Das Wasser, in dem wir schlafen - Rabea Edel - E-Book

Das Wasser, in dem wir schlafen E-Book

Rabea Edel

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Beschreibung

Zwei Schwestern haben sich, nachdem ihre Mutter die Familie verlassen hat, gegeneinander verschworen: Jede will mutiger sein als die andere, schlauer und vor allem begehrenswerter. Sie provozieren sich und stellen sich Prüfungsaufgaben, als sie sich aber in denselben Mann verlieben, verkehrt sich das Spiel in harten Wettstreit. Das Debüt einer jungen deutschsprachigen Autorin; ein Roman voller Poesie und in seiner sprachlichen Genauigkeit berührender Bilder – über eine Liebe, deren Gefahren zwei heranwachsende Frauen zu spät bemerken …

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Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autorin
 
Kapitel 1.
Kapitel 2.
Kapitel 3.
Kapitel 4.
Kapitel 5.
Kapitel 6.
Kapitel 7.
Kapitel 8.
Kapitel 9.
Kapitel 10.
Kapitel 11.
Kapitel 12.
Kapitel 13.
Kapitel 14.
Kapitel 15.
Kapitel 16.
Kapitel 17.
Kapitel 18.
Kapitel 19.
Kapitel 20.
Kapitel 21.
 
Copyright
Buch
Die Geburt des Mädchens Lina verändert das Leben ihrer Familie. Während der Vater sich in sein Arbeitszimmer einschließt und die ersten stillen Wettkämpfe der Mädchen beginnen, gibt die Mutter sich anderen Männern hin und verlässt schließlich das Haus am See. Alleine zurückgelassen verschwören sich die Schwestern mit- und gegeneinander. Wer ist die Mutigere, die Begehrenswertere, wer schafft es als erste zu gehen? Als sie beim selben Mann herausfinden wollen, was Liebe ist, treibt das Spiel zwischen ihnen unaufhaltsam auf einen Abgrund zu. Rabea Edel schreibt von Getriebenen, die Waghalsigkeit mit Nähe und Schmerz mit Glück verwechseln. Präzise und hellsichtig seziert sie den fatalen Liebestanz der Schwestern und verleiht diesem Debüt einen seltenen poetischen und erzählerischen Glanz.
Autorin
Rabea Edel, geboren 1982, Studium der Italianistik und Literaturwissenschaften in Berlin und Siena. 2004 Preisträgerin des 12. Open Mike, 2005 Stipendiatin der Jürgen-Ponto-Stiftung. Für »Das Wasser, in dem wir schlafen« erhielt Rabea Edel den Kunstpreis Literatur Berlin-Brandenburg 2006 und den Nicolas-Born-Förderpreis 2007. Sie schreibt Prosa, sowie literarische Reportagen für verschiedene Zeitungen. Die Autorin lebt und arbeitet in Berlin.
Ich werde erst dann keinen Durst mehr haben, wenn ich das Wasser bin.
 
JULIO CORTÁZAR
1.
Meine Schwester wurde auf einem Autobahnrastplatz zwischen zwei halbabgeernteten Weizenfeldern unter den von Vögeln schweren Kabeln der Starkstrommasten gezeugt, die Handbremse scheuerte in Mutters Rücken ein rotes Mal, das durch ihre weiße Bluse leuchtete und das ich eine Woche lang jeden Abend vor dem Zubettgehen mit Coldcreme einschmieren durfte, und als Vater viel zu schnell und mit geöffneten Augen kam, löste sich die Handbremse, und das Auto rollte einige Meter weit, stieß sacht mit der Kühlerhaube gegen den Stamm eines Baumes, der neben den Mülltonnen am Straßengraben seit Jahren dem Wind nachgab und sich krumm und alles andere als elegant in meine Richtung bog und dem Wagen standhielt. Es knirschte, Blech gegen Holz, das Auto blieb stehen, und Vater schloß die Augen.
Meine Mutter hatte alle Fenster hochgekurbelt und mich in den Schatten unter die Bäume gesetzt. Aus den Mülltonnen roch es süßlich. Ein Motorradfahrer bog auf den Parkplatz ein, klappte das Visier des Helms hoch, blieb auf der Maschine sitzen und betrachtete Mutters Handballen, die sie von innen gegen die Scheibe preßte, ihr helles Haar und den in der Autotür eingeklemmten langen geflochtenen Zopf.
»Eingeklemmt«, wiederholt Gregor und grinst.
»Ja, eingeklemmt«, sage ich und halte seinem Blick stand.
Wir sitzen auf der Veranda, Gregor hat seine nassen Kleider gewechselt, die mit Kreppband zugeklebten Fenster und alle Türen geöffnet, bis auf eine im oberen Stockwerk, und während ich von diesem Sommer erzähle, in dem Linas und meine Geschichte begann, im Monat der Schlammfliegen, die sich vom See her über das Dorf und später dann über die ganze Stadt legten, steht Gregor auf und läuft im Kreis auf der Veranda herum wie ein hungriges Tier.
»Setz dich«, sage ich, »bitte.«
Gregor läßt sich neben mir an der Hauswand herabgleiten, auf den Holzboden fallen und schüttelt den Kopf. Ich strecke ihm meinen pochenden nackten Fuß entgegen.
»Was soll das?«
»Ich habe mir einen Splitter eingetreten, vorhin«, sage ich.
Und während Gregor ohne Widerrede meinen Fuß in die Hand nimmt – »Du mußt ihn raussaugen, schau so«, sage ich und presse meine Lippen auf meinen Handballen – und seinen Mund auf meinen linken Fußballen drückt, weiß ich wieder, daß das Thermometer in der Küche zweiunddreißig Grad zeigte, am frühen Morgen schon, als wir losfuhren, und daß Vater mit dem Fingerknöchel einige Male prüfend dagegenklopfte und wartete, daß es wieder fiele; so unvermutet, zusammenhangslos und weit entfernt dieser Gedanke auch von uns beiden, hier auf der Veranda meines Elternhauses, ist, so unvermutet, weil wir nicht wissen, was wir hier zu suchen haben, was zu tun ist und was zu unterlassen und warum ausgerechnet Gregor und ich, warum gerade wir beide übrig sind.
 
Die Häuser versanken in einem braunen Teppich, der von den Bewegungen der Insekten flimmerte. Sie stiegen von den Algen im See hinter den Schrebergärten auf, setzten sich auf Fensterscheiben und Werbeschilder, überzogen die Kuppelgläser der Straßenlampen und die Gehsteige, und binnen weniger Minuten und ohne daß man sich versah, verschluckte man die Insekten, die einem in Mund und Nasenlöcher flogen, die Augen tränten vom Herauswischen abgerissener Flügel und Chitinteilchen, und Vater ließ die Scheibenwischer über das Glas laufen, bis er durch die Schlieren aus zerquetschten Insekten die Straße nicht mehr sah, den Blinker setzte und auf den Rastplatz einbog. Unsere Nachbarn fegten mehrmals am Tag die Gehwege vor den Häusern, die Terrassen und Veranden, sie putzten jeden Morgen die Fenster, um durch die Scheiben in den anderen Gärten nach dem Rechten sehen zu können, aber die Plage hielt an, und nach drei Wochen kehrten auch sie nur noch die toten Fliegen zusammen, so wie Vater, und füllten die Mülleimer damit.
Ich mußte pinkeln. Mutter hielt mich über dem Feld ab, ihr Zopf baumelte über ihre Schulter und schlug mir ins Gesicht. Sie setzte mich unter die Bäume in den Schatten, hockte sich ebenfalls ins Gras, zog den Slip wieder hoch, ließ den Rock über die weißen Knie fallen.
»Warte hier, ja?« sagte sie, und im Vorbeigehen zupfte sie mir einige Fliegen aus dem Haar. Dann lief sie zum Auto, schaute einmal nach rechts und links, setzte sich mit hochgezogenem Rock auf die Rückbank und schlug die Tür zu.
So begann unsere Geschichte. Linas und meine. Sie begann im Juli, im Monat der Schlammfliegen, zwischen den durch den Wind verbogenen Bäumen am Straßengraben und den Hochspannungsmasten, auf deren Leitungen die Vögel schaukelten, auf der anderen Stra ßenseite ein Traktor, der Furchen in die trockene Erde zog, und das einzige Geräusch, das mir von diesem Moment in Erinnerung geblieben ist, ist das Knirschen von Metall auf Holz. Ich habe Mutters Atemkreise an der Scheibe gesehen, Mutters starren Blick über meinen Kopf hinweg auf einen fernen Punkt weit hinter mir im Feld, aber ich habe außer diesem Knirschen, als der Wagen gegen den Baum links von mir rollte, nichts gehört, während ich mir die Fliegen aus den Augen wischte.
 
An einem Nachmittag sechseinhalb Monate später fiel das Licht als breiter, alles sich in diesem Licht Befindlichen einander angleichender, heller Strom in den Garten, über das von Vater mit Sand von der benachbarten Baustelle aufgeschüttete Viereck mit Schaukel und gleichermaßen auf die Terrasse und in das darüberliegende elterliche Schlafzimmer, in dem meine Mutter seit Stunden leise wimmerte und gegen den Schmerz anatmete.
Die Abendsonne wärmte nicht, es war Anfang Februar. Ich saß auf der Schaukel, kniff die Augen zusammen und schlenkerte mit den Beinen.
 
Am Morgen noch hatten wir nebeneinander am Zaun gestanden, Mutter hielt eine Hand um das Holz gepreßt, zwischen ihren Fingern blätterte der Lack vom Zaun, weiß und in langen Splittern, und wir spielten »Ich sehe was, was du nicht siehst«, aber Mutters Augen waren wäßrig, an den Rändern gerötet, sie war unruhig und müde und fand meine Farben nicht. Sie holte ein paarmal tief Luft. Lina trat in ihrem Bauch um sich, und Mutter nahm meine Hand und drückte sie auf die kleine Rundung unter ihren Brüsten.
»Ich spüre da nichts«, sagte ich, zog meine Hand weg und wandte mich dem verlassenen Vogelnest zu, das ich in der Frühe in der Efeuwand unseres Hauses entdeckt hatte, die Jungen darin mit weit aufgerissenen Schnäbeln, keine Amsel weit und breit.
»Rot und gelb?« sagte sie und schüttelte den Kopf.
»Ja, ganz einfach«, sagte ich, »gib dir Mühe!«
»Ich weiß es nicht, Schatz«, sie gab mir einen Kuß auf die Stirn, »du hast gewonnen, ja.«
Im Nest drängten die frisch geschlüpften Jungen die Köpfe zusammen, sie streckten ihre spitzen roten Zungen in die Luft, Mutter atmete mit einen langem Pfeifen aus, und Vater holte uns hinein, nachdem ich zehnmal und ohne Mühe gewonnen hatte.
Wir setzten uns um den Küchentisch, Vater kochte Tee, stellte mir Kuchen hin, rückte seinen Stuhl an Mutter heran und hielt ihren Bauch mit beiden Händen, als wollte er ihn forttragen. Mutter lächelte darüber und strich ihm wie einem Kind durchs Haar. Ich zerteilte den Mürbeteigboden mit der Gabel, schob die Krümel zu kleinen Haufen und zählte das Knacken in der Heizung, um Mutters unterdrücktes Stöhnen nicht zu hören. Mutter stand auf, der Stuhl kippte um, sie lief im Kreis um den Küchentisch, die eine Hand in die Wirbelsäule, die andere gegen Linas kleinen Kopf unter ihrer kaum gewölbten Bauchdecke gedrückt, und von hinten sah man ihr nicht an, daß sie meine Schwester austrug. Mutter summte.
»Mariechen saß weinend im Garten, in den Armen ihr totes Kind, der Matrose, der hat sie verraten … mhmhmhmh, mmh, mhmh …«
Vater runzelte die Stirn. Er streckte eine Hand nach Mutter aus, aber sie wich ihm aus, lief weiter im Kreis um uns herum und lächelte.
 
»Ich trage deine Schwester aus«, das sagte sie, seit sie sich entschlossen hatte, den blauen Streifen auf dem Testgerät nicht mehr ignorieren zu können, nachdem sie, eine Stunde lang im Badezimmer über die Kloschüssel gehockt, immer und immer neue Plastikstäbchen in ihren warmen Urin gehalten und die Ergebnisse nebeneinander auf der Heizung aufgestellt hatte, um zu prüfen, ob sie alle, wirklich alle, den gleichen dunkelblauen Streifen zeigten. Und dieses Austragen klang wie eine Aufgabe, ein Fortbringen von einem Ort an einen anderen.
»Freust du dich nicht?« hatte Vater damals, die Arme um Mutters Taille geschlungen, leise gefragt, er hatte sich hinuntergebeugt, und Mutter hatte den Kopf gedreht, so daß sein Kuß ihre Wange verfehlte.
»Doch, natürlich«, hatte Mutter geantwortet, »und ich werde froh sein und erleichtert, wenn es vorüber ist.«
Vater hatte gelacht und seine Hände gelöst.
»Natürlich wird es ein Mädchen, was sonst?« hatte Mutter auf Vaters Blick hin hinzugefügt und ihn ernst und ein wenig trotzig angesehen.
Drei Wochen lang schwieg meine Mutter, sie wusch sich nicht, aß nicht, trank literweise Kamillentee, den Vater ans Bett brachte. Der Fernseher lief ohne Ton, und Mutter schlief davor oder las erst ihre alten und dann meine Kinderbücher, blätterte wahllos in Magazinen herum, schnitt Kochrezepte und Modetips aus den Zeitschriften, die sie achtlos neben das Bett fallen ließ, und ab und zu legte Vater mich zu ihr auf die Überdecke, und ich schlief neben ihr ein.
Vater nahm Urlaub. Er verbrachte die Nächte auf dem ausgezogenen Sofa im Wohnzimmer, tagsüber kratzte er Tapeten von den Wänden, verputzte und strich, zog Dielen ab und lackierte das Holz, bis es glatt war und glänzte.
Kam Vater an Mutters Bett, kroch ich auf seinen Schoß, und Mutter zog die Bettdecke bis unter das Kinn.
»Bist du dir sicher?« fragte er, und Mutter nickte.
»Gut«, sagte Vater und machte sich daran, mein Kinderzimmer in einem hellen Gelb zu streichen, und weil Vater zuviel Verdünnungsmittel nahm und die Farbe in Augen und Nase biß, blieb ich in diesem großen Bett und rollte mich neben meiner Mutter auf Vaters Seite zusammen. Ich legte meinen Kopf auf Mutters Bauch und spürte, wie Lina unter der Bauchdecke nach meinem Kopf griff. Ich hielt die Luft an, wartete, bis Mutters Bauch oder meine Schwester darin den Impuls zum Einatmen gab, unwillkürlich und beruhigend, und atmete so, wie ich dachte, im Rhythmus meiner Mutter und meiner Schwester zugleich, bis sie mich wegschob, zur Seite rollte und auf der Stelle leise zu schnarchen begann.
Nach drei Wochen war der Spuk vorbei.
Mutter stand auf, stellte sich in die Dusche, drehte das Wasser auf, kam mit rotglänzender Haut und lächelnd nach einer halben Stunde aus dem Badezimmer, eingewickelt in ein großes Frotteetuch, und Vater legte mich in das gelb leuchtende Zimmer, öffnete das Fenster, schloß die Tür, und sie schliefen zum erstenmal wieder miteinander, stumm und gierig und ohne Erwartungen, und Lina drehte sich in Mutters Bauch, so fest und unerwartet, daß sie leise aufschrie.
 
Gregor nimmt seinen Mund von meinem Fuß, er spuckt neben sich auf die Veranda, sieht mich an und hält meinen Knöchel fest.
»Woher willst du das wissen?« sagt er.
»Weil sie es mir so erzählt hat«, sage ich.
Gregor dreht den Kopf. Es regnet, ein dünner Schleier überzieht den Garten, den Wald, der am Ende des Gartens hinter unserem Zaun beginnt. Durch die Bäume kann man den See sehen, ein paar blaugraue Ausschnitte, die verschwimmen, wenn man sie zu fixieren versucht.
»Soll ich dir ein Pflaster holen?« fragt er.
»Nein«, sage ich, »du sollst hier sitzen bleiben und mir zuhören.«
»Sollten wir nicht lieber -«, setzt er an, und ich schüttele den Kopf.
Gregor verstärkt seinen Griff um meinen Knöchel.
»Laß meinen Fuß los«, sage ich.
Er drückt zu und schaut mich an.
»Gregor.«
»Ja?«
»Was soll das?«
»Erzähl weiter«, sagt er und lächelt weich; sein Lächeln, auf dem ich ausrutsche.
 
Sechs Monate später saßen wir in der Küche. Vater stellte das Radio an, nahm meine Mutter am Arm und schob sie die Treppe hinauf.
Draußen auf der Schaukel wippte ich zu Mutters Wimmern mit den Füßen und versuchte mich auf meine Schwester zu konzentrieren. Ich sah das Katzenjunge vor mir, das der Nachbar am Tag zuvor in der Regentonne ertränkt hatte, ich sah sein verklebtes Fell, und ein süßer Geruch wie von Katzenpisse stieg mir in die Nase. Auf der Tonne lag seit dem Morgen ein runder Holzdeckel mit einer Öffnung für das Regenrohr, ich hielt die Schaukel mit den Füßen im Sand an, ich kaute an meiner Wange und stellte mir das Katzenjunge vor, das am Boden in grünem Moos und Schimmel lag, die Augen geschlossen, Wasser atmend.
Vater beugte sich aus dem Fenster im ersten Stock und winkte. Die Sonne war hinter dem Wald versunken, und in der Dämmerung erkannte ich sein Gesicht nicht sofort. Ich lief durch das Blumenbeet über die Veranda ins Haus, im Vorbeigehen zog ich meine Jacke aus und deckte das Nest zu, damit die Vögel nicht frören.
Ich klopfte meine Schuhe ab, lief die Treppe hinauf, es war still, so daß man die Stufen knarren hörte, im Schlafzimmer hatte Vater das Fenster wieder geschlossen und die Vorhänge zugezogen, der runde Lichtschein der Nachttischlampe warf Schatten in die Zimmerecken. Mutter sah mich ausdruckslos an. Zwischen ihren Brüsten lag meine Schwester, in ein dünnes Handtuch und Alufolie gewickelt, sie hatte die Augen geschlossen und atmete durch den offenen Mund. Mutter bewegte sich nicht. Ich blieb in der Tür stehen, aber Vater lachte und gab mir einen Stoß in den Rücken, so daß ich in dem Augenblick zum Bett stolperte, als Lina die Augen öffnete und mich mit ihrem gelben Blick ansah.
Das ist das erste Bild, das ich von Lina habe. Die gelben Pupillen, die erst mit der Zeit nachdunkelten, und der rote Haarflaum auf ihrem Kopf, auf Schultern und Armen, der sie zwei Monate lang warm hielt. Als er ausfiel, war die Haut, die darunter zum Vorschein kam, weiß und glatt, mit durchscheinenden Venen, so wie die Haut unserer Mutter.
Ich stellte mich damals regelmäßig an ihr Kinderbett, setzte einen Kugelschreiber an und malte die Bahnen und Verästelungen auf den Armen und auf ihrem Kopf nach. Die Mine drückte in Linas Babyspeck, sie verzog nur den Mund, hielt still.
Eine Woche nach Linas Geburt stand Mutter das erste Mal am Fenster und starrte in den Garten, bewegungslos und einen ganzen Tag lang. Über dem Vogelnest schwirrten die Fliegen, die Amsel saß blickweit entfernt auf einem Ast. So gesehen war es Linas Schuld.
2.
Das Fenster war halb geöffnet, und Mutter stand gerade so dicht vor der Scheibe, daß ihre Haut das Glas nicht berührte. Ab und an zog etwas Wind durch den Spalt und bewegte die feinen Haare an ihren Schläfen, die jetzt, nachdem meine Schwester auf der Welt war, in einer selbstverständlichen Geste, gerade so, als habe sie lange darauf gewartet, von Mutter mit der Nagelschere abgeschnitten worden waren und nur noch die Ohrläppchen knapp bedeckten. Sie hatte Vater gezwungen, die Haare im Nacken mit dem Rasierer zu kürzen, so daß er ihm jetzt, wenn sie so am Fenster lehnte, zu zart und stoppelig, zu hell und eigenständig fremd im Gegenlicht erschien, als daß er dem Bedürfnis nachgekommen wäre, die Hand auszustrecken und den Nacken unserer Mutter zärtlich zu berühren. Diese eine Geste nur erschien ihm als unausführbar.
Das erzählte er mir später, als wir einmal zusammen dort im Wohnzimmer saßen. Vater wischte sich mit den Händen durchs Gesicht, als müßte er Nase und Augen und Mund wieder an den rechten Platz rücken, sah mit einem ruhigen, in sich gekehrten Blick in den Garten hinaus und erzählte.
Nur wenn Mutter einige Male schwankte, das Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte, oder gegen Abend und wenn das Licht die Bilder, die sie dort draußen im Garten wohl sah, nach Innen in die überheizten vier Wände des dicht an dicht mit alten Möbeln, Vasen und persischen Teppichen angefüllten Wohnzimmers verlagerte, Erbstücke unbekannter Verwandter und Flohmarktkäufe von Vater, lange bevor er unsere Mutter kennengelernt hatte, und wenn sie müde wurde und für wenige Minuten nur die Augen schloß, legte sie ihr Gesicht an die Fensterscheibe und drehte sich dann zu ihm um.
Vater, der an diesem Nachmittag zum erstenmal seit langem doch die Hand nach ihrem Nacken ausstreckte, ließ sie sinken, erwiderte Mutters Blick und schob die Hand von hinten unter ihr kurzes schwarzes Kleid, das sich glatt und unscheinbar ihrem schmalen Körper anpaßte. Mutter senkte den Blick und starrte Vaters Arm zwischen ihren Beinen an. Vater hob den Kopf, atmete ein, aber er sagte nichts, sondern hielt die Luft an und schaute in Mutters helle Augen. Die Farbe verschwand nach und nach, und anstelle des dunklen Taubenblaus war die Iris mittlerweile hellgrau, die Schatten unter den Augen schminkte sie am Morgen mit Make-up über.
»Als würde die Farbe aus deinen Augen herauslaufen«, sagte Vater und zog die Hand weg, bevor Mutter ihn darum bitten konnte.
 
Die Fettabdrücke, die Mutter am Glas hinterließ, verwischte ich mit den Händen. Manchmal kopierte ich mir den Abdruck ihres Gesichtes, ich legte Butterbrotpapier auf das Glas und fuhr mit einem Bleistift die Umrisse nach. In der Kommode am Fußende meines Bettes sammelte ich die aufgeschnittenen Tüten, bis eine Schublade voll war.
Lina und ich standen hinter Mutter im Wohnzimmer an die Heizung gelehnt, wir saßen vor dem Fernseher und guckten Trickfilme und Talkshows, oder wir zählten die Minuten, bis Mutter sich bewegte, das Gewicht verlagerte, ihr Haar hinters Ohr strich. Lina und ich nannten es schlafen, aber ich wußte, daß Mutter nicht träumte, wenn sie am Fenster stand und uns nicht hörte, egal, wie laut wir auch über sie sprachen. Meist wurde es Lina langweilig, und sie quengelte und rutschte so lange auf ihrem Hintern herum, bis ich sie rauswarf. Lina streckte mir die Zunge raus, rannte die Treppe hinauf und warf die Tür hinter sich zu. Ich beobachtete Mutter.
Kam ich mittags aus der Schule, stand sie wieder am Fenster. Sie aß nach uns.
»Setz dich zu uns«, bat Vater, »den Kindern zuliebe.«
Er stellte Blumen auf ihren Sitzplatz, aber Mutter schob sie lächelnd in die Tischmitte und sah uns beim Essen zu.
Ich wartete darauf, daß sie sich nach mir umdrehen würde. Ich ging in das Zimmer über ihr und stellte mich dort an das Fenster, um zu sehen, was sie sah, aber da war nichts. Ich lief hinaus in den Garten, ohne Jacke und barfuß, und setzte mich in den nassen Laubhaufen, den Vater zusammengekehrt hatte, ich hoffte, sie würde mich hineinholen und in den Arm nehmen, aber ich konnte ihr Gesicht durch die Scheiben nicht sehen. Wenn es dunkel wurde, ging ich hinein und schaltete das Licht an, und das Fensterglas spiegelte mein helles Haar, das hinter Mutters Rücken über die Sessellehne fiel. Ich harrte stundenlang aus in dieser Position. Vater betrachtete mich kopfschüttelnd, wenn er vom Arbeitszimmer durch das Wohnzimmer in die Küche lief und Kaffee kochte, er knallte laut mit den Schranktüren und ließ den Wasserhahn in der Küche laufen, damit ich aufstehen würde, aber die Geräusche störten mich nicht.
»Dummchen«, sagte er im Vorbeigehen zu mir.
Wenn das Licht brannte, lächelte mir Mutters Gesicht in der Scheibe plötzlich zu, und ich stand auf und umarmte sie von hinten.