Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Fünf Jahre nachdem unsere Welt, so wie wir sie heute kennen, im Chaos versunken ist, fast Michael den Entschluss Richtung Süden zu wandern. Da die meisten Menschen tot sind und es keine Reserven mehr gibt, wird die Natur mehr und mehr zum Feind. Begleitet wird er auf dieser waghalsigen Reise voller Gefahren von dem stummen Jungen Ben. Beide müssen sich dabei permanent in acht nehmen, denn es gilt immer nur eines: Das Überlebensprinzip - Töte schneller, damit DU leben kannst! Doch ist dieser primitive Kampf ums Überleben wirklich alles? Nicht alle ihre Begegnungen sind hochgefährlich und so treffen sie immer mehr auch auf Menschen, die ihr Leben verändern: Bianca mit ihrem Hund Carlos und der Einzelgänger Lupus... Die Geschichte bleibt spannend bis zum Schluss, denn jeder Tag könnte der letzte sein.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 253
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Christian Ruf
Das Überlebensprinzip
Flucht nach Süden
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Mein Reisetagebuch
1. Tag
2. Tag
3. Tag
4. Tag
5. Tag
6. Tag
7. Tag
8. Tag
9. Tag
10. Tag
11. Tag
12. Tag
13. Tag
14. Tag
15. Tag
16. Tag
17. Tag
18. Tag
19. Tag
20. Tag
21. Tag
22. Tag
23. Tag
24. Tag
25. Tag
26. Tag
27. Tag
28. Tag
29. Tag
30. Tag
31. Tag
32. Tag
33. Tag
34. Tag
35. Tag
36. Tag
37. Tag
38. Tag
39. Tag
40. Tag
41. Tag
42. Tag
43. Tag
44. Tag
45. Tag
46. Tag
47. Tag
48. Tag
49. Tag
50. Tag
51. Tag
52. Tag
53. Tag
54. Tag
55. Tag
56. Tag
57.Tag
58. Tag
59. Tag
60. Tag
Impressum neobooks
Es ist wieder Vollmond und ich kann mal wieder nicht einschlafen. Mein Blick ist starr auf die helle rechteckige Fläche an der Wand gerichtet und ich betrachte die sich vom Wind bewegenden Schatten von den Ästen der kahlen Bäume. Doch der leuchtende Wintermond am sternenklareren Himmel ist nicht der Grund dafür. Denn auch wenn sich nie etwas ändert ist diese Unruhe da - vielleicht auch gerade wegen dieser abnormalen Stille die sobald nicht mehr enden wird? Dazu die lange eisige Kälte des Winters. Ohne Erbarmen ist er jedes Jahr wieder da. So auch jetzt.
Um meine Unruhe los zu werden und meine Gedanken zu ordnen habe ich mir überlegt dieses Tagebuch zu schreiben. Vielleicht hilft es mir ja ruhiger zu werden? Nun denn - dann fange ich mal an ganz von vorne zu erzählen:
Das „Ende“ von unserer glücklichen und funktionierenden Welt wie wir sie gewohnt waren ist nun schon ganze fünf Jahre her. Zunächst hatten wir alle noch die Hoffnung es würde nur vorübergehend so sein, sich bald alles wieder erholen oder größtenteils sich wieder einrenken. Aber allmählich wird meine Befürchtung immer stärker: Es ist unwiederherstellbar vorbei!
Mittlerweile habe ich mich an diesen neuen Zustand ganz gut angepasst. Es ist nach den letzten zwei Winter sogar noch ruhiger geworden. Menschen begegnen einem kaum noch mehr. Und das ist eigentlich auch ganz gut so. Man muss sich nicht ständig verteidigen oder permanent in der Angst davor leben.
Aber leichter ist es deswegen auch nicht geworden - denn nun ist es die Natur, die einem zum Feind wird, die einem jedes Jahr immer wieder eine Menge Kraft abverlangt und einen schleichend immer mehr zurückdrängt. Alleine ist man zu wenig um sich gegen sie behaupten zu können.
Noch bin ich mit meinen 24 Jahren jung, stark und gesund. Und genau deswegen muss ich mich bald entscheiden! Die alten Erinnerungen an mein ehemaliges Zuhause stammen aus einer anderen Zeit - und meine neueren Erinnerungen waren bislang nur die Hölle… Es wird sich nun mal nichts ändern können und genau das beunruhigt mich unterschwellig, glaube ich.
Warum gerade ich überlebt habe, weiß ich nicht. Vielleicht habe ich mich einfach nur mehr zurück gehalten und rechtzeitig davon gemacht? Niemand, der noch lebt, hat in den letzten Jahren ein sauberes Gewissen behalten können. So traurig es klingt, aber es gibt nur noch ein einziges Gebot welches man befolgen muss - das Überlebensprinzip:
„Töte schneller damit DU leben kannst.“
Das wird, so hoffe ich, irgendwann einmal nicht mehr das Leben bestimmen und dann wahrscheinlich nur noch sehr schwer zu verstehen sein. Aber jetzt ist es die Wirklichkeit in der wir leben müssen. Über Nacht war eine andere Welt entstanden die unsere bisherige Kultur und Werte völlig auslöschte!
Dabei war bei meiner Lebensplanung alles auf dem besten Wege gewesen: den Abschluss der Berufsausbildung in der Tasche, bald eine eigene Wohnung und meine Freundin mit der ich später einmal eine Familie gründen wollte… Das war von diesem Moment an vorüber.
Der Alptraum fing damit an, dass es wirtschaftliche Engpässe gab. So nannte man es zunächst in den Nachrichten. Aber das war ja an für sich nichts Außergewöhnliches. Bedenklich war nur, dass die weltweite Wirtschaft international kreuz und quer über den Globus verknüpft und völlig verschoben war. Die Macht im Lande hatten nun nicht mehr die Regierungen sondern zum Teil ausländische Firmen, die den Geldfluss lenken konnten und über Arbeitsplätze bestimmten. Die Abhängigkeit war enorm!
Als dann auch noch eine Energiekrise diese Leute unter Druck setzte, gab es ein paar sehr unschöne und heftige Reaktionen - nur um seine Machtposition und den Zugriff auf Ressourcen nicht zu verlieren. So konnten einzelne Konzerne beschließen, dass ganze Länder ohne Versorgung blieben. Stell’ dir vor du gehst jede Woche einkaufen um deinen täglichen Bedarf zu decken und es gibt so gut wie nichts mehr. Überall, in sämtlichen Läden. Das ging eine Weile gut bis der wenige Sprit einfach unbezahlbar wurde und nichts mehr nachkam. Die Wirtschaft blieb stehen und Reserven waren schnell verbraucht. Dann brach alles zusammen…
So kam es zu ersten Plünderungen, denn man hatte sich und seine Familie zu ernähren und niemand wollte was abgeben. Meine Eltern sind bei einem Versuch etwas zu organisieren nie mehr wiedergekommen.
In den Dörfern auf dem Land versuchte man sich zu organisieren und sich autark mit Hilfe der Landwirtschaft zu versorgen. Das ging so lange gut bis die Menschen aus den Großstädten kamen. Wir alle zusammen waren einfach zu viele. Während die einen angstvoll bereit waren alles zu tun um gemeinsam durchzukommen, nahmen die anderen eine Abkürzung: „Nimm’ dir was du brauchst und sei schneller!“ Ob als Einzelkämpfer oder in Banden - es war immer konsequent tödlich und ein Sieg für die Dreisteren. Viele gutherzige Menschen sind ihnen zum Opfer gefallen und als nur noch die Brutalen übrig waren, ist die Moral bei allen gekippt.
Ich schätze, dass von hundert Menschen nur zwei bis fünf übrig geblieben sind. Das letzte was man in den Radionachrichten hören konnte, war die Behauptung, dass es anderswo wieder besser wäre und bald Hilfe kommen würde. Das ist, wie schon gesagt, nun fünf Jahre her und ich glaube nicht mehr an einen neuen Anfang.
Ich werde nicht mehr auf eine Veränderung warten, sondern ich werde nun gehen! Am besten Richtung Süden und raus aus der tödlichen Kälte dieser Gegend hier. Denn gegen die Natur kann man nicht ankämpfen. Das muss ich gleich morgen früh Ben erzählen. Die Idee wird ihm bestimmt gefallen…
Ben war sogar mehr wie begeistert!!! Zumindest habe ich das an seinen Augen und Gesichtszügen deutlich erkennen können. Gesagt hat er wie immer leider nichts. Den ganzen Morgen waren wir intensiv am planen was wir für die Reise mitnehmen müssen. Hier in unserem kleinen Dorf haben wir ja genug von allem.
Die meisten Häuser stehen zum Glück noch, aber alle wurden aufgebrochen und die Scheiben der Fenster zertrümmert. Unser Ort unterscheidet sich somit nicht von anderen Ortschaften. Dennoch liegt er strategisch gut in einem kleinen Tal am Hang, umgeben von jede Menge Wald und ehemaligen Feldern, die längst überwuchert sind und zu einer schützenden Buschlandschaft mit vielen Tierpfaden verwildern. Für uns das ideales Versteck!
In einem der Häuser haben wir uns einquartiert. Mit allem Komfort den dieser Ort bietet. Denn Baumaterialien, Werkzeuge, Kleidung, Möbel, ja so ziemlich fast alles gibt es zur freien Verfügung in jedem Haus.
Dennoch sieht man von unserer Anwesenheit so gut wie nichts. Es kam nämlich oft genug vor, dass Fremde durch unser Dorf auf der Suche nach brauchbaren Vorräten zogen. Wehe die hätten Spuren von unserer Existenz entdeckt! So haben wir ein halb eingestürztes Haus ausgewählt in dessen niedergerissenem Teil wir unter dem Schutt ein Versteck eingerichtet habe - regensicher und warm verpackt. Geschlafen wird in einem Campingzelt. Das spart einem das Heizen im Winter. Und gewaschen wird sich in einer alten Wanne die Regenwasser aufnimmt - immer frisch!
Das Kochen ist natürlich auch so eine Sache, denn Rauch würde einen verraten. Somit geht der ganze Qualm in das Innere des restlichen Hauses wo es sowieso einmal gebrannt hatte. Das fällt kaum auf. Unsere Vorratskammern haben wir überall im Ort verteilt eingerichtet und gut versteckt. Denn als wir vor drei Jahren einmal völlig ausgeplündert wurden, war das ein echtes Desaster! Es sind nun aber nur noch wenige Restbestände der Konserven, die wir aus dem ganzen Ort zusammengetragen hatten, übrig. Und diese gehen bald zu neige.
Grundsätzlich müssen wir uns von dem ernähren was die Natur einem so bietet. Man hat ja sonst aber auch nichts zu tun. Keine Arbeit oder Schule, keine Verpflichtungen oder Vereine. Jede Menge Zeit, die man für das Fällen von Bäumen von Hand, das Kleinhacken der Stämme und Äste oder für die Ernte und Jagd verwenden muss. Was unser Dorf so besonders attraktiv macht, sind die vielen Obstbäume und der Fischteich unten im Tal - eigentlich mochte ich noch nie Fisch.
Säen und Ernten habe ich bald aufgegeben. Es ist auch viel zu gefährlich Spuren von Leben zu hinterlassen. Selbst ein frisch geschlagener Baumstumpf kann einen verraten und muss vorsorglich getarnt werden. Im Endeffekt hat man gelernt mit Ressourcen sparsam umzugehen. Zwar besitze ich auch eine Waffe mit ausreichend Munition. Aber ich benutze mein Gewehr nur zur Verteidigung wenn es mal gar nicht anders gehen sollte. Jeder Schuss ist unwiederbringlich. Da muss man schon einen guten Grund für haben…
Im Überfluss besitze ich jede Menge elektrische Geräte. Ob Haushalt oder Handwerk - es ist sogar alles mehrfach vorhanden. Blöderweise nur kein Strom und kein Sprit. Die geilsten Computer, Mobiltelefone und Fernseher! Wofür nur??
Einzig gut sind die vielen Klamotten. Okay - mehr wie die Hälfte davon ist eigentlich nicht für Männer. Das Problem ist nur, es wird danach keine Neuen mehr geben. Wenn mir beim Arbeiten etwas zerreißt, dann ist es nicht mehr zu gebrauchen. Mir fällt es am ehesten bei den Schuhen auf. Die halten nur wenige Jahre. So habe ich mir angewöhnt so oft als möglich ohne auszukommen. Was ja ganz nett ist im Sommer. Aber von Oktober bis in den April ist es nicht zu empfehlen barfuß zu laufen da man sich leicht eine Erkältung einholen kann. Und welcher Arzt soll mir dann helfen? Wer erledigt die Arbeit für das Überleben während ich Fieber habe?!
Jedenfalls waren Ben und ich heute durch alle Häuser und Schuppen gegangen um unser Reisegepäck zusammen zu stellen. In einem der Häuser haben wir tatsächlich noch die Überreste eines toten Mannes entdeckt. Man, habe ich mich erschrocken! Wenn man so ganz unvorbereitet eine Kellertür aufmacht und es fällt einem so ein vertrockneter, gelederter „Zombie“ entgegen… Dabei hatte ich ganz am Anfang, als ich mir den Ort wegen seiner guten Lage ausgesucht habe, sämtliche Leichen eingesammelt und in den Wald weggebracht. Denn schließlich möchte man ja nicht auf einem Friedhof leben. Nun, den hier hatte ich wohl übersehen.
Zusammengestellt haben wir nun folgende Sachen:
- ein leichtes Zelt (sogar in Camouflage)
- zwei große Rucksäcke
- leichte Regenjacken (nur vom Feinsten)
- jeder zwei Cargo-Hosen mit vielen Taschen
- ein paar gute Wanderschuhe (fast ungebraucht)
- unsere Schlafsäcke
- verschiedene lange Unterwäsche
- breite Schals zum Einwickeln des Gesichts
- wärmende Handschuhe
- jeweils zwei Pullover und T-Shirts
(die werden wir dann unterwegs abwechselnd waschen)
- mehrere Paar Socken gegen Blasen
- je zwei Satz Unterwäsche
(werden nach Bedarf getauscht und gereinigt)
Dazu noch folgende Ausrüstung:
- mein Gewehr mit der Munition
- dazu eine Machete mit Gürtel
- jeder ein Taschenmesser
- unsere Angelhaken mit Schnur
(die Angelrute muss vor Ort gebastelt werden)
- ein Dosenöffner, ein Topf und zwei Löffel
(für Teller ist kein Platz mehr)
- viele Streichhölzer und ein paar Kerzen
- eine Pinzette für Dornen heraus zu holen
- ganz wichtig: ein Fernglas
- dazu unsere restlichen Lebensmittelvorräte und Dosen
Andere notwendige Sachen werden wir uns bei Bedarf immer wieder unterwegs organisieren müssen, sonst wird es zu viel zum Tragen…
Heute Morgen mussten wir mit Erschrecken feststellen, dass es neu geschneit hat! Knöcheltief ist alles in eine weiße, saubere Fläche verwandelt worden. Völlig deprimiert haben wir den ganzen Vormittag drinnen verbracht. Frischer Schnee ist gefährlich. Ich mag Schnee überhaupt nicht - er verrät jede Spur. Da muss man Tage warten bis die Oberfläche von der Sonne und den neuen Spuren der Tiere derart verändert wurde, dass einem die verwischten Abdrücke von Menschen kaum auffallen.
Aber es gibt noch einen Grund warum ich Schnee nicht mag. Er macht mir noch ganz andere Sorgen - vielleicht bin ich auch nur zu skeptisch geworden mit den Jahren? Jedenfalls haben wir die Zeit genutzt unsere Vorräte für die Reise zu sortieren.
Auf unserer Wanderung werden wir Ortschaften möglichst meiden und auch kaum Straßen benutzen können. Nur wenn wir unbedingt wieder neues Essen benötigen werden wir uns in einem Ort umsehen. Dafür brauchen wir das Fernglas. Man sollte mindestens einen Tag lang einen Ort beobachten. Falls dort Menschen leben, wird man sie früher oder später auch zu Gesicht bekommen. Dann weiß man Bescheid, dass man besser weitergehen sollte. Denn wer weiß wie viele insgesamt in so einem Ort leben? Deswegen gehen Ben und ich im Moment auch nicht vor die Tür - falls jemand uns beobachten sollte.
Noch immer liegt Schnee und es hat sogar noch mal nachgeschneit. Wie eine glitzernde Kristallfläche glänzt die Landschaft bei strahlend blauen Himmel und eisiger Kälte. Ich kann mich an einen Skiurlaub erinnern bei dem ich morgens früh zum Sonnenaufgang eine solche Schneepiste alleine herunter gefahren bin - es war so traumhaft schön!
Wir blieben also immer noch im Haus und warten ab. Nur Ben wurde es allmählich zu eintönig. Kann ich ja verstehen. Ihm wäre eine coole Schneeballschlacht oder ein Spaziergang im Schnee bestimmt lieber. Aber so etwas geht eben nicht. Gelangweilt schaute er durch das dreckige Fenster zwischen den Gardinen hindurch nach draußen. Plötzlich wurde er nervös. Er ging einen Schritt zurück und ließ die Gardinen langsam vor sich zufallen. Wie gebannt starrte er in eine Richtung schräg nach links durch das Fenster.
Ich schaute ihm zunächst ganz ruhig aber dann immer mehr angespannt von hinten zu. Eigentlich wollte ich etwas Feuer machen damit unser Haus nicht gänzlich auskühlt. Das musste jetzt erst einmal warten. Wir beide waren ganz still.
Dann schnippte Ben zweimal mit den Fingern: unser vereinbartes Zeichen für höchste Gefahr! Ganz langsam schob ich mich hinter ihn zum Fenster und schaute in dieselbe Richtung wie seine Augen blickten. Da sah ich sie:
Mindestens vier junge Kerle, wenn nicht sogar noch mehr, schlichen sich mit Waffen in der Hand durch die Straßen. Dass sie nicht zu denen gehören, die „Bitte“ sagen, erkannt man gleich. Es war eine Jugendbande ohne festes Zuhause.
Die Kälte und der Schnee treibt sie in die Dörfer. Diese jungen Kerle sind in einem Umfeld aufgewachsen wo man ums nackte Überleben kämpfen muss. Am besten geht das in einer starken, großen Gruppe. Das gefährliche an ihnen ist nicht nur ihre Gewissenlosigkeit, sondern ihre Suche und ihr Verlangen nach Alkohol. Das zusammen ist eine absolut tödliche Mischung.
Zum Glück sind Ben und ich auf solch einen Vorfall eingerichtet. Unser Raum wurde schnell in ein scheinbar nicht benutztes Zimmer umgeräumt. Dann gingen wir flugs runter in den Kellerraum. Dieser ist hinter einem Spalt in einer Zwischenmauer versteckt, dass man ihn von außen nicht erkennen kann. Gleichzeitig haben wir von hier aus aber eine weitere Möglichkeit das Haus unbemerkt nach hinten verlassen zu können und uns zwischen den Häusern und Schuppen aus dem Staub zu machen…
Ich nahm mein Gewehr und die Munition mit. Dazu unsere Messer, die Schuhe und jeder eine Decke. Wir mussten uns heute Abend wohl oder übel in den Wald zurückziehen und dort übernachten. Ben schnappte sich noch schnell das neue Fernglas. Gute Idee, fand ich. Unten im Keller versteckt mussten wir nun erstmal abwarten.
Draußen streiften die Kerle durch die Straßen des Ortes. Sie schienen sich sehr sicher zu fühlen. Jeder von ihnen hatte mindestens eine Schusswaffe. Es mussten insgesamt so etwa acht oder neun Jungs im Alter von höchstens zwanzig Jahren sein. Und ein Mädchen war auch mit dabei - eine seltsame Truppe.
Nach und nach gingen sie in jedes Haus und schauten nach etwas Essbarem. Als sie in unser Haus kamen, fiel mir mit Schrecken ein, dass wir vergessen hatten unsere gesammelten Lebensmittel zu tarnen. Wir hatten sie zusammen mit den anderen zusammengetragenen Reiseutensilien im großen Zimmer einfach liegen gelassen!
Ein lautes Rufen von oben bestätigte meine Befürchtung - man hatte sie wie auf dem Präsentierteller entdeckt. Jetzt blieb nur zu hoffen, dass keiner auf die Idee kommen würde den Besitzer dieser Sachen zu suchen. Ben und ich verhielten uns mucksmäuschenstill und lauschten. Die komplette Meute hatte sich nun im Haus versammelt. Froh über diesen Fund machten sie sich sofort über das Essen her. Es herrschte reges Diskutieren und lautes Rufen während sich um die Verteilung der Lebensmittel gestritten wurde. Wir warteten weiter ab.
Als die Gruppe der jungen Leute am späten Abend immer noch im Haus war, wurde klar dass sie hier noch mindestens über Nacht bleiben werden. Im Schutze der Dunkelheit würden wir nun unseren Keller besser verlassen müssen. Ich schob mich zuerst durch den Lichtschacht hinaus. Draußen krabbelte ich unter den Fenstern entlang durch den weißen und eiskalten Schnee bis an die Hausecke. Danach schlüpfte Ben aus unserem Kellerversteck. Die Hauswand warf einen halbdunklen Schatten auf die vor uns liegende Fläche des Hofes.
Hinter ein paar Holzbrettern lagen vorbereitet ein paar Tannenzweige mit denen wir unsere Spur verwischten. Wir gingen vorsichtig an der Wand entlang bis zur nächsten Hausecke. Von dort waren es nur drei Meter bis in die Nachbarscheune durch die wir ungesehen den Ort verlassen konnten… Solange keiner zufällig hier draußen herumliefe, durfte das auch kein Problem sein. In meiner Hand hielt ich mein Messer dennoch einsatzbereit. Allein der Gedanke, dass jederzeit jemand aus dem Haus kommen könnte, erzeugte eine ungeheure Anspannung. Vorsichtig spähte ich um die Ecke. Niemand war zu sehen. Das Gegröle im Haus war unverändert.
Rasch ging ich die paar Schritte rüber in die Scheune. Kaum drüben angekommen blickte ich zu Ben zurück. Er hatte Angst - das sah ich. Ohne Worte nickte ich ihm mit Bestimmtheit zu - los doch!
Er sprang mit klopfendem Herzen zu mir herüber. Im selben Moment ging die Tür auf und ein Typ kam heraus. Schnell griff ich Bens Ärmel und zog in zu mir. Jetzt bloß nicht bewegen oder weglaufen. Sonst hätten wir die ganze wilde Bande hinter uns her gehabt.
Wir pressten uns an die Wand neben der Tür. Irgendwie schien dieser Kerl nichts Bestimmtes vor zu haben. Er lief herum als wenn er etwas suchen würde. Wenn er dabei allerdings in die Scheune gekommen wäre, hätte ich schnell handeln müssen bevor er hätte rufen können. Ich zog also mein Messer aus der Scheide und hielt es in meiner rechten Hand bereit…
Plötzlich blieb er genau auf der anderen Seite unserer Holzwand stehen. Ich hörte sogar seinen Atem während wir unbeweglich versuchten nicht das kleinste Geräusch zu erzeugen. Er fing an irgendetwas wegzuräumen um Holzscheite für den Ofen hervorzuholen. Als er ein paar vom Stapel genommen hatte, hörten wir wie er schnell wieder ins Haus ging und dabei fluchte: „…scheißkalt!“
Nun wurde es aber höchste Zeit sich zu verdrücken. Wir verließen den Ort indem wir rückwärts auf den Spuren unserer Besucher liefen. Nur geübte Spurenleser würden den Unterschied zwischen den frischen und den alten erkennen können. Im Wald angekommen begaben wir uns in unser Notquartier in der Höhle im Steinbruch. Wir kuschelten uns eng aneinander weil es hier draußen zwischen den Felswänden doch einiges kälter ist wie in den Häusern. Morgen werden wir weitersehen…
Unsere Nacht wurde jäh durch einen Höllenlärm unterbrochen! Von unten aus dem Dorf drang ein fürchterliches Geschrei herauf und laute Schüsse schallten durch das Tal.
Aus dem Schlaf aufgeschreckt zog ich mir meine kalten und gefrorenen Schuhe an um aus unserem Unterschlupf in der Höhle raus ins Freie gehen zu können. Ben sagte ich noch, dass er besser dableiben solle. Der Lärm war zwar weit genug weg aber er klang überhaupt nicht gut. Er reichte mir noch das Fernglas.
Im Schutz des Waldes ging ich bis an den Heckenrand und blickte hinunter ins Tal auf unseren Ort. Erst sah ich nichts. Dann hörte ich wieder ein Rufen und laute Befehle - als ich plötzlich zwei der Kerle auf der Straße mit Messern kämpfen sah. Leider konnte ich nicht deutlich genug verstehen, was sie sich zuriefen oder was der Grund für die Auseinandersetzung war. Mit dem Fernglas beobachtete ich ihren heftigen Kampf.
Erst jetzt entdeckte ich noch mehr auf der Straße verstreut liegende Körper - die brachten sich gerade gegenseitig um! Wahrscheinlich waren die so besoffen, dass sie voll durchgedreht waren…
Plötzlich ergriff einer der Kämpfer eine herumliegende Waffe. Er schrie etwas von „aufhören“. Der andere warf im selben Moment sein Messer nach ihm und traf. Ein Schuss löste sich und verwundet sanken beide zu Boden. Danach herrschte Totenstille.
Die ganze restliche Nacht hatte ich die Situation noch weiter beobachtet. Aber es sah nicht gut aus. Niemand regte sich. Nun zog der Morgen langsam auf. Ein gelblich fahler Streifen erhob sich über dem Nebelgrau des Waldes.
Ich ging zu Ben zurück und erzählte ihm kurz was vorgefallen war während er mir mit ernstem Gesicht und bedeutungsvoll nickend zuhörte. Dann legte ich mich erstmal hin und schlief ziemlich unruhig und halb erfroren ein. Den Schlaf brauchte ich jetzt dringend.
-
Als ich aufwachte saß Ben schon voller Erwartung neben mir. Der gute Kerl hatte mich noch etwas länger schlafen lassen. Nach einem tiefgefrorenen Frühstück, welches wir durch stetiges lutschen und knabbern zu uns nahmen, machten wir uns auf den Weg.
Es gibt hier einen prima Ausguck: das Flachdach eines Wasserhäuschens. Es ist rundum mit Tannen und Gebüsch zugewachsen, liegt aber genau oberhalb des Ortes direkt am Hang und hat den perfekten Überblick auf alle Straßen und Gärten. Ich ließ von da aus meinen Blick mit dem Fernglas hin und her schweifen. Auch Ben durfte mal durchschauen. Zusammen kamen wir auf nur fünf leblose Körper im Außenbereich. Wo aber waren nur die anderen?
Gegen Mittag ging Ben kurz zu unserem Unterschlupf um uns etwas zum Essen zu holen. Den ganzen Vormittag hatte sich an der Szenerie unten nichts verändert. Waren die restlichen der Gruppe etwa abgehauen? Das konnte aber nicht sein, da sie die auf dem Boden liegenden Waffen bestimmt nicht einfach so zurückgelassen hätten. Es nutzte nichts - wir warteten noch die nächste Nacht ab. Ben war davon überhaupt nicht begeistert. Unser Proviant hier draußen war längst nicht so gut wie im Haus. Tiefgefrorene Erbsensuppe in Stücke schlagen und wie ein Eis schlecken ist nicht jedermanns Geschmack. Aber meine Entscheidung stand fest. Abwarten war schließlich eine der Gründe warum ich noch lebe.
-
Es war nun wieder Abend geworden. Keine Anzeichen von Leben oder Veränderung. Kein Licht, kein Geräusch.
Wir entschlossen uns morgen früh zurück ins Dorf zu gehen und nachzuschauen. Selbst wenn jemand nicht tot sondern schwer verletzt wäre, so dürfte er die lange Zeit in der Kälte nicht überlebt haben. Wie ich mich bei diesen Gedanken fühle, möchte ich jetzt lieber nicht aufschreiben…
Wieder hatten wir eine eiskalte Nacht hier draußen in unserem Unterschlupf im Steinbruch verbracht. Mürrisch und ziemlich schlecht gelaunt verließen Ben und ich unser Versteck. Unsere Notvorräte waren seit gestern komplett aufgebraucht, so dass wir kein Frühstück hatten und in den Ort zurückgehen mussten.
Nachdem wir uns von unserem Aussichtspunkt aus vergewissert hatten, dass sich seit gestern nichts verändert hat, gingen wir im Schutz der Hecken langsam auf den Ort zu. Unsere Fußspuren dabei immer wieder verwischend damit man unsere Herkunft nicht nachvollziehen konnte. Wir schlichen uns durch den Schnee zwischen den ehemaligen Gärten hindurch zu der Stelle, wo die ersten Körper lagen.
Während Ben auf die Straße hinausging, blieb ich mit meinem Gewehr abseits am Rand zurück und passte auf das Umfeld auf… Nach kurzer Untersuchung des Ersten deutete Ben mit dem Daumen nach unten - kaum merkbar und ohne Andeutung einer Richtung, so dass er mich als Empfänge dieser Botschaft nicht verraten würde. Auch bei den nächsten drei zeigte er mir dieselbe Diagnose: kein Leben mehr.
Ich kam langsam aus meinem Versteck hervor und ging nun auch zum ihm rüber auf die Straße vorm Haus. Die Gesichter der Kerle waren sehr fein und schmal, fast knochig schlank. Als ich bei Ben ankam sagte ich, dass er die Waffe, die auf dem Boden lag, zusammen mit der Munition nehmen sollte. Er schaute mich mit großen Augen an, als wollte er mich fragen ob das wirklich sein müsste? Ich nickte mit entschlossenem Blick.
Komisch - Ben ist der Einzige den ich kenne der zu seinem Schutz keine Schusswaffe nehmen möchte. Vielleicht ein Trauma? Wer weiß…
Ich fragte mich, wo der Rest der Bande geblieben war? Vielleicht im Haus, dort wo der Streit ausbrach? Bevor wir zum Eingang hineingingen spähten wir durch die Fensterscheiben nach innen. Ja, tatsächlich - da lagen sie!
Ich öffnete vorsichtig die Tür und ging als erster hinein. Das Wohnzimmer sah furchtbar aus! Überall Müll, leere Flaschen und Zigarettenkippen. Das letzte Mal wo ich solch ein Chaos gesehen hatte, war auf dem 18. Geburtstag meines Cousins. Als wir morgens aufwachten sah es so ähnlich aus…
Als ich mich von dem leblosen Zustand des Mädchens und der beiden Jungs in ihrer Nähe überzeugt hatte, merkte ich im Augenwinkel wie plötzlich hinter mir der dritte Kerl seinen Kopf leicht zur Seite bewegte und mit ausgestrecktem Arm zu mir herüber schaute!!
„Schieß!“ rief ich Ben zu. Sofort zielte er mit seiner Waffe auf ihn, drückte aber nicht ab! So ein Mist - ich drehte mich ruckartig selbst um, hob mein Gewehr zum Ziel an - da stöhnte der Kerl ein gequältes: „Ja mach!“ zu mir herüber.
Das machte mich so perplex, dass ich erstmal nur da stand - jedoch ihn keine Sekunde aus den Augen lassend! Am Ende zündete er noch eine Handgranate oder so etwas und reißt uns alle in den Tod. Ich wusste in diesem Moment auch nicht warum ich nicht geschossen und uns diesem Risiko ausgesetzt hatte.
Während ich ihn so betrachtete, bemerkte ich immer deutlicher den sehr schlechten Zustand von ihm. Er schien sehr viel Blut verloren zu haben so dass er viel zu schwach war überhaupt noch etwas zu machen. Außerdem musste er total ausgehungert sein wenn er sich seit vorgestern nicht mehr bewegt und hier nur rumgelegen hatte. Kein Wunder, dass er lieber sterben wollte - es gibt ja keine Ärzte mehr und erste Hilfe brachte hier leider auch nicht mehr viel…
„Wenn ihr mich nicht umbringt, dann gebt mir wenigstens eine Waffe.“ krächzte seine Stimme.
„Kommt gar nicht in Frage.“ antwortete ich.
„Bitte - wenigstens ein Messer…“
„Nein!“
Erschöpft blickte er mit leeren Augen an die Decke. Er hatte schulterlanges, blondes Haar. Dazu einen Dreitagebart und grüne Augen. Ich war irgendwie müde und hatte einfach keine Lust jemanden in einer derart hilflosen Situation zu töten. Selbst wenn es ihn von seinen Leiden befreit hätte. Ich kann den Tod nicht mehr sehen!
„Wie heißt du eigentlich?“ fragte ich ihn, einfach um ein Gespräch anzufangen und auf andere Gedanken zu kommen.
„Viktor.“ sagte er ohne seinen Kopf umzuwenden.
„Was ist den passiert?“ wollte ich wissen und setzte mich dabei mit Ben etwas entspannter ihm gegenüber auf den Boden. Allerdings noch immer mit der Waffe auf ihn gerichtet.
Er erzählte uns seine ganze Geschichte: wir er mit seinen Kumpels damals sich zu einer Bande zusammengeschlossen hatte. Als die Gewalt überhandnahm, wollte er gerne aussteigen. Aber das ließen die anderen nicht zu - nur die Gruppe biete ihm Schutz… Der Schnee hatte sie gezwungen irgendwo Quartier zu beziehen. Dieses Haus mit seinen vielen Vorräten war ein echter Glückstreffer gewesen. (Kann ich mir denken!)
Dann feierten sie eine Party. Mit scharfen Getränken natürlich. Bis plötzlich ihr Bandenchef einen anderen anmachte, er solle seine Freundin nicht anfassen! Danach geriet alles außer Kontrolle…
Seine Lippen waren noch blasser geworden und er fing fürchterlich an zu husten.
„Viktor, magst du etwas trinken?“
„Ja gerne. Es tut mir nur so weh beim Schlucken…“
Ihm lief eine Träne über die Wange.
„Es hat mir schon lange keiner mehr einen Gefallen getan. Ich musste mir immer alles selbst nehmen.“ Viktor schaute zu uns herüber.
Ben brachte ihm ein Glas eiskaltes Wasser. Ich nahm es und ging zu ihm rüber. In der einen Hand das Glas, in der anderen mein Messer. Ben behielt ihn dabei fest im Auge und ließ den Lauf seiner Waffe stets auf ihn gerichtet.
Als Viktor große Augen machte und verängstigt auf mein Messer schaute, beruhigte ich ihn: „Keine Sorge, ich tue dir schon nichts. Es ist nur zu meiner Sicherheit.“
Er ließ es geschehen. Vorsichtig setzte ich das Glas an seine Lippen und er trank gierig aber mit Schmerzen in der Brust.
„Danke dir.“ stotterte Viktor und versuchte zu lächeln. „Ich wollte nie so werden und auch nicht so enden. Wenn meine Eltern jetzt hier wären würde ich mich schämen…“
„Niemand wollte so werden.“
„Ich hätte einfach abhauen sollen - aber wohin?“
„Ist schon gut - niemand kann seine Vergangenheit im Nachhinein ändern.“ versuchte ich ihn zu beruhigen.
„So viele, die ich auf dem Gewissen habe und jetzt bin ich selber dran!“
Ich versuchte ihn auf andere Gedanken zu bringen:
„Ist dir nicht kalt? Soll ich dir eine Decke holen?“
Ich stand auf ohne seine Antwort abzuwarten.
„Bitte geh nicht fort!“ rief Viktor mir nach während ich im Nebenraum verschwand und eine Decke besorgte.
Ich setzte mich neben ihn, deckte ihn zu und nahm seine rechte Hand. Angst hatte ich keine mehr. Ben beobachtete uns von der anderen Seite des Zimmers. Viktor erzählte mir noch so einiges aus seinem Leben. Es war so schön mal mit einem Menschen reden zu können. Doch auf einmal schwieg er.
„Ich werde nicht wieder gesund, oder? Was wird sein, wenn ich tot bin?“
„Keine Ahnung.“ gab ich ehrlich zu.
„Muss ich dann Rechenschaft ablegen? Ich, ich… es tut mir leid. Es tut mir ALLES so leid!“ er weinte.
Ich wischte seine Tränen von den Wangen ab. Hier vor mir lag ein kleiner, kaputter Junge der sich einfach nur wünschte angenommen zu werden.
„Viktor, du bist ein feiner Kerl. Glaubst du mir das?“
„Ich weiß nicht, wie denn - meinst du das wirklich ernst?“
„Ja, weil du zu den wenigen gehörst denen es von Herzen leid tut…“
