summer betrachtete ihn einen langen Moment, um sicherzugehen, dass mit ihm alles okay war, was sie aber schon bald langweilte, und sie starrte wieder mit leerem Blick aufs Armaturenbrett.
»Mach langsamer, Jack«, sagte sie. »Du darfst hier nicht schneller als fünfzig.«
Er bremste ab, ein wenig. Summer erkannte nichts außerhalb der Lichtkegel der Scheinwerfer, die ihr gelbes Licht in die Nacht warfen.
»Wo sind wir?«
»Texas«, antwortete Jack.
Sie blinzelte. »Wie lange sind wir schon in Texas?«
»Zu lange. Kommt mir zumindest so vor.«
Summer zwängte sich auf den Beifahrersitz. Reckte den Hals, bis sie fast die Windschutzscheibe berührte, drehte den Kopf dann nach oben zum Himmel. Oder was sie davon erkennen konnte.
»Wie lange müssen wir noch fahren, was meinst du?«
»Eine Stunde, höchstens«, antwortete er. »Wir suchen uns ein Motel und verkriechen uns da erst mal. Morgen besorgen wir uns dann was zu essen, und danach sehen wir uns eine Bude an, die ich im Internet gefunden hab.«
Sie seufzte. »Schon wieder ’ne neue Wohnung. Weißt du, unsere letzte hat mir echt gefallen. Die in Columbia.«
»Du meinst das Doppelhaus?«
»Ja, das war voll nett. Waschmaschine, Trockner … Spülmaschine. Wenn ich an all die Buden denke, in denen wir schon gewohnt haben, dann war das Doppelhaus das Beste.«
»Am Ende bist du doch kaum da gewesen.«
Sie atmete kurz ein und hielt die Luft an. »Das heißt aber nicht, dass sie nicht nett war.«
Die Stimmung wurde schlechter, und Summer merkte, dass es ihm leidtat, es erwähnt zu haben. Er wusste, dass sie nur wieder an Scovak denken würde. Seit sie aus South Carolina weg waren, hatte sie oft an ihn gedacht, kaum noch an etwas anderes. Meistens dachte sie daran, wie sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, wie seine Augen zu zwei schmalen Schlitzen geworden waren, als sie ihm sagte, sie werde nur für eine Stunde weg sein, sie sei so früh wie irgend möglich wieder zurück. Wie er die Augen zusammengekniffen und behutsam über seinen Bart gestrichen hatte, spitz am Kinn, wie er nichts sagte, als er dann fortschaute und seine Aufmerksamkeit wieder seinem brandneuen Tattoo zuwandte. Das mit ihrem Namen. Als wüsste er, dass sie ihn anlog, als wüsste er, dass sie ihn nie anlügen könnte. Er ließ es zu. Wenn auch aus keinem anderen Grund, als dass er sicher war, sie würde es sich anders überlegen, ließ er sie gehen, und kaum hatte sie den Savannah River überquert …
»Hey, bist du irgendwo da drinnen?« Jack schnipste ein paar Zentimeter vor ihrer Nase mit den Fingern. »Bleib bei mir. Es ist schon spät, und ich sitze jetzt seit, wie lange?, neun Stunden hinter dem Steuer? Ich drehe durch, und du hattest wirklich genug Zeit für dich in deinem kleinen Köpfchen. Komm schon, aufwachen. Sprich mit mir.«
»Er fehlt mir«, sagte sie.
Sie konnte hören, wie er die Augen verdrehte. Er sagte: »Summer … mach nicht …«
»Mach ich nicht, Jack.« Sie drehte sich weg. Ihr Atem kondensierte auf ihrer Seitenscheibe. Sie hob einen Finger, um etwas zu malen, verharrte aber kurz vorher. Sie hatte keinen Schimmer, was sie schreiben oder malen sollte. »Ich sag doch nur, dass ich ihn vermisse.«
Er seufzte. Zum ersten Mal nahm er den Blick von der Straße, hob eine zitternde Hand vom Lenkrad. Summer wusste nicht, ob er sie ausstreckte, um ihr über den Kopf zu streichen oder ihr auf die Schulter zu klopfen oder sie womöglich zu würgen, aber stattdessen griff er in die Brusttasche seines Flanellhemds und kramte ein zerknittertes Päckchen Kippen heraus. Er klopfte eine heraus und bot sie ihr an, aber sie lehnte dankend ab. Auf der Fahrerseite flackerte es mordsmäßig orange, während Jack mit dem Feuerzeug kämpfte, bis er schließlich eine Flamme zuwege brachte. Er zog bedächtig an der Zigarette und atmete genauso wieder aus. Einatmen, ausatmen.
»Weißt du«, sagte sie, »lieber würde ich seinen Namen nicht mehr aussprechen. Also, eigentlich, von jetzt in diesem Augenblick an werde ich seinen Namen nie wieder aussprechen. Hörst du mich?«
»Wär mir mehr als nur recht, wenn’s denn nur stimmen würde.«
»Tut es, und du wirst schon sehen.« Sie saß bewegungslos da, solange sie konnte. Sie starrte eine ganze Weile auf die Straße hinaus, wo die Namen von Städten auf Schildern am Straßenrand auftauchten. Namen wie San Augustine und Macune. Chireno und Etoile. Städte, die eigentlich nur Tankstellen an Kreuzungen von Highways sein konnten, geöffnet oder geschlossen, meistens jedoch geschlossen, und Plakatwände, die schon vor langer Zeit hätten überpinselt werden sollen. Wachende Kiefern reckten sich tief in die Nacht wie gekrümmte Finger, sperrten Mond und Sterne aus, ließen kein Licht durch und auch keines hinaus. Das alles betrachtete Summer und wünschte sich, es gäbe mehr, aber da war nichts, also sprach sie.
»Aber eine Sache hat der Mann, dessen Namen ich nicht sagen werde, immer zu mir gesagt, nämlich dass es keinen Sinn hat, traurig zu sein, wenn es doch auf diesem Planeten so viele andere Dinge gibt, die man sein kann.«
»Der Typ war ja richtig poetisch.«
»Für jemanden wie dich mag sich das einfältig anhören«, sagte sie, »aber wenn man mal richtig analysiert, dann ist es eigentlich sehr klug.«
»Davon bin ich überzeugt.«
»Ich weiß, dass du ihn nie mochtest«, grummelte sie, »aber du kanntest ihn ja gar nicht richtig. Nicht so wie ich. Er hat gesagt, ich wäre der einzige Mensch, dem er je begegnet ist, der keine Angst vor ihm hatte.«
»Ich hatte keine Angst vor ihm.«
»Deine Stimme klingt aber ganz anders.«
»Ich sag’s dir, ich hatte keine Angst vor dem.« Draußen vor Jacks Fenster raste die Welt in einem verschwommenen Flecken aus Sternenlicht und Straßenlaternen vorbei. »Ich hab ja teilweise nur so getan, als würde der mich einschüchtern.«
»Das hast du echt super hinbekommen.« Ihre Stimme klang wie mit Lametta behangen. »Vor allem dann, wenn er vorne reingekommen ist und du dich hinten rausgeschlichen hast.«
»Jede Wette, die Hälfte von dem, was man sich über ihn erzählt hat, war gelogen.«
»Wie viel?«
»Wie viel was?«
»Wie viel würdest du wetten?«
Jack leckte sich über den Mund. »Ich würde das ganze Kilo unter dem Sitz hier drauf wetten, dass er nie wegen Mord gesessen hat. Ich würde wetten, das hat er sich alles nur ausgedacht, damit die Leute ihn ernst nehmen. Dieses eine Tattoo, das er da über dem Ellbogen hatte … Du erinnerst dich?«
»Ich erinnere mich bei ihm an jeden einzelnen Zentimeter.«
»Er hat gesagt, das bekommt einer in den Aryan Nations, wenn er irgendwen für die Sache umgelegt hat. Und mit irgendwen meinen die …«
»Ich weiß, was die meinen.«
»Ich muss dir sagen, ich hab’s gegoogelt, und das war kein Aryan-Tattoo«, sagte Jack. »Das ist nur irgendein Scheiß, den er und ein paar besoffene Proleten sich mit einer Sicherheitsnadel und Tusche in den Arm geritzt haben, und jetzt versucht er’s so hinzustellen, als wär er ein knallharter Typ, und ihr Kids habt das begierig aufgeschlabbert. Manchmal sind Leute so voller Scheiße …«
Sie verschränkte die Arme. »Er hat nicht besonders viele Leute nah an sich rangelassen, nicht so nah wie mich. Deshalb haben auch eine Menge Leute … Hey, Jack, würdest du bitte mal langsamer fahren?«
»Würdest du mir bitte nicht vorschreiben, wie ich zu fahren habe?«
Sie sagte: »Unter deinem Sitz liegt ein Kilo Koks, und du fährst 30 über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit.«
Jack fuhr langsamer. Er schob sich nervös die schweißnassen Haare aus dem Gesicht. Summer bemerkte erst jetzt, dass er seinen Gürtel und den Hosenstall nicht geschlossen hatte. Sie musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen.
»Du hast vorhin wieder einen deiner Anfälle gekriegt, stimmt’s?«, fragte sie. »Auf dem Klo von der Tankstelle?«
»Summer, bitte …«
»Du tust so, als ging’s dir am Arsch vorbei, als wär ich hier diejenige, die immer wegen allem austickt. Das Rausschleichen mitten in der Nacht, die ständig neuen Namen und die Lügen und die dauernden Blicke über die Schulter, das alles perlt von dir ab wie das Wasser von einer Ente, aber diese Anfälle, die du kriegst, die sprechen eine andere Sprache.«
»Wenn alles egal ist«, sagte er mit krächzender Stimme, »dann würde ich lieber gern über was anderes nachdenken. Über egal was, um ehrlich zu sein.«
Summer nickte. »Schön. Nicht drüber zu reden, macht’s auch nicht besser, aber ganz wie du willst.«
»Du bist nicht die Einzige, die jemanden verloren hat«, brummte Jack.
»Oh-ho!« Jetzt verdrehte Summer die Augen. »Jede Wette, du könntest dich nicht mal an ihren Namen erinnern, wenn du dich anstrengst.«
»Sie hieß Michelle, und sie fehlt mir wie nur was. Wir hatten was ganz Besonderes, und ich fürchte, ich hab ihr vielleicht das Herz gebrochen. Man weiß ja nie, was so was mit einem Menschen anstellen kann.«
»Sie ist noch jung, sie wird drüber wegkommen.« Summer drehte Däumchen. Vor der Windschutzscheibe verfärbte sich der Himmel prächtig violett. Und die Sonne ging auf. »Außerdem«, sagte sie, »wenn ihr zwei so was Besonderes laufen hattet, wärst du doch nicht mit ihrem Studentenkredit verduftet, oder?«
Jack nahm den letzten Zug von seiner Kippe und schnipste sie dann durchs Fenster hinaus. Er kurbelte es nicht wieder hoch, sondern ließ stattdessen den Wind durch die Öffnung hereintoben.
»Summer«, sagte er, als er schließlich wieder sprach, »die ganze Scheiße liegt jetzt im Rückspiegel, und da sollte sie auch bleiben. Vor uns liegt eine einmalige Chance. Wir können beide noch mal ganz von vorne anfangen, ein sauberer Neustart. Wie viele Leute kriegen so eine Chance? Ich schlage vor, wenn wir nach Lufkin kommen, dann lassen wir all unsere Probleme und Sorgen auf der anderen Seite der Grenze zurück, lassen die harten Zeiten einfach hinter uns. Denn von nun an herrscht nur noch eitel Sonnenschein.«
»Glaubst du?«, fragte Summer flüsternd.
»Ich weiß es.«
Jack lehnte sich zurück und schob einen Arm um ihre Schultern. Sie schmiegte sich an ihn, fühlte sich plötzlich warm und geborgen. Aber an der Tür lauerte auch eine Kälte. Eine, die niemand, nicht mal Jack Jordan, abwenden konnte. Also saß sie still da und inhalierte seine Gerüche: die Zigarette, seinen Schweiß, den frischen Gestank von Panik. Sie passte sich, so gut es ging, an den Rhythmus seines unregelmäßigen Atems an. Auch wenn sie es nicht laut aussprechen konnte, wenn sie es nicht über ihre Lippen kommen ließ, würde sie es doch im Kopf wieder und immer wieder wiederholen.
Würde es da drinnen so laut sagen, dass sie manchmal gar nichts anderes mehr hören konnte.
Nur seinen Namen.
Wieder und wieder.
Scovak.
Scovak.
Scovak …
Summer glaubte ihm nicht, aber Jack war überzeugt, dass es klare und verbürgte Regeln fürs Untertauchen gab.
Sich niemals mit jemandem aus der Vergangenheit in Verbindung setzen. Schlafende Hunde soll man nicht wecken.
Wenn man die Staatsgrenze überquert hat, bleibt man schön auf der anderen Seite.
Gib niemandem einen Grund, deine Geschichte infrage zu stellen. Das bedeutete, nach Möglichkeit keine wilden Geschichten zu erzählen. Keine unnötigen Einzelheiten und nichts, das sich lohnen würde nachzuforschen.
Und so oft wie nur möglich bar bezahlen.
Das momentane politische Klima war nicht gut für Leute, die zwielichtige Sachen mit Kreditkarten und Identitäten abzogen, also hielt man sich am besten bedeckt. Es hatte keinen Sinn, sich für einen schicken Apartmentkomplex in der Stadt zu bewerben und sich anschließend Leumundsprüfungen, Kreditauskünften und den gewissenhaften Blicken eines Geldverleihers auszusetzen.
Nein, besser man fand auf Craigslist ein Landei, das einen Trailer vermietete.
Sie trafen sich am Fußende einer völlig zugewucherten und mit Kiefern bestandenen Sackgasse. Die Frau hieß Debbie Delco, und sie liebte Jesus. Zumindest sagte sie das. Sie musterte ihn und Summer skeptisch, dann verzog sie das Gesicht, als hätte sie gerade auf eine Zitrone gebissen. Sie rümpfte die Nase und meinte zu Jack: »Sie sollten wissen, dass wir hier von wilden Ehen nicht sonderlich viel halten. Ich fürchte, das bringt einfach nichts. Kann ja sein, dass die Leute in Dallas und dem Rest des Landes liberaler geworden sind, aber hier bei uns in Lufkin achten wir immer noch darauf, was gut und richtig ist und schwarz auf weiß auf den Seiten der King James geschrieben steht.«
»Genau wie wir«, erwiderte Jack ungerührt. »Sind selbst Presbyterianer. Schon seit sechs Generationen. Das hier ist meine Schwester Summer, und Mom hat es für das Beste gehalten, wenn wir beide zusammenleben, damit wir einerseits so viel Geld wie nur möglich sparen und andererseits gegenseitig auf uns aufpassen können.«
Jack zwinkerte, deutete dann mit dem Daumen über die Schulter auf Summer. Sie hüpfte auf und ab und breitete die Arme aus, dann rannte sie auf der Straße herum wie in einem abgedrehten Commercial für kalifornische Rosinen. Sie schlurfte zum Trailer und fiel vor der Holzpalette, die quasi als Veranda diente, auf die Knie. Sie umarmte den Boden, auf dem sie kniete, und gab glückliche kleine Laute von sich … quiecks … quiecks … quiecks.
Jack sagte: »Sie braucht … besondere Aufmerksamkeit, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
Summer brach vor einem Löwenzahn zusammen. Sie schützte die Blume mit den Händen vor der Nachmittagssonne.
»Gott schütze die Kleine«, sagte Debbie Delco.
»Mein Name ist Jack Jordan.«
Debbie Delco ergriff seine angebotene Hand und wischte ihre anschließend an ihrer Hose ab, während sie ihn mit ihrem besten Sonntagslächeln anstrahlte.
»Und er soll auch Sie schützen, wo Sie sich so gut um Ihre Familie kümmern.«
»Na jaaa …« war alles, was er dazu sagte. Er zog den Kopf ein, als reagierte er womöglich allergisch auf ein freundliches Wort. »Was halten Sie davon, wenn wir uns jetzt mal über den Trailer unterhalten?«
»Es ist ein Light House«, sagte sie und gestikulierte über die Vorderseite des Dings. »Mein Daddy hat ihn vierundfünfzig neu gekauft und behalten, bis er zweiundvierzig Jahre später starb. Seitdem haben meine Momma und ich ihn an Leute vermietet, die pünktlich zahlen können, solange es keine Mexikaner waren. Ich bin hier erst irgendwann in den Achtzigern weggezogen. Ich muss Ihnen das sagen, denn wegen der Lage bin ich es gewohnt, Leute kennenzulernen, die sich an herausfordernden Punkten ihres Lebens befinden.« Sie beugte sich dicht zu ihm, um flüsternd hinzuzufügen: »Normalerweise verlassen sie dieses Light House auf eine von zwei Arten. Entweder schließen sie sich der Kirche ihrer Wahl an, oder sie machen sich eines schönen Tages aus dem Staub.«
Jack nickte ernst. Er wollte schon etwas sagen, wurde aber von einem vorbeifahrenden Zug übertönt; die Gleise waren so nahe, dass die Fensterscheiben vibrierten.
»Der Trailer ist aber nicht ganz so, wie’s im Internet ausgesehen hat«, meinte Jack.
»Nichts ist in Wirklichkeit so, wie’s im Internet aussieht«, erwiderte sie. »Sie erwarten doch wohl nicht von mir, dass ausgerechnet ich diese Tatsache ändere, oder?«
»Ich sag ja nur«, sagte Jack. Falls diesem Gedanken noch etwas hinzuzufügen war, behielt er es zumindest für sich.
»Ich will die Miete für den laufenden und den nächsten Monat im Voraus«, sagte sie. »Und die Kaution. Bar.«
»Kein Problem«, antwortete er. Aber das sagte er zu dem zwei Meter hohen Gestrüpp auf der hinteren Hälfte des Trailers, der Hälfte, die zu einem Kackbraun verrostet war.
»Und für die Instandhaltung sind Sie auch zuständig«, sagte sie. »So steht’s in der Anzeige. Haben Sie ja bestimmt gesehen.«
Er nickte und schluckte. Die Rädchen in seinem Kopf rasten.
»Alles gut«, sagte er, »solange die Klimaanlage funktioniert.«
»Die funktioniert.« Sie stand reglos da wie eine Statue. »Können Sie im Haus auch mal was selbst machen?«
»Hab zwei linke Hände.«
»Wenn das so ist, kann’s sein, dass sie nicht immer funktioniert«, sagte sie. »Ist das ein Problem?«
»Nicht, wenn Sie bereit sind, ein paar Hundert mit der Miete runterzugehen.«
»Auf keinen Fall.«
Jack seufzte. »Schätze, dann ist es wohl kein Problem.«
»Wollen wir mal einen Blick hineinwerfen?«, fragte sie und ging voraus.
Summer erwartete sie an der Tür, hüpfte wie ein verliebtes kleines Mädchen auf der Holzpalette auf und ab. Als Jack zu ihr trat, ergriff sie seine Hand und drückte sie auf ihr Herz. Debbie machte ein finsteres Gesicht, und Jack zuckte unter ihrem bösen Blick zusammen.
»Sie ist meine Halbschwester«, erklärte Jack. »Verschiedene Daddys. Keine Ahnung, was hier bei euch legal ist und was nicht, aber ich weiß, was in der Bibel steht, und allein daran halte ich mich.«
Debbie Delco nickte, aber das hatte nichts zu bedeuten. Sie öffnete die Tür und folgte den beiden in den Trailer.
»Das Ding hier ist mit all den Sachen möbliert, die Leute über die Jahre zurückgelassen haben«, erklärte sie ihnen. »Das kleine Sofa da drüben stammt von einem Schreiner, der Arbeit suchte. Von einem Reiseprediger, der versucht hat, hier eine Kirche der Pfingstbewegung zu gründen, und damit vor die Wand gefahren ist, stammt der Küchentisch und eine Handvoll wild zusammengewürfeltes Besteck. Das Bett unten hat ein gescheiterter Schriftsteller vergessen. Das ganze Ding ist ein Mosaik ausrangierter und abgetragener Sachen.«
Jack fuhr mit dem Finger über einen wackligen Metallbücherschrank und wischte den Finger dann sofort am Rücken eines ramponierten Kunstledersessels ab.
»Es gibt eine obere und eine untere Etage«, sagte Debbie, mehr zum Wohnzimmer als zu Jack und Summer, »aber passen Sie auf Ihren Kopf auf. Die untere Etage ist ein bisschen niedrig.«
Diese Bemerkung hätte sie sich schenken können. Jack, so klein wie er war, konnte aufrecht stehen und musste den Kopf nicht einziehen, als er das beengte Wohnzimmer und die winzige Küche durchquerte, um die Treppe hinaufzusteigen, zuerst zum vorderen und dann zum hinteren Schlafzimmer. Er blieb betont lange bei dem lockeren Brett der untersten Stufe stehen und deutete auf die verschimmelte Fliese in der Ecke des Badezimmers. Das vergammelte Linoleum vor der Wanne. Er hatte nicht übel Lust, der guten Miss Debbie Delco zu sagen, er sehe sich lieber in der Stadt um, aber Summer gestikulierte auf die Wände und Böden des winzigen Trailers.
»Hier will ich schlafen«, sagte sie und zeigte auf das hintere Schlafzimmer. »Und unten kannst du in deinem Sessel schmollen, während du deinen Bourbon trinkst und deine Kraftausdrücke übst.«
Debbie Delco hob eine Augenbraue und kniff die Augen zusammen. Lautlos rezitierte sie die Heilige Schrift, während Jack Summer in scharfem Ton etwas zuraunte. Danach wandte er sich lächelnd wieder Debbie zu und war bereit, Scheiße zu fressen.
»Wir sind begeistert«, sagte er. »Wann können wir einziehen?«
Kaum war Debbie Delco von der staubigen Fläche vor dem Trailer verschwunden, da machte sich Jack auch schon an die Arbeit. Er holte die Bibel unter dem Fahrersitz hervor und ließ sich damit im Schneidersitz auf dem Boden des schmuddeligen Wohnzimmers nieder.
Er starrte immer noch darauf, als Summer bei ihrem dritten Gang zu und von dem Auto hereinkam, Kleidung, Bücher und anderen Kram in den Armen.
»Willst du da sitzen bleiben und es anstarren, als wär’s irgendwie heilig, oder kommst du auch mal in die Puschen?«
Jack riss sich zusammen. Mit zitternden Händen schlug er das Buch auf. Er schlug die dünnen Seiten um, zuerst eine nach der anderen, dann Dutzende, und schließlich große Abschnitte, überflog Verse, Kapitel, ganze Evangelien, bis er ungefähr beim Buch der Richter angekommen war, wo mit einem Mal die Seiten ausgeschnitten und die Mittelteile der Blätter entfernt worden waren, das Buch ausgehöhlt und durch ein Kilo Kokain in Schrumpffolie und Papiertüte ersetzt worden war.
Jack packte es aus, als wär es das letzte Weihnachtsgeschenk, das er je bekommen würde. Als wäre er sich bewusst, dass die Zeit vorher und die Zeit nachher auf immer in Bezug auf diese Augenblicke definiert sein würden, in denen er sich gerade befand.
Hinter ihm ließ Summer zwei Müllsäcke voller Klamotten auf den Boden fallen.
»Es sieht immer kleiner aus, als ich es in Erinnerung hab«, sagte sie. »Ein Kilo.«
Sie sprach das Wort wieder und wieder aus. Und jedes Mal kam es ihr fremder vor als zuvor.
»Kilo. Kilo. Kilo.«
Jack zog ein Taschenmesser aus seinem Stiefel und schnitt die Schrumpffolie weg. Er atmete kurz ein, hielt die Luft an, zerteilte dann das Kilo in zwei Hälften, oder doch zumindest so gut es eben ging. Eine ganze Menge krümelte auf die Plastikfolie darunter.
»Das Zeug ist total komprimiert«, sagte Jack. »Ich werde einen Presslufthammer benötigen, um das Mistding zu zerkleinern.«
Summer lag mit gespreizten Gliedern auf dem Linoleumboden der Küche, keinen halben Meter entfernt. Sie schlug die Arme an ihre Seiten und öffnete sie wieder, machte kleine Schneeengel in den Staub und Dreck.
»Wie willst du es durchziehen?«, fragte sie.
Jack war viel zu sehr mit den Rätseln in seiner Hand beschäftigt, um sie zu hören oder, falls doch, ihr zu antworten. Er rechnete im Kopf. Dort verkaufte und kaufte er ganze Weltreiche.
»Hast du mich gehört?«, fragte Summer. »Ich hab gefragt, wie du es durchziehen willst.«
»Wie meinst du das?«
»Du und ich.« Sie saß reglos da und zählte die Deckenpaneele. Eins … drei … sieben. »Wie willst du es hier, du weißt schon, in der Stadt machen?«
»Ich komm nicht mit …« Er strich mit der Klinge des Taschenmessers über den schartigen Rand des halbierten Kilos. Ein Bröckchen flog in eine Ecke, gegen die Stufe mit dem lockeren Brett. »Was meinst du mit ›wie ich es durchziehen will‹?«
»Ich meine, wir haben schon alles Mögliche gemacht. Bruder und Schwester. Unten in South Carolina haben wir gesagt, wir wären uns als Fremde begegnet. Wir können es total unterschiedlich durchziehen, also, was hast du dir überlegt, wie wir es hier in Lufkin machen?«
»Wir haben der Vermieterin doch schon gesagt, dass wir Bruder und Schwester sind.«
»Ja, aber ich mach jede Wette, wir werden diese Vermieterin im Leben nicht mehr wiedersehen, solange wir pünktlich zahlen.«
»Gutmenschen haben so eine Art, immer mal wieder unerwartet aufzukreuzen.« Jack wischte sich den Schweiß von seinen Händen, dann machte er sich wieder daran, das Kilo weiter mit dem Taschenmesser zu bearbeiten. »Lass dich von Leuten wie dieser alten Vermieterin nicht täuschen.«
Summer stieß ein verächtliches Lachen aus. »Außerdem, wenn du mal einen Blick auf unsere Ausweise wirfst, siehst du, dass wir aus unterschiedlichen Orten kommen. In deinem steht Amarillo, und in meinem steht …« – sie kramte ihn aus der Gesäßtasche ihrer Cordhose und sah ihn an – »… Duncanville, Texas. Ich weiß nicht mal, wo das überhaupt ist.«
»Ich hab’s im Atlas nachgesehen. Es liegt südlich von Dallas.« Er sah sich im Zimmer um. »Hey, ich glaube, ich sollte besser Gummihandschuhe tragen.«
Summer kroch auf allen vieren zu ihrem Rucksack und kramte darin herum, bis sie eine kleine Dose fand, die sie Jack über den Boden zuschob. Darin befand sich alles, was er brauchte: eine digitale Waage, kleine Beutel, größere Beutel. Gummihandschuhe. Ein Paar davon schlug er auf sein Handgelenk, wodurch sich eine Wolke Talkumpuder erhob.
Sie setzte sich auf und schaute ihm einen Moment lang zu, bevor sie sagte: »Es ist nur … Ich dachte, diesmal würden wir’s ein bisschen anders durchziehen. Vielleicht könnten wir es dieses Mal, nur dieses eine Mal, so durchziehen, als wär ich deine Freundin.«
»Das können wir nicht, Summer.« Er sah nicht mal von der Waage auf.
»Hör mir doch einfach mal zu, Jack.« Sie erhob sich auf die Knie und legte die Hände auf ihre Oberschenkel. »Wir haben’s schon auf alle möglichen Art gemacht, alles Mögliche, nur nicht das eine. Wir sollten es mal probieren. Du weißt schon, nur ein Mal.«
»Das ist keine gute Idee«, sagte er.
»Bitte … Wir müssen ja nicht miteinander vögeln. Du musst nicht mal in mich verliebt sein. Du kannst es sogar hinter meinem Rücken treiben. Hörst du mich, Jack? Du darfst mich sogar betrügen.«
Jack hörte mit dem auf, was er gerade machte. Sein Blick pendelte zwischen den größeren Beuteln und den kleineren. »Meinst du, ich krieg da ’ne Unze rein?«
»Mach nicht so große Portionen«, sagte sie. »Mach lieber Eightballs.«
»Hör auf damit«, sagte Jack. »Ich renn doch nicht durch die Stadt und verticke Eightballs. Ein Kilo hat ja fast dreihundert Eightballs. Wir würden doch ein Jahr brauchen, so viele Eightballs zu verticken.«
»Zweihundertfünfundachtzig« sagte Summer. »Das heißt, sofern du es nicht ein bisschen streckst. Ich schlage vor, wir strecken das Zeug ein bisschen und machen vierhundert draus. Ich hab die Vitaminpillen in der Shampooflasche.«
»Wir werden niemals vierhundert Eightballs verticken können, Summer. Das schreit ja geradezu nach Ärger.«
»Was nach Ärger schreit, kann ich dir sagen. Mit Unzen Koks in der Tasche herumlaufen, das schreit nach Ärger«, sagte Summer. »Komm schon, Jack. Das weißt du doch selbst. Wir sind Fremde in dieser Stadt. Wenn wir rumlaufen und Leute fragen, ob sie eine Unze kaufen wollen, signalisieren wir für die doch sofort Ärger. Nein, man fängt klein an. Grammportionen, Eightballs … Man muss Geduld haben. Dann dauert’s nicht lange, bis irgendwer sagt: ›Hey, ich wünschte, ich hätte jetzt ’ne Unze‹ oder ›Mann, ich hab zufällig gerade fünfhundert Mäuse und absolut keinen Schimmer, was ich damit anfangen soll.‹«
»Ich würde gern mal sehen, was passiert, wenn wir es diesmal ein bisschen anders angehen«, sagte er. Trotzdem griff er nach den kleineren Beuteln. »Vielleicht gewinnen wir ja mal eine andere Kundschaft als normalerweise.«
»Apropos anders …« Sie brachte ihre Beine nach vorn und setzte sich in den Schneidersitz, machte ihn unbewusst nach. »Vielleicht könnten wir ja diese andere Kundschaft gewinnen, wenn wir als Pärchen auftreten. Denk mal drüber nach, wir könnten Abende für Pärchen veranstalten und Gesellschaftsspiele spielen oder solche Sachen. Könnte doch ganz nett sein.«
»Vergiss es, Summer«, knurrte Jack. »Wir haben auch so schon genug am Hals, da können wir auf eine Beziehung gut verzichten. Das bringt nur …«
»Ich mein ja auch keine echte Beziehung, Jackie«, sagte sie. »Wir tun ja nur so als ob. Wir geben uns den Anschein. Wie wir’s immer machen, nur diesmal eben ein bisschen anders. Anders, weil ich diesmal echt keinen Bock hab, mit irgendwem zu gehen, du weißt ja, wie’s läuft. Diese dreckigen Hippietypen bilden sich immer gleich ein, sie hätten einen besonderen Draht zu mir, nur weil sie mit mir abhängen dürfen, und weil ich ja so ein Freigeist bin, bla, bla, bla, und der logische nächste Schritt ist, dass sie meinen, sie müssten mich mit ihrem kleinen Pillermann beglücken, und eh du dichs versiehst, wollen sie mir vorschreiben, wohin ich gehen kann und mit wem ich nicht reden darf. Nein, Jack … dazu bin ich im Moment nicht in der Lage. Nicht so bald. Nicht nach …«
»Ich dachte, du wolltest seinen Namen nicht mehr aussprechen.«
»Aber, Jackie, es tut weh …« Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
»Es tut nur weh, weil du es zulässt.« Er hielt ihr den Zeigefinger unter die Nase, als wär er so was wie ihr Daddy oder noch besser, ihr Stiefdaddy. »Also, lass es einfach.«
Summers Unterlippe bebte.
»Du hast nur den Blues, das ist alles«, sagte Jack. »Kopf hoch. Und ich weiß, was dich aufmuntern wird.«
Er kratzte mit dem Messer an der Ecke des größeren Blocks, bis sich ein winziges Häufchen auf der Spitze der Klinge gesammelt hatte.
»Du hast gesagt, diesmal lassen wir die Finger davon, machen so was nicht mehr«, sagte Summer, reckte die Schultern und strich sich die Haare hinter die Ohren. »Du hast gesagt, diesmal verlieren wir nicht den Kopf.«
»Zur Feier des Tages«, sagte er.
»Was feiern wir denn?«
Jack hielt das Messer vor sich, bot es ihr zuerst an. »Wir wollten nicht aus South Carolina weg.«
Er sah sie fest an, bis sie schließlich fortschaute. Den Blick senkte, verdammt, als wär sie ein Hund, der dabei erwischt worden war, wie er auf den Teppich oder aufs Bett pinkelte.
Jack sagte: »Aber wir sind weg, Summer. Und jetzt sind wir hier, fangen noch mal von vorne an, und ich glaube, das ist schon eine kleine Feier wert. Etwas, um dich aufzumuntern, und damit wir einen guten Start hinlegen.«
Summer hielt das Kokain vor ein Nasenloch, dann hielt sie das andere zu und saugte es durch die kaputte Nasenscheidewand hoch. Um ihr nicht in die Augen sehen zu müssen, schabte Jack sich mit dem Messer auch eine Ladung ab – nur ein bisschen, ein klitzekleines bisschen –, und vielleicht beschäftigte er sich ein bisschen zu lange damit, denn Summer schlug seine Hand fort und zog das Kilo mehr auf ihre Seite des Raums. Geschichte war die niedergeschlagene Summer, weg die trottelige Maus. Summer war jetzt ganz Geschäftsfrau. Summer hatte einiges zu verlieren. Jack strich mit dem Finger über sein Zahnfleisch und schaute zu, wie Summer, die eine ruhigere Hand und ein besseres Auge hatte, Reste von der Plastikfolie, aus der Papiertüte, vom Boden sammelte und es dann in kleinen Portionen auf die digitale Waage fallen ließ. Drei Komma zwei Gramm. Drei Komma vier. Bingo. Sie war gut. Sie war schon immer gut gewesen. Er sah zu, wie sie zwei Eightballs abwog. Drei Eightballs. Fünf. Schaute zu, wie sie zum Ende kam, den Rest in eine größere Tüte wischte, in die Tüte, in der auch die beiden Hälften des Blocks lagen, beide schon etwas kleiner geschnitzt, aber immer noch Everests. Grand Canyons. Chinesische Mauern. Dann packte sie alles wieder in die ausgehöhlte Bibel, wo der Block versteckt gewesen war. Sie erledigte das alles so gründlich und präzise, dass es ihm auf die Eier ging. Mit »es« war das Kilo Koks gemeint, in all seinen Einzelteilen, die Bibel in der Papiertüte, verstaut unter der lockeren Bodendiele am Fußende der Treppe, diejenige, die er gelöst und sich dabei fast den verdammten Finger abgetrennt hatte, und er begriff, was für ein Idiot er doch war, was für ein blöder, dummer Idiot, weil er diese negativen Gefühle gegenüber etwas so Unschuldigem wie einem Kilo Koks hatte, und er wünschte sich, er könnte stattdessen Summer mit einem Hammer den Schädel einschlagen.
»Sei vorsichtig, wie viel du davon nimmst«, mahnte Summer. »Du weißt ja, was dann mit dir passiert.«
Jack fixierte sie mit zusammengekniffenen Augen. »Du tust ja gerade so, als würden wir zum allerersten Mal Koks verticken.«
»Ich rede mit dir, als wär’s das erste Mal, dass wir ein Kilo verticken.«
Summer packte das Portionierbesteck und die Shampooflasche mit B12 zu der Bibel voller Kokain in das Loch am Fußende der Treppe. Sie legte die Diele darüber, dann lehnte sie sich zurück, um ihr Werk zu begutachten. Ein Augenblick verstrich, und bald merkte Jack, dass sie nicht lachte, sondern schluchzte.
»Summer, lange kannst du aber nicht mehr so weitermachen«, sagte er. »Kein Mensch will eine Geschichte über ein Mädel hören, das sich wegen einem Kerl ausheult, den es nicht mehr haben kann.«
»Ich weiß.« Sie wischte sich mit dem nackten Unterarm über die Nase. »Es ist nur … Es ist nur … Na ja, ich weiß nicht mehr, wer ich eigentlich bin.«
Jack hörte sie atmen. Ein leises Pfeifen beim Einatmen, ein raues Keuchen beim Ausatmen. Er kroch einen halben Meter von der Treppe weg, in die winzige Küche, wobei er mit der Schulter gegen die eine Wand stieß und mit dem Knie gegen die andere. Ihr Kinn war seltsam kalt, als er es zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und ihr Gesicht drehte, damit sie ihn anschaute. Ihre blassblauen Augen sahen durch ihn hindurch und auf der anderen Seite hinaus.
»Ich weiß, wer du bist, Summer. Spielt das keine Rolle?«
»Oh doch, das tut es, Jack. Du hast ja keine Ahnung.«
»Gut.« Er stand auf. Wie ein Herr ragte er über ihr auf.
»Jackie?«
»Ja?«
»Kannst du’s mir sagen?«
»Was soll ich dir sagen?«
Summer machte winzig kleine Atemzüge.
»Kannst du mir sagen … wer ich bin?«
Jack atmete lang und tief aus. Sie saß vor ihm, wie eine Aussätzige, und er beugte sich vor, um mit einer Hand ihren Kopf zu tätscheln, während er mit der anderen die beiden Beutel mit Eightballs von ihrer Handfläche klaubte. Er ließ sie vor ihren Augen baumeln, als wär’s Weihnachtsbaumschmuck.
Jack sagte: »Du bist diejenige, die mir helfen wird, dieses Kilo Koks an einen Haufen Collegekids zu verticken.«
Jack Jordan sagte im einen Moment solche Dinge zu ihr wie: Da steckt Wissenschaft hinter, und im nächsten sagte er: Komm schon, Summer, das ist doch keine Gehirnchirurgie. Bevor sie in eine neue Stadt kamen, setzte er sich mit ihr zusammen und analysierte jeden einzelnen Schritt, den sie unternommen hatten, als wäre er der Einzige, der so was je gemacht hätte. Er redete dann von den Daten, die er gesammelt hatte, oder er versuchte, einen Zusammenhang herzustellen zwischen der Höhe ihrer Einnahmen und der Menge Ärger, den sie verursacht hatten. Aber ehrlich gesagt, standen sie beide in dem gleichen schwankenden Boot. Sie handelten beide aus dem Bauch heraus.
Summer wusste es besser: Das alles hatte gottverdammt gar nichts mit Wissenschaft zu tun.
Falls es in dieser Branche überhaupt so etwas wie ein Erfolgsrezept gab, dann lief es Summers Meinung nach auf so etwas hinaus wie Sei ein guter Mensch oder Sei dir immer selber treu, aber sogar sie durchschaute diesen Bockmist. Kein Mensch war irgendwas oder irgendwem treu, am allerwenigsten sich selbst.
Jack, Gott segne ihn, hatte nicht denselben Kopf dafür wie sie. Oh, er hatte ein hübsches Gesicht und machte sich super in einem Nachtclub oder in einem Seminarraum am College oder an irgendeinem vornehmeren Ort. Er hatte einen Kopf für Zahlen und trickreiche Machenschaften wie zum Beispiel Marketing oder Branding, aber steck ihn in einen Raum mit mehr als zwei Leuten und einem Haufen Drogen, und schon war er aufgeschmissen. Allein. Er bekam Schweißausbrüche oder fing an, wie verrückt herumzuzappeln. Er machte dicht, und mit einem Mal wurde er von Haien umkreist. Und im Nu war er fette Beute. Unter anderem aus diesem Grund bestand Jack darauf, dass er im Trailer blieb, während Summer loszog, um ihren Geschäften nachzugehen.
»Ich glaube kaum, dass deine Freunde sehr viel Wert auf meine Anwesenheit legen«, sagte er, als er sich aufs Sofa fallen ließ, nachdem sie ins Wohnzimmer zurückgekehrt waren. Er griff darunter und holte ein kleines Tablett mit Stängeln und Samen hervor, wobei seine Hand vielleicht ein wenig zitterte. »Wenn’s dir egal ist, warte ich lieber hier, während du unterwegs bist und ihnen diese Eightballs vertickst.«
»Ist doch erst eine Woche«, sagte Summer. »Die kennen dich doch kaum.«
»Also werden sie mich auch nicht vermissen, wenn ich zu Hause bleibe und mir was reinziehe.«
Summer verdrehte die Augen. »Ich bin nicht blöd, Jackie. Du hast überhaupt nicht vor, zu Hause zu bleiben. Ich mach jede Wette, ich bin noch nicht ganz die Straße runter, da hast du dich schon angezogen und bist auf dem Weg zu diesem Enchilada-Schuppen, um diese Kellnerin anzubaggern. Seit wir nach Lufkin gekommen sind, haben wir jeden Abend da gegessen, und ich weiß doch, dass du gar nicht auf mexikanisches Essen stehst. Du bist hierher zurück, weil du sie wiedersehen wolltest. Gib’s doch zu.«
»Ich bin zurück, damit sie nicht checken, dass wir den Stoff dabeihaben«, sagte Jack. »Du weißt doch, jeder will ein Koksdealer sein, aber Koks verkaufen will keiner.«
Summer stolperte beinahe über ihre eigenen Füße angesichts von Jacks Klugheit.
»So ziemlich das Letzte, was wir benötigen«, fuhr er fort, »ist doch, dass das Telefon rund um die Uhr klingelt, weil irgend so ein Redneck es nicht auf die Kette gekriegt hat, seinen Abend vernünftig zu planen.«
»Aber so laufen leider die Geschäfte.«
