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Der wohlhabende Baron von Kranach-Walde wird ermordet. Kurz davor hat er Nora, ein Callgirl, zu seiner Haupterbin bestimmt, während seine Kinder praktisch leer ausgehen. Das Testament ist aber nicht auffindbar. Nora engagiert Tanner, einen pensionierten Polizeimajor, es zu finden und für ihre Sicherheit zu sorgen. Auf der Jagd nach dem Erbe entbrennt ein blutiger Reigen in dem die Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern immer unklarer wird.
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Seitenzahl: 453
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Eugen Adelsmayr
Das Vermächtnis des Barons
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Ⅰ
Ⅱ
Ⅲ
Ⅳ
Ⅴ
Ⅵ
Ⅶ
Ⅷ
Ⅸ
Ⅹ
Ⅺ
Ⅻ
XIII
XIV
XV
Impressum neobooks
Der alte Baron wehrte sich nicht mehr.Trotzdem hielt Erik das rote Seidenkissen noch eine Weile fest auf sein Gesicht gedrückt, bevor er zögernd lockerließ.„Du kannst jetzt kommen Nora, es ist vorbei, “ sagte er in Richtung Badezimmer, stand langsam auf und setzte sich an ihr Schminktischchen neben dem Bett. Er steckte sich eine Zigarette an.„Du kannst herauskommen!“, wiederholte er etwas lauter als zuvor. Die Badezimmertür blieb zu, nichts rührte sich. Die Zigarette tat ihm gut, er entspannte sich und betrachtete den alten Mann, der da am Rücken ausgestreckt, leblos vor ihm auf dem Bett lag. Ein gebrechlicher Körper, das makellos weiße Hemd bis oben zugeknöpft, die Hosenträger im Todeskampf von den schmalen Schultern gerutscht. Erik nahm einen tiefen Zug, blies den Rauch schnaubend aus, stand auf und deckte die Leiche bis über den Kopf mit der Bettdecke zu. Nora stand schon hinter ihm, er hatte sie gar nicht kommen gehört.„Ist er tot?“„Mausetot!“„Bist du dir auch wirklich ganz sicher Erik?“„Nora, bitte! Spiele jetzt nicht verrückt! Komm, hilf mir ihn auszuziehen. Komm schon! Ich mache mich dann aus dem Staub.Nora nickte. Sie fröstelte. Sie hätte sich jetzt gerne eine warme Jacke angezogen, aber Erik meinte, dass ihre Geschichte glaubwürdiger klang, wenn das Rettungsteam sie so wie jetzt halbnackt, nur in ihrem Negligé, sah. Nachdem sie den alten Mann entkleidet hatten ging Erik ins Bad, schrubbte seine Hände lange mit Seife und Bürste ab und wusch sich mit kaltem Wasser das Gesicht. Dann beeilte er sich wegzukommen. Nora sah ihm vom Fenster aus nach, bis er, ohne noch einmal zu ihr hochzusehen, im Park gegenüber verschwunden war. Ein paar Minuten warten noch, dann sollte sie den Notruf wählen. Mit schützend vor der Brust verschränkten Armen ging Nora im Zimmer auf und ab, bis sie nicht mehr anders konnte, als doch zum Leichnam auf dem Bett hinzusehen. Wie friedlich schlafend lag der alte Mann auf dem Rücken, eine weiße Strähne hing ihm ins Gesicht. Nora beugte sich über ihn und strich sie ihm zurück. Fast zwei Jahre hatten sie sich gekannt, aber noch nie zuvor hatte sie ihn nackt gesehen. Teetrinken, ihre Gesellschaft genießen und dabei ihre Hand halten dürfen, mehr hatte er nie von ihr verlangt. Für diese Zweisamkeiten hatte er sich stets sehr großzügig erkenntlich gezeigt. Außerdem, das hatte er ihr vor einigen Wochen anvertraut, hätte er sie auch in seinem Testament bedacht. Nora hatte ihrer Mutter und Erik davon erzählt und die Dinge nahmen ihren Lauf. Sie hatte sich wieder gefasst, atmete noch einmal tief durch, wählte den Notruf und schlug Alarm, dass der alte Mann einen Herzanfall erlitten hatte. Ein Notarztteam wurde auf den Weg geschickt. Wie von der Einsatzzentrale angewiesen, ließ sie die Wohnungstür einen Spalt weit offenstehen, dann setzte sie sich in die Küche und zündete sich eine Zigarette an. Sie hatte noch nicht fertig geraucht, stürmten schon die Helfer bei der Tür herein. Die Notärztin konnte nur noch den Tod des alten Herren feststellen und versuchte in Anbetracht der schon verstrichenen Zeit erst gar nicht mehr ihn wiederzubeleben. Zu den Sanitätern meinte sie, dass dies ein klassisches Beispiel dafür sei, wie ein altes Herz im Rausch der Leidenschaft überanstrengt wurde, bis es seinen Dienst quittierte. Noras verführerisches Nachthemd und das zerwühlte Bett untermauerten diesen naheliegenden Schluss. Ein Sanitäter fand den Ausweis des alten Herren in der Innentasche seines Sakkos und schrieb die persönlichen Daten für das Einsatzprotokoll ab.„Kranach- Walde, ein bekannter Name!“ stellte er fest.Die Notärztin erstarrte für einen Moment, dann sah sie sich das Gesicht des Toten noch einmal genauer an. Ihr schien etwas auf den Lippen zu liegen, sie behielt es aber für sich. Sie ging zu Nora, die sich in das Wohnzimmer zurückgezogen hatte.„Ich verständige jetzt noch den diensthabenden Arzt, er wird dann noch vorbeikommen und die Totenbeschau durchführen. Erst danach dürfen sie den Bestatter verständigen, damit er den Leichnam abholen kommt. Kommen sie bis dahin allein zurecht?“Nora versicherte, dass sie das schon schaffe, aber ihr graute davor wieder mit dem Baron allein zu sein. Nachdem das Rettungsteam gegangen war, machte sie die Schlafzimmertür zu und sperrte sie auch ab. Dann duschte sie lange und zog sie sich an. Beim Warten auf den Totenbeschauer kam ihr jede Minute unendlich lang vor und sie musste sich zwingen, nicht dauernd auf die Uhr zu sehen. Erik wollte sie nicht anzurufen, er würde sicher ungehalten reagieren. Sie musste nur genau nach dem abgesprochenen Plan vorgehen.Als es endlich an der Tür läutete, war erst wenig mehr, als eine halbe Stunde vergangen. Der Arzt war ein älterer Herr, einen Kopf kleiner als Nora, mit von der Kälte geröteten Ohren und Gesicht. Er stellte sich höflich und leise als Doktor Lenau vor und streifte sorgfältig seine Schuhe ab, bevor er Nora bis zum Schlafzimmer folgte, wo sie ihm dann den Vortritt ließ. Einige Schritte vor dem Bett stoppte er und ließ seine Tasche fallen.„Armin? Mein Gott! Armin!“ „Sie kennen ihn?“ Nora drehte sich erstaunt zu ihm um. Heftig atmend beugte sich der Arzt über den Toten, suchte zittrig am Hals nach einem Puls, dann strich er mit den Fingern sanft über die Augenlider, obwohl sie geschlossen waren.„Ja, ich kenne ihn. Ich bin seit fast dreißig Jahren sein Arzt, der Hausarzt der Familie Kranach-Walde, von Kranach-Walde. Ein altes Adelsgeschlecht. Schrecklich! Die Familie! Wenn das bekannt wird, dass er hier, bei ihnen, dass er so…“ „..., dass er peinlicherweise im Bett einer Nutte verstorben ist!“ beendete Nora Lenaus Gedanken. Er nickte abwesend, er dachte nach.„Aber, es braucht niemand zu erfahren. Ich trage als Ort des Todes das Stiegenhaus und nicht diese Wohnung ein. Kein Problem, das fällt nicht auf, niemand wird jemals fragen. Hier im Haus hat auch ein bekannter Wirtschaftsanwalt seine Kanzlei, die Familie wird annehmen, dass er auf dem Weg dorthin war. Helfen sie mir bitte!“ Nora half dem Doktor dabei den alten Mann wieder anzukleiden, dann schleppten sie ihn gemeinsam in den Vorraum hinaus und riefen den Leichenbestatter an. Doktor Lenau meinte, er würde warten, bis der Baron abgeholt war. Nora entschuldigte sich, sie wollte nicht mit Lenau neben dem Leichnam warten. Sie ging ins Schlafzimmer, zog die Bettwäsche ab und warf den ganzen Packen in den Müllcontainer unten im Hof. Auf dem Weg zurück zur Wohnung rief Erik sie an, was denn so lang dauerte, ob leicht etwas schiefgegangen war. Er war nicht nur erleichtert, sondern geradezu begeistert, als Nora ihm erzählte, was der Arzt sich hatte einfallen lassen, um seinem adeligen Freund einen makellosen Nachruf zu bewahren. Er hatte dadurch aus einem gut geplanten Mord einen geradezu perfekten gemacht. .Als der Leichenbestatter dann endlich da war erklärte Lenau ihm, dass sie den Toten hier herein in den Vorraum gezogen hatten, damit er nicht so pietätlos draußen im Stiegenhaus lag. Nachdem sein toter Freund eingepackt war, verließ Lenau hinter dem Metallsarg das Haus. Es war schon spät in der Nacht. Er setzte sich in sein Auto, steckte den Schlüssel ins Schloss, startete den Motor aber nicht. Er würde nun den Kindern des Barons die traurige Nachricht überbringen müssen und das tat er besser gleich jetzt als später. Rüdiger, dem ältesten Sohn, wollte er es sagen und der könnte dann seine Geschwister informieren. Lenau wählte seine Nummer, aber auch nach langem Läuten hob Rüdiger nicht ab. Severin, den jüngeren Sohn anzurufen, hielt Lenau für keine so gute Idee, weil der alte Baron fast jeden Kontakt mit ihm abgebrochen hatte und Isabel, die jüngere der beiden Töchter, hatte als einzige kleine Kinder und deshalb wollte Lenau sie um diese Zeit nicht mehr stören, sie hatte als einzige kleine Kinder, sie wollte er so spät nicht mehr stören. Jetzt blieb nur noch Patrizia, ihre große Schwester. Bei ihr war nur nicht sicher, ob sie um diese Zeit noch ausreichend nüchtern und aufnahmefähig war, sehr wahrscheinlich war es nicht, zumindest wollte er es ihr besser persönlich und nicht am Telefon sagen. Lenau kündigte sich nicht erst an, er fuhr gleich los. Schon von weitem sah er, dass die Villa, in der Patrizia allein lebte, hell erleuchtet war. Sie musste ihn die Einfahrt herauffahren gesehen haben, denn als er ausstieg stand sie schon da. Im Schlafrock, ein Sektglas in der Hand begrüßte sie ihn und fragte welchem Glücksfall sie seinen Besuch zu verdanken habe. Lenau nahm sie vorsichtig am Arm und führte sie zurück ins Haus. Sie gingen ins Wohnzimmer und Lenau erzählte, was passiert war. Patrizia hielt ihr Glas umklammert und sah ihn mit glasigen Augen ungläubig an. Sie verzog keine Miene, doch dann rannen ihr unvermutet Tränen über die aufgedunsenen Wangen. Lenau versuchte sie zu trösten, fühlte sich aber neben einer angetrunkenen Frau im Schlafrock nicht wohl und entsprechend gehemmt und ungeschickt. Patrizia versicherte, dass sie schon allein zurechtkommen würde und erleichtert verabschiedete Lenau sich. Patrizia betäubte Trauer und Weltschmerz mit noch einigen Gläsern, bevor sie in einen unruhigen traumlosen Schlaf versank. Am Morgen versuchte sie sich zu erinnern, was alles genau Doktor Lenau gesagt hatte. Alles fiel ihr nicht mehr ein, nur dass ihr Vater am Abend in der Courbet-Gasse gestorben war, wusste sie noch. Sei griff zum Telefon und rief nacheinander ihre Geschwister an. Als Baron Rüdiger von Kranach-Walde in der Villa seiner Schwester eintraf, saß sie schon mit Severin, dem jüngeren Bruder, im Salon beim Tee. Sie hatte vom Weinen verschwollene Augen und war ganz in Schwarz, vom Halstuch bis zum Ziffernblatt der Uhr. Rüdiger begrüßte sie mit einem angedeuteten Kuss, der ihre Wange nicht berührte. Severin war aufgestanden, gab Rüdiger die Hand und umarmte ihn.„Wie hast du es erfahren Patrizia?“ drehte Rüdiger sich wieder zu seiner Schwester um. „Doktor Lenau ist persönlich vorbeigekommen, um mich zu informieren. Dich hat er nicht erreicht. Er hatte zufällig Dienst und wurde dazu gerufen.“Patrizia trocknete ihre Tränen mit einem seidenen Taschentuch.„Armer Papa!“, fügte sie schluchzend hinzu. Severins Telefon läutete, er stand auf, ging zum Fenster und nahm das Gespräch erst dort entgegen.„Liebe Grüße von Isabel. Sie ist im Spital und, wie immer, unabkömmlich. Sie weiß nicht, bis wann sie sich freimachen kann. Wahrscheinlich frühestens morgen!“ stellte er im Niedersetzten fest.Rüdiger schenkte sich selbst eine Tasse Tee ein und ließ sich in das Ledersofa gegenüber seiner Schwester sinken.„Was hat Vater eigentlich in der Courbet-Gasse gemacht?“ fragte er in die Stille. „Wo ist denn die überhaupt?“ sagte Severin vor sich hin, klang aber nicht wirklich interessiert. „Lenau meint, dass in diesem Haus ein Wirtschaftsanwalt seine Kanzlei hat und Papa wahrscheinlich auf dem Weg zu ihm gewesen ist“, schluchzte Patrizia.Rüdiger schlürfte nachdenklich seine Tasse leer. Nach dem Tee tranken sie Cognac, besprachen was alles jetzt vordringlich zu erledigen war und konnten sich nicht darauf einigen, wer aller auf die Gästeliste für den Leichenschmaus zu nehmen war. Eine halbe Flasche später, nahm Patrizia kaum noch an der Unterhaltung teil und die Brüder debattierten das Menü. Isabel rief noch an und gab ihnen Bescheid, dass es ihr heute nicht mehr möglich war, sie aber morgen gegen Mittag verlässlich da sein würde. Severin rief ein Taxi für sich, Rüdiger fühlte sich noch fahrtauglich und wankte die Auffahrt hinunter zu seinem Wagen. Bis Severins Taxi endlich da war, hatte Patrizia auf dem Diwan schon der Schlaf übermannt. Rüdiger hatte immer schon lebhaftes Interesse für die Geschäfte seines Vaters gezeigt, der hatte ihm aber nie tieferen Einblick gewährt. Obwohl es schon spät war, entschloss er sich noch einen Blick in die Unterlagen die sein Vater für den Steuerberater vorbereitet hatte zu werfen und verdarb sich damit selbst den Schlaf. Er entdeckte regelmäßige Zahlungen von beträchtlicher Höhe an eine gewisse Nora Musil, deren Wohnadresse ausgerechnet in der Courbet-Gasse lag. Die Beträge waren stattlich, sogar für seinen Vater, dessen lockere Hand für Geld sprichwörtlich war.Am nächsten Morgen holte Rüdiger Erkundigungen ein und nach einigen Telefonaten wusste er, wer diese Nora Musil war; ein exklusives Callgirl, vierzig Jahre jünger, als sein Vater. Eine Nachfrage beim Notar bestätigte seinen Verdacht, dass der Vater die Wohnung erstanden und dann großzügig ihr überschrieben hatte. Mit diesen Neuigkeiten machte Rüdiger sich zum Familientreffen bei Patrizia auf. Als er eintraf, begrüßte ihn Patrizia mit verschwollenen und geröteten Augen, Rüdiger nahm an, dass das nicht nur vom Weinen kam. Isabel und Severin saßen schon im Wohnzimmer. Isabels Trauer über den Verlust ihres Vaters hielt sich in Grenzen, nicht, dass er sie gar nicht berührte, aber als besonders schmerzlich empfand sie ihn nicht. Von ihren Eltern hatte sie nur zu ihrer Mutter ein inniges Verhältnis gehabt, die eine durch Geld geadelte Bürgerliche war. Ihre Familie hatte es mit einer Handschuhmanufaktur zu ansehnlichem Reichtum gebracht, zu einer Zeit, als feines Leder für die Finger noch ein stilvolles Accessoire und nicht nur Kälteschutz war. Von ihr hatte Isabel auch eine große Stadtwohnung und Patrizia diese Villa geerbt. Auch Severin verband kaum etwas mit dem alten Baron, der schon, als die Kinder noch klein waren, sein eigenes Leben abseits der Familie gelebt hatte und mehr Gast als Familienvater im eigenen Haus gewesen war. Trotz bescheidener Kochkenntnisse hatte Patrizia ein Essen aufgetischt und die Geschwister nahmen Platz. Rüdiger nahm keine Rücksicht darauf, ihnen damit vielleicht den Appetit zu verderben und berichtete was er herausgefunden hatte. Patrizia löffelte ziemlich ungerührt weiter, Isabel schien sogar leicht amüsiert. Severin hingegen legte das Besteck zur Seite, er hatte keinen Hunger mehr. Wie Rüdiger befürchtete auch er, dass das noch lange nicht Alles war.„Hat der alte Bock sich doch glatt eine Mätresse gehalten!“ machte er seinem Ärger Luft, was Patrizia mit einem „Severin! Bitte!“ quittierte. „Unser Notar hat nur von der Wohnung gewusst“, hoffte Rüdiger, dass alles vielleicht doch nicht so schlimm war, „und Vaters Testament liegt zum Glück seit Jahren sicher in seinem Safe.“„Was nicht heißt, dass nicht noch ein neueres existiert!“, bemerkte Isabel sarkastisch.„Stimmt´s, Bruderherz?“Severin schob seinen Teller weg und zündete sich, ohne die Hausherrin um Erlaubnis zu fragen, eine Zigarette an. Die Frauen aßen weiter, die Männer setzten sich an den Teetisch, rauchten und schütteten Cognac in sich hinein. Sie verabschiedeten sich nach mehreren Gläsern und baten ihre Schwestern das Begräbnis vorzubereiten. Sie beide hätten jetzt viel Wichtigeres zu tun. Ihre Wege trennten sich vor dem Haus. Severin hatte ein Rendezvous, Rüdiger verbrachte den Nachmittag mit der Buchhaltung seines Vaters im Büro.Am Abend begann ihn die Neugier zu plagen und er machte sich zu Noras Adresse auf. Vorsichtshalber parkte er nicht unmittelbar vor dem Haus, sondern schon einige Straßen davor. Er hatte sich vorgestellt, einfach bei ihr anzuläuten, besann sich dann aber doch eines Besseren und bezog vorerst Posten im Park gegenüber dem Haus. Er wollte zuerst vorsichtig die Lage sondieren, um vor unliebsamen Überraschungen bewahrt zu sein. Er behielt die Fenster im Auge, hinter denen es ruhig war, außer dass irgendwann ein Licht anging. Niemand, der ihm gefährlich erschien, betrat das Haus und es kam auch niemand heraus, kein Zuhälter, kein Freier, nur eine schwer mit Einkaufstaschen bepackte Frau, die sicher nicht Nora Musil war. Rüdiger fand, er könne es jetzt riskieren, er probierte an der Haustür, sie war nicht abgesperrt, er ging die Treppe hinauf in den ersten Stock, dann stand er vor der Wohnung, die sein Vater seiner Geliebten geschenkt hatte und vor der er im Stiegenhaus gestorben war. Entschlossen drückte er auf den Klingelknopf neben dem Messingschild mit den Initialen N.M. Kurz danach vermeinte er Schritte zu hören und konnte förmlich spüren, wie er durch den Türspion gemustert wurde. Dann öffnete die Tür sich einen kleinen Spalt, mehr ließ die eingehängte Sicherheitskette nicht zu.„Sie wünschen?“Rüdiger konnte die Hälfte eines Männergesichts sehen und bereute schon hergekommen zu sein.„Entschuldigen sie die Störung, ist Frau Musil hier?“„Für wen?“ „Für den Sohn des Mannes, der vor ihrer Tür verstorben ist. Kranach-Walde ist mein Name.“„Was ist denn los Erik?“Hinter dem Mann war eine Frau erschienen. Er trat zur Seite und machte ihr Platz.„Rüdiger von Kranach-Walde, könnte ich sie kurz sprechen?“ Die Tür ging zu und Rüdiger nahm zuerst an, dass die Begegnung damit beendet war, dann hörte er aber wie die Kette ausgehängt wurde und Nora bat ihn herein. Sie stellte sich selbst mit „Musil“ und den jungen Mann mit „Erik“ vor.„Ich wollte nur sehen, wo mein Vater gestorben ist und mich für ihre Hilfe bedanken und dafür, dass sie alle damit verbundenen Unannehmlichkeiten auf sich genommen haben.“ Erik schien sich reichlich unwohl zu fühlen. Rüdiger musterte ihn und befand, dass von ihm keine Gefahr ausging. Er trat einen Schritt vor und zog die Tür hinter sich zu. Nora bat ihn aber nicht weiter herein.„Was wollen sie von mir? Was führt sie wirklich her?„Wie lange schon ist mein Vater hierhergekommen? Wie lange schon haben sie den alten Mann schamlos ausgenützt?“Rüdiger musste sich beherrschen, um nicht laut zu werden. Nora fasste sich schnell, sie lächelte ihn an „Im Jänner wären es drei Jahre gewesen. Und ich kann ihnen versichern, dass er jeden einzelnen Tag davon genossen hat!“ „…und ich habe ihn wirklich gemocht!“, fügte sie nach einer Pause hinzu„Was ja nicht besonders überraschend ist“, bemerkte Rüdiger spöttisch.„Die schöne Wohnung, eine wahrlich fürstliche Apanage. Mein Vater war offensichtlich sehr um ihr Wohlergehen bemüht. Vermutlich auch über seinen Tod hinaus.“ Den Nachsatz hatte Rüdiger nicht als Feststellung, sondern als Frage gemeint. Er sah Nora auf eine Antwort wartend an. Sie zeigte aber keine Reaktion, was Rüdiger als Zustimmung verstand. „Was alles haben sie ihm abgeluchst?“ herrschte er sie an.„Das werden sie früh genug erfahren. Gehen sie jetzt!“ Erik setzte sich in Bewegung und hielt Rüdiger die Tür auf.„Dass sie sich nur nicht zu früh freuen!“, schnaubte Rüdiger und rauschte an Erik vorbei. Hinter ihm knallte die Tür ins Schloss. Erik drehte den Schlüssel um und hängte die Kette wieder ein.„Mir wäre wesentlich wohler, wenn der alte Herr dir sein Testament auch gegeben hätte, statt dir nur zu sagen, dass er eines geschrieben hat.“Nora gab ihm Recht. Spät in dieser Nacht durchschlug ein Stein das Fenster von Noras Schlafzimmer und landete knapp neben ihrem Bett. Die restliche Nacht wagte sie kein Auge zuzutun und stand am Morgen erschöpft und beunruhigt auf. Erik kam, als sie schon beim Frühstück. Er versuchte sie aufzumuntern, spürte aber selbst, dass er nicht sehr überzeugend klang. Nora fühlte sich durch ihn auch nicht wirklich beschützt. Er war alles weder kräftig gebaut noch zum Helden geboren. Sie brauchte einen Beschützer, einen Profi, jemanden der wusste was er tat. Sie horchte sich ein wenig um und ein ehemaliger Kommissar, Leopold Tanner, wurde ihr mehrfach als geeignet für einen solchen Job genannt. Sie machte sich auf den Weg zu seinem Büro. Sie war zu früh, es war aber noch niemand da. Dann hörte sie Schritte die Stiege heraufkommen. Tanner nahm zwei Stufen auf einmal. Er wurde langsamer, als er sie sah. Er nickte ihr grüßend zu, sie sah ihn abschätzend von oben nach unten an.„Warten sie auf mich?“, fragte er und ging nach dem Schlüssel in seiner Manteltasche tastend auf sie zu. Mit einer Kopfbewegung deutet sie auf das Schild neben der Tür.„Wenn sie der sind, dann ja!“ ´Leopold TANNER- Ermittlungen´ stand dort in goldenen Lettern auf grünem Untergrund. Sie ging einen Schritt zur Seite, Tanner steckte den Schlüssel ins Schloss und stieß die Tür auf.„Bitte sehr, nach Ihnen.“ Er nahm die hinter das Schild gesteckte Post an sich und ging, weil sie sich nicht bewegt hatte voraus. Er legte seinen Hut und den Mantel in der Garderobe ab, sie behielt ihren lieber an. Erst als sie ihm gegenüber an seinem Schreibtisch Platz genommen hatte, zog sie ihre Handschuhe aus.„Was führt sie zu mir Frau…?“ „Ich werde bedroht und suche jemanden der mich beschützen kann.“Sie öffnete den obersten Knopf an ihrem Mantel.„Und sie wurden mir empfohlen, weil sie als Drogenfahnder gefürchtet waren und ihnen der Ruf vorauseilt, nicht zimperlich zu sein. Ich schätze, das empfiehlt sie für diesen Job.“„Tut es das?“ fragte Tanner gelangweilt und vermutete einen eskalierten Rosenkrieg. Er kam als privater Ermittler eher schlecht als recht über die Runden und trauerte manchmal, so wie jetzt gerade, der soliden Polizeiarbeit nach. Drogenhandel, organisiertes Verbrechen, große Fälle und nicht wie hier wahrscheinlich, in einem Beziehungsdrama Gorilla spielen.„Wieso wenden sie sich nicht an die Polizei? Die würden ihnen doch auch helfen können?“„Es ist kompliziert.“„Das ist es immer, aber guter Personenschutz ist für mich als Ein-Mann-Unternehmen fast nicht machbar.“Kleinliches Verhandeln war nicht Noras Stil. Sie zog eine Visitenkarte heraus und legte sie vor Tanner auf den Tisch. Im Aufstehen meinte sie nur, es möge es sich doch noch überlegen und ihr bis morgen Mittag Bescheid zu geben, andernfalls sie sich leider an jemand anderen wenden würde. Tanner begleitet sie hinaus. Vom Bürofenster aus beobachtete er dann, wie sie, ohne nach links und rechts zu schauen, über die Straße ging. Die ungehalten hupenden Autofahrer ignorierte sie mit erhobenem Haupt ebenso elegant, wie die kalte Jahreszeit mit ihren hochhakigen Wildlederschuhen. Er sah ihr nach, bis sie im gegenüberliegenden Park verschwunden war, dann setzte er sich wieder hinter seinen Schreibtisch und nahm ihre Visitenkarte zur Hand.„Nora - Escorts Deluxe“, darunter stand eine Telefonnummer, sonst nichts. Auf der Heimfahrt nach einem, ereignislosen Tag, an dem sich nach Nora keine weitere Kundschaft mehr in sein Büro verirrte, gab sein Auto rauchend den Geist auf und zuhause erwartete ihn auch noch ein Postfach das vor Rechnungen überquoll. Das alles erleichterte ihm seine Entscheidung und am nächsten Morgen rief er Noras an. Nach dem dritten Mal Läuten begrüßte ihn ihre angenehme Stimme vom Band und forderte ihn auf, eine Nachricht zu hinterlassen. Tanner horchte ihr bis zum Signalton zu, dann legte er schnell auf. Am späten Nachmittag rief Nora zurück, kurz darauf saß sie wieder bei ihm im Büro. Ohne ihm mehr als unbedingt notwendig zu verraten, schilderte sie, wie der kürzlich verstorbener Baron Kranach-Walde, sie in seinem Testament großzügig bedacht und seine noble Familie damit offensichtlich ernsthaft verärgert hatte. Sie erzählte Tanner vom unerfreulichen Besuch Rüdigers und dem Steinwurf von letzter Nacht. Das von Tanner geforderte Tageshonorar akzeptierte sie, ohne mit einer ihrer langen Wimpern zu zucken und gab ihm die Vorauszahlung für eine Woche in bar. Ein Handschlag besiegelte den mündlichen Vertrag. Als Nora sein Büro verließ, wusste sie Tanner unsichtbar irgendwo in ihrer Nähe und seine wachsamen Augen auf ihr. Sie erledigte Einkäufe und hatte dann in ihrer Bank zu tun. Dort fiel ihr Tanner erstmals auf. Er blieb nahe genug, um ihr ein Gefühl von Sicherheit zu geben, aber nicht so, als würden sie zusammengehören. Dass sie sich immer wieder suchend nach ihm umsah, würde sich mit der Zeit schon legen. Tanner wollte, um die Bedrohung besser einschätzen zu können, mehr über Rüdiger erfahren. Er kannte den Namen Kranach-Walde aus den Medien und vor allem Rüdiger als Abgeordneter wurde regelmäßig erwähnt. Nachdem er Nora wieder nach Hause begleitet hatte, begann er zu recherchieren. Die Familiengeschichte der Kranachs reichte weit zurück, nichts wirklich Spektakuläres, ein chronisch verschuldetes Adelsgeschlecht. Erst über den Vater des verstorbenen Barons, Rüdigers Großvater, fand Tanner mehr. Er hatte seinerzeit es als Nazi eine steile Karriere gemacht und es dabei beachtlichen Besitz angehäuft. Dass sein Reichtum auf arisiertem Vermögen beruhte, war allgemein bekannt. Es wurde zwar hinter vorgehaltener Hand darüber gemunkelt, ernstlich geschadet hatte es ihm aber nie. Rüdigers Vater hatte den Besitz übernommen und nicht nur gut verwaltet, sondern sogar noch vermehrt. Seine Frau verstarb, als der jüngere Sohn Severin noch zur Schule ging. Politisch blieb der alte Baron der Gesinnung seines Vaters treu, eine Tradition, die auch Rüdiger beibehielt.Tanner durchsuchte die Zeitungen nach aktuellen Fotos und prägte sich eines ein, das Rüdiger bei einer politischen Veranstaltung zeigte. Über seine Geschwister war so gut wie Nichts zu finden. Patrizia die Älteste hatte keine Familie und lebte allein. Ihre Schwester Isabel war mit dem bekannten Buchhändler Jakob Suess verheiratet und hatte zwei Kinder mit ihm. Severin der jüngste, führte ein zurückgezogenes Leben und alles was Tanner herausfinden konnte war mehr oder weniger nur, dass es ihn gab. In fast jedem Journal war eine Todesanzeige des alten Barons geschaltet, so erfuhr Tanner, dass die Beerdigung für morgen angesetzt war. Eine gute Gelegenheit, die von Kranach-Walde alle versammelt zu sehen.Tanner fand sich schon sehr früh am Friedhof ein, hielt sich aber weit abseits der Friedhofskapelle, in der der Baron aufgebahrt war. Nach und nach trafen die ersten Trauergäste ein, dann kam Rüdiger, als erster der Familie. Bald darauf machte Tanner auch seine Schwestern und Isabels Mann Jakob unter den eintreffenden Trauernden aus. Die Kapelle war nicht sehr groß und bot bei Weitem nicht für alle Platz. Erst als die letzten eintrafen, kam auch Severin angehetzt und drängte sich bis vorne durch. Tanner hatte genug gesehen, er machte sich wieder aus dem Staub.
Patrizia hatte darauf bestanden, das Begräbnis als großes gesellschaftliches Ereignis aufzuziehen und fast alle geplanten Trauergäste waren der Einladung gefolgt. Nur wenige hatten aus Alters- und Gesundheitsgründen abgesagt und einige aus dem Hochadel waren ohne Entschuldigung ferngeblieben, sie fielen aber zumindest zahlenmäßig nicht ins Gewicht. Rüdiger, Patrizia, Isabel und Jakob hatten in der ersten Reihe Platz genommen und jetzt wo auch Severin eingetroffen war, konnte der Trauerzug beginnen. Die Menge setzte sich in Bewegung und folgte dem Sarg bis zur Familiengruft. Eine große Schar von nicht Geladenen stand etwas abseits und verabschiedete sich still vom alten Baron, dessen Name jetzt als letzter, unter dem seiner Frau, in die schwarze Marmortafel gemeißelt stand. Seine Kinder gingen gleich hinter dem Sarg, gefolgt vom engsten Familienkreis. Patrizia verbarg ihr Gesicht hinter einem schwarzen Schleier. Isabel und Jakob hatten sie in die Mitte genommen, trotzdem wankte sie unsicher und hatte Mühe mit den Anderen Schritt zu halten. Um die Gruft waren einige Stühle für betagte Gäste bereitgestellt und Patrizia rettete sich auf einen der ersten.Der Nieselregen war in leichten Schneefall übergegangen und ein rauer Wind blies über die Gräber den Trauernden ins Gesicht. Jakob war froh die Kinder nicht mitgenommen zu haben, sie hätten sicher gefroren und bald nach Hause gedrängt. Auch er stellte schon den Mantelkragen auf, zog den Schal über das Kinn und seinen breitkrempigen Hut noch tiefer in die Stirn. Lieber wäre er heute zu Hause geblieben. Er hatte zum alten Baron kein Nahverhältnis gehabt und ihn auch zeitlebens nicht gemocht. Der Alte hatte ihn nie als Schwiegersohn akzeptiert und ihn das und auch Isabel das bei jeder Gelegenheit spüren lassen. Von Isabels Familie hatte er eigentlich nur mit Rüdiger hin und wieder zu tun und auch das fast nur beruflich, kaum privat. Rüdiger, der umtriebiger Politiker, lud ihn gelegentlich als Redner oder Mitorganisator zu offiziellen kulturellen Anlässen ein, weil er als belesener Buchhändler und Literaturexperte dafür prädestiniert schien. Das täuschte Jakob aber nie darüber hinweg, dass er für Rüdiger nur den Schmeicheljuden abgab, das Feigenblatt, das Rüdiger erlaubte, dahinter ganz ungeniert Rassist zu sein. Isabel stand frierend neben ihm und drückte ihm mehrmals fest die Hand, wie eine Aufforderung durchzuhalten und Jakob erwiderte ihn ebenso fest.Die Ansprache des Pfarrers dauerte noch länger, als befürchtet und Rüdiger, als nächste Redner, kündigte an, sich wegen der Kälte kurz zu halten. Ein Versprechen, das er aber im Laufe der Rede offensichtlich selbst vergaß. Stolz rekapitulierte er die Familiengeschichte und holte dabei großzügig aus, bis er, endlich in der Gegenwart angelangt, den dahingeschiedenen Baron als liebenden warmherzigen Vater pries. Patrizia schluchzte hörbar, überwältigt von Trauer, Rührung und Selbstmitleid. Isabel drückte wieder Jakobs Hand und der starrte unbewegt geradeaus. Nach seiner Rede warf Rüdiger als erster eine Rose in die offene Gruft, gefolgt von Severin und nach ihm Patrizia, die unsicher auf Isabels Arm gestützt, ihre Rose nur bis an den Rand der Gruft zu werfen imstande war. Irgendwo in der Menge begann ein Kind laut zu weinen und lenkte die Umstehenden von Patrizias Missgeschick ab. Beim anschließenden Totenmahl war Patrizia dann nur kurz dabei. Nach ein paar schnell getrunkenen Gläsern befiel sie ihre übliche Migräne noch stärker als sonst und sie entschuldigte sich. Rüdiger bat Finn, seinen Chauffeur, sie nach Hause zu fahren. Die anfänglich gedämpfte Stimmung machte dann zunehmend einer allgemeinen Heiterkeit Platz und die Gesellschaft löste sich noch länger nicht auf. Als die letzten gingen, war es schon später Nachmittag.Während Patrizia ihre Migräne zu Hause wenig erfolgreich mit Cognac bekämpfte, Severin sich mit Freunden traf und Isabel den Abend im Kreise ihrer Familie verbrachte, verschanzte Rüdiger sich in seinem Arbeitszimmer. Er hatte zu tun. Für das kommende Wochenende war eine große Demonstration der Opposition geplant und er war vom Parteivorstand auserkoren entschlossen gegen derlei Umtriebe vorzugehen. Er hatte eine Liste von Zeitungs- und Rundfunkredakteure angelegt, die noch auf Linie gebracht werden mussten und er bereitete die entsprechenden Anschreiben vor. Außerdem plante er diesmal mehr Agitatoren einzuschleusen als beim letzten Mal. Krawall zu organisieren lag ihm mehr, als das Verfassen von Texten. Morgen würde er alles Notwendige mit Finn besprechen, der nicht nur sein Chauffeur, sondern vor allem der Anführer seines schlagkräftigen ´Ordnertrupps´ war. Das Geld, um seine Söldner für diesen Einsatz zu bezahlen, hatte Rüdiger schon am Heimweg abheben wollen, dabei aber festgestellt, dass die Kriegskassa schon wieder fast leergeplündert war. Der sonst immer pünktlich überwiesene Geldnachschub aus dem Ministerium, ließ ausnahmsweise auf sich warten. Morgen würde er sich darum kümmern, wieso die immer als Denkmal-Förderung verschleierte Zahlung diesmal ausgeblieben war. Für heute hatte er aber genug.Später, als er schon auf dem Weg ins Bett war, erhielt er noch einen Anruf vom Notar. In den Unterlagen des dahingeschiedenen Barons war der Hinweis auf ein neues, bisher unbekanntes Testament aufgetaucht.Müde und schlecht gelaunt kroch Rüdiger am nächsten Morgen aus dem Bett. Eine kurze Dusche, ein schneller Kaffee, er musste sich beeilen, die Vorstandssitzung war sehr früh angesetzt. Niemand hatte von ihm erwartet, dass er, nur einen Tag nach dem Begräbnis seines Vaters, an dieser Versammlung teilnehmen würde. Rüdiger war nicht ganz bei der Sache, brachte aber, weil sein dafür zuständiger Freund Zeiser, Abteilungsleiter im Ministerium, ebenfalls anwesend war, den stockenden Geldfluss zur Sprache. Zeiser versicherte ihm, dass er sich umgehend darum kümmern würde.Für gleich nach der Sitzung hatte Rüdiger ein Treffen mit Finn im ´Schwarzen Adler´ ausgemacht. Als er die paar Stufen in die mit dunklem Holz vertäfelte Gaststube hinunterstieg, warteten Finn und sein Stellvertreter schon am ihrem üblichen Tisch bei einem halbgeleerten Bier im Zigarettenrauch.„Ich hoffe es stört nicht, wenn er dabei ist?“, fragte Finn mit einer angedeuteten Kopfbewegung in Richtung seines Begleiters. Rüdiger war auf ein Vieraugengespräch eingestellt gewesen, rang sich aber ein „Geht schon in Ordnung!“ ab.„Er kann sehr gut seinen Mund halten!“ versicherte Finn, so als hätte er Rüdigers Gedanken gelesen…und gut Steinewerfen kann er auch.“ Dabei schlug er seinem Begleiter anerkennend auf die Schulter, der geschmeichelt, seinen Mund zu einem schiefen Grinsen verzog. Rüdiger hatte eigentlich Finn damit beauftragt Nora einen Schrecken einzujagen, dass es nun noch einen Mitwisser gab, war ihm nicht recht.„Bei dieser Sache ist ein bisschen Feingefühl angesagt. Der Stein war als Warnung in Ordnung, aber mehr macht ihr, bis auf Weiteres nicht. Wir brauchen weder Schwierigkeiten mit der Polizei, noch irgendeinen Wirbel mit ihrem Zuhälter, Freund, oder weiß Gott wem. Es reicht vorerst, wenn sie weiß, dass ich sie im Auge habe. Die wird mit der Zeit schon weich!“Die beiden Schläger nickten, wenn auch die feine Klinge nicht ihre Sache war. Die Aufgabe für Finns Bande bei der Demonstration war Routine und ohne viele Worte klar. Unter die Demonstranten mischen, die Bullen provozieren und den Journalisten reichlich Motive für blutige Fotos liefern. Rüdiger blieb auch, als alles besprochen war, noch sitzen und gab ein paar Runden aus. Er hatte Zeit. Zuhause wartete niemand auf ihn. Seine Frau, Helena, war unterwegs und kam immer erst spät, wenn überhaupt, heim. Er hatte sie gestern beim Begräbnis zum ersten Mal seit Tagen wiedergesehen. Draußen, vor dem Schwarzen Adler, wartete Tanner und hoffte, dass Rüdiger bald wieder herauskommen würde. Er war ihm schon am frühen Nachmittag zu seiner Sitzung gefolgt und von dort dann hierher. Jetzt saß Tanner im Auto, verfluchte die Kälte und den lachhaft kleinen Leihwagen, den er von seiner Werkstatt bekommen hatte, so lange sein bequemer Schlitten wegen des Motorschadens in Reparatur dort war.Tanner stellte den Motor wieder an. Aufzufallen schien ihm ein kleineres Übel, als im Auto zu erfrieren. Es wurde nur sehr langsam warm. Irgendwann ging dann doch die Tür des Schwarzen Adlers auf und Rüdiger kam mit gerötetem Gesicht heraus. Ihm folgte ein weiterer Mann, der einem dritten die Tür aufhielt und den kannte Tanner nur allzu gut. Finn ´´´Der Schwede´´´, eine Unterweltgröße, Tanner selbst hatte als Kommissar mehrmals mit ihm zu tun gehabt. Den anderen, den der Finn die Tür offenhielt, kannte er nicht, wie ein Chorknabe sah aber auch er nicht aus. Vor dem Lokal verabschiedeten die Männer sich. Rüdiger torkelte heimwärts, die anderen beiden steckten sich noch eine Zigarette an und gingen dann Richtung Stadtzentrum los. Tanner wartete erst, dann stieg er aus und heftete sich an ihre Fersen. Nach der dritten Kreuzung ahnte Tanner schon, was ihr Ziel war und ließ den Abstand größer werden. Im der Courbet Gasse unter Noras Wohnung bleiben sie stehen. Finn deutete zum kaputten Fenster hinauf. Sie lachten derb und angeheitert und probierten ob die Haustür offen war. Sie war versperrt und gab auch ihrem kräftigen Rütteln nicht nach. Die beiden traten fluchend fest dagegen. Als oben ein Fenster aufging machten sie sich davon.Tanner ging zurück zu seinem Wagen. Er fror nicht mehr. Sein Auftrag schien doch noch spannend zu werden.Rüdiger machte auf seinem Nachhauseweg noch bei einem seiner bevorzugten Animierlokale halt. Es war noch fast leer. Rüdiger ließ sich an der Bar nieder und war im Nu von zwei unwiderstehlich kontaktfreudigen Damen flankiert, mit denen er eine Flasche Schampus, gefolgt von einigen Runden Gin konsumierte. Danach hatte Rüdiger nicht mehr genügend Bares, um für die Damen auch weiterhin interessant zu sein und der Barkeeper verweigerte ihm jeden weiteren Kredit, solange die alten Schulden nicht beglichen waren. Rüdiger trank ein letztes Gläschen, ohne noch jemanden zum Anstoßen zu haben.Als er endlich zu Hause war, fiel ihm der Anruf des Notars und das Testament wieder ein. Es war es kurz nach Mitternacht. Er kramte in seinem Schreibtisch bis er die Notiz mit Noras Nummer fand, die er ungeschickt in sein Telefon tippte. Vor sich hinmurmelnd lauschte er dem Freiton und stützte sich, um das Gleichgewicht nicht verlieren, mit einer Hand am Kaminsims ab. Als Nora nach längerem Läuten abhob legte er mit unflätigen Beschimpfungen und Drohungen los. Falls sie auch nur daran denken sollte, von der Schwäche seines Vaters für sie noch weiter zu profitieren, dann würde ihr etwas blühen, sie würde schon sehen. Ein blaues Wunder würde sie dann erleben. ´Profitieren´ brachte er auch im dritten Anlauf nicht korrekt heraus. Nora legte, ohne ein zu sagen auf. Rüdiger tobte aber weiter, weil er nicht mitbekommen hatte, dass das Gespräch schon beendet war. Als er es dann doch bemerkte drückte er unter obszönem Fluchen noch einige Male auf Wiederwahl, die Leitung blieb aber tot. Wütend und schwer betrunken stürmte er in die Räumlichkeiten seines Vaters und stellte das Büro des alten Barons auf der Suche nach diesem verdammten Testament auf den Kopf. Erst als Emilia, die Haushälterin, und Viktor, der langjährige Sekretär seines Vaters, durch den Lärm geweckt, herbeigeeilt kamen, zog er sich unverrichteter Dinge wieder zurück.„Genau wie von unsrem Herrn Baron vorausgeahnt!“ murmelte Viktor vor sich hin und ging Emilia bei den Aufräumarbeiten zur Hand. Nora verbrachte die halbe Nacht mit offenen Augen im Bett liegend, immer in der Angst, dass wieder ein Stein geflogen kam. Sie beherrschte sich Tanner anzurufen, behielt aber ihr Telefon in der Hand. Erst in der Früh erzählte sie ihm von Rüdigers telefonischen Drohungen. Eine halbe Stunde später klopfte Tanner bei ihr an. Sie führte ihn ins Wohnzimmer, wo ein junger Mann saß, den sie ihm ohne weitere Erklärung als Erik vorstellte. Tanner nahm ihr gegenüber Platz. Er zögerte.„Sie können ganz offen reden, vor Erik habe ich keine Geheimnisse, er darf ruhig alles hören.“Tanner nickte, was aber nicht hieß, dass sein berufsbedingtes Misstrauen damit auch beseitigt war.„Gestern habe ich Baron Kranach, Rüdiger, während des ganzen Tages observiert. Er war zu Hause, dann bei einer Versammlung, nichts Besonderes. Interessanter ist es dann gegen Abend geworden. Oder eher, besorgniserregend.“Tanner hatte ihre volle Aufmerksamkeit. „Kranach hat offensichtlich zwei ziemlich üble Kerle auf sie angesetzt.“Erik warf Nora einen besorgten Blick zu und räusperte sich nervös. Sie ignorierte ihn und sah Tanner ungerührt an. Er hielt ihrem Blick stand und fuhr fort.„Einen der beiden kenne ich noch von früher, er ist brutal und gefährlich, den jüngeren habe ich vorher noch nie gesehen, er scheint aber vom gleichen Kaliber zu sein. Es war gestern schon zu finster zum Fotografieren, darum kann ich ihnen keine Bilder zeigen. Ich hole das aber ehebaldigst nach. Sie sollten aber vorgewarnt und wachsam sein. Beide sind so groß wie ich und kräftig gebaut, beide haben ihre Schädel fast kahlgeschoren. Derjenige, den ich von früher kenne, ´´´Der Schwede´´´, hat einen Wolfskopf, das Zeichen seiner berüchtigten Bande, in den Hals tätowiert. So nahe, dass sie das sehen können, sollten er ihnen aber niemals kommen.“Erik war aufgestanden und schritt rauchend das Zimmer ab.„Wer und was auch immer er ist, als Beschützer taugt er nicht viel!“, dachte Tanner, als Erik vor lauter Händezittern schon zum zweiten Mal die Asche seiner Zigarette auf den Teppich streute.„Sie wissen nicht nur in welchem Haus sie wohnen, sie wissen auch welche ihre Fenster sind. Den Stein gestern in der Nacht, hat einer der beiden geworfen.“Nora fragte Erik um eine Zigarette und bot Tanner Kaffee oder etwas Stärkeres an. Tanner bat um einen Espresso und Erik verschwand unaufgefordert in der Küche und machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. Tanner schaute Nora beim Nachdenken zu. Nur Erik in der Küche und gedämpfter Straßenlärm waren zu hören. Das schrille Läuten der Wohnungsklingel schreckte Nora auf. Erik kam aus der Küche geeilt und fragte Nora, wer das wohl sein könnte. Nora schüttelte den Kopf, stand auf und ging leise zur Tür. Das Gesicht, das sie durch den Türspion erblickte, war ihr nicht bekannt und das gab sie Tanner hinter ihr mit einem Schulterzucken zu verstehen. Er flüsterte ihr zu, dass er in der Küche warten würde und dass Erik bei Nora bleiben sollte. Nora öffnete die Tür einen Spalt.„Ja bitte?“ fragte sie.„Nora Musil?“, fragte der Besucher zurück, mit einer Stimme, von der Nora sonst nicht hätte sagen können, ob sie männlich oder weiblich war.„Wer will das wissen?“, entgegnete sie misstrauisch.„Severin Kranach-Walde“, kam es höflich zurück.Nora spähte hinaus, ob hinter Severin noch jemand versteckt war, aber allem Anschein nach, war der junge Kranach wirklich allein da.„Wir sollten uns unterhalten. Bitte!“ Severin sprach sehr leise, er flüsterte fast „aber nicht zwischen Tür und Angel, wenn das vielleicht möglich ist“, fügte er mit einem Lächeln hinzu, als nicht gleich eine Antwort kam.Um die Sicherungskette aushängen zu können machte Nora die Tür zu. Ein schneller Blick zurück zur spaltbreit offenen Küchentür hinter der sie Tanner bereitstehen sah, dann öffnete sie. Sie bat Severin herein. Er trat ein, nahm den Hut ab und folgte ihr in das Wohnzimmer. Erik erhob sich als er ihn sah, kam ihm aber nicht zur Begrüßung entgegen. Nora stellte die beiden vor, Severin als Kranach-Walde und Sohn des alten Barons, Erik als Erik und nicht mehr. Tanner blieb hinter der Tür, die Klinke in der Hand. Severin nahm den angebotenen Sitzplatz und ein Glas Whiskey dankend an und nahm dort, wo Tanner gesessen war, Platz. Währen Nora ihm das Glas einschenkte, schlüpfte er aus seinen Handschuhen und legte sie fein säuberlich auf seine übereinander geschlagenen Knie. Nora stellte seinen Drink vor ihn auf den Tisch und setzte sich ihm gegenüber auf die Couch. Erik blieb stehen und lehnte sich rücklings an die Fensterbank. Nora hatte über die Jahre ihre Erfahrung mit Männern gemacht und schätzte die meisten schon nach dem ersten Blick richtig ein. Severin war diesbezüglich kein schwieriger Fall. Gepflegtes Haar, frisch rasiert, glatte Haut und gesunde schöne Zähne, der Anzug aus feinstem Tuch, die Finger manikürt, die Schuhe nach Maß. Etwas weniger von allem und er hätte Nora gefallen können, so aber rettete ihn nicht einmal sein angenehm männliches Parfum. Severin nahm einen Schluck und behielt sein Glas in der Hand. „Ich möchte sie nicht unnötig lange aufhalten und gleich zur Sache kommen. Ich habe ihnen etwas vorzuschlagen, ein Geschäft, von dem wir beide profitieren. Wie sie ja sicher von ihm selbst wissen, beabsichtigte mein Vater sie sehr großzügig zu beerben. In seinem ursprünglichen Testament hatte er sie aber noch nicht eingeplant, er hat erst kurz vor seinem Ableben ein entsprechendes neues verfasst. Und genau das habe ich. Nur ich und niemand sonst!“ Severin zog ein Kuvert aus der rechten Brusttasche.Erik kann einen Schritt näher, Nora lehnte sich interessiert vor. „Entspannen sie sich, das ist natürlich nicht das Original. Halten sie mich bitte nicht für so naiv.“Severin hielt Nora das Schriftstück hin. Sie nahm es und las es aufmerksam durch. Es der letzte Wille des alten Barons, eine Kopie nur und der Abschnitt mit den Unterschriften war abgetrennt. Severin hatte den Tag des Begräbnisses gut genutzt und in Abwesenheit aller seiner Mitbewohner im Palais das Büro seines Vaters durchsucht. Er war schnell fündig geworden. Das gesuchte Testament war nicht einmal gut versteckt. Severin fand es in einer unversperrten Schreibtischlade, als Zeugen hatten Emilia und Viktor unterschrieben. Der Baron hatte Nora eine Villa in der Stadt, mehrere hundert Hektar Waldbesitz, ein gut gefülltes Bankkonto und ein Vermögen an Wertpapieren vermacht. Nora las auch den zweiten, dritten und vierten Absatz durch. Seinem Sohn Rüdiger hatte der Baron das Palais sowie zwei weitere ebenfalls schuldenbelastete und denkmalgeschützte Liegenschaften zugedacht, die allesamt mehr Bürde als Grund zur Freude waren. Die Anteile seiner beiden Töchter fielen auch mehr als bescheiden aus. Severin aber sollte völlig leer ausgehen, weil, wie der Baron schrieb, er eine Schande für die Familie war. Nora faltete die Kopie zusammen und gab sie Severin zurück.„Und?“ fragte sie. Severin grinste und steckte das Kuvert wieder ein.„Ganz einfach! Ich rücke das Original nur heraus, wenn sie mit mir teilen. Wir sitzen im selben Boot. Wenn das Testament verschwunden bleibt, bekommen weder sie, noch ich etwas. Nihil! Niente! Nichts! Also entweder ich bekomme meinen Teil, oder machen so weiter wie bisher.“Dabei ließ Severin einen arroganten Blick durch das Zimmer gleiten, der nur auf einer mit Elfenbein verzierten Ebenholzschatulle kurz haften blieb, einem Geschenk des alten Barons, eine Kostbarkeit, die bis vor kurzem noch in seinem Arbeitszimmer stand. Severin hatte sie sofort wiedererkannt. Er war irritiert und räusperte sich, dann fand er den Faden. „Nun, was meinen sie?“Nora war aufgestanden, antwortete ihm aber nicht. Severin nahm sein Glas und trank es in einem Zug leer. „Sie können es sich ja noch überlegen. Lassen sie sich aber nicht allzu viel Zeit, ich werde von Tag zu Tag unbescheidener. Außerdem weiß auch mein Bruder von ihnen und der ist nicht so sanft und feinfühlig wie ich.“Severin legte eine Visitenkarte neben sein leeres Glas, zog manieriert seine Handschuhe an, setzte den Hut wieder auf und sagte im Gehen über seine Schulter zurück.„Bemühen sie sich nicht, ich finde allein hinaus!“ Als die Tür ins Schloss gefallen war, kam Tanner aus der Küche. Er kratzte sich am Kinn und ein nachdenkliches „Hmm!“ war sein erster Kommentar.„Jetzt könnte ich vielleicht doch etwas Stärkeres vertragen, wenn ihr Angebot noch gilt!“, bat er Nora, die aber in Gedanken woanders war, beim Fenster hinaussah und ihn nicht zu hören schien. Erik schenkte Tanner ein Glas ein, der Nora jetzt fragte, was sie zu tun gedachte.„Severins Vorschlag annehmen, was denn sonst? Oder fällt ihnen etwas Besseres ein.“„Wenn sie darauf eingehen, sind Unannehmlichkeiten vorprogrammiert und so wie ich Rüdiger einschätze, könnten das ziemlich unschön werden.“„Wir fürchten uns nicht!“, stellte Erik fest und verstreute wieder Asche auf den Boden.Nora sah Tanner an.„Rein rechtlich gesehen sollte das Testament wohl halten, also was könnte dieser Rüdiger schon tun?“„Drohungen, Psychoterror, Gewalt. Er kann ihnen das Leben zur Hölle machen, vielleicht findet er auch etwas womit sie erpressbar sind.“„Bin ich aber nicht!“, erwiderte sie trotzig.„Woran ist der alte Baron eigentlich gestorben?“ fragte Tanner um das Thema zu wechseln„An einem Herzanfall,“ erwiderte Nora bestimmt, drehte sich wieder zum Fenster und beobachtet Severin, wie er unten beschwingt auf den Gehsteig hinaustrat und seinen Mantelkragen gegen den schneidenden Wind aufstellte und den Kopf einzog.Er war erleichtert, dass es so gut gelaufen war. Diese Nora musste auf sein Angebot eingehen, kein Zweifel, was sonst sollte sie tun. Zuerst hatte er noch Bedenken wegen diesem Erik gehabt, dann aber schnell erkannt, dass der keine ernste Bedrohung war. Trotzdem war ihm mulmig dabei gewesen, als er die Kopie aus der einen Tasche zog, während das Original in der anderen steckte. Das war gewagt, Severin musste schmunzeln, er kam sich schlau und verwegen vor. Er wartete an der Bordsteinkante, aber niemand bremste ab und ließ ihn die Straße überqueren. Auf der anderen Seite fiel ihm eine schwarze Limousine mit laufendem Motor auf, aus dem spaltbreit offenen Fenster drang Zigarettenqualm und laute Rockmusik heraus. Severin dachte noch wie schön dagegen doch diese Etüde von Mozart war, mit der er sich seit Wochen schon auf seiner Violine plagte. Dann war die Straße endlich frei und er ging los. Im selben Moment trat der Fahrer dr schwarzen Limousine aufs Gas.„Oh mein Gott, was sind denn das für Typen!“ dachte Severin, blieb gerade noch rechtzeitig mitten auf der Straße stehen und ließ die Limousine vorbei. „Haben die beiden Glatzköpfe denn keine Augen im Kopf?“, ärgerte er sich.Severin schaute auf seine Uhr, er hatte noch Zeit um sich einen Spaziergang zu gönnen, einen Umweg durch den Park. Er war erst zu Mittag bei Isabel zum Essen eingeladen und wollte sie am Hinweg bei ihr in der Buchhandlung besuchen und von dort gemeinsam zu ihr nach Hause gehen. Das hatte er ihr nicht ohne Grund so vorgeschlagen und deswegen hatte er auch das Original des Testaments mitgebracht.Isabel bediente Kundschaft, als Severin das Antiquariat betrat. Sie winkte ihm zu und bat ihn um noch etwas Geduld. Severin nickt verständnisvoll und sah sich interessiert zwischen den vollen Buchregalen um. Ganz hinten im Geschäft war ein abgetrennter Nebenraum mit einer Nische für ganz besondere Exemplare, selbst Angreifen und Herausnehmen der Bücher war dort nicht erlaubt. Hier war der Lieblingsplatz seines Vaters gewesen, stundenlang hatte er in alten Schriften geblättert, eine Leidenschaft, die Isabel von ihm übernommen hatte. Severin vergewisserte sich, dass niemand ihn beobachtete, dann zog ein in Leder gebundenes, völlig verstaubtes Buch aus dem obersten Regal heraus, den „Index Alter Plantarum“, blätterte es auf und legte das Original-Testament zwischen die Seiten. Dann stellte er es auf denselben Platz zurück, wo es sicher schon seit Jahren unberührt gestanden hatte.Als Isabel ihn suchen kam, saß er auf einem der knirschenden Sessel und kritzelte den Inventar Code des Buches ´D-VII/ IX/ 21/´ auf das Kuvert, in das er die Kopie des Testaments gesteckt hatte.„Entschuldige bitte Severin, dass es etwas länger gedauert hat, aber das war eine wichtige Stammkundschaft.“Severin half seiner Schwester galant in den Mantel, dann schloss sie den Laden ab. Isabel hakte ein und so machte sich das Geschwisterpaar auf den Weg.Zuhause warteten schon Jakob und die hungrigen Kinder. Jakob hatte gekocht und den Tisch gedeckt. Während des Essens unterhielten sie sich über das Geschäft, die Kinder erzählten von der Schule und Severin davon, dass er zu verreisen plante. Nach dem Essen hielt es die Kinder nicht mehr am Tisch. Isabel servierte Kaffee und für Severin, wie immer, auch ein Gläschen Likör. Unweigerlich kam das Gespräch darauf, wie es nach dem Tod des alten Barons weitergehen sollte. Isabel machte sich Sorgen, dass die Familie jetzt ganz auseinanderbrechen würde, Severin dachte weniger an seine Geschwister und war vor allem über seine eigene Zukunft sehr besorgt. „Vaters Notar hat einen Vermerk entdeckt“ warf er ein, „ in dem der Alte auf ein neues Testament verweist. Darin soll seine Mätresse die Haupterbin sein. Der Notar selbst kennt es nicht, aber Emilia und Viktor haben ihm bestätigt, ein solches als Zeugen unterschrieben zu haben. Über den Inhalt, beteuerten die beiden aber, wissen sie Nichts und leider auch nicht über seinen Verbleib. Rüdiger wartet dringend auf das Erbe, ihm steht das Wasser bis zum Hals. Mich hat Vater ohnehin schon enterbt, aber vielleicht verliere ich jetzt auch noch das Dach über dem Kopf.“„So schlimm wird es schon nicht werden, es ist genug für alle da“, versuchte Isabel die Unterhaltung wieder in eine unverfänglichere Richtung zu lenken.Sie schenkte Jakob Kaffee und Severin noch einen Schluck Likör ein und fragte ihn dabei, wie er darauf kam, dass Rüdiger das Wasser bis zum Hals stehen sollte.„Weil ich auch im Palais wohne und mitbekomme, wie er zweimal die Woche ins Casino geht, seine Rechnungen nicht bezahlt und er dauernd mit Helena streitet, weil er nicht mehr weiß, wie er ihre Einkaufstouren bezahlen soll. Sie haben beide immer schon viel mehr ausgegeben, als Rüdiger sich leisten kann.“Jakob hatte Severin aufmerksam zugehört und erkundigte sich jetzt wie beiläufig, was Rüdiger sonst noch so alles treibe, Freunde, Besuche und so weiter, was Isabel unangenehm zu sein schien.„Sei doch nicht so neugierig Jakob. Was geht dich Rüdigers Leben an?“ „Er ist Familie. Ich bin nicht neugierig, nur interessiert.“ Severin richtete sich zum Gehen.„Wie auch immer, höchste Zeit für mich zu gehen.“Er bedankte sich für Gastfreundschaft, Essen und Likör und wünschte Jakob noch einen schönen Tag. Isabel begleitete ihn hinaus. Am Heimweg musste er innerlich über sich selbst lachen, wie überzeugend er doch in der Rolle des enterbten Sohnes gewesen war. Dem Himmel sei Dank, dass er das Testament gefunden hatte und diese Nora damit erpressbar war.Nachdem Severin gegangen war half Jakob Isabel noch beim Saubermachen, dann verbrachten sie den Nachmittag gemeinsam zeitunglesend, plaudernd und mit den Kindern spielend. Bei Einbruch der Dämmerung richtet Jakob sich zum Gehen. Er erklärte Isabel, dass er die Buchhaltung für diesen Monat noch nicht gemacht hatte und sie wusste, das erledigte er am liebsten spätabends und nachts in seinem Büro.Jakob genoss den Fußmarsch zu seinem Büro. Es schneite stark und der Schnee schluckte den städtischen Lärm. Seit dem Tod seines Vaters führte Jakob das Traditionsunternehmen Suess & Söhne Ltd. alleine, ein Antiquariat für Bücher, antike Münzen Medaillen und Medaillons. Dort hatte das Schicksal auch ihn und Isabel zusammengeführt, die fasziniert von den alten abgegriffenen Schmökern, oft stundenlang völlig versunken im Leseraum des Geschäfts über den Büchern saß. Jakobs Büro war in der Filiale für Münzen und Medaillen, die andere Filiale, die mit den Büchern, war jetzt mehr Isabels Domäne und Refugium. Sein Büro lag ebenerdig ganz hinten im Geschäft, mit zwei kleinen Fenstern in den Innenhof. Er nahm das abgegriffene Kassabuch aus der abgesperrten Schreibtischlade, legte einen Block daneben und kritzelte und rechnete hin und her. Die Jahresabschlussbilanz war fällig und die Zahlen sahen alles andere als rosig aus. Das Habensaldo lag weit hinter seinen Erwartungen zurück und die letzten paar Wochen des Jahres würden daran kaum noch etwas ändern. Jakob lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück und kaute mit hinter dem Kopf verschränkten Händen an seinem Bleistift herum. Die Wanduhr mit den römischen Zahlen auf dem weiß emaillierten Ziffernblatt schlug leise Neun.„Sie sollten bald da sein“, dachte er, „wenn ihnen Nichts dazwischengekommen ist.“Am Fenster klopfte jemand und Jakob erhob sich, um die Tür aufzusperren. Er musste den Vorhang nicht zur Seite ziehen, um zu wissen wer es war. Dieses Klopfen war das vereinbarte Zeichen. Jakob öffnete die Hintertür und ließ Sami, den Mann seiner Schwester, ein schmächtiger Kerl mit stechenden Augen, herein. „Wie geht es dir mein Lieber, ist dir auch niemand gefolgt? Hast du etwas von Esther gehört?“„Alles bestens Jakob. Mein Vater lässt dich herzlich grüßen. Esther müsste auch bald da sein, sie wollte nur nicht mit mir gemeinsam gehen.“Bald danach traf Esther, Jakobs Cousine ein. Jakob zog die Vorhänge ganz zu und knipste nur ein schwaches Licht an, damit seine Gäste vom Hof her nicht zu sehen waren.„Was gibt es denn Interessantes Esther das du uns so dringend zeigen willst?“, wandte er sich seiner Cousine zu. „Unser Informant im Ministerium hat mich gestern kontaktiert und mir dieses Kuvert übergegeben. Er sagt es wäre brisant. Es ist zugeklebt, ich habe selbst noch nicht hineingeschaut.“Esther legte einen verschlossenen Umschlag vor Jakob auf den Tisch, der ihn prüfend vorne und hinten besah, bevor er seinen messerscharfen Brieföffner ansetzte und ihn aufschlitzte. Er enthielt einen Einzahlungsbeleg, dem ein kurz gefasstes Begleitschreiben beigelegt war. Dem war zu entnehmen, dass es sich um die Quartalszahlung auf ein Konto ´Förderungen-Denkmalschutz´ handelte, dessen Inhaber Rüdiger Kranach-Walde war. Jakob sah sich den Betrag noch einmal an. Es war ein Mehrfaches dessen, was seiner Familie nach einem Jahr Arbeit in seinen beiden Geschäften zum Leben blieb.„Nicht übel!“ bemerkte er und hielt den Beleg so, dass auch die anderen ihn lesen konnten.„Nicht übel und damit kauft mein Schwager Schläger, Denunzianten und korrupte Beamte.Die Wanduhr schlug Zehn. Jakob sollte schon Zuhause sein. Er sperrte den Beleg zusammen mit seinem Kassabuch ein, dann wünschten sie sich eine gute Nacht und gingen, ein jeder in eine andere Richtung, heim. Als Jakob zu Hause ankam, hatte Isabel die Kinder schon zu Bett gebracht. Sie schliefen tief und fest, als er nach ihnen sah. Isabel wollte wissen, ob er mit der Buchhaltung fertig geworden und der Jahresabschluss erfreulich war. Müde ließ Jakob sich in sein Sofa fallen.„Leider weder noch! Einen Abend werde ich wohl noch opfern müssen. Mindestens! Dieses Jahr kommen wir gerade noch irgendwie über die Runden. Für die Zukunft weiß ich aber nicht, wie es weitergehen soll.“„So schlimm?“„Nein, nicht ganz. Ich bin nur müde, es war ein langer Tag“, versuchte Jakob den Ernst der Lage herunterzuspielen.Es war Isabels geliebtes Antiquariat, das rote Zahlen schrieb, während das Münzgeschäft noch bescheidenen Gewinn abwarf. Das wollte Jakob ihr aber so nicht sagen. Isabel kuschelte sich zu ihm auf die Sofalehne.„Mein Liebster, das kommende Jahr wird ganz gewiss besser werden.“
