Das Schöne, Wahre und Böse - Jakob Bodan - E-Book

Das Schöne, Wahre und Böse E-Book

Jakob Bodan

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Beschreibung

Zwei Männer wollen Kanzler werden - nur einer überlebt. Und zwei Frauen ahnen nicht, worauf sie sich eingelassen haben. Wie in der feinen Gesellschaft Geld in Macht verwandelt wird, ist ein atemberaubendes Lesevergnügen. Ein schillernder Polit-Elite-Thriller aus weiblicher Perspektive. Der Tote in der Wanne eines mondänen Schweizer Grandhotels entfacht in Berlin einen politischen Orkan. In ihrem Zentrum die Fotoreporterin Constanze Behrenberg. Je mehr sie enthüllt, desto stärker wird sie selbst davon erfasst. Und sie muss sich entscheiden zwischen Karriere und Freundschaft zu Freia. Die junge Hotelangestellte hat sich ausgerechnet in einen Mann verloren, der Kanzler werden will - mit allen Mitteln. Ist die Liebe stärker als die Macht? Die beiden Frauen geraten in Teufels Küche. Mit Mut und Witz kommen sie gemeinsam dem Wahren auf die Spur. Wahrlich nicht leicht, wenn sich das Schöne und Gute so furios mit dem Bösen verbinden. Jakob Bodans politischer Thriller bietet perfekte Unterhaltung für alle Fans von Polit-Thrillern und Spannungsromanen mit aktuellem und historischem Hintergrund. "Leichtfüßig, genussvoll, elektrisierend. Spannung total. So gut möchte ich schreiben können, wenn ich Krimi-Autor wäre." Rolf Dobelli "Bodan kann schreiben, er gönnt sich und uns eine bisweilen sarkastische Schärfe." Frankfurter Allgemeine Zeitung über "Ein richtig falsches Leben"

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Seitenzahl: 421

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ähnliche


Jakob Bodan

Das Schöne, Wahre und Böse

Thriller

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Zwei Männer wollen Kanzler werden – nur einer überlebt.

Und zwei Frauen ahnen nicht, worauf sie sich eingelassen haben.

Wie in der feinen Gesellschaft Geld in Macht verwandelt wird, ist ein atemberaubendes Lesevergnügen. Ein schillernder Politelite-Thriller aus weiblicher Perspektive.

Mit allen Mitteln soll die Fotografin Constanze verhindern helfen, dass der skandalumwitterte deutsche Innenminister Wilhelm August Brög Bundeskanzler wird. Dabei kommt ihr der Zufall zu Hilfe, denn der Populist lässt sich ausgerechnet auf eine Affäre mit Constanzes neuer Freundin Freia ein. Um seine Treffen mit einem zwielichtigen Schweizer Investor zu tarnen, bringt Brög Freia in einem Zürcher Luxushotel unter. Dort steigt ausgerechnet auch sein schärfster Konkurrent ab. Es ist zum Sterben schön dort oben. Und schön dekadent ist es auch. Freia und Constanze beginnen zu ahnen, dass der Politiker weit mehr zu verbergen hat als eine Geliebte und unzulässige Parteispenden …

Inhaltsübersicht

I.

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

II.

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

III.

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

65. Kapitel

IV.

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

Für ein Zimmermädchen im Grand Hotel Montagne ist es kein Schock, wenn es einen Mann in der Badewanne überrascht. Manchmal hat der es nur darauf angelegt. Shandy wendet sich errötend ab, um sanft und züchtig – »Sorry, Sir« – die Tür hinter sich zu schließen. Aber das Sorry, Sir bleibt ihr im Hals stecken. Sie starrt den Mann an. Der Mann starrt zurück, starrt durch sie hindurch, starrt in das schwarze Loch im Zentrum einer fernen Galaxie.

Die Hand vor den Mund gepresst, stürzt die junge Frau aus dem Bad. Im selben Moment gellt auch Pias Schrei auf den Flur. Die ältere Kollegin hat das Bett bezogen, ehe sie des Mannes in der Wanne gewahr wurde. Ein Arm hängt über den Marmorrand.

In Kürze betreten hastigen Schritts Senior Floor Supervisor Gitta Lobinger und ihr Chef, Executive Housekeeper Friedrich Lüthi, gemeinsam die Superior Junior Suite zum Preis von 1420 Franken pro Nacht. Die Lobinger, eine länger schon ergraute Kraft aus dem Emmental, hält sich die Hand vor die Augen, als sie durch die Badezimmertür tritt, sich jedoch keinen Schritt weiter traut. Lüthi, hoffnungsvoller Nachwuchs der Schweizer Spitzenhotellerie, fasst sich an den Schlips, als ginge es ihm selbst an die Gurgel, nachdem er einen scheuen Blick riskiert hat. Ins Telefon neben dem halb gemachten Bett tippt er die Nummer des Sicherheitschefs.

Verblüffend rasch zur Stelle, bemüht sich der endlich um den Mann in der Wanne, wenn auch vergebens. »Gopfridstutz«, flucht Ruedi Siebeneich und alarmiert den Hotelarzt. Dann knöpft er sich die Zimmermädchen vor. »Hot jemand öbbis agrührt?« Dabei schaut er nur Pia an, weil die standfester wirkt und einheimischer ausschaut. Aber sie bringt keine Silbe heraus.

»Verstande Sie Deutsch?«, wendet Siebeneich sich an ihre jüngere Kollegin und bekommt ohne weiteres Zögern Antwort.

»Wir haben aufgeräumt und sauber gemacht.« Shandy ist jung, schlank, zierlich, rabenschwarz und ihr Deutsch makellos.

Leider ist es unvermeidlich, die Polizei einzuschalten.

Doch erscheinen zunächst der Resident Manager und Direktor der Rooms Division Sebastian Häfeli, ein drahtiger, sonnengebräunter Mann, und kurz darauf der Managing Director des Hotels, ein weltgewandter Schweizer namens Harry Nilsen, am Ort des Schreckens. Sie werden zwar nicht gebraucht, fühlen sich aber zuständig. Nilsen verständigt jetzt auch Urs Tobler, den General Manager der Montagne AG.

»Es schmöckt«, stellt Siebeneich, ein früherer Polizist aus dem Kanton Graubünden fest. Ja, es riecht. Nach der Duftkerze, die auf dem Wannenrand immer noch brennt, und nach verdammt großem Ärger. Sie spricht nach Ansicht Harry Nilsens für eine gewisse »Andacht beim Abgang«. Sein auf sieben Auslandsstationen von Hobart in Tasmanien bis Kuala Lumpur in Malaysia erworbener Zynismus steht in einem gewissen Ruf.

Tobler, der oberste Boss, ist noch vor dem Arzt zur Stelle. Er greift zu dem weißen Einstecktuch in der Brusttasche seiner um den Bauch herum spannenden Anzugjacke und wischt sich den Schweiß ab, der ihm von der hohen Stirn perlt. »Selbstmord«, konstatiert er. Er ist der Erste, der diesen Verdacht ausspricht. Weil er es so sieht, nicken die anderen.

Nur Siebeneich nickt nicht. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Deutscher, ob prominent oder nicht, nach Zürich fliegt, um sich so komfortabel wie möglich von dieser Welt zu verabschieden. Hätten ihm wie üblich Mitarbeiter des alteingesessenen Vereins Exit geholfen, läge er nicht in der Wanne dieses grandiosen Grandhotels.

Siebeneich grummelt etwas von einem »Tatort«. Das bedeutet, dass sich die anderen verkrümeln sollen. Aber niemand geht. Selbst die Zimmermädchen hocken noch immer zu zweit auf einer weißen Sofalehne, als müssten sie einander stützen. Häfeli schickt Pia und Shandy hinunter in den Aufenthaltsraum. Sie sollen sich von Nicola einen Schnaps geben lassen und von dem Schrecken ein wenig erholen, ehe sie von der Polizei befragt werden. Nicola ist Häfelis Assistentin. Wenn die erst einmal Bescheid weiß, weiß es das ganze Hotel. Senior Floor Supervisor Gitta Lobinger steht auf dem Balkon, von der spektakulären Aussicht hat sie nur gerade nichts. Ihr ist schlecht geworden, und sie ringt nach Luft, die gottlob verschwenderisch in bester Güte zur Verfügung steht. Lüthi gesellt sich stumm zu ihr. Auch der Managing Direktor und der General Manager schweigen einander an und blicken besorgt auf Ruedi Siebeneich, als hätte der das Malheur verhindern müssen.

Endlich betritt Doktor Maximilian Odermatt die Szene, beugt sich über die Wanne und sieht danach die anderen untröstlich an. Mehr kann selbst er nicht mehr tun.

Man weiß inzwischen, wer der Mann in der Wanne ist. »Ein Düütscher«, murmelt Siebeneich. Noch dazu ein unangenehm prominenter. Das macht die Sache nicht einfacher.

I.

Das Wannseekomplott

Denn das Schöne ist nichts

als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen.

R. M. Rilke, »Die erste Elegie«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1

Das Geschoss hatte in einer tausendstel Sekunde das daumendicke Glas durchschlagen. Constanze berührte das Loch in der Scheibe fast mit ihrer Nasenspitze und konnte es kaum glauben: Das großformatige Bild war gar kein Foto. Vielmehr handelte es sich um eine monumentale, unfassbar genaue Bleistiftzeichnung. Die Sprünge im Glas sahen wie Gefieder aus, wie Flügel eines Todesengels. Die Zeichnung wiederum war verglast. Echtes Glas schützte die Zeichnung von der zerstörten Scheibe.

Ein Dutzend Leute standen betroffen vor dem Kunstwerk. Sie kannten die Szene in der Redaktion des Satireblatts Charlie Hebdo in Paris unmittelbar nach dem Anschlag. Die Täter hatten elf Menschen ausgelöscht. In dem Moment erschien in dem riesigen Einschussloch der Zeichnung der Kopf einer rot gelockten jungen Frau. Das heißt: Er spiegelte sich im echten Glas, das das gezeichnete Loch bedeckte.

Constanze drehte sich zu ihr um.

»Bitte bleiben Sie so! Nicht bewegen!«

Sie hob die Kamera. Es war nicht ganz leicht, die Frau im Schusskanal zu erwischen, ohne sich zugleich selbst zu spiegeln. Während sie sich auch noch mit der Schärfe herumschlug, schlang die Frau sich spontan ein Tuch über ihren Kopf. Damit sah sie beinahe wie eine Muslima aus. Wie albern. Constanze zögerte einen Augenblick, ehe sie auf den Auslöser drückte. Gerade noch rechtzeitig, denn schon nahm die Frau das Tuch wieder ab.

»Danke.«

»Aber gern.«

Im nächsten Raum bedeckte eine bedrohlich aufgewühlte, schwarze Wasserfläche fast die ganze Wand. Ein mit Flüchtlingen heillos überladenes Schlauchboot tauchte in ein Wellental hinab. Auch dies war eine gigantische Zeichnung wie alle Werke der Ausstellung. Davor stand wieder die Frau mit ihren roten Locken. Es war ein verblüffender Kontrast, beinahe obszön. Constanze drückte ab.

Die Frau hörte das Klicken der Kamera und schnellte herum. »Was soll das!«

Sie hatte keine Lust, es ihr zu erklären.

»Du löschst das Foto! Und zwar plötzlich.«

Um die Aufnahme zu retten, blieb ihr nichts anderes übrig, als sie ihr auf dem Display der Kamera zu zeigen. Am besten auch die anderen Bilder. Die Zeichnungen von Robert Longo an den Wänden waren schwarz und weiß, die Leute davor trugen Farbe. Das war der Witz von Constanzes Fotoserie. Ein Kampfjet brauste über den Wolken auf zwei Anoraks in grellem Orange zu. Daneben hing ein quadratmetergroßer Weißkopfseeadler mit hellem, nach hinten gewehtem Gefieder, davor die bläuliche Glatze eines Betrachters.

»Der Vogel hat eine Frisur wie Trump«, fand die Frau, die sich gerade noch aufgeregt hatte. Er gefiel ihr offenbar.

»Ist ja auch das Wappentier der USA«, erklärte Constanze.

»Toll beobachtet. Vorher fragen könntest du trotzdem, ehe du mich abschießt. Bist du’n Profi?«

War sie das? Sie bemühte sich ja gerade erst, als Fotografin Fuß zu fassen. Über dem Versuch, es zu erklären, kamen die beiden Frauen miteinander ins Gespräch und landeten im Café der Kunsthalle.

Sie hieß Freia. Ihre kupferroten Ringellocken umrahmten ein schmales, ungeschminktes Gesicht. Eine ziemlich spitze Nase ragte daraus hervor, ihr Lächeln besaß etwas Energisches, Herausforderndes, die schwarze Hornbrille vergrößerte ihre wasserblauen Augen. Über der hautengen schwarzen Stretchhose schlabberte ein langer dunkelblauer Pulli aus extradicker Wolle, darüber hatte sie noch das Tuch geschlungen. Eine Ärztin oder Lehrerin, vermutete Constanze, vielleicht Anfang dreißig. Aber damit verschätzte sie sich. Freia war erst dreiundzwanzig, hatte nicht studiert, sondern eine Hotelschule absolviert und arbeitete am Empfang des Regent am Berliner Gendarmenmarkt.

Außerdem war sie neugierig. »Und was knipst du sonst so?«

»Leute«, sagte Constanze. »Zurzeit meistens Politiker.«

Das war reichlich übertrieben. Genau genommen saß sie in der Redaktion des Nachrichtenmagazins Magazin und suchte Fotos aus, die andere gemacht hatten.

»Die maskieren sich doch alle. Wie kriegst du es hin, dass man sie nicht sieht?«

»Du glaubst, dass sie sich verstellen? Jemand wie Trump kann das gar nicht.«

»Der macht keine Show, der ist ’ne Show«, stimmte Freia zu.

»Du hast vorhin ja auch eine gemacht und dich wie eine Islamistin verschleiert. Ausgerechnet vor dem Tatort eines Terroranschlags. Findest du das witzig?«

»Zeig’s mir noch mal!«

Constanze weigerte sich. Und prompt gerieten sie einander in die Haare.

»Was der Islam vor allem zerstört sind Frauen«, behauptete Freia.

Übertreibungen dieser Art konnte Constanze nicht ausstehen.

»Burkas haben nichts mit Terror zu tun!«, sagte sie.

»Aber hallo! Es ist dieselbe verfickte Religion.«

Von Terror verstand Constanze mehr. Sie hatte ihn selbst erlebt.

»Pass mal besser auf, was du von dir gibst!«, sagte sie.

Freia aber kam erst richtig in Fahrt. »Was ist die Mutter allen Übels?« Sie gab die Antwort gleich selbst: »Es ist die Unterdrückung der Sexualität.«

»Häh?!«

»Wenn Männer erst mal durchdrehen …«

»… weil sie nicht genug zum Vögeln haben, sprengen sie sich in die Luft? Komm jetzt bloß nicht mit dem Quatsch von den neunundsiebzig Jungfrauen.«

»Zweiundsiebzig!«, trompetete Freia und stieß die Faust in die Luft.

»Nicht so laut, die Leute gucken!«

Was war das denn? Durchgeknallter Feminismus oder islamophober Nonsens? So jemand konnte unmöglich in einem Luxushotel arbeiten, wo jede Menge Scheichs logierten. Da musste sie nicht bloß ihre Mähne bändigen, sondern erst recht ihren Mund. Doch schnell stellte Constanze fest, dass sich Freia zwar gern ziemlich drastisch ausdrückte, aber nicht fanatisch war. Sie schien einfach Spaß am Streit zu haben. Die Herren Kollegen, mit denen sich Constanze täglich in der Redaktion herumzuschlagen hatte, waren oft viel rechthaberischer. Freia dagegen strahlte etwas erfrischend Unernstes aus.

»Du hast von nichts eine Ahnung«, sagte Constanze.

Aber es klang nicht nach einem Vorwurf. Sie musste selbst lachen.

2

Heut frei. Kunsthalle. Robert Longos XXXXL-Zeichnungen nach Fotos. Brutal genau. Zum Beispiel ’ne zerschossne Scheibe bei Charlie Hebdo. Irrer Effekt durch Vergrößerung: Man hörts quasi krachen.

Die Tante, die mich dauernd knipst, ist ne echte Fotografin. Reg mich erst auf. Dann wirds nett. Con zeigt, was sie draufhat. Kabbeln uns über Muselmänner etc. Weiß alles besser. Muss wohl so sein, wenn man beim Magazin ist. Quatschen uns fest und fester. Mag sie. Sie muss dann aber heim zu David. Der ist sechs. Von nem andren Mann keine Rede. Schätz sie auf knapp vierzig. Ziemlich zierlich, kurzes, strohblond gefärbtes Haar, vorlaute Nase, flinker Kopf.

Ob wir uns wiedersehn?

3

Chefreporter Luis Brenner hielt sich für unwiderstehlich. Er gab den Naturburschen mit expressiver Einstellung zum Leben im Allgemeinen und zu Frauen im Besonderen. Sogar einen Roman hatte er verfasst, erschienen unter dem Pseudonym Randolf Haberland: »Albatros und Kurtisane«. Mit ihm hatte er seine literarische Karriere begonnen und auch gleich wieder beendet. Sein Werk hatte er ihr in einem Sternelokal am Landwehrkanal über den Tisch geschoben. Sie hatte es aufgeschlagen und gleich den ersten Satz gelesen. »Der flackernde Schein der Kerze lag auf Amandas leuchtendem Leib.« Dann aus Höflichkeit vor seinen Augen nur noch den letzten. »Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lieben sie noch heute.«

Selbstverständlich hatte er das Exemplar mit einer Widmung versehen. Für die vielversprechende Kollegin Konstanze. Ihr Name falsch geschrieben mit K, vermutlich absichtlich, um den Gleichklang der Anfangssilben optisch zu unterstreichen. Welche Absichten Luis sonst verfolgte, war kaum zu übersehen. Nur konnte sie sich für das unwiderstehliche Reporterass nicht bedingungslos erwärmen.

Nicht zu nehmen war Luis die Gewissheit, dass an ihm niemand vorbeikäme. Mücke, ihre Bürogenossin, hatte mehrfach gewarnt vor ihm. Doch ließ sich Constanze nicht abschrecken. Sie wollte es sich mit ihm nicht verderben und war innerhalb gewisser Grenzen bereit, ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Sie glaubte zu wissen, weshalb Luis sich für sie interessierte. Sie war die Ex eines echten Ex-Terroristen. Wahrscheinlich machte sie das in seinen Augen attraktiv. So eine fehlte noch in seiner Sammlung. Luis wollte alles wissen von ihr. Und wissen wollte er es auch.

Sie saßen in der gerammelt vollen Victoria Bar in Schöneberg. Es durfte geraucht werden. Er qualmte, links und rechts und hinter ihr, der Sauerstoff ging zügig zur Neige, und in der dunstigen Tiefe des schlauchartigen Raums war nicht mehr viel zu erkennen.

Weshalb sie sich auf Luis einließ?

Weil sie ihn brauchte.

Die Fotoreporterin war noch Novizin. Ein Zufall hatte sie dazu gemacht. Der Ex-Terrorist war ihr mit dem Rad buchstäblich vor die Linse gestürzt. Blutend und verschrammt hatte er sich an eine Korkeiche gelehnt. Da hatte sie noch gar nicht ahnen können, an wen sie geraten war. So hatte sie das erste Bild geschossen, das später überall gedruckt worden war. Die Geschichte war längst zu Ende. Als Fotografin aber stand sie noch immer am Anfang. Luis war ihr Chef. Wann bekam sie endlich einen richtigen Auftrag?

»Schau’n wir mal«, hatte er versprochen, mehrmals schon.

Sah nicht schlecht aus. Ein stattlicher Lackel mit einem breiten, selbstgefälligen Dauergrinsen im Gesicht, die schwarzen Haare struppig über der Stirn und hinten überm Kragen. Den bordeauxroten Cordanzug zum drei Knöpfe offenen weißen Hemd hielt er vermutlich für modisch. Anfang fünfzig. Aus dem Bregenzer Wald. Siebtes Kind eines Sägewerksbesitzers. Verstand sich darin, wie man etwas zu Kleinholz machte.

Es genügte ihm nicht, Gin Tonic zu bestellen, er musste den Barmann auch gleich noch in eine Debatte über die einheimische Ginproduktion verwickeln. Der Fachmann hinter dem Tresen empfahl The Duke, Luis dagegen verlangte, wenn es schon Gin aus Bayern sein musste, einen Josef aus der Destillerie Lantenhammer in Hausham am Schliersee. Den führten sie in der Victoria Bar bedauerlicherweise nicht.

»Ein Manko«, fand er. Weil er mit seiner Kennerschaft und mit seiner Sehnsucht nach »Alpine Botanicals« so prahlte, bestellte sie zur Strafe ein weiteres Glas Bollinger. Der Champagner war doppelt so teuer wie der Gin. Luis hatte es nicht besser verdient.

Ihn auf Distanz zu halten, ohne ihn zu verärgern, war gar nicht so leicht. Seine Hand auf ihrem Knie ließ sie erst einmal zu. Geschenkt.

»Zeit für ein ernstes Wort«, schnurrte er.

Sie rechnete mit dem üblichen Geständnis. Du, du, nur du allein! Es war ihr egal, wie vielen anderen er das schon gestanden hatte.

»Bloß nichts überstürzen!«

Damit hatte sie ihn gründlich missverstanden. Seine Hand blieb zwar, wo sie war, nur der Text dazu wollte nicht mehr passen.

Luis nannte einen Namen. »Brög«, sagte er.

»Wer?«

»Was hältst du von Wilhelm August Brög?«

Sie atmete auf, was nicht einfach war in der verqualmten Bar.

»Der Innenminister. Was soll ich von ihm schon halten? Ich lese unser Blatt.«

»Dann ist dir klar, dass er mit allen Mitteln Kanzler werden will. Und wenn ich sage, mit allen Mitteln, meine ich das so.«

»Ist mir nicht entgangen. Brög ist der Böse im Kampf um Berlin.« Leichter Spott lag in ihrer Stimme.

»Mit Brög ist nicht zu spaßen.«

»Mit dir auch nicht.«

Er tat, als habe er das überhört.

»Worauf willst du hinaus?« Die Antwort hätte sie sich selbst geben können.

»Wir stoppen ihn«, sagte Luis.

»Geht’s auch ’ne Nummer kleiner?«

»Thaddäus ruft zu den Waffen.«

Thaddäus Klein, ihr Brötchengeber, Gründer und Herausgeber des Magazins. Mit anderen Worten: Das Blatt ergriff Partei im Duell um die Nachfolge der Kanzlerin. Mit aller Macht gegen Brög. Das hieß deshalb zugleich, mit aller Macht dessen Rivalen Felix Hellbrück zu unterstützen.

Luis bestritt das. »Wir sind nicht blind für Hellbrück. Aber gegen Brög. Weil er die Demokratie gefährdet.«

»Akut sehe ich eine andere Gefahr«, sagte sie und schob die Hand weg, die begonnen hatte, ihren Schenkel zu kneten. »Na dann, auf in den heiligen Krieg! Erst retten wir Deutschland, dann unser Medium. In dieser Reihenfolge. Oder doch andersherum?«

»Es ist deine große Chance«, raunte Luis. Er näherte sich ihrem rechten Ohr, und da sie fürchtete, dass er ihr ins Läppchen biss, wich sie mit dem Oberkörper zurück. Er war schwer zu stoppen.

»Wir bilden eine Taskforce unter meiner Leitung. Ich hätte dich gern dabei.«

»Was würde das für mich bedeuten?«

»Dass du Tag und Nacht an nichts anderes mehr denkst.«

»Als an dich?«

»Wenn es sein muss!«

»Verstanden.«

»Wir lassen nicht locker, bis Brög im Staub liegt.«

Ob auch Thaddäus Klein sie unbedingt im Team haben wollte? Oder sich Luis bloß vor ihr aufspielte? Constanze wusste nicht recht, was sie davon halten sollte. Jedenfalls klang es nach Action. Endlich. Sie verspürte zwar keine Lust auf einen Kreuzzug, gegen wen auch immer, aber vielleicht sprang dabei etwas für sie heraus.

Alles war streng geheim. Deshalb flüsterte Luis. Sie wirkten jetzt wie ein vertrautes Paar. Niemand bekam mit, dass er ihr nur erklärte, wie Deutschland vor Wilhelm August Brög zu retten war.

Erst auf der Straße versuchte er, sie auf den Mund zu küssen. Sie konnte es abwenden, drehte sich weg. Es blieb bei zwei Küssen auf die Wangen.

4

Wieder saß sie im Archiv. Im Grunde hatte sich nicht viel geändert. Sie sammelte Informationen, suchte nach Bildern. Es war so öde wie zuvor, ob sich das Taskforce nannte oder nicht. Ob es um Deutschland ging oder nur darum, allmählich anzukommen in dieser Redaktion. Man ließ ihr ohnehin keine Wahl.

Sie las alles über Brög, was sie in die Finger und auf den Bildschirm kriegen konnte. Sie machte sich vertraut mit seinen bereits bekannten Sünden. Ob die Berichte, die sie fand, übertrieben waren, an den Haaren herbeigezogen oder teilweise sogar erfunden, konnte sie nicht beurteilen. Die unbekannten Sünden hätten sie mehr interessiert. Die aber waren Sache gestandener Reporter.

Der vorerst letzte Fall, der es um ein Haar zu einem richtigen Skandal gebracht hätte, wenn auch nicht ganz, war die Sache mit den Flüchtlingsunterkünften gewesen. Der Immobilieninvestor Heinfried Schottenleger hatte sich im Überschwang der Willkommenskultur eine goldene Nase verdient und aus einer Handvoll schäbiger Hotels Garni nicht minder schäbige, doch wesentlich einträglichere Behausungen für Flüchtlinge gemacht.

Alle Zimmer bis zur letzten Matratze ausgebucht zum stolzen Preis von 30 Euro pro Person. Acht Personen auf knapp 30 Quadratmetern machten circa 250 Euro pro Nacht mal rund 100 Zimmer – also 25 000 Euro täglich auf Kosten der Steuerzahler. Schottenleger war nichts vorzuwerfen, er hatte sich nur marktgerecht verhalten.

Kein Geringerer als Luis Brenner persönlich war aufgrund eines anonymen Hinweises dahintergekommen, dass Schottenleger zur Riedinger-Sippe gehörte. Dessen Tante Friede Riedinger war die Gattin von Bundesinnenminister Brög. Es hatte nach einem groben Fall von Begünstigung gestunken, nach Vetternwirtschaft. Handfest belegen aber ließ es sich bis heute nicht. Die Unterkünfte hatte ja nicht der Minister persönlich gebucht. Und für das Flüchtlingschaos, das die Kanzlerin angerichtet hatte, war Brög auch nicht verantwortlich. Er hatte dagegen opponiert, aber nichts ausrichten können. Zum Glück, wie sie fand.

Brögs wachsende Anhängerschaft aber hoffte, dass er endlich putschte gegen die starrsinnige Regierungschefin aus der eigenen Partei. Die Mehrheit im Lande teilte zwar noch immer die Meinung, dass sie den Friedensnobelpreis verdient hätte. Von Brög und seinen Leuten aber wurde sie für sämtliche Plagen verantwortlich gemacht. Sie nahm die Finger beim Zählen zu Hilfe: islamistischer Terror, wachsende Kriminalität, Asylmissbrauch, überhaupt Sozialbetrug, Bildungskatastrophe, Parallelgesellschaften, Überfremdung. Machte mindestens sieben Plagen. Warten auf Moses. Auf einen starken Mann. War Brög das?

Einer aus »kleinen Verhältnissen«, war zu lesen. Sie schüttelte sich innerlich, denn dieser Ausdruck war überholt und auch nicht mehr korrekt. Kleine Verhältnisse gab es nicht, allenfalls einfache, wenn es unbedingt sein musste.

Brög und Hellbrück: Beide wollten die Kanzlerin beerben. Doch Brög schien radikaler, ruchloser, rücksichtsloser, ungeduldiger zu sein als sein Rivale und Parteifreund. Hellbrück tat zumindest so, als ob er die Regierungschefin stützen würde, solange sie im Amt blieb. Brög kam ihr schlauer und verschlagener vor. Zitate, die sie sich kopierte: »Rohdiamant, aber schwer zu schleifen« (die Kanzlerin). »Bulldozer, der sich an keine Verkehrsregel hält (Hellbrück). »Demokrat, solange ihm die Demokratie nicht im Weg steht« (Thaddäus Klein). Brög galt als »Populist«. Auch noch als »Rechtspopulist«. Was das bedeutete, hatte sie inzwischen kapiert. Ein Rechtspopulist war ein Volksverderber und Faktenverdreher. Der Fraktionsvorsitzende Felix Hellbrück dagegen war die schönste Hoffnung.

Sie schloss den Archivordner mit einem Mausklick und wechselte zur Datei ihrer eigenen Fotos, für die sich noch immer niemand wirklich interessierte.

»Wer ist das?«

Sie fuhr zusammen.

Luis hatte sich lautlos genähert, berührte sie an der Schulter, streifte ihr Haar.

»Wahnsinn!« Er schwärmte.

»Siebter Januar Fünfzehn, der Anschlag auf Charlie Hebdo«, erklärte sie.

»Das hast du geknipst?«

»Klar.«

»Great.«

Luis packte sie mit beiden Händen herzhaft an den Schultern. Es gelang ihr nicht, ihn abzuschütteln.

»Die Frau da im Kopftuch. Wer ist das?«

»Freia.«

»Eine Islamistin mit einem germanischen Namen? Sehr komisch.«

»Sieh mal das Schussloch! Fällt dir etwas auf?«

Luis beugte sich über sie zum Bildschirm hin, während seine Finger über ihre Schlüsselbeine wanderten.

»Pfoten weg, verdammt!«

Er zuckte nicht einmal.

»Es ist gar kein Foto, sondern eine Zeichnung nach einem Foto vom Tatort. Siehst du das nicht! Die Zeichnung hängt hinter Glas. In ihm spiegelt sich diese Frau.«

Zu kompliziert für Luis, nahm sie an.

»Die Kopftuchtante da hast du inszeniert?«

»Kann man so nicht sagen.«

»Du willst mir doch nicht erzählen, dass sie zufällig genau da steht?«

»Von solchen Zufällen leben wir.«

»Darauf muss man erst mal kommen. Dein Bild ist eine Bombe, Sweetheart. Es gehört ins Blatt.«

»Unsinn.«

»Besser kann man die ganze Hysterie nicht darstellen.«

Das sagte der Richtige. So lange war es noch nicht her, da hatte Luis Titelgeschichten produziert, die unter so schreienden Schlagzeilen erschienen waren wie Der heilige Hass – der Islam fordert die Macht. Oder Mekka Deutschland. Das sollte jetzt alles nicht mehr wahr sein.

»Hast du noch andere Talente?«

»Klar«, sagte sie.

Sie hätte ihm gern weitere Fotos gezeigt.

»Dann los!«

Während sie ihre Ausbeute vorführte, atmete Luis in ihr Haar und walkte ihre Schultern.

Wenn es denn zu etwas gut war.

5

Con hat ihrn Knirps dabei. Süßer, kleiner Wirbler. Unersättlich nach Action und Torte. Quetscht mich mit vollem Mund aus.

»Wohnst du im Hotel?«

»Arbeite dort nur.«

»Musst du Koffer schleppen?«

»Seh ich aus, als müsste ich das?«

»Du bist groß und stark.«

Hüpft mir auf den Schoß und checkt meine Muckis.

»Zimmer aufräumen musst du auch?«

»Nur mein eignes.«

»Muss ich nicht.«

Er findets lustig, Con nicht so.

»Darf ich dich mal besuchen?«

»Nur, wenn du zuvor auch dein Zimmer aufräumst.«

»Was machst du, wenn du nicht aufräumst?«

»Leute begrüßen, einchecken, auschecken.«

»Einchecken?«

»Anmelden. Lass mir die Pässe zeigen.«

»Bist du Polizist?«

»Klar.« Nehm den Bengel zur Strafe in den Polizeigriff.

Alles dreht sich um ihn. Wir drehn uns um ihn.

»Ein Segen, der Kleine«, sagt Con.

Mag ihn.

In ner Atempause rückt sie damit raus: Das alberne Foto mit dem Einschussloch soll gedruckt werden, nicht ohne mein o.k. Bin zwar nicht zu erkennen, aber dagegen.

»Ist doch bloß symbolisch«, meint sie.

Egal, bei Fake mach ich nicht mit.

Dann kommt mir ne Idee: »Ich wär gern mal dabei, wenn du Politiker knipst.« (Knipsen kann Con nicht leiden, sie FOTOGRAFIERT.)

Das ist der Deal.

6

Sie saß in einem winzigen Kabuff mit Glaswand zum Flur. Obwohl der Platz der abwesenden Kollegin Mücke gegenüber gerade frei war, pflanzte Luis sein Gesäß auf ihre Schreibtischkante. Wohin sonst.

»Wir trauen es dir zu«, verkündete er.

»Wir?«

Also hatte er mit Klein gesprochen. Und erwartete auch noch, dass sie ihm vor Dankbarkeit um den Hals fiel. Sie konnte sich gerade noch zurückhalten. Obwohl sie innerlich jubelte. Endlich ein konkreter Auftrag, und was für einer! Sie durfte Brög fotografieren. Für die Geschichte, die ihm den Rest geben sollte.

»Du kriegst eine halbe Stunde mit ihm, nachmittags um fünf, im besten Büchsenlicht.«

Luis hatte das Shooting mit Brögs Büro bereits arrangiert. Shooting – ein Wort von doppelter Bedeutung. Er bimste ihr ein, worauf sie unbedingt zu achten hatte, wenn sie den Minister vor die Linse bekam. Am liebsten wäre Luis eine Diktatorenpose mit Napoleonhand im zugeknöpften Jackett oder so etwas.

»Lass dir was einfallen!«

»Ich zeige bloß, was ich sehe«, murrte sie.

So konnte sie ihm nicht kommen.

»Stell dich nicht so an!«

»Brög ist nicht blöd«, verteidigte sie sich.

»Aber eitel. Das ist unsere Chance.«

»Klar. Er hat nur auf mich gewartet.«

Noch einen Rat gab Luis ihr mit auf den Weg: »Zieh dir was Hübsches an.«

»Blödmann!«

»Was Nettes, Adrettes. Du weißt schon.«

Sie wusste.

7

Con sucht ne Assistentin und denkt an mich. Wow!

»Zu dumm. Der Dienstplan«, sag ich.

So ne Gelegenheit kommt nicht wieder. Das Problem ist aber nicht der Dienstplan. Sondern Francesco Schlageder, Spitzname Schlagobers. Zuletzt leider Magerkost. Wo bleib ich zwischen seinen Sauteusen? Hat geschickte Hände – beim Filettieren von Makrelen. Aber könnt mein Küchenchef nicht auch mal überkochen! Sind an seim freien Tag zum Sport verabredet. Strampeln nur noch nebeneinanderher.

Lass mein schlechtes Gewissen kurz mal aufschäumen und sag dann ab. Ihm sag ich ab. Der Fototermin kommt grad recht. Kein Sport mit Franz, keine Sauna und auch nicht das weitere Programm. Stattdessen Brög. Gespannt auf die Show, die der abzieht.

Vielleicht verzeiht mir mein Diät-Schlutzkrapfen ja noch mal. Es geht nicht anders.

8

Als sie die Dachterrasse des Reichstags betraten, frischte der Wind auf.

»Wie bestellt«, jubelte Constanze.

Brög mit fliegenden Haaren vor wehenden Fahnen. Im Hintergrund das Kanzleramt. Dort wollte er rein. Musste nicht erst am Zaun rütteln, um es der Welt kundzutun. Die Welt hatte es längst kapiert.

Ihr war es egal. Sie wollte ein gutes Foto fabrizieren, nicht Brög denunzieren. Es fing an zu tröpfeln.

»Ihr lasst mich auch noch im Regen stehen!«, beschwerte sich Brög.

Ihr gefiel es.

»Sie trotzen den Elementen«, sagte sie, um ihn bei Laune zu halten.

»Ihr wollt mich nur nass machen!«, gab er zurück, wollte aber kein Weichei sein.

»Das Brausen der himmlischen Heerscharen!« Sie tat begeistert.

»Himmeln Sie mich ruhig an!«

Dabei sah er aber Freia an.

Die hatte keine leichte Aufgabe. Sie musste den Reflektor festhalten, eine metallisch schimmernde Stoffscheibe. Fast schlug der Wind sie ihr aus den Händen. Sie sollte damit das gleißende Sonnenlicht, das zwischen den Wolkentürmen hervorbrach, auf Brög lenken. Und wenn sie auch noch dazu beitragen könnte, die Atmosphäre ein wenig zu lockern, war Constanze happy.

Eine Besuchergruppe verfolgte das Schauspiel unter einem Dach aus zerzausten Taschenschirmen. Brög hob den Arm zum Gruß und erntete prompt Beifall.

»Zu mir herschauen, bitte!«, mahnte sie.

Auch die Wolken spielten mit.

»Tolle Stimmung. Zwischen Apokalypse und Endsieg.«

»Bloß zwischen nass und pudelnass«, gab er zurück.

Sie spürte, dass seine Geduld aufgebraucht war. Der Regen hatte zugenommen. Freia schlug sich geschickt, hielt den Reflektor als Schirm über Brög. Er hakte sich bei ihr ein. So huschten sie unters nächstbeste Dach.

»Wir müssen Sie jetzt aber ganz schnell trockenlegen«, sagte er.

Dass ihm seine Beschirmerin gefiel, war nicht zu übersehen. Constanze war fast ein wenig eifersüchtig. Um Brög sorgte sich jetzt auch einer seiner Mitarbeiter. Der hatte sogar ein Handtuch in der Aktentasche mitgebracht. Der Minister reichte es aber sofort weiter an Freia. Dann erst schälte er sich aus seiner nassen Jacke. Das Hemd klebte ihm am mächtigen Leib, als er sie nach ihrem Namen fragte.

»Freia.«

»Goldene Äpfel wachsen in ihrem Garten«, sagte er.

Constanze kannte den Spruch. Er stammte von Fafner, einem Riesen, der an Freia Interesse zeigt, immerhin eine Göttin. Wagner, »Rheingold«. Brög hatte einen Beweis seiner Bildung zum Besten gegeben.

Wenn er es nötig hatte.

Die Göttin strahlte. War es möglich, dass sie den sexistischen Unterton gar nicht mitbekommen hatte?

9

Besoffen sei Brög gewesen, behauptet Con. Von mir! Allenfalls besoffen von sich selbst, sag ich. Das außerdem, meint sie.

Er ist ganz anders als erwartet. Erscheint größer als im TV, massiger, körperlicher, lockerer. Ohne Bodyguards auf dem Dach. Wir beide patschnass. Er reicht mir sein Handtuch. Trocknet mir auch noch die Brille. Mag es. Nur die Nummer mit Freias goldenen Äppeln kann er sich schenken. Con kann bloß den machtgeilen Macho sehen. Kennt ihn gar nicht. Hat bloß alles Mögliche über ihn gelesen.

Zu ’nem Appelstrudel lädt er ein. Aber hallo!

Kriegt meine Nummer.

10

»Lass sehen!«

Luis beugte sich über ihre Schulter und starrte auf den Bildschirm. Wenigstens seine Wichsgriffel hielt er diesmal im Zaum, weil Mücke mit im Zimmer saß.

»Daraus lässt sich was machen«, stellte er fest.

Sie war sich nicht sicher, wie brauchbar ihre Bilder waren. Die Nässe, das fahle Licht, die Unruhe auf dem Dach: schwierige Bedingungen. Wenigstens scharf waren die Aufnahmen, die stürmischen Luftmassen glasklar. Die Haare standen Brög wie elektrisiert zu Berge. Es sollte aber nicht bloß komisch aussehen, sondern seinen energischen Machtanspruch zum Ausdruck bringen.

»Kann man ihn wirklich so zeigen?«

Ein wenig zweifelte sie noch immer.

»Daraus lässt sich was machen«, hatte Luis gesagt. Sollte wohl ein Kompliment sein. Sie war bisher nicht gerade damit verwöhnt worden.

»Brög sollte dir dankbar sein. Sehr dezent, seine Heldenpose.«

Das war auch kein richtiges Kompliment. Das Foto sprang die Leute nicht direkt an, wollte er sagen. Das wusste sie auch.

»Good Job!«, lobte er sie gönnerhaft.

»Klein gefällt es sicher nicht«, meinte sie.

»Deine Aufnahmen sind eben anders. Nicht das Übliche.«

Ein großes Lob war das nicht. Luis eierte herum.

»Dein Talent ist kaum zu übersehen.«

»Kaum.«

»Dein Blick auf’s Wesentliche.«

»Schon gut.«

Sie hatte das Bedürfnis, ihm als Entschädigung für seine Enttäuschung ein nettes Wort zu schenken. Aber so richtig gelang es nicht.

»Möchtest du auch fotografiert werden von mir? Mit meinem Blick fürs Wesentliche?«

Das war eher Spott. Mücke hob aufmunternd den Daumen.

»Du meinst …?«

»… dass du mein Bild als Autogrammkarte verwenden könntest.«

Er zog wortlos ab. War er eingeschnappt? Constanze und Mücke bogen sich vor Lachen.

Der Kollegin hatte sie ihre Ausbeute zuvor schon gezeigt. Ihr gefielen sie, aber sie hatte auch eine skeptische Reaktion vorausgesagt.

»Mach dir nüscht draus«, sagte sie.

Ihre Standardfloskel. Eleonore Mücke-Sattler, die für gewöhnlich kratzbürstige Kabuffgenossin, stärkte ihr hin und wieder den Rücken, wenn sie mitbekam, wie Luis um sie herumschnurrte. Sie war ein filigranes, rastlos herumschwirrendes Wesen von feministischem Furor und unstillbarem Durst nach dem Blut der Mächtigen. Constanze kam mittlerweile einigermaßen mit ihr klar. Obwohl sie von ihr Conny genannt wurde. Vergeblich hatte sie es sich verbeten. Wenn es schon eine Kurzform sein musste, dann lieber Freias Con.

Keine halbe Stunde später erschien Luis schon wieder, diesmal mit Thaddäus Klein im Schlepptau. Ein schmächtiger Mann mit großem Kopf. Schütteres, nach hinten gekämmtes, mausgraues Haar. Anfang sechzig. Wie fast immer trug er anthrazitgraue Flanellhosen zum marineblauen Blazer mit goldenen Knöpfen, am linken Ärmel fehlte einer. Gab es denn niemanden, der sie ihm annähte? Wäre er nicht der große Klein, würde er kaum auffallen. Das hatten lebende Legenden ihren Zeitgenossen voraus: Man sah in ihnen immer mehr, als zu erkennen war.

Klein wollte ihre Fotos sehen und feststellen, ob sie dazu taugten, Brög zu beschädigen. Sie befand sich nicht auf dem Kriegspfad gegen den Politiker. Sollte Klein mit ihren Bildern machen, was er wollte, Hauptsache, er machte etwas. Sie klickte ein Foto nach dem anderen auf den Bildschirm.

Vom obersten Boss kam eine Weile kein Mucks. Gern hätte sie in seinem Gesicht gelesen, aber sie traute sich nicht, in anzuschauen. Fast war sie schon durch mit ihrer Ausbeute.

»Zeich noch amol!«

»Das da?«

»Des davor.«

»Doch nicht das!«

Das davor ist missraten, dachte sie. Brög winkte der Besuchergruppe zu. Man hatte ihn erkannt, das erfreut jeden Politiker. Die Gruppe selbst war auf dem Foto gar nicht zu sehen, nur Brög, der den rechten Arm hob, mit offener Hand grüßte und dazu sein etwas großspuriges Seht-her-ich-bin’s-Lächeln zeigte.

»Genau des«, sagte Klein.

Jetzt sah sie doch fragend auf zu ihm.

»Gugg dir den Brööch bloß an!«

Ihr war schon klar, was ihm gefiel. Deshalb hielt sie den Schnappschuss ja für unbrauchbar. Es sah aus wie … Ja, aber es war gar kein richtiger Nazigruß. Wenn man wusste, dass Brög der Besuchergruppe zuwinkte, war das abwegig. Brögs Geste bedeutete etwas ganz anderes als das, was Klein sichtlich entzückte.

Er sprach sein Zauberwort: »Fulminand!«

Fulminant gab es in unterschiedlichen Abstufungen. »Leider ned fulminand gnuuuch« oder »fast scho a weng fulminand«. Jetzt aber wiederholte er: »fei werglich fulminand«. Es war ein Orden, den Klein ihr verlieh.

Sie hätte eine andere Aufnahme vorgezogen, die mit den fliegenden Haaren vor der wehenden Fahne, die auch Luis am besten gefallen hatte. Aber wenn der Chefreporter seinem Arbeitgeber nicht widersprach, verzichtete sie besser auch darauf.

Klein tippte mit dem Finger auf Constanzes Bildschirm.

»Des do mach ma groß!«

»Great«, sagte Luis.

11

Er. Ist. Es.

»Brög. Wim Brög.«

Es läuft was heiß den Rücken runter.

»Wie gehts den goldenen Äpfelchen?« Er lacht. Kriegt sich nicht mehr ein.

Fang mich und sag: »Machen Sie das mit jeder Frau, die ein wenig Licht auf Sie lenkt?«

»Was mach ich denn?«

»Rufen einfach an.«

»Kommt nicht so oft vor.«

»So oft nicht.«

»Glauben Sie bitte nicht alles, was erzählt wird.«

Die Stimme tief, angenehm. Mag sie.

Schnurrt: »Es gibt ja nicht bloß den Politiker.«

Ne winzige Pause, ich halt die Luft an.

»Wovon ich Sie gern überzeugen möchte.«

Das ist dreist. Umwerfend dreist.

»Nö, danke.« Das wars dann wohl.

Kaum ne Stunde später kommt ne Flasche Appelschnaps per Kurier. Noch nie hat mirn Mann Schnaps verehrt. Auf der Karte mit der Hand: »Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, immer nur Sinnvolles zu tun.« Aber hallo! Hat er sich das selbst ausgedacht?

12

So genau wollte es Constanze gar nicht wissen. Freia nötigte ihr fast auf, dass der große Brög es auf sie abgesehen hatte. In ihrer Stimme gespielte Empörung. In Wahrheit gab sie mit ihrer Eroberung an, nannte ihn bereits Wim.

»Was sagst du dazu!«

Was sollte sie schon sagen? Freia war eine erwachsene Frau. Sie musste wissen, was sie tat. Sie benötigte ihren Ratschlag nicht. Stell dir den Obstler als Trophäe ins Regal und vergiss den Rest, wäre passend gewesen.

Sie musste blind und taub gewesen sein auf dem Dach des Reichstags, allein mit ihrer Kamera beschäftigt, mit dem Wind, dem Regen, mit der schwindenden Laune der Herrn Ministers. Rein gar nichts war ihr aufgefallen. Freia hatte das Sonnenlicht auf Brög gelenkt. Gut gemacht! Und jetzt war der Herr die Sonne, um die sie kreiste.

Hatte sie sich etwas vorzuwerfen? Sie hatte Freia ja nicht verschwiegen, mit wem sie es zu tun hatten. Mit einer Gefahr für Deutschland. Mit einem, der seine Finger von nichts lassen konnte, was ihm gefiel. Zum Beispiel von der Macht. Mit so einem bändelte man nicht mir nichts, dir nichts an.

Freia aber war von sich selbst begeistert.

Constanze erlaubte sich am Telefon lediglich den zarten Hinweis: »Wenn du nicht aufpasst, gerätst du mit deinem Meister Wim in Teufels Küche.«

»Wir haben nur telefoniert. Ein einziges Mal. Und mein Meister ist er noch lang nicht.«

Dann sagte sie noch: »Wär ich nur halb so versaut wie du, würd ich mich von eurem Scheißblatt dafür bezahlen lassen.«

Es wäre tatsächlich ganz einfach. Freia müsste nur zum Schein einen klitzekleinen Schritt weiter gehen und es herumerzählen. Mit so einer Affäre könnte sie dem Kanzleraspiranten die schönste Schwulität aufhalsen.

Sollte sie Freia wirklich dazu raten? Stopp! Allein der Gedanke verriet, wie der Job beim Magazin ihr allmählich den Anstand raubte. So verdorben war sie also schon.

Auf etwas so Schändliches würde sich Freia sicher niemals einlassen.

»Hätte dir nix erzählen dürfen«, sagte sie.

»Das hättest du gar nicht ausgehalten, Süße. Aber mach dir keine Sorgen. Ich bin kein Paparazzo und sag auch zu niemandem ein Sterbenswörtchen.«

»Um ihn abzuschießen, ist euch alles recht.«

»Du hast mich nach meiner Meinung gefragt, und hier ist sie. Mach, was du für richtig hältst. Aber sei dir im Klaren darüber, auf was du dich einlässt.«

»Auf gar nichts hab ich mich eingelassen.«

»Brög hat dir bloß mächtig imponiert.«

»Sagen wir’s so: Er ist mir nicht unsympathisch.«

Freia klang trotzig.

Da war mehr. Sie ließ sich nicht täuschen. Und was auch immer nun geschah, brachte Constanze in eine Zwickmühle, in einen blöden Loyalitätskonflikt. Wüsste Klein, was aus dem Fotoshooting zu werden versprach, hätte er ihr ein noch strahlenderes Fulminand geschenkt, ein Fulminandissimo. In seinen Augen musste es so wirken, als hätte sie dem Innenminister einen rotblonden Lockvogel serviert. Eine ganz Durchtriebene diese Constanze, wirklich ein Talent.

Zum Glück hatte sie Freia nicht offiziell als Assistentin engagiert, sondern einfach mit auf den Reichstag genommen. Ihr Name tauchte auf keinem Formular auf, es existierte kein Honorarvertrag. Zu sehen war sie allenfalls auf der einen oder anderen Facebook-Seite der Besuchergruppe.

Noch war ja nichts Nennenswertes passiert, nahm sie an. Wenngleich nicht damit zu rechnen war, dass es Brög mit einer Flasche Apfelbrand bewenden ließ. Er würde mit Freia den Sinn des Lebens durchbuchstabieren wollen.

Auf seine Art.

»Sag hinterher bitte nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

13

Erst mal sehn, obs das Leben gut meint. Kann dann immer noch bereun. Bin ich so naiv, wie Con behauptet? Hab bisher immer nur Sachen bereut, die ich mich nicht trau.

Schon klar, dass sich ein Brög nicht mit ner unbekannten Lady überall blicken lassen kann. Treffen uns bei nem »Freund«, der die Grundsatzabteilung im Ministerium managt. Scheint keine super strengen Grundsätze zu haben.

Kleine »gemütliche Runde«, heißt es. Für das »leibliche Wohl« sei gesorgt. Altmodisches Deutsch, mag es. Gegen Leibliches nichts einzuwenden, wenns mit Wohl verbunden.

Die Linienstraße: schmal, baumlos, renovierter Altbau. Stellmacher steht auf dem Schild. An der Tür: »Bodo«. Bin offenbar der erste Gast. Wenn die gemütliche Runde so überschaubar bleibt wie die Käseplatte … Rühr ohne Wim nix an, bloß den Rosé zum Anwärmen. Wo bleiben die anderen?

Plötzlich steht er im Raum, hat nen Schlüssel. Wangenküsse, geschäftsmäßig. Die Runde komplett. Erst 3 dann 2, weil Abteilungsleiter Bodo zu seinen Grundsätzen muss.

Also noch gemütlicher … Sollte die Notbremse ziehn.

Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, immer nur Sinnvolles zu tun. Seine Worte. Und: »Ich bin nicht bloß Politiker.« Unnötigerweise wiederholt er es.

Ob er auch an die Politik denkt, wenn er mit einer in die Kiste steigt? Stell ihm die Frage so nicht, stell sie mir selbst. Erst mal Small Talk. Wofür er sich sonst noch interessiert?

»Hammerwerfen.«

»Hammerwerfen!?!?«

»Eine 7,2 Kilogramm schwere Stahlkugel an einem 1,2 Meter langen Stahldraht.«

Also gut, plaudern wir über Hämmer, die man aus der Drehung heraus schleudert. Weltrekord bei etwas mehr als 84 Metern, erklärt er.

Seine Bestmarke? Knapp 59 Meter. Wär 1936 noch Weltrekord und Olympiagold gewesen.

»Aber ganz so lang betreib ich den Spaß noch nicht.«

Haha. Will er mir mit so was imponiern?

Reine Kraftsache?

»Falsch. Eine Frage der Geschwindigkeit.«

Die Besten mit ner Abwurfgeschwindigkeit von 30 Metern pro Sekunde. Ein Meter mehr oder weniger macht fünf Meter Weite aus bei einem idealen Abwurfwinkel von 44 Grad. Hab ich gelernt.

Größe also von Vorteil? Wim misst wenigstens eins neunzig.

Er bestreitet es. Abflughöhe ohne Bedeutung. Doch Reichweite entscheidend. Sie bestimmt den Kreis, den die Kugel beim Drehen beschreibt, und damit ihre Geschwindigkeit. Das weiß ich jetzt.

Obwohl ichs so genau gar nicht wissen will.

Dann wieder son goldner Satz: »Die Kunst besteht darin, im richtigen Moment loszulassen. Kraft braucht man nur, um die Fliehkräfte auszuhalten.«

Wie im richtigen Leben.

Verzückt schaut er mich an. Großer Kindskopf oder noch größrer Angeber. Falls es stimmt, dass Politiker sich am liebsten selbst zuhören, wär er ne Ausnahme. Er hört zu. Mir hört er zu.

Seine Fragen – als säß ich auf ner Besetzungscouch. Was ich mach, wieso nix andres, weshalb im Hotel? Wieso, warum? Weil ich rauswill, raus in die Welt. Wohins mich zieht, will er auch hörn. Tut, als koste es ihn einen Anruf, mir jeden Wunsch zu erfüllen. Hab ihn um gar nix gebeten und auch nicht vor, es zu tun.

Also: »Bist du verheiratet?«

»Ja. Und?«

Er muss sich nicht dumm stellen.

»Was sagt Frau Brög zu deinem …«

»Was denn?«

»… Lebensstil.«

Scheint dem Ausdruck nachzulauschen.

»Oder Lebensgier.«

Grinst mit geschlossnen Augen wien Buddha.

»Weiß sie Bescheid?«

»Sie ist eine sehr eigenständige Frau.«

»Was dir entgegenkommt.«

Entgeht ihm mein Sarkasmus?

»Würd sie gern kennenlernen.«

»Darauf würde ich es lieber nicht ankommen lassen.«

Dann dreht er den Spieß um. Ob ich »gebunden« bin oder nicht?

Was soll das denn sein? Keine Antwort. Keine Silbe über Schlagobers.

Nur um ihn zu testen, sag ich: »Angenommen, ich leb mit ner Frau zusammen.«

Er raschelt mit den Augen. Geht das? Er kanns. Und ich mags.

Das Rascheln nicht leicht zu entziffern. Heißt es: »Ich bin doch nicht von gestern« oder »Dann bring deine Freundin halt mit«? Isn Scherz. Er durchschaut ihn: »Ihr habt nur eine Wohngemeinschaft.«

»Das hast du geraten!«

»Gehofft.«

Sein angenehm rollendes Lachen ist mir schon aufm Dach aufgefallen. Klingt unbekümmert.

»Ein Zimmer ist in der WG gerade frei. Möchtest du dich bewerben?«

»Nette Vorstellung.«

»Du träumst!«

»Ja, ich träume. Von dir.«

Hält sich dann aber, was das Träumen betrifft, zurück. Auch beim Wein. Will die Kontrolle nicht verlieren. Kommt mir beinah gehemmt vor. Von seinem berühmten Brachialcharme nicht mehr viel zu spüren.

Mag auch, wie er redet.

Über den Sinn des Lebens. Ob er den schon gefunden hat?

»Wenn es so weit ist, hänge ich die Politik an den Nagel.«

Sagts und schaut mich seltsam an.

Nix passiert in dieser Nacht.

Nix von Belang.

14

Nicht wenige Berliner hatten ihre Stadt den Touristen überlassen und sich ins Havelland, in die Uckermark oder in den Spreewald verzogen. Constanze verspürte keine Lust, sich mit Abertausenden an den Wannsee oder eine der anderen Pfützen zu legen. Die Berliner Straßen waren am Sonntag nicht stark belebt, also auch nicht so gefährlich wie unter der Woche, und dazu war auch endlich noch das Wetter brauchbar genug, um mit David die versprochene Tour auf Rädern zu unternehmen.

Er ging inzwischen auf eine Ganztagsschule. Den Platz dort zu ergattern, hatte sie Nerven und Geld gekostet. Nun gab es Mütter von Schulfreunden und manchmal sogar dazugehörige Väter, die David abholten und sich um ihn kümmerten, wenn sie noch in der Redaktion saß. Auch wenn ihr das schlechte Gewissen blieb. Sie durfte das Bürschlein nicht auch noch am Wochenende allein lassen.

Luis hatte einen Ausflug nach Hamburg vorgeschlagen. Aber auf ihre Frage, was machen wir dort mit David, war ihm außer »Schiffe gucken« nichts eingefallen.

»Dann bleiben wir in Berlin«, hatte sie bestimmt.

Sie hatte sich vorgenommen, Luis zur Abschreckung einen Familiensonntagnachmittag zu verpassen. Vielleicht war dann Schluss mit seinen Avancen. So weit war es schon gekommen, dass sie sich hinter dem Kind verschanzte. Ihr Privatleben war zwar ein Trockental, Luis aber nicht der Regenmacher, nach dem sie sich unbedingt verzehrte. Er hatte ein großes Maul und manchmal seine Finger nicht im Griff, war aber kein übler Kerl. Und sie war ehrgeizig, doch nicht aus Pappe.

Als Luis an der Tür klingelte, wollte sie ihn gar nicht erst in die Wohnung lassen. Kreuzberg, Landwehrkanal, Paul-Linke-Ufer, nach Berliner Maßstäben fast schon eine mondäne Adresse. Sie kam mit David gleich runter.

»Fahren wir in den Zoo!«, schlug er vor.

»Ich weiß nicht.«

»In den Zoo, in den Zoo!« David hüpfte vor Freude.

»Luis macht dir den Affen. Dazu müssen wir nicht in den Zoo«, sagte sie in einem Ton, den der Sprössling nicht verstand.

»Warum denn nicht in den Zoo?«, widersprach Luis.

»Wenn es unbedingt sein muss.« Sie gab mal wieder nach.

Er beantwortete David hundert Fragen und tat, als gäbe es kein größeres Vergnügen für ihn, als Kamele, Löwen und Krokodile zu beobachten. Zu jeder Tierart fiel ihm eine seiner tollen Reisen ein, von denen er erzählen und mit denen er prahlen konnte. Große Augen schwatzte er dem Kind in den Kopf.

»Fahren wir auch mal in den Urwald?«

»Machen wir«, versprach Luis. »Wenn deine Mami nichts dagegen hat.«

Sie fand Zoos zum Gähnen und hatte sogar ihre Kamera zu Hause gelassen. Eigentlich wollte sie nur entspannen. Wenigstens kümmerte sich Luis um das Kind. Es ließ sich von ihm sogar an die Hand nehmen. Die beiden verstanden sich prächtig. Anschließend teilten sich die Männer im Biergarten am Neuen See eine Pizza, und der Knirps durfte vom Bier nippen. Von da an hatte sie endgültig die Macht über ihn verloren. Luis mietete ein Ruderboot. Jetzt ließ er auch noch den Naturburschen von der Leine, zog die Joppe aus und zeigte seine Muckis.

David wünschte sich schon länger ein Schlauchboot. Eines von diesen Dingern, die nachmittags auf dem Landwehrkanal schaukelten, mit jungen Leuten besetzt, die an Flaschen nuckelten, kifften oder dösten. Luis bestärkte ihn darin. Etwas anderes hätte sie auch gewundert. Das Christkind brachte womöglich so ein Boot, stellte Luis in Aussicht. Was sollte das denn!

Der Ausflug erwies sich somit als kontraproduktiv. Er schreckte Luis nicht ab. Bitte nicht schon wieder ein Mann, den sie sich von David aufschwatzen ließ! Auf diese Art war sie schon in den Armen des Ex-Terroristen gelandet.

Um ein Thema machte sie die ganze Zeit einen Bogen. Sie war nicht im Dienst. War sie verpflichtet gewesen, ihrem Chef davon zu berichten, was sich zwischen Brög und Freia anbahnte? Ihre Antwort war ein klares Nein. Selbst wenn Luis dahinterkommen sollte, würde sie abstreiten, davon gewusst zu haben. Sie würde selbstverständlich Freia schützen, so gut es ging.

»Und jetzt?«, fragte er, als sie endlich zurück waren.

Das hätte Constanze auch gern gewusst.

»Schon Pläne für den Abend?«

»David muss unbedingt zur Ruhe kommen.«

Sie schickte Luis weg. Unerbittlich. Fast war sie stolz auf sich.

15

Was mir auf den Zeiger geht: Cons Neugier.

»Hat er es probiert?«

»Was probiert?«

»Komm schon!«

»Geht dich nix an.«

»Wie kann man nur so blauäugig sein.«

»Herr Brög hat mir ein Taxi bestellt und mich sittsam zur Tür geleitet.«

»Oho! Geleitet hat er dich auch.«

Und so weiter und so fort.

Con eifersüchtig? Hört sich so an.

Sie gibt keine Ruhe. Ihre Ratschläge gehen mir am Arsch vorbei. Weiß schon, was ich tu. Was soll der Quatsch mit dem Altersunterschied? Spielt der noch irgendwo ne Rolle? Hab ich ne Macke, bloß weil ich mich nicht mit jungen Hüpfern langweilen will?

Hatte ihr blöderweise von meim »Schicksal« als Scheidungskind erzählt. Dafür kübelt sie mir ne Ladung Küchenpsychologie übern Kopf. Alles Bullshit. Wim ist kein Ersatz-Daddy, noch nicht maln Sugardaddy. Wenn jemand nen Knall hat in dieser Beziehung, dann ist Con es. Ihr Alter wurde von RAF-Leuten abgeknallt, als sie sechzehn war.

Totschlagargument 2: »Herr Brög ist verheiratet und hat zwei Kinder.«

16

»Ungenießbar!«

Angeekelt schob sie den Teller auf dem senffarbenen Plastiktablett zur Seite. Der vegane Biobratling knirschte zwischen den Zähnen, so trocken wie er war.

Mücke grinste: »Mach dir nüscht draus.« Sie saß vor einem panierten Schweineschnitzel und hatte die bessere Wahl getroffen.

Am Kantinentisch drehte sich die Debatte mal wieder um den großen Kampf. Der selbst ernannte Sturmtrupp der Demokratie hielt sich für unfehlbar, unbesiegbar und die eigene Meinung für unbestreitbar.