Das, was bleibt - Martin Nyenstad - E-Book

Das, was bleibt E-Book

Martin Nyenstad

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Beschreibung

Sarah glaubt, sie kennt den Mann, mit dem sie lebt. Bis eines Abends etwas in seiner Stimme kippt - kaum hörbar, aber endgültig. Von da an ist nichts mehr Zufall. Jedes Wort, jede Bewegung, jedes Schweigen bekommt Gewicht. Was wie Fürsorge aussieht, ist Kontrolle. Was wie Nähe wirkt, ist Macht. Und während die Tage gleichförmig vergehen, wird die Luft im Haus dichter, die Grenzen zwischen Angst und Liebe verschwimmen. Sarah spürt, dass etwas geschehen wird - sie weiß nur nicht, ob mit ihm. Oder mit ihr. Das, was bleibt - ein psychologischer Thriller über Manipulation, Macht und die feine Linie zwischen Vertrauen und Wahnsinn. Leise. Präzise. Unheimlich intensiv.

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Ordnung

Ich sehe nichts, aber ich nicke. Ich nicke immer.

„Ich tue das für dich.“

Kapitel 2: Staub

Es ist nur Staub, denke ich. Nur ein Schatten. Aber das Herz schlägt mir, als hätte ich ihn dort absichtlich hingelegt.

Ich habe etwas zerstört, das glatt war.

Kapitel 3: Das Geräusch

Ein Tropfen fällt auf den Boden. Das Geräusch ist dasselbe wie das, das mich geweckt hat.

„Ich will nur, dass du dich erinnerst, was wirklich passiert ist.“

Kapitel 4: Der neue Kollege

Zitrone und Ordnung – mein unsichtbares Parfum.

„Sieht gut aus, was du da machst.“

Kapitel 5: Der falsche Winkel

Die Bewegung hat etwas Zärtliches, aber sie ist zu kontrolliert, um Liebe zu sein.

„Ich muss sie beschützen."

Kapitel 6: Markus

„Ich mag keine Unordnung.“

Ich tue das für dich.

Kapitel 7: Die Tasse

„Steh gerade,“ flüstere ich.

Kapitel 8: Der Fleck

Ich sehe das Rot an meinen Handgelenken, die feinen Schnitte, das Wasser, das noch tropft.

Kapitel 9: Die Besucherin

Niemand sollte hier klingeln. Nicht ohne Vorwarnung.

„Beruhig dich. Du übertreibst wieder.“

Kapitel 10: Markus als Retter

„Du verstehst nicht. Ich... verliere Dinge. Ich mache Fehler. Und dann wird alles... schief.“

Kapitel 11: Der Schlüssel

Der Boden glänzt, der Geruch nach Reiniger hängt in der Luft – Zitrone, fast süß, zu süß.

„Alles hat seine Ordnung."

Kapitel 12: Die Schatten

Die Luft wirkt dichter, als wäre sie mit Staub gefüllt, obwohl nichts sichtbar ist.

Kapitel 13: Flucht

Aber in ihr – eine Bewegung, ein dumpfer Schmerz, wie Schuld, die plötzlich atmet.

Ein Auge, ein Mund, ein Fremder.

Kapitel 14: Sauber

Das Licht ist kühl, der Morgen grau, der Raum riecht nach... Zitrone.

„Genau das hat er auch immer gesagt.“

Kapitel 15: Das Verschwinden

„Er ist nicht real. Du bist frei. Du musst nichts mehr tun.“

Ich bin wieder zuhause. Alles ist jetzt sauber.

Kapitel 16: Das Ende

Der Geruch ist stärker hier. Süß, säuerlich, vertraut und doch widerwärtig.

Epilog: Der Bericht

Ich tue das für dich.

Alles ist sauber.

Kapitel 1

Ordnung

Der Lappen gleitet über die Platte, langsam, gleichmäßig, so als könnte Sauberkeit Geräusche vertreiben.

Nico wischt, obwohl nichts da ist – kein Krümel, kein Fleck, nicht einmal ein Schatten. Die Küche riecht nach Zitrone und Metall, wie in einem Krankenhaus nach der letzten Operation.

„Es war Staub,“ sagt er, als hätte er jemanden bei einer Lüge ertappt.

Ich sehe nichts, aber ich nicke. Ich nicke immer.

Er bewegt sich mit dieser chirurgischen Präzision, die mir früher gefiel. Damals dachte ich, das sei Fürsorge – ein Mann, der alles im Griff hat, auch mich. Jetzt spüre ich, wie mir der Atem flach in der Kehle hängt, während er die Gläser ausrichtet. Jedes steht so, dass die Öffnung exakt zur Wand zeigt. Kein Millimeter Spielraum.

„Ich tue das für dich,“ murmelt er. Der Ton ist weich, fast liebevoll.

Aber in meinem Kopf klingt es wie ein Satz aus Beton.

Ich will etwas sagen – dass es schon sauber ist, dass ich das sehe – aber mein Mund bleibt still. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht, weil seine Ruhe gefährlicher ist als jedes Schreien.

Er legt das letzte Glas ab, tritt einen Schritt zurück, prüft den Winkel. „So verlierst du nicht den Überblick,“ sagt er. Es klingt wie eine Erklärung, aber ich weiß nicht wofür.

Ich beobachte, wie sich das Licht auf der Fläche bricht. Die Platte ist so glatt, dass sie mich doppelt zeigt – einmal lebendig, einmal blass, verschwommen.

Ich frage mich, welches von beidem wirklich ich bin.

Er öffnet den Schrank, prüft die Reihen. Teller zu Teller, Rand auf Rand.

Ein kurzer, kaum hörbarer Laut verlässt ihn – kein Seufzer, eher ein Klicken, als hätte etwas in ihm eingerastet.

„Du hast sie anders eingeräumt," sagt er. Nicht vorwurfsvoll. Nur feststellend.

Die Luft zwischen uns zieht sich zusammen, dünn wie eine Folie, die gleich reißt.

„Ich dachte, so ist es praktischer," sage ich.

Er neigt den Kopf, sieht mich an, als versuche er, mich zu fokussieren. Dann lächelt er. „Praktisch ist relativ, Liebes."

Er beginnt, die Teller neu zu stapeln. Jeder Ton, jedes dumpfe klack auf Keramik, geht mir durch den Körper. Ich möchte sagen, dass es egal ist, dass kein Mensch merkt, ob die Tassen nach Osten oder Westen schauen. Aber ich merke es. Jetzt schon. Ich sehe die falschen Linien überall, als hätte er mir seine Augen gegeben.

„Ich tue das für dich," sagt er wieder.

Es klingt fast zärtlich, aber irgendetwas in der Art, wie er das Wort für betont, macht mich zittern.

Ich lehne mich an den Türrahmen, zähle seine Bewegungen. Sie sind ruhig, so ruhig, dass sie in mir ein Summen erzeugen. Ein Teil von mir will ihn anschreien, ein anderer Teil will sich zu ihm setzen und die Gläser wischen, bis alles glänzt.

Er wischt den Rand der Spüle, kontrolliert das Sieb. Die Sonne fällt auf die Fliesen, das Licht ist hart und weiß. Nichts lebt darin.

Ich spüre, wie mein Herz klopft – nicht vor Angst, eher, weil die Stille mich lauter macht als ich sein möchte.

Er sieht mich an, und für einen Moment denke ich, er will mich umarmen. Stattdessen reicht er mir den Lappen.

„Mach du weiter. Ich muss kurz telefonieren.“

Seine Finger berühren meine, warm, trocken, kontrolliert.

Als er geht, riecht die Luft nach Zitrone und etwas Eisenhaltigem, das ich nicht benennen kann.

Ich beginne zu wischen. Nicht, weil er es will. Weil der Gedanke, es nicht zu tun, mich wahnsinnig macht.

Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss, leise, wie ein Atemzug, der sich nicht traut, auszuhauchen.

Ich bleibe in der Küche stehen, den Lappen noch in der Hand, als hätte er mir einen Teil seiner Haut gegeben.

Das Licht flimmert über der Platte, schwankt leicht, obwohl kein Wind geht.

Ich wische einmal, zweimal, dann wieder zurück – über dieselbe Stelle, bis der Stoff kaum mehr Feuchtigkeit trägt.

Unter meiner Hand fühlt sich die Fläche anders an, wärmer, fast lebendig.

Ich sehe die Spiegelung meines Gesichts, zerfaltet im Edelstahl.

Ein Mund, der nicht ganz meiner ist. Augen, die zu still sind.

Vielleicht hat er recht.

Vielleicht verliere ich den Überblick.

Vielleicht tut er das wirklich für mich.

Ich denke an die Tage, an denen ich aufgewacht bin und nicht wusste, welcher Wochentag ist, an das Gefühl, dass Zeit wie Staub an mir vorbeizieht, der sich nirgendwo absetzt.

An Abende, an denen ich glaubte, die Fenster seien offen, obwohl sie geschlossen waren.

Das Geräusch der Straße dringt durch die Wand, ein dumpfer Rhythmus, der nicht aufhört, wenn ich das Wasser aufdrehe.

Ich wische schneller. Es ist, als könnte ich damit den Ton auslöschen.

Etwas in mir wird ruhig.

Etwas anderes flüstert: Er hat dich trainiert.

Ich stoppe.

Blicke mich um.

Alles glänzt. Jede Linie, jeder Schatten ist sauber.

Dann sehe ich ihn wieder, den winzigen Fleck am unteren Rand der Spüle, dort, wo das Metall leicht eingedellt ist.

Ein Punkt, kaum sichtbar, aber er zieht mich an wie ein schwarzes Loch.

Meine Finger zittern, als ich den Lappen wieder anfeuchte.

Ich höre die Stimme in meinem Kopf, hell und sicher:

„Ich tue das für dich.“

Ich wische, bis der Fleck verschwindet – oder ich.

Die Haustür klickt. Kein Geräusch von Schritten, nur das Klicken, das durch die ganze Wohnung läuft, wie ein Befehl.

Ich halte inne, den Lappen noch halb auf der Platte.

„Sarah?“

Seine Stimme kommt aus dem Flur, ruhig, aber zu ruhig, wie abgezählt.

„Hier“, sage ich, aber es klingt, als würde jemand anderes sprechen.

Er tritt in die Küche. Ich sehe zuerst seine Hände, dann den Blick, der prüft.

Seine Augen fahren über die Fläche, über das Waschbecken, über mich.

Ich sehe, wie seine Schultern sich leicht senken.

Er atmet aus. Zufrieden.

„Gut,“ sagt er. „Du erinnerst dich.“

Ich weiß nicht, was er meint.

Ich will fragen, doch er ist schon am Regal, rückt eine Tasse um wenige Millimeter.

Das Porzellan klackt, als wäre das Geräusch ein Teil des Rituals.

„Du warst lange still,“ sagt er, ohne mich anzusehen.

„Ich hab geputzt.“

„Das hab ich gesehen.“

Er öffnet die Schublade mit den Lappen, legt meinen hinein, faltet ihn einmal, zweimal, exakt.

Dann schließt er die Schublade, langsam, fast andächtig.

Das Scharnier quietscht, und er blinzelt, als hätte es ihn beleidigt.

„Ich tue das für dich,“ sagt er wieder.

Ich lächle, mechanisch, will nichts sagen.

Die Worte sind wie ein Tuch, das er mir über den Mund legt.

Er wischt sich die Hände an einem sauberen Tuch ab.

„Ich muss dich beschützen,“ murmelt er, kaum hörbar.

Ich tue, als hätte ich es nicht verstanden, obwohl jedes Wort sich in meine Haut frisst.

Dann beugt er sich vor, so nah, dass ich seinen Atem rieche – nach Pfefferminze und etwas Scharfem, Metallischem.

„Du machst das gut,“ sagt er. „Bleib einfach dabei. Dann geht nichts schief.“

Er küsst meine Stirn, ein kalter, trockener Kontakt.

Ich nicke, weil mein Körper das gelernt hat.

Weil alles, was glänzt, sicher ist.

Als er sich abwendet, sehe ich wieder den winzigen Fleck an der Spüle.

Er hat ihn übersehen.

Ich spüre, wie mir das Blut in die Finger steigt.

Ein Teil von mir will ihn rufen.

Ein anderer Teil will sehen, was passiert, wenn ich es so lasse.

Ich tue nichts.

Der Fleck bleibt.

Er glänzt matt, fast unschuldig, ein winziger Makel auf einer makellosen Welt.

Ich spüre, wie sich etwas in mir spannt, ein Nerv, der so lange ruhig war, dass ich vergessen hatte, dass er existiert.

Nico geht durch die Wohnung; seine Schritte sind geordnet, rhythmisch, wie das Ticken einer Uhr.

Ich höre, wie er im Wohnzimmer einen Stuhl rückt, dann das Rascheln einer Zeitung.

Alles klingt so kontrolliert, dass selbst das Schweigen kein Zufall sein kann.

Ich lehne mich an die Spüle, sehe den Fleck an, lasse ihn atmen.

Für einen Moment fühle ich mich überlebensgroß.

Es ist lächerlich, ein Punkt aus getrocknetem Wasser, aber mein Herz schlägt dagegen an wie gegen Glas.

Ich stelle mir vor, wie er gleich zurückkommt, die Platte prüft, den Fleck sieht – und etwas in ihm reißt.

Vielleicht schreit er.

Vielleicht erstarrt er.

Vielleicht merkt er gar nichts.

Der Gedanke, dass ich jetzt die Kontrolle habe, ist so scharf, dass ich lächeln muss.

Nur kurz. Nur innen.

Dann höre ich seine Schritte wieder, gleichmäßig, unbeeindruckt.

Er kommt zurück, bleibt in der Tür stehen.

„Alles in Ordnung?“ fragt er.

Ja.“

Sein Blick streift über die Fläche, bleibt einen Sekundenbruchteil zu lange an derselben Stelle hängen.

Ich halte den Atem an.

Sein Mund zuckt, aber kein Laut kommt. Dann nickt er, wendet sich ab.

Die Luft im Raum ändert sich, als hätte jemand den Druck angezogen.

Ich spüre sie auf meiner Haut, kühl und feucht, wie Kondenswasser.

Ich warte, dass er etwas sagt, irgendetwas, aber es bleibt still.

Als er weg ist, setze ich mich an den Tisch.

Der Fleck ist noch da.

Und ich weiß nicht, ob ich gewonnen habe oder verloren.

Der Abend zieht sich in die Wände. Das Licht kippt von Weiß zu Grau, dann zu etwas, das nach Stillstand riecht.

Nico kommt wieder in die Küche. Ich tue, als lese ich. Die Seite ist leer.

Er bleibt hinter mir stehen, und selbst seine Stille hat Ordnung.

„Hast du gegessen?“ fragt er.

Ich schüttele den Kopf.

„Ich mach dir was.“

Er spricht, als gäbe es zwischen uns keine Luft, nur Routine.

Die Schubladen öffnen sich, schließen sich.

Der Ton des Messers auf dem Schneidebrett ist präzise, beruhigend. Zu beruhigend.

Ich sehe, wie er die Platte abwischt, noch bevor er das Brett abstellt.

Dann bleibt seine Hand stehen.

Er sieht den Fleck.

Es dauert vielleicht eine Sekunde, bis sich seine Haltung verändert. Kein Ausbruch, kein Laut.

Nur dieses minimale Einatmen, als würde er Rauch schmecken.

Er legt den Lappen zur Seite, ganz ruhig.

„Hast du das gesehen?“ fragt er.

Ich nicke.

„Und nichts gesagt?“

„Ich dachte ... es stört dich vielleicht nicht.“

Er sieht mich an, wirklich an – als müsse er entscheiden, ob ich lüge oder nur verloren bin.

Dann nickt er wieder, lächelt, leise.

„Manchmal denkst du zu viel,“ sagt er. „Und manchmal zu wenig.“

Er wischt den Fleck weg, langsam, fast zärtlich.

Dann:

„Alles ist gut. Ich will nur, dass du dich erinnerst, wo alles hingehört.“

Seine Stimme ist ruhig, warm.

Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass die Temperatur im Raum fällt.

Er stellt den Lappen ordentlich auf die Kante der Spüle.

Die Linie zwischen uns ist so sauber, dass man sich daran schneiden könnte.

Ich nicke wieder, zu schnell.

Er verlässt die Küche, Licht aus.

Im Dunkeln glänzt die Fläche wie Wasser.

Ich höre das Echo seiner Schritte, das allmählich in den Flur versinkt.

Dann nur noch mich, den Geruch von Zitrone und etwas Metallischem, das in der Luft hängt.

Ich sehe auf die Stelle, wo der Fleck war. Sie ist perfekt. Makellos.

Und in meinem Kopf flüstert eine Stimme, sanft und eindeutig:

„Ich tue das für dich.“

Kapitel 2

Staub

Der Staub ist winzig, kaum sichtbar.

Ein heller Streifen unter dem Regal, dort, wo das Licht der Nachmittagssonne schräg hereinfällt.

Eigentlich nichts. Aber ich sehe ihn sofort, wie ein Fehler im Atem.

Ich knie mich hin, puste dagegen.

Die Partikel tanzen, schweben träge auf und ab, als wüssten sie, dass sie Zeit haben.

Es riecht nach Holz und nach der süßlichen Schärfe des Reinigers, den Nico benutzt.

Ich weiß, dass er ihn nicht mag, wenn ich ihn anfasse.

Das Regal ist sein Regal. Bücher in alphabetischer Ordnung, Rücken bündig, kein Millimeter verrutscht.

Er sagt, das halte die Gedanken klar.

Ich frage mich manchmal, wessen Gedanken.

Ich bleibe in der Hocke, starre auf den feinen Streifen aus Grau.

Es ist nur Staub, denke ich. Nur ein Schatten. Aber das Herz schlägt mir, als hätte ich ihn dort absichtlich hingelegt.

Ich überlege, ob ich ihn wegwischen soll.

Dann höre ich Nicos Schlüssel im Schloss.

Das Geräusch kriecht mir in die Haut, bevor er überhaupt im Raum ist.

Ich richte mich auf, tue so, als hätte ich nach einem Buch gesucht.

Der Staub bleibt liegen.

Vielleicht sieht er ihn nicht. Vielleicht.

Die Tür schließt sich mit diesem leisen Klick, das eher nach Urteil klingt als nach Ankommen.

Seine Schritte sind gemessen, weich, aber ich erkenne sie an der Art, wie sie den Boden berühren – nicht zu fest, nicht zu locker. Als würde er darauf achten, keine Spur zu hinterlassen.

„Du bist früh," sage ich, ohne mich umzudrehen.

„Meeting ist ausgefallen.“ Seine Stimme klingt glatt, sauber wie die Küche, in der sie gleich verhallen wird.

Er bleibt hinter mir stehen. Ich sehe ihn im Glas der Vitrine, nur eine Silhouette, aber sie ist klarer als alles andere im Raum.

Er beugt sich vor, prüft das Regal, ganz nah am Boden.

Sein Finger fährt durch die Luft, dann über den schmalen Streifen unter den Büchern.

Ein winziges Geräusch, ein hauchendes Einatmen. Dann still.

Ich könnte schwören, ich höre, wie er den Staub zwischen Daumen und Zeigefinger zerreibt.

Er sieht auf seine Fingerspitzen, als würde er etwas lesen.

„Ich hab’s dir gesagt," sagt er. Ganz ruhig. Kein Vorwurf, kein Zorn.

„Du sollst dich ausruhen."

Er lächelt, während er das sagt. Aber das Lächeln ist eine Linie – gerade, fest, kein Ausgang möglich.

Ich nicke. Ich nicke immer.

„Ich war nur kurz ..." Ich finde den Satz nicht zu Ende.

„Schon gut,“ sagt er. „Du musst dich nicht rechtfertigen.“

Er streicht mir über die Schulter, leicht, fast freundlich.

Dann fügt er leiser hinzu:

„Ich will nur, dass du dich erinnerst, wo alles hingehört.“

Seine Hand bleibt auf mir liegen, bis ich mich nicht mehr bewege.

Der Staub klebt an seinem Finger, grau auf Haut.

Er wischt ihn an einem Tuch ab, so sanft, als wäre es eine Liebkosung.

Ich sehe zu, wie der Streifen unter dem Regal verschwindet.

In mir aber bleibt er.

Nachdem er gegangen ist, bleibt der Raum still, aber nicht leer.