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Zwischen den stillen Türmen von Mals, dort, wo Wind und Legenden sich seit Jahrhunderten begegnen, kehrt das Dunkel zurück. Ein uraltes Herz schlägt wieder unter der Erde der Malser Haide - und mit ihm erwacht das, was nie hätte sprechen dürfen. Als die junge Denise glaubt, nur den Schatten ihrer Träume zu folgen, öffnet sich über dem Vinschgau ein Tor aus Glut und Schweigen. Alte Namen flüstern im Wind, Steine atmen, und ein Drache erhebt sich, um das vergessene Siegel zu fordern, das einst Licht und Finsternis trennte. Doch wer das Siegel trägt, trägt auch den Fluch. Und in Nächten, wenn der Mond über den Türmen von Mals wie ein silbernes Messer steht, wird entschieden, ob das Tal noch einmal Morgenlicht sehen wird. Martin Nyenstad entfacht in Das Siegel des Drachen eine düstere, mystisch aufgeladene Saga aus den Tiefen Südtirols - dort, wo Sagen Wirklichkeit werden und die Vergangenheit mit Schwingen aus Feuer zurückkehrt.
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Seitenzahl: 86
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Das Siegel des Drachen
Kapitel 1 – Die Sage vom Tuxl
Kapitel 2 – Der Schatten im Mondlicht
Kapitel 3 – Der Atem des Drachen
Kapitel 4 – Das Erbe der Drachenreiter
Kapitel 5 – Der Zorn im Schatten
Kapitel 6 – Die Vorbereitung des Drachenritters
Kapitel 7 – Die Begegnung im Nebel
Kapitel 8 – Der Traum am Bach
Kapitel 9 – Das Schlagen des Herzens
Kapitel 10 – Die Flamme, die sich wendet
Kapitel 11 – Das Flammenzeichen
Kapitel 12 – Wenn das Licht ruft
Kapitel 13 – Der Einbruch der Schatten
Kapitel 14 – Zwischen Atem und Asche
Kapitel 15 – Die Tartscherin
Epilog
Der Hof roch nach Heu und nasser Erde. Denise saß am Fenster der alten Stube, in der früher ihre Großmutter Anna gesessen hatte. Der Holztisch war derselbe, die Risse in der Wand auch. Nur der Blick aus dem Fenster hatte sich verändert. Die Felder wirkten kleiner, die Hügel näher, als würde das Land sie langsam umarmen – oder warnen.
Draußen schob sich der Abend über die Malser Haide. Zwischen den Hügeln hing Nebel wie feuchter Atem. In der Ferne glühten die Türme von Mals im letzten Licht, steinerne Zeugen, die alles gesehen hatten und trotzdem schwiegen.
Im Haus war es still, nur das Ticken der Uhr füllte die Luft. Simon schlief auf dem alten Sofa, die Hand lose über den Bauch gelegt. Sein Atem ging ruhig, fast trotzig gleichmäßig.
Denise konnte nicht schlafen. Etwas in ihr war unruhig – ein Zittern, das nicht von Müdigkeit kam.
Sie öffnete das Fenster. Der Wind roch nach Rauch und kaltem Metall.
„Das ist nur der Herbst“, murmelte sie, aber es klang nicht überzeugend.
Dann hörte sie es. Kein Tier, kein Windstoß. Es war… ein Atem. Lang, tief, fremd.
Der Schatten an der Wand bewegte sich, obwohl das Licht der Lampe stillstand. Für einen Moment spürte sie etwas auf der Brust, als würde sie jemand beobachten – nicht aus der Dunkelheit, sondern aus der Tiefe der Zeit.
Sie sprang auf, stieß fast den Stuhl um und trat hinaus in den Hof.
Die Nacht war kühl. Über ihr ragten die Türme von Mals in den Himmel, schwarz gegen das fahle Licht. Zwischen ihnen zog ein rotes Glimmen über den Horizont, leise und träge wie eine Glut unter Schnee. Der Wind brachte den Geruch von Schwefel mit sich.
Und dann sah sie ihn. Nur für einen Herzschlag.
Ein Schatten mit Augen aus Glut, das Fell aus Rauch und Nacht. Kein Tier. Kein Mensch. Etwas dazwischen – etwas, das sie erkannte, ohne zu wissen, woher.
Als sie blinzelte, war er fort. Nur der Nebel blieb.
In den Straßen flüsterten die Leute, ohne zu wissen warum. Vielleicht war es der Wind, vielleicht etwas anderes.
Denn unter den Türmen von Mals schlief etwas. Etwas Altes. Etwas, das sich regte, wenn der Mond wie eine Klinge über die Steine glitt.
Und diesmal hatte es jemanden gefunden, der es spüren konnte.
Am Morgen lag Mals da, als wäre die Nacht nur ein schlechter Traum.
Die Sonne kroch über die Haide, Nebel stieg aus den Wiesen wie flacher Atem, und zwischen den Häusern lag der Geruch von frischem Brot und feuchtem Stein. Nur in den Mauerritzen blieb etwas zurück – ein Rest aus Schwefel, ein Wispern, das nicht verschwinden wollte.
Aber das Dorf tat, als könne man die Dunkelheit weglachen.
Vor der Schenke flackerte ein Feuer. Der Rauch roch nach Harz und Regenholz, Becher klirrten, und die Luft war erfüllt vom süßen Dampf des Apfelweins. Alte Männer erzählten dieselben Geschichten, als wären sie zum ersten Mal passiert, und Kinder jagten kreischend zwischen den Ständen, bis ihre Mütter sie einfingen.
Denise stand am Brunnen, leicht abseits. Das Wasser schimmerte trüb im Licht, und der Wind brachte den Klang einer Zither herüber, vermischte ihn mit dem tiefen Schlagen der Glocke von St. Benedikt.
Sie lächelte, aber das Lächeln fühlte sich falsch an.
Simon trat aus der Menge, Becher in der Hand, die Augen hell, das selbstsichere Lächeln eines Mannes, der glaubt, dass alles erklärbar ist.
„Du bist heute so still.“
„Ich hör halt zu.“
„Den alten Geschichten wieder?“
„Mhm.“ Sie nickte.
Am anderen Ende des Platzes erhob sich Gelächter.
Eine alte Frau stand auf einem Fass – Gertraud, die Spinnerin. Ihr Kopftuch saß schief, der Stock wirbelte durch die Luft.
„Ich erzähle euch, wie der Tuxl kam!“ rief sie. Die Kinder kreischten, drängten sich näher ans Feuer.
Der Wind spielte mit den Funken, zerrte an den Läden. Der Rauch stieg in dünnen schwarzen Fäden in den grauen Himmel.
„Nicht aus der Hölle kam er – schlimmer!“
Gertrauds Stimme durchschnitt den Lärm wie ein scharfer Faden.
„Er kam aus den Träumen der Menschen. Aus ihrem faulen Atem. Erst klein wie ein Ferkel, mit Augen wie glühende Kohlen, Fell schwarz vom Ruß der Schornsteine. Niemand sah ihn. Und was keiner sieht, wächst.“
Die Menge verstummte. Nur das Feuer knackte.
„Er wuchs mit dem Zorn in den Herzen“, fuhr sie fort, „und als er groß genug war, suchte er die Nächte heim. Wenn zwei Menschen im Streit schlafen gehen, hört er sie. Er legt sich auf ihre Brust, bis sie kaum atmen können. Er nimmt ihren Zorn. Gibt nichts zurück – nur Feuer. Nur Feuer.“
Ein Windstoß riss durch den Platz. Die Flammen legten sich für einen Herzschlag flach.
Gertrauds Stimme wurde leise, fast flüsternd:
„Man sagt, wer im Dunkeln flucht, ruft ihn. Und wenn du ein Kratzen am Fenster hörst, ein Keuchen im Kamin… dann ist es zu spät. Der Tuxl braucht nur einen Atemzug – und er ist in dir.“
Ein paar Kinder schrien, andere lachten nervös.
Ein Bursche warf einen Apfelrest; er prallte an Gertrauds Rock. Sie schlug mit dem Stock, verfehlte ihn knapp – das Gelächter brach los.
Simon schnaubte. „Dorfgeschwätz. Die Alte trinkt mehr Schnaps als Wasser.“
Denise sagte nichts. Etwas in ihr vibrierte, wie eine Saite, die jemand angeschlagen hatte.
„Und wenn sie recht hat?“
Simon schnaubte. „Ach komm, dann hätt jeder hier schon den Teufel unterm Bett.“
„Oder im Kopf,“ sagte sie. Leise, fast zu sich.
Denise sah ihn an. In seinem Lächeln lag Sicherheit – die Art von Sicherheit, die nur jemand trägt, der nie nachts aufgewacht ist und den eigenen Namen im Wind gehört hat. Sie beneidete ihn darum. Und gleichzeitig wünschte sie, sie könnte so blind sein wie er.
Er lachte, nahm ihre Hand – sie war kalt. Über den Dächern änderte sich der Wind. Er roch nach Schnee und Eisen. Die Flammen züngelten plötzlich in eine Richtung, als würde etwas Unsichtbares daran ziehen.
„Siehst du das?“
„Das ist nur der Wind.“
Gertrauds Stimme brach ab, als der Pfarrer leise neben sie trat. „Hör auf, die Leute aufzuwiegeln,“ sagte er leise. „Es reicht, wenn der Alte seine Angst sät.“
Das Wort der Alte ließ die Stimmen erlöschen. Einige drehten sich um, sahen zum Hang hinauf, wo die Bäume schwarz und unbewegt standen. Dort oben, in einer Hütte aus Stein und Schatten, lebte er – der Einsiedler.
„Er hat mit dem Teufel geredet,“ flüsterte jemand.
„Er hat ihn gesehen,“ sagte ein anderer.
Dann klang etwas. Kein Ruf, kein Schrei – ein feines Klirren, als streife Metall über Stein.
Eine unsichtbare Welle ging durch die Menge; jedes Lachen verstummte.
Simon zog Denise näher ans Feuer. „Komm, du frierst.“
Aber sie fror nicht. Sie fühlte nur, dass etwas wach geworden war.
Später, als das Feuer nur noch glimmte und die Musik verstummte, gingen sie den Pfad hinauf. Nebel kroch über die Felder, schwer wie Atem. Ein Hund bellte – kurz, dann Stille.
Simon nahm ihre Hand, die Spannung in seiner Bewegung unübersehbar.
„Du glaubst doch nicht an dieses Märchen?“
„Ich weiß nur, was ich letzte Nacht gesehen habe.“
Er blieb stehen. „Wieder dieser Schatten?“
Sie nickte.
Er seufzte. „Du träumst zu viel, Denise.“
Sie wollte antworten, doch zwischen den Bäumen glomm ein Licht – rot, schwach, wie eine Glut unter Schnee. Dann war es weg.
Sie suchte seinen Blick. Er hatte es nicht gesehen. Er sah nur sie – und in seinen Augen lag ein Hauch Misstrauen.
Der Wind kam jetzt vom Tal herauf. Schwer. Kalt. Und irgendwo dazwischen, kaum hörbar, lachte etwas leise.
Die Gassen von Mals waren leer. Jedes Geräusch verfing sich in den Mauern, als hielte das Dorf den Atem an. Simon trug die Jacke locker über die Schulter, die Brille blind vom Rauch der Feuerstellen. Denise ging neben ihm, barhäuptig, das Haar offen. In ihren Augen schimmerte noch das Licht des Abends – doch der Glanz darin war fremd geworden.
Über ihnen lag der Himmel, tiefblau und still, als wäre er aus Glas gegossen. Nur ein Licht störte die Ruhe – etwas, das dort nicht hingehörte.
Zuerst hielten sie es für ein fernes Feuer: ein kurzes Flackern über den Bergen, dann wieder fort. Kein Donner, kein Hall – nur ein unruhiges Glimmen über den Gipfeln.
„Siehst du das?“
„Was?“
„Das Licht da. Es… fühlt sich komisch an.“
„Wahrscheinlich nur Wetterleuchten,“ sagte er, zu schnell.
Denise antwortete nicht. Die Luft war dichter, die Welt irgendwie schief.
Dann fühlte sie es.
Kein Geräusch, kein Hauch. Nur das Wissen, dass jemand sie ansah. Ein Blick, unsichtbar, aber schwer wie Berührung. Kalt, prüfend. Ihr lief es heiß und kalt den Rücken hinab.
„Denise?“ Simon berührte ihren Arm. Sie zuckte zurück, als hätte ihn ein Funke getroffen.
„Hast du das gespürt?“
„Was denn?“ Er sah sich um – Felder, Hügel, Wind. Kein Leben. Nur Stille, die zuhörte.
Denise stand still, den Blick zum Himmel gerichtet, als lausche sie auf etwas, das sie nicht hören wollte.
Das Licht über den Bergen flackerte wieder, sammelte sich, pulsierte. Ein einziger Strahl schnitt durch die Wolken – lautlos, schnell, dann fort, als sei ihm die Welt zu klein.
„Meteor vielleicht?“ Simons Satz verhallte.
Denise hörte ihn kaum. In ihr vibrierte ein Ton, tief, vertraut, und doch fremd – wie eine Erinnerung, die nicht ihr gehörte. Das Summen füllte sie aus, schmerzhaft und schön zugleich. Einen Atemzug lang war sie sicher: Es rief sie.
Dann verstummte es. Der Wind blieb, und eine Stille, die sich anfühlte wie Warten.
„Komm,“ sagte Simon. „Der Weg über die Haide ist nicht weit.“
