Das verlorene Paradies - Thomas Kneuer - E-Book

Das verlorene Paradies E-Book

Thomas Kneuer

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Beschreibung

Akkon Ende des 13 Jahrhunderts: Eines Raubmordes angeklagt beginnt der Augustinermönch Adeodatus mit seinen Tagebucheinträgen. Sein Ankläger ist ein intriganter und hochmütiger Kardinal, der Adeodatus wegen seiner fortschrittlichen Ansichten mit diesem fingierten Vorwurf anscheinend aus dem Weg räumen will. Adeodatus wird von Kopf- und Bauchschmerzen geplagt, und er ist immer noch damit beschäftigt, was er auf dem Plateau eines geheimnisvollen Berges erlebt hat: Er hatte dort auf zwei Lager von Affen getroffen, die über die menschliche Sprache und menschliches Verhalten, aber auch über die menschliche Schwäche verfügt haben. Über das schreckliche und infernalische Ende auf dem Plateau grübelt er lange und fragt sich, welchen Anteil er daran hatte. Seine beiden Begleiter, Johannes und Nikolaus versuchen alles, um Adeodatus freizusprechen. Es ist seine letzte Hoffnung, aber noch lange nicht das Ende seiner Reise!

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Seitenzahl: 452

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Thomas Kneuer

Das verlorene Paradies

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog: Ein merkwürdiger Bericht

I. Die Mission ins Morgenland

Kapitel 2: Dominus dedit, Dominus abstulit, sit nomen Domini benedictum – Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, gepriesen sei der Name des Herrn

Kapitel 3: Der Berg der Affen

Kapitel 4: Noli foras ire, in te ipsum redi – Gehe nicht nach außen, kehre in dich selbst zurück

Kapitel 5: Akkon

Kapitel 6: Der Prozess

Kapitel 7: Eine neue Mission

Epilog

Impressum neobooks

Prolog: Ein merkwürdiger Bericht

Thomas Kneuer

Das verlorene Paradies

Thomas Kneuer

Das verlorene Paradies

Mittelalterkrimi

Impressum

Texte: © 2020 Copyright by Thomas Kneuer

Umschlag: © 2020 Copyright by Thomas Kneuer

Verantwortlich

für den Inhalt: Thomas Kneuer

Niedermayerstr. 25a

84028 Landshut

[email protected]

Druck: neobooks – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

>Nun will, nun muss ich Dir aber endlich doch auf Dein Schreiben antworten und Dir gleich zu Beginn für Deine Empfehlung danken. Das kleine Antiquariat, das Du mir beschrieben hast, entpuppte sich wahrhaft als eine kleine Schatzkammer.

Tatsächlich bin ich erfolgreich geworden! Ich habe eine Ausgabe über die Bürgerschaft Gottes des heiligen Augustinus gefunden, die weit über ein halbes Jahrtausend alt war. Und noch einen anderen Schatz, aber lass mich von Anfang an berichten.

Als ich mit den ersten Sonnenstrahlen eines klaren und heiteren Oktobertages aufbrach, fand ich das Antiquariat trotz Deiner Beschreibung nicht auf Anhieb. Du weißt besser als ich um meine Stärke, trotz einer geeigneten Wegbeschreibung vom Pfad abzukommen. Die engen Gassen kamen mir eher wie ein Labyrinth denn als Straßen vor. Also war ich genötigt, gleich drei Leute nach dem Weg zu fragen.

Schließlich fand ich das Antiquariat inmitten lauter heruntergekommener Häuser. Als ich den Griff der kleinen Holztür, an der der Lack schon fast vollständig abgeblättert war, umdrehte und aufmachte, kam mir sofort der Geruch von altem Leder und Papier entgegen. Ich musste mich an die Zeit erinnern, als wir in dem Zeitungsverlag Deines Onkels arbeiteten und uns so unser Studium finanziert hatten.

Das Antiquariat selbst war sehr dunkel und sehr kühl. Trotz der schlechten, äußeren Fassade fanden sich innerhalb ideale Voraussetzungen für die Konservierung der alten Schriften vor. Da der alte Antiquar das Klingen der Türe gehört hatte (die Tür hatte eine kleine Glocke, die sie bei jedem Öffnen und Schließen erklingen ließ), begab er sich nun mit bedachten, aber festen Schritten auf mich zu. Er war wirklich ein ,uriger Kauz‘, wie Du ihn selbst beschrieben hast. Auch die Bewohner des Dorfes nannten ihn ausschließlich ,Geppetto‘.

Ach ja, dieses Dorf. Was ist es für ein Idyll! So abgelegen es liegt, so ruhig ist es hier. Doch weg von der Schwärmerei ist es realiter ein verlassener, ja fast ausgestorbener Ort. Schon bei meiner Ankunft hatte ich mich gefragt, wie viele Jahrzehnte oder eher Jahrhunderte die Häuser hier gesehen hatten. Auch die Bewohner des Dorfes, das wie die meisten in dieser Region nach einen bestimmten Heiligen benannt war, hatten viele Sommer hinter sich. Neben der kleinen Kapelle, die ebenfalls den Namen des Heiligen trug, war das Antiquariat der einzige, kulturelle Mittelpunkt der Stadt, auch wenn ich wohl der einzige Besucher nach Dir war, der sich dafür interessierte. Die ehemaligen Geschäfte, Wirtschaftshäuser oder Verkaufsläden waren schon lange aufgegeben und die jungen Bewohner, die hier aufgewachsen waren, waren längst in die größeren Städte der Umgebung gezogen. Du weißt wie ich, welch schlimme Folgen diese Entwicklung hat – nicht nur hier.

In ähnlichem, heruntergekommenem Zustand wirkte auch der Antiquar, zumindest auf den ersten Blick. Geppetto hatte schon eine tiefe Stirn, das restliche Haupthaar hatte alle Abstufungen von schwarz bis weiß. Auf einer viel zu kurzen Nase saß vor viel zu großen Augen eine Brille mit verschmierten Gläsern. Ich wunderte mich, dass das dünne Gestell diese schweren Gläser überhaupt tragen konnte! Seine Hose war schon von etlichen Stücken gestopft worden. Dennoch wies sie weitere Löcher auf. Wie es unter den Männern hier üblich ist, trug er einfache Sandalen aus Lederriemen. Davon hob sich sein weißes Hemd durch sein helles Scheinen sichtlich ab; auch wenn es den schmalen, fast abgemagerten Körperbau seines Trägers nicht verstecken konnte. Es schien, als ob er es erst gerade gekauft hätte. Ich bildete mir ein, er würde vielleicht den ganzen Tag ohne Hemd herumlaufen, da es das hiesige Klima erlaubte, lediglich in den so typisch dunklen Hosen seiner Arbeit nachzugehen. Und erst wenn Besuch kommt, würde er das Hemd anziehen.

Ich wollte gerade fragen, wo ich hier die Werke des großen Kirchenvaters Augustinus finden könnte. Nachdem er mich jedoch kurz gemustert hatte, sagte er plötzlich, es war mehr Befehl als Frage: „Sant' Agostino!“

Ich hatte keine Ahnung, woher er das wusste. Schließlich hattest Du ja nicht mit ihm gesprochen oder geschrieben, dass ich auf der Suche nach der Bürgerschaft Gottes des heiligen Augustinus war. Vielleicht hatte er einfach geraten. Aber – mein Gott – wie hatte er dabei so viel Massel haben können? Ich stimmte durch ein kurzes aber tiefes Kopfnicken zu. Er führte mich zum Bücherschrank mit den Werken der Kirchenväter.

Das Licht schien hier nur durch die Löcher der Bretter, die vor den vier Fenstern an der Nordseite angenagelt worden waren. Am Ende befand sich eine Tür zu einem Zimmer, das wohl die Wohnung von Geppeto war. Die Tür zu diesem Zimmer war halb geöffnet. Ich sah lediglich einen Stuhl an einem Tisch und einen Schrank mit etwas Essgeschirr. Alle drei Möbel waren aus Holz und von der Zeit gezeichnet.

Angelangt am Bücherschrank zeigte er mit ausgestreckter Hand und einem breiten Lächeln, wo ich nach den Werken des Augustinus zu suchen hatte. Er selbst ließ mich mit diesen allein, drehte sich um und trat einige Schritte zurück und begab sich in sein Zimmer, von dem er gekommen war. Es dauerte seine Zeit, aber schließlich fand ich endlich nach gründlichem Stöbern das gesuchte Werk. Und wie Du Dir denken kannst, war es von der Zeit gezeichnet.

Das dicke Lederband, das die einzelnen Textpassagen zusammenhielt, hatte viele Fettflecken. Die einzelnen Blätter, die wie Pergament wirkten (ich blätterte die Seiten mit viel Bedacht um) hatten schon viele Einschnitte oder Abrisse an den Seiten. Ich blätterte auf das Kapitel 19, das mich besonders interessierte, als ein kleines Büchlein, das sich dazwischen befand, auf den Boden fiel. Es war auf Lateinisch geschrieben und trug keinen Titel (Ich wollte es erst ,Das verlorene Paradies‘ taufen, doch schien mir dieser Titel zu einfalls- und phantasielos). Es hatte fast keinen Makel oder Kratzer, auch wenn es dem Papier und dem Einband nach aus derselben Zeit war. Ja, es hatte sogar dieselbe Art Schnur, mit dem die einzelnen Papierbögen zusammengebunden waren. Und sogar das Muster der Stiche im Band über die Bürgerschaft Gottes und diesem Büchlein waren identisch.

Das Werk zog mich mit einem Schlage in seinen Bann, in dem ich jetzt, wo ich es sogar mehrmals gelesen habe, immer noch zu stehen meine. Als ich es zuvor im Antiquariat in meinen Händen hatte, durchflog ich es sofort; das Werk von Augustinus hatte ich beinahe verächtlich auf die Seite gelegt. Ich entschloss mich, auch dieses Werk zu erwerben.

Also begab ich mich in Richtung des Zimmers des Antiquars. Als er mich bemerkte, lächelte er nur, trat heraus und führte mich zu einem kleinen Abstelltisch (gute Qualität, ich glaube Fichte), auf dem er die Bezahlung vornahm. Als ich ihm das zweite Buch zeigte, das sich im Werk von Augustinus verborgen hatte, fragte ich den Antiquar, ob er denn von diesem Buch wusste und welchen Preis er dafür verlangte. Da er aber ebenfalls von der Existenz keine Ahnung gehabt hatte, erklärte er, dass ich für das zweite Buch nicht zu zahlen bräuchte. „Jedes Buch trägt weitere Bücher in sich“, sagte er lapidar. Ich wunderte mich, ob er meine Frage richtig verstanden hatte; jetzt beim Abfassen meines Briefes frage ich mich jedoch, ob ich seine Antwort nicht richtig gedeutet hatte.

Wieder in meiner Herberge angelangt ließ ich alles stehen und liegen; ich hatte nur noch Augen für dieses Buch! Ich verbrachte den restlichen Tag und weit mehr als die halbe Nacht damit, das Werk zu lesen und versuchte es gleichzeitig zu übersetzen. Doch schon nach wenigen Stunden legte ich meine Feder weg und las nur noch. So gefesselt hatte mich die Handlung.

In den folgenden Tagen dann habe ich das Werk vollständig übersetzen können. Obwohl es wie erwähnt auf Latein verfasst war, wies es auch Anmerkungen und Notizen auf Arabisch, Hebräisch, Spanisch und Italienisch auf. Das Werk muss also eine abenteuerliche Reise gemacht haben! Wenn man die Sprachen betrachtet, muss es in den verschiedensten Gegenden der damals bekannten Welt unterwegs gewesen sein. Bei unserem nächsten Treffen werde ich es Dir selbstredend vorlegen, damit Du es ebenfalls einer Prüfung unterziehen kannst. Fraglich ist, ob weitere Translationen erfolgt sind. Genauso schwierig ist es, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie dieser Bericht ausgerechnet in dieses kleine Antiquariat gelangt ist und noch dazu nicht einzeln in den Regalen stand, sondern ausgerechnet in dem Werk des Augustinus war.

Schon beim ersten Durchblättern erkannte man, dass das Werk als eine Art Tagebuch oder Reisebericht geschrieben worden war. Der Verfasser dieses Werkes trägt den Namen Adeodatus (der von Gott geschenkte!) und war nach eigenen Angaben ein Mönch des Augustinerordens, genauer gesagt der Augustiner-Eremiten. Dieser Orden entstand 1244 durch den Zusammenschluss mehrerer Eremiten-Gemeinschaften auf Veranlassung von Papst Innozenz IV. Die Augustiner-Eremiten gehörten neben den Franziskanern, den Dominikanern und den Karmeliten zu den großen Bettelorden im Mittelalter. Einiges erzählt Adeodatus selber über sein Leben, dennoch reichen die biographischen Angaben nicht aus, um weitere Informationen über den Autor herauszufinden. Ich werde, wenn ich zurückkehre, aber auf alle Fälle weitere Untersuchungen, sowohl in historischen Unterlagen, als auch in kirchlichen Dokumenten anstellen. So erfahren wir, wie Adeodatus in einem Gespräch mit einem Monsignore namens Girolamo auf die Sedisvakanz hinweist, also die Zeit, in der noch kein neuer Papst gewählt ist. Tatsächlich war wenige Jahrzehnte nach der Ordensgründung der Stuhl Petri von 1268-1271 unbesetzt. Auch erfahren wir vom Interregnum, das war die Zeit, in der deutsche Herrschaftsthron nicht besetzt war, und das erst 1273 beendet wurde. Und schließlich hatte Adeodatus Berthold von Regensburg besucht, der 1272 gestorben war. Das Ganze muss also muss also in diesem Zeitraum stattgefunden haben.

Jener Monsignore schließlich beauftragt Adeodatus in Rom mit einer Mission nach Asien, einem geheimen Auftrag des Heiligen Stuhls. Wie gerne würde ich in den Archiven des Vatikans forschen, um nach dieser Mission zu suchen. (Kannst Du nicht durch Deinen befreundeten Priester etwas in die Wege leiten?)

Als Ziel dieser Mission können zu dieser Zeit, wie Du selber weißt, nur zwei Möglichkeiten in Betracht gezogen werden: Eine weitere Reise in das Mongolenreich oder die Suche galt dem damals legendären Priesterkönig, dem Presbyter Johannes. Auch Adeodatus spricht nur diese beiden Ziele an, wie Du aber freilich auch noch selbst lesen wirst.

Lass mich aber noch etwas über die historischen Umstände dieser Zeit berichten. Ich will Dich bei Leibe nicht belehren, dennoch erinnern an die Geschichte des Mittelalters. Zu Recht wirfst Du mir zwar vor, dass ich zu sehr in der Vergangenheit leben würde als im Hier und Jetzt. Nun verüble es mir also nicht, dass ich Dir, der Du meist zu oft in die Zukunft schauen willst ohne auf die Vergangenheit Rücksicht zu nehmen, nun berichte.

1271 endete also die dreijährige Sedisvakanz mit der Wahl eines neuen Papstes: Tebaldo Visconti wurde in Abwesenheit von der Mehrheit der Kardinäle zum nächsten Nachfolger Petri gewählt. Visconti landete im Frühjahr 1272 in Italien, um die Priester- und Bischofsweihe zu erhalten und dann offiziell zum Papst gekrönt zu werden, er nannte sich Gregor X. Vor diesem Aufbruch nach Italien befand sich der designierte Papst in Palästina auf einem Kreuzzug, zu dem bereits 1270 der englischen Kronprinz Eduard (Edward Longshanks) aufgerufen hatte. Der Kreuzzug selbst endete ergebnislos – status quo ante bellum – zwei Jahre später. Ein neuer Nachfolger Petri war gewählt, ein Kaiser im Heiligen Römischen Reich war hingegen noch nicht gefunden; erst 1273 endete das erwähnte Interregnum mit der Wahl Rudolfs von Habsburg.

Doch lassen wir unseren Blick noch etwas weiter in den Nahen Osten bleiben, denn hierhin wird ja die Reise unseres Helden führen, bei der er von den beiden Mönchen Johannes und Nikolaus, die er in Rom kennenlernte, begleitet wird. Im Heiligen Land bestand zwar noch die Grafschaft Tripolis und das christliche Königreich Jerusalem; Jerusalem selbst jedoch stand unter islamischer Herrschaft. Von Bedeutung ist in dieser Region außerdem das mongolische Reich als dritter Machtfaktor neben den christlichen und den muslimischen Armeen. Von christlicher Seite wurde seit Ende des 12. Jahrhunderts versucht, die Mongolen entweder für ihren Glauben, wenigstens aber als Verbündete gegen den Islam zu gewinnen. Man wollte zusammen mit den mongolischen Horden Jerusalem von der sarazenischen Herrschaft befreien. Keines der Ziele konnte jedoch erlangt werden.

Zur Zeit der Kreuzzüge tauchte ebenfalls die Legende um des Priesterkönigs Johannes und seines sagenumwobenen Reiches. Der Priesterkönig oder auch der Presbyter genannt gehört wohl zu den schillerndsten und bekanntesten Personen des europäischen Mittelalters, auch wenn dieser wohl nie gelebt hatte. Otto von Freising hatte in seiner Chronica sive Historia de duabus civitatibus am ausführlichsten über das Reich des Presbyters geschrieben. Auch diesen versuchten die bedeutendsten weltlichen Herrscher und die geistlichen Würdenträger aus Europa aufgrund seiner gigantischen Armee als Verbündeten zu gewinnen, um mit diesem einen weiteren Kreuzzug zu starten, um in einer Allianz das Heilige Land von den Moslems, die in dieser Zeit auch als Muselmannen bezeichnet wurden, zurück zu erobern.

Die Suche nach dem Priesterkönig Johannes war eine der wenigen Male, da sowohl weltliche und geistliche Fürsten, als auch der katholische Westen und der orthodoxe Osten Europas ein gemeinsames Ziel verfolgt hatten. Bei dieser Suche vermischte sich auch die Mission an den Hof der Mongolen. 1274 nutzten mongolische Gesandte diese Sage, um während des zweiten Konzils zu Lyon eine Audienz bei Papst Gregor X. zu erhalten, der dieses Konzil einberufen hatte. Dieses nutzten die mongolischen Botschafter allerdings nur um die Kurie und die Herrschaftsverhältnisse in Europa auszuspionieren.

Vor und nach diesem Bericht, der mir vorliegt, fanden die unterschiedlichsten Reisen und Expeditionen in den Nahen Osten statt. Zu den bekanntesten Reisen gehören wohl diejenigen, die Johannes de Plano Carpini und Wilhelm von Rubruk Mitte des 13. Jahrhunderts unternommen hatten. Ebenfalls brach Marco Polo zum Großkhan der Mongolen und in die Hauptstadt Karakorum auf. Er befand sich im Herbst 1271 in Jerusalem, wo ihm eine Audienz bei Tebaldo Visconti, eben dem späteren Gregor X., gewährt wurde. Es sind aber keine Dokumente bekannt, ob sich auch Marco Polo und Adeodatus zusammengefunden haben.

Dies müsste meiner Meinung nach als historischer Wegweiser genügen.

Soweit die Rahmenbedingungen, was nun aber soll ich Dir über den Inhalt schreiben? An manchen Stellen hatte ich beim Übersetzen, wie Du vielleicht selber sehen wirst, wahrlich Schwierigkeiten und ich musste mehrmals lesen, um mir den Inhalt verständlich zu machen. Oft kam es vor, dass ich ein Wort vor mir hatte, deren Bedeutung ich ohne Zweifel kannte; da es aber im Kontext mit dieser Bedeutung nicht einzuordnen war, musste ich schließlich doch zu einem Wörterbuch greifen. Fand ich dann dort das Wort, bestätigte sich meine erste Vermutung der Bedeutung, doch löste sich nicht die Interpretation des Satzes. Also musste ich den ganzen Satz auseinander bauen, fast anatomisch zerlegen, um ihn schließlich sowohl in grammatikalischer als auch inhaltlicher Richtigkeit wieder zusammenzusetzen. Als ich endlich mit der Translation zu Ende war, musste ich erst meine Gedanken ordnen.

Was für eine Geschichte! Ich versichere: Du wirst begeistert sein! Bitte hebe sie auf und binde sie vielleicht schon zusammen. Du kennst besser als ich meine Ungeduld, alles einordnen zu wollen.

Im Tagebuch selbst finden sich einige Zeitangaben, doch verwendete der Autor nicht die Uhrzeiten, wie wir sie kennen. Stattdessen wurde der Tag nach dem Stundengebet der Kirche gegliedert. Darauf basierend habe ich bereits eine grobe Unterteilung in Kapiteln der Geschichte und auch eine Bezeichnung der Unterkapitel vorgenommen. Verzeihe mir meinen Vorstoß! Ich hoffe, sie stören Dich nicht beim weiteren Lesen.

Ich will also hier enden und lieber Adeodatus sprechen lassen, der mit seinen Aufzeichnungen im Gefängnis beginnt.<

I. Die Mission ins Morgenland

Noli itaque erubescere testimonium Domini nostri neque me vinctum eius sed conlabora evangeliosecundum virtutem Dei – Deshalb erröte nicht wegen des Zeugnisses unseres Herren noch meinet-wegen, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium nach der Kraft Gottes

Nachdem ich des Wartens in meiner Gefängniszelle überdrüssig geworden bin, habe ich mir vorgenommen, die Feder in die Hand zu nehmen und ein paar Zeilen niederzuschreiben. Vielleicht auch einige mehr. Ich will etwas Zerstreuung finden und meine Gedanken in Ruhe ordnen.

Mein linker Arm fühlt sich schon viel besser an, aber mein Kopf und auch mein Magen bereiten mir Schmerzen. Die letzte Nacht habe ich kaum geschlafen. Nur einige kurze Pausen hindurch gelingt es mir, etwas Erholung und Ruhe zu finden. Ich liege meistens wach, zwischen Wachsein und Schlaf, allerlei Hirngespinste umnebeln meinen Geist. Ich finde kaum noch einen klaren Gedanken. Schatten- und Trugbilder störten mich, als ich meine Augen schließen wollte, und auch jetzt, da ich wach bin, scheint mir alles wie ein phantastisches Bild und nicht wie die Realität. Möge der Herr also meine Feder führen, wenn ich meine Aufzeichnungen beginne!

Als erstes will ich meine Umgebung skizzieren, doch muss mich dabei überwinden, diesen tristen und menschenverachtenden Ort zu beschreiben. Ich sitze ganz alleine in meiner Zelle. Neben dem Tisch und dem Stuhl ist hier nur eine Schlafstelle für mich vorhanden. Tageslicht fällt fast gar nicht hier hinein. Etwas Sonnenlicht scheint lediglich außerhalb meiner Zelle in den Gang aus einem kleinen, schmalen Fenster, das mit Gittern verschlossen ist. Wenn mich nicht alle Sinne verlassen haben, befindet es sich im Osten. Das gibt mir etwas Orientierung. Das spärliche Licht, das mir beim Schreiben hilft, leuchtet fast vollständig aus einer kurzen, aber dicken Kerze.

Doch ist es wahrscheinlich das Beste, dass es hier nicht heller ist, sonst würde mir der Dreck und Staub, der mich umgibt, noch mehr auffallen. Vor mir in Richtung Süden steht das Tor mit Gittern versehen. Sonst umgeben mich nur drei kalte und roh geschlagene Wände. Es muss Kalk sein, doch die Farbe ist vom Ruß der Kerzen längst verschwunden. Auch dienen die Wände als Unterkünfte von aller Art von Ungeziefer. Vor meiner Zelle geht ein Gang. Schräg gegenüber steht das Tor, das uns vor der Außenwelt trennt. Rechts neben mir ist eine freie Zelle, die aber eher als Abstellraum für alles Mögliche dient. Links neben mir sind eine Hand voll Diebe untergebracht. Nach meiner linken Zelle geht ein weiterer Gang nach links weiter zu weiß wie vielen weiteren Zellen. Weiter rechts von mir hört man etwas Wasser fließen, vor allem aber hört man die Ratten, die sich dort befinden. Und doch sind mir mittlerweile selbst die Ratten die besseren Insassen als meine menschlichen.

Ich müsste eigentlich Mitleid mit meinen Mitgefangenen empfinden; doch fürchte ich, dass deren Verhalten und vor allem das, was mir widerfahren ist, mich jede Form von Mitmenschlichkeit vergessen lassen; oder ich hatte es verdrängt. Zwischen dem Gestotter von Irren ertönen immer wieder diese Flüche und deftigen Kraftausdrücke. Auch sprechen viele über ihren Kontakt zum weiblichen Geschlecht. Nicht nur, dass sie solche Gedanken hegen, sie rufen, ja schreien sich diese Unzucht auch noch gegenseitig zu. Wie verachtenswert dann auch noch die Zurufe dritter, deren Mutter oder Schwester würde hervorragend zur Befriedigung dieser Art Genüsse dienen. Es war, es ist für mich wie der Vorhof zur Hölle.

Mir kommt das Zitat aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an Timotheus in den Sinn: „Noli itaque erubescere testimonium Domini nostri neque me vinctum eius sed conlabora evangelio secundum virtutem Dei – Deshalb erröte nicht wegen des Zeugnisses unseres Herren noch meinetwegen, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium nach der Kraft Gottes.“

Ja, Herr, hilf mir, dass ich bestehe im Kampf gegen diesen Teufel! Gegen diesen verfluchten Kardinal, der Deine Wahrheit und göttliche Offenbarung nicht kennen will!

Wie hatte all das so enden können? Nachdem doch alles so gut begonnen hatte!

Roma, Caput Mundi – Rom, das Haupt der Welt

Ich hatte gemeint, meine Aufgaben auf Erden vollbracht zu haben, und bereitete mich auf den Herbst meines Lebens vor. Da ereilte mich der Brief des Monsignore Girolamo. Bei der Suche nach einem geeigneten Mann für eine geheime Mission, so lautete der Inhalt, sei seine Wahl ausgerechnet auf mich gefallen. Ich lehnte mit dem Hinweis auf mein eigenes Alter und auf andere geeignete Mitbrüder ab. Schließlich konnte mich der Monsignore aber doch überzeugen, indem er mich an die Gehorsamspflicht meinem Onkel gegenüber erinnerte. Er habe als alter und guter Freund meines Onkels das Recht diese Pflicht nun von mir einzufordern. Mit gemischten Gefühlen nahm ich nolens volens den Auftrag an. Ich hatte aber Monsignore Girolamo um Bedenkzeit gebeten um noch einmal, vielleicht das letzte Mal, in das Heilige Römische Reich zu reisen.

In Regensburg wollte ich den Franziskaner Berthold treffen, der meinen Onkels ebenfalls gut kannte. Bei den Diskussionen über die gegenwärtige Lage der christlichen Länder und über die Kreuzzüge, hatten wir uns deutlich gegen Kriege distanziert, die im Namen Gottes geführt werden. Ist es denn Gottes Wille, dass man mit Hochmut den Andersgläubigen zu seinem Glauben zwingt?

In der zwanghaften Bekehrung von Andersgläubigen (das zählt, meine ich, für alle Religionen) zeigt sich nicht göttliche Stärke, sondern die eigene menschliche Schwäche, da man offensichtlich Probleme hat, seinen eigenen Glauben zu verstehen und zu leben!

Doch konnte ich Berthold nicht überzeugen, seine Predigten für einen weiteren Kreuzzug einzustellen. „Aber der Herr will doch keine Blutopfer mehr“, betonte ich, „hat doch das göttliche Lamm alle Schuld auf sich geladen und uns mit seinem Blut reingewaschen!“

„Aber ich habe doch Gehorsam geschworen“, erklärte er.

„Petrus hat selbst gesagt, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen“, erwiderte ich. „Und der Nachfolger Petri ist der Papst, der Stellvertreter Gottes“, argumentierte Berthold.

Ich wollte nicht widersprechen, man sah – Gott sei seiner Seele gnädig – das, was er ankündigte: Seine irdische Pilgerschaft gehe mehr und mehr dem Ende zu, und ich wollte mich nicht im Streit mit ihm trennen.

Die Reise ermöglichte mir ebenfalls in den Chroniken Ottos von Freising über den Priesterkönig Johannes zu lesen.

In Rom angelangt erinnere ich mich noch an das freundliche Lächeln, mit dem mich Monsignore Girolamo in Rom begrüßt hatte. Wir riefen uns Erinnerungen an meinem Onkel hervor und mussten beide vor Herzen dabei lachen. Ach welche Heiterkeit, welche Unbefangenheit, welche Freude im Vergleich zu meiner Lage jetzt!

Im weiteren Verlauf des Gespräches diskutierten wir über die Sedisvakanz in Rom. „Seit fast drei Jahren ist kein Nachfolger Petri gefunden worden, es muss doch einen geeigneten Kandidat geben“, fragte ich mich und fragte ich den Monsignore.

„Der Geist weht, wo er will“, beschwichtige Girolamo, „ich denke aus Viterbo, wo sich die Kardinäle versammelt haben, wird uns bald eine große Freude widerfahren.“

„Auch der Königsthron in den deutschen Landen ist immer noch unbesetzt. Und selbst wenn sich einige anmaßten, sich in Aachen krönen zu lassen: Sie sind Herrscher ohne Krone und Legitimation“, fuhr ich fort, worauf der Monsignore lapidar antwortete: „Es muss von außen eine Lösung kommen.“

Dann musste ich ihm doch davon berichten, über was ich auf meiner Reise nach Rom mit einigen Pilgern aus dem Heiligen Römischen Reich unterhalten hatte. (Meine Großmutter mütterlicherseits hatte mir diese doch ruppige teutonische Sprache beigebracht.) Diese berichteten über den sogenannten Gral. Also fragte ich Monsignore Girolamo, ob mich die Reise auch in Zusammenhang mit diesem Gefäß bringen würde.

Die Geschichte über den Gral oder Gradal waren aber seiner Prüfung nach eine Erfindung einiger „Tunichtgute“ – wie er sich ausdrückte – aus dem Norden Italiens, die sich diese Geschichte ausgesponnen hatten.

>An dieser Stelle fanden sich einige Angaben auf Italienisch, lieber Freund, von denen ich glaube, dass sie Dich genauso ins Schmunzeln bringen werden wie mich. Doch fahren wir lieber fort!<

„Die Leute aus Piemont sind bekannt für ihre Fabelgeschichten und gelten als die schlimmsten Fabulierer“, erklärte Girolamo, „wahrhaft würden allein einfältige Teutonen, die mit ihrem Leben nichts besser anzufangen wissen, diese Geschichten auf ihre eigene Art fortspinnen.“

„Dann erzähle du mir lieber, wer mich auf der Reise begleiten soll“, bat ich ihn.

„Bruder Johannes und Bruder Nikolaus. Johannes ist Franziskaner und stammt aus einem kleinen Dorf im Königreich Ungarn. Wie du ist er in einer Bauernfamilie aufgewachsen und hat sich erst vor wenigen Jahren den Franziskanern angeschlossen.“

„Dann befindet er sich ja in bester Gesellschaft“, erwiderte ich lachend.

Girolamo, der dabei wie ich an meinen Onkel denken musste, lachte ebenfalls, ehe er weiterfuhr: „Nikolaus hat wie dein Onkel und du ein großes Interesse daran, alles was je aufgeschrieben wurde, zu lesen. Er stammt aus London aus einer angesehenen Adelsfamilie. Schon in jungen Jahren wurde er der Obhut der Benediktiner anvertraut. Sie werden dir gefallen.“

Er sollte Recht behalten.

(Prim) Ich weiß noch, wie sie mir – ich glaube drei Tage nachdem ich selbst in Rom angekommen war – vorgestellt worden sind. Johannes war etwa 10 Jahre jünger als ich. Man sah ihm immer noch an, dass er lange Zeit als Bauer gearbeitet hatte. Da ich damals selber 52 Lenze zählte, war er nicht mehr der Jüngste, wirkte aber alles andere als alt. Sein Gesicht hatte, wie auch seine Arme, eine dunkle durch die Sonne bewirkte Färbung. Auch war er muskulös, ich meinte jeden Augenblick, dass das Gewand der Franziskaner, das er trug und das schon etwas abgenutzt war, reißen müsste. Er war mehr als einen Kopf größer als ich und überragte uns alle an Körpergröße. Doch so groß wie sein Körper war auch sein Herz. Tatsächlich konnte er, wie sich im weiteren Verlauf unserer Reise herausstellte, keinem einen Wunsch abschlagen. Dabei führte er jede Bitte mit einem so seligen Lächeln aus, als würde der Sinn seines Lebens allein darin bestehen, seinem Nächsten zu dienen. Wahrhaft, er war ein würdiger Träger des Franziskanerhabits und ein echter Nachfolger Christi. Und sein Humor, auch wenn manchmal nicht gerade christlich, war herzlich und unbeschreiblich.

Nikolaus hingegen war wie viele Adlige von kleiner Gestalt und blasser Farbe. Mein jüdischer Jugendfreund Mosche hätte gespottet, dass so der Idealtyp eines christlichen Theologen aussehe. Er hatte einen schwächlichen Körper, man könnte meinen, dass nicht er das Mönchsgewand, sondern das Mönchsgewand ihn trug. Er war etwa nochmal 10 Jahre jünger als Johannes, also fast 20 Jahre jünger als ich, im Herrenalter: 33 Jahre. Doch trotz seines schwächlichen Körpers, hatte er einen hellwachen Geist und einen messerscharfen Verstand. Er war sehr belesen und darin geübt, in den philosophischen Denkschulen Vorzeichen der Ankunft Jesu Christi darzulegen. Er hatte dabei die Fähigkeit, seine Gedankengänge mit einfachen, aber verständlichen und klaren Worten auszuführen. Noch begabter aber war er darin, seinen Mitmenschen zuzuhören. Und er war Johannes und mir (immerhin als jüngster!) eine große Hilfe, wenn wir ihn bei bestimmten Fragen um seine Antwort baten. Beide waren mir jeder auf seine eigene Art und Weise sehr rasch sympathisch geworden.

Zu dritt wurde uns die Mission offen gelegt, worüber wir natürlich außerhalb unseres Dreierbündnisses niemanden erzählen durften. Jetzt, im Nachhinein, was waren sie nichts außer Fantasien und Gedankenspinnereien, die nichts mit der Realität und wie ich finde mit der Vorsehung Gottes zu tun hatten! Doch waren diese Fakten mir zu diesem Zeitpunkt allerdings nur von sekundärer Bedeutung.

Ja, auf einmal lockte mich die Abenteuerlust! Mich reizte es fast, etwas Neues zu finden auf der Expedition, die uns erwartete. Als ob statt des Herbstes meines Lebens nun ein zweiter Frühling einsetzen sollte. Keiner von uns dreien war außerdem je im Heiligen Land gewesen und es war unser aller Wunsch, auf den Spuren des göttlichen Meisters zu gehen.

(Terz) Im Anschluss feierten wir dann im Viererkreis in der Kirche Santa Maria Maggiore die heilige Messe. Wie herrlich und einfach diese Feier doch war und gerade in dieser Einfachheit erhaben.

Nach der Messe musste ich mich jedoch unweigerlich an die Teilnahme an einer Audienz von Clemens IV., des letzten Papstes, erinnern. Mir missfiel nicht nur damals der Gedanke, dass dieser Mensch auch nur im Entferntesten den göttlichen Meister vertreten konnte. Während Christus Jesus den Besitz eines zweiten Sandalenpaares verbot, bestehen die roten Pantoffeln des Papstes nur aus exquisiten und teuren Materialien. Und diese devote Unterwerfung vor dem Pontifex maximus, um diese auch noch küssen zu dürfen! Und der sollte jemanden vertreten, der selbst Huren, Steuereintreibern und Sündern die Füße gewaschen hatte? Und auf der anderen Seite seines Körpers die Tiara. Wie konnte man sich solch eine Krone aufsetzen, in Erinnerung an den Menschensohn, dem eine Dornenkrone aufgesetzt wurde, um uns von unseren Sünden zu erlösen. (Anstatt die Tiara mit ihrem Reifen abzuschaffen, gibt es Pläne, sie mit einem zweiten Reif zu erweitern. Wer weiß, wann nicht noch ein weiterer Kronreif angebracht wird, um die Trinität vollends ins Lächerliche zu führen!) Es waren die Machthaber Roms, die Jesus kreuzigen ließen, und nun waren die Kardinäle selbst wie Senatoren gekleidet!

Als damals die Eucharistie gefeiert wurde, schien es mir, als ob nicht die Gegenwart Christi, sondern der Prunk und der Schmuck im Zentrum des Gottesdienstes stünden. Der Feier der Eucharistie ging ein Einzug der anwesenden Kardinäle voraus. Ihr Schmuck schien einen dunklen Schatten auf die Heiligkeit der Messe zu werfen. Wie war mir das alles zu wider gewesen! Die Kardinäle, die eigentlich die Nachfolger der Apostel sein sollten, kleideten sich nicht wie einst die Fischer am See Genezareth, sondern trugen die feinsten Stoffe und Gewebe. Gekrönt wurde dieser bizarre Anblick mit diesem übergroßen roten Hut! Wenn freilich das Amt ein gewisses Auftreten und Aussehen mit sich zieht, gebärden sich diese Männer der Kirche wie weltliche Fürsten. Das Rot sollte eigentlich das heilige Blut Christi symbolisieren, um ihre Träger zu ermahnen, bereit zu sein, das eigene Blut für die Verbreitung des Evangeliums zu opfern. Doch scheint es, dass diese Träger nur ihre eigene Macht sichern und ausbauen wollen. Der Gang zur Eucharistie war doch nichts anderes als der Einzug eines Hofstaates. Und wie war auch das Amt des Vikars des Herren in Verweltlichung gefallen. Wäre es nicht besser, die kirchlichen Würdenträger hätten Kelche aus Holz, und die aus Gold würde man verkaufen, um das Geld den Armen zu geben? Und sie besäßen selber ein goldenes Herz statt eines hölzernes?

Ich war nicht der Einzige, der viel Hoffnung auf einen neuen Papst setzte, viel schlimmer konnte es ja auch nicht kommen. Ich hatte die Hoffnung, die Zeit der Sedisvakanz würde sich als fruchtbar erweisen, so dass man sich wieder auf die wahren Inhalte des Christentums bezog. Und vielleicht findet sich auch im Kaiserreich ein rasches Ende des Streites um den Thron und vor allem ein Herrscher, der sich dem Papst gegenüber nicht wie ein Feind, sondern wie ein Bruder gebären würde. Was waren die päpstlichen und kaiserlichen Berater nichts anderes als Räuber und Kriegstreiber? War ihnen denn nicht klar, dass diese Streitigkeiten, die nicht selten in blutigen Kämpfen ausgefochten wurden, niemals zur Stärkung der eigenen Position, aber stets zur Schwächung des christlichen Abendlandes geführt haben? Und auch wenn sich der Papst niemals dem Kaiser unterordnen sollte – wie in der oströmischen Kirche, so musste doch endlich die Zwietracht enden und eine echte Einheit beginnen.

Und, ach ja, unsere orthodoxen Brüder! Ich wunderte mich, dass man auf dem ganzen asiatischen Kontinent nach Verbündeten sucht, obwohl im Osten Europas die ganze Zeit potentielle Alliierte vorhanden sind. Aber das geht wohl über meinen Horizont hinaus!

(Laudes) Nach nicht einmal einer Woche zogen wir gen Venedig, um dort an Bord in Richtung Heiliges Land zu segeln. Wir durften dank der Gnade Gottes auf dem Weg von Rom nach Venedig das schönste Wetter genießen: Die Sonne schien, aber es war nicht zu heiß gewesen. Auf der Reise tauschten Johannes, Nikolaus und ich uns aus, um uns gegenseitig besser kennen zu lernen. Doch ist hier nicht der Augenblick, um darüber zu schreiben.

Von Matrosen aus Venedig hatten wir außerdem erfahren, dass vor uns bereits zwei Brüder mit Namen Polo ebenfalls mit einer geheimen Mission nach Jerusalem aufgebrochen waren. Mich interessierte, wie genau der Inhalt lautete und vor allem, welche die wahren Beweggründe hinter dem offiziellen Auftrag waren. Wussten eigentlich die Fanatiker der Kreuzzüge, dass von den Häfen, von denen die Flotten für die Kriege im Heiligen Land ausliefen, ebenfalls Schiffe ausfuhren, mit denen man indirekten oder direkten Handel eben mit denjenigen Muselmannen trieb, die man aus Jerusalem vertreiben wollte. Oder sah man großzügig darüber hinweg, da allein wirtschaftliche Interessen das menschliche Handeln bewegen und der Mammon über Gott steht? Doch mit solchen Fragen wollte ich mein Gemüt nicht erschweren. Mit aufgeregten, aber nicht aufgebrachten Herzen bestiegen wir das Schiff, das uns ins Heilige Land bringen sollte.

Ierusalem, Cors Mundi – Jerusalem, das Herz der Welt

Die Seereise verlief alles in allen angenehm, zumindest für mich, da mir das Schaukeln des Schiffes nichts ausmachte, schon als Kind war das Wasser mein Element gewesen. Auch gerieten wir in keinen Sturm und kein Unwetter bedrohte uns, worüber wir dem Herrn dankbar waren.

Während der Überfahrt unterhielt ich mich mit den beiden Brüdern über verschiedene Angelegenheiten innerhalb unserer Ordensgemeinschaften. Aber auch philosophische Fragen wurden erörtert, wobei jede Diskussion schließlich darauf hinauslief, ob sich ein Christ eher der vita activa oder der vita contemplativa widmen sollte. Wobei Johannes als Franziskaner den ersten Weg, Nikolaus als Benediktiner den zweiten Weg verteidigte. Ich konnte zwar darlegen, dass die Antwort in der Mitte lag, doch wirklich überzeugten konnte ich sie nicht. Zumindest zu Beginn unserer Reise. Doch war ich unserem Herrn und Erlöser dankbar gewesen, dass er mir diese beiden Begleiter zur Seite gestellt hatte. Und ich dachte an Monsignore Girolamo, musste lächeln und dankte ihm in meinen Gedanken ebenfalls.

Als wir dann im Hafen Akkons an Land gegangen waren, fühlte ich mich wie ein junger Knabe. Ich war endlich im Land meines Herrn und Erlösers angelangt! Wir wollten nicht bei den Kreuzrittern einkehren, sondern suchten unsere Herberge im Zentrum Akkons. Johannes konnte es tatsächlich erwirken, dass uns im Kloster der Franziskaner – Franz von Assisi war nach seinen Worten sogar der Stifter gewesen – Unterkunft gewährt wurde, bis wir nach Jerusalem weiterziehen konnten. Johannes und Nikolaus und ich hatten uns schon während der Überfahrt darauf geeinigt, alle wichtigen Orte in der Stadt Davids zu besuchen, als erstes das Grab Jesu.

Doch wie schwierig war es, nach Jerusalem weiter zu reisen. Obwohl es die Stadt war, die Stadt ist, die allen Religionen heilig ist. Und wir (ich meine Christen, Muslime und Juden) streiten uns wie Wölfe um einen Kadaver um die Stadt des Allerhöchsten!

Durch harte Verhandlungen und vor allem durch Vermittlung des Oberen des Franziskanerklosters gelang es uns, nach Jerusalem zu reisen. Johannes, Nikolaus und ich fühlten uns in unserem Glauben bestärkt. Ich erinnere mich nicht so sehr an alle Einzelheiten, an das was ich mit meinen leiblichen Augen gesehen hatte, sondern an die Eindrücke und Gefühle, die ich empfand, als ich auf den Spuren des Gottessohnes wandelte. An das, was man mit seinem inneren Augen sieht und wahrnimmt. Ich spürte Christus in meinem Herzen und das war alles, was zählte.

(Terz) Nach unserer Pilgerfahrt gelangten wir wieder zurück nach Akkon. Kurz nach unserer Rückkehr trennten sich Johannes und Nikolaus von mir, um Proviant für unsere Weiterreise zu erwerben. Ich hatte mich in der Zwischenzeit auf dem Basar etwas umgesehen, auf dem unverhohlene Händler auch Reliquien wie gewöhnliche Alltagsgegenstände anpriesen.

„Ein Finger des Heiligen Barnabas!“

„Das Leichentuch von Joseph von Arimathäa!“

„Die Leinen, in die Jesus nach der Geburt eingewickelt wurde!“

„Das Öl, mit dem Maria Magdalena Christus die Füße gesalbt hat!“

„Ein Werkzeug des Heiligen Josephs von Nazareth!“

Fast jeder Händler hatte unter seinem Tisch neben seinen profanen Verkaufswaren auch noch heilige Gegenstände aller Art versteckt. Ich hätte die Händler am liebsten alle vertrieben, um sie für ihren Frevel zu bestrafen. Jedoch bemerkte ich, dass es bei diesen sogenannten Reliquien um Fälschungen handeln musste. Es waren lächerliche Imitationen, die niemals Jahrhunderte alt waren. So leicht waren doch diese dilettantischen Nachahmungen zu entlarven. Dieses Lumpenpack handelte also nicht mit echten Reliquien, nutzte aber schamlos Gläubige aus, die die Fälschungen nicht erkannten oder aber erkennen wollten.

Ich ging nur zur Prüfung der Fälschung eine Reihe komplett von oben nach unten ab. Wenn ich die Knochenstücke zusammenzähle, dann musste Jesus mindestens 60 Apostel gehabt haben oder aber diese besaßen damals mehr Gebeine als in unserer Zeit. Noch mehr in die Verzweiflung brachten mich aber so unsinnige Stücke wie die Milch der Gottesmutter, da mir kein guter Grund einfallen wollte, warum eine Frau, selbst wenn sie den Sohn Gottes zur Welt gebracht hatte, ihre eigene Milch in einem Gefäß aufbewahren sollte. So leicht eine Fälschung zu enttarnen war, so sehr entsetzte mich die Tatsache, dass sich die Pilger darum fast geprügelt hätten, um es zu erwerben. Ich schämte mich fast, sie als Schwestern und Brüder zu bezeichnen. Dieser negativen Erfahrung folgte aber eine positive.

In dieser Menschenmasse sah ich plötzlich Johannes und Nikolaus. Sie lächelten mir zu und als wir uns wieder gegenüberstanden, erklärten sie, dass wir ausgerüstet seien, um die Weiterreise anzutreten. Johannes und Nikolaus hatten allerlei Gemüse, Früchte und sogar etwas eingelegten Fisch erworben.

(Sext) Anschließend berichtete ich ihnen über meine Erlebnisse auf dem Basar. Wir befürworteten alle die Verehrung der Märtyrer und Heiligen sowie die Verwendung von Reliquien in den Heiligen Messen. Doch den unlauteren Handel mit diesen wiesen wir alle drei ab. Nikolaus verwies dabei darauf – ich weiß nicht, ob es sein Gedanke war oder ein Zitat, dass uns die Heiligen in erster Linie vorlebten, wie man ein erfülltes Leben in der Nachfolge Christi und im Dienst für Gott führen könne.

„Nicht nur der Dienst am Herrn allein, Nikolaus“, fügte Johannes an, „denn wegen der Verehrung der Heiligen, dürfe nicht der Dienst am Nächsten vergessen werden.“

„Jedoch können bei Erkrankungen Reliquien durchaus angewendet werden, um ein Wunder zu erwirken“, sagte Nikolaus.

„Richtig, aber jeder Christ, ob Sünder oder Heiliger kann Gott um ein Wunder bitten“, erwiderte Johannes.

„Dass sich jemand in diesen gottlosen Zeiten um einen kranken Menschen kümmert, ihn tröstet und Mut zuspricht, halte ich für ein größeres Wunder, als wenn Gott selbst eingreifen würde, um die Krankheit zu heilen“, lautete schließlich mein Resümee.

Johannes und Nikolaus nickten zustimmend, wirkten ob dieser Tatsache, die mehr Regel als Ausnahme erscheint, aber auch betrübt.

Manchmal beneidete ich die Mönche, die es schafften in absoluter Isolation zu leben, ganz dem Vorbild des heiligen Antonius folgend, und sich so dem Himmelreich näherten. Doch selbst wenn ich mich dafür entschieden hätte, hätte es mich doch nur wieder zu den Menschen getrieben. Wie hätte ich sonst den Augustiner-Eremiten beitreten können.

Wir drei schätzten alle die Stille und die Meditation, doch konnte keiner von uns völlig von der Welt zurückziehen. Und auch wenn es oft Schmerzen hervorbringt, wenn man den Gang zum Kalvarienberg folgen will, wollte niemand von uns Christus verleugnen und der Welt folgen. Aber auch wenn wir bereit sind, Christus nachzufolgen, wie oft verschmähen wir trotzdem unser Kreuz?

Labor bonum arduum – Arbeit, ein schwieriges Gut

(Prim) Von Akkon aus segelten wir nach Kleinarmenien und gingen dort wieder an Land. Es war wohl Gottes Fügung, dass wir auf einen Mönch mit Namen Gregor gestoßen sind, der uns ein gastfreundlicher Helfer war. Er war Angehöriger der armenischen Kirche, der sich stark mit der katholischen und orthodoxen Konfession auseinander gesetzt hat. Ich berichtete ihm, dass ich auf eine Aussöhnung zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche hoffte.

„Das wäre ein großer und wichtiger Schritt“, bestätigte er mir, „dadurch könne es auch gelingen, dass sich die westlichen (das sind die katholischen und die orthodoxen Christen) mit uns (er meinte die altorientalischen Christen) wieder verbrüdern würden.“

Die Debatte, wie sich die göttliche und die menschliche Natur Christi miteinander verbindet, hielten wir vier für keinen Grund für eine Spaltung der Kirche Christi. Bleibt doch das wahre Wesen Christi bis zu seiner Offenbarung verdunkelt. Und widerspricht nicht eine endgültige Aussage über den göttlichen Meister dem Bilderverbot aus dem Dekalog. Der Herr möge auf Fürsprache der heiligen Jungfrau Maria und der Apostelfürsten Petrus und Paulus eine Einigung aller christlichen Kirchen ermöglichen, denn das Netz, das sie verbindet, es ist ja doch zerrissen! Vielleicht kann ich, können wir durch diese Mission, einen bescheidenen Beitrag für die Ökumene erreichen. Wir berichteten Gregor zwar nicht, was unser Ziel war, doch erklärten wir, welchen Weg wir dafür einschlagen wollten.

„Wir werden den altbekannten Routen folgen“, erläuterte Johannes, „wir haben hier einen waschechten Experten!“

Dabei legte er die Hand auf Nikolaus Schulter, der lächelnd entgegnete: „Zumindest in der Theorie weiß ich um die Strecke.“

Gregor hingegen berichtete uns von der „Lebensader“. So lautete der Name eines geheimen Pfades durch die Wüste, der aus einer Kette aus Oasen bestand. „Wenn ihr dieser folgt, habt ihr nicht nur ausreichend Wasser zur Verfügung, ihr habt auch eine Orientierung durch die Ödnis. Jedoch ist dieser Weg schwer zu finden! Wer nur eine kleine Abweichung vornimmt, der ist verloren!“

Wir beschlossen bei unserem Plan zu bleiben. Doch für unseren weiteren Weg mussten wir unsere Vorräte auffrischen und auch Lasttiere kaufen.

Wenngleich die Pferde, die wir in einem kleinen Handelsort erwerben wollten, einen Wucherpreis gekostet haben! Da schimpfen die christlichen Pferdehändler, dass die Juden einen über das Ohr hauen würden, verlangen aber von ihren eigenen Brüdern diese überteuerte Summe! Wahrhaft sagt die Religion eines Menschen nichts über sein Wesen und seinen Charakter aus! Gott sei gepriesen, dass wir Gregor bei uns hatten. Dieser drückte den Preis der Pferde nach unten, in dem er sowohl mahnende als auch heitere Worte mit den Händlern wechselte.

„Wir sind dir zu großem Dank verpflichtet, Gregor“, sagte ich ihm bei unserem Abschied.

„Es war mir eine Freude, euch helfen zu können“, antwortete er bescheiden.

Ich schenkte ihm einen Rosenkranz, Gregor übergab mir zwei Feuersteine. „Viel Glück auf eurem Weg“, wünschte er uns, als wir weiterzogen, „und Gottes reichen Segen!“

(Non) Nach einem halben Tagesmarsch stießen wir unterwegs auf einige Nomaden mit ihren Schaf- und Ziegenherden. In der Nähe machten wir Rast, da dort ein Brunnen stand, um Mensch und Tier mit Wasser zu versorgen. Plötzlich tauchte ein kleiner Junge auf, der eine kleine Herde von Jungtieren hütete. Er mag sieben oder acht Jahre alt gewesen sein. Als er uns sah, erschrak er nicht, sondern sorgte sich weiter um ein kleines Lamm, das er auf seinen Armen hielt. Die Arbeit der Wanderhirten hatte mich schlagartig gefangengenommen. Für einen kurzen Augenblick war ich dem Gedanken erlegen, meine Reise hier enden zu lassen und als Nomade weiter zu leben.

Ich musste meine Feder an dieser Stelle aus der Hand legen. War es mehr als ein Hirngespinst, war es vielleicht eine Art Vorahnung gewesen? Wäre es doch besser gewesen, ich hätte meine Gedanken damals und dort in die Tat umgesetzt? Doch nein, es war dann doch besser, dass ich weitergezogen bin. Die Erfahrungen und Erinnerungen daran sind es doch wert gewesen. Es wäre dann doch mehr Flucht als ein Eremitendasein gewesen!

Weg von den Städten von Neid und Stolz, von Krieg und Unfriede! Babylon, Persien, das Reich des Alexanders, der Aufstieg und der Fall Roms, und dabei führen die Nomaden seit Jahrhunderten dieselbe Tätigkeit aus, wie ihre Vorfahren und deren Vorfahren vor ihnen. Während die meisten Länder der bekannten Erde sich veränderten, ihre Zivilisation aufbauten oder auch zerstörten, hatten sich diese Tierzüchter seit der Vertreibung aus dem Paradiese überhaupt nicht gewandelt. Sollten wir es nicht den Nomaden gleichtun und dieser Art der Arbeit folgen? So wie in den Zeiten der Patriarchen? Zurück zur Einfachheit, zurück zu Eden? Gleicht denn der Aufbau großer Kulturen nicht dem Bau des Tempels zu Babel? Treibt denn nicht vor allem der Hochmut den Menschen voran, Städte zu bauen und sich so in das Zentrum des Weltalls stellen zu wollen?

Oder lehrt uns die Vertreibung aus dem Paradies vielmehr, nicht still zu stehen und uns weiterzuentwickeln, da die Trägheit das Kissen des Teufels ist? Die Zivilisation der Menschen fördern und nach vorne bringen, um ihnen ihr Heil ein Stück näher zu bringen?

Ich fragte mich ernsthaft, ob das einfache Leben eines Hirten oder das umfassende Streben eines Philosophen besser ist. Beide mussten die Probleme des Lebens meistern. Doch wie einfach war dabei der Tagesablauf der Nomaden. Zwar mussten die Hirten ihre ganze Zeit der Obhut ihrer Tiere widmen. Sie hatten weder Zeit noch Bedarf daran über philosophischen Fragen zu diskutieren und zu debattieren. Mit der Zunahme der Zivilisation ist das Leben der Menschen komplexer, aber auch komplizierter und nicht unbedingt einfacher geworden. Lösungen sind gefunden worden, aber damit auch neue Probleme geboren. Freilich war auch das Leben der Nomaden nicht frei von Sorgen. Wobei dann aber wiederum die Philosophie den Menschen bei der Versorgung mit Wasser und Nahrung helfen kann.

Ach, wie war doch noch gleich der Name des Philosophen, der auf den Vorwurf die Philosophie hätte keinen Nutzen, errechnete, dass die kommende Ernte der Oliven reichlich ausfallen würde? Er hatte dann alle Ölpressen in der Umgebung aufgekauft und dann zur Zeit der Ernte, diese so teuer weiter vermietet, dass er nicht nur seine Kosten deckte, sondern auch ein gutes Vermögen einnahm. Gesagt haben soll er dann, dass man durch die Philosophie reich werden kann, aber kein wahrer Philosoph nach Reichtum strebe.

(Sext) Dann fiel mir wieder die Definition der Arbeit von Thomas von Aquin ein, die Nikolaus vor wenigen Tagen rezitierte: „Bonum arduum – ein beschwerliches Gut.“ „Diese harte, aber einfache Arbeit hat etwas bezauberndes, etwas bewundernswertes. Während meiner Kindheit habe ich das Leben und Arbeiten auf dem Land für hart, aber erfüllend gehalten“, begann ich das Gespräch.

Als erstes ging Johannes auf meine Bemerkung ein: „Zwar verfügen die Menschen in der Stadt über mehr Geld, doch ist es auf dem Land gerechter verteilt. Und wenn auch die Arbeit für das tägliche Brot auf dem Land fast jeden Tag ein Kampf, zu oft ein Kampf ums nackte Überleben sein kann, haben doch alle zu essen. Nicht so in der Stadt, wo Reiche und Bettler nebeneinander wohnen.“

Das wollte wiederum Nikolaus nicht so stehen lassen: „Nicht immer finden auf dem Land gerechte Wechsel statt. Die Stadt biete Möglichkeit durch Handel den Geldbetrag seiner Bürger zu mehren, es müsste dann nur gerechter unter ihnen verteilt werden. Es liegt also am Menschen, nicht am Geld allein.“

Als wir weiter durch dieses unwirtliche Land streiften, griffen wir in unsere Unterhaltungen auch die Gedanken auf, mit denen wir uns auf der Überfahrt von Rom nach Akkon auseinandergesetzt hatten. „Ich bevorzuge wie unser Gründer Franziskus eine vita activa. Warum also nicht als Nomade leben? So groß sehe ich den Unterschied nicht zwischen dem Hüten einer Menschenherde und einer tierischen“, erklärte Johannes, worauf wir alle lachen mussten.

Darauf sprach Nikolaus: „Ich bevorzuge doch den Philosophen. Stimme aber Dir, Johannes, zu. Manchmal verhalten sich nämlich Menschen noch sturer und unvernünftiger als Tiere. Schließlich müsste auch Platon zugeben, dass wenn alle Menschen vernünftig handeln würden, auch sein Buch verboten wäre. Oder aber er hätte es nie schreiben können.“ Wieder schalte unser Lachen durch die ansonsten karge Landschaft.

„Adeodatus“, wandte sich Nikolaus an mich, „ich meine in seinem Werk De finibus bonorum et malorum schreibt Cicero über ein Stück von Terenz, in der die Hauptfigur, davon abrät, landwirtschaftlicher Tätigkeit nachzugehen.“

Mit einem breiten aber freundlichen Lächeln schaute er dann zu Johannes, der genauso zurück lächelte. „Das nennen Philosophen nur unedel, weil sie zu faul oder einfach unnütz sind“, bemerkte Johannes mit einem breiten Grinsen.

„Ich denke Seneca hat es am besten beschrieben, wenn er schreibt, dass es sich für einen Mann nicht gehöre, den Schweiß zu fürchten“, fügte ich an, worauf wir wieder lachen mussten.

(Vesper) Später wurde die Diskussion etwas ernster. „Der Mensch braucht Nahrung, also war zuerst der Nomade“, argumentierte Johannes, worauf Nikolaus erwiderte: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Auch ohne Nahrung kann ein Christ leben, sofern er sich beherrschen kann, Hunger zu erdulden.“

„Ihr argumentiert – jeder auf seine Weise – vollkommen richtig“, erklärte ich, „doch ist es schwer dabei eine Lösung zu finden. Schließlich gibt es ja keine einheitliche und allgemeine Lösung, sondern sie muss stets den jeweiligen Umständen angepasst werden. Überlegt habt ihr ja nur auf euch selbst bezogen. Was aber wenn wir unsere Gedanken auf unsere Mitmenschen richten würden? Eurem Nächsten würdet ihr doch nicht, wenn er Hunger hat, allein geistige Nahrung geben. Und wenn jemand um Wissen bittet, nur Brot anbieten.“

„Das stimmt, betrachtet man den Nächsten, dann ist es eine ganz andere Sichtweise“, sprach Johannes und Nikolaus fügte an: „Je nach den Umständen braucht der Mensch Brot im wörtlichen Sinne und im übertragenen Sinne.“ Am Ende hatten wir dann doch irgendwie im nirgendwo eine Lösung gefunden, zumindest in der Theorie.

Wir schlugen uns weiter bis nach Camath und zum Euphrat durch, zogen durch das Land weiter zum Tigris.

Von den abrahamitischen Strömen zu den singenden Bergen

(Sext) Ich habe noch deutlich vor Augen, als wir zu dritt rasteten. Johannes hatte sich um den Proviant gekümmert und dann unsere Pferde versorgt. Während unsere Tiere vor sich hin kauerten, untersuchte Johannes mit viel Sorgfalt die Füße der Pferde und säuberte, wo es nötig war, die Hufeisen. Dabei hielt er das Bein des Tieres gekonnt zwischen seinen eigenen Beinen fest. Er wirkte bei seiner Arbeit so jugendlich, gleichzeitig hatte er aber die nötige Erfahrung, die mit dem Alter kommt, sich so hinzustellen, dass die Tiere nicht nach ihm treten können.

Nikolaus hingegen hatte seine Nase wieder mal in seinen Aufzeichnungen von Thomas von Aquin gesteckt. Ich konnte immer noch nicht glauben, wie viele Dokumente er mitgeschrieben hatte, als er in Neapel und Orvieto dem Doctor Angelicus beim Predigen, Dozieren und Auslegen der Heiligen Schrift gelauscht hatte. Und dass in so jungen Jahren!

Wie paradiesisch waren damals die Umgebung gewesen im Vergleich zu meiner Zelle jetzt: Unter das sanfte Rauschen der fließenden Gewässer mischten sich das Zirpen und Singen der unterschiedlichsten Vogelarten, viele ähnelten denjenigen aus meiner Heimat, hatten aber ein bunteres Federkleid angezogen. Die Sonne befand sich zwar in ihrem Zenit, doch spendeten die Palmen mit ihren langen Blättern ausreichend Schatten und auch vom Wasser stieg angenehme Kühle auf. So muss sich das Paradies anfühlen, dachte ich bei mir: Wasser im Überfluss, exotische Früchte, Datteln, Feigen und Kokosnüsse. Wir hatten sogar einige Fische fangen können, sie zergingen wie Honig auf der Zunge und hatten auch in ihrem Geschmack eine gewisse Süße. Die Luft war erfüllt von den verschiedensten Düften, die sich in perfekter Harmonie vereinten. Zitrusfrüchte und Rosmarin, Datteln und Zypressen, Weiden und Hirse, Stauden und Schilf. Für einen Augenblick hätte ich den Zweck unserer Mission vergessen, es fühlte sich an, als ob wir bereits hier unser Ziel erreicht hatten.

Nachdem wir uns ausgeruht und uns mit Proviant eingedeckt hatten, wollten wir weiterziehen. „Brechen wir auf, obwohl ich hier noch eine Ewigkeit bleiben könnte“, rief Johannes. Nikolaus schaute nur etwas verdutzt, weil er seine Studien unterbrechen muss, doch bereitete auch er sich für die weitere Reise vor. Die Bergkette war unsere nächste Etappe, aber noch lange nicht das Ende.

(Vesper) Es waren zehn Tage vergangen bis wir das Gebirge erreichten, das wir schon die ganze Zeit als Ziel vor Augen hatten und das doch den ganzen Weg entlang so weit entfernt lag. Ein gespenstischer Empfang hatte uns erwartet. Nun wurde mir auch bewusst, warum das Gebirge auch „die singenden Berge“ genannt werden. Der Wind pfiff so scharf durch das Gestein, das von Wind und Wetter gezeichnet war, dass der Eindruck entstehen konnte, die toten Steine wollten zu einem makabren Totengesang anstimmen. Da das Gebirge östlich von uns stand und die Sonne gerade im Westen am untergehen war (es war nämlich Abend geworden und wir werden erst morgen den Aufstieg wagen), zeichneten sich schrecken erregende Schatten auf den Felsen und den Abhängen ab. Ein Schatten, der einem Löwen glich, riss sein Maul weit auf; ich fürchtete wirklich, ich würde jeden Augenblick sein Gebrüll hören. Doch nahm ich lediglich das Pfeifen des Windes wahr, der weiterhin heftig blies. Als ob uns eine höhere Macht vor einem Weitergehen warnen wollte. Gegenüber dem Löwen trat nun ein Bär auf allen Vieren auf, der sich plötzlich wie ein Mensch aufstellte und fast den gesamten Bergrücken einnahm. Wo der Löwe war, tauchte eine andere Großkatze auf. Der Schatten sprang von der Spitze des Berges von einem Felsvorsprung auf den anderen hinab: Geschmeidig und behände. Zum bizarren Abschluss dieses Schauspiels tauchte ein seltsames Tier auf, genauer gesagt, sah ich nur die spitzen Zähne, die aus seinem Maul ragten, und die großen Hörner, die fast das ganze Gesicht verdeckten. Obwohl diese Trugbilder sowohl der menschlichen Vernunft und dem göttlichen Glauben widersprachen, empfand ich durchaus Furcht. Ich blickte zu Johannes und Nikolaus. Doch sie schienen nichts gesehen zu haben. Waren wirklich Schatten aufgetreten? Oder habe ich mir das nur eingebildet? Oder geträumt?

(Komplet) In der Nacht brannte das Lagerfeuer und war neben dem Leuchten des Mondes und der Sterne unsere einzige Lichtquelle. Ich schaute lange in das Feuer, das nicht nur schien, um uns nicht vor wilden Tieren zu schützen. Ich meinte auch es ließ unserer Inneres aufleuchten.

Soviel Zerstörung kann ein kleines Feuer bringen, doch trägt es auch eine reinigende Kraft in sich. Eine Art Schutz vor diesem gespenstischen und unheimlichen Ort. Es war sowohl real als auch mysteriös, erschreckend und erfreulich, dämonisch und göttlich zugleich. Natürlich waren wir hier nur zu dritt, dennoch spürte ich die Anwesenheit einer Macht, die zwar nicht sichtbar vor uns stand, aber doch irgendwie präsent war. Und als ich in die Gesichter meiner Begleiter schaute, meinte ich, dass sie wohl ähnlich dachten.

„Und morgen müssen wir auf dieses Gebirge steigen!“, stöhnte Johannes.

Nikolaus antwortete: „Es ist der einzige Weg, den wir ungefährdet gehen können.“

„Und sollten wir danach nicht nach einem alternativen Weg Ausschau halten?“

„Wir sollen ja eben auf den Spuren unserer Vorgänger folgen. Vor allem wissen wir nicht um andere Wege, die wir einschlagen können.“

„Ich frage mich auch“, stieg ich in die Diskussion ein, „ob wir versuchen sollten, die Lebensader zu finden und dieser zu folgen.“

„Ich schlage vor, wir folgen, soweit es die Aufzeichnungen zulassen auch danach dem Weg, den Alexander der Große eingeschlagen hatte“, argumentierte hingegen Nikolaus.

„Wir müssen uns ja jetzt noch nicht entscheiden, welchem Weg wir folgen werden. Lasst uns eine Entscheidung finden, wenn wir das Gebirge hinter uns gelassen haben“, meinte Johannes.

Wir einigten uns auf seinen Vorschlag.

Homo Homini Lupus – Der Mensch dem Menschen ein Wolf