Das Todeskommando - Bernd Udo Schwenzfeier - E-Book
Beschreibung

Als die Führung einer ultrarechten Splittergruppe der IRA erfährt, dass sich der britische Premierminister mit dem französischen Staatspräsidenten und dem deutschen Bundeskanzler im September 2003 zu politischen Konsultationen in Berlin treffen will, plant sie ein Attentat, um der Welt zu zeigen, dass es noch irische Patrioten gibt, die für die Freiheitsrechte der Nordiren eintreten. Unbemerkt von den deutschen Sicherheitsdiensten sickert eine selbstständig handelnde Zelle von sechs Terroristen in die Stadt ein und beginnt mit den Vorbereitungen für den blutigen Anschlag. Um in den Besitz eines geheimen Einsatzplans der Polizei zu gelangen, entführen sie die Tochter und den Enkel des Staatsschutzbeamten Kriminalhauptkommissar Benjamin Schwalbach. Dem bleibt nicht viel Zeit, seine Angehörigen aus den Händen der Terroristen zu befreien und das Attentat zu verhindern. Mit Hilfe eines befreundeten BKA-Beamten und eines irischen Geheimdienstagenten nimmt Schwalbach den schier aussichtslosen Kampf gegen die fanatischen Patrioten auf. Ein gnadenloser Wettlauf mit der Zeit beginnt.

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BERNDUDOSCHWENZFEIER

 

Das TodeskommandoProtokoll eines politischen Attentats

 
 

Meiner Familie – insbesondere meinen Enkeln Lukas, Isabeau und Elena –in Liebe gewidmet.

 
 

.„… aus Irland sind wir gekommen,großer Hass, wenig Raum verstümmelte uns schon von Anfang an. Ich besitze seit dem Leib meiner Mutter ein fanatisches Herz …“

 

William Butler Yeats Irischer Dichter28.‍August 1931

 
 

Inhalt

Vorwort

Prolog

Juli 1981 in Irland

11. September 2003

12. September 2003

13. September 2003

14. September 2003

15. September 2003

16. September 2003

17. September 2003

18. September 2003

19. September 2003

20. September 2003

Epilog

Nachwort

Impressum

E-Books von Bernd Udo Schwenzfeier

True Crime

 

VORWORT

 

.„… wir sind gezwungen, unseren Kampf über Irland hinauszutragen, da die britische Öffentlichkeit von ihrer Regierung daran gehindert wird, sich über die Niederlage in Irland und den Widerstand gegen ihre Herrschaft zu informieren …“

 

So stand es am 6.‍Juli 1989 in der irischen Wochenzeitung .„An Phoblacht“, dem inoffiziellen Organ der .„IRA“.(Irish Republican Army), in der die Terroranschläge und Bekennerbriefe üblicherweise gerechtfertigt bzw. kommentiert wurden. Dies war die lang erwartete Erklärung der nordirischen Separatisten, mit der ihre neue Terrorwelle auf dem europäischen Kontinent – und speziell in Deutschland – begründet werden sollte.

 

Es war die .„IRA-eigene Logik“: Mord an prominenten Vertretern der politischen Klasse und Sprengstoffanschläge gegen Angehörige und Einrichtungen der Britischen .„Rheinarmee“ mit dem Ziel zu verüben, die Wiedervereinigung der Republik Irland mit dem von den Briten besetzten Nordirland zu erreichen.

 

Quelle: BKA

 
 
 

PROLOG

 

Am Freitag, den 10.‍Juli 1981, war es ungewöhnlich heiß. Der vierzigjährige Cliff Pemberlake und seine Frau Elaine begaben sich an seinem freien Nachmittag in den Keller ihres kleinen Reihenhauses im verschlafenen Küstendorf Larne in Nordirland, das am North Channel gegenüber den Southern Uplands von Schottland liegt, um endlich einmal aufzuräumen. Ihr zehnjähriger Sohn Griffith saß in seinem Zimmer im Obergeschoss und malte ein Bild für den Geburtstag seiner Großmutter. Pemberlake war ein Mitglied des Security Services .(SS), dem britischen Nachrichtendienst in Nordirland, und arbeitete eng mit den Special Branches des Criminal Investigation Department, zuständig für Terrorismus, im nahen Belfast zusammen. Seine Aufgabe bestand im Sammeln und Bewerten von Hinweisen jedweder Art auf IRA-Aktivitäten im ländlichen Bereich um Belfast. Offiziell galt er bei seinen Bekannten und Nachbarn als biederer Verwaltungsangestellter, der im Grundstücks- und Katasteramt von Belfast angestellt war. Seine Tarnung war bisher perfekt gelungen und seine freundliche und hilfsbereite Art hatte ihm sowohl bei den katholischen als auch bei den protestantischen Nachbarn zu hohem Ansehen verholfen. Er war ein begeisterter Segler und seine Jolle lag fest vertäut im kleinen Hafen von Larne.

Es war ein schöner, wolkenloser Sommertag und viele der Bewohner des kleinen Ortes befanden sich mit ihren Kindern am Strand, der außerhalb des Dorfes lag. Das Reihenhaus der Pemberlakes stand am Ende einer kleinen Sackgasse. Direkt dahinter begann die hügelige Küstenlandschaft mit ihren saftigen Wiesen und unzähligen Buschreihen.

Griffith schreckte auf, als er das Geräusch des ankommenden Motorrads hörte und blickte neugierig aus dem Fenster. Unten stieg ein Mann vom Motorrad und kam mit ruhigen Schritten auf die Eingangstür zu. Der andere wendete das Motorrad und blieb mit laufendem Motor stehen. Das Gesicht des Fahrers konnte er nicht erkennen, weil es durch den schwarzen Motorradhelm verdeckt war. Wenige Augenblicke später hörte er die Haustürklingel.

.„Daddy, ich öffne die Tür“, rief er laut die Treppe in Richtung Keller hinunter.

Cliff blickte Elaine erstaunt an. Beide hatten das Klingeln der Türglocke und kurz darauf das Rufen ihres Sohnes gehört.

.„Lass das mal sein, Griffith, ich mach’ es selber. Der Besuch ist bestimmt für mich“, rief er und wandte sich seiner Frau zu. .„Sag mal, Elaine, wer könnte das sein? Wir sind doch mit niemandem verabredet und keiner weiß, dass ich heute Nachmittag frei habe. Ich wollte doch in aller Ruhe mit dir endlich den Keller aufräumen. Wer stört denn nun schon wieder?“

.„Ich weiß es auch nicht, mein Schatz. Aber ehe wir weiter rätseln, solltest du lieber nachschauen.“

Es klingelte zum zweiten Mal. Diesmal länger und drängender.

.„Da hat es aber einer eilig“, amüsierte sich Elaine.

Leicht genervt und kopfschüttelnd zog sich Cliff die Arbeitshandschuhe aus, wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und ging die enge Treppe nach oben. Elaine sah ihrem Mann belustigt hinterher und widmete sich dann wieder einer Kiste mit altem Geschirr ihrer Schwiegermutter. Er sah durch die Milchglasscheibe die Konturen eines Mannes, der trotz der angenehmen Temperaturen dunkle Kleidung trug. Ungewöhnlich zu dieser warmen Jahreszeit. Obwohl er schon von Berufs wegen ausgesprochen misstrauisch war, beging er an diesem warmen Sommertag einen tragischen Fehler und öffnete unbedacht die Tür. Vor ihm stand ein sehr großer und kräftiger Mann, der Lederkleidung trug und sein Gesicht mit einer Pudelmütze, in der sich Sehschlitze befanden, maskiert hatte. In der Hand hielt er einen Revolver. Blitzschnell erfasste Cliff die lebensbedrohliche Situation. Verdammt, er war wie ein Anfänger in eine Falle getappt und völlig wehrlos. Seine Dienstwaffe lag jetzt unerreichbar in der obersten Schublade des Schuhschranks, der neben der Kellertür stand. Der Unbekannte zischte:

.„Cliff Pemberlake, Sie sind ein gottverdammter Spitzel der Engländer und arbeiten gegen die Interessen des irischen Volkes. Dafür gibt es bei der IRA nur eine einzige Strafe.“

Pemberlake wurde über einen Meter zurückgeworfen, als ihn die zwei Kugeln in die Brust trafen. Der Schmerz in seinen Lungen zerriss ihn fast, und nahm ihm sofort den Atem. Noch bevor er auf den Boden der Diele zusammengebrochen war, hatte der Unbekannte die Waffe wieder eingesteckt, sich seelenruhig umgedreht und war, ohne den Sterbenden eines Blickes zu würdigen, gemessenen Schrittes zum Motorrad gegangen und aufgestiegen. Ohne große Eile fuhr die schwere Maschine davon, bog vorne rechts auf die Landstraße in Richtung Ballymena ein. Erst dann gab der Fahrer kräftig Gas.

Elaine zuckte erschreckt zusammen, als sie die zwei Schüsse hörte. Wie von Sinnen stürzte sie die Treppe hoch und blieb angewurzelt auf der letzten Stufe stehen. Fassungslos und zu keiner Regung fähig starrte sie auf das schreckliche Szenarium, das sich ihr bot. Direkt vor ihr lag Cliff zusammengekrümmt am Boden, die Hände über der Brust verkrampft. Sein Hemd war auf der Vorderseite über und über mit Blut durchtränkt. Das Grauen erfasste sie in Sekundenschnelle und ihr Schrei hallte durch das Haus und pflanzte sich durch die offene Eingangstür fort die menschenleere Straße hinunter.

Aber nach wenigen Augenblicken fasste sie sich und beugte sich zu ihm hinunter. Er hatte die Augen geschlossen und stöhnte leise. Verzweifelt tätschelte sie ihm die Wangen und rief seinen Namen.

.„Cliff, hörst du mich? Antworte, bitte! Cliff, lieber Cliff, sag doch etwas!“

Er öffnete mühsam die Augen und flüsterte:

.„Meine Brust tut so weh, mir ist so verdammt schlecht.“

Als sie sich erheben wollte, hielt er sie am Ärmel fest und murmelte kaum hörbar:

.„Bleib hier! Lass mich nicht allein!“

Er hustete mehrmals und Blut lief dabei aus seinem Mund. Elaine sah voller Entsetzen, dass Cliff schwer verletzt war und dringend ärztliche Hilfe benötigte. Und sie begriff augenblicklich, dass sie in dieser prekären Situation nicht die Nerven verlieren und in Panik verfallen durfte. Sie stöhnte vor Verzweiflung tief auf und Tränen rannen ihr über das Gesicht. Vor solch einer Katastrophe hatte sie sich immer wieder gefürchtet, seit Cliff vor drei Jahren diesen gefährlichen Job übernommen hatte. Trotz aller Bedenken und nach endlosen Diskussionen und der Abwägung des Für und Wider hatte sie schließlich seiner Versetzung zugestimmt, weil er jetzt endlich befördert werden konnte. Und so wollte sie Cliff auch keine Steine in den Weg legen, als er ihr den Vorschlag unterbreitete, von Bristol in die Nähe von Belfast zu ziehen. Voller Scham wurde ihr bewusst, dass sie damals die Gefahr für ihre kleine Familie schmählich unterschätzt hatte. Dieser Fehler hatte sich jetzt bitter gerächt. Aber für Selbstvorwürfe war es zu spät. Sie musste sich zusammenreißen und Cliff sofort helfen. Nur das zählte jetzt. Sanft löste sie seine verkrampften Finger von ihrem Arm, erhob sich, lief die wenigen Schritte zum Telefon, alarmierte einen Rettungswagen und die Polizei. Dann stürzte sie in die Küche und kam mit zwei Handtüchern zurück. Sie kniete sich neben ihn, riss vorsichtig das blutdurchtränkte Hemd auf und drückte ihm die beiden Tücher auf die verletzte Brust.

Er stöhnte leise auf und seine Augenlider flatterten wie Schmetterlinge.

.„Mein Liebling, bleib ganz ruhig und bewege dich so wenig wie möglich, der Rettungswagen wird gleich hier sein“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme.

.„Elaine“, flüsterte er, .„es war ein Kommando der IRA, meine Tarnung ist aufgeflogen.“

Er verstummte erschöpft.

Was sollte sie jetzt nur tun? Sie war völlig hilflos und sah, wie die Kraft, wie ein kleiner roter Bach, unaufhaltsam aus seinem Körper herausfloss. Alles in ihr weigerte sich, das Unfassbare zu begreifen. Wenn nicht bald Hilfe kam, würde er unter ihren Händen verbluten. Cliff sah sie unverwandt und schweigend an. Er wusste offensichtlich, in welch hoffnungsloser Lage er sich befand.

.„Erzähl mir von unserer ersten Begegnung in London und erzähl mir von Griffith“, bat er sie stockend und schloss erschöpft die Augen. Sein Atem ging immer flacher und unregelmäßiger. Elaine erzählte ihm alles was ihr gerade so einfiel und sie sah, wie sich sein schmerzverzerrtes Gesicht mit einem schwachen Lächeln überzog.

Unvermittelt setzte seine Atmung aus, der Kopf fiel zur Seite und sein Körper streckte sich ein wenig. Sie hielt erschrocken inne und beugte sich über ihn. Er atmete nicht mehr und auch sein Puls war nicht mehr spürbar. Sein Gesicht hatte sich mit einer fahlen Blässe überzogen und langsam dämmerte ihr, dass es vorbei war.

Wie in Trance schloss sie ihm die Augen, küsste zärtlich sein Gesicht, aus dem jeglicher Schrecken gewichen war und sah auf ihre blutverschmierten Hände.

In der Ferne hörte sie die Sirene des Rettungswagens. Sie kommen zu spät, für immer zu spät, dachte sie und brach neben ihm zusammen.

 
 

JULI1981INIRLAND

 

Am gleichen Tage, etwa 450‍km weiter südwestlich, hatte sich der Himmel in den Abendstunden über dem County Kerry mit dunklen Wolken überzogen und es sah nach Regen aus. Ohne großen Übergang brach die Nacht über den Südwesten Irlands herein. Wenig später setzte der typische Landregen ein und die schweren Regentropfen klatschten gegen die Frontscheibe des silbernen Fiat mit dem Berliner Kennzeichen, der gerade den verschlafenen Ort Rosscarbery verlassen und in die kleine, kurvenreiche Landstraße in Richtung Glandore eingebogen war. Es dauerte nur ein paar Minuten bis er die Anhöhe erreichte, hinter der das kleine Fischerdorf Glandore lag. Die Straße führte an den buntbemalten Häuserfassaden vorbei bis hinunter zum Hafen, an dessen Mole ein paar Fischkutter und einige Ruderboote vertäut waren. Genau dem Kai gegenüber stand der mit kaminroter Farbe angestrichene einzige Pub Old Fisherman. Die Straße stieg in Richtung Kirche erneut etwas an, und als der Wagen die kleine Kirche passiert hatte, verlangsamte er seine Fahrt und blieb schließlich stehen. Eine junge Frau stieg aus und lief auf ein Straßenschild zu, an dem sich eine Vielzahl von Richtungsanzeigern befand. Nach kurzer Orientierung nickte sie dem Fahrer kurz zu und deutete nach rechts. Hinter mehreren hohen Fuchsienbüschen befand sich ein schmaler befestigter Weg, der sich durch ein kleines sehr dichtes Waldgelände schlängelte. Es war die Zufahrt zum Dunmore-House. Der Wagen bog in den Weg ein, aber bereits nach einer leichten Linkskurve versperrte ein massives Eisentor, dessen weiße Farbe fast abgeblättert war, die Weiterfahrt. Links und rechts davon erkannten die Insassen schemenhaft, verdeckt von mannshohen Farnen, die etwa zwei Meter hohen Grundstücksmauern. Der Fahrer stieg aus, holte ein Schlüsselbund aus der Jackentasche und probierte die einzelnen Schlüssel. Nach mehreren erfolglosen Versuchen hatte er endlich den passenden Schlüssel gefunden. Knarrend öffnete sich das Tor. Der Mann stieg wieder in den Wagen und fuhr noch ca. zweihundert Meter durch das dichte Unterholz. Ohne Übergang hörte der Wald auf und ging nahtlos in eine große, sehr gepflegte Rasenfläche über. Wie aus dem Nichts tauchte im Scheinwerferkegel, in etwa dreißig Metern Entfernung, der im Jahre 1785 aus grauen Granitblöcken errichtete hochherrschaftliche Landsitz auf, der in seiner bewegten Vergangenheit vielen Herren als Lebensmittelpunkt gedient hatte. Seit einigen Jahren war er im Besitz eines wohlhabenden Berliner Fleisch- und Fischgroßhändlers, der mehrere große Stände in den Markthallen der Stadt besaß und der das heruntergekommene Haus liebevoll und kostspielig restauriert hatte. Im Licht der Scheinwerfer sahen die Insassen die massive, hölzerne Eingangstür sowie an der Frontseite des Hauses einen Vorbau und darunter eine riesige Terrasse. Links und rechts neben dem Eingang standen mehrere Blumenkübel mit Fuchsien und Agaven. Der Wagen hielt an und der Fahrer und seine Beifahrerin stiegen aus und reckten ihre steifen Glieder. Obwohl es bereits kurz vor 23.00 Uhr war, war es noch angenehm warm. Der heftige Regenguss hatte inzwischen nachgelassen. Der Mann wandte sich seiner Begleiterin zu:

.„Beate“, seufzte er, .„ich bin total groggy. Dieser Linksverkehr auf der Insel hat mir mehr zu schaffen gemacht, als ich zuvor gedacht habe. Ich will nur noch ins Bett. Alles andere ist mir jetzt wirklich scheißegal.“

Er ging mit schleppenden Schritten um den Wagen herum und umarmte sie. Ihr Gesicht überzog sich mit einem leichten Lächeln.

.„Ja, ja Ben, mir geht es genauso. Aber jetzt lass uns erst einmal die Kinder ins Bett bringen. Danach holen wir das Gepäck nach oben und räumen die Schränke ein. Und dann schauen wir uns das riesige Haus etwas näher an, bevor wir schlafen gehen. Ist das so okay?“

Benjamin Schwalbach nickte wortlos. Gemeinsam weckten sie die zehnjährige Bianca und die sechzehnjährige Britta, die tief und fest auf der Rückbank schliefen und gingen zusammen Hand in Hand die wenigen Schritte bis zum Haus, das in der Dunkelheit düster und fast unheimlich aussah. Die massive Eingangstür aus Eiche knarrte genauso wie zuvor das Tor zum Grundstück, als er es öffnete. Ben knipste den Lichtschalter an. Überrascht blieben sie stehen und schauten sich ungläubig an. Der breite Flur mündete nach wenigen Schritten in eine zehn Meter hohe, fast quadratische Halle, an deren Decke ein großer Lüster mit unzähligen elektrischen Kerzen hing. Vor einer Fensterfront aus Butzenglasscheiben führte eine breite, geschwungene, sich nach oben hin verjüngende Treppe ins Obergeschoss. An den Wänden hingen großflächige Ölbilder, die Szenen aus den Freiheitskämpfen und Porträts verschiedener Personen aus der Geschichte Irlands darstellten. Gegenüber der fast bis an die Decke reichenden Fensterfront, unterhalb der Balustrade des Obergeschosses, hing eine irische Nationalfahne. Davor waren über Kreuz zwei Lanzen und ein großes silbern glänzendes Schild mit den Wappen der Herren von Dunmore befestigt.

Ben und Beate wussten aus den Erzählungen des Vermieters, dass das Haus insgesamt vierzehn Räume hatte und den Gästen davon das im Erdgeschoss gelegene große Wohnzimmer mit Kamin, die Küche sowie im Obergeschoss zwei Schlafzimmer, Toilette und ein Badezimmer während des dreiwöchigen Urlaubs zur Verfügung standen.

Während Beate die Betten für ihre Töchter herrichtete, schleppte Ben das Gepäck aus dem Wagen in die Schlafzimmer. Kurz nach Mitternacht war alles in den Kommoden und Schränken verstaut. Sie schauten noch einmal nach ihren Töchtern, die inzwischen tief und fest schliefen, bevor sie, Arm in Arm, die Treppe hinunter zum Wohnzimmer gingen. Gespannt öffnete Ben die zweiflügelige Tür und stieß einen anerkennenden Pfiff aus. Vor ihnen lag ein großer Raum mit einer etwa vier Meter hohen Decke, die mit kostbaren Stuckornamenten verziert war. Gegenüber der Fensterseite befand sich ein Kamin aus schwarzem Marmor. Rechts daneben lagen, fein säuberlich aufgestapelt, zurechtgeschnittene Holzscheite. Vor dem Kamin standen auf einem dicken Teppich mit orientalischen Mustern eine massive Couch und zwei Sessel aus dunkelgrünem Stoff. Links und rechts neben dem Kamin hingen, bis auf den Boden herab, zwei großflächige Wandteppiche mit keltischen Motiven. Die drei großen Fenster reichten von der Decke bis zum Fußboden und konnten von innen mit hölzernen Fensterläden verschlossen werden. An der einen Seite stand ein kostbarer Schrank mit wunderbaren Intarsien, der bestimmt mehrere hundert Jahre alt war. Über der steinernen Terrasse befand sich vor dem Schlafzimmer ein großer Balkon, der von zwei Pfeilern abgestützt wurde. Durch eine zweiflügelige Tür gelangte man in die Küche, die in einem großflächigen Erker mit drei Fenstern eingebaut war. In der Mitte stand ein sechseckiger Tisch, auf dem eine Vase mit frischen Wiesenblumen, eine gefüllte Obstschale, eine Flasche Tullamore Dew-Whisky und eine kleine Sodaflasche abgestellt waren. Daneben lag ein kurzer handschriftlicher Brief des Vermieters Holtkamp mit guten Wünschen für einen erholsamen Urlaub.

.„Das ist wirklich eine nette Geste von ihm“, befand Beate anerkennend, während Ben nach der Flasche und einem Glas griff, es halbvoll goss und genüsslich austrank.

Kurz vor dem Zubettgehen öffneten sie noch einmal die Balkontür und traten hinaus, um frische Luft zu schnappen. Die Regenwolken hatten sich inzwischen verzogen und der Himmel über ihnen war mit unzähligen Sternen übersät. Im Vordergrund konnte man in der klaren mondlosen Nacht schemenhaft die Umrisse der Büsche erkennen, die die große Rasenfläche vor dem Herrenhaus eingrenzten. Ein Stück weiter links sahen sie die durch die Wipfel der Bäume schimmernden Lichter des kleinen Hafens, die sich in der leichten Dünung des Atlantiks widerspiegelten. Es war vollkommen still und eine ganz dichte Stimmung erfasste beide. Wortlos standen sie beieinander und hielten sich an den Händen fest. Als sie wenig später im Bett lagen sagte Ben:

.„Beate, hoffentlich gibt es in diesem alten Landhaus auch Gespenster. Düster und ein wenig unheimlich sieht das Haus bei Nacht jedenfalls schon aus. Was sollen die Mädchen sonst von mir denken? Zumindest Bianca rechnet nach all den Gesprächen zu Hause und auf der Fahrt hierher bestimmt mit einem Hausgespenst.“

.„Ach, Ben, du und deine ewigen Geschichten. Du hast ihnen ja auch einen Floh ins Ohr gesetzt und regelrecht einzureden versucht, dass im Dunmore-House vor vielen Jahren ein Verbrechen geschehen ist und seitdem eine gequälte Seele hier ihr Unwesen treibt.“

Ben schmunzelte:

.„Wenn es kein Gespenst gibt, liebe Beate, dann erfinde ich eben eins und wenn ich selber mit einem weißen Laken über dem Kopf durchs Haus geistere.“

.„Du bist und bleibst ein Märchenerzähler“, bemerkte sie schmunzelnd und gab ihm einen Kuss.

Am nächsten Morgen standen sie mit ihren Kindern auf dem Balkon und genossen die traumhafte Aussicht auf die Bucht mit den grünen, sanft ansteigenden Hügeln und bewunderten die einmalige Lage des Hauses, das auf einer Anhöhe direkt über dem kleinen romantischen Hafen von Glandore lag. Unterhalb des weitläufigen Grundstücks führte die mit Fuchsienbüschen begrenzte Landstraße in Richtung Skibbereen. Erst jetzt am Tag sah man vom Balkon aus auch die unzähligen Blumen und die palmenartigen Gewächse, die das Rasenstück an beiden Seiten eingrenzten.

Schon am zweiten Tag hatten Ben und seine Tochter Bianca, vormittags in der Toilette im ersten Stock, hinter einem Wandregal versteckt, zufällig eine Geheimtür entdeckt. Hinter ihr befand sich eine lange Treppe, die in die Dunkelheit führte. Mit einer Taschenlampe bewaffnet gingen sie die Treppe hinunter, die in einem unbeleuchteten, nicht sehr hohen Gang mündete. Ben musste sich etwas bücken, um sich mit seiner Körpergröße von ein Meter achtzig nicht den Kopf zu stoßen. Modriger Geruch kam ihnen entgegen. Die Wände des in den Stein getriebenen Tunnels waren feucht und stellenweise mit Moos bewachsen. Sie passierten mehre Räume, deren Türen offen standen. Sie waren leer und hatten vermutlich früher entweder als Vorratskammern oder als primitive Unterkünfte für die Landarbeiter der Herren auf Dunmore-House oder vielleicht sogar als kurzzeitige Arresträume gedient. Nach etwa zwanzig Metern machte der Gang eine Biegung scharf nach rechts. Dahinter gingen sternförmig weitere Gänge ab

.„Was meinst du, Bianca, wo sollen wir lang gehen?“, fragte Ben seine Tochter. Die sah ihn ratlos an.

.„Papi, ich weiß nicht. Mir ist ein bisschen unheimlich.“

.„Sollen wir lieber zurückgehen?“, fragte Ben sie besorgt.

.„Nein, nein, du bist ja da, da kann mir nichts passieren. Und außerdem bist du ja auch noch bei der Polizei.“

Ben drehte sich zu seiner Tochter schmunzelnd um. Als er aber an ihrem Gesichtsausdruck bemerkte, dass ihr ganz und gar nicht geheuer war, wurde er schlagartig ernst. Er erkannte, dass sie tapfer versuchte, ihre Angst zu überspielen, die sie zweifellos ergriffen hatte. Andererseits war sie aber auch sehr neugierig und wollte auf dieses aufregende Erlebnis bestimmt nicht verzichten, zumal sie mit ihrem Vater allein, und endlich einmal ohne ihre große Schwester, die unterirdischen Tunnel erkunden konnte. So liefen sie den Gang weiter geradeaus, Ben vorne weg und dicht hinter ihm seine kleine Tochter. Der Weg wurde etwas unebener und stieg ständig nach oben an. Wassertropfen mündeten in kleine Rinnsale, liefen die Wände hinunter und bildeten auf dem holprigen steinernen Untergrund kleine Wasserlachen. Nach einem weiteren Knick endete der Tunnel plötzlich vor ihnen und sie sahen eine verrostete Leiter, die nach oben zu einer in etwa drei Meter Höhe befindlichen Klappe reichte. Keuchend blieben sie stehen und er sagte zu ihr:

.„Du wartest hier! Ich klettere schnell hoch, um zu sehen, wohin die Klappe führt. Hier nimm die Lampe und leuchte mir, damit ich besser sehen kann!“

Obwohl die Leiter verrostet war, erreichte er die Klappe ohne Schwierigkeiten. Er drückte mit beiden Armen dagegen. Erst nach mehreren Versuchen gelang es ihm, die Klappe mit der Schulter nach oben aufzustoßen. Der plötzlich grelle Lichteinfall schmerzte in seinen Augen und er kniff sie zu. So verhielt er einen Augenblick und kletterte dann aus dem Schacht heraus. Sofort beugte er sich hinunter und rief seiner Tochter zu:

.„Komm, Bianca, steck die Lampe in die Hosentasche und klettere vorsichtig die Leiter hoch. Lass dir aber Zeit. Wenn du vorsichtig bist kann dir nichts passieren.“

.„Ja, ja, Papa“, erwiderte sie mit zittriger Stimme. Schon nach wenigen Augenblicken ragte ihr Kopf aus dem Schacht und er griff ihr sofort unter die Arme und zog sie zu sich heran. So standen sie in einem parkähnlichen Gelände, eng umschlungen, und er spürte ihre Angst und ihr klopfendes Herz. Erst als sie in unmittelbarer Nähe das Grab mit einem keltischen Kreuz und um sich herum weitere Gräber entdeckten, begriffen sie, dass sie sich inmitten eines kleinen eingezäunten Friedhofs befanden. Er schloss sofort die Klappe und zog seine Tochter ein Stück weg. Sie standen auf einem kleinen Hügel und blickten auf die rückwärtige Front des Dunmore-House. Nach einigen Schritten gelangten sie zu einer nicht sehr hohen, aber stark wuchernden Dornenhecke, die von der Anhöhe bis zum umzäunten Hof des Herrenhauses hinunter reichte. Vorsichtig gingen sie auf einer fast zugewachsenen Steintreppe abwärts. Aufatmend lief Bianca in die ausgebreiteten Arme ihrer Mutter. Ben erntete von ihr ein Kopfschütteln und einen vorwurfsvollen Blick.

Obwohl es schon Abend war bemerkte Ben, dass Bianca noch immer unter dem Eindruck des Geschehens vom Vormittag stand. So saß er später lange an ihrem Bett und versuchte, sie zu beruhigen. Immer wieder hatte sie ihn am Tage mit der gleichen Frage genervt, ob es Gespenster im Allgemeinen und besonders hier im Hause geben würde. Im Stillen ärgerte er sich darüber, dass er sie durch seine Flunkereien vor der Reise und auf der Fahrt zum Dunmore-House tatsächlich so verunsichert hatte. Er musste ihr jetzt reinen Wein einschenken, damit ihre Angst endlich ein für alle mal aufhörte, sonst würde der Urlaub für seine Jüngste hier noch zur regelrechten Qual werden. Er sprach sie deshalb mit ihrem Kosenamen an:

.„Liebe Bibi, ich möchte dir etwas erklären. Hör gut zu! Was ich dir jetzt sage, ist die reine Wahrheit. Das musst du mir glauben, so wahr ich dein Papa bin.“

Sie sah ihn mit ernsten Augen an und nickte. Er nahm ihre kleine Hand und fuhr fort:

.„Es gibt keine Gespenster, Bibi, weder hier noch anderswo. Das sind lediglich Phantasien von Menschen, die in allerlei Geschichten, Märchen oder Sagen niedergeschrieben wurden. Ich sehe jetzt ein, dass ich einen Fehler gemacht habe, als ich dir davon erzählte und du deshalb glauben musstest, sie würden tatsächlich existieren. Ich sag’ es noch einmal: Geister und Gespenster gibt es nur in Sagen oder Märchen, nicht aber in der Realität, in der wir leben. Glaubst du mir das?“

Er spürte, wie es in ihr arbeitete, aber dann überzog ein erleichtertes Lächeln ihr Gesicht. Ben atmete auf.

.„Ja, Papa, dann brauche ich keine Angst mehr zu haben? Es gibt hier also keine Gespenster?“, wiederholte sie erleichtert.

.„Natürlich nicht, Bibi, und nun gute Nacht. Es ist schon spät und morgen wollen wir doch nach dem Frühstück nach Kenmare fahren, um dort eine Bootsfahrt zu machen“, erwiderte er, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Er gab ihr noch einen Kuss, umarmte sie und löschte das Licht.

 

An einem regnerischen und kühlen Tag entschlossen sich Ben und Beate nach dem Abendessen mit ihren Töchtern den einzigen Pub in Glandore aufzusuchen, um endlich einmal in einer richtigen irischen Kneipe den Abend zu verbringen, ein Guinness zu trinken und den Mädchen .„das zweite Wohnzimmer“ der Iren zu zeigen, wie die Pubs im Volksmund liebevoll bezeichnet werden.

Schon von weitem hörten sie Stimmengewirr und Gesang, der aus der offenen Eingangstür drang. Der Pub Old Fisherman befand sich in einem über einhundert Jahre alten Haus und bestand aus zwei hintereinander liegenden Räumen. Der vordere wurde durch den langen und messingbeschlagenen Tresen dominiert. An den Tischen saßen Fischer, Landarbeiter und Handwerker. Die meisten von ihnen steckten noch in ihrer Arbeitskluft und diskutierten oder spielten Dart. Aus dem Radio ertönte irische Folkloremusik und einige von den nicht mehr ganz nüchternen Gästen versuchten, den Text mitzusingen. Das dunkle, bittersüße Guinness floss in Strömen und es roch in dem mit dunklem Holz ausgekleideten Pub nach Bier, Fisch und Schweiß. Im hinteren Bereich nahmen sie an einem wackligen Tisch Platz und beobachteten amüsiert das Treiben. Es war ausgesprochen gemütlich in dieser urig eingerichteten Kneipe und Ben trank mehrere Guinness, obwohl ihm das irische Bier zu Hause in Deutschland nie so recht geschmeckt hatte. Er war inzwischen mit einigen Iren am Nachbartisch ins Gespräch gekommen und zur vorgerückten Stunde bedeuteten seine nur bescheidenen englischen Sprachkenntnisse kein Hindernis mehr für eine angeregte Unterhaltung mit den Dorfbewohnern. Nach weiteren Bieren spielte die anfängliche Sprachbarriere überhaupt keine Rolle mehr. Die Männer lachten und schlugen sich vor Freude immer wieder auf die Schultern und diskutierten dabei mit .„Händen und Füßen“.

Beate bemerkte, dass Ben zu immer größerer Form auflief und sich prächtig amüsierte. Selten hatte sie ihn während des bisherigen Urlaubs so entspannt gesehen. Sie gönnte ihm seine Unterhaltung von Herzen, weil sie wusste, dass sie gegen ein Gespräch unter Männern wenig auszurichten vermochte. Sie sah deshalb auf ihre Uhr. Es war kurz vor 23.00 Uhr, Zeit also, um nach Hause zu gehen, zumal sich ihre Jüngste schon mehrfach die Augen gerieben hatte. Sie tippte ihm leicht auf die Schulter. Er drehte sich überrascht um.

.„Ben, du hast wahrscheinlich noch gar nicht gemerkt wie spät es ist. Bianca ist sehr müde. Wir werden jetzt gehen.“

Als er sich spontan erheben wollte, hielt sie ihn am Arm fest und lächelte ihn verständnisvoll an.

.„Bleib noch hier und trink in aller Ruhe dein Bier aus. Ich komme schon allein zurecht. Lass es aber nicht zu spät werden.“

Ben wollte protestieren, aber sie unterbrach ihn.

.„Schon gut. Es sind ja nur ein paar hundert Meter durch die Dunkelheit. Die schaffen wir auch alleine. Mach dir deshalb keine Sorgen, uns wird schon nichts passieren.“

Während er sie und die Kinder zum Abschied umarmte und ihnen hinterher winkte und beobachtete, wie sie den Pub verließen, rollte bereits eine neue Lage Guinness an.

Er hatte inzwischen jedes Zeitgefühl verloren. Seine Tischnachbarn waren einer nach dem anderen aufgestanden und hatten schwankend den Pub verlassen, als er sah, dass an der dicht gedrängten Theke ein Platz frei wurde. Er nahm sein Bierglas und setzte sich auf den Barhocker. Der Gast neben ihm, ein etwa vierzigjähriger Mann mit einer asketischen Figur und feinen Gesichtszügen, der sich aufgrund seines dunklen Anzuges von den anderen Gästen deutlich abhob, wandte sich ihm zu und sprach ihn in tadellosem Deutsch an.

.„Ich habe vorhin zufällig mitbekommen, dass Sie Deutscher sind und mit Ihrer Familie den Urlaub hier verbringen.“

Als er Bens erstaunten Blick bemerkte, fuhr er schmunzelnd fort:

.„Ich bin Pfarrer Patrick Kennedy aus Glendore und besuche meine Schäfchen hier im Pub. Ich muss doch überprüfen, ob sie nichts Verbotenes tun.“

Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Bierglas. Ben bemerkte erst jetzt dessen weiße Halskrause und nahm sofort den Ball auf und erwiderte launig:

.„Das ist mir auch noch nirgendwo passiert, dass mich ein Pfarrer in der Kneipe mit einem Glas Bier in der Hand anspricht.“

.„Tja, Sie sind ja auch in Irland, da ticken die Uhren etwas anders als in Deutschland.“

Er streckte Ben seine Hand hin.

.„Nennen Sie mich einfach Patrick oder Pat. Ganz wie Sie wollen …“

Ben schlug spontan ein.

.„Und ich bin Benjamin Schwalbach und komme aus Berlin. Aber alle Leute nennen mich nur Ben.“

.„Woher können Sie denn so gut deutsch, Pat?“, fragte er seinen neuen Gesprächspartner.

.„Ich habe vor etwa 15 Jahren einige Jahre in Deutschland gelebt und im katholischen Seminar in Würzburg und später an der Freien Universität Berlin Theologie und Philosophie studiert. Da muss man halt auch die deutsche Sprache lernen, denn nur dann kann man das Land, seine Menschen und ihre Kultur richtig verstehen und am normalen Leben mit all seinen sozialen Kontakten teilnehmen. Ich erinnere mich sehr gern an meine Studienzeit und ich habe viele gute Freunde gewonnen. Und deshalb freue ich mich immer wieder, wenn ich hier in Irland einem Deutschen begegne und ihm die Hand reichen kann, zumal ja unsere Länder ein ähnliches Schicksal erdulden müssen.“

.„Wie meinen Sie das?“, fragte Ben leicht irritiert.

.„Na, denken Sie nur daran, dass es auf deutschem Boden zwei Staaten gibt, die durch den Eisernen Vorhang von einander getrennt sind und der eine von ihnen von der Sowjetunion dominiert wird. Wie Sie sicherlich wissen, ist der nördliche Teil unseres Landes schon seit Jahrhunderten von den Briten widerrechtlich besetzt worden. Unsere katholischen Landsleute wurden nach und nach von ihrem Land vertrieben und dafür Protestanten, vorwiegend aus Schottland und Wales, angesiedelt. Seit dieser Zeit hat man den Nordiren ihre Rechte massiv beschnitten. Sie werden systematisch von den Protestanten mit Hilfe der Armee und der von den Briten beherrschten nordirischen Sicherheitskräften unterdrückt und gegen ihren Willen regiert. Ihnen wird seitdem der Anschluss an die Republik Irland verwehrt. Aber wir Republikaner werden für die Unabhängigkeit und Gleichberechtigung unserer Landsleute im Norden mit allen politischen Mitteln kämpfen, die uns zur Verfügung stehen und uns mit der Okkupation durch die Briten niemals abfinden. Es wird und muss Mittel und Wege geben, sie endlich aus unserem Landesteil zu vertreiben.“

Pfarrer Kennedy hatte sich regelrecht in Rage geredet. Donnerwetter, dachte Ben, starke Worte für einen Gottesmann. Jeder kannte die instabilen politischen Verhältnis in Nordirland und die Anschläge der Irish Republican Army, deren Angriffsziele sich insbesondere gegen die nordirischen Sicherheitskräfte Royal Ulster Constabulary und Ulster Defense Regiment richteten, deren Angehörige überwiegend aus Protestanten bestanden. Bereits im Frühjahr 1972 hatte die IRA erheblich ihre Aktivitäten durch Bombenattentate in Belfast verstärkt, um damit die Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit im Kampf um die Unabhängigkeit Ulsters von der britischen Krone unter Beweis zu stellen. Ihr Ziel war es zunächst, Nordirland unregierbar zu machen und die Kosten für das britische Königreich durch dessen Abwehrkampf gegen sich selbst ins Unermessliche zu steigern. In der Folgezeit hatte sich die innenpolitische Lage so entscheidend destabilisiert, dass die von den Protestanten geführte Regierung nicht mehr Herr der Lage war und London gezwungen wurde, die Selbstverwaltung in Ulster aufzuheben. Das war ein erster wichtiger Erfolg der Untergrundarmee, die damit nach einundfünfzig Jahren das von den Protestanten geführte Parlament erfolgreich zu Fall gebracht hatte.

Die IRA hatte bereits ab 1973 ihre Terroranschläge auch auf das europäische Festland ausgedehnt, bei denen die Ziele der Anschläge vorrangig Angehörige und Einrichtungen der Rheinarmee in Deutschland waren. So wurden immer wieder Mordanschläge durch Bombenattentate verübt. Die Strategie der IRA bestand darin, durch Terror, Gewalt und Mord die Moral der Soldaten und der Zivilbevölkerung im britischen Königreich so zu schwächen, um dadurch den Rückzug aus Nordirland zu erreichen. Es wurden in den Jahren 1978 – 1981 zehn Sprengstoffanschläge in Duisburg, Krefeld, Minden, Mönchengladbach und anderswo verübt, wobei in Bielefeld bei der Explosion einer Autobombe ein Offizier ums Leben kam. Bei weiteren Anschlägen wurden mehrere Soldaten schwer verletzt und es entstand hoher Sachschaden an Kasernen und anderen Einrichtungen der Rheinarmee. Als Plattform für ihre Öffentlichkeitsarbeit diente der IRA die irische Wochenzeitung An Phoblacht, in der die Anschläge und Bekennerbriefe gerechtfertigt beziehungsweise kommentiert wurden. Immer wieder wurde Nordirland als letzte Kolonie des britischen Königreiches bezeichnet und der Krieg gegen die Krone als moralisch gerechtfertigter Kampf gegen die Besatzungsmacht dargestellt. Aber auch die politische Elite und die Repräsentanten des Landes blieben als potentielle Angriffsziele nicht verschont. So wurde 1979 Lord Mountbatten, ein Vetter der britischen Königin und ehemaliger Vizekönig von Indien, durch eine Autobombe getötet.

Trotz des wahrhaft blutigen Terrors gegen die Briten gab es eine breite Basis der stillen Sympathie und zum Teil auch der aktiven Unterstützung nicht nur durch die einfache Bevölkerung, sondern auch durch Teile der intellektuellen Klasse und der katholischen Kirche im republikanischen Irland.

Ben spürte die Müdigkeit, die sich in seinem Körper ausbreitete und auch die Wirkung des Alkohols. Er hatte keine Lust mehr, zu so später Stunde eine politische Diskussion zu führen, auch wenn das Thema an sich interessant und hochaktuell war. Aber andererseits wollte er nicht unhöflich zu Pfarrer Kennedy sein, der ihm auf Anhieb durch seine offene Art sympathisch war und der vermutlich einen Gesprächspartner suchte, mit dem er vor allem Deutsch reden konnte. Deshalb gähnte er mehrmals auffällig, blickte bezeichnender Weise auf die Uhr über dem Tresen und sagte entschuldigend: .„Wissen Sie, Pat, das ist in der Tat ein sehr interessantes und aktuelles Thema und ich würde gerne mehr darüber erfahren. Aber es ist schon spät. Was halten Sie davon, wenn wir unser Gespräch an einem anderen Tag weiterführen?“

Kennedy nickte zustimmend und erwiderte überaus freundlich:

.„Aber natürlich, Ben, wann immer Sie Lust haben. Sie wissen ja, wo Sie mich finden können, wenn ich gerade nicht in der Kirche bin. Ich würde mich jedenfalls sehr darüber freuen. Grüßen Sie Ihre reizende Familie von mir.“

Sie gaben sich die Hände und Ben bezahlte seine Rechnung. Als er gerade im Begriff war zu gehen, richtete Kennedy noch einmal das Wort an ihn: .„Ach, eins noch, Ben, wo wohnen Sie eigentlich hier in Glandore?“

.„Im Dunmore-House.“

.„So, so, dort also, das ist ein schönes Anwesen. Ich kannte den vorletzten Besitzer, Mr. Fletscher, recht gut. Schade nur, dass der Mann keine Erben hatte und das Haus über viele Jahre leer stehen musste. Ein Glück, dass Ihr Berliner Landsmann, Herr Holtkamp, noch rechtzeitig das schöne Haus gekauft und es so vor dem Verfall gerettet hat. Ich habe übrigens ein paar Mal mit ihm gesprochen. Er scheint ein ganz patenter und trinkfester Bursche zu sein. Ich musste bei unserem zweiten Zusammentreffen sehr aufpassen, dass er mich nicht unter den Tisch trank. Und das will bei einem Iren schon was heißen, wenn Sie wissen was ich meine“, sagte er mit einem ironischem Unterton in der Stimme. Natürlich wusste Ben, was er meinte.

.„Wenn Sie Zeit haben, Pat, dann kommen Sie doch einmal zum Tee bei uns vorbei, Sie haben es ja nicht so weit. Meine Familie würde sich bestimmt sehr freuen.“

.„Aber ja, Ben, sehr gerne. Wir werden uns in den nächsten Tagen bestimmt hier irgendwo über den Weg laufen.“

Pfarrer Kennedy schlug ihm zum Abschied noch einmal freundschaftlich auf die Schulter, drehte sich danach dem Wirt zu und zeigte mit der Hand auf sein leeres Glas, ein eindeutiges Zeichen, wie Ben feststellen musste.

Und Pfarrer Kennedy behielt Recht. Bereits zwei Tage später sahen sie sich wieder.

Ben kam schweißtriefend von einem Jogginglauf die Landstraße aus dem vier km entfernten Leap zurück, während Pfarrer Kennedy mit seinem alten VW auf dem Weg zum Vorsteher der Fischereigenossenschaft in Bantry war, um die Probleme der Fischer zu erörtern, die wegen der neuen Richtlinien der EWG mit der Neufestsetzung der Fangquoten von Heringen entstanden waren. Beide wurden sich schnell einig und man verabredete sich für den Nachmittag zum Tee in Dunmore-House.

Beate war nicht gerade erfreut darüber, als sie erfuhr, dass Ben Pfarrer Kennedy eingeladen hatte. Ben schilderte ihn zwar als sehr sympathisch und humorvoll, vergaß andererseits auch nicht, seine Trinkfestigkeit zu erwähnen. Aber nun war es eh zu spät, den Besuch abzusagen. Natürlich gab es wieder mal Diskussionen darüber, warum er die Einladung mit ihr nicht abgesprochen hatte.

Als ihr aber Pfarrer Kennedy galant und mit einem Kompliment einen Strauß bunter Wiesenblumen aus seinem Garten zur Begrüßung überreichte und Bianca ein paar Süßigkeiten und Britta einen kleinen Gedichtband in die Hände gedrückt hatte, war bald darauf das Eis gebrochen. Sie saßen auf der Terrasse mit Blick auf den Atlantik und unterhielten sich angeregt über Irland und seine Bewohner. Beate stellt fest, dass Kennedy ein charmanter und außerordentlich gebildeter Gesprächspartner war, der tatsächlich über eine gehörige Portion Humor verfugte. Nach gut einer Stunde gab sie den Mädchen ein Zeichen, erhob sich und sagte an Kennedy gewandt:

.„Herr Pfarrer, mein Mann hat mir von Ihrem Gespräch von vorgestern erzählt. Ich glaube, er würde sich gerne mit Ihnen weiter über die politische Entwicklung in Irland unterhalten. Um ehrlich zu sein, interessiert mich Politik nicht besonders und die Mädchen wollten runter zum Hafen, um zuzuschauen, wie die Besatzungen der Fischkutter ihren Fang ausladen. Sie sind uns doch hoffentlich nicht böse?“

.„Aber nicht doch, liebe Frau Schwalbach“, beeilte sich Kennedy zu sagen, .„ich kann Sie vollkommen verstehen. Ben und ich werden uns schon nicht langweilen“, erwiderte er jovial.

Zufrieden räumte Beate den Tisch ab, nahm sich eine Sonnenliege, stellte sie in der Mitte der riesigen Rasenfläche auf und vertiefte sich in einen Kriminalroman von Edgar Wallace.

.„Tja, dann wären wir ja unter uns“, sagte Ben während Pfarrer Kennedy aufstand, sich das Jackett auszog und es sorgfältig über die Stuhllehne hing. Er sah Ben an.

.„Entschuldigen Sie bitte, aber es ist mir doch ein wenig zu warm geworden hier in der Sonne, obwohl es schon nach 16.00 Uhr ist. Übrigens hat mir der Tee sehr gut geschmeckt“, überbrückte er mit dieser Floskel die kleine Pause zwischen ihnen.

.„Den Tee haben wir aus Berlin mitgebracht. Meine Frau mag keine Aufgussbeutel, weder in Deutschland noch anderswo. Es gibt da bei uns ganz in der Nähe unserer Wohnung einen kleinen Teeladen, der führt Sorten aus aller Welt.“

Ben stand auf und schob den Stuhl zur Seite.

.„Pat, gedulden Sie sich bitte einen Moment, ich komme gleich wieder zurück.“

.„Lassen Sie sich ruhig Zeit. Ich habe heute keine Termine mehr. Ich genieße inzwischen die wunderbare Aussicht auf die Bucht. Der Hafen sieht von hier besonders hübsch aus.“

Ben verschwand in der Küche und kehrte kurz darauf mit der Flasche Tullamore Dew-Whisky und zwei Gläsern zurück.

.„Wissen Sie, von wem wir die haben?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: .„Die haben wir von unserem Vermieter, Herrn Holtkamp, geschenkt bekommen.“

Er entkorkte die Flasche und schenkte ein. Sie prosteten sich zu und Kennedy nahm genüsslich einen großen tiefen Schluck. Dabei schloss er die Augen und man konnte sehen, dass er jeden Tropfen dieses fabelhaften Getränks genoss, der langsam seine Kehle herunter rann.

.„Herr Holtkamp hat Geschmack, nicht nur bei der Wahl seines Whiskys“, sagte er anerkennend.

.„Wie gut kennen Sie ihn eigentlich?“, fragte Ben interessiert.

.„Nun ja, kennen ist vielleicht zu viel gesagt. Wir haben uns anlässlich der Verkaufsverhandlungen von Dunmore-House vor etwa drei Jahren zum ersten Mal getroffen und nach dem Kauf auf seine Einladung hin unten im Pub einige Gläser zusammen getrunken. Ich finde, dass er ein sympathischer und unkomplizierter Mensch ist. Eigentlich wollte ich schon immer dieses einmalig schöne Grundstück von Mr. Fletscher erwerben, aber mit Holtkamps Angebot konnte ich nicht konkurrieren. Die Menschen hier in Glandore sind wirklich sehr froh darüber, dass endlich jemand das dem Verfall drohende Herrenhaus gekauft und liebevoll restauriert hat. Da er es jedes Jahr an deutsche Urlauber vermietet, kommt auch immer wieder etwas Geld in die Kassen der hier ansässigen Geschäfte. Viel ist es ja nicht, aber wir Iren haben mit der Zeit gelernt, genügsam und bescheiden zu leben.“

.„Warum wollten Sie eigentlich das große Anwesen für sich erwerben? Sie leben doch hier allein oder?“

.„Ja, sicher, ich lebe allein. Aber die Geschichte des Hauses ist faszinierend, genau wie die Menschen, die darin gelebt haben. Ich habe mich schon seit langem mit der Chronik von Dunmore-House befasst und festgestellt, dass das Wort Freiheit für die Menschen eine ganz besondere Bedeutung hatte. Viele von ihnen haben sich dem Freiheitskampf Irlands verschrieben und sind als glühende Republikaner dafür auch offen eingetreten. Das war früher nicht ungefährlich. Sie haben eine Menge riskiert. Deshalb hat dieses alte Gemäuer für mich auch so etwas wie einen besonderen Charakter und ich wollte es unbedingt besitzen, zumal auch ich mich der Freiheit des Geistes und der Freiheit aller Menschen, nicht nur der Iren, verpflichtet fühle. Verstehen Sie jetzt mein Interesse?“

.„Natürlich, das kann ich sehr gut nachempfinden. Na, vielleicht klappt es später einmal. Holtkamp ist ja auch nicht mehr der Jüngste, soweit ich weiß, hat er die siebzig längst überschritten.“

Kennedy schüttelte den Kopf.

.„Verstehen Sie mich nicht falsch, Ben. Ich weiß wie alt er ist, aber ich hoffe nicht auf sein vorzeitiges Ende. Ich kann warten.“

Ben nickte und schenkte wortlos nach. Es war ein herrlicher Sommertag und er fühlte sich in dieser traumhaft schönen Umgebung einfach pudelwohl und freute sich auf den regen Gedankenaustausch mit diesem katholischen Kirchenmann, zumal er spürte, dass der Whisky bereits ein wenig seine Zunge gelöst hatte. Offensichtlich ging es Kennedy nicht anders, denn er saß entspannt am Tisch und fing an, sich die Hemdsärmel hochzukrempeln.

.„Wissen Sie, Pat“, begann Ben, .„was mich seit unserem kurzen Gespräch von vorgestern interessiert ist die Frage nach den Ursachen des Konfliktes in Nordirland. Ich habe darüber zwar einiges gelesen und verfolge die Nachrichten im Fernsehen und in den Zeitungen, aber so ganz schlau bin ich trotz allem nicht geworden. Wenn ich das alles recht verstehe, dann liegen die Ursachen im religiösen Bereich. Obwohl beide Seiten Christen sind, den gleichen Gott verehren und anbeten, stehen sie sich unversöhnlich gegenüber. Warum um alles in der Welt hat der Konflikt nur diese blutigen Ausmaße angenommen? Sie als Theologe können mir sicher eine plausible Erklärung dafür geben oder?“

Kennedy sagte erst einmal nichts, sondern setzte sich in seinem Stuhl zurecht und räusperte sich. Dann griff er in seine Hosentasche, holte ein Päckchen Tabak heraus, und drehte sich umständlich eine Zigarette. Ben vermutete, dass er nach den richtigen Worten suchte. Währenddessen knipste Kennedy seelenruhig mit seinen Fingern den Rest des heraushängenden Tabaks ab, schob die Krümel sorgfältig in das Päckchen zurück, zündete sich die Zigarette an und machte einen tiefen Zug. Dem sich auflösenden Rauch sah er gedankenverloren hinterher, nippte dann noch einmal an seinem Glas und dozierte:

.„Da müssen wir weit in die Geschichte zurückblicken, Ben, um die historischen Hintergründe dieses mittlerweile blutigen und grausamen Konfliktes, der sich wie ein tiefer Graben durch unser Land zieht, besser verstehen zu können.

Vor über achthundert Jahren landete König Heinrich II. von England auf der irischen Insel und unterwarf in einer Schlacht die Stammesfürsten. Seit dieser Zeit schwelt der Konflikt mit England und später mit dem britischen Königreich um die Unabhängigkeit der irischen Insel. Als Heinrich VIII. 1534 in England die Reformation einführte, verstärkte sich der ethnische und politische Gegensatz, weil die Iren römisch-katholisch bleiben wollten. Unter den Stuarts begann England mit der systematischen Vertreibung der katholischen Bevölkerung und siedelte auf deren Boden schottische Protestanten an. In der Folgezeit kam es immer wieder zu Aufständen, die aber von den englischen Truppen rücksichtslos niedergeschlagen wurden. Besonders schlimme Zeiten brachen über Irland herein, als der .„Katholikenhasser“ Oliver Cromwell die irische Landbevölkerung um fast ein Drittel dezimierte. Der danach brachliegende Landbesitz wurde unter den Engländern aufgeteilt. Viele der Iren schlossen sich aus diesem Grunde etlichen Geheimbünden an, die zahllose Überfalle auf die Engländer verübten und den nächsten Aufstand vorbereiteten. Die Ideen der Französischen Revolution beeinflussten schließlich den irischen Freiheitskämpfer Thomas Wolfe so sehr, dass er die Untergrundorganisation Vereinte Iren gründete, der späteren Urzelle der Irish Republican Army.

.„Und ich dachte immer, es wären ausschließlich religiöse Gründe für das Entstehen des Konfliktes verantwortlich gewesen. So kann man sich irren“, resümierte Ben.

.„Da sind Sie nicht der Einzige“, sagte Kennedy, .„damals waren Iren und Engländer gleichen Glaubens. Die Religion spielte keine wesentliche Rolle. Erst als sich Englands Kirche unter Heinrich VIII. den Lehren des Reformators Martin Luther zuwandte, eskalierte der Konflikt um eine zusätzliche Komponente. Und so schwelt er bis heute ungelöst weiter. Wissen Sie, Ben, was noch als zusätzliches Motiv im Laufe der Zeit hinzugekommen ist?“

Ben zuckte etwas hilflos mit den Schultern. .„Keine Ahnung.“

.„Woher sollten Sie das auch wissen, Ben? Da kann man Ihnen keinen Vorwurf machen. Man muss sich schon sehr genau mit der Geschichte Irlands befassen und das tun eben die wenigsten“, sagte Kennedy verständnisvoll und fuhr fort: .„Die in Irland angesiedelten Protestanten standen natürlich unter dem ausdrücklichen Schutz der königlichen Armee und so gingen sie systematisch dazu über, die Katholiken nach und nach von jeglicher Teilnahme am politischen Leben auszuschließen. Und nicht nur das. Es wurden nur noch Protestanten in verantwortlichen Positionen im bürgerlich-öffentlichen Leben eingesetzt und die Katholiken zudem auch noch wirtschaftlich diskriminiert. Das war ja wohl genug Zündstoff für einen Konflikt.“

.„Das ist ja alles sehr interessant, Pat. Aber heutzutage haben wir es mit grenzenloser Gewalt und Hass auf beiden Seiten zu tun. Wenn man sieht, wie sich die Katholiken und Protestanten unversöhnlich gegenüber stehen, fällt es einem schwer, sich eine friedliche Lösung in nächster Zukunft vorzustellen.“

.„Da haben Sie Recht, Ben, das sehe ich in der Tat auch so. Es sind in der Vergangenheit zu viele Gräben aufgerissen worden, die beide Seiten, vor allem die Briten, erst einmal zuschütten müssten. Die Fronten sind verhärtet, der Konflikt ist außer Kontrolle geraten. Deshalb glaube ich auch nicht an eine baldige Beendigung der Gewaltspirale und sehe kein wirklich positives Zeichen einer politischen Lösung. Ich bin da eher pessimistisch.“

.„Was müsste denn aus Ihrer Sicht für eine friedliche Lösung getan werden?“

Kennedy dachte einen Augenblick nach und drehte sich erneut eine Zigarette.

.„Zunächst einmal müssten die Katholiken in Nordirland als gleichberechtigte Partner über das Schicksal der besetzten Teile im Parlament und in der Selbstverwaltung an verantwortlicher Position mitbestimmen dürfen. Dann müssten Zusagen über einen schrittweisen Abzug der britischen Sicherheitskräfte einschließlich der Armee getroffen und erste Schritte zur vollen Souveränität, mit dem Ziel des Anschlusses an die Republik Irland, eingeleitet werden.“

Ben schüttelte ungläubig den Kopf.

.„Glauben Sie im Ernst, dass sich die Briten auf einen solchen Handel einlassen würden? Dann wären sie die Verlierer auf der ganzen Linie. Man darf nicht vergessen, dass in Nordirland viele Briten seit Generationen leben und das Land als ihre Heimat betrachten. Auf diesen Handel wird sich London niemals einlassen, zumal sie dann auch noch sämtliche Protestanten gegen sich aufbringen würden. Das sind meiner Meinung nach recht utopische Vorstellungen.“

.„Ben“, sagte Kennedy beschwörend, .„wenn man keine Visionen hätte, bräuchte man überhaupt nicht für eine Sache einzutreten. Sicher, unsere Bedingungen sind Maximalforderungen, daran führt kein Weg vorbei. Aber so ist das nun mal in der Politik. Man muss versuchen, Schritt für Schritt seine Forderungen durchzusetzen und wenn von seinen Vorstellungen nach langen, zähen Verhandlungen am Ende etwas übrig bleiben soll, muss man genügend Verhandlungsmasse in die Debatte einbringen, um hier und da nachgeben zu können. Alles wird letztendlich auf einen Kompromiss hinauslaufen und ich hoffe von Herzen, dass dabei für Irland ein guter herauskommt, mit dem wir alle leben können. Nur so wird es einen dauerhaften Frieden geben. Die Mehrzahl der Iren setzt auf politische Verhandlungen durch die Sinn Fein-Partei und ihren Präsidenten Gerry Adams.“

.„Aber warum dann diese fürchterlichen Bombenanschläge durch die IRA und diese endlose Spirale von Gewalt? Für viele Menschen ist die IRA nur eine Terrororganisation, mehr nicht und Gerry Adams nur die politische Galionsfigur der Untergrundarmee.“

.„Ja, glauben Sie denn, ohne eine einzige Gewalttat hätten sich die Briten jemals bereit erklärt, über den besetzten Teil Nordirlands zu sprechen, geschweige denn in Verhandlungen darüber einzutreten? Wer das glaubt, ist ein bedauernswerter Narr. Wir Iren sind es jedenfalls nicht. Ich kenne niemanden, der glücklich darüber ist, dass manchmal Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele nötig ist. Denken Sie nur an die französische Revolution. Wie viele Menschen sind für den Kampf um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gestorben, als sie die Bastille gestürmt haben? Ihre Ideale, für die sie ihr Leben lassen mussten, sind heute Bestandteile der modernen Verfassungen demokratischer Staaten in der ganzen Welt. Und Sie tun Gerry Adams bitteres Unrecht. Er ist ein durch und durch republikanisch geprägter Katholik, der aus der Sicht der Iren zu recht an der Spitze der nationalistisch ausgerichteten Sinn Fein steht. Und wissen Sie, was am wichtigsten ist? Er wird als Gesprächspartner von den Briten, wenn auch widerwillig, akzeptiert.“

.„Wenn ich Sie richtig verstehe, dann legitimieren Sie also die Attentate der IRA mit Ihren Argumentationen oder?“

.„Nein, Ben, das sehen Sie falsch. Die Gewalt geht nicht nur von den Katholiken aus. Auch die Royalisten und Protestanten begehen aus dem Untergrund heraus Gewalttaten gegen die katholische Minderheit, provozieren sie mit Demonstrationen durch ihre Wohngebiete, bei denen es immer wieder zu brutalen Ausschreitungen und Brandstiftungen kommt, diskriminieren sie und das schon seit Jahrhunderten. Das hinterlässt unauslöschliche Spuren. Wissen Sie, die IRA versteht sich als die wahre Nachkommenschaft des irischen Widerstandes gegen England und betrachtet sich als die legitime Erbin der während des Osteraufstandes 1916 ausgerufenen Republik.“

.„Davon habe ich auch schon gehört, aber das liegt doch schon seit fünfundsechzig Jahren zurück. Kein Mensch weiß mehr genau, was damals geschah.“

.„Das ist ja das Dilemma. Viele Menschen reden über die IRA, aber keiner macht sich die Mühe, sich mit den Hintergründen auseinander zu setzten.“

.„Na, das war ja mehr als deutlich, Pat. Dann machen wir mal einen kleinen Exkurs in irischer Geschichte und Sie erzählen mir vom Osteraufstand.“

.„Ben, nehmen Sie mir meine Bemerkung von eben nicht übel, das war nicht persönlich gemeint“, entgegnete Pat versöhnlich. .„Ich will Ihrem Wunsch gerne nachkommen. Ostern 1916 besetzten rund 1.500 Mitglieder des 1858 in New York und Dublin gegründeten Geheimbundes Irish Republican Brotherhood unter Führung des Dichters Patrick Pearse und des Arbeiterführers James Conolly das Zentrum von Dublin und riefen in einer feierlichen Proklamation Irland zur Republik aus. Nach sieben Tagen erbitterten Widerstandes mussten sich die Rebellen der britischen Armee ergeben. Die Rädelsführer wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen. So gesehen kann man den IRB als tatsächlichen Vorläufer der IRA bezeichnen. Ich kann deshalb Ihre Ansicht, die IRA wäre eine bloße Terrorgruppe, so wie die RoteArmeeFraktion bei Ihnen in Deutschland, nicht teilen.“

.„Da haben Sie in der Tat Recht. Das denke ich auch nicht. Der RAF fehlt für ihren Kampf gegen den Staat und ihre Repräsentanten jegliche moralische und rechtliche Legitimation. Obwohl ihnen die Bevölkerung, die sie von der Bourgeoisie und dem Kapitalismus befreien will, ablehnend gegenüber steht, fühlt sie sich dennoch dazu berufen, gewaltsam die bestehende freiheitliche demokratische Gesellschaftsordnung anzugreifen und abzuschaffen und an ihrer Stelle eine Art Rätesystem nach leninistisch-marxistischem Muster zu installieren. Ich bin absolut sicher, dass diese Terroristen scheitern werden und durch unsere Gerichte bald für immer aus dem Verkehr gezogen werden.“

Pat Kennedy hatte das Stichwort IRA mehrfach selbst genannt. Ben war nicht der Ansicht, dass die IRA das Recht hatte, aus historischen Gründen und sind sie noch so bedeutsam gewesen, das Land Hunderte von Jahren später mit Bomben und Mord zu überziehen. Das würde er Pat Kennedy schon noch deutlich vor Augen führen.

.„Um noch einmal auf die IRA und ihre Aktivitäten zurückzukommen, Pat, eins verstehe ich noch immer nicht. Es gab Gespräche und es wird in Zukunft sicher auch weitere geben, auf welcher Ebene auch immer. Warum um alles in der Welt werden dann weitere Anschläge durch die IRA verübt?“

.„Es ist in der Tat für einen Außenstehenden ein schwieriger, kaum nachvollziehbarer Prozess, das will ich schon einmal vorwegschicken. Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen, es geht um einen brutalen Überfall auf unser Land. Dabei spielt es für uns Iren keine Rolle, dass die Invasion vor über 800 Jahren geschehen ist. Es war irisches Land, das sich die Engländer widerrechtlich einverleibt haben. Der Norden Irlands, den die Briten immer noch besetzt halten und kontrollieren, wird und muss wieder souveränes irisches Land werden. Erst dann, wenn die gesamte Insel unter irischer Hoheit steht, wird es Frieden geben. Auch wenn der Anlass schon so weit zurückliegt, wird das begangene Unrecht dadurch nicht legitimiert. Deshalb besteht unser Anspruch für alle Zeit zu Recht und ist durch die Geschichte begründet. Und jetzt kommen die Protestanten ins Spiel. Durch den Sieg Wilhelm III. von Oranien gegen Jakob II. am 12.‍Juli 1690, am Fluss Boyne bei Dublin, war die Niederlage der Katholiken endgültig besiegelt und die protestantische Nation fest etabliert. Die im Oranier-Orden organisierten Protestanten lassen seitdem keine Gelegenheit ungenutzt, den Jahrestag ihres Sieges in Umzügen durch unsere katholischen Gebiete immer wieder provozierend zu feiern. Die Protestanten sind nun wahrlich keine Engel. Auch sie sind radikal und greifen zu den Mitteln des Untergrundkampfes. Sie verüben Brandanschläge und Attentate auf Katholiken in ganz Nordirland. Erst kürzlich wurde ein katholischer Geistlicher von einer Autobombe getötet.“

.„Pat, ich kann sehr wohl nachvollziehen, dass die Aufmärsche den Katholiken wie ein Stachel im Fleisch stecken. Aber ich kann auch in gewisser Weise die Protestanten verstehen. Ich glaube, dass sie sich in der Symbolik ihrer Aufmärsche an diesem historischen Jahrestag in erster Linie ihrer Geschichte und ihrer besonderen Identität vergewissern. Der glorreiche Zwölfte ist tief in ihren Herzen verwurzelt. Sie haben ihre Geschichte bereits mit der Muttermilch aufgesogen und geben sie von Generation zu Generation weiter. Ich könnte mir vorstellen, dass jeder Protestant von heute Nordirland als die Heimat seiner Vorväter betrachtet und sie deshalb auch unter allen Umständen verteidigen wird. Dass es dabei zu gewalttätigen Auseinandersetzungen auf beiden Seiten kommt dürfte jedem klar sein.“

Ben griff zur Flasche und goss die Gläser wieder voll. Die Pause tat beiden gut, denn das zunächst ruhig und entspannt geführte Gespräch war inzwischen zu einer etwas lautstärker geführten emotionalen Diskussion geworden, in der jeder versuchte, den anderen mit seinen Argumenten zu überzeugen. Auch Kennedy nutzte die Gelegenheit und drehte sich erneut eine Zigarette ehe er erwiderte:

.„Wissen Sie Ben, die im Oranier-Orden organisierten Protestanten legen sich ja nicht nur mit den Katholiken sondern auch mit der Polizei an, denn die hatte in diesem Jahr, wie auch schon früher, die Aufmärsche durch das traditionell von Katholiken bewohnte Viertel in Portadown und in Belfast verboten. Durch diese, aus der Sicht der Protestanten, begangene Provokation wurde der so genannte Friedenskurs der britischen Regierung in arge Bedrängnis gebracht, denn die wichtigsten protestantischen Parteien ließen daraufhin die Gespräche über eine verfassungspolitische Zukunft Ulsters platzen. Sie sehen also, nicht nur die Katholiken können für die Spannungen verantwortlich gemacht werden.“

Ben stellte neidlos fest, dass er Kennedy mit seinen Argumenten nicht in Verlegenheit bringen konnte, denn der wusste auf jedes eine passende Antwort. Aber so schnell gab er nicht auf.

.„Was ich trotz allem nicht verstehe: Wenn schon die Protestanten Schwierigkeiten mit London haben, warum nutzt der politische Arm der IRA diesen Konflikt nicht für sich aus? Stattdessen geht ihr Terror gegen die Zivilbevölkerung mit unverminderter Härte weiter. Was machen denn die Bombenanschläge der IRA in jüngster Vergangenheit für einen Sinn? Ich denke da nur an den Anschlag in Leeds, als in einem Armeebus eine Bombe explodierte und zwölf Tote zu beklagen waren, oder an den letzten großen Anschlag Februar 1978, als in einem Musikpavillon im Londoner Regents Park elf Menschen einer Bombe zum Opfer fielen? Ich sehe keinen Sinn in diesen Wahnsinnstaten. Sie etwa?“

Kennedy sah Ben einen Augenblick lang irritiert an. Aber Kennedy war ein rhetorisch zu versierter Gesprächspartner, als dass er lange sprachlos geblieben wäre. Nach einer winzigen Atempause antwortete er mit einer Gegenfrage:

.„Wissen Sie, dass die pro-britischen Terroristen 1971 in einem Belfaster Pub, der überwiegend von Katholiken besucht wurde, eine Bombe zündeten und fünfzehn Menschen sterben mussten.“

.„Aber Sie können doch nicht Anschlag gegen Anschlag gegeneinander aufrechnen. Dieser Wahnsinn muss doch endlich einmal aufhören. Es trifft doch nur Unschuldige auf beiden Seiten. Der eine will sein Land zurück und der andere seine Heimat verteidigen. Darauf läuft es doch hinaus. Wem soll man da Recht geben? Ich kann es nicht und weiß nur eins: Gewalt kann niemals ein legales Mittel sein, um politische Ziele zu erreichen. Wer das glaubt, ist auf dem Irrweg. Die Vergangenheit in Europa legt ein beredtes Zeugnis dafür ab. Denken Sie nur an den Bombenterror korsischer Separatisten oder die Anschläge der baskischen ETA. Nichts Grundlegendes hat sich seit dem Terror geändert. Korsika ist nach wie vor französisch und das Baskenland bleibt spanisch, da können noch so viele Bomben explodieren. Warum begreifen die Verantwortlichen das nicht? Die Spirale der Gewalt muss endlich durchbrochen werden. Verstehen Sie?“, erregte er sich und hob zur Bekräftigung seiner Argumente seine Hände hoch.

Kennedy war einen Moment lang sprachlos. Aber nach einem kurzen Zögern antwortete er:

.„Ben, mich überrascht, wie gut Sie sich in der Materie auskennen. Ich vermute mal, dass Sie Journalist, Historiker oder sogar ein Polizist sind oder irre ich mich da etwa?“

Er sah sein Gegenüber prüfend an.

Ben hatte die Frage schon seit geraumer Zeit erwartet. Offensichtlich hatte er Pat mit seinen letzten Antworten und Fragen ein wenig verblüfft. Er war als Kommissariatsleiter bei einer Berliner Spezialeinheit des Landeskriminalamtes, dem Polizeilichen Staatsschutz, beschäftigt, die sich mit der Bekämpfung politisch motivierter Gewalttäter befasste. Dies brauchten Fremde, auch dieser engagierte und durch und durch nationalistisch orientierte Geistliche, nicht zu wissen. Aus Sicherheitsgründen war es besser, sein genaues Betätigungsfeld nicht jedem auf die Nase zu binden. Deshalb antwortete er ausweichend:

.„Ich verrate Ihnen kein Geheimnis, wenn ich Ihnen sage, dass ich seit knapp zwanzig Jahren bei der Polizei bin, davon rund zwölf Jahre bei der Kriminalpolizei.“

.„Das ist ja sehr interessant. Was machen Sie denn da?“

Kennedy sah ihn neugierig an.

.„Tja, nichts Besonderes. Ich bin Dienststellenleiter bei einer Fahndungsdienststelle“, erwiderte Ben lapidar.

.„Ach so“, nickte Kennedy zustimmend, .„das ist sicher eine interessante und verantwortungsvolle Tätigkeit.“

.„Da haben Sie Recht.“

.„Sie sind doch noch sehr jung und dann schon in dieser Position? Donnerwetter, prima Karriere gemacht“, bemerkte Kennedy anerkennend.

.„Na ja, mit sechsunddreißig Jahren ist man ja nun auch nicht mehr der Jüngste“, erwiderte Ben und lächelte ein wenig verlegen.

.„Und was machen Sie so den ganzen Tag?“

.„Nun, äh, meine Kollegen und ich fahnden nach gesuchten Personen.“

.„Und da befassen Sie sich auch mit Terrorismus?“

Die Frage kam wie aus der Pistole geschossen und da war auch wieder dieser durchdringende Blick. Aber Ben ließ sich nicht so leicht aus der Fassung bringen.

.„Wie ich schon sagte, wir fahnden nach Straftätern, die mit Haftbefehl gesucht werden. Das ist nichts weiter Besonderes“, entgegnete er ausweichend. Erstaunlicherweise gab sich Kennedy mit dieser Antwort zufrieden.

.„Ich bin Ihnen noch eine Antwort schuldig. Sie werden verstehen, dass ich als Ire besonderen Anteil am Schicksal meiner Landsleute im besetzten Teil des Landes nehme. Ich gebe zu, dass es für Außenstehende nicht ganz leicht ist, die Motivation der IRA und ihren Kampf für die Souveränität des Nordens zu verstehen. Das müssen wir Iren leider hinnehmen und mit der Zeit haben wir auch gelernt damit zu leben. Aber Sie können auch sicher sein, dass ich nicht alles, was im Namen der Freiheit geschieht, gutheiße. Können Sie damit etwas anfangen?“

.„Pat, ich kann und will mich nicht zum Moralapostel aufspielen. Aber eins ist auch sicher. Die Kirche, und damit meine ich die beiden Konfessionen, hat insgesamt in diesem Konflikt meines Erachtens leider bisher kläglich versagt.“

Kennedy zuckte mit den Schultern und entgegnete mit einem Anflug von Resignation: .„Rom, der Vatikan und der Papst sind weit weg. Da bekommt manches Problem eine andere Dimension. Aber das ist übrigens ein anderes abendfüllendes Thema.“

Er blickte auf seine Armbanduhr. .„Donnerwetter, die Zeit ist ja wie im Fluge vergangen.“

Er sah Ben zufrieden an.

.„Ich danke Ihnen für die wirklich sehr interessante Diskussion. Es ist immer gut zu wissen, wie Außenstehende unseren Kampf betrachten. Ich würde mich freuen, wenn wir uns wiedersehen. Vielleicht kommen Sie mal zu mir ins Pfarrhaus. Und vielen Dank für den vorzüglichen Whisky.“

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