Das vergessene Haus - Marianne Cedervall - E-Book

Das vergessene Haus E-Book

Marianne Cedervall

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  • Herausgeber: Piper ebooks
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2019
Beschreibung

Auf Gotland sind endlich die ersten Frühlingsboten angekommen. Anki Karlsson lernt bei einem mehrtägigen Ausflug die Journalistin Ninni Weström kennen, die für einen Artikel die Geschichte eines alten Frauenhauses recherchiert. Schnell wird klar, dass mit diesem Haus viele gemischte Gefühle und ein dunkles Geheimnis verbunden sind. Und plötzlich verschwindet Ninni spurlos! Anki verbeißt sich in den Fall und bittet ihren Nachbarn, Ex-Kommissar Tryggve, um Unterstützung bei den Ermittlungen. Überrascht stellen die beiden fest, dass Ninnis Mutter für einige Zeit im Frauenhaus gelebt hat. Offenbar ist Ninnis Verschwinden kein Zufall und war erst der Anfang …

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Inhalt

Cover & Impressum

Widmung

Im November

Gotland

Sechs Monate später

Mullvald, Gotland

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DANKSAGUNG

Widmung

Sven-Erik Magnusson gewidmet

»Wir waren Sterne, wir waren Fackelnin einer Mondscheinnacht in Åmotsfors.«

Månskensnatt i Åmotsfors von »Plura« Jonsson,gesungen von Sven-Ingvars 1996 und Eldkvarn 2002

Im November

Gotland

Regentropfen schlängelten sich in breiten Rinnsalen an der Scheibe hinunter. Der Wind blies ums Haus. Eine Frau hatte direkt davor geparkt und lief nun vornübergebeugt mit einer Tageszeitung über dem Kopf zum Eingang des Seniorenheims. Hätte man ein Bild in nur einem einzigen Grauton malen wollen, man hätte keine geeignetere Vorlage finden können als diesen Tag.

Ninni Weström trat vom Fenster zurück und schaute sich im Zimmer um. Innerhalb von zwei Tagen war es ihnen gelungen, das neue Zuhause ihrer Mutter mit den wenigen Möbeln sowie einer Auswahl ihrer Lieblingsbücher, Lieblingsfotografien und anderer geliebter Gegenstände gemütlich einzurichten. Ihr letztes Zuhause. Ninni war zufrieden; was ihre Mutter davon hielt, war nicht mehr herauszufinden.

Kerstin Weström saß in ihrem Schaukelstuhl und beobachtete Ninni. Die meiste Zeit war ihre Mutter gut gelaunt, konnte sogar kleineren Beschäftigungen nachgehen, aber für den Moment schien die Müdigkeit Oberhand gewonnen zu haben. Der Umzug von Visby hatte Kraft gekostet. Sie hatte das Haus verlassen müssen, in dem sie aufgewachsen war und das ihr so viel bedeutet hatte, ihr Leben lang. Dass sie sich schnell an das neue Umfeld im Altenheim gewöhnen würde, war eher nicht zu erwarten.

Für das Haus oberhalb der Klippen in Visby war nun Ninni verantwortlich, und nach einem schöneren Ort zum Leben und Arbeiten musste man lange suchen. Mit Blick aufs Meer sollte es ein Leichtes sein, Artikel zu schreiben, die sich verkaufen ließen.

Ninnis Blick fiel auf die Fotoalben, die ihren neuen Platz ganz unten im Regal neben all den Tagebüchern gefunden hatten. Ninni beugte sich hinunter, zog das älteste heraus und schlug es ganz vorn auf. Verblasste viereckige Farbfotos von fröhlichen Jugendlichen. Das Elternpaar in den Sechzigerjahren, Bilder aus der Studienzeit in Uppsala, von Freunden und Festen, aber auch von konzentriertem Lernen. Die einfache Trauung, und dann Ninni selbst in einem Fußsack im Kinderwagen. Ganz oben ordentlich die Jahreszahl, unter jedem Bild eine kleine Anmerkung. Die Namen der abgebildeten Personen und des Ortes, wo die Aufnahme entstanden war. Hin und wieder waren zur Dekoration einfache Blumen zwischen die Fotos gezeichnet worden.

Ninni zog sich einen Stuhl heran, setzte sich und zeigte ihrer Mutter eine Seite.

»Mama, es muss dir wirklich viel Spaß gemacht haben, dieses Album zu gestalten. Es ist so schön geworden.«

Sie nahm die Hand ihrer Mutter und führte einen Finger zu der Aufnahme von ihr im Kinderwagen.

»Guck mal, wer liegt denn da im Kinderwagen?«

»Das ist Ninni«, sagte ihre Mutter, ihre Gesichtszüge hellten sich auf.

»Ja, das stimmt. Das bin ich.«

Ihre Mutter wiegte den Kopf, der gerade noch so glückliche Gesichtsausdruck wandelte sich, wurde besorgt.

»Sie kommt gar nicht mehr zu Besuch«, sagte sie und ließ die Mundwinkel hängen.

Es war neu, dass ihre Mutter sie nicht mehr erkannte, und Ninni fiel es schwer, sich daran zu gewöhnen. Sicher, manchmal war ihre Mutter etwas vergesslich gewesen, aber dass es mal so weit kommen würde, damit hatte Ninni nicht gerechnet.

Ninni blätterte weiter. Schon bald hatte sie das letzte Foto ihrer beiden Eltern erreicht, es folgten ein paar Bilder eines einfachen Sargs, auf dem weiße Lilien lagen. Schnell schlug sie die nächste Seite auf, wo fröhlichere Fotos vom Strand zu sehen waren. Eine niedliche Vierjährige, die grinsend ein aufblasbares Krokodil hinter sich herschleppte. Dieses grässliche Plastiktier war ihr ein geliebter Begleiter geworden.

Auf derselben Seite klebte ein weiteres Foto, allerdings keine Nahaufnahme von Menschen. Darauf waren zwei rote Häuserreihen zu sehen, im rechten Winkel zueinander. Eine Feuerstelle davor. Unbekannte Menschen auf einfachen Bänken rund um das lodernde Feuer. Ohne jegliche Anmerkung darunter.

Ninni konnte sich noch gut an diese herrlichen Sommerferien am Meer erinnern. Die Freiheit, jederzeit nach draußen zu können, das viele Baden und die Abende am Lagerfeuer, an den Spaß, den sie zusammen mit den anderen Kindern gehabt hatte. Dann drängte sich eine andere Erinnerung auf: sie mit ihrer Mutter auf der Landstraße, ihr Gepäck bei sich. Mitten in der Nacht, obwohl es hell ist. Mama geht mit schnellen Schritten, Ninni kann kaum mithalten.

Die Sommerferien hatten ein jähes Ende gefunden.

»Nein, nein, nein!«

»Mama, was ist los?«

Kerstin zitterte heftig und wandte den Blick ab.

»Mama«, versuchte Ninni es noch einmal. Nahm die Hand ihrer Mutter und führte sie zu dem Foto. »Erinnerst du dich noch daran?«

Kerstin schlug mit beiden Händen um sich, eine Träne lief ihr die Wange hinunter.

Ninni klappte das Album zu und legte es beiseite. Nahm die Hände ihrer Mutter in die ihren.

»Da, siehst du, ich habe es weggelegt. Wir müssen es nicht weiter anschauen.«

Warum hatten sie nie darüber gesprochen? Irgendetwas Schlimmes musste doch passiert sein, das war offensichtlich.

Sie betrachtete das faltige Gesicht ihrer Mutter. Kerstin hatte die Augen geschlossen. Ninni stand auf und schob das Album zurück an seinen Platz im Regal. Fuhr mit den Fingern über die Tagebücher. Ein ganzes Leben zusammengefasst in unzähligen kleinen Büchern. Verbarg sich dort die Antwort? Vielleicht war dies ein Ausgangspunkt. Ninni musste herausfinden, was ihre Mutter so aufgewühlt hatte.

»Was wolltest du mir nicht erzählen?«, flüsterte sie. »Welches Geheimnis trägst du in dir?«

Sechs Monate später

Mullvald, Gotland

3

Mittwoch, 4. Mai

Anki näherte sich der Küste, und der Geruch von Tang wirkte befreiend nach dem langen Ritt durch den Wald. Sie ließ die Zügel locker, sodass Austri selbst den Weg wählen konnte. Er schritt direkt zum Wasser, senkte den Kopf, schnüffelte an der Oberfläche und probierte das Brackwasser, das er aber offenbar als untrinkbar einstufte. Allerdings schien es willkommen genug, um die Hufe darin abzukühlen. Anki saß ab und überließ das Islandpferd seinen Erforschungen der Ostsee. Sie setzte sich auf einen Stein, knöpfte die Chaps auf und zog die Jodhpur-Stiefel aus. Ihre Strümpfe waren durchgeschwitzt, weshalb Anki sie auf einem kleineren Stein neben sich ausbreitete. Wenn sie Glück hatte, würde die Sonne sie bis zum Ende der Pause getrocknet haben.

Auch Anki tauchte nun die Zehen ins Wasser. Hier am Ufer war es angenehm kühl für die Füße, die so viele Stunden in Lederstiefel gezwängt hatten zubringen müssen. Ein kurzes Bad wäre sicher auch keine schlechte Idee, aber vermutlich war das Wasser dafür dann doch zu kalt. Selbst wenn es in der Natur an allen Ecken und Enden grünte und sprießte und die Sonne jeden Tag wärmer vom Himmel strahlte, war die Ostsee noch lange nicht aufgeheizt, weshalb Anki sich mit einem Fußbad zufriedengab. Austri schien zu einem ähnlichen Schluss gekommen zu sein, denn er blieb in Ufernähe, wo ihm das Wasser nicht weit über den Kronrand reichte, maximal bis zur Fessel.

Anki fischte das Handy aus der Brusttasche und warf einen Blick auf die Zeitanzeige. Seit vier Stunden war sie unterwegs, war am Strand entlang und durch den Wald mit seinen kurz gewachsenen Kiefern geritten. Auf der Insel gab es unzählige schöne Reitwege, und die Natur war abwechslungsreich. Zu dieser Jahreszeit war es noch dazu außergewöhnlich schön, weil der Boden von Buschwindröschen übersät war. Anki verspürte nicht die geringste Eifersucht auf Tryggve, der an die spanische Südküste wollte. Selbstverständlich konnte sie sich vorstellen, auch einmal dorthin zu fahren, aber sicher nicht zu dieser Jahreszeit. Nein, nein, dafür boten sich der graue November oder der Februar an, bevor die ersten Vorboten des Frühlings auf der Insel eintrafen. Noch kein einziges Mal hatte sie die Entscheidung bereut, von Stockholm nach Gotland zu ziehen und sich die Islandpferde anzuschaffen. Sie hatte sich nach der Pensionierung und dem Tod ihres Mannes ihren Lebenstraum erfüllt. Und sie war nie glücklicher gewesen als jetzt.

Der Magen signalisierte, dass es Zeit zum Essen war, und ein Stück oberhalb des Strands lag ein perfektes Plätzchen für ein Picknick. Aber bevor sie sich selbst versorgen würde, sollte erst einmal Austri bekommen, was ihm zustand. Anki griff nach den Zügeln und verließ mit ihrem Isländer den Strand, als ihr Handy klingelte.

»Hallo, Mama!«

»Hallo, Jocke, wir haben uns ja lange nicht gehört. Wie schön, dass du dich meldest.«

Was sie da spontan sagte, stimmte. Ihr Sohn gehörte nicht gerade zu den Kindern, die sich häufig bei ihrer Mutter meldeten. Andererseits war auch sie häufig so beschäftigt, dass sie nicht an ihre erwachsenen Kinder dachte.

»Wir würden dich gern besuchen kommen, Maja und ich«, sagte Jocke. »Nur wenn es dir passt, natürlich.«

Der Vorschlag war gleichermaßen überraschend wie erfreulich.

»Na, selbstverständlich! Was ist denn mit Caroline? Will sie nicht mitkommen?«

Jocke und Caroline hatten sich vor einer Weile auseinandergelebt, aber dann doch wieder zueinandergefunden, um das Familienleben mit der gemeinsamen Tochter Maja doch noch einmal aufzunehmen.

»Sie ist anderweitig unterwegs«, antwortete Jocke knapp.

Hatte sich seine Tonlage geändert, nachdem sie seine Partnerin erwähnt hatte, oder bildete sie sich das ein? Anki war froh gewesen, dass die beiden ihre Probleme aus der Welt geschafft hatten und wieder zusammengekommen waren, und an Weihnachten, das sie alle zusammen gefeiert hatten, war die Stimmung gut gewesen.

»Dann frage ich mal so«, fuhr Jocke fort, »bist du am Samstag zu Hause?«

Anki ließ den Blick über das Meer wandern, während sie angestrengt nachdachte. Heute war Mittwoch, und sie rechnete damit, am Freitag auf den Heimweg zu sein. Ja, dann sollte sie Jocke und Maja am Samstag in Empfang nehmen können. Vierzehn war ihre Enkelin mittlerweile schon, das ging doch alles viel zu schnell.

»Im Moment mache ich einen mehrtägigen Ausritt mit Austri, aber am Freitag komme ich zurück. Samstag meintest du? Ja, das passt sehr gut.«

Jocke lachte. »Ein mehrtägiger Ausritt? Du bist wirklich krass, Mama. Schön, wir kommen mit dem Flugzeug. Und du musst uns nicht abholen, ich nehme einen Leihwagen.«

Nach dem Auflegen blieb Anki noch kurz stehen und beobachtete zwei lustige Austernfischer, die ein Stück entfernt mit ihren langen roten Schnäbeln nach Futter suchten. Welche Jugendliche wollte denn ihre Großmutter besuchen, die sie kaum kannte? Seit Anki nach Gotland gezogen war, hatten sie sich nur selten gesehen, und davor nur bei Familienzusammenkünften. Bei Christers Beerdigung zum Beispiel. Da waren alle Enkelkinder gekommen, um ihren Großvater für immer zu verabschieden. Anki schickte selbstverständlich etwas zu den jeweiligen Geburtstagen, aber sie erfuhr nur selten, ob die Pakete angekommen waren, und umso seltener telefonierten sie. Nun sollte Maja also zu Besuch kommen, bevor das Schuljahr überhaupt vorbei war.

Anki richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Austri, der während des Telefonats geduldig gewartet hatte.

»Dann komm mal mit, mein Lieber!«, trieb sie ihn an. »Wir besorgen dir was Frisches zu trinken und zu fressen.«

Sie führte ihn an ein paar Fischerbuden vorbei, deren Holz durch Sonne und Wind silbergrau geworden war. Neben den Buden war eine Pumpe, und dort lag ein umgedrehter Wassereimer. Genau wie verabredet. Anki hatte Kontakt zu dem Bauern aufgenommen, den Tryggve ihr genannt hatte und dem der nächstliegende Hof gehörte. Er hatte angeboten, Heu für Austri auszulegen.

»Schau mal, Austri«, sagte Anki und zeigte auf einen kleinen Heuberg zwischen zwei der Buden. »Da liegt dein Mittagessen. Aber erst möchtest du was trinken, oder?«

Austri schaute sie aufmerksam an, und Anki war sicher, dass er sie verstand.

Sie pumpte Wasser in den Eimer und wartete ab, bis er ausreichend getrunken hatte, bevor sie ihn auf das Heu losließ. Erst dann holte sie ihren eigenen Proviant aus der einen Satteltasche und deckte auf der nächstgelegenen Bank auf. Pfannkuchen mit selbst gemachter Himbeermarmelade hatte sie schon gestern vorbereitet. Sogar Schlagsahne hatte sie in einer kleinen Dose mitgebracht. Außerdem Kaffee in einer Thermoskanne, als kleines Extra.

Die Frühjahrssonne wärmte, und direkt am Strand schmeckte ihre kleine Mahlzeit besser als zu Hause. Sie trank einen Schluck Kaffee, lehnte sich gegen eine der Buden und schloss für einen Moment die Augen. Der Wind war nicht stark, aber stark genug, um die Wellen leise ans Ufer plätschern zu lassen, ein meditatives Geräusch, das Anki leicht wegdösen ließ. Nach dem langen Ritt schmerzten die Glieder, es tat gut auszuruhen. Anki war selten mehrere Stunden am Stück auf dem Pferderücken unterwegs, aber sie bereute nichts. Tryggve hatte zudem ihr Gepäck schon mit dem Auto nach Smissarve gebracht. Nur ein kleiner Gefallen, wenn man in Betracht zog, dass sie im Gegenzug auf Putte aufpassen würde, aber trotzdem sehr nett.