Das Vermächtnis des Will Wolfkin - Steven Knight - E-Book

Das Vermächtnis des Will Wolfkin E-Book

Steven Knight

4,6
11,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Abgeschieden und vergessen von den Menschen, führt das uralte Volk der Fel seit Jahrtausenden unter Islands ewigem Eis ein friedliches Leben - bis ein Streit um die Nachfolge des legendären Königs Will Wolfkin ausbricht. Ein demokratischer Geheimbund will verhindern, dass ein herrschsüchtiger Neffe die Macht an sich reißt, und findet heraus, dass zwei Menschenkinder die legitimen Nachfahren sind. In einer Vollmondnacht werden ein Londoner Junge und ein sudanesisches Mädchen auf abenteuerliche Weise nach Island gebracht.

Völlig unvorbereitet sehen sich die beiden vor eine gigantische Aufgabe gestellt. Doch mithilfe guter Freunde und dank magischen Wissens wachsen ihnen ungeahnte innere und äußerliche Kräfte: Sie können plötzlich laufen, schwimmen, tauchen, fliegen und blitzschnell ihre Gestalt wandeln - Fähigkeiten, die ihnen im dramatischen Kampf gegen einen skrupellosen Gewaltherrscher von großem Nutzen sein werden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 413

Veröffentlichungsjahr: 2011

Bewertungen
4,6 (18 Bewertungen)
12
4
2
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

 

CoverTitel ImpressumWidmungERSTER TEIL · TRÄUME 1. Kapitel 2. Kapitel 3. Kapitel 4. Kapitel 5. Kapitel 6. Kapitel 7. Kapitel 8. Kapitel 9. Kapitel10. Kapitel11. KapitelZWEITER TEIL · GOLD12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. KapitelDRITTER TEIL · FREIHEIT19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. KapitelEpilog

Steven Knight

DAS VERMÄCHTNIS DES WILL WOLFKIN

Aus dem amerikanischen Englisch von Ulli und Herbert Günther

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Last Words of Will Wolfkin« bei Walden Pond Press, einem Imprint von HarperCollins Publishers, New York Copyright © 2010 by Steven Knight

Für die deutschsprachige Ausgabe: Copyright © 2011 by Boje Verlag in der Bastei Lübbe AG, Köln

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem amerikanischen Englisch von Ulli und Herbert Günther Textredaktion: Carola Henke, Kassel E-Book-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-8387-0629-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für meine Kinder

ERSTER TEIL

TRÄUME

1. Kapitel

Ich heiße Toby Walsgrove, und bevor ich anfange, euch meine Geschichte zu erzählen, sollte ich vielleicht kurz erklären, wer ich bin.

Ich wurde vor vierzehneinhalb Jahren im Royal Free Hospital in Hampstead, London, geboren. Meinen Namen habe ich von den Krankenschwestern dort bekommen. Eine von ihnen muss einen Kater namens Toby gehabt haben, und da bei meiner Geburt meine Ohren leicht zugespitzt waren wie die einer Katze, gaben sie mir den Namen Toby. Aber das ist schon in Ordnung. Ich empfinde es kein bisschen als Kränkung. Ich mag Katzen. Eine Katze hat mir einmal das Leben gerettet, aber davon erzähle ich später.

Meinen Namen habe ich deshalb von den Schwestern bekommen, weil sich meine Mutter wenige Stunden nach meiner Geburt aus dem Staub gemacht hat. Ich weiß nichts über sie, man hat mir nur gesagt, es sei ihr nicht gut gegangen und sie sei nicht in der Lage gewesen, für mich zu sorgen. Ich war also kaum in dieser Welt aufgetaucht, da ließ sich bereits ahnen, dass ich kein gewöhnlicher Junge war. Die meisten Babys zappeln und ballen ihre kleinen Fäuste, als wären sie empört darüber, dass sie der Geborgenheit im warmen Bauch ihrer Mütter entrissen werden. Ich dagegen rührte mich nicht, als ich auf die Welt kam.

Ich war am ganzen Körper gelähmt.

Aber ich werde mich nun nicht in langweilige Einzelheiten meines Gesundheitszustandes verlieren, nur so viel: Man stellte fest, dass bei mir von Geburt an praktisch nichts funktionierte. Die lateinische Bezeichnung für meine Krankheit ist Statische Enzephalopathie, was in Wahrheit einfach heißt: »Nichts funktioniert.« (Warum fangen Ärzte plötzlich an, lateinisch zu reden, sobald es darum geht, jemandem die entscheidende Information zu geben? Man muss sich mal vorstellen, Automechaniker würden das auch so machen! Wenn sie in dem Moment, in dem sie erklären sollen, was an dem Wagen kaputt ist, plötzlich mohikanisch reden würden!) Aber wie auch immer, die Ärzte hatten zwar einen Namen für meine Krankheit, aber keine Ahnung, wie man sie heilen könnte.

Aber bitte, so ist das Leben. Es besteht sowieso zum größten Teil aus Tja nun hier und Ach, du meine Güte dort.

Es ist komisch. Man ist in einem bestimmten Zustand geboren und versteht überhaupt nicht, wie es ist, anders zu sein. Bevor diese Geschichte anfing, hatte ich nur absolute Passivität und Machtlosigkeit gekannt. Ich war wie ein vom Frost überzogenes Fenster, durch das Passanten gerade mal so hindurchblinzeln konnten. Drinnen nur dunkle Möbel und irgendwo ein schwacher Schein … vielleicht ein Computermonitor, auf dem der Bildschirmschoner lief.

Ich konnte hören, aber nicht sprechen, ich konnte mich berühren lassen, aber selbst niemanden berühren. Doch ich konnte denken.

In den ersten vierzehn Jahren meines Lebens war ich nichts weiter als ein Denkprozess außer Kontrolle. Die ganze Kraft und die Energie, die meine Muskeln hätten stärken sollen, flossen in mein Vorstellungsvermögen. In Gedanken flog ich zum Mars, verwandelte mich in eine Ligusterhecke, tanzte auf einem Stecknadelkopf, gründete eine Stadt, leuchtete im Dunkeln wie ein Glühwürmchen … Lauter solche Dinge. Alles, um die Zeit totzuschlagen.

Ich »lebte« (man beachte die Anführungszeichen) in einem Kloster der Karmeliterinnen, das an einer belebten Straße in East Finchley, London, hinter hohen Mauern verborgen lag. Es wirkte wie ein leicht heruntergekommenes Schloss oder ein düsteres Gefängnis mit wohlmeinenden Wärterinnen. Das ganze Haus roch nach Feuchtigkeit, ausgebratenem Speck und besonders nach Kohl. Die Böden in den Gängen waren aus Stein, es gab billige Lampenschirme und helle Glühlampen, die die Nonnen immer in Mengen einkauften, weil durch die schmalen Fenster nicht genug Licht einfallen konnte.

Ich saß Tag für Tag neben einem dieser Fenster, den Kopf von einem Metallgestell gestützt, und bombardierte die Scheiben mit meinen Gedanken. Es wundert mich, dass sie nicht zersprangen …

Ich wurde von Nonnen versorgt, und man könnte leicht auf die Idee kommen, alle Nonnen wären gleich. Aber das stimmt nicht. Freundlich waren die meisten, das schon, nur wenn es um echtes Mitgefühl ging, versagte ihr Gespür manchmal. Sie trugen dieses übliche Nonnenoutfit, lange schwarze Gewänder aus schwerem Stoff, die nach Kleiderschrank und manchmal (heilige Mutter Gottes!) nach Zigarettenrauch rochen. Da war Schwester Cremer, die älter war als der Mond, Schwester Bagshott, die schon einmal einen Engel gesehen hatte, aber nicht darüber sprach, Schwester Ubo, deren Stimme sich wie ein Reibeisen anhörte, und die Wichtigste von allen: Schwester Mary.

Oh, wie liebte ich Schwester Mary! Sie war meine tägliche Betreuerin, ihre sanften Hände wischten mir Milch vom Mund, und ihre weiche Taille wippte gegen meine Knie, während sie diese kleine Melodie summte, die ich sonst nirgendwo gehört habe. Wer weiß, vielleicht hat sie sie selbst erfunden. Schwester Mary war wie ein zierlicher Fink mit kleinen runden Brillengläsern.

Eines Tages im Sommer stieß sie weit das Fenster auf und zeigte auf einen Baum, dessen Blätter im leichten Wind raschelten. »Schau doch mal, Toby! Die Sonne auf den Unterseiten der Blätter. Ist das nicht wie Feuer?«

»Ja«, wollte ich schreien, »genau so sieht es aus! Wie Feuer! Und, Schwester Mary, der Mond, wenn der Mond nur halb am Himmel steht, sieht er aus wie ein griesgrämiger Opa, der gerade in eine Zitrone beißt, und … und … und …«

Aber natürlich konnte ich nichts von all dem schreien. Ich konnte nicht einen einzigen Ton hervorbringen. Es war eine einseitige Unterhaltung, und so konnte ich nur hoffen, dass Schwester Mary aussprechen würde, was ich dachte. Und im Lauf der Jahre gelang ihr das auch meistens.

Schwester Mary war zuständig für meinen Unterricht, der im Wesentlichen darin bestand, dass sie mich fernsehen ließ und dass sie mir Bücher vorlas, die sie aus der örtlichen Leihbücherei holte. Da sich außer ihr niemand darum kümmerte, was ich lernte, machte Schwester Mary es einfach so, wie sie es für richtig hielt. Wir fingen mit Kinderreimen an, als ich zwei Jahre alt war, gingen zu Kinder- und Märchenbüchern über, dann kamen Gedichte an die Reihe, geschichtliche und naturwissenschaftliche Bücher. Ich liebte den Geruch, wenn Schwester Mary die Seiten aufschlug, besonders den der ganz alten wissenschaftlichen Werke, die seit Jahren niemand mehr geöffnet hatte. Mein Geruchssinn war fast genauso gut ausgebildet wie meine Vorstellungskraft. Schwester Mary erkannte schnell, dass ich den Geruch von modrigem Papier mochte, und so schleppte sie immer wieder dicke, verstaubte Lehrbücher aus der (kaum frequentierten) Wissenschaftsabteilung an, nur damit ich die Seiten riechen konnte, während sie mir mit leiser Stimme daraus vorlas.

Mit der Zeit entwickelte ich auf diese Weise ein wenig Interesse für Physik, was wiederum Schwester Mary dazu brachte, mir von Stephen Hawking zu erzählen. Das sei ein Mann, sagte sie, der wie ich an einen Rollstuhl gefesselt war, und dennoch sei er zweifellos der intelligenteste Mensch der Welt. Als sie merkte, wie sehr mich das beeindruckte, las sie mir von da an jeden Tag mindestens einen Abschnitt aus seinen Büchern über Physik vor, auch wenn die nicht besonders interessant rochen – sie waren zu neu. Ich verstand natürlich längst nicht alles, aber die große Linie seiner Ideen nahm ich trotzdem auf. Stephen Hawking sagt, dass die Zeit nicht linear verlaufe, dass das Universum gekrümmt und nichts wirklich real oder fest sei – und das bedeutet, absolut alles ist möglich. Wenn man an den Rollstuhl gefesselt ist, kann das eine sehr tröstliche Vorstellung sein.

Im Kloster gab es auch einen Kater, ein zappeliges schwarzes Ding namens Shipley, dem es oft gelang, sich in mein Zimmer zu schleichen, wenn niemand da war. Im Lauf der Jahre kam ich zu der Überzeugung, dass ich eine Art gefühlte Verbindung zu dieser scheuen kleinen Katze hatte, und so wurde Shipley mein bester Freund. Ich spürte schon immer ein paar Minuten vorher, dass er gleich kommen und mich besuchen werde, und wenn er dann mit seiner rauen Zunge über meine Hand leckte, war mir, als wolle er eine Botschaft auf meiner Haut hinterlassen, die ich lesen sollte (die merkwürdigsten Dinge können einem normal erscheinen, wenn man sie von Geburt an nicht anders kennt). Shipleys Botschaften waren manchmal ganz praktische Warnungen, zum Beispiel: »Schwester Ubo im Anmarsch! Will sehen, ob sie irgendwo Unordnung entdeckt, über die sie sich aufregen könnte!« In diesem Fall machte ich mich dann sozusagen ein bisschen kleiner, und kurz darauf hörte ich unweigerlich Schwester Ubos Sandalen über die Steinfliesen auf dem Gang schlappen: das gewohnte Geräusch, wenn sie auf Kriegspfad war. Andere Botschaften von Shipley brachten mich zum Lachen, wie zum Beispiel damals, als er mir erzählte, er habe Pater Reece unter seinen Priesterrock geschaut und gesehen, dass seine Beine so rosa wie die eines Flamingos seien. Und manchmal, wenn ich das Gefühl hatte, das Leben sei einfach nur ungerecht, leckte Shipley immer wieder »ist ja gut, alles ist gut« in meine Hand.

Im Sommer hielt er mit seinem Schwanz die Fliegen von meinem Gesicht fern, im Winter rollte er sich auf meinem Schoß zusammen und wärmte mich, schnurrend und fast elektrisch vibrierend, wie es Katzen so an sich haben. Ich wünschte mir mehr als alles auf der Welt, ihn zu streicheln, aber ich glaube, er verstand, dass ich es nicht konnte – und wer weiß, vielleicht war er sogar froh darüber.

Manchmal war ich sicher, dass ich meine Gedanken auf ihn übertragen konnte. Dann dachte ich mir Kommandos aus wie »springen«, »kratzen«, »schnurren«, und ab und zu schien Shipley tatsächlich zu verstehen. Wenn er den Kopf schräg hielt und mich mit diesen grünen Augen – grün wie ein Eichenblatt – ansah, dann war es, als erhelle ein sanfter Lichtstrahl meinen Kopf, um all das Düstere daraus zu vertreiben. Ich grübelte oft, warum ich mit spitzen Ohren auf die Welt gekommen war. Vielleicht hatte ich ja bei meiner Geburt etwas von einer Katze in mir und vielleicht erklärte das meine enge Beziehung zu Shipley.

Oft begleitete Shipley mich in meinen Träumen und verwandelte sich, wenn ich in Gefahr war, in einen Säbelzahntiger. Ein andermal marschierten wir Seite an Seite in den Kampf und unterhielten uns wie richtige Freunde. Nie konnte ich mich so genau erinnern, wie es zuging, dass er in meinen Träumen mit mir sprechen konnte, wo er doch eine Katze war, aber ich hatte gelernt, meine Träume nicht weiter zu hinterfragen. Träume waren schließlich die einzigen echten Abenteuer, die ich erlebte.

Der schönste Augenblick im Jahr war, wenn die Schwalben zurückkehrten und ihr Nest hinter der Regenrinne vor der Klosterküche wieder in Besitz nahmen. Dann wusste ich, dass nun auch das warme Wetter zurückkehrte (mein Zimmer war ziemlich zugig). Die Schwalben waren zu zweit und ich hatte sie »Look« und »Leave« genannt. Schwester Mary erzählte, dass sie in Afrika gewesen waren, und ich wünschte, ich wäre als Schwalbe und nicht als Mensch geboren. Das war freilich damals, als ich noch glaubte, ich sei ein ganz gewöhnlicher Mensch.

Der Tag, an dem diese Geschichte beginnt, war zufällig auch der Tag, an dem Look und Leave aus Afrika zurückkamen. Sie beginnt damit, dass Schwester Mary in mein Zimmer stürmte, einen Brief in der Hand und einen Ausdruck höchsten Erstaunens im Gesicht.

»Toby!«, sagte sie und der Umschlag zitterte in ihrer Hand, »… ein Brief! Und er ist … an dich gerichtet!«

Soweit ich wusste, hatte ich keinen einzigen Verwandten auf der Welt, zumindest keinen, der sich zu mir bekannte. Und meine einzige Freundin war Schwester Mary, die jetzt den Briefumschlag aufriss und dabei alle möglichen Erklärungen vor sich hin murmelte.

»Wahrscheinlich Reklame … oder vielleicht wegen der Mehrfachimpfung … sieht aus wie etwas Offizielles vom Krankenhaus … aber die Adresse handgeschrieben …«

Sie unterbrach ihr Tun und zeigte mir den Umschlag.

»Sieh mal die Briefmarke! Der Brief kommt aus Island …«

»Dann mach das verdammte Ding doch endlich auf!«, schrie ich stumm, und irgendwie hörte mich Schwester Mary tatsächlich.

Ärgerlicherweise fing sie aber an zu lesen, ohne mir vorzulesen, und je weiter sie kam, desto größer wurden ihre Augen. Am liebsten hätte ich eine Vase gepackt und sie Schwester Mary über den Schädel geschlagen. Sie schnappte förmlich nach Luft, schüttelte den Kopf wie ein Hund, der gerade durch eine Pfütze gerannt war, las noch einmal … Am Ende legte sie die Hand an die Brust.

»Toby!«, rief sie fast schrill, »der Brief ist von einem Arzt …« Sie unterbrach sich und nahm meine Hand. »Er schreibt, er hat etwas …« Sie ließ meine Hand los und atmete heftig ein. »Er schreibt, er möchte ein neues …«

Die Stimme versagte ihr, und ich sah, wie ihre Gedanken rasten. Plötzlich faltete sie den Brief hastig zusammen und sprang auf.

»Ich muss sofort zur Mutter Oberin«, sagte sie und stürmte aus dem Zimmer.

So konnte Schwester Mary sein! Manchmal, wenn sie mir vorlas, machte sie sich einen Spaß daraus, absichtlich im entscheidenden Moment aufzuhören; dann klappte sie einfach das Buch zu und ließ mich die ganze Nacht schmoren. »Ein gutes Training für deine Fantasie«, sagte sie bei solchen Gelegenheiten. Aber diese Sache mit dem Brief war anders, und ich sah Schwester Mary an, dass es dieses Mal kein Spiel war.

Es dauerte zwei volle Stunden, ehe sie wieder in mein Zimmer kam, und schon als sie die Tür öffnete, spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Ich kannte Schwester Mary so gut, wie wahrscheinlich nur sie sich kannte, und sie konnte unmöglich etwas vor mir verbergen. Sie kam herein, gelassen lächelnd, in der Hand eine Schüssel mit diesem weißen Proteinpapp, den ich immer essen musste, und tat, als käme sie nur wegen des Essens zu mir. Ihr weißes Geschirrtuch unter den Kunststoffgürtel geklemmt, setzte sie sich neben mich und fing an: »Also …«

Sie wollte mir den Brei in den Mund löffeln, musste aber schon an meinem Blick erkennen, dass ich mich weigern würde zu schlucken. Nur Schwester Mary konnte in meinem Gesicht lesen, und sie wusste, dass ich unbedingt mehr über diesen Brief erfahren wollte. Endlich stellte sie die Schüssel beiseite und wischte sorgfältig den Löffel ab, als wäre das im Augenblick das Wichtigste auf der Welt.

»Du willst wahrscheinlich wissen, was in dem Brief steht«, sagte sie schließlich.

»Ja doch!«, schrie meine lautlose Stimme.

Schwester Mary warf rasch einen Blick zur Tür, wie immer, bevor sie mir etwas sagte, was sie nicht sagen sollte.

»Die Mutter Oberin hat mich angewiesen, den Mund zu halten. Aber ich denke, die Katze ist nun schon ein Stück weit aus dem Sack, und deshalb sollte ich ihn wohl vollends öffnen …«

Wenn Schwester Mary nervös war, konnte sie auf ziemlich überzeugende Art Unsinn reden.

»Verstehst du, Toby, da schreibt ein Spinner von einem sogenannten Doktor aus Island – ausgerechnet Island! –, er hätte von dir und deiner Krankheit gehört und glaubt, er könnte dir vielleicht helfen.«

Mary sah mich prüfend an und las in meinem Gesicht wie in einem Buch.

»Siehst du«, sagte sie leise. »Es ist genau, wie die Mutter Oberin sagt. Falsche Hoffnung ist etwas Gefährliches.«

Sie legte ihre Hände auf die Knie, eine Geste, die sie immer machte, wenn sie eine Erklärung abgeben und sie gleichzeitig als abschließende Bemerkung verstanden wissen wollte.

»Wir haben zwei Stunden zugebracht, um diesen sogenannten Arzt im Internet ausfindig zu machen. Er ist leider nicht aufgetaucht. Auch das Institut, in dem er angeblich arbeitet, existiert nicht. Wir haben sogar mit einem netten Mann in Island telefoniert, der in einer Einrichtung wie der unseren arbeitet, und er sagt, er habe nie von diesem Doktor gehört … oder seinem sogenannten Heilmittel.«

Das Wort Heilmittel brach wie eine wohldosierte Explosion aus Schwester Mary heraus, und da nur sie die kleinste Veränderung in meinem Gesichtsausdruck sehen und deuten konnte, bemerkte sie sogleich den Schaden, den dieses Wort bei mir hervorgerufen hatte.

»Wir glauben jedenfalls, dass es sich um Betrügerei handelt. Da versucht einer, sich mithilfe unglücklicher Menschen, die mit einer ähnlichen Krankheit geschlagen sind wie du, zu bereichern.«

Sie blinzelte nervös, ihre Hände lagen immer noch auf ihren Knien.

»Also«, sagte sie. »Ein übler Trick. Die ganze Aufregung umsonst. Wenn du willst, hebe ich den Umschlag und die Briefmarke für dich auf.«

Wieder blickte Schwester Mary in mein Gesicht und hatte im Nu meine Gedanken gelesen. Sie bemühte sich um einen geringschätzigen Ton und redete wie jemand, der Krümel vom Tisch wischt.

»Nein, Toby, es hat absolut keinen Sinn, ihm zu antworten. Dieser Mann ist eindeutig ein skrupelloser Mensch. Wer weiß, welchen Schaden er anrichten würde?«

Sie folgte meinem Blick durch die Fensterscheibe.

»Oh, schau doch«, sagte sie, »die Schwalben sind aus Afrika zurück.«

Nur noch einmal wagte sie einen raschen Blick in mein Gesicht und erkannte den stummen, wilden Protest hinter meinen Augen. Diesmal aber war sie, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit, nicht so entgegenkommend, meine Gedanken in Worte zu fassen. Sie nahm die Breischüssel und ging zur Tür. Kurz darauf schlüpfte Shipley ins Zimmer, sprang auf meinen Schoß und fing an, sanft meine Hand zu lecken.

Inzwischen hatten Look und Leave drei Junge zu versorgen. Ich sah ihre grauflaumigen Köpfchen immer wieder über dem Nestrand auftauchen, wenn ihre erschöpften Eltern Fliegen und Würmer aus dem Gemüsegarten für sie heranschafften. Ich sah auch, wie eins der Kleinen von den andern aus dem Nest geschubst wurde, wie es zu Boden fiel und eine Weile reglos auf dem Kiesweg liegen blieb – bis Shipley kam und den kleinen Vogel vertilgte.

Ich wünschte mir in diesem Sommer oft, eine Art himmlischer Shipley würde kommen und mich ebenfalls vertilgen. Ich hatte genug. Dieses Dahinvegetieren war doch nur Zeitverschwendung. Die Sache mit dem Brief hatte sich tiefgreifend auf meine Stimmung ausgewirkt, genau wie die Mutter Oberin es vorhergesagt hatte. Mit einer aussichtslosen Situation kann man sich abfinden, aber ein Hoffnungsschimmer, und sei er noch so schwach, kann Folter sein. Selbst Schwester Mary konnte mich nicht mehr trösten. Unsere telepathischen Schachspiele endeten meistens in griesgrämigem Schweigen. Sie konnte die Hoffnungslosigkeit in meinen Augen lesen, und als die kleinen Schwalben flügge waren, fiel auch ihr nichts mehr ein.

Schließlich versuchte sie es mit einer Produktion von Schwester Marys fantastisches Theater der rätselhaften Begebenheiten. Das tat sie sonst nur bei besonderen Anlässen wie zu Weihnachten, an meinem Geburtstag oder wenn die Mutter Oberin wieder mal in Urlaub nach Polen fuhr. Dann brachte Schwester Mary mich in den Garten, wo die Vorstellungen stattfanden, und als ich klein war und mein Rollstuhl über die Schwelle der Hintertür ins Freie ruckelte, wurde ich so aufgeregt, dass ich jedes Mal das Gefühl hatte, meine Stimme sei plötzlich kräftig genug zum Schreien.

Draußen im Garten brachte Schwester Mary mit einem Griff in ihre Taschen zwei Handpuppen zum Vorschein, die in der klösterlichen Waschmaschine anscheinend einen Schleudergang zu viel abbekommen hatten. Da gab es eine Art Teddybär, der nur ein Ohr hatte, für ihre linke Hand und ein Ding, das aussah wie ein Skunk oder ein Dachs, für ihre rechte Hand. Die Idee dieser kleinen Stücke ging immer davon aus, dass der einohrige Bär Schwester Mary war und der Dachs ich. Die Geschichten dachte sie sich vorher aus, und zu zweit reisten wir dann an abenteuerliche Orte mit Namen, die Schwester Mary witzig fand, zum Beispiel »Doktorhut« in Kanada oder »Walla Walla« in Australien oder ein winziges Dorf in Afrika mit dem Namen »Ewige Hoffnung«. Ich glaube, sie hat diese Namen von Schwestern, die einmal zu Besuch im Kloster waren.

In allen Geschichten begegneten Schwester Mary und ich einem Bösewicht, der aber im Grunde gar nicht so böse war. Meistens handelte es sich um einen Straßenräuber, einen Piraten oder einen traurigen alten König. Doch anders als in meinen Mondabenteuern mit Shipley ging es in Schwester Marys Abenteuern friedlich zu, weil wir im entscheidenden Moment immer eine Möglichkeit fanden, den Bösewicht zur Umkehr zu überreden. In meinen eigenen Abenteuern wurden Bösewichte einfach erledigt – und fertig.

Ich wusste, es war ein letzter Versuch, als sich Schwester Mary im Gemüsegarten auf einen harten Stuhl setzte und vor meinem ausdruckslosen Gesicht ihre zwei ramponierten Handpuppen aus der Tasche zog. Sie tat es wie ein Pistolenheld im Wilden Westen, wenn er unerwartet seine Revolver zieht. Fast bedauerte ich die zwei armseligen Stofffetzen, weil ihnen eine so unmögliche Aufgabe gestellt wurde. Schwester Mary fing an, eine Geschichte von einem »bösen Doktor« zu erzählen, der in einer Höhle weit weg in Island wohnte und der armen Kindern ihr Geld abknöpfte, wenn sie zufällig an seiner Höhle vorüberkamen oder seine Brücke überquerten. Sehr aufmerksam hörte ich nicht zu. Ich glaube, am Ende konnten wir ihm seine üblen Angewohnheiten »ausreden« und er wurde ein grundanständiger Doktor.

Die gute Schwester Mary beendete die Aufführung mit einem kleinen Lied, das sie sich ausgedacht hatte, und während sie sang, wanderten meine Augen zu dem Nest an der Dachrinne, wo Look und Leave saßen und auf uns herabschauten. Es sah fast aus, als lauschten auch sie Schwester Marys Lied. Ich sehnte mich so sehr danach, dass die Geschichte und das Lied alles besser machen würden, aber der schwere Felsblock in meinem Innern wollte sich nicht von der Stelle rühren. Ich begriff, dass ich inzwischen zu groß war für Schwester Marys fantastisches Theater der rätselhaften Begebenheiten. Dieser Gedanke machte mich noch trauriger.

Schwester Mary beendete ihr Lied und sah mich erwartungsvoll an, die Handpuppen an die Wangen gepresst. Der Augenblick zog sich hin. Freilich änderte sich nichts an meinem Gesichtsausdruck, doch Schwester Mary kannte mich gut genug, um zu wissen, dass auch die Magie ihres Theaters, diese letzte Möglichkeit, mich nicht erreicht hatte. Schweigend streifte sie die Handpuppen ab und verstaute sie wieder in ihren Taschen, und ich glaube, sie wusste genau, dass sie sie nie wieder über die Hände ziehen würde. Dann schob sie mich wortlos zurück in die Dunkelheit meines Zimmers. Ihre Munition war aufgebraucht.

Und ausgerechnet in dieser Nacht, es muss ungefähr Mitternacht gewesen sein, geschah es, dass meine Welt explodierte …

Es war Vollmond. Ich erinnere mich, weil ich in meiner Vorstellung einen halbherzigen Kampf mit einem Trupp seltsamer Mondmonster ausfocht und Shipley mir dabei half. Der Kampf lief nicht gut für uns, und ich machte mich gerade bereit, zu einem der Krater zu fliehen, die von den Augen des Mannes im Mond gebildet wurden.

Da öffnete sich leise meine Zimmertür. Man muss wissen, dass sonst um diese Zeit meine Tür nie geöffnet wurde. Schwester Mary schlief längst. Und Schwester Ubo kam gewöhnlich hereingepoltert wie eine aufgescheuchte Giraffenherde. Dieser nächtliche Besucher aber war jemand auf leisen Sohlen … mit kleinen Schritten … schwerem Atem …

Natürlich konnte ich den Kopf nicht drehen, deshalb musste ich mir ein Bild aus den Geräuschen machen, und das wiederum konnte ich gut. Drei kleine Schritte, Einatmen, Räuspern, ein Geruch nach Regen und kalter Luft, der den Eindringling umgab. Meine Augen wurden groß, füllten sich mit Mondlicht.

Plötzlich spürte ich, dass sich meine Nackenhaare sträubten. Härchen, von denen ich bis zu diesem Augenblick überhaupt nichts gefühlt hatte!

Die leisen Schritte näherten sich und dann spürte ich einen fremden Atem auf meinem Hals. Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter, eine kleine Hand, sanft und kühl. Ich spürte den Druck von Fingern auf meiner Haut und ein eigenartig schmerzhaftes Prickeln in meiner Wirbelsäule, das sich langsam ausbreitete.

Wieder das Ausatmen und dann eine Stimme: »Toby Walsgrove«, sagte jemand, und ich erkannte in diesen zwei Worten die Stimme eines Jungen mit fremdem Akzent. Etwas Triumphierendes lag darin, als ob der, der da gesprochen hatte, schon seit Hunderten von Jahren darauf wartete, meinen Namen so auszusprechen.

»Wer bist du?«, sagte ich, und ich schwöre, ich brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass meine Stimme tatsächlich zu hören war!

2. Kapitel

Als der Fremde aus der Dunkelheit ins Mondlicht trat, konnte ich sehen, dass es ein etwa sechzehnjähriger Junge war, schmächtig, mit schwarzen, eng anliegenden Sachen und einer Art Mütze mit zwei Hörnern, die fest auf seinem Kopf saß. Als er sie abnahm, um sich zu zeigen, fiel eine Fülle dichter schwarzer Haare in alle Richtungen auseinander. Erst jetzt konnte ich ein Paar grüne Augen erkennen, die mit großer Eindringlichkeit auf mich herunterschauten.

»Beeil dich, Toby«, flüsterte der Junge. »Wir müssen hier weg sein, bevor der Mond untergeht.«

Mit der freien Hand fuhr er durch sein Haar, dann kratzte er sich mit dem Handgelenk schnell hinter dem Ohr. Auf einmal irrte der Blick seiner ungewöhnlich grünen Augen im Zimmer hin und her– er verfolgte einen Nachtfalter.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!