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Edward Calthrop, ein alter, geiziger Sonderling, stürzt in seinem Haus zu Tode. Ein Unglücksfall? Oder gar ein Mord? Die Trauer seiner Angehörigen indes hält sich in Grenzen. Als das Testament des Verstorbenen eröffnet wird und sich herausstellt, dass die Familie komplett leer ausgeht und dass er sein Vermögen - stattliche 100.000 Pfund - einer gewissen Charlotte Cooper hinterlassen hat, nehmen die Ereignisse in vielerlei Hinsicht eine unerwartete Wendung. Dies liegt auch an der Bedingung, welche mit diesem Erbe verknüpft ist: Miss Cooper wird das Geld nur dann erhalten, wenn es ihr gelingt, dreißig Tage nach Testamentseröffnung noch am Leben zu sein... Als ein erster Mordanschlag auf Charlotte Cooper verübt wird, ist sie ausgesprochen dankbar, dass ihr der berühmte Rechtsanwalt und Kriminalist Arthur Lake seine Unterstützung und seinen Schutz anbietet... Damien Tabori (Jahrgang 1968) ist das Pseudonym eines deutschen Autors von Kriminal- und Horror-Romanen sowie von zahlreichen Hörspielen und Drehbüchern. Sein Roman DAS SCHWEIGEN IN DER DUNKELHEIT ist ein ebenso nostalgischer wie spannender Cosy-Krimi und erscheint exklusiv im Signum-Verlag.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
DAMIEN TABORI
DAS SCHWEIGEN
IN DER DUNKELHEIT
Roman
Signum-Verlag
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
DAS SCHWEIGEN IN DER DUNKELHEIT
Die Hauptpersonen dieses Romans
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Copyright © 2023 by Damien Tabori/Signum-Verlag.
Lektorat: Dr. Birgit Rehberg.
Umschlag: Copyright © by Christian Dörge.
Verlag:
Signum-Verlag
Winthirstraße 11
80639 München
www.signum-literatur.com
Edward Calthrop, ein alter, geiziger Sonderling, stürzt in seinem Haus zu Tode. Ein Unglücksfall? Oder gar ein Mord? Die Trauer seiner Angehörigen indes hält sich in Grenzen.
Als das Testament des Verstorbenen eröffnet wird und sich herausstellt, dass die Familie komplett leer ausgeht und dass er sein Vermögen - stattliche 100.000 Pfund - einer gewissen Charlotte Cooper hinterlassen hat, nehmen die Ereignisse in vielerlei Hinsicht eine unerwartete Wendung. Dies liegt auch an der Bedingung, welche mit diesem Erbe verknüpft ist: Miss Cooper wird das Geld nur dann erhalten, wenn es ihr gelingt, dreißig Tage nach Testamentseröffnung noch am Leben zu sein...
Als ein erster Mordanschlag auf Charlotte Cooper verübt wird, ist sie ausgesprochen dankbar, dass ihr der berühmte Rechtsanwalt und Kriminalist Arthur Lake seine Unterstützung und seinen Schutz anbietet...
Damien Tabori (Jahrgang 1968) ist das Pseudonym eines deutschen Autors von Kriminal- und Horror-Romanen sowie von zahlreichen Hörspielen und Drehbüchern.
Sein Roman Das Schweigen in der Dunkelheit ist ein ebenso nostalgischer wie spannender Cosy-Krimi und erscheint exklusiv im Signum-Verlag.
Arthur Lake: Rechtsanwalt und Kriminalist.
Charlotte Cooper: eine Frau mit Aussicht auf ein Erbe.
Edward Calthrop: ein alter, geiziger Mann.
Geoffrey Calthrop: Rechtsanwalt.
Mary Calthrop: seine Frau.
Harriet Carberry: Sekretärin und Haushälterin.
Christopher Graves: Mitarbeiter beim Britischen Nachrichtendienst.
Hugh Graves: Angestellter im Verteidigungsministerium.
Reginald Tressilian: Edward Calthrops Rechtsanwalt.
Cecil Carpenter: Autor und Verlagsangestellter.
Lilian Carpenter: seine Frau.
Georgie Trent: Freundin von Charlotte Cooper.
Rose Sheldon: Hausangestellte.
Robert Dyson: ein bildhübscher junger Mann.
Dieser Roman spielt 1952 in London und in dem kleinen Dorf Wolf Norton.
In dem eiskalten, schon lange dunklen Haus wartete jemand auf die Stunde X.
Die Zeit verstrich unendlich langsam.
Eine Uhr tickte. Eins, zwei, eins, zwei.
Ein loser Fensterladen klapperte im Wind.
Hinter der Tür, die einen Spalt offenstand, wartete der Lauscher wie ein Schauspieler in der Kulisse. Er wusste, dass alles davon abhing, den richtigen Moment abzupassen. Irgendwo am Ende des Korridors hallten Schritte, eine Tür wurde leise geschlossen. Stille senkte sich wieder über das Haus.
Immer noch tickte die Uhr, eins, zwei, eins, zwei.
Der lose Fensterladen klapperte weiter.
Aus dem Herzen dieses schwarzen Schweigens stieg der schreckliche Schrei auf.
Feuer! Feuer!
Der Schrei fing sich im weiträumigen, alten Haus, prallte von den Wänden ab, flog hinauf in die Schatten der oberen Stockwerke, und sein Echo stürzte in den Schacht der riesigen, gewundenen Treppe. Türen wurden aufgerissen, Stimmen wurden laut. Eine, so klar wie eine Glocke, rief: »Komm zurück! Komm zurück! Wir haben doch kein Licht!« Diess war Teil des Schreckens: Der alte Mann war derart geizig, dass er um zehn Uhr den Strom ausgeschaltet hatte. Seine Gäste mussten sich danach mit Kerzenstummeln oder den Taschenlampen behelfen, die sie mitgebracht hatten.
Die große Haupttreppe war eine finstere Schlucht. Ganz oben, an ihrem Ende, bog sich die Wand nach innen. Hier konnte man sich verstecken, solange das verräterische Licht einen nicht bloßstellte, und auf den Moment der Vergeltung warten. Das Herz des Mörders schlug wie eine Trommel.
Schnell, forderte sein eiserner Wille, schnell, komm, ehe es zu spät ist! Und wieder gellte der angstvolle Schrei durch die Nacht.
»Wo ist das verdammte Feuer denn?«, fragte eine Männerstimme.
»In einem der anderen Zimmer wahrscheinlich«, kam die Antwort. »In meinem jedenfalls nicht.«
Endlich flammte Licht auf, der flackernde Schein einer Kerze, die hochgehalten wurde. Der Mörder erstarrte vor Wut und Enttäuschung. Zu früh, zu früh. Doch bevor ihn das Licht verraten konnte, stolperte die Person, die es trug – man stolperte leicht auf diesen zerschlissenen Teppichen, die zu erneuern der Geiz des Alten nicht zuließ. Die Kerze fiel über das geschnitzte Geländer ins Vestibül hinunter, und die Flamme erlosch im Flug.
Alle waren jetzt aus ihren Zimmern gestürzt, und der Mörder wartete noch immer voll verbissener Wut. Was, wenn sein Plan misslingen sollte? Nein!, rief eine lautlose, verzweifelte Stimme in seinem Inneren. Nein!
Tod! Ein so kleines, kurzes Wort, und es bedeutete so viel. Das Ende der Drohungen, das Ende der Erniedrigungen, die Abrechnung, die schon seit Jahren fällig war. Dann, als der letzte Hoffnungsschimmer schon erloschen schien, kam der herbeigesehnte Augenblick. Eine Gestalt löste sich aus der aufgeregten Gruppe der anderen und eilte mit vertrauter Bewegung zum Treppenabsatz.
Jetzt!
Ein gut abgepasster Stoß mit dem Stock des alten Mannes, und die Tat war vollbracht.
Einen Moment zu spät flammte wieder Licht auf.
Niemand konnte mit Sicherheit sagen, wie schnell nach dem zweiten Feuerschrei der Sturz erfolgte, obwohl jeder den markerschütternden Schrei hörte, der ihn begleitete. Der Tumult auf dem oberen Treppenabsatz nahm zu. Stimmen überschlugen sich.
»Wer ist es?«
»Wer hat gerufen?«
»Wer ist gestürzt?«
Eine stattliche Frau, die nicht mehr jung war, kam an der aufgeregten Gruppe oben am Ende der Treppe vorüber. Sie trug eine Taschenlampe, deren Strahl über die zerfransten Teppiche huschte und über die Füße, die der entsetzliche Schrei gelähmt hatte. Rasch glitt das Licht in die Tiefe. Die Frau, die die Lampe trug, blieb im Schatten. Einer der Männer hob eine Kerze hoch über seinen Kopf. Riesige Schatten zitterten an den Wänden.
»Vorsicht«, warnte eine tiefe Frauenstimme. »Das Wachs tropft.«
»Diesen Teppichen kann das auch nicht mehr schaden«, antwortete der Mann gereizt.
Ein anderer Mann drängte sich vorbei.
»Ich muss sehen, was geschehen ist. War das Lilian, die eben hinunterging? Chris!«
»Ich bin hier«, antwortete Christopher Graves seinem Bruder. »Mann, ist das eine Treppe!«
»Pass nur auf, dass du nicht auch noch stolperst.«
Aus dem Vestibül kam die Stimme der Frau, Lilian Carpenter.
»Geoffrey? Ach, du bist es, Christopher. Es ist Cousin Edward. Ich glaube, er hat sich das Genick gebrochen.«
»Bei dem Sturz würde es mich nicht wundern, wenn er sich sämtliche Knochen im Leib gebrochen hätte«, stellte Christopher Graves trocken fest.
Oben hastete eine schlanke Gestalt durch den Gang.
»Was ist geschehen? Wo ist das Feuer?«
Im Kerzenlicht sah man eine hübsche, grazile Frau mit einem Gesicht, das ohne Alter zu sein schien und dessen etwas harter Schönheit nicht einmal die Creme, die sie für die Nacht aufgelegt hatte, Abbruch tun konnte.
Cecil Carpenter, der die Kerze hochhielt, sagte unter Zähneklappern: »Lieber Himmel! Das Feuer hatte ich ganz vergessen. Harriet...«
»Er hat manchmal solche Anwandlungen«, sagte die Frau mit der tiefen Stimme. »Eine Art Alptraum.«
»Alptraum! Das kann man wohl sagen.« Cecil klammerte sich mit der freien Hand an das Treppengeländer. »Lilian!«
»Ich komme jetzt noch nicht herunter«, rief Lilian. »Wir bringen ihn gerade fort. Wir brauchen einen Arzt. Wo ist Harriet?«
»Ich komme«, sagte die Frau, die Harriet hieß.
Fünfzehn Jahre lang war sie Gesellschafterin und Haushälterin des alten Mannes gewesen, seit jenem Tag, an dem er das Geld und das Haus seines toten Bruders geerbt hatte. Sie stieg eilig die Treppe hinunter. Plötzlich erklang ein unterdrückter Schrei.
»Lieber Gott!«, rief Cecil. »Doch nicht noch ein Unfall?«
»Ich bin nur über etwas gestolpert«, sagte Harriet mit ihrer tiefen Stimme. Sie bückte sich und tastete auf den Stufen herum. »Oh!«
Christopher Graves, der bei dem schlaffen Menschenbündel im Vestibül stand, rief hinauf: »Was ist es?«
»Seine Zähne«, antwortete Harriet grimmig. »Die untere Prothese. Sie muss herausgefallen sein, als er – stürzte. Wenn er sie nicht in der Hand gehabt hat.«
»Die obere Hälfte befindet sich in seinem Mund«, verkündete Lilian.
Cecil war schleierhaft, wie sie so ruhig sein konnte. Ihm selbst war beinahe übel.
»Wir brauchen einen Arzt«, murmelte Hugh.
»Er wird zwar kaum etwas tun können«, meinte Lilian, »aber holen müssen wir ihn auf jeden Fall.«
»Ich rufe ihn an«, erklärte Harriet, und gleich darauf hörten sie das Schnarren der Wählscheibe.
»Ein wahres Wunder, dass Cousin Edward sich überhaupt Telefon legen ließ«, bemerkte Geoffrey Calthrop unvermittelt.
»Das habe ich fertiggebracht«, rief Harriet. »Hallo? Ja, ich möchte Doktor Musgrave sprechen. – Zwei Jahre habe ich dazu gebraucht«, fügte sie hinzu.
Die beiden Menschen, die noch am obersten Treppenabsatz standen, rückten unwillkürlich ein wenig näher zusammen.
»Ich kann kein Blut sehen«, gestand Cecil beschämt.
»Da unten sind auch ohne uns genug Leute«, erwiderte Mary Calthrop. »Ist das dein Stock?«
Cecil bückte sich. »Nein. Das ist einer vom alten Edward. Er hat ihn wahrscheinlich in sein Schlafzimmer mitgenommen.«
»Wundern würde es mich nicht«, meinte Mary. »Er war immer ein wenig lahmer als sonst, sobald Leute um ihn herum waren.«
»Ich rieche kein Feuer«, sagte Cecil.
»Wahrscheinlich brennt es überhaupt nicht. Das hat er sich nur eingebildet. Er war ein grässlicher alter Mann. Wie Harriet es fünfzehn Jahre lang bei ihm aushalten konnte, ist mir unbegreiflich.«
»Sie wird wohl ihre Gründe gehabt haben«, antwortete Cecil grimmig.
»Du meinst, Geld?«
»Kein Mensch würde darauf kommen, dass er ein reicher Mann war.« Cecil beugte sich über das Geländer. »Weißt du, ich finde, wir sollten auch hinuntergehen. Sie scheinen ihn jetzt aus dem Vestibül weggetragen zu haben.«
»Also gut«, sagte Mary widerstrebend, »wenn wir auch rein gar nichts tun können.«
Man hatte den zerschmetterten Körper in dem schäbigen, blauen Morgenrock, der mit einer ausgefransten Kordel um den ausgezehrten Leib zusammengehalten wurde, auf ein Sofa gehoben. Hugh, der Jüngere der beiden Graves', hatte ein Taschentuch über das entstellte Gesicht gebreitet. Am Fuß der Couch stand Geoffrey Calthrop, ein grobknochiger, schwerer Mann mit düsterem Gesicht. Geoffrey glaubte nicht an das Gute im Menschen, und seine Erfahrungen in seiner Anwaltspraxis hatten seinen Glauben nur gefestigt. Kein Mitleid stand in seinen Augen, als er auf die kleine, zerknitterte Gestalt unter der Decke herunter sah. Das kleine Gesicht war böse gewesen, ein Gesicht, das nur aus Haut und Knochen bestanden hatte. Eine große, knochige Nase, eine eckige Stirn, eingefallene Wangen, ein langes Kinn, nur Haut und Knochen. Die mageren Hände des Geizigen waren auf der Decke gefaltet, mit der ihn jemand zugedeckt hatte.
Christopher Graves, groß, blond, einundvierzig, den man dem Aussehen nach niemals für einen Verwandten des Toten gehalten hätte, fragte: »Weiß jemand, wie es passiert ist?«
»Ich nehme an, er hat ebenso wie wir jemanden Feuer! rufen hören und kam aus seinem Zimmer«, erwiderte Lilian ein wenig unbehaglich.
»Wer hat überhaupt Alarm geschlagen?«, erkundigte sich Geoffrey mit sachlicher Stimme.
Niemand antwortete ihm.
Er sah sich in dem kleinen Kreis um.
»Harriet meint, er selbst könnte es gewesen sein – im Schlaf«, erklärte Cecil Carpenter zögernd.
»Das wird der Polizei nicht gefallen«, stellte Geoffrey fest.
»Der Polizei?« Mary, die neben ihm stand, schien bestürzt.
»Ja, glaubst du denn, wir können ohne sie auskommen?«
»Könnte recht unangenehm werden, wenn wir sie hinzuziehen«, meinte Christopher. »Reiche, alte Herren sollten nicht gerade dann unter mysteriösen Umständen sterben, wenn ihre sämtlichen Verwandten im Haus sind. Das ist geschmacklos.«
»Ich kann nicht sagen, dass ich diese Bemerkung sonderlich geschmackvoll finde«, stellte Geoffrey kalt fest.
Doch Christopher ließ sich nicht aus der Fassung bringen. »Die Wahrheit ist selten geschmackvoll«, entgegnete er.
Harriet kehrte zurück. »Doktor Musgrave kommt sofort«, meldete sie. »Was werden wir ihm sagen?«
Geoffrey bemerkte, dass sie der Situation nicht nur realistisch ins Auge sah, sondern auch bereit war, das zuzugeben. Der Anwalt in ihm applaudierte ihr.
Seine Frau Lucy, die die Geistesgegenwart besessen hatte, in ihrem Zimmer noch ihren Schmuck zusammenzuraffen, als Feueralarm gegeben worden war, erklärte kühl: »Nun, es müsste doch wohl genügen, wenn wir sagen, was geschehen ist.«
»Fall überhaupt jemand weiß, was geschehen ist«, sagte Harriet. Sie betrachtete nachdenklich die Cousins und ihre Frauen. Niemand sprach.
»Liegt das nicht auf der Hand?«, fragte Cecil nach einem Schweigen, das endlos schien. »Er muss mit dem Fuß in einem Riss im Teppich hängengeblieben sein. Im Grund ist es ein Wunder, dass sich nicht vorher schon jemand auf diese Art und Weise den Hals gebrochen hat.«
»Er muss geglaubt haben, das Feuer wäre auf dieser Seite des Hauses ausgebrochen«, bemerkte Harriet. »Sonst wäre er die kleine Treppe bei seinem Zimmer hinuntergegangen, anstatt durch den ganzen Korridor zur Haupttreppe zu humpeln.«
»Wahrscheinlich hörte er uns dort«, vermutete Christopher, »und wollte nachsehen, was los war. Für uns alle war die große Treppe ja am nächsten.«
»Niemand hier hat den Alarm gegeben?«, fragte Harriet, und ihre Augen blickten von einem Gesicht zum anderen.
»Zumindest ist niemand bereit, es zuzugeben«, antwortete Geoffrey. »Ich für mein Teil war im Bett...«
»Und ich auch«, warf Mary eilig ein.
»Ich habe gelesen«, erklärte Hugh auf seine etwas träge Art.
»Und ich war im Bad«, sagte Cecil.
»Schade«, meinte Hugh. »Ich meine, wenn du in deinem Zimmer gewesen wärst, hättet ihr euch gegenseitig ein Alibi geben können, du und Lilian.«
»Sie waren auch nicht in Ihrem Zimmer?«, fragte Harriet Christopher.
Der schüttelte den Kopf. Er verspürte grimmige Belustigung darüber, dass sie so selbstbewusst die Zügel in die Hand nahm, wenn das auch zu erwarten gewesen war. Fünfzehn Jahre lang hatte Harriet im Haus das Regiment geführt. Sie war der einzige Mensch gewesen, der den Alten dazu hatte bewegen können, auch nur einen Penny herauszurücken.
Cecil zitterte. Vor ein paar Stunden, dachte er, habe ich noch mit ihm gesprochen. Erst ein paar Stunden ist es her, dass er mir schadenfroh ins Gesicht gelacht hat. Eintausend Pfund, sagte er. Das ist eine Menge Geld, mein Junge. Was meinst du denn, wo ich tausend Pfund hernehmen soll? Er schauderte wieder.
»Du wirst dir noch eine Erkältung holen, Cecil«, sagte Lilian. »Dein Mantel hängt in der Garderobe. Hol' ihn dir lieber.«
Cecil eilte davon, froh, den neugierigen Augen entkommen zu können. Er fragte sich, wieviel Lilian wohl wusste. Alles vielleicht, aber sie würde sich nie verraten.
Mary hatte ihre Augen geschlossen. Ihr Körper war ganz starr. Sie konnte es nicht ertragen, den Toten anzusehen. Wer wohl das ganze Geld erbt?, fragte sie sich. Geoffrey war immer sicher – und Geoffrey hat im Allgemeinen recht. Aber kürzlich muss etwas geschehen sein, nur wird er uns darüber wohl kaum ins Bild setzen. Aber ich werde es herausfinden.
Christopher sah Hugh an. Hugh zog sein Zigaretten-Etui heraus, doch Christopher schüttelte den Kopf. Noch nicht. Das gehörte sich nicht. Geoffrey sah aus, als sei er aus Stein gemeißelt.
»Der Arzt lässt sich aber wirklich Zeit«, stellte er fest.
Niemand sagte etwas. Die Spannung war fast unerträglich.
Harriet warf den Kopf zurück, um den sie einen Schal gebunden hatte.
»Wir sollten Mr. Tressilian anrufen«, rief sie. »Er muss herkommen.«
»Sie können doch einen Anwalt nicht mitten in der Nacht aus dem Bett klingeln«, antwortete Geoffrey gereizt.
»Er sollte sowieso am Freitag kommen«, sagte Harriet. »Nun muss er sich eben einen Tag früher herbemühen.«
»Hierher sollte er kommen?«, fragte Geoffrey scharf.
»Ja. Wussten Sie das nicht?«
»Woher hätte ich es wissen sollen?«
»Mr. Calthrop sagte, er hätte allen Bescheid gegeben.«
»Mir nicht«, erklärte Cecil hastig.
»Er sagte, es sei kein schlechter Spaß«, fuhr Harriet fort. »Alle würden sich vorbildlich benehmen.«
Christopher warf seinem Bruder einen Blick zu. »Wusstest du davon?«
Hugh schüttelte den Kopf. »Es spielt gar keine Rolle. – Hallo! Das wird endlich der Arzt sein.«
Harriet ging, um Dr. Musgrave einzulassen.
»Haltet ihr es für möglich, dass er Selbstmord begangen hat?«, fragte Cecil unvermittelt.
»Sei nicht kindisch«, erwiderte Christopher. »Hast du schon einmal erlebt, dass Cousin Edward freiwillig etwas hergegeben hat?«
Geoffrey gab stumm seinem Abscheu Ausdruck, doch sein Cousin ließ sich dadurch nicht beeindrucken.
Der Arzt kam herein, verschlafen, unrasiert und blau vor Kälte. Er verschwendete keine Zeit mit Fragen. Brüsk tat er seine Meinung kund.
»Er muss fast achtzig gewesen sein«, rief Mary Calthrop, die sich einbildete, sein Blick ruhe auf ihr.
»Ich habe noch nie die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit achtzig bereitwilliger aus dem Leben scheiden als mit achtzehn«, entgegnete der Arzt.
Harriet, die sich unbemerkt entfernt hatte, kehrte ins Zimmer zurück. »Oben im Teppich ist ein riesiger Riss«, sagte sie. »Mr. Calthrop hat ihn wahrscheinlich noch größer gemacht, als er mit dem Fuß darin hängenblieb. Ich habe jetzt ein Stück Packpapier darübergelegt und festgeklebt.«
»Eine gerichtliche Untersuchung muss natürlich stattfinden«, bemerkte der Arzt und legte das Taschentuch wieder über das verwüstete Gesicht. »Schwierigkeiten dürfte es kaum geben. Der Schreck allein hätte ausgereicht, ihn zu töten.«
Harriet bot Whisky an, und der Arzt folgte ihr ins Nebenzimmer.
Die Zurückgebliebenen sahen einander an. Geoffrey war der erste, der sprach.
»Das bedeutet, dass wir bis nach der Beerdigung bleiben müssen«, stellte er fest.
»Irgendjemand wird auch das Haus abschließen müssen«, sagte Cecil mit seiner unnatürlich hohen Stimme.
»Falls der glückliche Erbe sich nicht entschließt, hier seine Zelte aufzuschlagen«, warf Christopher ein.
Es war, als spielten sie ein Spiel, bei dem jeder eine Bemerkung beisteuern musste.
»Diesen Wunsch hat bestimmt niemand«, sagte Mary. »Ich meine, das ist doch ein Unglückshaus. Erst Cousin William...«
Sie brach ab, und sie dachten an William, der vor fast sechzehn Jahren aus einem Fenster im zweiten Stock gestürzt war.
»Würde mich interessieren, was dem dritten Bewohner zustößt«, bemerkte Hugh.
»Also ich würde jedenfalls nicht hier leben wollen«, stellte Mary fest.
»Dazu hat sich dir bis jetzt auch nicht die Gelegenheit geboten«, fuhr ihr Mann sie an.
»Aber du hast doch gesagt...«, begann Mary und verstummte.
Im Nebenzimmer spülte der Arzt seinen Whisky hinunter und sagte: »Merkwürdiger Haufen, wie?«
»Ich denke mir, dass alle Verwandten, die sich ein Erbteil erhoffen, gleich sind«, antwortete Harriet kühl.
»Wissen Sie, wer das Geld bekommt?«, fragte der Arzt.
»Jemand, der es nicht bekommen hätte, wenn Mr. Calthrop eine Woche länger gelebt hätte«, antwortete Harriet grimmig. »Natürlich, jetzt behaupten sie alle, sie hätten nicht gewusst, dass Mr. Tressilian herkommen wollte. Nun ja, vielleicht hatte sich der Alte wieder einmal ein Spielchen ausgedacht. Es bereitete ihm allergrößtes Vergnügen, den Leuten Streiche zu spielen.«
Musgrave schüttelte den Kopf. Ja, er hätte Edward Calthrop gekannt, seine Kleinlichkeit und Verschlagenheit, er wusste von der Eifersucht, die den Mann verzehrt hatte, als er mitansehen musste, wie sein verschwenderischer Bruder mit vollen Händen das Geld ausgab, das eines Tages ihm zufallen sollte, da keine direkten Erben existierten. Die Spielchen, die er sich ausgedacht hatte, waren keineswegs lustig gewesen. Es war unwahrscheinlich, dass jemand um ihn trauern würde. Dennoch machte sich der Arzt seine Gedanken darüber, wer nun wohl das Geld erben würde.
Nach einem Augenblick des Schweigens nahm er seine Tasche.
»Das Urteil wird auf Tod durch Unfall lauten«, prophezeite er. »Ich werde versuchen, die gerichtliche Untersuchung schon auf den kommenden Nachmittag ansetzen zu lassen.«
»Ein Glück, dass dies nicht der Tag des Jüngsten Gerichts ist«, meinte Harriet und reichte ihm Hut und Handschuhe. »Das wäre für verschiedene Leute vielleicht ein wenig unbehaglich.«
Zweifellos, dachte der Arzt, doch er hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass Unwissenheit zwar nicht unbedingt ein Segen ist, aber viel Zeit spart; also enthielt er sich jeglicher Bemerkung.
Da kein Grund bestand, noch länger aufzubleiben, kehrten die Verwandten des Toten in ihre Zimmer zurück.
»Es würde mich interessieren, wen von uns er verdächtigt«, sagte Hugh zu seinem Bruder.
»Wenn er ein kluger Mann ist, dann wird er niemanden verdächtigen, solange er nicht weiß, was im Testament steht«, erwiderte Christopher zynisch. »Und nicht einmal dann wird er ihn verdächtigen, denn reiche Leute zu verdächtigen führt zu nichts.«
»Ich hätte gar nichts dagegen, wenn ich morgen Nacht woanders mein müdes Haupt niederlegen könnte«, bekannte Hugh. »In dem Haus hier ist es so unheimlich und kalt wie auf einem Friedhof.
