Das Schwarz im Regenbogen - Margret Drees - E-Book

Das Schwarz im Regenbogen E-Book

Margret Drees

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Beschreibung

Diesem Text liegt ein authentischer Kriminalfall aus dem Jahr 1590 zu Grunde. Die Autorin lässt den Täter selbst erzählen, wie er versucht sein Verbrechen zu vertuschen und wie er es vor sich selbst rechtfertigen will und doch nicht schafft. Erst nach und nach wird klar, was geschehen ist. Der Leser begleitet dabei den verwirrten Mann bis zum grausamen Ende.

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2022

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© 2022 – e-book-AusgabeRHEIN-MOSEL-VERLAGZell/MoselBrandenburg 17, D-56856 Zell/MoselTel 06542/5151 Fax 06542/61158Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-89801-928-6Ausstattung: Stefanie ThurUmschlaggestaltung: Stefanie Thur unter Verwendung einer Illustration von megamo/shutterstock.comAutorenfoto: Bernd Dochnahl

Margret Drees

Das Schwarz im Regenbogen

Rhein-Mosel-Verlag

gewidmetHans Walter Klein (†),Berlin/Idar-Oberstein

Das Schwarz im Regenbogen

Dieser Weg wird sein bisheriges Leben völlig verändern. Doch ehe er aufbricht, möchte er sich noch einen Moment der Ruhe gönnen. Er setzt sich in der Stube auf die Holzbank hinter dem Tisch und wird alles noch einmal überdenken. Sein Plan ist zweifellos gut, aber er könnte einen Fehler bergen, der ihm bisher nicht aufgefallen ist. Er schließt die Augen und versucht, sich den Ablauf der nächsten Tage und Nächte so genau wie möglich vorzustellen. Er muss sich anstrengen, um sich zu konzentrieren. Während er an den Weg denkt, den er sich zwar als weit und recht beschwerlich ausmalt, nehmen die Nächte keine konkrete Vorstellung an, da er zum ersten Mal in seinem Leben womöglich im Freien übernachten wird und noch dazu allein, falls er nicht irgendwo einen Unterschlupf findet. Aber vielleicht, da lässt er sich überraschen, findet er irgendwo einen Schuppen oder eine Scheune, wo er sich unbemerkt ausruhen kann. Dennoch kommt er zu der Überzeugung, die optimale Lösung gefunden zu haben.

Erst als er die Augen wieder öffnet, fällt ihm auf, dass er eine ihm eigentlich fremde Haltung eingenommen hat. Die Ellbogen auf den Tisch gestützt, die Handflächen flach aufeinander gelegt, mit den Daumen das Kinn gestützt und mit den Zeigefingern die Nasenspitze. Er empfindet diese Geste als sonderbar und ihm selbst fremd, will sich aber auf keinen Fall damit beschäftigen, um sie einzuordnen. Schließlich gibt es jetzt Wichtigeres. Er muss sich so schnell wie möglich auf den Weg machen, wenn er, wie er es sich vorgenommen hat, bis zum Einbruch der Dunkelheit zumindest das erste Viertel der Strecke oder sogar noch mehr zurückgelegt haben will.

Jetzt gilt es erst einmal, das Schuhwerk zu richten. Das muss stimmen und darf ihm nicht zu schaffen machen. Er holt seine Stiefel herbei, setzt sich abermals und umwickelt sehr sorgsam zunächst seinen rechten Fuß mit einem weichen Tuch, legt es dort in Falten, wo sie ihn nicht drücken werden und schlüpft in den Stiefel. Danach verfährt er mit dem anderen Fuß auf die gleiche Weise.

Der Proviant für unterwegs. So wenig wie möglich. Er hat schon genug zu tragen. Also kein Gewicht zusätzlich. Er holt ein Stück geräucherten Speck aus der Kammer und den angeschnittenen Brotlaib. Beides wickelt er in ein Leinentuch und verstaut es in einem Lederbeutel, den er sich mit einem Lederband um den Leib schnallt. Ein Messer noch und einen Becher. Wasser wird er unterwegs genügend finden. So kann man zurechtkommen. Auf dem Rückweg wird er in Dorfgasthäusern einkehren.

Er zieht sein Wams an und den Rock, nestelt an dem Brotbeutel, der etwas stört unter den Kleidungsstücken, zieht den Rock wieder aus und legt ihn auf die Bank. Es könnte ihm zu warm werden. Die Sonne besitzt schließlich noch Kraft, jetzt, Ende September.

Als nächstes der Keller. Ein gewisses Unbehagen will sich bei ihm einschleichen. Das darf er auf keinen Fall zulassen. Er muss es verdrängen, wie er alles in den nächsten Tagen verdrängen muss, was nicht zu seinem Plan gehört. Das Wachslicht im Keller ist fast heruntergebrannt. In seinem spärlichen Licht vergewissert er sich noch einmal, ob alles in Ordnung ist, ob nichts mehr herumliegt oder -steht, was nicht dort hingehört. Dann nimmt er den bereits gepackten Rucksack, sein altes Felleisen, bläst das Wachslicht aus und schließt im Hinausgehen die Kellertür. Schwer wie ein menschlicher Körper, der ohne Halt zu Boden fällt, fällt die Tür in den groben Holzrahmen, der sich schräg an die Hauswand anlehnt, und lässt die Mauern des Hauses, die ihn halten, erschüttern.

Den Rucksack stellt er vor der Haustür ab und geht noch einmal zurück in die Stube. Auch hier ist alles so, wie es sein soll. Wie es sein soll? Aber irgendwie nimmt er es anders wahr, als er es gewohnt ist. Die Einrichtungsgegenstände scheinen ihn anzustarren wie lebendige Wesen; sie wirken beredt trotz ihrer Starre, als wollten sie ihm etwas zurufen oder ihn etwas fragen. Sie schreien in der Stille des Raumes. Sie schreien einen Namen, einen wohlbekannten Namen, den er vorerst vergessen muss, sonst wird er nicht überleben, und er muss überleben, weiter leben, ohne diese starken Gefühle. Er muss sie verdrängen, weil sie ihn sonst zerreißen würden. – Er nimmt seinen Rock und hängt ihn lose über seinen Brotbeutel. Nachts wird er ihn brauchen. Dann verschließt er auch die Haustür. Das Schloss krächzt wie eine unsympathische schrille Weiberstimme. Es müsste geölt werden. Den Schlüssel hängt er, wie mit Marie vereinbart, im Hühnerstall an den Nagel hinter der Tür. Marie wird während seiner Abwesenheit die Kuh, die Katze und die Hühner füttern und die Eier ins Haus bringen.

Den Keller wird sie nicht betreten. Sie fürchtet sich vor Spinnen. Er hat ihr deswegen in der Vergangenheit so manchen Gang in den Keller abgenommen, ohne dass seine Frau es bemerkte. Sie hätte es nicht geduldet. Wieso nimmst du ihr die Arbeit ab? Sie wird als Magd bezahlt und soll ihre Arbeit machen. Das ist das einzige, was von ihr verlangt wird. So oder ähnlich hätte sie reagiert.

Dann wuchtet er sich das Felleisen auf den Rücken. Er hat sich vorgenommen, sich nicht von dem Gewicht beeindrucken zu lassen, sondern ihn eher leicht als schwer zu empfinden. Durch das, was und wie man denkt und fühlt, sagt er sich, kann man vieles beeinflussen.

Vorsichtig schaut er zum Kirchhof hinauf. Sonntags nachmittags gehen die Leute aus dem Dorf gern zu ihren Toten, treffen sich zwischen den Gräbern, um bei den Toten über die Lebenden zu tratschen. Aber es ist so still da oben, als wären auch die Lebenden alle selbst schon weggestorben.

Die Sonne verhakt sich in den Bäumen, ehe sie sich vorsichtig über die Kirchhofsmauer tastet, um sich unbemerkt davonzustehlen. Das Dorf hat sie ganz einfach übersprungen, als ob es gar nicht da wäre, und als ginge sie das alles nichts an, was dort geschieht. Stattdessen scheint sie auf den spärlich bewaldeten felsigen Hügel jenseits des Baches, als wenn der eher als das Dorf Licht und Wärme verdient hätte.

Er fühlt sich unbeobachtet, als er, um abzukürzen, die große Wiese, die dem Pfarrhaus gegenüber liegt, überquert, dann die Straße und die Brücke, die über den Bach führt, erreicht so den Wald und verschwindet zwischen den Bäumen. Doch es ist zu beschwerlich, quer durch den Wald zu gehen. Das schafft er nur ein kleines Stück. Dann muss er zurück auf den Weg. Dort geht es sich besser und leichter. Aber er ist ja noch jung, und diese kleine Anstrengung macht ihm nichts aus. Er ist nur ein wenig außer Atem gekommen.

Den Wald und die Umgebung kennt er gut von seinen Spaziergängen. Hier würde er sich im Dunkeln zurechtfinden. Nach ungefähr einer knappen Stunde kommt er zu der ihm wohlbekannten Wegkreuzung. Bis zu dieser Kreuzung ist er meistens gegangen und dann auf einem Umweg zurück zum Haus. Eigenartigerweise ist er nie einem der beiden anderen abzweigenden Wege gefolgt. Nun gilt es, sich ostwärts zu halten. Es wird des Öfteren vorkommen, dass der Weg einmal mehr nach Süden oder nach Norden abdriftet. Dann muss er bei der nächsten Gelegenheit die Richtung korrigieren, wenn der Weg es nach einer gewissen Strecke nicht selbst tut. Es ist gut, dass die Sonne noch scheint; sie gibt ihm die Richtung an, und später wird es der Mond sein. Das bringt ihm die Sicherheit, sich nicht zu verlaufen.

Nun gilt es, sich einzulaufen, in einen gleichmäßigen, fließenden Rhythmus zu kommen, so dass er seine Schritte nicht mehr wahrnimmt. Weder die Schritte, noch seine Füße, noch seinen Körper und auch nicht das Gewicht auf seinem Rücken. Alles muss in ein unbewusstes Fließen und Gleiten übergehen, damit er nur noch sein Ziel vor Augen hat und alles andere vergisst. Vergisst, was nicht mehr in sein Leben gehört. Gehen und sich ablenken lassen durch die Dinge am Wegrand. Gehen und nichts denken, soweit das möglich ist. Oder gehen und an schöne Dinge denken. Doch dazu wird es eines kleinen Anstoßes bedürfen, um den Gedanken und dem Unterbewusstsein die richtigen Bahnen vorzugeben. Eines kleinen Impulses. Vielleicht nur eines Wortes. Vielleicht des Wortes Freiheit.

Ja, Freiheit!

Er denkt es mehrmals und spricht es aus, erschrickt über seine eigene Stimme, schweigt, flüstert es, flüstert es mit Nachdruck. Immer und immer wieder, bis er glaubt, es begriffen zu haben, das eine Wort, das ihm golden entgegenleuchtet, so golden wie das Herbstlaub. Ein Wort, das sich atmen lässt wie die von der Sonne durchtränkte Luft, leicht und unbeschwert. Freiheit! Das verheißungsvoll raschelt wie das trockene Laub auf dem Weg unter seinen Füßen. Das seine Flügel ausspannt und die Vergangenheit wie leichte weiße Wölkchen davonträgt. Gehen. Davontragen. Gehen. Davontragen lassen. Gehen. Gehen. Bis die Füße eins werden mit dem Weg.

Nach einer gewissen Zeit erreicht er diesen Zustand des Schwebens, einen Zustand fast von Schwerelosigkeit. Er bewegt sich, als habe sein Körper sich verwandelt und als hafte seinen Gliedern nicht mehr die Schwere der Materie an. Auf diese Weise kommt er gut voran. Nur ab und zu kommen Gedanken. Wie aus dem Nichts. Gedanken, die er nicht denken will. Er schiebt sie von sich und ist selbst darüber erstaunt, wenn es ihm gelingt. Und manchmal der Gedanke an Marie. Was wird sie sagen, wenn er zurückkommt? An Marie will und darf er nicht denken. Jetzt nicht. Noch nicht. Noch lange nicht. Marie, die gute, einfache, ehrliche Marie. Er weiß, dass sie ihn verehrt, zu ihm aufschaut, vielleicht sogar bewundert. Ja, er könnte sich mit ihr ein einfaches, glückliches Leben vorstellen. Das vielleicht gerade deshalb glücklich wäre, weil es einfach ist. Die Zeit wird es bringen. Nur jetzt nicht daran denken. Sich auf den Flügeln der Freiheit tragen lassen.

Er wird heute schon ein großes Stück des Wegs zurücklegen, wenn er das Tempo beibehält. Das geradewegs vor ihm liegende Dorf muss er allerdings umgehen, denn hier könnte er jemandem begegnen, der ihn kennt. Und das will er auf jeden Fall vermeiden und blödsinnigen Fragen aus dem Weg gehen. Bloß – diese Umwege kosten Zeit. Geradewegs durch das Dörfchen könnte er es sehr schnell passieren. Stattdessen nimmt er jetzt den abzweigenden Feldweg, der schon weit außerhalb des Dorfes um das Dorf selbst herum und durch die Felder führt. Dann durch ein Wiesental. Es geht leicht bergab und wieder bergauf. Auf einer Wiese stehen alte, verkrüppelte Zwetschenbäume. Vereinzelt hängen noch Früchte daran, verhutzelte Früchte, die er sich pflückt, so weit er daran reicht. Sie schmecken köstlich. Das Fruchtfleisch ist goldgelb und süß. Viele von Wespen angefressene Zwetschen liegen auf dem Boden und faulen vor sich hin.

Er hätte, als er sich nach den Früchten reckte, den Rucksack ablegen sollen. Nun ist er verrutscht und lässt sich nur schwer wieder in die richtige Position bringen. Die Trageriemen schneiden ein, ganz gleich wie er sie auch schiebt. Und irgendwie hat er das Gefühl, dass überall dort, wo das Felleisen auf seinem Rücken aufliegt, sich seine Kleidungsstücke feucht anfühlen.

Aber natürlich!, beruhigt er sich selbst. Schließlich ist er schnell gegangen, bergauf, bergab, bergauf, bergab ein großes Stück Weg. Da schwitzt ein normaler Mensch. – Er ist ein normaler Mensch. Ein ganz normaler Mensch. Er, Friedrich Wilhelm Esenburg. Manchmal muss man sich sagen, wer man ist. Und zwar dann, wenn einem ist, als habe man es vergessen. Wenn das Leben oder das Schicksal oder wie man es auch nennen mag stärker ist als man selbst.

Inzwischen gelangt er wieder auf seinen Weg. Von hier aus kann er das Dorf mit seinen Wiesen und Feldern überblicken. Friedlich liegt es da. Nur ein paar leise Geräusche dringen zu ihm herüber. Geräusche, die ihr Gesicht nicht zeigen und sich nicht zu erkennen geben und schnell wieder vergehen. Eins werden mit der Landschaft, als ob sie nie da gewesen wären.

Überall Krähen auf den Feldern und auf den Wiesen. Groß wie schwarze Hühner. Schlau und scheu zugleich halten sie Abstand zu den Menschen und sogar untereinander. Trauervögel. Totenvögel. Schweigend stolzieren sie durch die Wiesen. Immer das Wissen um den Tod im Blick und jederzeit Totenlieder parat. Bei keinem anderen Dorf halten sich so viele Krähen auf. Er muss unwillkürlich an die Hochgerichtsstätte denken. Nicht weit von hier, in nördlicher Richtung. Der Wasen dort immer niedergetreten von Neugierigen. Es ist, als ob die Krähen die Nähe dieses schaurigen Ortes suchten.

Es dauert eine Weile, bis er seinen Rhythmus wieder findet. Aber dann kommt er gut voran, denn der Weg bleibt jetzt auf der Höhe.

Er geht, ohne an die Zeit zu denken, ohne den Weg zu messen. Es ist wunderbar! Auf diese Weise geht er Stunde um Stunde, versucht, nichts Zusammenhängendes zu denken, wenngleich seine Gedanken sich ständig verselbstständigen wollen.

Drei kleine Siedlungen liegen abseits des Weges, so dass er jetzt keine Umwege gehen muss. Ein Hund zerbellt die Stille, und in einem Stall brüllen Kühe. Als er in die Nähe des Stalles kommt, hört er sogar gedämpft das Klirren der eisernen Ketten, an die die Tiere vermutlich angebunden sind. Die Gegend hier kommt ihm nicht mehr bekannt vor. Wenn auch der Wald, der Weg, das dürre Laub überall gleich zu sein scheinen. Hier wie dort, überall auf der Welt.

Da erblickt er in der Ferne plötzlich eine Gestalt, die auf ihn zukommt. Als sie näher kommt, erkennt er, es ist ein Mann mit einer Fidel. Ausweichen kann er nun nicht mehr. Also, so unauffällig wie möglich verhalten. Das bedeutet: grüßen und weitergehen. Nur im Notfall ein paar belanglose Worte wechseln. Eine Frage stellen und das Interesse auf den anderen lenken. Ehe es dazu kommt, will der Fremde von ihm wissen, wohin er wolle. Er reagiert nicht auf dessen Frage und bringt seinerseits die Rede auf die Fidel.

»Du bist nicht von hier, sonst wüsstest du auch, wo ich heute zum Tanz aufspiele. In dieser Jahreszeit spiele ich oft sonntags in irgendeinem Dorf zum Tanz. – Ich merke es an deiner Sprache, du bist nicht von hier.«

Nein, nein, er ist nicht von hier. Er besucht entfernte Verwandte. Eine schöne Landschaft ist das hier. Viel abwechslungsreicher als im Norden. Da, wo er herkommt. Der letzte Satz schon im Weitergehen gesprochen.

Man winkt sich zum Abschied zu.

Der andere pfeift ein Liedchen vor sich hin. Ein Musikant muss gut gelaunt sein.

Der Mond geht auf. Pausbackig linst er zwischen den Bäumen hervor. Zwar noch blass, denn die Sonne schickt sich gerade erst an, unterzugehen, aber es ist Verlass auf ihn. Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne (1. Mose 1,16) Wie gut, manche Texte auswendig zu kennen, denkt Friedrich Wilhelm. Doch Halt! Wenn der Mond dort aufgeht, ist dort Osten. Da kann man sehen, wie schnell man sich verirrt, selbst wenn man glaubt, die richtige Richtung beibehalten zu haben. Entscheidend ist, sich einen Irrtum einzugestehen und zu berichtigen. Man verstrickt sich sonst immer mehr in diesem Netz aus Irrtümern und Falschheit, das die Maschen enger und enger zusammenzieht, und letztlich vermag man es nicht mehr, sich zu befreien. Bei der nächsten Weggabelung oder -kreuzung muss er seine Richtung korrigieren.

Er sollte eine kleine Ruhepause einlegen. Ja, die wird er sich auch gönnen, sobald er wieder die richtige Richtung eingeschlagen hat. Nach dem Mond zu urteilen, geht er nach Südosten, ja fast nach Süden, wo er nicht hin will, und eine Kreuzung lässt auf sich warten. Wenn er sich nicht täuscht, ist er schon eine ziemlich lange Strecke in diese Richtung gelaufen.

Dann endlich die ersehnte Weggabelung. Nun noch das richtige Plätzchen, um eine kleine Pause zu machen und etwas zu essen, bevor es dunkel wird. Über den Irrtum kann er später nachdenken. Ein gutes Thema, um sich abzulenken.

Er geht ein paar Schritte vom Weg aus in den Wald und legt unter einer alten, dicken Buche seinen Rucksack ab. Seine Schultern und sein Rücken schmerzen. Er befühlt sein Wams, fährt mit der Hand darunter. Auch das Kamisol ist feucht. Die ­Nässe spürt er bis auf die Haut. Selbst das Felleisen scheint durchnässt zu sein, denn es wirkt dunkler als vorher. Und dabei hat er alles so sorgfältig vorbereitet und verpackt. Aber nie ist man sorgfältig genug.

In seiner Erinnerung tauchen Bilder auf, die er vergessen will, vergessen muss, soweit dies möglich ist. Und wenn es nicht möglich sein sollte, muss er sie verdrängen. Verdrängen, sobald sie hochkommen. Sie rauben ihm Kraft und wollen sein neues Leben vergiften. Er muss hart gegen sie vorgehen, denn sie tauchen blitzartig auf. Wie sie es soeben getan haben.

Es fröstelt ihn, nicht nur außen auf der Haut, sondern irgendwie auch innerlich. Während seiner Vesperpause legt er sich den Rock um die Schultern. Doch nachher, beim Weitergehen, da muss er ihn wieder ablegen, sonst nimmt der ebenfalls die Feuchtigkeit an. Er braucht ihn schließlich in der Nacht zum Zudecken, wenn er ein kleines Nickerchen machen will.

Das Brot riecht gut und appetitlich, als er sich zwei Scheiben davon abschneidet. Aber der Speck! Der Speck ekelt ihn. Drei hauchdünne Scheibchen legt er zwischen das Brot. Er muss bei Kräften bleiben.

Und ablenken muss er sich. Andere Gedanken machen. Angenehme Gedanken. Zum Beispiel über seine Freiheit nachdenken. Alles hat einen Preis. Auch die Freiheit. Auch seine Freiheit. Er hat sie sich teuer erkauft. Sehr, sehr teuer. Aber nun ist er frei. Zur Freiheit befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder unter das Joch der Knechtschaft zwingen! (Galater 5,1) Warum sollte das für ihn nicht gelten? Was Paulus den Galatern riet, gilt auch für ihn.

Er muss unwillkürlich grinsen. Sein Seminarleiter würde sagen, er hätte sich den Bibeltext so zurechtgebogen, wie er ihn braucht. Also missverstanden!

Eigenartigerweise fiel ihm diesmal eine Bibelstelle ein, während er früher auf seinen täglichen Spaziergängen eher Verse gedichtet hat. Verse und manchmal sogar ganze Gedichte, an denen er in Gedanken gefeilt und sie immer wieder verändert hat. Doch niemals hat er sie aufgeschrieben. Später, wenn er wieder zu Hause sein wird, wird er sie aufschreiben. Wie war doch der eine Text, der sich ihm immer und immer wieder bei seinen Spaziergängen aufgedrängt hat?

Der Tag war lang, die Sonne ist gegangen,

ich fühle mich in meinem eignen Haus gefangen.

oder

ich fühle mich in diesem engen Tal gefangen.

Nein!

Der Tag war groß, die Sonne ist gegangen,

still fallen Nebel in das Tal,

bedecken alles, nur nicht meine Qual.

Ich fühle mich in meinem eignen Haus gefangen.

Und jetzt? Wie müsste es jetzt heißen?

Der Tag war groß, die Sonne ist gegangen,

still fallen Nebel in das Tal,

bedecken alle, alle fremde Qual.

Ich fühle mich nicht mehr in meinem Haus gefangen.

Aber nein, er wird es später nicht aufschreiben! Es würde ihn immer wieder an das erinnern, was er vergessen will. Er wird andere Verse schreiben. Vielleicht Liebesgedichte oder … auf jeden Fall bessere. Nicht solche, die aus Zwang entstehen, die ihn an sein Elend und an sein Leiden erinnern. Das kann nie gut sein.

Jedenfalls hat diese Erinnerung ihn abgelenkt und ihm geholfen, das Brot aufzuessen, ohne Ekel. Jetzt wird er noch so weit laufen, wie er kann, und sich dann etwas hinlegen. Gewissenhaft verpackt er alles wieder, wuchtet sich den Rucksack auf den Rücken. Was für ein Gewicht! Nach der kleinen Pause ist alles anders und muss wieder neu eingerichtet werden, neu eingelaufen werden. Gedanken müssen weggedacht werden. Verdrängt werden.

Inzwischen ist es dunkel geworden. Der Mond, dem nur noch ein ganz schmaler Streifen fehlt, um voll zu sein, beleuchtet den Weg. Als unerbittlicher, neugieriger Beobachter geht er mit ihm. Doch warum empfindet er ihn als Beobachter? Warum nicht als Wegweiser? Manchmal tut er sogar so, als wolle er spielen, indem er sich ganz kurz hinter einem Baum versteckt. Aber Friedrich Wilhelm ist nicht nach spielen zu Mute. Er will nur irgendetwas Belangloses denken, was ihn weiterbringt und nicht belastet. Er darf sich nicht belasten. Doch es ist nicht so einfach, sich selbst gedanklich ein Thema aufzuzwingen. Etwas, was ihn vielleicht überhaupt nicht interessiert, sondern nur ablenkt. Was auch? Die Jahreszeit, der Wald, seine Zukunft oder doch der Mond? Bei seiner Zukunft wird ihm der Gedanke schon wieder zu eng. In die Zukunft kann man ohnehin nicht schauen. Bei aller Mühe. Er will sie auch nicht wissen. Nicht im voraus, sondern sich überraschen lassen. Und dann ist plötzlich dieses Wort da: Rechtfertigung! Wieso schleicht es sich so unvermittelt in seine Gedanken? Rechtfertigung? Was soll das? Weg damit! Er hat sich nicht zu rechtfertigen. Vor keinem. Vielleicht irgendwann einmal vor Gott. Aber nicht jetzt. Noch nicht. Er ist jung. Wenn alles so läuft, wie er es sich vorgenommen hat, dann hat er noch ein langes unbeschwertes Leben vor sich. Und er wird versuchen, diesem Leben frohe und glückliche Zeiten abzuringen. Abzuringen! Wieder so ein Wort! Als ob er davon ausginge, das Leben, sein Leben, wolle ihm frohe und glückliche Zeiten vorenthalten. Nein, im Gegenteil, sie müssen ihm geschenkt werden. Schließlich stehen sie ihm zu, wie sie jedem Menschen zustehen. Ach, wie leicht atmet es sich, wenn man nur schon an glückliche Zeiten denkt!

Befreit von Qual, von Qual und allen Schmerzen

gelingt am Tag, was mir die Nacht versprach.

Und all die Sehnsucht, tief in meinem Herzen,

die liegt so lange schon, so lange brach.

Nicht schon wieder Verse! Und außerdem: so lauteten sie nicht. Damals nicht. Sein Gehirn hat sie gerade verändert. Er will sich nicht erinnern, will auch diese alten Erinnerungen nicht neu denken. Fort damit! Fort damit!

Später wird er so viel Zeit haben, über alles nachzudenken, was unbedingt gedacht werden will oder muss. Dennoch will das Wort Rechtfertigung nicht mehr verschwinden und verlangt, den Gedanken weiter zu denken. Warum? Sind die Gründe nicht bekannt? Warum alles noch einmal reflektieren? Die Motive, die Argumente, die Beweggründe, die Ursachen? Und hier ist äußerste Vorsicht geboten, denn er könnte an einen Punkt kommen, der ihm sehr gefährlich werden könnte: Schuld. Es ist, wie es ist! Später! Später wird er sich vielleicht auch einmal fragen, inwieweit er schuldig geworden ist. Doch auch dieses Wort will sich nicht verdrängen lassen. Nun denn! Warum nicht? Er ist nicht feig. Er drückt sich nicht davor. Und wo müsste er dann anfangen? Anfangen müsste er bei dem Irrtum. Oder besser gesagt, bei der Täuschung, dem vorgegaukelten Glück. War es überhaupt ein vorgegaukeltes, verlogenes Glück? Eine vorgegaukelte Liebe? Oder war es echte Liebe? Und wenn! Sagen die Alten nicht: Liebe allein geht niemals gut. Er schließt ganz kurz im Gehen die Augen. Bilder tauchen auf und verschwinden wieder. Bilder wild durcheinander. Ohne Anfang und ohne Ende. An den Anfang müsste er, wenn er sich das alles noch einmal vorstellen will. Ganz an den Anfang.

Und da steht plötzlich ein Bild. Ein wunderschönes Bild. Ihr Bild.

Dann versucht er es eben über das Bild. Es taucht auf, zeigt kurz seine atemberaubende Schönheit und zerfällt zu einer boshaften Fratze.

Neuer Versuch! Er muss es festhalten, das Bild in seiner atemberaubenden Schönheit festhalten. Ein Detail nach dem andern beschreiben. Nur so kann er es für eine Weile festhalten, und nur so könnte er zu einem Ergebnis kommen.

Mit den Augen sollte er beginnen. Aber es sind nicht die Augen, die ihre Erscheinung beherrschen. Es sind vielmehr die rotblonden, gelockten Haare, die das zarte, makellose Gesicht, indem sie es umrahmen, erst richtig zur Geltung bringen. Und es ist diese Unnahbarkeit, der Stolz, der sich jedoch nicht als Stolz darstellt. Es ist Würde, trotz ihres fast noch kindlichen Alters. Und diese Unschuld!

Unschuld! Welch großes Wort! Wenn ihm das jetzt ein anderer sagen würde, er müsste darüber lachen. Ein bitteres, boshaftes Lachen. Er hört geradezu dieses boshafte Lachen, das sich seiner bemächtigen will. Unschuld!

Andere Einzelheiten? Äußerlichkeiten. Da ist etwas, was ihn daran hindert, sich an andere charakteristische Merkmale zu erinnern. Es erscheint immer ein fertiges, abgeschlossenes, makelloses Bild, wenn er sich an die erste Begegnung erinnern will: Sie steht da wie ein Engel, der soeben einem wunderschönen Altarbild entstiegen ist. Unnahbar, entrückt, stolz und schön.

War er nicht wie von Sinnen, nachdem er Agnes zum ersten Mal gesehen hatte? Damals an jenem Fest. Alles in ihm fieberte nach ihr. Sie löste Gefühle in ihm aus, die er bis dahin nicht kannte. Und sie ahnte nichts davon. Sie lächelte nur, als sie bemerkte, dass seine Blicke ihr folgten. Er kannte sie nicht, obwohl sie fast Nachbarn waren, denn sie hatte ihre frühen Jugendjahre in einem Kloster verbracht. Dann aber ein freies Leben dem Leben hinter Klostermauern vorgezogen. Und nun schien sie versprochen zu sein. Genau so wie er. Vielleicht war es aber gerade diese Tatsache, die ihn interessant für sie machte.

Plötzlich sieht er ganz deutlich das kleine Gesicht vor sich. Das Engelsgesicht. Blass, schmal und wunderschön. Eingerahmt von rotblonden Löckchen. Er sieht es lachen, scherzen, ihm verstohlene Blicke zuwerfen, ihm zulächeln. Der lächelnde Mund ein Versprechen! Die grau-blauen Augen fern und nah zugleich, wie der Horizont über dem Meer. Dann die wenigen geheimen Treffen, zu selten, um miteinander vertraut zu werden. Doch – wenn er ehrlich ist sich selbst gegenüber – schon damals ihr bestimmendes Verhalten und ihre Forderungen. Zwar sanft und leise ausgesprochen, aber dadurch nicht weniger nachdrücklich und entschieden. Im Gegenteil. Dieser Sanftheit hätte er nie zu widersprechen gewagt. Und außerdem war er ihrer Engelsschönheit verfallen. Er tat doch alles, um ihr zu gefallen. Vielleicht nannte sie ihn deshalb später Versager. Weil er alles tat, was sie bestimmte? Anerkennung für seine Liebe und sein Verhalten hatte er sich erhofft. Anerkennung! Wie jämmerlich! Jämmerlicher Versager! Aber so kann das nicht gewesen sein, nicht so einfach und nicht zu Anfang. Nun verfällt er seinen Gedanken, die sich selbstständig machen und ihm ihren Weg vorgeben, was er eigentlich nicht will. Er will ganz einfach nur etwas Belangloses denken, wenn man schon nicht leben kann, ohne irgendetwas zu denken. Wenn es im Kopf selbstständig denkt.

Glück! Glücklichsein! Glücksmomente. Es gab sie, wenn auch selten. Nur, wenn er jetzt an Glücksmomente denkt, besteht die Gefahr, dass sich auch Schuldgefühle einschleichen. Er muss sich selbst versprechen, keinerlei Schuldgefühle aufkommen zu lassen.

Die Hochzeit kommt ihm in den Sinn. Nach der Heimlichtuerei die Offenbarung vor den Eltern, sein offizieller Antrag, der von ihrer Familie gerne angenommen wurde. Schließlich sind die Esenburgs angesehen und er, Friedrich Wilhelm, als Erstgeborener der aussichtsreiche Erbe des Handelshauses und der Ländereien. Die Ernüchterung kam mit Agnes Forderung nach einer protestantischen Trauung. Sie schien von ihrem Hauslehrer für die neue Religion eingenommen worden zu sein. Er war ein frommer Mann. Fromm, ernsthaft und ehrlich und immer auf der Suche nach der Wahrheit, wie sie ihn schilderte. Ihre persönlichen Gespräche mit dem Hauslehrer verheimlichte sie vor den Eltern.

Friedrich Wilhelm erinnert sich, dass sein Vater ihn als abenteuerlustig, verantwortungslos und untreu Elisabeth gegenüber bezeichnete, als er ihm offenbarte, Agnes heiraten zu wollen. Und als er von der protestantischen Trauung erfuhr, schrie er: »Wenn du unseren Glauben so missachtest, bist du ein Verräter. Dann bist du nicht mehr mein Sohn, nicht mehr! Dann geh, wohin du willst!« Ein glatter Rauswurf. Weder seine noch Agnes Eltern nahmen an der Trauung teil. Auch Agnes fühlte sich daraufhin vor die Tür gesetzt, aber im Gegensatz zu ihm empfand sie es eher als Abenteuer. Und tatsächlich gab es nach der Trauung, die unter lautstarken Protesten der Bevölkerung stattgefunden hatte – sie mussten sich sogar vor Steinewerfern in Sicherheit bringen – statt einer Hochzeitsfeier mit Gästen, Festessen und einer Hochzeitsnacht eine tagelange, beschwerliche Reise nach Süden, in die Pfalz, wohin schon andere Protestanten aus dem Norden geflüchtet waren. Der Kurfürst von der Pfalz war protestantisch und somit auch die Pfalz. (Cuius regio, eius religio. Festgelegt im Augsburger Religionsfrieden von 1555.) Und die Pfalz nahm die Flüchtlinge auf. Das wusste man sowohl in Frankreich als auch in Friesland.

Statt Hochzeitsnacht also ratternde, klappernde Kutschen, Pferdegetrappel, mürrische Kutscher und Mitreisende, Unterkünfte in schlechten Gasthäusern, nach Männern und Frauen getrennte Schlafräume. In der Pfalz wurden sie vorerst von Landsleuten aufgenommen, die ebenfalls wegen ihres protestantischen Glaubens ihre Heimat verlassen hatten. Einige hatten es sehr bald verstanden, sesshaft zu werden, indem sie eine Beschäftigung fanden. Angemessene Beschäftigungen oder indem sie Handelshäuser gründeten, die ihnen Selbstständigkeit garantierten. Doch er, Friedrich Wilhelm, konnte schließlich nicht irgendeine Arbeit annehmen, die unter seiner Würde gewesen wäre. Eine Zeit lang konnten er und Agnes von dem Geld leben, das ihm sein Vater großzügigerweise mit auf den Weg gegeben hatte. Er erinnert sich, wie sein Stolz ihm damals gebot, es nicht anzunehmen und seine Vernunft ihm riet, nimm es, ohne das Geld stehst du ganz arm da und bist von Almosen abhängig.

Schäbig war es, wie er mit Elisabeth verfahren war. Heute weiß er, dass sie, die liebe Freundin schon seit Kindertagen … Aber damals, da hätte er sich gegen seine Gefühle nicht wehren können. Sie waren so stark, dass sie ihn vollkommen beherrschten, so dass er sogar bereit war, Elisabeth dafür aufzugeben. Wie konnte er nur …? Wird das jetzt ein Selbstvorwurf? Vorsicht!

Damals war er unerfahren. Aber selbst wenn er erfahren gewesen wäre … Wer hätte es gewagt, hinter diesem engelsgleichen Gesicht einen Charakter zu vermuten, der im Gegensatz dazu stünde? Keiner! Und er? Er war zudem verliebt. Verblendet!

Konnte er ahnen, wie sich alles entwickeln würde? Nein, das konnte er nicht. Dazu hätte er mit Fähigkeiten ausgestattet sein müssen, die er nicht besaß.

Seine Füße beginnen zu schmerzen, und die Trageriemen des Felleisens schneiden ein, und zu allem lacht der Mond hämisch vom nachtblauen Himmel herunter. Noch eine oder zwei Stunden muss er das alles ertragen. Eine oder zwei Stunden, wenn er nicht eher einen Unterschlupf findet, dann wird er sich ein Schlaflager richten. Es ist gut, dass es längere Zeit nicht geregnet hat. Ja, den ganzen Sommer nicht geregnet hat. So ist das Laub wenigstens trocken. In Chroniken, denkt er, wird man später von diesem warmen, trockenen Sommer des Jahres 1590 lesen, der deshalb so außergewöhnlich ist, weil die Sommer in den vorangegangenen Jahren auffallend kühl und regenreich waren. Unwillkürlich lächelt er über die Tatsache, wie unvollkommen Chroniken eigentlich sind. Wie viele Ereignisse – nicht gerade weltbewegende, aber doch immerhin für einzelne Menschen sehr schwerwiegende – sie nicht für die Ewigkeit bewahren. Sein Schicksal zum Beispiel.

Seine Lagerstätte, die er sich zu richten beabsichtigt, wird mit Sicherheit bequemer sein als die harte, kalte Holzbank vor zwei Wochen. Übrigens, wo warst du damals, Mond? Du hieltest dich bedeckt. Ungerechtigkeiten übersiehst du leicht. Sie war hundsgemein gewesen. Wie schon so oft. Schon mittags ging der Streit los. Ums Brennholz! Es war kein Holz mehr da, um Feuer im Ofen anzufachen, geschweige denn am Brennen zu halten. Im Haus ist es kühl, trotz des schönen Herbstwetters. Die Sonne kommt jetzt kaum über den Berg. Geschweige denn, dass sie das Haus erwärmt.

Und er sorgte sich um seine Predigt für den nächsten Morgen. Warum auch hatte er sie so lange aufgeschoben? Gab es wie immer triftige Gründe? Vorausgegangene Streitereien? Mit Sicherheit. Die gab es doch zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Was bist du für ein Schlappschwanz! Das war noch ihr harmlosestes Schimpfwort. Es gab viel schlimmere: Versager! Jämmerlicher Versager! Wann kümmerst du dich endlich einmal um das Holz? Aber Holz für den nächsten Winter. Nicht nur für einen Tag.

Der Jupp sollte es noch mal klein machen. Er wollte ihm etwas dafür geben.

Wovon denn? fragte sie hohnlachend. Das sagst du jedes Mal. Du hast doch selbst nichts. Von deinen drei Hellern? Ph! Die sind zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Du bist doch ein Mann! Du musst doch Holz hacken können! Du bist so armselig! Du kannst noch nicht mal für mich sorgen. Was würdest du machen, wenn wir Kinder hätten? Die würdest du verhungern und erfrieren lassen. Mein Vater war ein ganz anderer Kerl. Der hätte seine Familie niemals darben lassen.

Er hört noch ihre Worte, ihre Stimme, schrill, kalt und verletzend, die ihn allein schon durch ihren Tonfall erzittern ließ. Der Worte hätte es eigentlich nicht mehr bedurft.

Er entgegnete damals nichts mehr und gedachte zu schweigen. Es wurde doch alles schon tausendfach gesagt, tausendfach zerredet, tausendfach zerstritten. Argumente ließ sie nie gelten. Aber indem er nicht weiter auf ihren Streit reagierte und schwieg, wurde sie umso wütender. Er wollte ihr aus dem Weg gehen und einen kleinen Spaziergang machen. Da kamen ihm oft gute Gedanken für seine Predigten.

Wo willst du denn hin?

Er erinnert sich, wie er bei dieser Frage zusammenzuckte. Er zuckte in letzter Zeit oft zusammen. Besonders dann, wenn sie ihn unvermittelt ansprach.

Es wäre gescheiter, sagte sie, du würdest etwas arbeiten als spazieren zu gehen oder einen ganzen Tag lang für deine dummen Bauern eine Predigt auszuarbeiten. Die verstehen sowieso nichts davon.

Er machte damals seinen Spaziergang trotz ihrer unsachlichen Einwände, und als er zurückkam, hatte er sich für ein Thema entschieden: Maria und Martha aus dem Lukasevangelium. Dennoch tat er sich schwer mit dem Predigttext, zumal er ihn gern so formuliert hätte, dass sich Agnes – wie schwer es ihm fällt, ihren Namen auch nur zu denken – auf irgend eine Weise mit Martha hätte identifizieren müssen. Nur, er konnte alles drehen und wenden, wie er wollte, es kam kein vernünftiger Vergleich zustande. Und eine andere Frauengestalt aus der Bibel, die passender gewesen wäre, fiel ihm nicht ein. Zudem machte ihm der vorausgegangene Streit zu schaffen, so dass er sich kaum konzentrieren konnte. Er quälte sich mit seinem Text herum und kam sich vor wie früher bei seinem Hauslehrer.

Da platzte sie dazwischen und warf ihm die Bemerkung hin, wie man einem Hund einen Brocken vorwirft: Ich gehe morgen nicht in die Kirche. Ich habe nichts anzuziehen.

Als er sie daran erinnerte, dass sie ein wunderschönes Sonntagskleid besitze, gab sie zur Antwort, das eine sei jetzt zu dieser Jahreszeit zu dünn und das grüne Samtkleid sei schmutzig. Da habe Marie etwas darüber geschüttet. Als er Marie später danach fragte, stellte sich heraus, Agnes hatte es selbst absichtlich getan. Marie hatte sie dabei beobachtet. Er musste sämtliche Überredungskünste anwenden, bis sie es ihm schließlich erzählte. Sie fürchtete sich vor der gnädigen Frau, da diese oft ihre Launen an ihr ausließ. Eine ihrer gemeinen Schikanen: Sie nannte Marie Bertha. Bertha passe besser zu einer Magd. Marie sei zu vornehm. Es fiel Marie schwer, sich an den fremden Namen zu gewöhnen. Auf seinen Einwand, sie sei doch auf den Namen Marie getauft, und niemand habe das Recht, sie umzubenennen, reagierte sie spöttisch und ignorierte weiterhin seinen Einwand.

Genau so ignorierte sie die Herrschaften, die ihm die Prädikantenstelle bewilligt hatten, als sein Geld zur Neige gegangen war und er unbedingt eine Beschäftigung brauchte, um den Lebensunterhalt für sich und Agnes zu sichern. Er hatte zunächst gezögert, weil er sich nicht berufen fühlte. Aber eine andere praktische Arbeit kam für ihn nicht in Frage und um ein Handelshaus zu eröffnen, fehlte ihm das Geld. Während er ein Gefühl von Dankbarkeit empfand und auch zeigte, übersah sie die Herrschaften sonntags in der Kirche absichtlich und dachte nicht daran, zuerst zu grüßen. Hochnäsig ging sie an allen vorüber.

An jenem Maria und Martha-Samstagabend, als für sie die Themen Kleider und Gottesdienst erledigt schienen, spuckte sie auf sein Manuskript, drehte sich schwungvoll von ihm weg und ging aus dem Raum. Ihre Röcke rauschten, als wolle sich all ihre Wut darin entladen. Armseliger Versager! zischte sie, und er konnte nur noch denken, sie ist eine Schlange, eine böse giftige Schlange.

Aber damit war es noch nicht genug an jenem Abend. Es sollte noch viel schlimmer kommen. Er hatte es aufgegeben, ihr mittels der Maria und Martha-Geschichte den Spiegel vorhalten zu wollen, denn er rechnete damit, dass sie es wahr machte und tatsächlich nicht in die Kirche kam. Oder, falls sie kommen sollte, sofort seine Absicht erkannte und verächtlich reagierte. Deshalb hielt er sich genau an den Text, und als er endlich fertig war mit seinem Manuskript, da war es bereits nach Mitternacht.