Das tote Kind im Wind - Connie Roters - E-Book

Das tote Kind im Wind E-Book

Connie Roters

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Beschreibung

Ein grausamer Fund im Nordseebad Büsum. Auf einem Spielplatz schaukelt ein totes Kind nackt im Wind. Die Kieler Kriminalpolizei arbeitet mit Hochdruck, um den Mörder des syrischen Flüchtlingsjungen dingfest zu machen. Gleichzeitig kämpft der vom Dienst freigestellte Berliner Kommissar David Menger am Nordseestrand gegen seine ganz eigenen Dämonen. Seine Vorgesetzte Nina Schwarz will ihn nach Berlin zurückholen, damit er sich den Ermittlungen der Inneren Abteilung stellt. Doch bevor sie abreisen können, werden sie in den Mordfall verwickelt. Zurück in Berlin übernimmt Nina Schwarz die Leitung in einem Tötungsdelikt an einem Rumänen. Der Fall weist deutliche Ähnlichkeiten mit dem Mord in Büsum auf. Nur wenige Tage später verschwindet ein weiteres Flüchtlingskind und für die Kommissare beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

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Connie Roters

Das tote Kind im Wind

Kriminalroman

Für M. und E.

1. Teil - Büsum / Berlin

-1-

Die kleinen Finger krampfen sich um das blau gepunktete Stück Stoff. Draußen pfeift der norddeutsche Wind. Regen klatscht an das Fenster der alten Laube. Das Kind stöhnt leise. Er lehnt sich zurück und betrachtet es eine Weile liebevoll. Dann steht er auf, berührt mit seinen Fingerspitzen die zarte Haut, streicht sanft über die Blutergüsse am Hals, zärtlich über die Lippen, die zu einem hässlichen Schlitz zusammengepresst sind. Das Kind wimmert leise. Er berührt sanft das schweißnasse Haar, lässt den Blick sehnsüchtig über den blassen Körper gleiten und betrachtet das Blut, das sich unter dem Po des Jungen gesammelt hat.

„Pscht. Gleich ist es vorbei“, flüstert er zärtlich und setzt sich wieder auf den Stuhl, der neben dem Bett steht.

Die Minuten schleichen dahin. Die Blutlache wächst. Die kleinen Hände verkrampfen sich noch einmal in dem blaugepunkteten Stück Stoff der weichen Puppe, dann ein leises Seufzen und ein letzter Atemzug.

***

Wasserfallartig prasselte der Regen auf das Dach des kleinen Ferienhauses. Der Wind peitschte die Wellen an den flachen Strand, aus der Ferne ein Donnergrollen. Kriminalkommissar David Menger zog die Decke enger um seinen Körper und drehte den Kopf zum Fenster. Seit drei Wochen war er jetzt in dieser Unterkunft im Niemandsland an der Nordsee, verbrachte seine Zeit mit langen Strandspaziergängen und Nachdenken. Er war geflüchtet. Geflüchtet vor der Befragung durch die Innere Abteilung, die sein letzter Alleingang zwangsläufig nach sich zog, und vor den Drogen, von denen er im Dienst die Finger nicht lassen konnte.

Er drehte sich vom Fenster weg, starrte in den kleinen schummerigen Raum. Er wusste, er würde nicht ewig hierbleiben können. Aber vielleicht noch heute und vielleicht auch morgen oder vielleicht doch für immer? Er könnte einfach seine Sachen packen und das nächste Schiff besteigen. Niemand würde nach ihm fahnden. Sein Vorgesetzter würde die Sache geschickt unter den Teppich kehren, Nina würde sich einen anderen Arbeitspartner suchen und seine Frau würde wahrscheinlich mit ihrer unbeschreiblichen Toleranz akzeptieren, dass er gegangen war.

Doch immer, wenn er daran dachte, sah er das Gesicht seiner Tochter. Der Gedanke, sie zu verlieren, war viel zu schmerzhaft.

David Menger drehte sich wieder dem Fenster zu, sah hinaus in die Dunkelheit und wusste, dass er auch in dieser Nacht keinen Schlaf finden würde. Er setzte sich auf, strich sich über die stoppeligen blonden Haare und wunderte sich, wie schnell sie in drei Wochen gewachsen waren. Er hatte sich eine Glatze rasiert, als er hierhergekommen war und sich einen Bart wachsen lassen. Aber es hatte nichts genutzt. Es hatte keinen anderen Menschen aus ihm gemacht. Er legte sich wieder hin, dachte an seine sechsjährige Tochter, die noch so unschuldig und so wenig vom Leben gezeichnet war. Manchmal hatte er Angst, sie zu berühren, stellte sich vor, wie der kriminelle Dreck ihm aus den Poren kroch und sie infizierte. Zehn Jahre Mordkommission hatten ihre Spuren hinterlassen.

Ein Blitz tauchte den weiten Strand in grelles Licht. Menger meinte einen Schatten zu sehen, einen kleinen und einen großen und schalt sich einen Narren. Dann kam die Dunkelheit zurück und der tiefe Donner grollte über das Meer. Er stand auf und schlurfte zum Kühlschrank, schenkte sich ein Glas Limonade ein und setzte sich auf den Stuhl am Fenster. Die Blitze kamen jetzt schneller, der Donner verband sich zu einem Dauergrollen, das Gewitter hatte ihn erreicht.

***

Er stemmt sich gegen die Tür und drückt sie auf. Am Himmel zucken die Blitze, der Regen ein Wasserfall, die Nordsee tost bedrohlich. Eine scharfe Böe stößt ihn zurück in die Laube. Er zieht die Tür wieder zu und weiß, dass bei diesem Wetter niemand auf der Straße sein wird. Zufrieden durchquert er den Raum, stellt sich vor das Bett und betrachtet den Knabenkörper, der ihm so viel Freude bereitet hat. Es fällt ihm schwer, sich von ihm zu verabschieden. Er nimmt die Kamera und fotografiert das Kind aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Dann zieht er sich die festen Gummihandschuhe über und greift nach einem Lappen und der Bleiche. Sorgfältig reinigt er die Vorderseite des kleinen Körpers, streicht über den flachen Bauch und tastet sich an der Innenseite der Oberschenkel hinunter bis zu den schmalen Füßen, wischt über die Sohlen und langsam wieder hoch. Dann breitet er ein steriles Laken aus und rollt das Kind auf den Bauch. Er betrachtet den zarten Haarflaum am Nacken, reinigt ihn liebevoll gegen den Strich am Hinterkopf empor, streicht über den Kopf, gibt je einen Tropfen Bleiche in das rechte und dann in das linke Ohr, streicht über die Schultern und das Rückgrat hinunter, umrundet die Verwüstung am Po und reinigt die Beine. Er greift nach der Pferdespritze, zieht Bleiche auf und drückt sie in den After. Dann tritt er einen Schritt zurück, besieht sein Werk, wickelt den Leichnam behutsam in das Laken ein, hüllt ihn in eine dicke Wolldecke und hebt ihn vorsichtig an.

Das Kind liegt erstaunlich schwer in seinen Armen. Er hievt es auf seine Schulter, greift nach dem Autoschlüssel und stemmt die Laubentür auf. Er wartet einen Blitz ab, lässt den Blick durch den Kleingarten gleiten und bemerkt einen schwachen Lichtschein in der Laube nebenan. Ein neuer Blitz lässt ihn verschwinden. Er denkt, dass es nur eine Lichtspiegelung gewesen ist und tritt hinaus. Nach zwei Schritten auf den glitschigen Wegplatten stolpert er, kann sich aber wieder fangen, bevor ihm das Bündel in den Schlamm rutscht. Er schimpft leise und geht weiter. Seinen weißen SUV hat er dicht an der Hecke zum Garten geparkt. Er umrundet ihn. Der Wind zerrt an seinem kostbaren Paket. Umständlich öffnet er den Kofferraum, verstaut den Jungen auf der schwarzen Plane und eilt zurück in die Laube. Hastig stopft er das blutige Bettlaken und die Kleidung des Kindes in einen blauen Müllsack, sprüht das Bett mit Bleiche ein und reinigt den ganzen Raum mit einem scharfen Putzmittel. Bevor er die Tür hinter sich zuzieht, lässt er den Blick noch einmal langsam durch das Zimmer gleiten, vergewissert sich, keine Spuren hinterlassen zu haben und löscht das Licht.

Langsam geht er zum Wagen, gibt dem Regen eine Chance, den Geruch von scharfer Chemie aus seinen Kleidern herauszuwaschen, stopft die Bleiche, das Putzmittel, die Schwämme und Tücher und den Eimer in den Müllsack und stellt ihn auf den Rücksitz. Dann fährt er, ohne die Scheinwerfer einzuschalten, den Asphaltweg hoch bis zur Straße, zuversichtlich, dass der sintflutartige Wolkenbruch alle Reifenspuren wegspülen wird.

Auf der schmalen Landstraße schaltet er den Scheinwerfer ein. Blitze erhellen den Asphalt und die Dörfer, durch die er fährt. Menschen sieht er keine.

Der Spielplatz, den er noch von einem seiner Urlaube kennt, liegt am nördlichen Ortsrand von Büsum, in der Nähe des einzigen Hochhauses, das wie ein Wahrzeichen in den schwarzen Himmel ragt. Es ist ein guter Platz für sein Kind. Er parkt direkt neben dem winzigen Fleckchen Grün mit den Holzspielgeräten und öffnet den Kofferraum. Bevor er den kleinen Körper heraushebt, sieht er sich noch einmal um. Die Fenster der norddeutschen Klinkerhäuser sind dunkel, die Vorhänge zugezogen. Er weiß, dass hinter ihm unbebautes Gebiet liegt, der Deich zum Kinderstrand und das aufgewühlte Meer. Das beruhigt ihn, gibt ihm Zeit, sich angemessen zu verabschieden. Er hievt den Jungen heraus, geht zur Schaukel, legt ihn auf die Erde und wickelt ihn behutsam aus. Ein Blitz schießt durch den Himmel und beleuchtet für eine Zehntelsekunde die blasse Gestalt. Er bedauert, dass der Junge so früh gestorben ist. Er hätte ihn gerne behalten.

Bedrückt geht er zurück zum Auto, holt einen frischen Müllbeutel und die zurechtgeschnittene Kordel. Vorsichtig hebt er den Jungen hoch, setzt ihn auf die Schaukel, versucht mit einer Hand den schlaffen Körper zu halten, mit der anderen den Strick an der Kette des Spielgerätes zu befestigen. Das Kind sackt in sich zusammen und droht, langsam in die Pfütze zu rutschen, die sich unter der Schaukel gebildet hat. Er greift nach dem rechten Oberarm und bindet ihn an der Kette fest, dann widmet er sich dem linken. Das Kind sitzt nun. Er schlingt ihm die Kordel um den Bauch und die Hüften und fixiert den Körper auf dem Brett. Nur der Kopf fällt schlaff nach vorne.

Er tritt einen Schritt zurück, greift nach der Bleiche, sprüht das Kind und die Stricke ein und muss immer wieder ausweichen, weil der Sturm das Desinfektionsmittel in seine Richtung weht. Nach einer Weile gibt er auf, stopft Decke, Laken und Bleiche in den Müllsack.

Er weiß, dass es nun an der Zeit ist zu gehen, aber der Abschied fällt ihm schwer. Er zieht sein Smartphone aus der Hosentasche, schirmt mit einer Hand den Regen ab und fotografiert zum letzten Mal das blasse nackte Kind, das im Sturm leicht hin- und herschaukelt.

*****

-2-

Die Frau am Telefon war nur schwer zu verstehen. Sie verschluckte sich an ihren Worten, schluchzte immer wieder.

„Bitte beruhigen Sie sich“, bat Wachtmeister Jan Dernstedt sie nun zum dritten Mal und strich sich mit der Hand über das Gesicht. Die Nacht war ruhig gewesen, hier auf der kleinen Wache in Büsum. Das Unwetter hatte die Menschen in den Häusern gehalten. Nur drei volltrunkene Touristen hatten in der Fußgängerzone einige Schilder abgerissen und in die Hauseingänge gepisst.

Aber jetzt war da diese aufgeregte Frau am Telefon und hielt ihn von seinem wohlverdienten Feierabend ab.

„Moin Dernstadt“, grüßte ihn sein älterer Kollege, der soeben die Wache betreten hatte.

Karl Tüden zog die Dienstmütze vom Kopf und hängte seine Jacke an die Garderobe. Dann setzte er Teewasser auf.

„Bitte beruhigen Sie sich, gute Frau“, versuchte es Dernstedt noch einmal.

Der Ältere sah ihn fragend an.

Der Jüngere verdrehte die Augen und hielt die Hand über den Hörer. „Sie will mir etwas sagen, ist aber zu aufgeregt.“

„Wieder die Alte?“

Dernstedt schüttelte den Kopf und flüsterte. „Ich glaube, sie ist eine Touristin.“

„Frag sie, wo sie ist.“

Nach einigen Versuchen gelang es dem Wachtmeister endlich, wenigstens das zu erfahren.

„Wir fahren hin“, entschied der Ältere, stellte das Teewasser ab, zog die Uniformjacke wieder an und setzte die Mütze auf.

Der frühe Morgen war kalt und dunkel. Das Gewitter der Nacht hatte riesige Pfützen hinterlassen. An manchen Stellen waren die Gullis übergelaufen. Der Himmel war mit dicken Wolken grau verhangen und ein eisiger Wind begleitete sie zum Streifenwagen. Der November machte seinem Namen alle Ehre.

„Wenigstens regnet es nicht mehr“, brummte der Ältere und schloss das Fahrzeug auf.

„Fängt aber gerade wieder an“, widersprach Dernstedt und schlüpfte schnell in den Wagen.

Zehn Minuten später erreichten sie ihr Ziel, das nur spärlich von einer der Laternen erleuchtete wurde. Die Frau kauerte am nassen Straßenrand. Sie hatte den Kopf in ihre verschränkten Arme gelegt und schaukelte leicht vor und zurück. Tüden parkte den Streifenwagen, zog sich eine Regenjacke über, griff sich eine weitere und ging zu ihr hin.

„Moin, moin gute Frau. Haben Sie uns gerufen?“

Die Angesprochene hob langsam den Kopf und nickte. Ihre Augen waren gerötet, die Wangen nass von Tränen. Tüden hielt ihr die Regenjacke hin. Als sie nicht reagierte, legte er sie um ihre Schultern. Die Frau nickte kaum merklich, hob zögernd den rechten Arm und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den gegenüberliegenden Spielplatz.

***

Wachtmeister Dernstedt kotzte bereits zum zweiten Mal. Tote waren zwar Bestandteil seiner Ausbildung gewesen, aber er hatte noch nie einen gesehen. Und erst recht kein Kind, das bleich und schlaff auf einer Schaukel hing und ihn aus leblosen Augen anstarrte.

Tüden stellte sich neben ihn und forderte Verstärkung an. Dann warteten sie, genauso wie die Zeugin, die unfähig war, ihren Platz zu verlassen und weiter vor und zurück schaukelte. Wachtmeister Tüden gab den Versuch auf, sie ins Trockene des Streifenwagens zu lotsen, holte stattdessen eine Wolldecke und legte sie über ihre Schultern. Endlich setzte die Dämmerung ein und tauchte den Spielplatz in mattes graues Licht. Mit ihr war auch der Wind wieder aufgefrischt, spielte nun stärker mit der Schaukel und stieß das tote Kind immer wieder an.

„Ich ertrage das nicht mehr“, stöhnte Tüden, öffnete den Kofferraum, schnappte sich den Erste-Hilfe-Kasten, zog eine Überlebensdecke und eine Schere heraus und ging zum Spielgerät.

„Du darfst nichts anfassen“, protestierte sein Kollege, aber der Ältere ließ sich nicht aufhalten, zerschnitt die Kordel, mit der das Kind festgebunden war und fing es auf, bevor es in den Matsch rutschte. Er trug den Jungen an den Rand des Spielplatzes, legte ihn dort auf einer Bank ab und deckte ihn mit der Überlebensdecke zu, die goldene Seite nach außen gewandt. Der Wind zerrte daran, schien sein Spielzeug zurückzuverlangen. Tüden fluchte leise und wickelte die goldene Folie noch enger um den kleinen Körper.

Endlich erreichte ein zweiter Streifenwagen den Fundort, eine Frau und ein Mann stiegen aus. Die Frau zog sich die Kapuze ihrer Regenjacke über den Kopf und steuerte direkt die Bank an.

„Moin Tüden.“ Sie deutete auf den nassen Folienkörper. „Hast du ihn da gefunden?“

Der Wachtmeister schüttelte den Kopf und wies auf die Schaukel. „War da festgebunden. Nackt. Ich….“

Die Polizistin schob die Überlebensdecke ein wenig zurück und betrachtete das Gesicht. Dann strich sie dem Wachtmeister sanft über den Arm, griff nach dem Walkie- Talkie und weckte den Arzt.

Ihrem Kollegen war es mittlerweile gelungen, die durchnässte Zeugin zum Streifenwagen zu führen und sie auf den Rücksitz zu schieben.

„Ihr geht’s nicht gut“, rief er seiner Partnerin zu. „Ich rufe einen Krankenwagen.“ Er deutete auf Dernstedt, der immer noch blass an dem Auto lehnte und ins Leere starrte. „Und ihn sollten sich die Sanis auch mal ansehen.“

***

David Menger war froh, dass sie gekommen waren, dass der kleine Schatten und der große Schatten, die er gestern Nacht gesehen hatte, tatsächlich Leonie und Simone gewesen waren. Seine Frau hatte wegen ihrer Rückenschmerzen die Nacht auf einer Isomatte am Boden zugebracht, Leonie lag bei ihm im Bett und schmatzte leise im Traum. Er hatte wieder nicht schlafen können, hatte aber ganz still dagelegen, den Atemzügen seiner Liebsten gelauscht und das Verlangen nach den Drogen so gut es ging ignoriert.

Vorsichtig zog er seinen Arm unter dem Kind hervor, stand auf, duckte sich unter den nassen Kleidungsstücken hindurch, die sie gestern auf eine provisorische Leine gehängt hatten und öffnete die Tür. Eine Windböe ließ ihn taumeln. Er wünschte, er hätte seine Jacke übergezogen, wollte aber nicht wieder hineingehen, um die beiden nicht zu wecken. Er kämpfte sich zu der vom Wind abgewandten Seite des Häuschens vor, kramte die Zigarettenschachtel aus der Hosentasche, zündete sich eine an und genoss das Nikotin. Am Horizont zeigte sich ein schmaler heller Streifen. Die Dämmerung hatte eingesetzt und er würde sich gleich auf den Weg zum Dorf machen, um etwas zu essen zu kaufen.

Als er ins Haus zurückkam, erwachte Leonie und sprang aus dem Bett. Er wickelte sie in eine Wolldecke und setzte sich mit ihr auf dem Schoß auf den Stuhl am Fenster. Die Kleine zog die Beine an und steckte sie unter die Decke. Auch Simone war aufgewacht und wünschte ihnen verschlafen einen guten Morgen. Leonie rutschte vom Stuhl und kuschelte sich an ihre Mutter. Simone strich ihr sanft über das helle Haar. „Hat es endlich aufgehört zu regnen?“

David nickte und griff nach seiner Jacke. „Ich geh mal los und hol uns was zu essen.“

Leonie sprang auf und griff seine Hand. „Ich will mitgehen. Bitte Mama, darf ich mitgehen?“

Simone streckte sich, blickte in das erwartungsvolle Gesicht ihrer sechsjährigen Tochter und lächelte.

„Okay. Machen wir einen Familienausflug.“

***

Die Sonne wagte nur einen kurzen Blick durch die grauen Wolken. Was sie sah, schien ihr nicht zu gefallen und sie zog sich schnell wieder zurück. Neben dem toten Kind kniete ein Arzt. Er hielt ein Thermometer in der Hand, las die Temperatur ab und diktierte sie der Kriminalkommissarin von der Kripo Schleswig-Holstein, die vor fünfzehn Minuten eingetroffen war. Dann zog er eine Taschenlampe aus seiner Manteltasche und leuchtete in die Augen des Jungen. „Das Kind ist noch nicht lange tot. Das kann ich Ihnen mit Gewissheit sagen.“

Er richtete sich auf und nahm der Kommissarin das Klemmbrett ab. „Aber ob er erwürgt wurde oder verblutet ist, muss die Rechtsmedizin klären. Ist der Bestatter schon informiert?“

„Ich glaube nicht. Die Kollegen wollten auf uns warten.“

Der Arzt nickte und zog die Überlebensdecke wieder über den kleinen Körper. Ein dicker Tropfen zerplatzte auf der Folie, ein zweiter folgte, der nächste Schauer setzte ein. Die Kommissarin spannte einen Schirm auf und hielt ihn schützend über den Arzt, während er den Totenschein ausstellte.

Ein Auto fuhr langsam vorbei, vier Augenpaare neugierig auf den Spielplatz gerichtet. Die Kommissarin versuchte mit ihrem Körper die Bank zu verdecken. Sie hasste diese Gaffer und wusste, dass sich der Leichenfund in dem kleinen Ort schnell herumsprechen würde. Sie griff nach dem Handy und rief vorsorglich noch einen Streifenwagen zur Verstärkung herbei. Dann winkte sie die Polizisten heran.

„Guten Morgen, Kollegen. Wir haben ja vorhin schon kurz miteinander gesprochen, aber nun noch einmal ganz offizell. Ich bin Lisa Wertheim von der Kripo Schleswig-Holstein, Polizeidirektion Kiel, und werde den Fall übernehmen. Ich habe noch einen zweiten Streifenwagen angefordert und möchte, dass der Fundort und die Straßen weiträumig abgesperrt werden. Außerdem möchte ich mit demjenigen sprechen, der zuerst vorort war und mit der Frau, die euch verständigt hat.“

„Sie sitzt dort drüben“, sagte Tüden und deutete auf den Notarztwagen.

Die Sanitäter hatten gute Arbeit geleistet. Die Zeugin war mit Beruhigungsmitteln und einem warmen Tee versorgt worden und konnte wieder reden.

Die Kommissarin setzte sich zu ihr auf die Liege. „Geht es Ihnen soweit gut?“

Die Frau nickte kaum merklich. „Ist das Kind ermordet worden?“

„Davon müssen wir leider ausgehen“, antwortete Lisa Wertheim.

Die beiden schwiegen eine Weile.

„Ich mache hier Urlaub und ich wollte viel Sport machen“, begann die Zeugin. „Aber ich bin ja nicht mehr die Jüngste. Deswegen Nordic Walking. Seit ich hier bin, gehe ich jeden Morgen dieselbe Strecke.“

„Sie gehen im Dunkeln und bei diesem Wetter?“, erkundigte sich die Kommissarin verwundert.

„Ich bin Frühaufsteherin und hier gehört der Regen ja quasi zum Programm und im Ort ist ja sogar der Deich erleuchtet.“

„Ich nehme an, der Spielplatz liegt auf Ihrer Runde. Wann sind Sie hier vorbeigekommen?“

„Ich schätze so gegen sechs Uhr. Vielleicht auch kurz vorher.“

„Und wann sind Sie losgegangen?“

„Kurz nach fünf. Ich frühstücke immer erst danach.“

Das würde ich auch tun, dachte Lisa Wertheim und beobachtete, wie ihre Kollegen mit dem Absperrband kämpften, das ihnen der Wind immer wieder aus den Händen riss.

„Und heute haben Sie dann das Kind gesehen?“

„Ich habe mich gewundert, dass so früh schon jemand schaukelt. Erst als ich nähergekommen bin, habe ich gesehen…“, sie schluckte, „dass das Kind nackt war und gewusst, dass etwas nicht stimmt.“ Die Frau sah sie fragend an. „Hätte ich noch etwas tun können? Hat das Kind noch gelebt?“

„Nein. Sie hätten dem Jungen nicht mehr helfen können.“ Sie strich ihr sanft über die Schulter. „Sie haben alles richtig gemacht. Haben Sie irgendetwas gesehen? Ein Auto, einen Menschen hier auf der Straße?“

„Nein. Es war leer wie immer. Wissen Sie, ich komme aus Berlin. Da gibt es so was gar nicht. Da ist immer jemand unterwegs.“

Ein weiterer Streifenwagen hielt vor dem Sanitätsfahrzeug.

„Sind Sie soweit okay? Kann ich Sie alleine lassen?“

Die Zeugin nickte.

„Gut. Dann warten Sie bitte hier und ich kümmere mich darum, dass Sie jemand in Ihr Hotel fährt.“

Die Kommissarin rutschte von der Liege, ging zum Streifenwagen, instruierte die beiden Uniformierten und bat sie, den Verkehr umzuleiten. Als endlich ihr Kollege von der Mordkommission eintraf, erläuterte sie ihm im ruhigen Ton die Sachlage und informierte ihn, dass einer der Uniformierten das Kind von der Schaukel geschnitten hatte. Der Mordermittler fluchte vernehmlich. Lisa Wertheim verzichtete darauf, ihn zu beruhigen.

Dernstedt lehnte immer noch bleich am Streifenwagen und beobachtete den Transporter, der sich langsam näherte. Drei Männer stiegen aus, steuerten die Kriminalen an und verschwanden nach einer kurzen Instruktion wieder im Fahrzeug, das leicht zu schaukeln begann. Als sie erneut ausstiegen, waren sie in weiße Schutzanzüge gehüllt. Dernstedt verließ seinen Platz und stellte sich neben Tüden. Die Kommissarin instruierte die Spurensicherer, ihr Kollege telefonierte.

Plötzlich brachen die Wolken auf und machten kurzzeitig der Sonne Platz, die der Szene ein wenig ihren Schrecken nahm und die weißen Männer, die auf dem verschlammten Boden herumkrochen und nach Spuren suchten, in helles Licht tauchte.

Lisa Wertheim wandte sich den Uniformierten zu und ließ sich genau berichten, wie sie die Leiche vorgefunden hatten. Dernstedt trug nur wenig zu dem Gespräch bei, Tüden erklärte gerade, warum er den Jungen losgebunden hatte.

„Ich kann verstehen, warum Sie das gemacht haben, aber wahrscheinlich haben Sie damit wichtige Spuren zerstört“, tadelte ihn die Kommissarin. „Haben Sie denn nicht daran gedacht?“

Tüden schwieg.

„Der Regen hat sowieso schon alle Spuren verwischt“, sagte Dernstedt. „Sehen Sie sich doch die Schlammwüste an.“

Lisa Wertheim seufzte. „Na ja, was soll’s. Hilft jetzt auch nichts mehr. Ich möchte, dass Sie die Anwohner der näheren Umgebung befragen. Klingeln Sie an allen Türen. Vielleicht hat jemand etwas gesehen. Fangen Sie mit dem Haus gegenüber an.“

Der Ältere nickte und winkte Dernstedt, der nicht mehr ganz so blass war, ihm zu folgen. Sie überquerten die Straße und schlüpften unter dem Absperrband hindurch. Der Besitzer des Hauses öffnete ihnen sofort.

„Moin, ihr beiden. Was issn da drüben los? Wollt schon nachsehen, aber deine Kollegen haben mich nich ausser Tür rausgelassen.“

Er winkte die Wachtmeister in die Küche, wo seine Frau bereits eine Kanne schwarzen Tee gekocht hatte.

„Ihr seht müde aus“, stellte sie fest und schenkte ihnen ungefragt ein.

„Habt ihr gestern Nacht was gesehen oder gehört? Ein Kind, ein Auto, irgendwas?“, fragte Dernstedt. „Oder am frühen Morgen, so bis vier oder fünf?“

Das Ehepaar betrachtete ihn verständnislos. „Mensch Dernstedt. Wir sind nich mehr so jung wie du. Wir schlafen nachts. Aber jetzt spann uns nich weiter auf die Folter und erzähl endlich, was drüben passiert iss.“

„Wir haben einen toten Jungen gefunden“, antwortete Tüden.

Die Frau hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Iss der Lütsche von hier?“

„Glaub ich nicht. Hab das Kind noch nie gesehen.“

„Ist bestimmt eins von den Touristen“, mutmaßte der Hausherr.

„Möglich.“

„Und jetzt?“

„Gehen wir von Haus zu Haus und fragen alle, ob sie etwas gesehen haben.“

„Na, wenigstens habt ihr gutes Wetter“, sagte die Frau und schenkte ihnen noch einmal Tee nach.

***

Sie hielten sich an den Händen und kämpften gemeinsam gegen den Wind. Nach einer halben Stunde erreichten sie den kleinen Ort, in den sich nur selten Touristen verirrten. Das alte Dorf lag zu weit entfernt von den größeren und bekannten Seeorten wie Büsum oder Tönning. Neben der kopfsteingepflasterten Straße strömten kleine Bäche dem nächsten Gully zu, ein Auto holperte vorbei.

Das Bäckereicafé hatte geöffnet und die drei traten ein. Simone schnupperte und sog genüsslich den Geruch nach frischen Brötchen ein.

„Moin. Hat der Herr vom Strand heute Besuch mitgebracht?“, begrüßte sie die Inhaberin freundlich und beugte sich zu dem Kind hinunter. „Na, Lütsche. Wie heißt du denn?“

„Leonie“, antwortete das Mädchen.

„Das ist aber ein schöner Name. Und wie alt bist du?“

„Sechs, und ich gehe schon in die Schule.“

„Sag, Leonie, hast du schon mal eine richtige Backstube gesehen?“

Das Kind schüttelte den Kopf.

„Willst du mit mir nach hinten gehen?“

Fragend sah Leonie ihre Mutter an. Simone nickte und das Mädchen verschwand hinter dem Verkaufstresen.

Als die Tür zufiel, setzte sich Simone an einen der Tische und blickte auf die verlassene Dorfstraße. David setzte sich ihr gegenüber und nahm ihre Hand.

„Es ist wirklich schön, dass ihr gekommen seid.“

„Kommst du mit uns zurück nach Berlin?“

David schüttelte den Kopf. „Ich habe noch eine Woche bis zur Anhörung. Und die würde ich gerne hier verbringen.“

„Warum?“

Er zuckte mit den Schultern.

Die Bäckerin brachte Kaffee und Kakao und erkundigte sich nach weiteren Wünschen.

Simone sah ihren Mann besorgt an. „Du musst etwas essen.“

„Später“, versprach David, um einen Streit zu vermeiden. Leonie setzte sich auf den Stuhl neben sie und verlangte nach Marmelade. Simone bestellte zweimal einfaches Frühstück und ein extra Brötchen für ihre Tochter, die immer wieder in der Backstube verschwand.

Auf dem Rückweg gingen sie an dem Dorfladen vorbei und kauften Mineralwasser sowie Saft, Käse und Brot. Die Eheleute vermieden das Gespräch über die Zukunft so gut es ging. Leonie schien einfach nur glücklich, wieder bei ihrem Vater zu sein. Simone informierte David, dass sie schon am frühen Abend zurückfahren würden. Sie wollte noch einen Abstecher zu ihren Eltern machen, die in Hamburg lebten. Leonie weinte und tobte beim Abschied, was ihrem Vater das Versprechen entlockte, am nächsten Wochenende nach Hause zu kommen.

***

Lisa Wertheim betrat die Turnhalle am Ortsrand von Büsum und ließ den Blick durch den großen Raum schweifen, den ihre Kollegen in erstaunlich kurzer Zeit zur Einsatzzentrale umfunktioniert hatten. Der Koordinator der Umbauarbeiten lotste sie zu ihrem Schreibtisch. Sie drehte sich zu Dernstedt um, den sie von der Haus-zu-Haus-Befragung abgezogen hatte und winkte ihn näher heran.

„Für die Zeit unserer Ermittlungen sind Wachtmeister Tüden und Sie mir unterstellt“, informierte sie ihn, als er endlich saß. „Sie kennen sich beide hier im Ort und in der Umgebung aus und das brauchen wir bei dieser Ermittlung. Ihr Kollege übernimmt vorerst die private Haus-zu-Haus-Befragung. Die Leute kennen ihn und vertrauen ihm. Sobald wir ein vorzeigbares Foto des Jungen haben, werden Sie die Lokalitäten und Hotels des Ortes aufsuchen. Vielleicht wurde das Kind mit jemandem gesehen.“

„Und was passiert mit unserer Wache?“

„Eine Vertretung wird dort die Stellung halten.“

„Wieso hat man Sie aus Kiel herbeordert? Rendsburg ist doch viel näher.“

„Ich wohne in der Nähe von Heide und ich war gerade zuhause. Die anderen Kollegen waren weiter entfernt und mein Chef wollte schnell jemanden hier haben. Wie lange sind Sie schon in Büsum auf der Wache?“

„Seit vier Jahren. Und Sie bei der Mordkommission?“

Lisa Wertheim lächelte. „Seit mehr als zwanzig Jahren und ich bin immer noch gerne Ermittlerin.“

„Chefin, ich glaube, wir haben einen Treffer“, rief eine Stimme aus dem hinteren Teil der Halle.

Die Kommissarin sprang auf und bedeutete Dernstedt, ihr zu folgen.

„Kam eben aus Heide“, erklärte der Computerfachmann. „Eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge hat ein Kind als vermisst gemeldet.“

„Wann?“

„Am Dienstagnachmittag.“

„Das war gestern. Wieso wussten wir nichts davon?“

„Sind wohl davon ausgegangen, dass das Kind wieder auftaucht. Trotzdem haben sie gleich in der Nacht mit der Suche begonnen, das große Programm. Zwei Suchmannschaften, Feuerwehr, Ehrenamtliche und Hunde.“

„Lass dir ein Foto von dem Kind schicken.“

„Schon in Auftrag.“ Er lehnte sich zurück und starrte auf seinen Bildschirm. Kurz darauf erschien eine Fehlermeldung. Er tippte einen Befehl ein. Der Bildschirm veränderte sich und zeigte ein unkenntliches, verzerrtes Foto. Er tippte noch einen Befehl ein und schimpfte leise.

„Was ist los?“

„Wir haben einen Übertragungsfehler. Die Bilddateien werden nicht richtig angezeigt.“

„Versuch es weiter“, befahl die Kommissarin, ging zurück zu ihrem Schreibtisch und führte zwei Telefonate. Eines mit der Dienststelle in Heide, um sich die Adresse der Erstaufnahmeeinrichtung geben zu lassen, und eines mit ihrem Mann, dem sie mitteilte, dass sie wahrscheinlich heute Nacht in Büsum bleiben werde. Danach rief sie ihr Team zu einer kurzen Dienstbesprechung zusammen. Die zwei Männer und die Frau stellten ihre Stühle zu einem Halbkreis vor dem Flipchart auf.

„Heute früh gegen sechs Uhr erhielt der diensthabende Wachtmeister Dernstedt, der hier neben mir steht, einen Anruf von einer Touristin. Sie hatte bei ihrer morgendlichen Walkingrunde auf einem Spielplatz am nördlichen Dorfrand eine Kinderleiche entdeckt. Er bat sie, dort zu bleiben und fuhr mit seinem älteren Kollegen zum Tatort. Laut Aussage der Wachtmeister war der tote Junge auf einer Schaukel festgebunden.“

„Wieso laut Aussage?“, erkundigte sich Leyla Ünal.

„Als wir am Tatort ankamen, lag der Junge bereits in eine Überlebensdecke gehüllt auf einer Bank. Dernstedts Kollege, Wachtmeister Tüden, hatte ihn losgeschnitten.“

Ein Raunen ging durch den Raum. Lisa Wertheim fuhr fort. „Bisher haben die Kriminaltechniker auf dem Spielplatz keine verwertbaren Spuren gefunden und konzentrieren sich jetzt auf einen Bereich im Umkreis von fünfhundert Metern.“

„Du sagst, der Junge war an der Schaukel festgebunden? Was ist mit den Schnüren?“

„Die wurden von dem Kollegen Tüden ordnungsgemäß gesichert und sind jetzt im Labor in Kiel.“

„Wurde das Opfer schon obduziert?“

Lisa Wertheim schüttelte den Kopf. „Der Junge wurde von einem hier ansässigen Arzt für tot erklärt und zur Untersuchung in das Kreiskrankenhaus Heide gebracht. Die haben einen zweiten Rechtsmediziner aus Kiel angefordert. Morgen wissen wir mehr.“ Sie nickte dem Computerfachmann zu. Der Mann stellte sich neben sie und schob seine schwere schwarze Brille hoch. „Wir haben gezielt nach Vermisstenmeldungen von Kindern in der letzten Woche gesucht und einen Treffer in Heide gelandet. Seit zwei Tagen wird dort ein Junge namens Ammar Hemidi vermisst. Er ist Syrer, acht Jahre alt, wurde in Damaskus geboren, und kam mit seinen Eltern und zwei jüngeren Schwestern vor vier Wochen nach Deutschland.“

„Acht Jahre“, seufzte Leyla Ünal und knibbelte an den Enden ihres Kopftuchs. „Sind die Eltern schon informiert?“

Ihr Kollege schüttelte den Kopf. „Zurzeit ist unsere Verbindung gestört. Wir können also noch nicht mit Gewissheit sagen, ob es sich bei dem toten Jungen um den Verschwundenen handelt.“

„Wieso hat der Wachtmeister das Kind von der Schaukel geholt?“, fragte der junge Ermittler.

„Weil…“, setzte Lisa Wertheim an.

„Weil er es nicht länger ertragen hat, den Jungen so zu sehen“, übernahm Dernstedt und sah in die Runde. „Wir sind nicht so routiniert wie ihr, haben zum Glück nicht oft Tote hier in Büsum. Der Morgen war stürmisch, es hat wie aus Kübeln gegossen, der Wind hat die Schaukel immer wieder angestoßen. Der Junge war nackt und nass und rutschte langsam tiefer. Wir haben auf euch gewartet und die Zeit zog sich. Da hat mein Kollege den Anblick nicht mehr ertragen, ihn losgeschnitten, auf die Bank gelegt und abgedeckt. Vielleicht hat er dadurch Spuren verwischt, aber das Unwetter hat sowieso nichts übriggelassen.“

„Hoffen wir, dass Sie Unrecht haben“, sagte Lisa Wertheim und verteilte die Aufgaben. Sie deutete auf ihren jüngsten Ermittler, einen blonden Mann mit kurzen gepflegten Haaren und Bart. „Du unterstützt Wachtmeister Tüden bei der Zeugensuche im Ort.“ Dann wandte sie sich dem Brillenträger zu. „Und du bleibst am Computer, recherchierst nach ähnlichen Fällen und sorgst dafür, dass die Übertragungsstörung aufgehoben wird. Ich brauche das Foto.“

„Ich tue, was ich kann“, versprach der Computerfachmann. „Soll ich auch den Telefondienst übernehmen und den Kontakt zu den Kriminaltechnikern am Tatort und im Labor halten?“

„Das wäre gut“, antwortete Lisa Wertheim.

„Denkst du, unser Toter ist der syrische Geflüchtete?“, fragte Leyla Ünal.

„Ich halte es für sehr wahrscheinlich. Aber ich will erst das Foto sehen, um ganz sicher zu sein.“

„Weißt du, was der Name Ammar bedeutet?“

Die Kommissarin schüttelte den Kopf.

„Wohlhabende, lange Lebensdauer.“

***

„Moin Karl, kommst ganz schön spät. Komm rinn. Das war ja nen Schietwetter inner Nacht. Was war denn da los aufm Spielplatz?“

Wachtmeister Tüden ließ sich von der alten Dame in ein plüschiges Wohnzimmer führen und bedankte sich, als sie ihm eine Tasse Tee brachte. Die fünfte für heute. Er erzählte ihr von dem Kind und erkundigte sich, ob sie gestern Nacht draußen gewesen sei.

Die Alte schüttelte den Kopf. „Nee, bei dem Sturm. Da musste er ausnahmsweise mal auf die Schüssel.“

Sie kicherte leise und deutete auf den braunen Kurzhaardackel, der zu ihren Füßen lag.

„Und am frühen Morgen?“

„Da war ich draußen. Aber auf dieser Seite, aufm Deich und nur kurz.“

„Wann?“

„So gegen sechs.“

„Und hast du irgendwas gesehen?“

„Was denn?“

„Eine Person, ein Auto?“

„Nee. Nur Mistwetter und Nacht. Dieser Sturm hat mir fast den Schirm ausser Hand gerissen. Musste ihn so vor mich halten.“ Sie erhob sich, deutete einen aufgespannten Regenschirm an, den sie waagerecht gegen den Wind lehnte.

„Da siehste nüscht mehr. Hab Angst gehabt, dass ich hinfalle.“

Sie setzte sich wieder an den Tisch und trank ihren Tee.

„Musste ja irgendwann so kommen.“

„Was willst du damit sagen?“, erkundigte sich Tüden.

„Na, die ganzen Touristen. Lassen ihre Kinder einfach überall spielen. Passen nich richtich auf. Damals bei uns war das anders. Wir sind nich überall rumgerannt.“ Sie hielt einen Moment inne. „Oder war’s ein Ausländerkind?“

Tüden ließ die Frage unbeantwortet und deutete auf das Fenster. „Du hast einen Blick auf den Kinderstrand. Aber zum Spielplatz hast du kein Fenster, oder?“

Die Alte schüttelte den Kopf und goss ihm Tee nach. „Wo issn

Dernstedt?“

„Der ist mit in die Zentrale, die die Kripo hier eingerichtet hat.“

Sie schüttelte missbilligend den Kopf. „Haben die nich genug eigene Leute?“

„Ist sozusagen ein Tausch. Einer der Kommissare hilft mir und Dernstedt hilft der Kripo“, antwortete Wachtmeister Tüden.

Die alte Hansen war die Siebte, die er heute befragte und er war froh, jetzt in dem einzigen Hochhaus im Ort zu sein. So gelangte er wenigstens trockenen Fußes von Wohnung zu Wohnung. Es klopfte. Tüden gab der Alten ein Zeichen, sitzen zu bleiben und öffnete seinem temporären Kollegen die Tür.

Der Blonde nestelte an seinen Unterlagen. „Ich habe nur noch vier weitere Anwohner gefunden. Die meisten scheinen nicht zu Hause zu sein. Aber da sind Herr Sievers aus dem zweiten, Frau …“

„Kommen Sie erst mal rein“, unterbrach ihn Tüden.

„Aber die Leute erwarten uns doch.“

„Die warten auch noch zehn Minuten länger“, sagte der Wachtmeister und ging zurück ins Wohnzimmer.

Die alte Hansen deutete auf den Sessel neben ihr und bot Tee an. Der Kommissar lehnte ab.

„Der iss nich von hier“, stellte die Alte fest. „Sonst wär er nich so unhöflich.“

Tüden schmunzelte und winkte dem jungen Mann, sich wenigstens zu setzen. Der Ermittler schüttelte den Kopf und bat, die Toilette benutzen zu dürfen. Die Alte erklärte ihm widerstrebend den Weg.

„Trinkt keinen Tee und hat trotzdem ne schwache Blase“, feixte sie. „Diese jungen Leute. Im Krieg hätte der nich lange durchgehalten.“

Tüden lachte und ließ sich noch einmal nachschenken. „Redet man denn irgendwas hier im Haus?“

„Die meisten sind ja nur an den Wochenenden da oder in den Ferien“, antwortete die Alte. „Aber, na ja. Der Hans.“

„Nicht schon wieder der Hans.“ Wachtmeister Tüden verdrehte die Augen. Die Wasserspülung rauschte.

„Eigentlich hat man doch immer gewusst, dass es mit dem Hans mal ein böses Ende nimmt.“

„Hans hilft seiner Mutter aufm Hof. Er ist ein guter Junge. Aber egal, was hier passiert, er soll’s immer gewesen sein.“

„Der iss ja auch nich ganz dicht“, stellte die Alte klar, als ob das alles erklären würde. „Wirst schon sehen!“

„Was werden wir schon sehen?“, erkundigte sich der Kripobeamte, der jetzt im Türrahmen lehnte.

„Der Hans, der könnt‘s gewesen sein.“

„Hans Olwinsky. Ist geistig etwas zurückgeblieben und deswegen der Sündenbock Nummer Eins im Ort. Hat sich noch nie was zu Schulden kommen lassen“, erklärte der Wachtmeister.

Die Alte kniff die Augen zusammen. „Doch, damals das mit dem Jungen.“

„Das waren Kinderstreiche, Oma Hansen.“

„Aber dem Jungen hats damals nich gutgetan.“

Jetzt hatte sie die volle Aufmerksamkeit des Kripobeamten.

„Nehmen Sie jetzt eine Tasse Tee?“, fragte die Alte.

Der Ermittler nickte pflichtschuldig, setzte sich neben sie und lauschte ihren Schilderungen. Die Alte schmückte ihre Geschichte mit immer mehr Details aus. Tüden hörte ihr ungeduldig zu und drängte sie, zum Ende zu kommen.

„Das hört sich nach einer pädophilen Neigung an“, sagte der Ermittler. „Wir müssen unbedingt hinfahren.“

Der Wachtmeister seufzte, fügte sich aber seinem Schicksal.

***

„Wir haben wieder eine Verbindung, informierte sie der Computerfachmann. „Ich habe den Wachleuten das Foto für die Befragung ausgedruckt. Soll ich es dir aufs Handy schicken?“

„Ist er es?“

„Sieh selbst.“

Lisa Wertheim fuhr rechts ran, zog das Smartphone aus der Freisprechhalterung und öffnete das Foto. Es zeigte einen dunkelhaarigen Jungen, der glücklich in die Kamera lachte. Die Personen rechts und links von ihm waren abgeschnitten worden. Sie sah noch eine zierliche Hand, die sich um die Schultern des Kindes legte.

„Das ist er“, seufzte sie. „Ich bin schon fast in Heide. Ruf bitte in der Einrichtung an und sag Bescheid, dass ich komme.“

Die kleine Kreisstadt, zwanzig Kilometer östlich von Büsum, wirkte an diesem kühlen Abend wie ausgestorben. Lisa Wertheim parkte den Wagen und überquerte den überdimensional zubetonierten Marktplatz, auf dem ein Grüppchen Jugendlicher saß und trank. Sie wollte noch ein paar Schritte gehen, wollte sich sammeln, bevor sie mit den Eltern reden würde. Sie bog in die nächste Querstraße ein, ging weiter bis zum Ende, folgte dann einer breiteren Ausfallstraße und erreichte zehn Minuten später die Turnhalle. Vor der Eingangstür standen drei junge Männer und rauchten. Sie erkundigte sich nach dem Einrichtungsleiter. Die Männer sahen sie fragend an.

Dann tippte sich einer an die Stirn und lächelte. „You look for chef. Come, I show.“

Er hielt ihr die Eingangstür auf. Lisa Wertheim trat ein und stand in einem kleinen Vorraum. Der Mann schob sich vorbei und winkte ihr, ihm zu folgen. „Chef here“, sagte er, klopfte an die nächste Tür und verschwand.

Lisa Wertheim trat ungefragt ein. Der Mann hinter dem wuchtigen Schreibtisch gab ihr ein Zeichen, stehen zu bleiben.

„Nein, so geht das nicht“, schnaubte er ins Telefon. „Entweder du machst den Job oder nicht. Also sei das nächste Mal pünktlich und tu das, wofür du bezahlt wirst.“

Er knallte den Hörer auf und winkte sie näher heran.

„Lisa Wertheim, Mordkommission Schleswig-Holstein.“

„Ihr Kollege hat Sie angemeldet. Ich nehme an, Sie haben den kleinen Ammar gefunden?“

Die Kommissarin nickte und setzte sich.

„Wo?“

„Auf einem Spielplatz in Büsum.“

„Wie ist er dorthin gekommen?“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Und woran ist er gestorben?“

„Er wurde Opfer eines Gewaltverbrechens.“

Die Worte klangen kalt und fremd und die Kommissarin wünschte sich, sie hätte bessere gefunden.

„Er wurde getötet? Wie?“

„Das kann ich Ihnen leider noch nicht beantworten. Der Junge wurde zur Obduktion ins Krankenhaus Heide gebracht. Und ich will den Kollegen nicht vorgreifen.“

„Verstehe. Aber die Eltern werden Sie das auch fragen und der Vater kann ganz schön hartnäckig sein. Er hat uns ziemlich auf Trab gehalten.“

„Verständlicherweise. Kann ich mit den Eltern sprechen?“

„Natürlich“, antwortete der Mann und griff nach seinem Schlüsselbund.

Vor dem Büro hatte sich eine Traube Männer gesammelt, die sich unaufgefordert teilte, als sie hindurchgingen.

„You find boy?“, erkundigte sich einer von ihnen.

Sie ließen die Frage unbeantwortet. Der Einrichtungsleiter zog eine blaue Stahltür auf und betrat die Turnhalle. Die Luft war schwer und roch sauer, Stimmen breiteten sich aus wie ein Teppich.

„Wir haben hier hundertfünfzig Menschen. Links liegen die alleinstehenden Männer, rechts die Ehepaare und da hinten haben wir eine Ecke abgeteilt, in der nur Frauen leben. Wie Sie sehen, ist abgeteilt eine eher unpassende Beschreibung der Tatsache, dass es hier keinen Schutz gibt, weil keine Wände da sind, nur diese Vorhänge, Tücher und Aufsteller. Die Frauen wechseln sich mit dem Schlafen ab. Zwei halten immer Wache.“

„Ist das denn nötig?“

Der Mann zuckte mit den Schultern. „Meines Erachtens nicht. Wir haben hier drin einen permanenten Wachschutz. Aber es ist schwer zu beurteilen und die Frauen sind traumatisiert. Wenn sie das Gefühl haben, sich gegenseitig zu schützen, ist das doch gut.“

Er deutete auf eine Tür am Ende der Halle. Lisa Wertheim schob sich durch die Reihe aneinander gestellter Betten. Alle waren gemacht. Neben jedem stand ein kleiner weißer Nachttisch aus Plastik.

„Als das mit den Flüchtlingen losging, hat die Gemeinde die Turnhalle zur Verfügung gestellt und wir waren gerade dabei, sie umzubauen, Wände einzuziehen, Waschräume und Toiletten einzubauen. Aber dann kam die Order von ganz oben und wir mussten auf die Schnelle hundertzwanzig Menschen unterbringen. Aber die Hemidis hatten Glück. Sie waren die ersten hier und konnten einen der bereits abgeteilten Räume beziehen.“

Er öffnete eine Tür, die in einen schmalen Flur führte. Aus den Zimmern rechts und links drangen Kinderstimmen.

„Wir haben hier vier Räume für Familien mit kleinen Kindern. Die Hemidis leben ganz hinten.“

Der Einrichtungsleiter klopfte an die Tür und wartete, bis sie von einem hageren dunkelhaarigen Mann geöffnet wurde. Als der Flüchtling sie sah, drehte er sich um und rief etwas in den Raum.

„Er sagt seiner Frau, dass Besuch da ist und sie ihr Kopftuch aufsetzen soll.“

„Sprechen Sie Arabisch?“, fragte die Kommissarin.

„Ein bisschen was lernt man zwangsläufig bei der Arbeit. Es ist eine schöne Sprache. Aber es gibt so viele Varianten, dass selbst die Geflüchteten untereinander sich nur schwer verständigen können. Ich setze auf Englisch und die ehrenamtlichen Dolmetscher.“

Sie betraten den kleinen Raum. Der Mann deutete auf zwei Kissen auf dem Boden und bat sie, Platz zu nehmen. Seine Frau wollte das Zimmer verlassen, um in der Gemeinschaftsküche Tee für die Besucher zu kochen.

Der Einrichtungsleiter hielt sie zurück. „Please stay. We found your son.“

Die Frau sah ihren Mann an, der kaum merklich nickte und stellte sich in den hinteren Teil des Zimmers, wo sie fast nicht mehr zu sehen war.

„Wollen wir nicht einen Dolmetscher holen?“, erkundigte sich Lisa Wertheim.

Der Leiter schüttelte den Kopf. „I am very sorry, but I have to tell you that your son is dead. The police found him in Büsum on a …”

“Playground”, ergänzte die Kommissarin. “I am from the police Schleswig-Holstein and I have to ask you some questions.”

Der Vater drehte sich langsam zu seiner Frau um, schloss sie in seine Arme und übersetzte das Gehörte. Ein Schrei zerriss die Stille im Raum. Der Mann flüsterte Worte, die sie trösten sollten. Es misslang. Sie hörte nicht mehr auf zu schreien.

„Wir brauchen sofort einen Arzt“, entschied der Einrichtungsleiter. „Zum Glück ist gerade einer im Haus.“

Er eilte aus dem Raum.

Die Kommissarin überquerte den engen Flur zur Gemeinschaftsküche, um ein Glas Wasser zu holen. Die Türen zu den anderen Zimmern standen offen. Frauen, Männer und Kinder drängten heraus und starrten sie an. Dann schlüpfte eine ältere Frau mit zwei kleinen Mädchen an der Hand in das Zimmer der Hemidis. Die Kommissarin vermutete, die kleinen Schwestern des toten Jungen und hoffte, dass ihre Anwesenheit die Mutter etwas beruhigen würde.

Als sie mit dem Glas zurückkam, eilte der Arzt in das Zimmer und ging zu der Frau, die immer noch schrie. Er löste sie vorsichtig aus den Armen ihres Mannes, führte sie zu dem gemachten Bett und zog sein Stethoskop aus der Tasche. Der Ehemann beobachtete ihn mit starrem Blick.

„Würde es gehen, dass Sie sie durch die Bluse hindurch untersuchen?“, fragte Lisa Wertheim und stellte das Wasser auf den Tisch.

Der Mediziner tat wie geheißen. „Ihr Herz schlägt unregelmäßig, ihr Puls flattert und ihr Blutdruck ist sehr niedrig“, erklärte er, „ich würde sie gerne zur Überwachung in ein Krankenhaus bringen lassen.“

„Ist das wirklich nötig?“

„Besser wäre es schon, wenn sie eine Weile unter Beobachtung wäre. Die Signale könnten Vorzeichen eines Herzinfarkts sein.“

„Sie hat gerade eben erfahren, dass ihr Sohn ermordet wurde. Mir wäre es wohler, wenn sie hierbleiben könnte. Im Krankenhaus kann sie sich nicht verständigen. Sie spricht kein Deutsch.“

„Ich werde ein Auge auf sie haben“, versprach der Einrichtungsleiter. „Sagen Sie mir einfach, auf was ich achten soll.“

Der Arzt lenkte ein, instruierte den Leiter und gab der Frau ein Valium. „Ich werde morgen auch noch einmal nach ihr sehen.“

Lisa Wertheim trat zu dem Vater. „I go now, wait until your wife is better. But I have to come back tomorrow. I have to ask you some questions.“ Sie wandte sich dem Einrichtungsleiter zu. „Und dann brauche ich einen Dolmetscher.“

***

Nachdem er seine Familie zum Bahnhof gebracht hatte, kehrte David Menger in der Dorfkneipe ein. Am Tresen saßen die zwei Männer, die er hier immer traf, ansonsten war die Kneipe leer. Er nickte ihnen zu und setzte sich an einen der Tische. Ungefragt brachte ihm der Wirt eine Limonade. David holte Block und Stift aus seiner Tasche und dachte an Berlin. Er bereute sein Versprechen von vorhin, hatte sich noch nicht entschieden, ob er sich der Anhörung jetzt schon stellen wollte. Es würde den Mann, den er erschossen hatte, nicht wieder lebendig machen. Er ließ sich die Option, sich krankschreiben zulassen und noch ein paar Wochen hierzubleiben und nachzudenken, durch den Kopf gehen. Er liebte sein Leben am Strand. Dort lagen wenigstens keine Leichen herum. David griff nach dem Stift und zog einen horizontalen Strich in der Mitte des Blattes. Auf die eine Seite malte er ein Plus, auf die andere ein Minus. Einer der Gäste steckte einen Euro in die antiquierte Musikbox. Aus den Lautsprechern erklang ein Lied von Marianne Rosenberg. Unbewusst wippte er mit dem Fuß den Takt, konnte aber nicht mehr nachdenken. Er nahm eine Pille aus der Hosentasche und schluckte sie. Kein Kokain, kein Speed. Das hatte er Simone versprochen. Nach einer Weile raste sein Herz, aber sein Gehirn funktionierte hervorragend. Er schob noch eine Pille hinterher.

Gegen Mitternacht entließ ihn der Wirt in die stille Nacht und schloss hinter ihm ab. David schlenderte zum Strand, freute sich, dass es nicht regnete. Er zündete sich eine Zigarette an, inhalierte tief und rauchte hastig. Ein Schwindel ergriff ihn. Er sank auf die Knie, konnte seinen Oberkörper nicht mehr halten. Als der Sand seine Wange berührte, wurde ihm schwarz vor Augen und er dachte, dass der Strand ein guter Ort sei, um sich auszuruhen.

*****

-3-

Er kann nicht schlafen, seine Gedanken kreisen um den Jungen auf dem gepunkteten Stoff, den er getötet hat. Er versteht nicht, wie das passieren konnte. Er hatte ihn doch lieben wollen. Dann denkt er an den Riss in seiner karierten Hose. Er erinnert sich nicht, irgendwo hängen geblieben zu sein, egal, wie oft er darüber nachdenkt. Dennoch befürchtet er, in der Laube eine Spur hinterlassen zu haben.

Eine Zeit lang lauscht er den regelmäßigen Atemzügen seiner schlafenden Frau, aber auch die beruhigen ihn nicht. Das Gefühl, innerlich zu platzen, lässt ihn aufstehen und ins Bad gehen. Kurz danach steht er angezogen auf der ruhigen Straße und steigt in sein Auto.

Es dauert nicht lange, bis er Büsum erreicht, stellt den Wagen in einer Querstraße ab und spaziert zum Spielplatz; ein Tourist, der von dem tragischen Ereignis gehört hat, falls ihn jemand anspricht. Er hofft auf andere Gaffer am Absperrband, will wissen, wie sie über den Tod des Kindes denken und ist enttäuscht, niemanden zu sehen. Es ist noch zu früh am Tag. Ein Uniformierter sichert den Fundort, blickt müde in seine Richtung. Automatisch legt er eine Hand auf den Riss in der Hose. Dann dreht er sich abrupt um und eilt mit heftig klopfendem Herzen zurück zum Auto.

Er verlässt Büsum am gegenüberliegenden Ende, irrt eine zeitlang ziellos auf Nebenstraßen über das flache Land, ahnt die See hinter dem Deich und beschließt, am Strand spazieren zu gehen, dem Wind die Chance zu geben, seine Unruhe zu verwehen. Er stellt den Wagen auf einem leeren Parkplatz ab und steigt aus. Als er den Deich erklimmt, dämmert es und er bemerkt ein dunkles Bündel im Sand. Ernähert sich vorsichtig und stupst es sanft mit der Schuhspitze an. Stöhnend dreht sich der Mann auf den Rücken und öffnet langsam die Augen.

Er streckt dem Liegenden beide Hände hin. „Können Sie aufstehen?“

Der Andere starrt in den blassgrauen Himmel, fixiert ihn dann und ergreift die helfende Hand, wankt ein wenig, als er endlich steht.

Er greift den Oberarm und stützt den Fremden. „Haben Sie die ganze Nacht hier gelegen?“

Die Antwort ein Schulterzucken.

„Ist alles okay mit Ihnen?“

„Es geht schon. Gehen Sie ruhig weiter.“

„Das kommt gar nicht in Frage. Ich begleite Sie zu Ihrer Unterkunft. Ich kann Sie doch jetzt nicht alleinlassen.“

Der Andere klopft sich umständlich den Sand von der Kleidung, schüttelt den Kopf und schwankt wieder bedrohlich.

Er stützt und betrachtet ihn sorgenvoll. „Vielleicht ist es besser, wenn ich einen Arzt rufe?“

„Nicht nötig“, wehrt der Fremde ab, macht sich von ihm los und setzt sich langsam in Bewegung.

Er folgt ihm bis zu einem kleinen Ferienhaus. Der Andere dreht sich noch einmal um, ruft ihm ein „Danke“ zu und winkt ihm zum Abschied.

***

David Menger schloss die Tür und stellte sich vor Kälte ziternd an das Fenster, sah seinem Helfer mit der eigenartigen karierten Hose so lange hinterher, bis er aus seinem Blickfeld verschwunden war. Froh, den Mann so schnell losgeworden zu sein, ließ er sich auf den Stuhl sinken, saß eine Weile einfach nur da, dachte an nichts. Dann bog er seinen schmerzenden Rücken durch und streckte sich. Die Kälte der Nacht hatte sich in seinen Knochen eingenistet, eine kleine Dosis Koks würde seine steifen Glieder wärmen und die Schmerzen vertreiben. Er stand auf, setzte sich wieder, dachte an seine Frau und was er ihr versprochen hatte und rührte das Rauschmittel nicht an, legte sich stattdessen ins Bett, hüllte sich in die Decke, die noch nach seiner Tochter roch und schlief sofort ein.

***

Hauptkommissarin Nina Schwarz von der Berliner Mordkommission hatte die halbe Nacht damit zugebracht, das Für und Wider ihrer Aktion gegeneinander auszuloten. Gegen zwei hatte sie die Innenstadt verlassen, seit halb drei war sie auf der Autobahn. Vier Stunden später hatte sie an einem Rastplatz etwas gegessen und eine Stunde geschlafen. Ihr Ziel erreichte sie kurz nach zehn.

Nina Schwarz betrat die Bäckerei und bestellte sich einen Kaffee und zwei belegte Brötchen. Als die Verkäuferin das Gewünschte brachte, erkundigte sie sich nach David Menger.

„Der Herr vom Strand“, lächelte die Einheimische. „Er wohnt in dem Ferienhaus meiner Schwägerin. Hat gestern schon Besuch gehabt von seiner Frau und seiner Tochter. Und wer sind Sie?“

„Seine Kollegin von der Kriminalpolizei in Berlin.“

Die Bäckerin lachte. „Und mir hat er erzählt, dass er bei der Post arbeitet.“

„Damit kommt er immer gut durch“, grinste Nina Schwarz. „Nehmen Sie es ihm nicht übel. Wahrscheinlich will er nicht, dass jeder hier weiß, dass er Polizist ist.“

„Das tue ich bestimmt nicht. Sind Sie außer Kollegin auch eine Freundin?“

Nina strich sich eine krause Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte. „Sie sind ziemlich neugierig.“

„Hier passiert ja auch nicht viel“, erklärte die Bäckerin. „Aber Sie müssen mir nicht antworten.“

„Ich denke schon, dass ich auch eine Freundin bin“, sagte die Kommissarin zögernd.

Die Bäckerin lächelte, verschwand nach hinten, kehrte mit einer Tüte Brötchen zurück und erklärte ihr den Weg.

Nina Schwarz fand den Parkplatz sofort, stieg über den Deich und betrat den weiten Strand. Dort verharrte sie eine Weile, beobachtete das Spiel der Wellen, deren Schaum wie kleine Füße den feuchten Sand auf und ab liefen, sog den feuchtsalzigen Geruch ein und schlenderte weiter zu ihrem Ziel. Eine halbe Stunde später klopfte sie an die Holztür, die nicht geöffnet wurde, umrundete das Häuschen, lauschte, ob sie drinnen Geräusche hörte. Dann drückte sie die Tür einen Spalt auf, rief leise nach ihrem Kollegen und ließ den Blick durch den dämmerigen Raum gleiten. Sie griff sich einen Stuhl, setzte sich ans Fenster und wartete. Zwanzig Minuten später sah sie David langsam näher kommen. Er hatte den Kopf gesenkt und die Hände in den Hosentaschen vergraben. Er erschrak, als er sie am Fenster entdeckte und riss die Tür auf. „Was machst du denn hier?“