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Eine Weihnachtsgeschichte für Erwachsene in 24 Türchen…. …zum Lachen, …zum Weinen, …zum Mitfiebern, …zum Nachdenken oder einfach als kleiner Vorgeschmack auf Weihnachten, um die Zeit des Wartens nicht zu lang werden zu lassen. Eigentlich hasste er diesen Job als Paketbote: Tagaus, tagein in dieser Einöde herumfahren, in der sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Doch Weihnachten steht vor der Tür und er kann ein bisschen Geld gut gebrauchen. Er ahnt nicht, dass in dieser Nacht alles anders und er Teil eines skurrilen Abenteuers werden soll, in dem es um Leben und Tod geht.
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Seitenzahl: 73
Veröffentlichungsjahr: 2016
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„Wenn uns bewußt wird, daß die Zeit, die wir uns für einen anderen Menschen nehmen, das Kostbarste ist, was wir schenken können, haben wir den Sinn der Weihnacht verstanden.“
Roswitha Bloch
(*1957), deutsche Aphoristikerin und Lyrikerin.
Türchen
Türchen
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Von draußen peitschten dicke Schneeflocken gegen die Windschutzscheibe seines alten, klapprigen Kleintransporters. Das Gelände war unwegsam und mal wieder mehr als schlecht ausgeschildert. Egal. Die wenigen notdürftig beschrifteten Schilder, die windschief am Straßenrand aus den metertiefen Schneebergen stakten, waren unter dem Vorhang aus Schnee ohnehin nicht zu erkennen.
Wie er diesen Job doch hasste!
Er konnte inzwischen selbst nicht mehr begreifen, warum er ihn überhaupt angenommen hatte. Die Bezahlung war mies und die Leute hier draußen wohnten endlose Kilometer weit auseinander. Manchmal fuhr er eine halbe Stunde oder länger, ohne ein menschliches Wesen zu Gesicht bekommen. Links und rechts der Straße, die schneeverhangenen Tannen, die wie weiße Gespenster daran erinnerten, dass das Weihnachtfest vor der Tür stand.
Von den Jungen war hier niemand mehr. Alle weggezogen, dorthin, wo es Arbeit und Perspektive gibt. Und so stand er frierend vor den Türen und wartete jedes Mal eine halbe Ewigkeit, bis einer der Alten kam und ihm öffnete. Dann aber war deren Freude immer überwältigend. Euphorisch griffen dann ihre knittrigen knöchernen Finger nach seiner halb erfrorenen Hand, zogen ihn zu sich hinein ihn ihre warmen Stuben mit den dunklen Möbeln, den riesigen Kaminen und dem Lichterglanz, den sie trotz ihres Alters irgendwie herbeigezaubert hatten und der wohl schon unzählige Sommer in irgendwelchen Kartons gelegen hatte.
Ihm war das alles eigentlich gar nicht so recht, da er dadurch kaum eine Chance hatte, seinen ohnehin straffen Zeitplan einzuhalten. Und so war er dann meist noch die halbe Nacht unterwegs, bis er endlich alle Briefe und Pakete verteilt hatte. Bezahlt wurde diese Sonderschicht natürlich nicht. Aber er wusste auch nur zu gut, dass es wenig Sinn hatte, sich zu beschweren, denn es gab genügend andere, die sich freuen würde, jetzt vor Weihnachten noch ein bisschen Geld zu machen. Wie auch immer.
Oft schon hatte er darüber nachgedacht, lieb lächelnd und nett ausgedrückt abzulehnen, doch letztlich taten sie ihm auch leid, diese alten Menschen in ihren Hütten, die dort saßen. Oft ganz allein. Und wie sie sich wie die kleinen Kinder freuten, dass jemand zu ihnen vorbei kam. Hier in dieser lebensunwürdigen Einöde, wo sich selbst Wolf und Bär aus dem Weg gingen. Und dann brachte dieser jemand auch noch einen Gruß von ihren Liebsten vorbei, die sie meist nur noch aus einer vagen Erinnerung in schemenhafte Verklärung kannten.
Einmal hereingetreten, setzte er sich auf kindlich freudiges Drängen der Alten auf die ausgesessenen Sofas, aus denen zum Teil schon die Federn hervorstachen, notdürftig kaschiert mit einem vergilbten Zeitungsfetzen. Zittrige aderdurchdrungene, fast durchsichtig erscheinende Hände schoben ihm dann großgemusterte goldrandige Tassen zu, nachdem sie sie mit heißem Tee aus dem Samowar gefüllt hatten. Meist gab es dazu selbstgebackene Kekse, Oreschki, Babas oder Zupfkuchen. Hin und wieder wurde auch mit schelmisch grinsendem Gesicht und leuchtenden Augen ein Glas Wodka gereicht. Und wehe, man trank den nicht!
Dass er meist noch zig Kilometer mit dem Auto zurücklegen musste, interessiert hier keinen. Und so ließ er es mal um mal geschehen, aß und trank und hörte sich nebenher die Geschichten langer Leben an. Mal traurig, mal ergreifend, mal berührend, mal ironisch. Manchmal auch unglaublich. Aus einem Glas wurden meist zwei, drei, manchmal auch mehr. Und wagte er sich einmal, nur eine kleine Kostprobe zu essen, straften ihn enttäuschte Blicke. Also blieb er. Mal um Mal. Und jedes Mal musste er sehr große Überredenskünste anstellen, um dann doch irgendwann aufstehen und zum nächsten Kunden aufbrechen zu können.
Er selbst machte sich herzlich wenig aus diesem Fest. Der heutige Tag jedoch sollte alles ändern. Noch ahnte er nicht, dass ihm heute die wohl verrückteste Nacht seines Lebens bevorstehen würde.
***
Gerade hatte er es unter Mühen geschafft, seine vorletzte Kundin davon zu überzeugen, dass er nun doch endlich weiter müsse. Auch sie hatte allerlei selbstgebackene Köstlichkeiten parat, die wohl in ihren tiefsten Hoffnungen für einen anderen als ihn bestimmt waren. Er aß tapfer, obwohl er sich bereits bei den vorhergehenden Kunden sprichwörtlich überfressen hatte. Ein Wunder, dass er noch in seine Hosen passte!
Sie zeigte sich erst zufrieden, als er auch wirklich alles komplett durchgekostet hatte. Nun war er aber auch satt! Abendbrot brauchte er wohl heute keines mehr. Inzwischen war es aber auch bereits nach sechs.
Zu den Gebäcken hatte sie ihm Tee gereicht, nur dass ihr Tee verdächtig nach Rum schmeckte. An sich war ein Grog ja bei dieser menschenverachtenden Kälte keine schlechte Idee, doch er musste an diesem Abend noch einen weiteren Termin wahrnehmen. Er spürte wie ihm bereits der Gedanke daran schwerfiel. Seine Beine waren ihm schwer wie Blei. Das ständige Stapfen durch den hohen Schnee zollte seinen Tribut. Die nassen Hosenbeine klebten an seinen Waden und die Tatsache, dass er Füße haben musste, konnte er nur noch anhand der Schuhe erkennen, die er trug.
Und doch, zu dieser letzten Kundin musste er. Koste es, was es wolle! Sie war schon 96, ging in tief gebücktem Gang. Selbst wenn sie ihn zu sich hereinbat und ihn freudig nickend beim Essen und Trinken beobachtete, legte sie ihren dicken zerschlissenen Mantel und die abgewetzte Pelzmütze nicht ab. kein Wunder, es war jedes Mal eiskalt bei ihr. Ihr Ofen hatte wohl schon länger kein Feuer mehr gesehen. Doch die Alte nahm es hin, war jedes Mal lebensfroh und dankbar und hieß ihn mit ihrem zahnlosen Mund herzlich willkommen.
Das Problem war nur, dass sie so ziemlich am anderen Ende dieser gottverlassenen Gegend wohnte. Noch hinter dem Wald. Bereits von innen sah er draußen einen gewaltigen Schneesturm toben. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Schon letztes Mal hatte er ihre kleine Hütte kaum finden können - und da hatte er zumindest noch gute Sicht. Dass es so etwas wie ein Navi gibt, schien seinem Chef völlig unbekannt zu sein. Also stieg er resigniert in seinen Wagen, sah noch einmal auf den Zettel mit der Adresse und seufzte. Wie gern würde er jetzt nach Hause fahren und heiß duschen. Und dann ab auf ´s Sofa und irgendeinen dummen Film anschauen. Egal, Hauptsache entspannen und raus aus den nassen Sachen. Doch davon war er noch meilenweit entfernt. Auf morgen konnte er die Alte jedoch nicht verschieben, immerhin war da schon Weihnachten. Wer weiß, was ihn da noch alles erwarten würde…
Er blinzelte. War wohl doch ein wenig viel Rum. Nur mit Mühe fand er das Zündschloss. Doch der Motor machte keinen Mucks. Verdammt! Das konnte doch nun wirklich nicht wahr sein… Ein verzweifelter Blick auf sein Handy raubte ihm die letzte Hoffnung. Das Display war dunkel, der Akku leer, nichts ging mehr. Er fluchte, fast heulend, drehte den Schlüssel erneut im Schloss. Immer und immer wieder. Nichts.
Nach vielen endlosen Versuchen, wälzte er sich schließlich aus seinem quietschenden und knarrenden Autositz, warf die Tür auf und stieg verärgert aus. Was für ein Scheißtag! Fluchend trat er gegen das Vorderrad. Mehr als einen schmerzenden Knöchel brachte ihm das aber auch nicht ein. In seiner Wut stieß er einen derartigen Fluch aus, dass man ihn wohl bis zum Nordpol hätte hören müssen. Aus dem Baumwipfel hinter ihm flatterte unter großem Geschrei die dunkle Gestalt einer aufgeschreckten Eule hervor. Man konnte sie in der Dunkelheit des immer stärker aufpeitschenden Schneesturmes nur anhand ihres fürchterlichen Geschreis ausmachen.
Er hielt inne und wandte sich immer wieder nach allen Richtungen, obgleich er wusste, wie sinnlos es war. Hier würde ihm wohl niemand begegnen, geschweige denn helfen können. Wie um alles in der Welt sollte er hier nur wieder wegkommen. Er dachte an die Alte, an seine heiße Dusche, das Sofa und daran, dass er wenigstens heute einmal einigermaßen pünktlich hätte daheim sein können. Doch je mehr er grübelte und mit seinem Schicksal haderte, umso mehr wurde ihm bewusst, dass er sich wohl mit dem Gedanken anfreunden werden müsste, diese Nacht hier draußen zu verbringen. Bei dieser Vorstellung schauderte ihm. Nicht nur dass es ungemütlich war, die ganze Nacht auf dem alten Polster des Kleintransporters zu sitzen, es war noch dazu dunkel und gefühlte -100 Grad kalt. Ob er diese Nacht überleben würde, stand wohl in den Sternen
***
Er dachte angestrengt nach, was nun zu tun sei. Es musste doch noch eine Alternative geben. Hier draußen erfrieren wollte er jedoch auf keinen Fall.
