Das stille Vermächtnis - Roswitha Böhm - E-Book

Das stille Vermächtnis E-Book

Roswitha Böhm

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Beschreibung

Ein altes Antiquariat, ein geheimnisvoller Spiegel - und ein Vermächtnis, das niemand begreifen soll. Für Merle, die ihr Augenlicht schon früh verloren hat, war die Welt der Bücher immer ein Ort der Zuflucht. Doch als sie gemeinsam mit Lennart, der selbst von seiner Vergangenheit gezeichnet ist, in ein uraltes Rätsel hineingezogen wird, verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Legende. Was als harmlose Recherche beginnt, führt sie auf die Spuren einer Frau, deren Wissen so mächtig - und gefährlich - war, dass es vor Jahrhunderten versiegelt wurde. Während die beiden versuchen, die Puzzleteile zusammenzusetzen, werden sie Teil eines Geheimnisses, das bis in die Gegenwart reicht. "Das stille Vermächtnis" ist ein atmosphärischer Mystery-Roman über Verlust, Vertrauen und den Mut, hinzusehen - selbst, wenn das Licht längst erloschen ist.

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Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch

Ein Antiquariat voller Geheimnisse.

Ein verschwundener Buchhändler.

Und ein Vermächtnis, das niemand begreifen soll.

Als die blinde Merle einem geheimnisvollen Hinweis folgt, stößt sie auf Spuren, die Jahrzehnte überdauert haben – bis in die Gegenwart.

Gemeinsam mit Lennart begibt sie sich auf eine Suche, die Wahrheit und Wahnsinn verschwimmen lässt.

„Das stille Vermächtnis“ ist ein Mystery-Roman über Verlust, Verbundenheit und das Unsichtbare zwischen den Zeilen.

Widmung

Für Meta, die an meine Geschichten geglaubt hat und mich immer wieder ermutigte, diese endlich in die Welt zu tragen.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Das Antiquariat im Nebel

Kapitel 2: Der Ruf der Vergangenheit

Kapitel 3: Am nächsten Tag im Antiquariat

Kapitel 4: Einführung in die Geheimnisse

Kapitel 5: Das schmutzige Bündel

Kapitel 6: Die Verborgene Geschichte

Kapitel 7: Das Stadtarchiv

Kapitel 8: Der Weg zum Haus

Kapitel 9: Das verlassene Haus

Kapitel 10: Der Fund im Kamin

Kapitel 11: Geheimnisse und Konflikte

Kapitel 12: Eine unerwartete Gelegenheit

Kapitel 13: Ein Nachmittag im Café

Kapitel 14: Ein verschollenes Tagebuch

Kapitel 15: Eine neue Erkenntnis

Kapitel 16: Die Rückkehr zum See

Kapitel 17: Das Zeichen im Mondlicht

Kapitel 16: Die Rückkehr zum See

Kapitel 19: Die alte Scheune

Kapitel 20: Die Ahnung

Kapitel 21: Warten auf den Abend

Kapitel 22: In der Wohnung

Kapitel 23: Das versteckte Fach

Kapitel 24: Ein Moment der Ruhe

Kapitel 25: Eine neue Spur im Tagebuch

Kapitel 26: Der Weg zum See

Kapitel 27: Ein unerwarteter Fund

Kapitel 28: Leben und Leben lassen

Kapitel 29: Ein neues Rätsel im Medaillon

Kapitel 30: Die verlorenen Spuren

Kapitel 31: Schritte im Herbstlaub

Kapitel 32: Der Kampf um den Kamm

Kapitel 33: Eine unheimliche Entdeckung

Kapitel 34: Das Puzzle der Artefakte

Kapitel 35: Vorbereitungen und Tarnung

Kapitel 36: Letzte Vorbereitungen

Kapitel 37: Der Weg zum See

Kapitel 37: Warten und Zweifel

Kapitel 38: Das Zeichen des Sees

Kapitel 39: Der Aufbruch

Kapitel 39: Das Geheimnis der Steinplatte

Kapitel 40: Der Zugang

Kapitel 41: In der Tiefe

Kapitel 42: Stimmen aus der Vergangenheit

Kapitel 43: Entscheidungen im Dunkel

Kapitel 44: Schatten der Vergangenheit

Kapitel 45: Zurück zur Hütte

Kapitel 46: Der letzte Pfad

Kapitel 47: Das Zerbrechen der Wahrheit

Kapitel 48: Die Entscheidung

Kapitel 49: Der Hüter kehrt zurück

Kapitel 50: Der Kreis schließt sich

Epilog: Das Licht der Hüter

Kapitel 1: Das Antiquariat im Nebel

Die Straßen waren still, als der Nebel langsam vom Fluss heraufzog und sich in die kleinen Gassen der Stadt legte. Das Grau des Herbstmorgens wirkte beinahe greifbar, als würde die Stadt selbst ein Geheimnis bewahren. Es war der Beginn der Dämmerung, wenn die Laternen noch schwach glühten und die Schatten länger wurden. In dieser Zwischenwelt schien das Antiquariat von Herrn Thomsen wie eine Insel der Zeitlosigkeit zu wirken.

Das kleine Geschäft war ein Ort, den nur die Wenigsten überhaupt wahrnahmen. Die meisten gingen vorbei, warfen vielleicht einen kurzen Blick auf die altertümlichen Bücherstapel und verstaubten Figuren im Schaufenster, und vergaßen das Geschäft gleich wieder. Doch wer ein Auge für das Ungewöhnliche hatte, konnte spüren, dass hier mehr verborgen lag, als nur alte Bücher und verstaubte Raritäten.

Drinnen herrschte ein stiller Geruch nach alten Papieren und getrockneten Kräutern, der wie ein sanfter Hauch in der Luft hing. Die Regale ragten hoch auf und bildeten enge Gänge, in denen das Licht kaum ausreichte, um die Details der vielen Gegenstände zu erkennen. Eine rostige Lampe über dem Tresen schimmerte schwach, warf Schatten auf die Gesichter alter Porzellanpuppen, die aus längst vergangenen Epochen stammten.

Merle Petersen saß am Tresen und hörte den dumpfen Herzschlag der Wanduhr, der die Zeit hier drinnen auf eine ganz eigene Weise zu messen schien. Es war ein Ort, an dem Stunden zu Minuten und Sekunden zu Ewigkeiten werden konnten – je nachdem, wie tief man sich in die Geheimnisse der Regale wagte.

Ihre Finger fuhren leicht über den Einband eines uralten Buches, dessen Titel längst verblasst war. Sie spürte das Leben des Buches, seine Geschichten und die Hände, die es berührt hatten. Für Merle war das Antiquariat mehr als nur ein Ort der Arbeit. Es war eine Zuflucht, ein Raum, in dem ihre Gabe als etwas Natürliches erschien – hier war sie niemandem eine Erklärung schuldig. Hier war sie einfach Merle, die Frau mit dem scharfen Sinn für die Dinge, die verborgen lagen.

An diesem Morgen jedoch lag eine sonderbare Schwere in der Luft. Ein Kribbeln, das wie ein leises Summen durch das Antiquariat zog und die Stille füllte, wie ein unsichtbares Netz, das auf etwas wartete.

Und ohne es zu ahnen, würde genau heute jemand hereinkommen, der dieses Netz zerreißen und die ersten Fäden des Geheimnisses lösen würde...

Als die Ladentür leise klingelte, sah Merle auf – oder richtete zumindest den Kopf in die Richtung des Geräuschs. Schritte, die zögernd auf den knarrenden Holzdielen verhallten, gefolgt von einem leisen Räuspern.

„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte sie und lächelte freundlich in die Richtung des Neuankömmlings.

Lennart, der zwischen die Regale trat, zögerte. Irgendetwas an ihr irritierte ihn, und er konnte es nicht genau greifen. „Ich, äh, suche... etwas Besonderes,“ sagte er schließlich, die Augen suchend durch den Raum wandernd.

„Dann sind Sie hier genau richtig,“ entgegnete Merle sanft und legte ihre Hand flach auf das Buch vor sich. „Hier gibt es nur Dinge, die eine Geschichte haben. Manchmal erzählen sie sie auch.“

Lennart runzelte die Stirn und beobachtete, wie ihre Finger beinahe zärtlich über den alten Einband fuhren, als würde sie die unsichtbaren Zeilen darauf lesen. „Was für eine Geschichte erzählt dieses Buch?“ fragte er und trat näher.

Merle lächelte geheimnisvoll. „Eine über Sehnsucht und Fernweh... und vielleicht ein bisschen über die Dinge, die man nie vollständig verstehen kann.“

In diesem Moment bemerkte Lennart, dass ihre Augen an ihm vorbeiblickten, wie auf etwas, das er nicht sehen konnte – und doch schien sie ihn zu erkennen, auf eine Weise, die ihm unheimlich vertraut war.

Lennart trat ein paar Schritte näher an den Tresen heran und blickte zu den Regalen, in denen die Gegenstände stumm und doch lebendig wirkten. Er spürte, wie ihm die Worte im Hals stecken blieben. Wie sollte er Merle erklären, wonach er suchte, wenn er es selbst kaum wusste?

„Ich...“ Er zögerte. „Ich suche ein Geschenk. Etwas, das eine besondere Bedeutung hat.“

Merle nickte, ohne ihn direkt anzusehen, und legte die Fingerspitzen aneinander, während sie überlegte. „Ein Geschenk“, wiederholte sie sanft, als ob sie die Bedeutung des Wortes tiefer ergründen wollte. „Für jemanden, der Ihnen nahe steht?“

Er nickte leicht, senkte dann den Kopf. „Ja... könnte man so sagen. Meine Schwester. Sie erinnert sich gern an unsere Kindheit. Ich dachte, vielleicht finde ich etwas, das... weiß ich nicht...“

Merle schwieg einen Moment, bevor sie auf ein schmales Regal an der hinteren Wand zeigte. „Dort finden Sie Gegenstände, die eine Reise hinter sich haben. Manchmal brauchen sie einen neuen Besitzer, der sie wirklich versteht.“

Lennart folgte ihrem Blick, obwohl er das Gefühl hatte, dass sie etwas mehr sah als das, was vor ihnen lag. Er fragte sich, ob sie wusste, dass das „Geschenk“ eigentlich für ihn selbst bestimmt war – ein Stück von dem, was er verloren glaubte und nun, ohne es zu wissen, suchLennart stand unschlüssig vor dem Regal, ließ seine Finger über die staubigen Einbände alter Bücher gleiten und überlegte, ob er hier wirklich finden würde, was er suchte. Schließlich griff er zu einem kleinen, bronzenen Amulett, das ihm ins Auge gefallen war – es schien wie aus einer anderen Zeit, mit feinen Gravuren und seltsamen Zeichen, die er nicht deuten konnte.

Er drehte sich in Merles Richtung und hielt das Amulett hoch. „Was… was ist das hier eigentlich? Hat das eine besondere Geschichte?“

Merle hob den Kopf und lächelte leicht, während sie ihm entgegenging. Doch anstatt das Amulett zu betrachten, griff sie vorsichtig danach, ihre Finger glitten sanft über das kühle Metall und verfolgten die filigranen Muster. Sie schien es in Gedanken zu „lesen“, als würde sie die Geschichte durch die Berührung erfahren.

„Dieses Amulett“, begann sie leise, „gehört zu einer alten Erzählung. Man sagt, es wurde von einer Frau getragen, die einst ein Gelübde ablegte, das sie niemals brechen wollte. Sie versprach, immer ehrlich zu sein – zu sich und zu anderen. Manche sagen, dass dieses Amulett jene anzieht, die auf der Suche nach einer Wahrheit sind, die tief in ihnen selbst verborgen liegt.“

Lennart starrte sie an und versuchte zu verstehen, wie sie all das wissen konnte, ohne das Amulett überhaupt zu sehen. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Merles Augen nicht auf das Amulett gerichtet waren – nicht einmal in seine Richtung. Sie blickten leicht daran vorbei, verloren im Raum, als ob sie die Welt auf eine andere Art wahrnahm.

Ein Gedanke dämmerte ihm, und plötzlich verstand er. Merle war blind. Doch ihre Berührung und die Ruhe, mit der sie das Amulett „gesehen“ hatte, ließen ihn erkennen, dass ihre Art zu fühlen weit über das hinausging, was das Augenlicht erfassen konnte.

„Du… du kannst es nicht sehen, oder?“ flüsterte er schließlich, vorsichtig.

Merle ließ das Amulett sanft zurück in seine Hand gleiten und lächelte leicht, ohne überrascht zu wirken. „Sehen? Nicht so wie du, nein. Aber manchmal sagt einem das Gefühl mehr als ein Blick es je könnte.“

Lennart hielt das Amulett noch immer in der Hand und betrachtete es schweigend, die Worte, die Merle ihm gesagt hatte, hallten in seinem Kopf wider. Auf der Suche nach einer Wahrheit... einer, die tief in ihm verborgen lag. Das war es doch, oder? Das Gefühl, das ihn in dieses Antiquariat geführt hatte und das ihm seit Wochen keine Ruhe ließ.

Er spürte Merles aufmerksame Stille und spürte, wie seine Hände ein wenig zitterten. „Ich… ich… das ist gar nicht…“ Er brach ab und schüttelte den Kopf, als könnte er die Unsicherheit abschütteln. „Ich suche gar kein Geschenk. Zumindest nicht… nicht wirklich.“

Merle zog eine Augenbraue hoch und lächelte sanft. „Das dachte ich mir schon,“ erwiderte sie leise. „Manchmal ist derjenige, der nach einem Geschenk sucht, selbst derjenige, der etwas braucht.“

Lennart sah sie überrascht an, als hätte sie ihn gerade durchschaut – und in diesem Moment erkannte er, dass sie ihn tatsächlich gesehen hatte, in einer Weise, die tiefer ging als alles, was er gewohnt war. Es war, als ob Merle ihn und seine Unsicherheit von Anfang an gespürt hatte.

„Weißt du,“ sagte sie, während sie ihren Blick auf das Amulett senkte, „manchmal kommen Menschen hierher, weil sie glauben, etwas Altes würde ihnen eine Antwort geben. Aber oft ist es nur ein Anfang… eine Erinnerung an das, was sie schon lange in sich tragen.“

Lennart nickte langsam, die Wahrheit ihrer Worte drang tiefer in ihn ein, als er es erwartet hatte. Vielleicht suchte er wirklich nach etwas, das nicht im Regal stand oder unter einer Glasvitrine lag. Vielleicht suchte er nach einem Teil von sich selbst, den er verloren geglaubt hatte.

„Und was mache ich jetzt damit?“ fragte er leise und blickte auf das Amulett in seiner Hand.

Merle lächelte, und ihre Augen schienen für einen Moment auf etwas Unsichtbares zu blicken, eine Art Ahnung, die sich in ihrem Gesicht widerspiegelte. „Das wirst du schon herausfinden,“ sagte sie sanft. „Manchmal führt dich das, wonach du suchst, erst zu dem, was du wirklich brauchst.“

Lennart hielt das Amulett noch immer in der Hand und betrachtete es schweigend, die Worte, die Merle ihm gesagt hatte, hallten in seinem Kopf wider. Auf der Suche nach einer Wahrheit... einer, die tief in ihm verborgen lag. Das war es doch, oder? Das Gefühl, das ihn in dieses Antiquariat geführt hatte und das ihm seit Wochen keine Ruhe ließ.

Er spürte Merles aufmerksame Stille und spürte, wie seine Hände ein wenig zitterten. „Ich… ich… das ist gar nicht…“ Er brach ab und schüttelte den Kopf, als könnte er die Unsicherheit abschütteln. „Ich suche gar kein Geschenk. Zumindest nicht… nicht wirklich.“

Merle zog eine Augenbraue hoch und lächelte sanft. „Das dachte ich mir schon,“ erwiderte sie leise. „Manchmal ist derjenige, der nach einem Geschenk sucht, selbst derjenige, der etwas braucht.“

Lennart sah sie überrascht an, als hätte sie ihn gerade durchschaut – und in diesem Moment erkannte er, dass sie ihn tatsächlich gesehen hatte, in einer Weise, die tiefer ging als alles, was er gewohnt war. Es war, als ob Merle ihn und seine Unsicherheit von Anfang an gespürt hatte.

„Weißt du,“ sagte sie, während sie ihren Blick auf das Amulett senkte, „manchmal kommen Menschen hierher, weil sie glauben, etwas Altes würde ihnen eine Antwort geben. Aber oft ist es nur ein Anfang… eine Erinnerung an das, was sie schon lange in sich tragen.“

Lennart nickte langsam, die Wahrheit ihrer Worte drang tiefer in ihn ein, als er es erwartet hatte. Vielleicht suchte er wirklich nach etwas, das nicht im Regal stand oder unter einer Glasvitrine lag. Vielleicht suchte er nach einem Teil von sich selbst, den er verloren geglaubt hatte.

„Und was mache ich jetzt damit?“ fragte er leise und blickte auf das Amulett in seiner Hand.

Merle lächelte, und ihre Augen schienen für einen Moment auf etwas Unsichtbares zu blicken, eine Art Ahnung, die sich in ihrem Gesicht widerspiegelte. „Das wirst du schon herausfinden,“ sagte sie sanft. „Manchmal führt dich das, wonach du suchst, erst zu dem, was du wirklich brauchst.“

Kapitel 2: Der Ruf der Vergangenheit

Die Stille der Nacht legte sich wie ein schwerer Mantel über die Stadt. Lennart saß allein in seiner kleinen Wohnung, das Licht der Straßenlaternen warf ein blasses Muster durch das Fenster und erhellte die Wände in einem unruhigen Flimmern. Die Räume waren spartanisch eingerichtet – ein kleines Bett, ein alter Kleiderschrank und ein Regal mit ein paar Büchern und Erinnerungsstücken aus seiner Kindheit. Doch nichts von alldem schien die Kälte zu vertreiben, die ihm in dieser Nacht in den Knochen saß.

Das Amulett lag in seiner Handfläche, kalt und schwer, als würde es ein Eigenleben führen. Er drehte es zwischen den Fingern, die Gravuren schimmerten im fahlen Licht wie verborgene Runen, die nur darauf warteten, entschlüsselt zu werden. Ein feiner Duft nach Metall und Alter drang an seine Nase, der Geruch von etwas, das Geschichten in sich trug, die längst vergangen waren.

Seine Gedanken wanderten zurück zu Merles ruhiger Stimme und der Art, wie sie ihn angesehen hatte – oder vielmehr, wie sie durch ihn hindurch gesehen hatte. „Manchmal ist derjenige, der nach einem Geschenk sucht, selbst derjenige, der etwas braucht.“ Die Worte schienen ihm durch den Kopf zu hallen, während er das Amulett betrachtete. Hatte sie von Anfang an gewusst, dass er selbst das Geschenk brauchte? War sie ihm auf die Schliche gekommen, bevor er es selbst begriffen hatte?

Er spürte, wie ein Seufzen aus ihm hervorbrach, eine Mischung aus Erleichterung und Frustration. „Ich suche… ich suche etwas, das ich verloren habe,“ flüsterte er, ohne genau zu wissen, was er damit meinte. Vielleicht waren es nicht einmal Dinge, die er verloren hatte, sondern vielmehr Erinnerungen, die in den Jahren einfach verblasst waren, wie das Abdriften eines alten Liedes, das man nicht mehr richtig zusammenbekommt.

Sein Blick fiel auf das alte Familienfoto im Regal. Es war das Einzige, was ihm aus dieser Zeit geblieben war. Er konnte sich kaum noch an das Gesicht seines Vaters erinnern, der die Familie früh verlassen hatte. Die Erinnerungen an seine Kindheit waren wie Schatten, flüchtige Momente, die sich in Fragmenten zusammenfügten, sobald er versuchte, sie festzuhalten.

Das Amulett schien in seiner Hand zu pulsieren, als hätte es auf diesen Moment gewartet. Er dachte wieder an Merles Worte, die nun fast prophetisch in seinem Kopf widerhallten: „Manchmal führt dich das, wonach du suchst, erst zu dem, was du wirklich brauchst.“

Die Worte ließen ihn nicht los. Sie klangen wie ein Geheimnis, das darauf wartete, entschlüsselt zu werden – und er wusste, dass er die Antworten nicht hier in seiner kahlen Wohnung finden würde.

Mit einem Seufzen legte er das Amulett behutsam neben das alte Foto. Für einen Moment musterte er es im Zwielicht, das durch das Fenster fiel, und fragte sich, ob er den Mut haben würde, morgen ins Antiquariat zurückzukehren. Merle hatte ihn angelächelt, als hätte sie bereits gewusst, dass er nicht einfach so aus ihrem Laden verschwinden würde. Er hatte ihr nichts versprochen – aber tief in ihm spürte er, dass es ihn zurückzog, in dieses Antiquariat, das voller Geheimnisse und Geschichten war.

Die Stille der Nacht nahm ihn wieder in ihren Griff, und das Ticken der Wanduhr war das einzige, was in der Dunkelheit lebendig blieb. Aber in ihm begann etwas zu keimen, ein leiser Wunsch nach Antworten. Er wusste, dass dieses Amulett nicht das Ende war – sondern erst der Anfang.

Kapitel 3: Am nächsten Tag im Antiquariat

Lennart hatte sich fest vorgenommen, nicht zum Antiquariat zurückzukehren. Es war ein kalter, klarer Herbstmorgen, und er zog seine Jacke enger um sich, während er ziellos durch die Straßen der Stadt wanderte. Die Blätter knisterten unter seinen Schuhen, während er über den Markt schlenderte, vorbei an Ständen mit Kürbissen und Kränzen aus getrockneten Blumen. Die Kälte biss ihm in die Wangen, und der Nebel, der sich noch zwischen den Häusern hielt, machte die Stadt unwirklich und fern.

Doch seine Gedanken kehrten immer wieder zu der Begegnung mit Merle zurück und zu den Worten, die sie ihm gesagt hatte. Wie ein Echo, das in den verwinkelten Gassen seines Geistes widerhallte: „Manchmal ist derjenige, der nach einem Geschenk sucht, selbst derjenige, der etwas braucht.“

Ohne es zu bemerken, hatten ihn seine Schritte dorthin geführt, wo er eigentlich nicht sein wollte. Vor ihm erhob sich das Antiquariat, alt und unscheinbar wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Die Schaufenster wirkten in der schwachen Morgensonne wie trübe Augen, und eine Kälte strömte aus der Dunkelheit des Ladens, die sich mit der feuchten Herbstluft vermischte.

Lennart blieb stehen und starrte auf das Schild, das sich sanft im Wind bewegte. „Antiquariat Thomsen“, stand dort in verblassten, goldenen Buchstaben. Sein erster Impuls war es, sich umzudrehen und wieder zu gehen, doch irgendetwas hielt ihn fest. Ein unsichtbares Band, das ihn daran hinderte, die Tür einfach hinter sich zu lassen.

Er wusste nicht, wie lange er dort stand, bis er plötzlich ein leises Geräusch hörte. Merle war gerade dabei, ein schweres Buch aus einem der oberen Regale zu heben. Ihre schlanken Finger bewegten sich sicher über den Rücken des Buches, als ob sie die Reihenfolge der Bände auswendig kannte. Sie schien ihn nicht bemerkt zu haben, als er die Tür leise öffnete und eintrat.

„Du bist wieder hier,“ stellte sie schließlich fest, ohne ihn anzusehen, während sie das Buch vorsichtig auf den alten Holztresen legte. Ihr Lächeln war kaum mehr als ein Hauch, doch Lennart spürte, dass sie sich über seine Rückkehr nicht wunderte. „Ich hätte es fast geahnt.“

Er zuckte mit den Schultern und versuchte, seine Unsicherheit hinter einem schiefen Lächeln zu verbergen. „Eigentlich bin ich nur spazieren gegangen,“ murmelte er, als wollte er sich selbst überzeugen. „Aber... irgendwie bin ich hier gelandet.“

Merle wandte sich ihm zu, ihre Finger ruhten leicht auf dem Ledereinband des Buches. „Vielleicht war es kein Zufall,“ sagte sie, ihre Stimme klang wie ein fernes Glockenspiel, weich und geheimnisvoll. „Vielleicht gibt es Dinge, die uns zu sich rufen, auch wenn wir nicht wissen, warum.“

Lennart lachte unsicher, aber tief in ihm wusste er, dass sie wieder einmal recht hatte. Sein Blick wanderte zu dem Buch, das sie auf dem Tresen abgelegt hatte. Der Einband war schwer und mit kunstvollen Mustern versehen, die an alte Seekarten erinnerten. „Was ist das für ein Buch?“ fragte er, mehr um das Schweigen zu füllen, als weil er wirklich neugierig war.

Merle lächelte leicht und öffnete das Buch vorsichtig, sodass die vergilbten Seiten raschelten wie das Flüstern des Windes. „Das hier ist ein Logbuch. Es stammt von einem Seefahrer, der glaubte, dass er auf der Suche nach einem verlorenen Schatz war... doch am Ende fand er etwas ganz anderes.“

Lennart wollte gerade nachfragen, doch in diesem Moment hörte er Schritte hinter sich, und eine kräftige Stimme durchbrach die Stille des Antiquariats. „Oh, da haben wir ja schon unseren Interessenten!“, rief Herr Thomsen, der Besitzer, während er die Ladentür hinter sich ins Schloss zog und seine schwere Jacke abstreifte. „Haben Sie das Schild gesehen? Wir suchen eine Aushilfe, und wie ich das sehe, bringen Sie die richtige Portion Neugier mit.“

Lennart drehte sich verwirrt zu ihm um und suchte nach Worten. „Äh… nein, ich… das war eigentlich nicht…“ Er stammelte, noch immer überrumpelt von der unerwarteten Begegnung und dem plötzlichen Vorschlag. „Ich bin nur zufällig hier. Also, ich…“

Doch bevor er sich richtig erklären konnte, mischte sich Merle ein. Sie trat neben ihn und schenkte ihm ein schelmisches Lächeln, das ihn für einen Moment sprachlos machte. „Aber Herr Thomsen, ist es nicht seltsam, dass er zufällig genau jetzt hier auftaucht? Vielleicht ist er ja genau der, den das Antiquariat gerade braucht.“

Lennart sah sie ungläubig an, als ob sie ihm ein Rätsel aufgeben wollte. Ihr Lächeln wurde breiter, und sie zwinkerte ihm zu, als hätte sie alles genau geplant.

„Also…“, begann Thomsen, der Lennarts offensichtliche Unsicherheit als Zurückhaltung deutete. „Ich brauche jemanden, der bereit ist, sich auf die Geheimnisse dieses Ladens einzulassen, jemand, der keine Angst hat, in den Schatten der Geschichte zu blicken. Ich kann mir vorstellen, dass Sie das ganz gut können, mein Junge.“