Das Traubenzimmer - Astrid Korten - E-Book

Das Traubenzimmer E-Book

Astrid Korten

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Beschreibung

Ein unwiderstehlicher Roman über den Duft der Kindheit, den Zauber der Leichtigkeit, die Magie der Liebe und die Farbe im Leben. Manon Blancart lebt seit zwei Jahren in dem Pariser Appartement ihrer Schwester Amélie, das aufgrund der einstigen Liebe der Besitzerin zu einem Winzer „Das Traubenzimmer“ genannt wird. Eines Tages erhält Manon eine Eintrittskarte zur Ausstellung „Les Aimants“ im Musée d'Orsay und ein Bündel Briefe ihrer Schwester. Amélies Zeilen führen Manon nicht nur in eine schicksalsreiche Vergangenheit, die eng mit dem Traubenzimmer verknüpft ist, sondern auch zu einem flirrenden Sommer mit Lucien … Poetisch, gefühlvoll, zauberhaft. Ein Roman, der nachdenklich stimmt und mit einem besonderen Ende überrascht.

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Über das Buch

Amélie

Pour Amélie

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Zwei Jahre zuvor

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Weitere Romane der Autorin

DU BÖSER; BÖSER JUNGE

MONDTEUFEL

Über die Autorin

Impressum

Copyright © 2017 Astrid Korten, Ferd. Weerth.-Str. 31, 45219 Essen / All rights reserved.

Coverdesign: Manuela Wirtz, www.manuwirtz.de

Covermotiv: © Fotolia: 62404712 | Urheber: Minerva Studio, 70946377 | Urheber: kovaleva_ka, 24643608 | Urheber: Rostislav Sedlacek, 91457027 | Urheber: LiliGraphi.

www.astrid-korten.com

www.facebook.com/Astrid.Korten.Autorin

Über das Buch

Manon Blancart lebt seit zwei Jahren in dem Pariser Appartement ihrer Schwester Amélie, das aufgrund der einstigen Liebe der Besitzerin zu einem Winzer „Das Traubenzimmer“ genannt wird.

Eines Tages erhält Manon eine Eintrittskarte zur Ausstellung „Les Aimants“ und ein Bündel Briefe ihrer Schwester Amélies. Ihre Zeilen führen Manon nicht nur in eine schicksalsreiche Vergangenheit, die eng mit dem Traubenzimmer verknüpft ist, sondern auch zu einem flirrenden Sommer mit Lucien …

Ein unwiderstehlicher Roman über den Duft der Kindheit, den Zauber der Leichtigkeit, die Magie der Liebe und die Farbe im Leben.

Poetisch, gefühlvoll, zauberhaft, und ein Roman, dessen Ende überrascht. (WAZ)

Amélie

„Manchmal muss man den Boden unter den Füßen verlieren und die wichtigen Dinge des Lebens klären, um im siebten Himmel die Magie der Liebe zu erfahren …“

Pour Amélie

„Ich möchte das Rauschende, Volle, Erregende der Farbe geben, das Mächtige.“

Paula Modersohn-Becker

Prolog

Gegenwart – Paris, Dezember 1983

An einem Tag, der nicht so zufällig war, wie er sich dem Anschein nach gab, führte der Windstoß des Schicksals Clement Rozier, Polizeibeamter im 8. Arrondissement, in das Musée dʼOrsay. Es war eine Schnapsidee, so kurz vor Ende seiner Mittagspause ins Museum zu gehen, zumal eine wichtige Besprechung im Polizeipräsidium anstand. Clement beabsichtigte, seine Frau heute Abend mit zwei Tickets für eine Führung durch die aktuelle Ausstellung zu überraschen, und bei der Gelegenheit Jacques kurz Hallo zu sagen. Sein Ex-Kollege arbeitete dort seit seiner Pensionierung als Wachmann und verfügte immer über ein kleines Kontingent an Eintrittskarten.

Das Museum am Quai Anatole France machte seit Tagen mit seiner Themenausstellung Les Aimants Schlagzeilen. Die Hauptattraktion waren die Werke von Gustav Klimt wie Der Kuss oder Danaë, aber auch andere Gemälde zum Thema Liebe. Ihnen galt jedoch nicht sein Interesse. Es war seine Sehnsucht nach Marc Chagalls ‚Liebende von Vence‘, die Clement außerdem ins Museum trieb. Als hoffnungsloser Romantiker schwärmte er für Chagall. Seine Bilder waren für ihn der Inbegriff der Liebe.

Am Eingang begrüßte ihn eine wohlklingende Stimme. „Clement! Das ist aber eine angenehme Überraschung, mein Freund.“

„Hallo Jacques.“

Sein ehemaliger Kollege musterte ihn erfreut durch seine rotumrandete Brille, hielt den Kopf leicht schief und schaute ihn erwartungsvoll an. Clement verstand den Wink sofort. „Du hast eine neue Brille! Steht dir ausgezeichnet, Jacques.“

„Stimmt. Ist bis jetzt niemandem aufgefallen.“ Jacques grinste stolz. „Meine Frau meinte, dass ein wenig Farbe selbst in meinem Alter nicht schaden könnte.“

„Farbe ist Leben, mein Lieber.“ Er lächelte. „Deine Frau hat jedenfalls einen guten Geschmack.“

„Was treibt dich ins Museum, mein Freund? Der neue Chagall?“

„Ja, der auch. Ich möchte Marlène mit einer Führung durch die neue Ausstellung überraschen, Jacques. Hast du eventuell noch zwei Karten für mich?“

„Aber sicher, Clement. Möchtest du vorher noch einen Blick auf die Bilder werfen? Sie sind großartig.“

„Das würde ich sehr gern, Jacques“, erwiderte er.

Gemeinsam schritten die Männer durch die Gemäldegalerie des Museums, die den ehemaligen Bahnhof Gare dʼOrsay noch immer erkennen ließ. Dabei fiel Clement auf, dass es in dem üblicherweise perfekt ausgeleuchteten Seitenflügel der Galerie überraschend schummrig war. Statt des gleichmäßig von oben herabfallenden Lichts breitete sich in gewissen Abständen ein gedämpfter blauer Lichtschimmer von den Fußleisten nach oben aus. Er konnte nicht anders und schmunzelte. Blau förderte die Wachsamkeit. Ein ehemaliger Dieb wie er wusste alles über diese Dinge.

Vielleicht war das mal anders – vor vielen Jahren, als er noch ein Jugendlicher war, aber mittlerweile war er als Polizist selbst daran gewohnt, bei seiner nächtlichen Streife entlang der Seine von den vielen kleinen Lämpchen der Pariser Wahrzeichen oder den Laternen angestrahlt zu werden und dabei wachsam zu bleiben.

Als pubertierender Teenager hatte er es jedoch oft vermasselt. In belebten Läden oder am Strand von Étretat glitten ihm die heimlich geschnappten Dinge von den Touristen gern aus den Fingern. Sie fühlten sich an wie Fremdkörper, die nicht in seine Hand passen wollten. Dann rannte er zum Strand, weil die Gegenstände leicht zitterten, sich selbstständig machten. Und sobald er das spürte, fielen sie auch schon zu Boden oder in den Sand. Er sah dann traurig auf und erblickte in der Ferne seinen Leuchtturm. Nur eine Silhouette, im Atlantiknebel schwebend, wie ein Tagtraum.

Aber heute passierte ihm das nicht mehr. Aus dem einstigen Dieb war ein Hüter des Gesetzes geworden. Und natürlich sah er auch den Leuchtturm nicht mehr, denn er lebte in Paris und nicht in seinem Geburtsort Étretat, hoch über der Alabasterküste der Normandie, mit den steilen Klippen und außergewöhnlichen Felsformationen, die den malerischen Ort auf beiden Seiten umrahmten.

Clement zeigte auf den Seitenflügel. „Was ist das, Jacques?“

„Die Sicherheitsanlagen wurden optimiert. Blau ist der letzte Schrei. Hält uns bei Laune, meinten die verantwortlichen Sesselfurzer. Als würden wir den ganzen Tag schlafen. Egal. Komm, dort drüben geht es zur Ausstellung Les Aimants. Du wirst begeistert sein.“

Er zögerte nicht den Bruchteil einer Sekunde Jacques zu folgen.

„Alle Welt stürzt sich sofort auf den Klimt“, schwärmte Jacques, nachdem sie den Raum betreten hatten, „aber ich habe nur Augen für L' amour perdu von Amélie. Schau dir dieses Bild mal an, Clement!“

Seine Augen blickten in die von Clement angedeutete Richtung. Das Bild zeigte einen Weinberg in der Provence. Je länger Clement es auf sich wirken ließ, umso intensiver schimmerten die Farben. Auch das Licht änderte sich und nach einer Weile nahm er die zarten Zeilen zwischen dem Blau wahr. Nur eine einzige runde, blaue Traube überblickte das Geschehen als klar definierter Kreis. Sie war es auch, die lilafarbene Reflektionen in die sonst bläulich, vernebelte Umgebung warf. Alles fügte sich zu einer farbenprächtigen Komposition aus blauen Trauben, Lavendel und handgeschriebenen Zeilen zusammen. Der Zauber des Bildes fing Clement sofort ein. Aber da war noch etwas anderes. Plötzlich schlug sein Herz ein wenig schneller. Verdammt! Natürlich! Amélie!

„Sag mal, heißt die Künstlerin Amélie Blancart?“, erkundigte er sich.

„Ja“, antwortete Jacques. „Kanntest du sie vielleicht? Einer der Kuratoren hat das Gemälde vor zwei Jahren in einer kleinen Galerie entdeckt und sofort gekauft. Sie hat es kurz vor ihrem Tod gemalt. Wundervoll, nicht wahr?"

Er nickte.

Jacques hob die Augenbrauen. „Geht es dir nicht gut, Clement? Du bist plötzlich so blass um die Nase.“

Verdammt! Das darf nicht wahr sein. Ich habe sie vollkommen vergessen, dachte Clement. Er drehte sich um. „Sorry, ich muss los, Jacques. Wir haben gleich eine Besprechung und ich muss vorher dringend etwas erledigen, das keinen Aufschub duldet. Sei mir bitte nicht böse.“

Jacques verzog keine Miene und schien kaum Verständnis für seinen plötzlichen Aufbruch zu haben. Er schaute ihn mit einem „Das-kann-doch-nicht-dein-Ernst-sein“-Blick an, den Clement seit Ewigkeiten kannte.

„Du musst tun, was du tun musst, mein Freund. Ich begleite dich noch zum Ausgang, damit du keine Scherereien bekommst.“ Jacques sah ihn an, als wäre seine Sympathie für ihn in Gefahr. „Möchtest du die zwei Eintrittskarten mitnehmen?“

„Ja, bitte. Danke, Jacques. Wären drei auch möglich?"

„Sicher.“ Jacques nahm die Eintrittskarten aus der Tasche seiner Uniformjacke und reichte sie Clement. „Ein Geschenk von mir. Ich wünsche dir noch einen schönen Tag. Bis morgen, Clement. Und pass auf dich auf!“

„Bis morgen, Jacques“, erwiderte er und verließ das Museum.

Wie konnte ich nur ihre Briefe vergessen?, dachte er. Wie konnte ich Amélie vergessen?

In seinem Wagen stellte sein Gehirn in fünf Sekunden einen Weltrekord im Möglichst-viele-Entscheidungen-treffen auf, und Ich-werde-mich-heute-zum-Abendessen-nicht-verspäten, lautete seine erste Entscheidung. In Momenten emotionaler Erregung behandelte er seine Gedanken gern sehr ausführlich. Insofern war ihm klar, dass er jetzt seine zweite Überlegung sofort in die Tat umsetzen musste.

Er griff nach seinem Handy und wählte die Rufnummer seines Kollegen vom Polizeiarchiv. „Wann haben Sie heute Dienstschluss, Pierre?“ Er hörte einen Moment zu. „Okay, dann bin ich in vierzig Minuten bei Ihnen.“ Sofort ließ seine leichte Anspannung in der Magengegend nach.

Nach einer kurzen Besprechung im Polizeirevier begab er sich in das Archiv seiner Dienststelle. Der Karton stand neben anderen zahlreichen, achtlos einsortierten und erledigten Akten, vergessen und verdrängt. Clement öffnete ihn und fand darin die Akte von Amélie Blancart, einer geheimnisumwobenen Künstlerin, die Paris zu Lebzeiten mit ihren Bildern der Provence verzaubert hatte. Als er die Akte an einer ihm bekannten Stelle aufblätterte, fielen ihre blassblauen Briefe zu Boden. Eine Geschichte kam zum Vorschein.

Die Vorstellung, sich wieder der Sinnlichkeit ihrer Briefe, und ihrer Geschichte hinzugeben, war ein verlockender Gedanke, aber wozu? Er kannte Amélies Geschichte. Die meisten Menschen erlebten selten eine Leidenschaft, die so stark war und so früh kam, wie Amélie sie einst erfahren hatte. Wenn doch, so erinnerten sie sich ihrer mit einem Lächeln und taten sie als Schwärmerei ab, die mit der Zeit erlosch. Man wusste nie, wen die Liebe traf, wann sie zuschlug und ob sie von Dauer war.

Amélie hatte gewusst, dass man sich dem Anblick der Liebe nur aussetzen musste und dass sie kein Ende hatte, nur einen Anfang.

Clement bündelte die Briefe, fuhr mit dem Taxi in die Rue Velvet und warf sie in den Briefkasten von Amélies Schwester, Manon Blancart.

Auf dem Heimweg bestaunte er den blassblauen Winterhimmel. Je länger er hinaufsah, umso stärker glaubte er darin Amélies Lächeln zu sehen. Mit der Liebe musste man behutsam umgehen, dachte er, wie mit einem kleinen Mädchen, dem man versprach, dass es auf den Schultern festen Halt fand, wenn es die Äpfel vom obersten Ast stehlen wollte. Er dachte auch an Marlène, die er über alles liebte, und an das Glück, das wie ein Vogel hoch oben in der Baumkrone saß, die Flügel ausbreitete und sich von der Sonne wärmen ließ. Wie das Museum d‘Orsay selbst hatte dort auch jedes Bild seine eigene Geschichte. Heute würde er seiner Frau Amélies Geschichte der Liebe erzählen. Seine letzte Überlegung war ein perfekter Abschluss für den heutigen Tag.

Kapitel 1

Paris, Dezember 1983

Am Morgen wehte der Duft von Trauben, Rosen, Lavendel und Kräutern der Provence durch ihr Schlafzimmer. Ein perfekter Tag kündigte sich an. Dunkelblaue Trauben schimmerten sanft in einer Glasschale und waren zum Greifen nah. Manon Blancart streckte verträumt die Hand nach ihnen aus und öffnete die Augen.

Ihr Blick fiel durch eine große Fensterfront auf die Dächer von Paris. Kein provenzalisches Vaison-la-Romaine. Kein Crescendo der Farben. Keine Weinberge, keine Lavendelfelder, keine Trauben, kein Duft nach Blau. Nur das Spiel der winterlichen Morgensonne, die durch die seidenen Vorhänge in ihr Schlafzimmer drang und den Teppich mit dem Rebenmuster dramatisch sprenkelte.

Eine kurze Nacht lag hinter ihr, in der Manon wieder einmal von ihrer Schwester Amélie geträumt hatte. Im Traum hielt Amélie ihre Hand und schlenderte mit ihr durch einen der lichtdurchfluteten Weinberge von La perle du soleil. Amélie pflückte während des Spaziergangs saftige blaue Trauben und ließ Manon davon kosten. Ein schöner Traum, dachte sie. Ein Traum, in dem der Geschmack und der Duft der Kindheit und die Farben lebendig wurden. Tollende Kinder, keine Wesen reiner Vernunft, mit denen man sich auseinandersetzen musste.

Aber nicht immer endeten ihre Träume so wundervoll, wie an diesem Morgen. In manchen Nächten hörte Manon die Mistralwinde geheimnisvoll flüstern und Wolken verfinsterten den strahlend blauen Himmel. Die Weinberge waren dunkel und trist. Dann wachte sie auf und fragte sich, warum die Natur sich mit aller Kraft aufbäumte, warum ihre Farben verblassten, warum der Himmel der Provence ergraute und die Trauben nicht mehr saftig und süß waren, sondern bitter schmeckten.

Manon kämpfte eine Weile mit sich, bis sie schließlich das Laken zur Seite warf und die Beine aus dem Bett schwang. Von draußen drangen Geräusche durch die geöffnete Balkontür. Sie schlüpfte in ihre Hausschuhe und zog den flauschigen Bademantel an. Dann trat sie auf die Terrasse und blickte auf die Straße hinunter. Jeden Dienstag war Markttag. Die ersten Händler bauten ihre Obst- und Gemüsestände auf. Ihr Blick schweifte fast träumerisch für einen kurzen Augenblick über das emsige Treiben. Ich werde all das hier vermissen, dachte sie.

Zwei Jahre in Frankreichs Hauptstadt lagen hinter ihr und die Wohnung ihrer Schwester war in dieser Zeit ihr Zuhause gewesen. Hier hatte sie ihre Trauer besiegt und sich irgendwann auch heimisch gefühlt. Dennoch gab es immer noch Dinge, die sie erledigen musste, um die Schatten der Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Manon seufzte. Der Gedanke, Amélies Wohnung endgültig zu verlassen, erschreckte sie. Dennoch erschien das Timing perfekt. Es wäre sinnlos, noch länger in Paris zu bleiben. Sie wurde in Vaison-la-Romaine erwartet. Der Mann, dem ihr Herz gehörte, hatte bereits vor einigen Monaten um ihre Hand angehalten und wollte nicht länger warten.

Sie musste eine Entscheidung treffen, denn sie würde in Kürze heiraten. Vielleicht hatte sie deshalb entschieden, sich von den blassblauen Briefen ihrer Schwester Amélie, die sie vor zwei Tagen in ihrem Briefkasten vorgefunden hatte, für immer zu trennen. Vielleicht hatte sie auch deshalb ihre Dachterrasse wieder in einen Garten verwandelt, wie zu Amélies Zeiten. An der Mauer rankte sich der Weinstock empor. Um diese Jahreszeit gab es Schneeheide, Christrosen und Skimmie, im Sommer betörend duftenden Lavendel, Geranien, nach roten, violetten und rosafarbenen Blüten gruppiert und Rosen.

Die Handwerker hatten den Giebel abgedichtet. Im Dachgeschoss bestand nicht länger die Gefahr, dass einem Mörtelbrocken auf den Kopf fielen. Die Wände waren weiß gekalkt worden, wobei die Männer darauf geachtet hatten, Amélies Rebenbordüren nicht zu übermalen.

Amélie … Ihre süße kleine Schwester, immer auf der Suche nach dem großen Glück und stets Stift und Papier zur Hand, weil sie das Allgemeingut, wie sie ihre verlorene Liebe genannt hatte, mit einer akuten Sehnsucht nach geschriebenen Worten kompensierte. Amélie brauchte keine Schokolade und kein Leberwurstbrot, keinen Trost der Betrübten, kein Herumirren in der Wohnung oder durch die dunkle Nacht, keinen grauen Nebel und kein eisiges Herz, um den Winter zu füttern. Amélie war Amélie, niemals durcheinander, leer oder ohne Ziel.

Doch dann war ein Mann in Amélies Leben getreten und auch Manons eigene Welt hatte sich seitdem schlagartig geändert.

Sie konnte endlich loslassen, weil ihre Schwester glücklich gewesen war. Das hatte sie immer geglaubt, bis neulich Amélies Briefe eintrafen – zwei Jahre nach ihrem Tod.

Amélie hatte ihren ‚Monsieur Inconnu‘ vor mehr als zwei Jahren im Pariser ‚Café de Flore‘ kennengelernt und dort hatte er ihr auch „Adieu“ gesagt. Amélie hatte sich damals oft gefragt, wie es zu dem Ende ihrer Beziehung mit Monsieur Inconnu gekommen war. Manon wusste nur, dass ihre Schwester seine Antwort schon vor dem Treffen gekannt hatte. Sie war hart und kurz gewesen: Es ist vorbei!

Wie kalt und unbarmherzig er doch gewesen war, dachte Manon. Immerfort waren seine Worte daraufhin im Rhythmus von Amélies Alltag wiedergekehrt. Und die Beklemmung, die Manon seitdem verspürte, weil sie glaubte, ihre Schwester könne eine Dummheit begehen, hatte ihr damals die Kehle zugeschnürt. Schon einmal hatte sie ein eigenes zerbrechliches Glück verlassen, um sich um Amélie zu kümmern. Manon war stets darauf konzentriert, auf Amélie zu achten, um nicht in deren Tränenpfützen zu treten.

Sie hatte Amélies Freund seinerzeit nie kennengelernt, wusste kaum etwas über ihn. Dass Amélie nach seinem „Nein“ aus Not und Trennungsschmerz angefangen hatte, Gedichte zu verfassen und ihr noch häufiger zu schreiben begann, erklärte ihr Verhalten nicht. Auf den Leinwänden entstanden mit einmal finstere Motive: dunkle Höllengestalten lösten die fröhlichen Weingötter ab. Die Farbe Blau, die für Amélies äußersten Ausdruck der Sensibilität stand, mündete in Schwarz - eine Farbe, die ihre Schwester verabscheute, weil sie wie das Meer den Tod gab.

Auch erklärte es Amélies überstürzte Abreise aus Paris in die Provence nicht. Aber Amélie hatte kein Mitleid gesucht. Ihr Herz hatte weiterhin nur für Monsieur Inconnu geschlagen, radikal, schonungslos, immer präzise, der Liebe verpflichtet.

„Manon, er ist Glück, er überwältigt mich. Ich weiß immer, wie es um mich steht, was mit mir geschieht. Dieses Wissen bedeutet, in jeder Sekunde an dem vergangenen Glück teilzuhaben, das mir bis ans äußere Ende folgt“, hatte Amélie am Telefon gesagt. „Dieses Eckchen Bewusstsein ist Voraussetzung für mein Überleben. Ist das nicht auch Glück? Meine Bilder, und meine Zeilen an dich geben doch dem Erlebten eine Stimme. Es bedeutet Zeugenschaft über mich und mein Leben, es ermöglicht mir, in die Vergangenheit einzudringen, seine Zuneigung, seine Liebe, seine Freundschaft und seine Lüge noch einmal zu durchleben. Nur in dieser Bewegung kann ich verkraften, was er mir angetan hat.“

Manon sah das gequälte Gesicht ihrer Schwester vor sich, ganz nah an ihrem, mit Tränen in den Augen. „Er hat mich geliebt. Eine solche Liebe hört nicht einfach auf. Ich glaube ihm kein Wort. Nach meiner Rückkehr aus der Provence werde ich mich noch einmal mit ihm treffen.“

Immer wieder kamen Manon Amélies letzte Worte vor ihrer Abreise in die Provence in den Sinn.

In Gedanken hatte sie ihre Schwester damals zum Bahnhof Gare du Nord gebracht und innig umarmt, ihr Gesicht hatte dabei langsam eine Wegstrecke aus Tränen, Lachen und Licht zurückgelegt. Und sie waren plötzlich wieder eine Einheit gewesen.

„Seine Liebe ist wie der Duft meiner Blumen auf unserer Dachterrasse, Manon. Durch diesen Mann betrat ich das Reich der Liebe und bin lebendiger denn je.“

In der Realität – am Telefon – hatte sie jedoch wütend geantwortet: „Aber wohin wird diese Liebe dich führen? Verdammt, Amélie, er hat die Beziehung beendet!“

Manon wünschte sich heute sehnlichst, die Szene würde von vorn beginnen, sie könnte die Uhr zurückdrehen und den Satz ungeschehen machen. Nichts begann noch einmal von vorn und sie klammerte sich stattdessen an Amélies Worte der Zuneigung, an ihre Zeilen, ihre Briefe, an ihre gemeinsame Kindheit und das Erwachsenwerden – an die letzten Tage und Wochen, die sie vor Amélies Abreise nach Paris miteinander verbracht hatten.

Amélie … Sie würde alles geben, um jetzt bei Amélie zu sein. Weil sie dann, in diesem Moment, ihre zarte Hand halten, ihr ins Gesicht blicken, ihre Stimme hören und sie um Verzeihung bitten könnte. Amélies Briefe waren immer wie eine Berührung gewesen, hatten ihr gemeinsames Lachen und Geflüster ersetzt. Sie erinnerte sich auch an die kleinen Zettel, die Amélie ihr als Siebenjährige in den Schulranzen gesteckt hatte. Ihre Handschrift war oft verwaschen und ihre Worte nicht besonders deutlich gewesen, bis die Sonne die Schrift erreichte und das Papier nach Mandarinen duften ließ. Worte, die sie glücklich gemacht hatten. Die letzten Briefe ihrer Schwester hatten Manon schier verzweifeln lassen. Um ein Leben zu erschüttern, gab es kaum etwas Besseres, als den Tod eines geliebten Menschen, hatte ihr Vater immer behauptet und Manon hatte das bis dahin immer geglaubt. Welch ein Irrtum!

Kapitel 2

Manon drehte sich wieder um und ging ins Wohnzimmer. Jeder einzelne Augenblick in diesem Raum war wichtig gewesen, Minute für Minute. Es schien ihr immer noch bedeutsam, sich alle Einzelheiten einzuprägen, um nicht Stück für Stück die Erinnerung auszulöschen. Doch die Zersetzung der Erinnerung hatte bereits begonnen. Bildete sie sich ein, dass Amélies Duft noch immer in diesem Raum hing? An der langen weißen Theke standen zwei Barhocker, mit weißem Leder bezogen. Eine Ledercouch und zwei Stoffsessel schimmerten in dezentem Violettblau. An den Wänden hingen zarte Aquarelle. Amélie hatte den einmaligen Zauber und das besondere Licht der Provence mit Pinsel und Farbe auf ihren Bildern eingefangen. Sie bestachen nicht nur durch idyllische Motive. Vielmehr entführten die Bilder den Betrachter in die Provence, machten Lust auf einen Spaziergang durch die von der Sonne liebkoste Weinberge oder die farbintensive Landschaft.

Beim Betrachten kamen die Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit auf. Sobald Manon die Augen schloss, konnte sie für einige Minuten dem Alltag entfliehen und Hand in Hand mit Amélie über die Lavendelfelder gehen, die lichtdurchflutet waren, wie dieses Zimmer. Grün-, Blau- und Violett-Töne dominierten auch den Wohnraum, weshalb das Appartement den Namen „Das Traubenzimmer“ erhalten hatte. Die Zimmerpflanzen sahen heute jedoch trostlos aus und ließen ihre Blätter hängen. Auf dem Couchtisch standen verwelkte Rosen und beleidigten Manons Augen. Entsetzt hielt sie den Atem an. So weit ist es mit mir gekommen. Die welken Rosenblätter erinnerten sie an all das, was sie vor zwei Jahren verloren hatte – Amélie, ihre Schwester, ihre Freundin, ihre Vertraute.

Einen verrückten Augenblick lang wollte sie Amélie anrufen. „Du ahnst nicht, wie leer mir das Traubenzimmer ohne dich vorkommt.“

Warum wollte sie Amélie dauernd erzählen, was sie komisch, traurig oder schrecklich fand? In welcher Stimmung sie war, wusste sie im Moment selbst nicht genau. Wahrscheinlich erweckte der Abschied von Amélies Wohnung alle drei Impressionen zugleich. Und dann diese Briefe, deren Inhalt sich in ihr Hirn gebrannt hatte.

Sie griff nicht zum Telefon, sondern stand einfach nur da, fühlte sich ausgelaugt und versuchte, die Leere ringsum zu ignorieren. Sie schloss einen Moment die Augen, verzweifelt bemüht, ihren Schmerz über Amélies Briefe zu verdrängen.

Nach einer Weile betrat Manon das Badezimmer. Im Spiegel blickte ihr eine sechsundzwanzigjährige Frau mit langen blonden Haaren entgegen. Das ovale Gesicht noch schmaler als sonst, die pfirsichzarte Haut blass, die blauen Augen voller Trauer. Mittelmeeraugen, hatte Amélie sie genannt.

Sie warf ihr Nachthemd achtlos auf den Boden, drehte den Hahn auf und stellte sich unter die Dusche. Während das Wasser auf ihren Körper prasselte, gingen ihr die Zeilen durch den Kopf, die sie gestern an Amélie geschrieben hatte und heute auf ihr Grab legen wollte.

*

Liebste Amélie,

zwei Jahre war ich nicht dort. Ich wollte dir nah sein und bin nach deinem Tod einfach in Paris geblieben.

Familie … „Du kannst sie nicht ausstehen, oder?“, meldet sich meine innere Stimme stets, sobald ich deswegen Gewissensbisse bekomme. Sie war schon immer eine miese Verräterin und darauf bedacht, mir ein schlechtes Gewissen einzuflößen.

Nein, ich liebe meine Familie.

Es kommt vor, dass man mit Leuten verwandt ist und nicht fühlt, dass sie einem nah stehen, und man sie verlässt. Freiwillig, zwei Jahre lang. Und nun die Idee, zurückzukehren und ihnen deine Briefe zu zeigen, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen, um zu sagen, wie viel Zeit noch bleibt. Um der Wahrheit Willen. Und seitdem …? Nichts.

Mit Papa, ja, manchmal telefonieren wir miteinander oder ich schreibe ihm. Er bedeutet mir viel. Und Großmutter. Sie weiß nicht mehr, dass sie meine Großmutter ist. Ihr Gedächtnis hat mich verloren und spielt ihr auch in anderen Dingen viele Streiche. Und Mama. Seit meiner Kindheit habe ich Angst vor ihr. Warum das so ist, weiß ich nicht genau. Ich erahne den Grund. Auch deshalb muss ich zurückkehren.

Es könnte so schön werden, wie in einem Roman, wo alles gut ausgeht. Wir würden uns am Ende mögen. Wir würden über dumme Sachen lachen. Die Augen verschließen vor Fehlern. Oder sie würden mir Vorwürfe machen, mir nichts verzeihen. Nur, was das sein könnte, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber gewiss würden sie weinen und schreien wie in sinnlosen Fernsehserien. Sie waren schon immer so.

Geheimnisse, Tränen, Vorwürfe. Damit kennen sie sich aus, Amélie. Aber was werden sie tun, wenn ich ihnen deine Briefe zeige, ihnen sage, dass ich danach nicht mehr wiederkomme? Dass ich ihr Geheimnis kenne und ihnen deswegen nicht verzeihen kann? Endgültig. Zerstöre ich damit nicht unsere Erinnerungen? Was wird passieren? Es ist nicht vorhersehbar. Und dennoch …

Ich muss ihnen sagen, was im Traubenzimmer geschehen ist, und warum ich in Paris geblieben bin. Ich habe nach zwei Jahren Abwesenheit beschlossen, trotz meiner Angst zurückzukehren und Mama und Papa wiederzusehen.

Es gibt im Leben viele Motivationen, die niemanden etwas angehen, als einen selbst. Die einen drängen wegzugehen und nicht zurückzublicken. Gleichzeitig gibt es genauso viele Motivationen, die einen dazu drängen, wiederzukommen.

Ich habe beschlossen, zurückzukehren, diese Reise zu machen und ihnen die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern, sie persönlich anzukündigen. Um so mir und den anderen ein letztes Mal die Illusion geben zu können, bis zu diesem absoluten Moment, mein eigener Herr zu sein. Sie werden mich dafür hassen. Wir werden sehen, was geschehen wird.

Ich habe Angst. Angst haben bedeutet, den Tod täglich in kleinen Schlückchen zu trinken, die Träume und Wünsche zunichtezumachen, die Zeit selbst zu löschen, hoffnungslos im Strudel des Nichts. Du weißt, wovon ich spreche.

In Liebe

Deine Manon

Kapitel 3

Paris, Dezember 1983

Der Friedhof Père-Lachaise wirkte auf Clement Rozier so friedlich, als kündigte er nach dem Tod ein erfülltes, glückliches Leben an. Vielleicht, weil die Tombes der großen Dichter und Denker, Schauspieler und Künstler dort lagen, umgeben von Bäumen, die tänzelnde Schatten auf die Gräber warfen. Er kannte ihre Biografien und die Geschichten von ihren Sorgen und Nöten am Tag und von ihren Erlebnissen in der Nacht. Sobald Clement den Friedhof betrat, kam es ihm deshalb vor, als würde er seine Freunde besuchen: Molière, Honoré de Balzac, Appolinaire, Chabrol, Delacroix, Edith Piaf, Maria Callas oder die Tänzerin, Jane Avril. Und unter all den Ruhestätten lag auch Amélies Grab. Sie hatte er persönlich gekannt.

Es war Vormittag. Noch war der Himmel über Clement weiß und matt wie schimmerndes Seidenpapier, aber die ersten Sonnenstrahlen durchbrachen bereits die Wolkenschicht. In der vergangenen Nacht hatte es geschneit und die Waldpfade waren mit einer pudrigen Schneeschicht überzogen.

Clement trat durch das Tor und wollte sich zu dem Teil des Friedhofs begeben, in dem Amélie begraben lag, als eine junge Frau in einem braunen Wollmantel an ihm vorbeieilte.

---ENDE DER LESEPROBE---