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Ein richtig falsches Leben E-Book

Jakob Bodan

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Beschreibung

Ein spannungsgeladener Gesellschaftsroman um die Morde der dritten Generation der RAF: Die dritte Generation der RAF wollte das Ende der DDR rächen. Ihre Anschläge – auf Alfred Herrhausen und andere – wurden niemals aufgeklärt. Bis heute leben die Mörder im Untergrund. Aber wie sie leben ... Frederic hält es nicht mehr aus. Constanze könnte ihm zu einem neuen Leben verhelfen. Doch sie ist die Tochter eines Attentatsopfers. Und wären da nicht das Gift der Wahrheit und das Zwielicht der Politik. Frederic wird zum Gejagten in einem Spiel, in dem all zu viele Seiten die Wahrheit für immer totschweigen wollen. Ein Insider schreibt nah am historischen Geschehen über ein unaufgearbeitetes Kapitel bundesdeutscher Geschichte.

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Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Jakob Bodan

Ein richtig falsches Leben

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Die dritte Generation der RAF wollte das Ende der DDR rächen. Ihre Anschläge – auf Alfred Herrhausen und andere – wurden niemals aufgeklärt. Bis heute leben die Mörder im Untergrund. Aber wie sie leben … Frederic ist einer von ihnen und hält es nicht mehr aus. Constanze könnte ihm zu einem neuen Leben verhelfen. Doch sie ist die Tochter eines Attentatsopfers. Und wären da nicht das Gift der Wahrheit und das Zwielicht der Politik. Frederic wird zum Gejagten in einem Spiel, in dem all zu viele Seiten die Wahrheit für immer totschweigen wollen.

Inhaltsübersicht

Motto

Sie riecht noch nach [...]

Erster Akt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

Zweiter Akt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

Dritter Akt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

Vierter Akt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

Fünfter Akt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

»Man trifft hier Bösewichter an, die Erstaunen abzwingen, ehrwürdige Missetäter, Ungeheuer mit Majestät; Geister, die das abscheuliche Laster reizet, um der Größe willen, die ihm anhänget, um der Kraft willen, die es erfordert, um der Gefahren willen, die es begleiten. Man stößt auf Menschen, die den Teufel umarmen würden, weil er der Mann ohne seinesgleichen ist; die auf dem Weg zur höchsten Vollkommenheit die unvollkommensten werden, die unglückseligsten auf dem Weg zum höchsten Glück, wie sie es wähnen.«

 

Friedrich Schiller, Unterdrückte Vorrede zum Schauspiel Die Räuber

Sie riecht noch nach ihm, doch die Erinnerung ist bereits erloschen. So schnell kann das geschehen. Er hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Es ist nur der falsche Tag.

Ein Tag im Herbst, der leicht beginnt und noch nach Sommer schmeckt. Constanze verabschiedet sich nicht von ihren Eltern und Brüdern. Sie verlässt das gemeinsame Frühstück vorzeitig und ohne ein Wort von Bedeutung. Auf Mutters Wohin? murmelt sie etwas von einem Extratraining. Und Papa? Das letzte Wort an seine Tochter ist ein leicht resigniertes Na dann!

Constanze ist siebzehn. In diesem Alter hängt man zu Hause nicht an die große Glocke, wenn man mit einem fast doppelt so alten Mann in den Wald fährt. Julius, der Sportkamerad, der das Hockeyteam von Schwarz-Weiß Bonn trainiert, dessen Tor Constanze hütet, posaunt es auch nicht herum. Noch ein Jahr, dann hat sie das Abitur in der Tasche und kann ausziehen und herumziehen, mit wem sie will.

Sie fährt an diesem verdammten Tag mit Julius ins Siebengebirge. In einer Laube aus leuchtenden Blättern lieben sie sich. Zur selben Zeit bricht Papa mit Rameau zum Joggen auf. Wie immer stürmen Herr und Hund gemeinsam los. Nur diesmal kehren sie nicht zurück.

Constanze ist nicht erreichbar. Wäre sie erreichbar, würde es nichts ändern. Es ist der letzte ganz und gar unbeschwerte Fick ihres Lebens.

Ein paar Stunden später hält Julius an der Ippendorfer Allee, um sich von ihr mit einem Kuss zu verabschieden. Ein Streifenwagen mit blinkendem Blaulicht blockiert die Abzweigung in die Ferdinandstraße. Ein Beamter spricht in ein Funkgerät, ehe er Constanze in Empfang nimmt. Als sie sich umblickt, ist Julius bereits verschwunden.

Erklären will ihr der Polizist nichts. Es ist auch nicht nötig. Die ungeheure Ahnung hat Constanze bereits gestreift. Als sie sich zwei oder drei Minuten später bestätigt, bleibt ihr Herz nicht stehen. Nur klafft in ihrer Seele nun dieses schwarze Loch, das sich nicht mehr schließen wird und ihre Energie verschlingt.

Papa und Rameau. Weshalb Rameau? Constanze beschäftigt, warum auch der Hund hat dran glauben müssen. Sie weiß, wie grotesk diese Frage ist, kann aber nichts dagegen tun. Sie sind beide tot, als Spaziergänger sie finden, keine hundert Meter von ihrem Haus entfernt am Engelspfad.

Mutter versteinert auf dem Sofa, jemand hat ihr eine Beruhigungsspritze verpasst. Constanze fürchtet sich vor ihrer Verzweiflung, raucht eine Zigarette nach der anderen und tigert im Haus herum. Niemals zuvor hat sie gewagt, sich hier eine anzustecken. Jetzt registriert es niemand. Auch Christoph und Willibald nicht. Ihre Brüder hocken in der Küche und starren aus dem Fenster auf Eigenheime, Vorgärten, Garagen. Auf eine Straße, deren Frieden zerstört ist.

Die Einzige, die redet, ist Anna, eine Freundin aus der Nachbarschaft. Wenn das Telefon klingelt, fertigt sie die Anrufer so wortkarg und dezent wie möglich ab. Die Nachricht vom Anschlag ist längst angekommen in der Welt: Der Wahlkampfmanager Stephan Schelling wurde mit zwei Schüssen in Kopf und Hals getötet. Ohne Unterlass schrillt jetzt das Telefon. Constanze nimmt es durch das Rauschen in ihrem Kopf kaum wahr.

Sie will den Tatort sehen, eine Kriminalbeamtin redet es ihr aus. Dafür haftet jetzt ein Bild in ihrem Kopf, das sie gar nicht gesehen hat und auch nicht sehen will. Jeder kennt es von der Mattscheibe, der Leinwand. Nur ist es diesmal kein Film. Der Mann auf dem Stahltisch der Gerichtsmedizin ist ihr Vater.

Constanze hat an diesem Morgen gewusst, was sie tat. Am Ende des Tages weiß sie, dass es falsch gewesen ist. Wenige Wochen später verlässt sie den Hockeyclub. Julius kann nichts dafür. Er wäre jetzt zu viel für ihre Mutter, und er ist auch zu viel für Constanze. Ihr Blick auf die Welt hat sich mit einem Mal verändert. Und jeder, der sie kennt, sieht sie mit anderen Augen.

Das große Warum füllt von nun an alles aus. Und das Wer. Wer hat Stephan Schelling auf dem Gewissen? Constanze bekommt keine Antwort. Bis heute nicht, zwanzig Jahre danach.

Erster Akt

»Taten wie diese überlegt man, wenn sie getan sind.«

Räuber Moor

1

Umgeben von Pinien, Kastanien und Eichen schmiegte sich das Kloster an einen Hang des Massif des Maures. Ein Lieblingsort ihres Vaters. Als Kind hatte Constanze die kurvenreiche Anfahrt gehasst. Ihr war meist schlecht geworden. Man hatte sie als Puffer zwischen die streitsüchtigen Zwillinge gesetzt, Christoph und Willibald. Einmal hatten die beiden nicht bloß gestritten, sondern sich auch noch gleichzeitig übergeben. So etwas bleibt unvergesslich.

Constanze zog es immer wieder an diesen Ort. Weil es sich hier anfühlte, als ob die Zeit aus einem dichteren Stoff bestünde. Die Zeit heilt alle Wunden: Dieser Spruch klang hier oben besonders falsch.

Es gab keinen Grund, die Zeit mit ihrem Vater zu verklären. Dennoch tat sie es unwillkürlich. Es kam ihr vor, als sei sie ihm hier näher. Das war Einbildung, falsch wie die Erwartung, sie fände hier ihren inneren Frieden. Gar nichts fand sie.

Selbst die Hoffnung auf den einen oder anderen guten Schuss mit der Kamera war heute vergeblich. Außerdem beschäftigte David sie pausenlos. Er warf mit Steinen nach einer Katze, jagte hinter ihr her, schlug dabei hin und heulte. Vergeblich versuchte sie, sein Interesse für die Eidechsen zu wecken, die sich an den unverputzten Steinmauern sonnten. Auch Verstecken spielen war kein anhaltender Erfolg. Dem Jungen fehlten Spielkameraden. Es wäre besser gewesen, ihn bei Emily und Lawrence zu lassen, den englischen Nachbarn. Aber er hatte gequengelt. »Will mit!« Er quengelte immer noch.

Die fast neunhundert Jahre alte Chartreuse de la Verne war mehrmals ausgebrannt, verlassen, aber immer wieder aufgebaut worden, auch seit Constanzes letztem Besuch mit Papa. Aus der Klosterruine war wieder ein Kloster geworden, das dadurch viel von seiner Ruinenromantik eingebüßt hatte. Zwischen den Mauern bewegte sich kein Luftzug. Nichts, was ihre Erinnerungen aufwirbelte. Oder besser: Nichts, was sie wegblies.

Auch hier oben hatten sie viel gestritten, soweit man sich mit Papa überhaupt streiten konnte. Gerade deshalb hatte sie ihn immer wieder zu provozieren versucht. Er hatte sich nur so gut wie nie provozieren lassen, damals, als Constanze fünfzehn, sechzehn, siebzehn gewesen war und unbedingt hatte streiten wollen.

Alles wusste er besser, vor allem, wenn es um Politik ging. Auf jedes ihrer Argumente setzte er drei andere. Sein Verständnis für ihr Unverständnis jedoch schien maßlos. Immer blieb er ruhig. Das war das Schlimmste. Papa war nicht zu erschüttern und nicht aus der Reserve zu locken. Niemals ein »Schluss jetzt!«, niemals ein »Davon hast du keine Ahnung«. Manchmal war er unerträglich gewesen in seinem Drang, ihr die Welt immer noch schöner zu malen. Vermutlich hätte er selbst für seinen eigenen Tod noch eine nachsichtige Erklärung gehabt.

Constanzes Schmerz hatte sich über die Jahre nicht von der Stelle bewegt. Hier oben stand alles still, bloß David nicht. Der wusste nicht, was Stille war. Mit ihm kam sie heute nicht mehr zur Besinnung. Irgendeine Attraktion musste sie ihm noch bieten.

Wie oft war sie an dem angerosteten Schild an der schmalen, kurvigen Straße hinauf nach Collobrières vorbeigerauscht. Es verriet, dass man gerade das Maison des Confitures – Produits du Terroir, Fabrication Artisanale – passierte. Diesmal bog sie ab. Ein tückischer Einfall. Denn David liebte Marmelade.

Die am Eingang ausgelegte Liste versprach mehr als vierhundert Variétés de Confitures. Sie waren in hohen Regalen gestapelt.

»Welche hast du am liebsten?«

Eine unsinnige Frage. David hatte schon ein Glas in der Hand.

»Brombeeren mit Gin, mein kleiner Schatz, mögen wir das wirklich? Bring es bitte wieder zurück.«

Er stellte es irgendwohin, aber nicht dorthin, wo er es weggenommen hatte.

»Schau mal, Marmelade aus Feigen«, sagte Constanze.

»Keine Feigen!«

Trotzdem bemühte sie sich, David Feigenmarmelade schmackhaft zu machen. Sie zählte gemeinsam mit ihm die Variétés von eins bis zehn.

»Feige mit Banane und Zitrone, Feige mit Quitte, Feige mit Sauerkirschen, Feige mit Pfirsichen und Rosinen, Feige mit Birnen, Feige mit Vanille …«

Aber es war der falsche Ort und Feigenmarmelade das Falsche für Erziehungsversuche. David riss sich los.

»Nichts anfassen!«

Bei den Aprikosenmarmeladen fing sie ihn wieder ein. Diesmal zählte sie auf Französisch. Ein intelligentes Kind wie David war damit nicht zu beeindrucken. Constanze kam auf achtundzwanzig Sorten. Aprikose mit Mandeln, Aprikose mit Ananas und Cointreau, Aprikose mit Champagner, Aprikose mit Lavendel und so weiter, jeweils in zwei Größen.

Als David sich nach einer Marmelade in der dritten Etage des Regals streckte, geschah es. Ein mit vierhundertfünfzig Gramm gefülltes Glas wilder Heidelbeeren mit Cognac zerschellte auf den Terrakottafliesen.

»David!«

Ihr Schrei klang schriller, als ihr lieb war.

Die dicke Frau, von der sie die ganze Zeit schon argwöhnisch beobachtet worden war, warf ihr einen anklagenden Blick zu, stand auf und verschwand. Bewaffnet mit Besen, Schaufel, Lappen und Eimer kam sie sogleich zurück.

»David, so geht das nicht«, betonte Constanze, um ihre pädagogische Anstrengung zu dokumentieren.

Die Frau schob das Malheur schweigend auf die Schaufel. Aus dem anklagenden war ein strafender Blick geworden.

»Haben Sie Kinder?«, fragte Constanze – nun auf Französisch.

»Pas du tout!« Absolut nicht.

Sie warf das alkoholhaltige Ragout aus Scherben und Früchten in den Eimer.

Eigentlich hatte Constanze vorgehabt, einige Gläser zu kaufen. Inzwischen aber war die Verärgerung über die dicke Frau stärker als ihr schlechtes Gewissen.

»Ich begleiche den Schaden.«

Sie zückte das Portemonnaie.

»Du balai!« Verschwinden Sie!

2

Während seine Frau im Laden hinter der Kasse saß und die Kunden beaufsichtigte, rührte Frederic in einem kupfernen Kessel über züngelnder Gasflamme Marmelade aus Zitrusfrüchten und dachte angestrengt darüber nach, wie er Marie-Claire aus der Welt schaffen konnte.

Er hätte sie zum Beispiel im Schlaf ersticken können. Das traute er sich durchaus zu. Oder er stellte sich vor, dass MC, wie er sie nannte, im Pool ertrank.

Mit seiner Hilfe.

So schwer konnte das nicht zu bewerkstelligen sein. Das Problem war nur der Pool.

Es gab keinen Pool.

Auch wenn sie sich längst einen hätten leisten können. Denn das Maison des Confitures warf genug ab. In der Hochsaison im August kletterte der Umsatz auf mehr als tausend Euro am Tag. Die beiden hätten im Winter zusperren und zum Tauchen in ein Überseedepartement reisen können.

Aber sie reisten nicht.

Weil MC nicht reiste.

Dann wenigstens ein kleiner, bescheidener Pool! Es war Frederics innigster Wunsch, schon seines empfindlichen Rückens wegen. Doch MC hielt selbst den kleinsten Pool für einen Inbegriff bürgerlicher Dekadenz.

Von der Beseitigung MCs hatte Frederic vor einigen Jahren zu träumen begonnen. Der Traum hatte sich in einen Wunsch verpuppt, der immer dringlicher geworden war. Daraus war der schwarze Falter der Tat geschlüpft. Die Phase konkreter Planung hatte begonnen.

Es sollte kein Blut fließen.

Jedenfalls nicht mehr, als er ertragen konnte. Er wollte kein Blut mehr sehen. In einem seiner Albträume hatte er MC zu Konfitüre verkocht und in Gläser abgefüllt. Wie er sie vorher zerstückelt hatte, hatte der Traum ihm vorenthalten.

Marmelade war Frederics Ein und Alles. Saison für Saison nahm die Zahl seiner Kreationen zu. MC aber fand, dass es schon mehr als genug waren. Seine Sucht überfordere die Kunden, meinte sie.

Sie verabscheute es, wenn die Leute immer wieder andere Gläser aus den Regalen holten und einander die von Frederic eigenhändig in steilen Versalien geschriebenen Etiketten vorlasen. Feige mit Whiskey, Stachelbeere mit grünen Äpfeln und Minze, Walderdbeere mit Holunder und Nüssen.

Ein Schlaganfall wäre Frederic am liebsten gewesen, er hätte sich die Hände nicht schmutzig machen müssen. Fett genug war sie ja. Jeden Tag noch fetter. MC aber traf kein Schlag. Eher traf der ihn, wenn er sich nicht endlich von ihr befreite.

»Je reicher die Kunden, desto ungezogener benehmen sich ihre Flegel.«

Ja, da war etwas dran.

Aber die Betuchten füllten schließlich den Laden. Denn Frederics Marmelade war nicht nur doppelt so gut, sondern auch doppelt so teuer wie die teuersten Sorten im Géant Casino. Die Leute aus den Villen sparten nicht. Ein Gläschen Champagnergelee reichte da nicht, es musste auch noch ein Gläschen Champagnergelee mit Himbeeren und Champagnergelee mit Ananas mit ins Körbchen. Im kleinen Glas zu zweihundertfünfzig Gramm für neun Euro achtzig. Das Champagnergelee fand reißenden Absatz. Frederic hätte gern expandiert, seine Produkte auch online angeboten.

Aber MC bremste.

»Marmeladenfaschist«, schimpfte sie ihn.

Auch mit Marmelade hätte er MC anstandslos beseitigen können. Grüne Limonen und Mandarinen, abgeschmeckt mit einem Schuss Blue Curaçao und ein paar Spritzern Blausäure, eine giftgrüne Mischung. Eine hübsche Vorstellung. Leider unrealistisch. Sie mochte seine Köstlichkeiten nicht. Konnte das klebrige Zeug nicht riechen.

»Dein Gehirn besteht nur noch aus Marmelade!«

Den Spruch hörte Frederic nicht zum ersten Mal.

MC wollte und konnte ihn nicht verstehen. Glaubte Frederic den Papieren, führten sie eine Ehe. Vertraute er den Tatsachen, waren sie keinen einzigen Tag miteinander verheiratet gewesen. Dennoch waren sie auf immer und ewig verstrickt ineinander.

Bis dass der Tod sie schied.

Auch eine Gasexplosion hatte er in Erwägung gezogen, sie aber als unzuverlässig und technisch zu kompliziert verworfen. Falls das Wort »Lösung« noch einen Sinn hatte, gab es für Frederic nur eine Lösung.

3

Wenige Tage später kehrte Constanze ins Maison des Confitures zurück, David hatte sie bei Lawrence und Emily gelassen, hatte jetzt die Kamera dabei. Auf die Frau an der Kasse hatte sie es abgesehen, auf das missvergnügte Gesicht, das ein Regiment aus Gläsern befehligte.

Doch da saß nicht die dicke Frau, sondern ein hagerer Mann.

»Die Frau neulich hier an der Kasse, vermutlich Ihre Frau …«

»Qui?«

Abgesehen von der Leibesfülle hatte die Frau nichts an sich, was mit der Süße ihrer Produkte harmoniert hätte. Auf diesen sichtbaren Widerspruch kam es Constanze an. Nur konnte sie das dem Mann schlecht so direkt aufs Brot schmieren. Sie rühmte lieber das originelle Ambiente des Ladens.

»Dazu passt Ihre Frau wie gemalt. Ich arbeite an einer Fotoreportage über die Provence für eine deutsche Frauenzeitschrift.«

Das klang plausibel, hoffte sie.

»Wenn Sie mit Marie-Claire Ärger wollen, müssen Sie nur Ihre Kamera zücken«, sagte der Mann.

»Die Aufnahme wäre eine Superwerbung für das Maison des Confitures.«

»Glauben Sie mir, es wäre keine gute Idee.«

Constanze nahm ein Glas Earl-Grey-Gelee aus dem Regal. »Ist ja mal was anderes auf dem Frühstücksbrötchen«, lobte sie. Sie hatte unwillkürlich das schöne deutsche Wort verwendet.

»Frühstücksbrötchen«, wiederholte der Mann auf Deutsch und lauschte den Silben nach, als sei es eine Spezialität, die er schon lange nicht mehr geschmeckt hatte.

»Sie sind also Deutscher. Wie lange leben Sie hier schon?«

»Zu lange«, sagte der Mann und schaffte es nicht, Constanze dabei anzusehen.

»Welche Sorte würden Sie mir besonders empfehlen?«

»Sie sind schon auf der richtigen Spur. Nehmen Sie noch ein anderes Gelee hinzu, Hibiskus und Rosmarin. Und zum Käse Konfitüre aus grüner Tomate.«

Er kam hinter der Kasse hervor, um die Gläser selbst aus den Regalen zu holen.

»Haben Sie Kinder?«, fragte Constanze.

»Weshalb fragen Sie?«

»Nur so.«

Dann aber erwähnte sie doch Davids Missgeschick neulich und die Folgen.

»Wenn das alles ist, was hier zu Bruch geht, soll es mir recht sein«, sagte der Mann.

Plötzlich stand die dicke Frau in der Tür. In Lederkluft, einen schwarzen Helm unter dem Arm, schrammte sie grußlos an Constanze vorbei.

»Keine Angst, mein Sohn ist zu Hause.«

Die Frau warf ihrem Mann einen Blick zu, als hätte sie ihn gerade in flagranti erwischt. Mit Stiefelschritten stampfte sie durch den Laden und verschwand. Ein filmreifer Auftritt.

»Danke«, sagte der Mann zu Constanze. Er wirkte eingeschüchtert, reichte ihr die Gläser in einer Plastiktüte und wollte sie hinauskomplimentieren.

»Ich habe noch nicht bezahlt.«

Als das schweigend erledigt war und Constanze den Laden verlassen hatte, stellte sie sich hinter eine Zypresse und wartete. Die Frau tat ihr den Gefallen. Sie kehrte zu ihrem Motorrad zurück, das vor dem Eingang stand. Es war nicht das Bild, auf das Constanze gehofft hatte, aber schlecht war auch dieses nicht: Die dicke Frau in der offenen Tür, das misstrauische Gesicht genau neben der altmodischen Schrift: Les Fruits de Provence. Das seltsame Gewächs setzte den Helm auf und schwang sich erstaunlich behände auf die Maschine.

4

Am Abend wurde Frederic von MC ins Gebet genommen.

»Was wollte die Frau?«

»Welche Frau?«

»Stell dich nicht dumm.«

»Marmelade kaufen, nehme ich an.«

»Vor vier Tagen schon hat sie Unruhe gestiftet mit ihrem verzogenen Kind.«

»Du hast sie verprellt.«

»Nicht gründlich genug.«

»Offenbar haben es ihr meine Marmeladen angetan.«

»Oder du.«

»Ach was.«

»Sie hat dich ausgefragt.«

»Blödsinn.«

»Wer ist sie?«

»Eine Fotografin. Der Laden gefällt ihr.«

»Was genau wollte sie wissen?«

»Was wohl?«

»Etwas wird sie dich doch gefragt haben.«

»Ob sie ein Foto machen darf.«

»Und?«

»Was und?«

»Was hast du geantwortet?«

»Was glaubst du?«

»Bei dir bin ich mir nicht sicher.«

»Du erstickst noch am Verfolgungswahn.«

Diese Todesart existierte leider nur theoretisch.

»Hat sie dir auch ihren Namen verraten?«

»Wozu?«

»Na, denk mal nach!«

»Du siehst Gespenster.«

»Ich wette, sie kreuzt bald wieder auf.«

»Da sie dich erneut erlebt hat, wird sie den Laden nie wieder betreten.«

MC zog entrüstet ab.

Ein Monster zwischen Marmeladengläsern.

Frederic verstand das Motiv der Fotografin. Er hoffte, sie würde sich doch nicht abschrecken lassen und wiederkommen. Seine Kreationen waren konkurrenzlos, und er lebte vom Beifall der Kunden. Deshalb saß er auch gern an der Kasse, wenn MC aus dem Haus war. Auch ohne MC würde die Fotografin ein stimmungsvolles Motiv finden.

Er sah in ihr beinahe schon eine Verbündete. Wenn es stimmte, dass sie für eine deutsche Frauenzeitschrift arbeitete. Man konnte nicht vorsichtig genug sein. Misstrauen war das Einzige, was Frederic noch mit MC verband.

Mittlerweile aßen sie nicht einmal mehr gemeinsam. Frederic hatte sich zum Vegetarier gewandelt und hielt den Geruch von Marie-Claires Frühstücksspeck nicht aus.

»Wenn schon nicht mehr richtig leben, dann wenigstens richtig essen« lautete ihr Spruch.

Lammkoteletts, Blutwürste, Pasteten, reichhaltige Fischsuppen, pot au feus, mit süßen Weinen abgelöschte, in der Pfanne gebratene Fettlebern von Enten und Gänsen stopfte sie in sich hinein.

Es war ihr anzusehen.

Frederic dagegen war eine Feder. Im Schatten dieser Frau waren sogar seine Lippen schmal geworden. Um ihren Worten zu entgehen, aß er lieber allein. Schwieg, um nicht ihre Antworten hören zu müssen. Er ertrug sie nicht mehr.

Nicht einmal ihre Sprache. Immer schlampiger kamen die Sätze daher, Wortmüll, versetzt mit Leergut. Und irgendwie und halt und alles und Sachen und so. Warum reduzierte sie nicht einfach die Zahl ihrer Wörter und verwendete sie mit mehr Bedacht? Allein dann, wenn sie ihre vermeintlich heroische Vergangenheit aufleben ließ, fand MC genauere Sätze, wenn auch nicht die richtigen. Ging es dagegen um die dumme Gegenwart, war sie zum Wahnsinnigwerden kompliziert.

Statt Einfaches einfach mitzuteilen, produzierte sie einen Schwall aus Worten. Der Klempner ist heute nicht erschienen, Punkt, hätte genügt. Stattdessen holte sie aus. Sie habe Lucile um eine Handwerker-Empfehlung gebeten, mit dem Empfohlenen daraufhin einen Termin vereinbart, den dieser eingehalten hätte, wäre nicht seine Tochter von einem Hund angesprungen worden, worüber er, der Klempner, in seiner Aufregung jedoch Lucile statt MC informiert habe, die das wiederum, obwohl ihr MC in der Apotheke über den Weg gelaufen sei, um sich eine Salbe gegen den nässenden Ausschlag unter der Achsel zu besorgen, für sich behalten habe. In dieser Art. Sie fand nie den Punkt. Nicht am Tag und nicht in der Nacht.

Frederic blieb nichts anderes übrig, als sie zum Schweigen zu bringen. Er bezweifelte nicht, dass MC ihrerseits ähnliche Fantasien hegte, wenn sie spätabends auf dem Bett lag, um einen trübsinnigen Kriminalroman nach dem anderen zu verschlingen, während er sich in seiner Kammer alte italienische Madrigale auf die Ohren legte. Am liebsten die von Gesualdo, dem Fürsten von Venosa, der seine Ehefrau und deren Geliebten hatte abstechen lassen im Rausch der Eifersucht.

Weil sie beide passabel Französisch sprachen, hatten sie sich einst für Frankreich entschieden. Frederic war in einem frankophilen Elternhaus groß geworden. Mama (Betonung auf der zweiten Silbe) hatte Baudelaire gelesen, Papa das Au-pair aus Bordeaux flachgelegt. MC hatte ein angesehenes französisches Gymnasium in Berlin besucht und später als Anwaltsgehilfin auch für Kanzleien in Genf und Straßburg gearbeitet.

Seine Česká ČZ 83, 7,65 mm Browning und der Schalldämpfer lagen in einen ölgetränkten Lappen gewickelt im Regal bei den Gartenutensilien, das Magazin stets gefüllt. Das Schießeisen war ja auch eine Art Gartengerät. Es half nur noch Jäten.

Mach kaputt, was dich kaputt macht!

Wenn er im Geräteraum zu tun hatte und er auch nicht befürchten musste, dass sie hinter ihm her schnüffelte, zog er die Waffe hervor. Er roch an ihr, mochte den Geruch des Maschinenöls. Vorsichtshalber hatte er die Waffe vor ein paar Tagen im Wald ausprobiert. Ließ sich die gemeinsame Geschichte wirklich so beenden? Nur weil es eine Leidensgeschichte geworden war, eine ziemlich spießige, bürgerliche noch dazu.

MC war wie jeden Mittwoch nach Cogolin hinuntergefahren, um Lucile zu treffen. Frederic hingegen traf jeden Samstag auf dem Markt des kleinen Städtchens Lieferanten, von denen er Früchte im besten Reifezustand bezog. Er bezahlte stets in bar. MC glaubte, dass Frederic weniger ausgab, als die Belege auswiesen. Sie unterstellte ihm eine schwarze Kasse. Beweisen konnte sie es nicht.

In dieser Frage ließ er sich nicht einschüchtern. Sie genehmigten sich monatlich jeweils vierhundert Euro für persönliche Bedürfnisse. MC investierte in ihr Motorrad, eine 750er Suzuki. Ein Motorradunfall wäre die bequemste Lösung von allen gewesen.

Frederic gab sein Geld für Bücher und CDs aus und legte den größeren Teil auf die hohe Kante. Für den Notfall, den er herbeisehnte.

Es wurde höchste Zeit dafür. Nicht einmal, nicht zweimal, öfter, als er es aushielt, hatte ihm MC schon auf den Kopf zugesagt: »Du willst hier raus. Weißt du, was das bedeutet? Es wäre das Ende des Maison des Confitures. Das Ende deiner Freiheit.«

Was sie so Freiheit nannte.

5

Der Marmeladenkoch und die Matrone, die ihn nicht aus den Augen ließ. Ein rätselhaftes Paar, fand Constanze. Vielleicht waren die beiden einmal als Aussteiger gestartet und in der Hölle ihres Kleingewerbes gestrandet. Es gab tausend Ursachen für das gewöhnliche Unglück.

Vielleicht hasste die dicke Frau Kinder, weil sie selbst keine bekommen konnte. Oder der dünne Mann ihr keine machen wollte. Oder dazu nicht in der Lage war. Ehen konnten aus vielen Gründen zugrunde gehen. Auch ganz grundlos.

Der dünne Mann war mindestens so seltsam wie die dicke Frau. Vielleicht war er ein pedantisches Scheusal und nicht auszuhalten für eine lebenslustige Frau, die sich auf dem Motorrad holen musste, was die filigranen Knochen ihres Gatten nicht hergaben.

Constanze stellte sich gern andere Paare im Bett vor. Vielleicht schliefen sie nicht mehr miteinander, weil dem Mann die viele Marmelade die Genitalien verklebte. Kannte man alle Nebenwirkungen dieses Zeugs? Es könnte ihr gleichgültig sein. Aber ständig verglich Constanze ihr eigenes Schicksal mit dem anderer. Manchmal tat es ihr gut, wenn sie sah, dass das Elend vor der schönsten Idylle nicht haltmachte.

Wann hatte sie selbst zum letzten Mal mit einem Mann geschlafen? Sie war nach der Scheidung nach Frankreich gezogen, in das Haus, das Papa so sehr geliebt hatte und dessen Geist noch immer durch die Räume spukte.

Ein neuer Mann wäre keine Lösung gewesen. Kein neuer Mann aber erst recht keine. David brauchte dringend einen Vaterersatz. Herr Behrenberg kümmerte sich nur noch pro forma um seinen Sohn. Abgesehen davon drückte er sich davor, einen einzigen Cent mehr zu bezahlen, als die Düsseldorfer Tabelle es ihm vorschrieb.

Es gäbe auch in diesem Haus genug zu tun für einen Mann. Der Zahn der Zeit hatte unübersehbare Spuren hinterlassen. Lawrence hatte das eine oder andere Mal geholfen. Er kam mit Emily aber nur zweimal im Jahr nach Grimaud. Vor mindestens drei Jahren hatte sich Constanze eines Abends nach einigen Gläsern Rosé zu viel mit Lawrence vergessen. In ihrem eigenen Haus. Sie hatte Papas Geist auch noch gespürt, als Lawrence ihr das Bikinioberteil öffnete.

6

Im gleißenden Mittagslicht schimmerte das Meer, aus dem sich dunkel die Îles d’Hyères erhoben. Frederic hatte die Passhöhe des Col du Canadel erklommen. Er stieg vom Rad, lehnte es gegen einen Baum und nahm einen gierigen Schluck aus der Plastikflasche. Sein Atem beruhigte sich.

So frei fühlte er sich selten.

Die Temperaturen waren Anfang Juni noch erträglich. Dennoch war die siebeneinhalb Kilometer lange, gegen Ende saftige Steigung von La Môle herauf keine Selbstverständlichkeit für einen Mann Mitte vierzig. Anständig frühstücken hätte er sollen, statt nur ein Croissant mit Stachelbeer-Sternfrucht-Rhabarber-Konfitüre zu sich zu nehmen. Nach der Abfahrt hinunter nach Le Lavandou würde er einkehren.

Frederic hielt sich nicht für einen richtigen Sportler, was schon daran zu sehen war, dass er abgeschnittene Blue Jeans trug und keinen Helm. Er war lediglich auf dem Rad MC für ein paar Stunden entkommen. Das allein war die Kurbelei wert.

Er steckte die Flasche zurück an den Rahmen des Rennrads, schwang sich in den Sattel und rauschte ins Tal, den Rücken über den Lenker gebeugt, den Fahrtwind in den Ohren, das Meer vor Augen. Außerhalb der Saison war hier nicht mit Gegenverkehr zu rechnen, also schnitt er die Kurven. In der Mitte des Asphaltbandes rollte es sich weniger riskant als am Rand, wo Sand und Kiesel lagen. Frederic war nicht tollkühn.

Schon lange nicht mehr.

Zwar setzte er die Bremsen sparsam ein, steuerte aber konzentriert. Das Auto, das unversehens vor ihm auftauchte, hatte er überhört. Er erschrak nicht, sondern reagierte mit einer Ausweichbewegung. Das hupende Cabriolet zischte an ihm vorbei, eine Frau am Steuer.

Dummerweise geriet sein Vorderrad dabei in Kontakt mit einem Steinbrocken, der in der scharfen Biegung nichts zu suchen hatte. Als er mit ganzer Kraft beide Bremshebel drückte, war es bereits zu spät und das schleudernde Rad außer Kontrolle. Frederics Geistesgegenwart war in Schuss. Von der Fahrbahn getragen zu werden, gegen die Begrenzungsmauer oder gar einen Baum zu prallen und mit ungeschütztem Kopf voraus über das Lenkrad zu schießen ließ sich nur noch vermeiden, indem er sich zur Seite warf.

Er schlug mit der Hüfte auf, mit Ellbogen, Schulter und Stirn und Oberschenkel. Das Rad schlitterte noch einige Meter weiter die abschüssige Straße hinab. Frederic krümmte sich auf dem Asphalt.

Doch hielt er sich nicht lange mit dem Schrecken auf, sondern rappelte sich hoch. Es fiel ihm schwer, da ein furchtbares Gewicht seinen Brustkorb zusammenpresste. Er zwang sich auf die Beine, kauerte sich dann an den Rand der Fahrbahn.

Es fühlte sich an, als sei nichts gebrochen und nichts gerissen. Vielleicht war die eine oder andere Rippe angeknackst. Gut, das linke Bein sah so bemitleidenswert aus wie der Arm. Aufgeschürft von den Fingerknöcheln bis zur Wade, das T-Shirt an der Schulter zerfetzt. Er fasste sich ans Gesicht, die Brille war verschwunden, die Stirn blutete. Aber der ganze Schmerz saß in der Brust.

»Mon Dieu«, sagte die Frau, die sich zu ihm hinabbeugte.

»Tout va bien.«

Frederic sank in einen Zustand tiefer Erleichterung. Es war ihm, als ginge er am Strand entlang, die Füße im Saum der Gischt. Stille kehrte ein, so plötzlich, als habe jemand den Ton abgestellt.

Als er die Augen wieder öffnete, blickte er auf seine Sportschuhe. Sie waren auf eine leere Wasserkiste gebettet. Ein kleiner Junge stand daneben und glotzte ihn an. Als er bemerkte, dass der blutende Mann erwachte, lief er davon. Frederic nahm die Beine von der Kiste.

»Nicht bewegen!«, sagte die Frau auf Deutsch.

Die Frau aus dem Laden.

Sie hielt ihm eine Flasche hin. Frederic sah keinen Grund, länger am Straßenrand zu liegen, auch wenn sein Kopf auf einer weichen Unterlage ruhte.

»Sie waren ohnmächtig.«

»Lange?«

»Nicht sehr lange.«

»Minuten, Sekunden?«

»Machen Sie sich keine Sorgen. Ich rufe einen Krankenwagen.«

»Mir fehlt nichts.«

Frederic konnte sich mühelos erinnern. Er war ins Schleudern geraten, als er dem Wagen der Frau auswich.

»Nur ein paar Schürfwunden, eine Prellung«, versuchte er sie zu beruhigen.

»Aber der Kopf! Nehmen Sie den bloß nicht auf die leichte Schulter.«

Da musste Frederic lachen.

Er hätte es besser unterlassen. Eine Lanze bohrte sich in seine Seite.

»Meine Brille«, sagte er. »Wo ist meine Brille?«

Die Frau reichte ihm zwei Fragmente einer Sonnenbrille, der Steg zwischen den Gläsern zerbrochen, in der linken Fassung nur noch eine Scherbe.

»Ging zum Glück nicht ins Auge«, sagte sie.

»Also brauchen wir auch keine Hilfe.«

Die Frau hatte ihr Mobiltelefon schon in der Hand.

»Bitte nicht!«, sagte Frederic.

Er war jetzt wieder ganz auf Zack.

Um es der Frau zu beweisen, stand er auf, humpelte ein paar Schritte hin und her und ließ sich dann am Stamm einer Korkeiche nieder.

»Die Rippen«, stöhnte er.

»Davon haben Sie lange etwas«, nickte die Frau. »Kann’s Ihnen aus eigener Erfahrung versprechen. Damit ist nicht zu scherzen.«

»Bloß kein Aufstand wegen einer Lappalie!«

»Im Hospital wird man Ihren Kopf sicherheitshalber untersuchen.«

Jetzt bekam er es doch mit der Angst zu tun.

»In den Krankenwagen steige ich nicht.«

Seine Stimme klang entschlossen genug, hoffte er.

»Auf Ihre eigene Verantwortung«, sagte die Frau und steckte das Telefon ein.

7

Als das Rad in der Kurve auf sie zuschoss, sah sie Mann und Rad schon gegen die Kühlerhaube prallen, die Windschutzscheibe durchbrechen und in ihren Wagen krachen. Unwillkürlich duckte sie sich – nicht gerade die sinnvollste Reaktion.

Das Kind auf dem Rücksitz!

Ein Blick in den Spiegel, während sie auf die Bremse stieg. Sie sah, wie der Mann stürzte, stoppte, stieß zurück. Er blutete und war schon wieder halbwegs auf den Beinen, als er unversehens kollabierte.

Sie hatte keine Ahnung, wie sie den Mann hätte wiederbeleben sollen. Gottlob öffnete er die Augen nach wenigen Augenblicken. Nach seinem Namen fragte sie ihn. Als sie einmal von einem Hockeyball am Kopf getroffen worden war, hatte der Sanitäter als Erstes ihren Namen hören wollen, um zu erkennen, ob sie klar im Kopf war.

Nach einigen Sekunden Bedenkzeit sagt der Mann: »Ihr Sohn heißt David, und Sie sind keine Touristin.«

Er hatte gut aufgepasst.

Seinen Namen gab er nicht preis, und einen Krankenwagen lehnte er auch strikt ab. Die Sanitäter hätten wenigstens fünfundzwanzig Minuten von Cogolin herauf benötigt. Was hätte Constanze so lange tun sollen mit einem stöhnenden Mann und dem inzwischen heulenden Kind? Sie fühlte sich für ihn verantwortlich. Sogar ein wenig schuldig. Zwar hatte sie die Kurve nicht geschnitten, war aber auch nicht aufmerksam genug gewesen.

»Bitte geben Sie sich keine Mühe.«

Wovor hatte der Mann Angst? Offenbar mehr davor, dass man ihn im Krankenhaus behielt, als vor den Folgen einer ernsthaften Verletzung. Falsches Heldentum, typisch Mann. Nicht unsympathisch.

Sie holte aus ihrem Wagen eine Küchenrolle, befeuchtete ein paar Blatt aus der Trinkflasche des Radfahrers und betupfte dessen Schultern und Stirn.

»Ich hole den Verbandskasten.«

»Luft ist die beste Medizin«, wehrte er ab.

»Sie sind echt ein zäher Knochen. Ich bringe Sie zurück zu Ihren Marmeladen und zu Ihrer Frau.«

»Und das Fahrrad?«

»Kommt auf den Rücksitz des Cabriolets.«

»Aber Ihr Sohn!«

»Den nehmen Sie die paar Kilometer auf den Schoß.«

Frederic dachte an seine Rippen. Die kamen besser nicht in Kontakt mit dem Zappelphilipp.

»Ausgeschlossen.«

»Ich kann Sie aber hier nicht sitzen lassen!«

»Ist das Rad noch zu gebrauchen?«

»Sieht so aus«, sagte die Frau, »allerdings würde ich mich an Ihrer Stelle heute nicht mehr draufsetzen.«

Sie hatte inzwischen die Kamera in der Hand, nicht mehr das Smartphone. Einen fetten Apparat.

Offenbar missfiel das dem Mann. »Wozu soll das denn gut sein?«, sagte er.

»Sie wissen doch, ich bin Fotografin. Sie und das Rad an die verkrüppelte Eiche gelehnt – das Bild erzählt eine ganze Geschichte. Darf ich?«

»Unterstehen Sie sich!«

Es war wirklich ein tolles Motiv. Der geschundene Held vor schrundigem Stamm in großer Kulisse.

»Die Eiche, unverwüstlich wie Sie selbst. Dazu das wilde Küstengebirge.«

Der Mann, von dem sie noch nicht einmal den Namen kannte, hielt sich die zerschundene Hand vors Gesicht.

Constanze war die Situation jetzt doppelt peinlich. Sie hätte sich an seiner Stelle auch geweigert. Denn sie versuchte, seinen erbärmlichen Zustand für ihre Zwecke zu missbrauchen. Fotografen brachen dauernd in die Intimsphäre fremder Leute ein. Das wusste sie, und es missfiel ihr. Aber wenn sie es als Fotografin zu etwas bringen wollte, kam sie ohne eine gewisse Unverfrorenheit nicht aus. Für so ein grandioses Bild pfiff sie gern auf die Verletzlichkeit des Mannes. Diesem verrückten Hund, der seine eigenen Grenzen nicht kannte, aber dann ihre Kamera scheute.

»Noch einmal: Danke für Ihre Mühe. Fahren Sie mit David endlich an den Strand.«

»Wie stellen Sie sich das vor!«

»Meine Frau holt mich hier ab.«

»Ich bringe Sie zu ihr.«

»Ich möchte nicht, dass Sie es bereuen.«

Constanze schoss das Bild, ohne ausdrücklich um Erlaubnis zu fragen.

Als der Mann protestierte, sagte sie: »Wenn ich Sie schon allein lassen soll, muss ich Sie wenigstens aufnehmen. Ich brauche einen Beweis dafür, Ihnen meine Hilfe nicht verweigert zu haben. Falls Sie doch noch einmal zusammenklappen. Ich habe keine Lust auf die Polizei.«

»Wer hat das schon«, sagte der Mann und fuchtelte wieder mit den Händen vor seinem Gesicht herum, um sich ihrer Aufdringlichkeit zu erwehren.

8

Wie befürchtet, machte ihm MC Vorwürfe.

»Ohne Helm! Du hast es wirklich nicht besser verdient!«

Trost hörte sich anders an.

Frederic erwähnte die Hilfe der Deutschen nicht. Immerhin hatte er das Rad zurück bis zum Pass hinaufgeschoben, war auf ihm dann hinabgerollt und hatte sein Haus aus eigener Kraft erreicht.

MC schickte ihn ins Bett.

Er folgte ihren Anweisungen.

Das zerfetzte Hemd auszuziehen war eine Tortur, warum half sie ihm nicht dabei? Er schluckte zwei Paracetamol 500, obwohl er allen Pillen misstraute. Seine Haut fühlte sich an, als hätte er Schüttelfrost. Nicht einmal eine Banane brachte er hinunter, bloß schwarzen, bitteren Tee.

»Morgen spätestens solltest du dich bei einem Arzt blicken lassen«, sagte MC. »Du bist mit dem Kopf aufgeschlagen!«

Die kurze Bewusstlosigkeit erwähnte Frederic nicht. Er nahm an, sein Zustand kümmerte MC nur, weil sie Komplikationen für sich selbst befürchtete.

»Und was ist, wenn eine Rippe gebrochen ist?«

»Ob gebrochen, angeknackst oder bloß geprellt, macht keinen Unterschied«, behauptete Frederic. »Man kann nichts tun außer sich möglichst wenig bewegen.«

»Und wenn sich eine gebrochene Rippe in die Lunge gebohrt hat?«

»Dann wärst du mich schon los.«

Die Türen zwischen den Räumen, in denen sie schliefen, blieben ausnahmsweise offen. MC sah auch nachts mehrmals nach ihm. Er tat jedes Mal so, als ob er schliefe, aber daran war trotz der Tabletten nicht zu denken. Jede Verlagerung bedeutete einen brüllenden Schmerz. Er sollte wirklich einen Arzt aufsuchen.

Bisher hatte er das immer vermieden.

Über all die Jahre hatte ihn nur MC verarztet, wenn es nötig gewesen war. Halsschmerzen, Husten, Durchfall, Magenverstimmungen, einmal eine Knöchelverstauchung, gelegentlich ein Hexenschuss oder eine Schnittverletzung an einem Finger, zwei leichtere Verbrennungen, Insektenstiche: Beunruhigenderes war nicht passiert. Jetzt, da sein Brustkorb bei jedem Atemzug zu bersten schien, wurde Frederic bewusst, welch robuste Natur ihm beschert war.

Die seelischen Schäden standen auf einem anderen Blatt. Leere, Kälte, Sinnlosigkeit lähmten, versteinerten ihn. Frederic konnte nicht behaupten, dass er es nicht ernsthaft versucht hätte mit MC. Zum Überleben hatten seine Bemühungen lange genügt.

Zu mehr nicht.

Man konnte mit einem Menschen das Bett teilen und sich dennoch allein fühlen. Diese Phase hatte er bereits hinter sich. Er lag immer noch im selben Bett, doch immer allein.

Zum Glück allein.

Jetzt allerdings gefesselt in einer Zwangsjacke aus Schmerz. Sogar das Atmen tat weh. Konnte man das Atmen nicht einfach einstellen?

Trostlose Gegenwart.

Wenigstens seine Erinnerungen waren nicht verpfuscht. Sie boten eine erträgliche Version der Vergangenheit. Wie er sich mit MC um die Sonnenbrille gebalgt hatte in den Dünen am Salzhaff. Außer der Brille mit den honiggelben Gläsern hatte sie nichts angehabt. Sogar MCs Musik hatte er früher ertragen. Obwohl es kein Ende nehmen wollte, das pausenlose Gehämmer.

Breaking the law

Breaking the law

Breaking the law

Breaking the law

Er hatte ihr die CD von Judas Priest einmal zum Geburtstag geschenkt. Er erinnerte sich an die Namen all der Metal-Bands, von denen MC nicht genug bekam: Painkiller, Iron Maiden, Ozzy Osbourne, Black Sabbath. Heute war es ihm gleichgültig, was sie hörte, falls sie überhaupt etwas hörte, wenn sie ihre Kopfhörer aufsetzte.

Nicht gleichgültig war ihm nur noch, wie er MC loswurde. In seinem gegenwärtigen Zustand konnte er den Plan nicht zu Ende führen. Aber auf ein paar Tage mehr oder weniger kam es nicht mehr an. Falls ihm nichts Besseres einfiel.

Er hatte MC lange gemocht. Geliebt hatte er eine andere.

Geliebt hatte er Marlene.

MC gegenüber war er rücksichtsvoll genug, den Namen Marlene niemals in den Mund zu nehmen. Eine Rücksicht, die sie nicht honorierte.

Frederic zweifelte nicht daran: Mit Marlene wäre alles anders gelaufen. Wohin es ihn auch immer mit ihr verschlagen hätte – ganz sicher nicht in eine Marmeladenküche. Selbst zu besseren Zeiten mit MC hatte Frederic Marlene vermisst. Mehr als vermisst.

Marlene.

Acht Jahre älter als er, jetzt also fünfundfünfzig. Vielleicht schon genauso fett wie MC. Eine bloße Vermutung beziehungsweise Befürchtung. Er hatte Marlene ja nie wiedergesehen. In seinen Vorstellungen war sie nicht gealtert. Wäre sie bei ihm statt MC, hätten sie immer noch Spaß im Bett. Hätten sie bestimmt. Marlene, die, wie Tom es einmal ausgedrückt hatte, durch die Möse atmete. Manchmal hatte er das Pulsieren ihrer Vagina regelrecht gespürt. Wenn er sich selbst befriedigte, was nicht mehr oft geschah, stellte er sich vor, wie sich ihre Lippen über seinen Schwanz stülpten. Sie ritt sogar auf seinen geschundenen Rippen, und es schmerzte überhaupt nicht.

Es war nicht bloß der Sex. Marlene hatte ihn durchdrungen und verstanden – seine Seele nicht weniger als seine Überzeugungen. Sie hatte Frederics Leben ein Aroma verliehen, das er in manchen Momenten noch immer auf der Zunge trug. Letztlich war dieses Aroma, dieses Lebensgefühl das Einzige, was ihm blieb und er nicht bereute.

Er wusste nicht einmal, wo Marlene steckte. Kein Wort und keine Zeile hatten sie zwanzig Jahre lang gewechselt. Und wenn er ehrlich war zu sich selbst, musste er zugeben, dass Marlene niemals mit ihm zusammengeblieben wäre. Erst hatte sie sich nicht zwischen ihm und Tom entscheiden wollen. Dann war Tom ums Leben gekommen, aber es hatte Frederic nichts genützt. Hatte Marlene ihn doch für Toms Tod verantwortlich gemacht. Das war der Teil der Geschichte, den er bereute.

Und der jetzt wieder schmerzhaft hochkam. Denn der Sturz am Col du Canadel hatte mehr aufgerissen als seine Haut, mehr geprellt als seine Rippen.

In Gedanken stürzte er ein ums andere Mal weit weniger glimpflich. Prallte auf die Kühlerhaube des entgegenkommenden Fahrzeugs, sprengte mit dem Schädel die Windschutzscheibe. Rutschte unaufhaltsam unter die Räder eines jäh auftauchenden Lasters. Helikopter. Gehirntrauma. Koma.

Wachte er noch einmal auf?

Falls ja, in welchem Zustand?

Und wer entschied dann für ihn?

MC.

Ausgerechnet MC.

Er fantasierte sie an sein offenes Grab. Sie schwankte alkoholisiert auf Plateausohlen, dass er fürchten musste, sie würde zu ihm ins Grab kippen, hätte sie sich nicht bei Tom untergehakt. Da stand eine ganze Delegation von Gespenstern aus der Vergangenheit. Lerke, die Nonne, biss sich die Lippen wund, um den Hals das silberne Kreuz, auf das sie nicht verzichten konnte. Mufti, auch sonst immer in schwarzen Klamotten, schmuddelig und zerknautscht. Suse wäre für ihn lieber durch die Hölle gegangen, als einmal ein Bügeleisen in die Hand zu nehmen.

Marlene warf Frederic eine Rose an den Kopf. Blonde Strähnen standen ihr zu Berge. Auch die nicht echt. Unter der Perücke steckte die schwarze Mähne, die sie nur lüftete, wenn sie unter sich waren. Der »Punk« war für die Straße.

9

Vor dem Plage de Pampelonne dümpelten Dutzende von Yachten. Die Segler ließen sich von Schlauchboten abholen und an einem der überteuerten Strandlokale absetzen. Wer wollte, konnte von der Sonne gegerbte, oben herum entblößte Frauen begaffen, die etwas Altmodisches ausstrahlten. Sie spielten Saint-Tropez in den Siebzigern, das Constanze nur aus Erzählungen kannte und von Fotografien. BB und Gunter Sachs, die Kulturrevolution der Achtundsechziger in ihrer Playboy-Variante. Freie Liebe, Koks und Kohle.

Für Constanze war das Gewimmel ein Segen. Sie konzentrierte sich auf das Mädchen, das im Abstand weniger Minuten in einem anderen Fähnchen am Strand entlangstolzierte und sich dabei unentwegt um die eigene Achse drehte. Eine der vielen Hübschen, die für einige heiße Wochen im Jahr an die Côte zogen, um entdeckt zu werden, seltener als Model, häufiger als Kurzzeitgespielin auf einer Yacht. Die Fähnchen, die sie vorführte, waren in einer der Hütten neben dem Club 55 erhältlich.

Da Constanze zum Fotografieren gekommen war, hatte sie David bei Lawrence und Emily gelassen. Sie verfolgte das Mädchen durch das Teleobjektiv. Dabei entdeckte sie den Mann, der gerade aus dem Wasser stieg. Er trug abgeschnittene Jeans statt Badehose. Sie winkte ihm zu. Er hob die Hand und winkte zurück. Der Schorf auf seiner Stirn verlieh ihm ein verwegenes Aussehen.

»Was macht der Kopf?«

»Kein Problem. Nur die Rippen!«

»Da weiß man ja nicht, ob man Ihnen wünschen soll, dass es nichts zu lachen gibt.«

»Wenigstens genug zu gucken!«

»Blanke Dekadenz«, sagte sie.

Er kam bestimmt der halb nackten Frauen wegen, unterstellte sie ihm. Aus einer Laune heraus lud sie ihn zu einem Glas Rosé an die Bar ein.

»Merci, ich trinke nicht, nicht am helllichten Tag.«

Zu einem Fläschchen Wasser ließ er sich dann doch überreden.

Sie selbst bestellte sich ein Glas eiskalten Pétale de Rose.

Aus diesem wasserhellen Wein mache er Gelee, erzählte er und versprach Constanze ein Glas. »Gratis, wenn Sie das nächste Mal kommen.«

»Haben Sie sich auch schon in Deutschland für Marmelade interessiert?«

»Ich war Lehrer für Mathematik und Physik.«

Mathelehrer, ob außer Dienst oder nicht, verdienten in Constanzes Augen kein Mitleid.

»Dann ist der Marmeladenbetrieb eine bemerkenswerte Karriere«, sagte sie.

»Spotten Sie nur!«

Aber sie meinte es so.

»Sie haben mir noch nicht einmal Ihren Namen verraten«, sagte sie.

»Frederic.«

Er sprach den Namen französisch aus.

»Constanze.«

Zwei harmlose Küsschen auf die Wangen wären jetzt fällig gewesen, doch Frederic machte keine Anstalten. Constanze zögerte ihrerseits, ließ ihn allein mit seiner Schüchternheit.

Nur zum Du wechselte sie sofort.

»Ist deine Frau Französin?«

Er schien die Frage zu überhören und zeigte auch im weiteren Gespräch nicht die Absicht, Eheangelegenheiten vor ihrer Nase auszubreiten. Das gefiel ihr an ihm. Sie sprach auch selbst nur zurückhaltend und in knappen Andeutungen über die sechs Jahre mit Herrn Behrenberg, die mit der Flucht ins elterliche Ferienhaus nach Grimaud ein Ende gefunden hatten.

Warum erzählte sie überhaupt dem fremden Mann etwas aus ihrem Leben? Weil sie ihn beinahe mit ihrem Wagen ins Jenseits befördert hätte? Offenbar verband sie der gemeinsam überstandene Schreck. Sie war zudem dankbar dafür, dass sie wieder einmal Gelegenheit fand, jemanden kennenzulernen.

»Haben Sie ihn verlassen oder er Sie?«

»Wir sind schon beim Du, Frederic. Ich bin gegangen.«

Herr Behrenberg hatte keine Chance gehabt gegen den ständigen Vergleich mit dem Heldenbild in ihrem Kopf. In Berlin hatte Constanze ihn kennengelernt, als sie einige Jahre lang für Transparency International gearbeitet hatte. Den Job hatte sie angenommen, weil sie unbedingt in Berlin hatte leben wollen. Und aus dem Gefühl heraus, dass diese Arbeit im Sinne ihres Vaters gewesen wäre.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends waren nicht bloß Parlament und Bundesregierung nach Berlin gezogen, sondern auch gleich der ganze Weltgeist. Die Leute glaubten, das Ende der Geschichte sei gekommen, auch wenn es bloß das Ende der Geschichte war, die sie sich vorstellen konnten. Sie hatte die Jahrtausendwende inmitten einer Million Leute am Brandenburger Tor erlebt, und all die aufgekratzte Fröhlichkeit war ihr so hohl vorgekommen wie eine Million Luftballons. Dafür also war Papa gestorben! Sie hätte es gerne mit ihm gemeinsam erlebt. Berlin, arm, aber sexy, noch nicht gentrifiziert, aber schon wieder mit einer neuen Währung, dem Euro. In eine grundsanierte Wohnung am Prenzlauer Berg war sie mit Herrn Behrenberg gezogen. David – ein Berliner Kind.

Sie erzählte Frederic nicht alles. Kein Wort über Papa. Das Politikstudium in Köln hatte sie abgebrochen. Keine Ruhmestat – aber das Theoretisieren war ihr als Zeitverschwendung vorgekommen. Was sie über Politik wusste, hatte mit akademischem Nasebohren nichts zu tun.

»Und warum bist du nicht Lehrer geblieben?«

Er habe keine Stelle an einer staatlichen Schule gefunden, behauptete Frederic. Nach einem Jahr an einer Privatschule für verhaltensgestörte Kinder wohlhabender Eltern war er zu einer Weltreise aufgebrochen. Zwei Jahre lang rund um den Globus. Arbeit auf einem Weingut in Südafrika, eine Liebe in Neuseeland, Überführung einer Segelyacht nach Hawaii.

Er verstand zu erzählen. Constanze registrierte, dass er nichts ausschmückte. Frederic war kein Angeber.

»Und deine Frau? Wo hast du die gefunden?«

»Gefunden ist gut. Auch auf der großen Reise. MC hat in einem Hotel in Guadeloupe gearbeitet, eine Französin aus der Provence.«

So also war er hier gestrandet. Mehr war aus ihm nicht herauszubringen. Nicht die kleinste Bemerkung zum Zustand seiner Ehe. He! Da lief doch nicht alles rund im Marmeladenkontor! Constanze war nicht blind. Aber sie brachte aus Frederic nicht mehr viel heraus.

»MC mag keine Marmelade«, klagte er. Wenn man gemeinsam Marmelade produzierte, war das vermutlich eine Katastrophe. Komisch war es nicht, Constanze fand es geradezu traurig. So traurig, dass sie den Drang verspürte, den Mann aufzuheitern. Sie wusste nur nicht, wie sie es anstellen sollte.

Eigentlich gefiel ihr, dass er über seine Frau nicht noch mehr lamentierte. Ihre Neugier an Frederic war geweckt. Er schien ihr keineswegs so langweilig wie seine Marmeladen. Auch dass er sich nach David erkundigte, gefiel ihr.

Mit dem Rennrad war er da. Diesmal lehnte er ihr Angebot nicht ab. Das Rad kam auf den Rücksitz des Cabrios. Bis vor die Haustür bringen aber ließ er sich nicht. Er stieg an der Brücke über die Giscle aus. Rechts ging es nach Grimaud hinauf, links zum Maison des Confitures.

Zum Abschied gelangen die harmlosen Küsschen auf die Wangen. Constanze blieb noch eine Weile stehen und sah zu, wie Frederic die Steigung nahm. Wie ein junger Hüpfer.

10

Ja, dachte Frederic, so hätte sein Leben auch laufen können. Heirat, Kinder, Scheidung. Ein stinknormales Schicksal. Ganz ohne Desaster ging es nirgendwo ab. Auch ein ordentlicher Job in einer ordentlichen Organisation wie Transparency International hätte ihm zumindest die Illusion verschaffen können, an der Erlösung der Welt von allen Übeln in Ruhe mitzuwirken.

Er hatte Constanze gern zugehört. Dennoch blieb das Gefühl, auch ihre Erzählung sparte etwas aus. Er kannte sich aus mit Geschichten, die etwas aussparten.

Er hatte ihr seine Standard-Geschichte serviert, und sie hatte sie geschluckt, ohne groß darauf herumzukauen. Sie hatte verstanden, weshalb er nicht hatte Lehrer bleiben wollen. Schon gar nicht Mathelehrer. Die Weltreise gehörte zu seinem Repertoire, immer wieder farbig, doch routiniert vorgetragen.

Constanze hatte seine Jahre als Globetrotter »spannend« gefunden. Die meisten Frauen, mit denen er sprach, wollten, dass er ihnen einen seiner Tricks verriet. Wie man Zucker reduzierte, welches Geliermittel Gelingen garantierte. Constanze aber hatte sich für ihn selbst interessiert.

Er würde sie gern wiedersehen.

»Treiben Sie Sport?«, hatte er sie gefragt. Da war die vage Hoffnung, sie könnten gemeinsam auf Rädern durch die Gegend flitzen und so künftig mehr Zeit miteinander verbringen. Er war weit davon entfernt, an eine Affäre zu denken.

Na ja, er dachte ja gerade daran.

MC würde niemals akzeptieren, dass er sich mit einer Frau anfreundete, noch dazu mit dieser deutschen Fotografin.

Und wenn schon. Bald konnte er lassen und tun, was er wollte.

Er würde Constanze seinen Garten zeigen. Vor einigen Wochen hatte er damit begonnen, Beeren für die Produktion anzupflanzen. Auch, weil es seinem Vorhaben entgegenkam. Ohne bei MC Misstrauen zu ernten, hob er im hinteren Teil des Geländes ein Loch aus. Er deckte die Grube jeden Abend mit Brettern ab. MC interessierte sich nicht dafür, was er im Garten trieb.

Die Grube war schon tief genug.

Seit er MC eine Grube grub, waren auch ihre Verhöre leichter zu ertragen.

»Wo kommst du her?«

»War Schwimmen. Was fragst du?«

»Nette Leute getroffen?«

»Ist das auch verboten?«

»Solange du sie nicht mit deinem Elend belästigst.«

»Weshalb sollte ich?«

»Weil du schlapp machst. Meinst du, ich kriege das nicht mit? Am liebsten würdest du dich aus dem Staub machen, wenn du nur wüsstest, wohin.«

»Hör zu! Seit achtzehn Jahren koche ich Marmelade. Seit fast zwanzig Jahren versuche ich, dich zu ertragen. Aus dem Knast wäre ich selbst bei lebenslänglich wieder heraus.«