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Eine Geschichte zweier Welten, die unterschiedlicher kaum sein könnten, sich aber zu durchdringen beginnen, bis hin zu einer Symbiose, die für beide Seiten Faszinierendes zu bieten hat. Auf der einen Seite Nina, ein Mädchen, dass fernab der Heimat gemeinsam mit ihrem Vater lebt, der ein leidenschaftlicher Tierfotograf ist und tagsüber den schönsten Motiven nacheifert. Nina hingegen sucht nach Kontakt, Zugehörigkeit und Anschluss, was ihr jedoch nur mit mäßigem Erfolg gelingt. Dann ist da Anushka, ein Mädchen aus dem Feenreich, welches ebenso wissbegierig, neugierig und abenteuerlustig wie auch liebenswert ist und das Feenreich mächtig aufwirbelt. Magisch von der Welt des Mädchens angezogen, bricht Anushka immer wieder ins Menschenreich auf und riskiert dafür alles.
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Seitenzahl: 213
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Um Wunder zu erleben,
muss man an sie glauben.
Carl Ludwig Schleich
In der Fremde
Anushkas Welt
Eine schicksalhafte Begegnung
Gedanken einer kleinen Fee
Enttäuschte Erwartungen
Im Schutz der Nacht
Angst
Gefährliches Unterfangen
Am Morgen danach
Gegen das Licht
Unerwartete Hilfe
Die verlorene Schwester
Der lange Weg nach Þingvellir
Neue Freiheiten
Hoffnungsvolle Suche
Die Meisterprüfung
Gefühlschaos
Schicksalhafte Wendungen
Du?
Am Tag danach
Im Karussell des Lebens
Zurück zu den Menschen
Schrecksekunde
Auf Messers Schneide
Unverhofft kommt oft
Der Feenball
Begegnungen der anderen Art
Lange schon lag sie wach, den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt und starrte in die Dunkelheit des Raumes hinein. Alles war so schrecklich fremd hier.
Wie weit es bis nach Hause ist? Sie dachte angestrengt nach. Tausend Kilometer? Zehntausend? Wäre es nicht doch besser gewesen, zuhause bei ihrer Mutter zu bleiben? Wenigstens erstmal? Nun gut, sie würde nachkommen, aber wann? Ob sie wirklich kommt? Nina seufzte leise in sich hinein. Und wie sie hier redeten! Niemals zuvor hatte sie sich so fremd und allein gefühlt, besonders dann, wenn sie gemeinsam mit den anderen unterwegs war.
„Unsinn, Du bist doch nicht allein!“, hatte ihr Vater ihr dann immer gesagt, „Du wirst hier viele nette Freundinnen finden.“ Er hat gut reden! „Und außerdem hast Du doch noch Joshi. Der passt schon auf Dich auf.“
Joshi, ja! Nina sah an das Fußende ihres Bettes und sah, wie sich der kugelrunde Körper ihrer graumelierten Katze sanft und gleichmäßig hob und senkte. Ihr Vater hatte ihr den tapsigen Gesellen vor einigen Monaten von einer Reise mitgebracht. Damals war das Tier noch abgemagert und völlig verängstigt gewesen. Inzwischen war davon nicht mehr viel zu bemerken. Dazu fraß Joshi viel zu gern und natürlich nur das Beste! Aber er war ihr doch sehr ans Herz gewachsen, das alte Dickerchen. Nina kicherte leise in sich hinein.
Die ersten Wochen Schule hatte sie bereits hinter sich gebracht. Vieles hier war neu und ungewohnt. Die Schule hieß hier Grunnskóli, ihre Mitschüler trugen die komischsten Namen und alle hier glauben irgendwie an Feen, Trolle und Elfen. Kein Wunder, so wie es hier aussah! Die Landschaften waren schon ziemlich bizarr und wie von einem anderen Planeten. Überall Geysire, Vulkane, Gletscher Fjorde und Wasserfälle. Erst gestern sind ihr Vater und sie zu einem Ausflug an den Gullfoss aufgebrochen. Es war gigantisch! Niemals zuvor hatte das Mädchen einen solch gewaltigen Wasserfall gesehen. Das weiß aufsprudelnde Wasser peitschte laut gegen die angrenzenden Felsriffe und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, bereitete ihr diese Naturgewalt irgendwie auch ein wenig Angst.
Aber die zeigte sie ihrem Vater gegenüber natürlich nicht, denn sie war ja SEINE Tochter und er ihr größtes Vorbild. Wie seine Augen geleuchtet haben, als er ihr von den Sterntauchern, Alpenstrandläufern und Singschwänen erzählte, die hier in den umgrenzenden Gebieten lebten. „Und weiter unten, am Tungufljót-Fluss kannst Du sogar Sumpfvögel, Regenbrachvögel und Uferschnepfen sehen,“ hatte er ihr euphorisch zugerufen und im nächsten Moment auch schon seine Kamera gezückt und fotografiert, was ihm nur irgendwie vor die Linse kam.
„Wir müssen Deiner Mutter ja schließlich beweisen, wie wunderschön es hier ist“, sagte er, „nicht dass sie noch auf die Idee kommt, in Deutschland zu bleiben und uns hier allein zu lassen!“ Kurz darauf hatten sie am Laptop gesessen und die schönsten Bilder von sich und der urigen Landschaft hier, aber natürlich auch vielen Tieren ausgesucht, und an sie versendet. Ihr Vater war daraufhin sehr traurig, dass sie die Bilder bisher gar nicht angesehen hatte. Nina war sich sicher, ihm war es unangenehm, dass sie es bemerkt hatte, wie enttäuscht er war. Doch Nina wusste so sehr viel mehr als er ahnte. Aber das war vielleicht auch besser so.
Ihr war durchaus bewusst, dass ihre Mutter nicht nur deshalb noch geblieben war, weil sie dieses Projekt in ihrer Firma zu Ende führen wollte. Doch das war jetzt egal. Ihrem Vater gegenüber würde sie nichts sagen. Der war viel zu glücklich, diesen Auftrag hier bekommen zu haben. Island war schon immer sein ganz großer Traum gewesen.
Für ihn als Ornithologen und leidenschaftlichen Fotografen gab es nichts besseres, als hier in den Naturschutzgebieten und wilden Landschaften Aufnahmen und Beobachtungen zu machen. Neben seinem eigentlichen Auftrag, die Vogelpopulation hier oben zu dokumentieren, träumte er davon, ein eigenes Buch zu schreiben, SEINEN Bildband mit SEINEN Bildern von SEINEN über alles geliebten Vögeln. Und so stand er jeden Morgen bereits vor Sonnenaufgang auf, nahm sich seine schwere Ausrüstung, die er immer am Tag zuvor schon bereitstellte, und zog hinaus in die Natur. Dort traf er sich mit zwei weiteren Kollegen aus der Heimat, um mit ihnen gemeinsam zu den Brutgebieten zu fahren.
„Frühs vor Sonnenaufgang“, so sagte er immer, „macht man die besten Bilder. Da ist die Natur noch unberührt und die Sonne hat noch nicht den Boden wach geküsst.“ Nina fand diese Vorstellung immer irgendwie sehr romantisch. Und das Strahlen in seinen Augen und Lächeln auf seinen Lippen ließen keinen Zweifel daran, dass er liebte, was er tat.
Joshi war nun auch erwacht und tapste unsicher über die Decke zu Ninas Kopfende. Dort ließ er sich auf den runden Bauch plumpsen und leckte mit zugekniffenen Augen ihr Gesicht. Sie musste lachen. „Nicht Joshi, hör auf! Das kitzelt!“ Der Kater sah sie an, schnurrte in tiefster Zufriedenheit und legte dann seinen flauschigen Kopf auf Ninas Brustkorb. Das Mädchen graulte das warme weiche Fell und sah ihren Kater bedächtig an.
Er hatte es gut! Für ihn war es egal, wo er war, Hauptsache, dass er nur genug zu fressen und zu saufen hatte. Und seine Kuscheleinheiten. Sie atmete schwer. Wie lange sie wohl hier bleiben würden?
Ihr Vater hatte etwas von über einem Jahr gesagt. Für so lange sind angeblich die Fördermittel bewilligt für sein Forschungsprojekt. Doch es wäre das erste Mal gewesen, wenn darauf Verlass wäre. Nina konnte sich nur zu gut an die lange entbehrungsreiche Zeit erinnern. Monate-, ja manchmal jahrelang hatte sie die Tage allein mit ihrer Mutter verbracht. Ihr Vater indes reiste in der Welt herum, um seine Vogelbeobachtungen zu machen. Und während ihre Freundinnen mit ihren Eltern ins Schwimmbad oder Kino gingen, hatte sie zuhause gesessen und gewartet, bis ihre Mutter abends spät aus dem Büro kam oder ihr Vater nach Monaten aus dem Ausland zurück kehrte.
Dennoch war sie niemals sauer auf ihn gewesen. Vielmehr spürte sie einen großen Stolz. Wenn sie einmal groß ist, würde sie bestimmt genau das gleiche machen, wie jetzt er. Immerhin hatte er ihr schon so viel beigebracht!
Dennoch war es doch ein wenig verwunderlich, warum sie ihn diesmal beide begleiten sollten, ihre Mutter und sie. Ob es wohl ein Bleiben für immer sein soll? Nina dachte angestrengt nach. Angeblich wollte sich ihre Mutter eine Auszeit nehmen, fühle sich ausgebrannt. Daher wollte sie auch nachkommen. Aber ob das die ganze Wahrheit war?
Von draußen hörte man eine Tür ins Schloss fallen, dann polternde Geräusche aus dem Flur. Selbst Joshi bequemte sich dazu, für einen kurzen Moment den Kopf zu heben und durch seine verschlafenen Augen zur Tür zu sehen.
Nina sah auf die Uhr. Kurz nach vier Uhr. Gegen fünf würde die Sonne aufgehen. Es war Zeit für ihren Vater, zu gehen. Für den Bruchteil eines Augenblicks dachte sie daran, zu ihm raus auf den Flur zu gehen, wenigstens kurz „hallo“ sagen. Doch kaum, dass sie den Gedanken gefasst hatte, verwarf sie ihn auch sogleich wieder. Besser, sie störte ihn nicht. Er war trotz allem ein furchtbarer Morgenmuffel und sicher war er wieder auf den allerletzten Pfiff aufgestanden und würde sonst seine Kollegen verpassen.
Schon bald würde auch Nina aufstehen müssen, um den Bus rechtzeitig zu bekommen, der sie in die internationale Schule nach Reykjavík bringen würde. Sie verzog ihr Gesicht. Wie gern würde sie doch wieder auf ihre Heimatschule gehen, zu ihren alten Freunden und Klassenkameraden….
***
„Anushka, Mensch Anushka, wo bleibt Du denn?“ Anushkas beste Freundin Jördis flatterte aufgeregt auf und ab. „Du weißt doch, dass es bald hell wird. Denk an Deine Flügel!“ Jördis hatte Recht. Anushka sah an sich herab, während sie mit ihrem kleinen zarten Körper durch die Öffnung der skurrilen Felsformation schwebte, hinein in die für Menschen unsichtbare Welt im Verborgenen, in der sie in der Gemeinschaft mit vielen anderen Feen lebte.
Es wurde wirklich allerhöchste Zeit, denn von draußen drangen schon die ersten seichten Lichtstrahlen herein. Verspielt spiegelten sie sich in dem großen kristallblauen See, der sich ganz in der Nähe ihrer unscheinbar wirkendenden Felsformation befand. Noch ein bisschen Moos vorschieben, fertig! Puhh, das war knapp! Ihr Herz raste. Für eine kleine Fee wie sie konnte sich auch ein eigentlich kurzer Weg ganz schön ziehen, zumal wenn man vor lauter Neugierde völlig vergessen hat, auf die Zeit zu achten. Und ausgerechnet heute hatte die Königin eine große Versammlung einberufen. Ein Fehlen auch nur einer von ihnen, würde nicht toleriert werden und könnte im schlimmsten Fall zum Ausschluss aus dem Feenvolk führen. Damit war also nicht zu spaßen!
Völlig außer Atem drängte sie sich an den anderen vorbei, um nach ihrer Schwester Kristjana Ausschau zu halten. Sie musste ihr unbedingt berichten, was sie die Nacht gesehen hatte!
Früher hatte sie die Erlebnisse ihrer nächtlichen Ausflüge immer mit Jördis geteilt. Doch die war in letzter Zeit furchtbar spießig geworden, fand Anushka, obgleich sie noch nicht dahinter gestiegen war, weshalb. Trotzdem! Ständig nörgelte sie nur an ihr herum. „Anushka, tu dies nicht, Anushka tu das nicht.“ Oder wie eben, „Anushka, Du kommst zu spät!“ Als ob sie ihre Mutter sei! Nein, das würde ja nun gerade noch fehlen…!
„Da hat wohl jemand dringenden Nachholbedarf beim Einteilen und richtigen Dosieren der eigenen Körperkräfte?!“ Anushka fuhr erschrocken herum, war sie doch gerade noch beseelt gewesen, angesichts der Tatsache, dass sie Kristjana weiter hinten auf einer Moosschaukel entdeckte. Diese war gerade dabei, kleine Schneckenmuscheln auf ein Lederkettchen aufzufädeln. Sie war wirklich begabt in solchen Dingen. Anushka war schon mächtig stolz auf ihre kleine Schwester.
Doch nun stand ausgerechnet ihre strenge Lehrerin hinter ihr und musterte sie durch kleine faltig eingebundene graue Augen. Keine Fee wusste recht, wie alt genau sie eigentlich war, aber sie musste schon uralt sein. Bereits Anushkas und Kristjanas Mutter wurden von ihr unterrichtet und auch da konnte sie bereits vor Strenge kaum an sich halten. Anushka verdrehte genervt die Augen. Was wollte die nur? Im nächsten Moment zuckte sie zusammen. Oh je…
Ihr schwante nichts Gutes.
„Fräulein Anushka, wir haben Dich heute im Unterricht vermisst!“, die gestrenge Lehrerin musterte Anushka von oben bis unten. Tatsächlich hatte ihr Äußeres während ihrer nächtlichen Tour zu den Wohngebieten der Menschen etwas gelitten. Ihr wunderschönes khakifarbenes Kleid war an einigen Stellen eingerissen, das Haar verklebt von Spinnennetzen und Morgentau.
Verdammt, der Unterricht! Anushka wurde rot vor Scham. Dieser verdammte Unterricht! Den hatte sie doch tatsächlich total vergessen. Aber hatte eine Fee nicht auch wichtigeres zu tun als in diese langweilige Feenschule zu gehen?
„Es mag sein, Fräulein Anushka, dass Du die Pflichten der Feenschule nicht ernst genug nimmst.“ Wieder durchbohrte sie die Alte fast mit ihrem kritischabwertenden Blick, „Du scheinst dabei aber zu vergessen, dass wir Feen Lichtgestalten sind und wir Feen Verpflichtungen haben. Dazu ist es unbedingt erforderlich, dass wir in der Lage sind, unsere Kräfte richtig koordinieren und unsere Fähigkeiten trainieren zu können. Zaubern können allein reicht leider nicht aus. Dazu gehört vieles mehr, wie Verantwortung, Haushalten mit der eigenen Kraft, nicht zu vergessen die Selbstverteidigung, die ebenfalls gelernt sein will.“
Oh Mann, jetzt kommt sie wieder mit ihren Endlos-Monologen! Anushka ließ schlaff die Flügel zu Boden hängen. Alles konnte sie verkraften, aber nicht diese ewigen Vorhaltungen.
„Ich halte es ja durchaus für verständlich, Fräulein Anushka, dass Du das alles nicht für wichtig erachtest“, sagte die Lehrerin und verfinsterte ihre Miene, „aber das wirst Du unter Umständen noch bereuen. Unser Lebensraum hier wimmelt nur so vor Gefahren.“ Ein letzter strafender Blick streifte das Feenmädchen. „Heute Nachmittag sehen wir uns im Unterricht. Sonst wird das ernsthafte Konsequenzen für Dich haben!“ Anushka nickte stumm.
Die Alte konnte einfach nicht begreifen, dass es für junge Feen so viele wichtigere Dinge im Leben gab, als zu dem langweiligen Unterricht zu gehen. Es gab hier so viel Spannendes zu sehen. Was sollte ihr denn schon passieren? So viele Raubtiere gab es hier ja nun auch nicht. Sie war ja nun auch kein Kleinkind mehr und von den affigen Elfen ging doch auch nicht wirklich eine Gefahr aus. Gut, sie sind durchaus gewöhnungsbedürftig und haben nur Unsinn im Kopf, aber eine ernsthafte Gefahr waren die ja nun wirklich nicht. DIE nicht!
„Huhu, Schwesterlein!“ Kaum, dass Anushka die blütenbespickte Moosschaukel ihrer Schwester erreichte, rief und winkte die ihr eifrig zu. Kristjana vergötterte ihre große Schwester und war fasziniert von ihrer Abenteuerlust. Um selbst mit auf ihre Reise zu gehen, fehlte ihr wohl aber der Mut. Jemand wie Kristjana würde niemals die Feenschule schwänzen. Naja, wer weiß, in ihrem Alter war wohl auch Anushka noch weniger wild gewesen. Dennoch war Kristjana auch in ihrem ganzen Wesen besonnener. Die Feen legen traditionell großen Wert auf ihr Kunsthandwerk und Kristjana ist das Paradebeispiel dafür, wie geschickt sie sind, aus den noch so unscheinbarsten Naturmaterialen die tollsten Dinge herzustellen. Anushka kannte keine zweite, die es ihr gleichtun konnte.
„Was machst Du da?“, fragte Anushka und ließ sich schwebend neben ihrer Schwester auf der Moosschaukel nieder. Kristjana trug wunderschöne bunte Blüten im Haar, filigran goldene Ohrbehänge und ein schillerndes Muschelarmband um das rechte Handgelenk. „Eine Kette. Schau!“ Anushka griff nach der Kette. „Vorsicht, nicht so doll. Das drieselt mir doch sonst alles auf!“ Anushka fuhr zusammen. Das wollte sie weiß Gott nicht. „Für wen ist die?“ Ihre Augen funkelten. Wie wunderschön und filigran sie doch war.
„Für Dich, wenn Du magst!“ Kristjana sah sie schmunzelnd an, „Sie steht Dir bestimmt prächtig.“ Vorsichtig legte sich Anushka die Kette um und machte verschiedene Posen, wobei sie dabei sehr herumalberte. „Oh ja, ich glaube, die wird mir gut stehen. Danke, Schwesterherz!“
„Na, wenn Du damit nicht bei Friedjof landest“, Kristjana kicherte. Anushka verzog augenblicklich das Gesicht und ließ die halbfertige Kette ihrer Schwester sinken. „Oh nee, hör mir bloß mit den Feenmännern auf. Und erst recht mir Friedjof. Mit denen ist doch nichts los!“
Kristjana entriss ihrer Schwester die Kette und nahm diese wieder an sich. „Na dann eben nicht!“ Dann begann sie ihre Arbeit fortzusetzen und fädelte den dünnen Lederriemen weiter in die winzigen Muschelöffnungen hinein. „Wo warst Du eigentlich die ganze Zeit? Etwa wieder bei den Menschen?“ Kristjana sah auf und ihre Schwester eindringlich an. Die hatte sich inzwischen weit ausladend auf die Schaukel gesetzt und grinste vor sich hin. Augenblicklich kam sie auf Kristjana zu gekrochen. „Ja bei den Menschen!“ Sie lachte mehrdeutig auf. „Sie sind so witzig!“
„Verdammt, Anushka, Du weißt doch, dass Du das nicht tun solltest“, sagte Kristjana mit leicht verärgertem Unterton. „Das gibt noch richtig Ärger!“ Anushka senkte den Kopf. „Fängst Du jetzt auch noch damit an?“ Sie seufzte tief, „Was soll denn schon passieren? Die Menschen können uns doch eh nicht sehen. Außerdem kann ich mich verwandeln. Schmetterlinge mögen sie zum Beispiel sehr. Dann jagen sie sogar hinter uns her, wollen uns fangen.“ Das Strahlen in ihren Augen untermauerte ihre Freude.
„…Eben, wollen Dich fangen!“ Kristjana lachte auf. Als sie jedoch sah, dass ihre Schwester augenblicklich das Gesicht verzog, legte sie die Kette auf Seite, nahm sie bei den Händen und zog sie an sich heran. „Nun sag schon, was hast Du denn da erlebt, bei den Menschen meine ich?“ Anushka grinste verwegen.
„Hier lebt ein neues Mädchen in der Gegend. Sie hat so einen seltsamen Namen…, ich weiß gar nicht mehr recht, wie genau. Mit ihrem Vater denke ich. Ich glaube, sie ist sehr viel allein. Ihr Vater geht oft noch während ich dort bin und kommt auch erst nach der Abenddämmerung.“ Sie sah ihre Schwester mit weit aufgerissenen Augen an. „Ich würde ihr gern mal eine Freude bereiten. Sie ist so traurig irgendwie… Und sind wir Feen nicht dazu da, um Menschen gute Wünsche zu erfüllen?“
„Das sind wir“, sagte Kristjana bestimmt, „aber weißt Du denn, womit Du sie erfreuen kannst?“ Sie hielt kurz inne, ohne aber den Blickkontakt zu ihrer Schwester zu unterbrechen. „Nur mal hin und wieder als Schmetterling herumzuflattern wird ihr sicher auf Dauer nicht helfen. Und ihre Eltern kannst Du ihr auch nicht herzaubern. Soweit reicht unsere Zauberkraft nicht aus. Auch Deine nicht!“
Manchmal war Anushka ein wenig erstaunt, wie klar und sachlich Kristjana die Dinge sah. Überhaupt war ihre kleine Schwester so sehr viel vernünftiger und vorsichtiger als sie es jemals war. Außer ein paar Tänzen im Schutz der Dunkelheit an einem der vielen Festtage, die die Feen im Jahr begingen, sah man Kristjana niemals an irgendwelchen Aktionen in der Natur teilnehmen. Nun gut, man konnte es ihr nicht verübeln. In jungen Jahren war sie einmal mit einer Freundin zum Beerenpflücken, als sie rücklings von einem Polarfuchs angegriffen wurden. Kristjanas Freundin bezahlte diesen Angriff mit ihrem Leben. Seitdem scheute Kristjana alles, was sich auch nur zehn Meter von ihrer, über und über mit Moos bewachsenen und dadurch gut getarnten, Felsgrotte entfernt, befand.
Aus dem Inneren ihrer Grotte heraus ertönte plötzlich ein lautschriller, sehr mystisch wirkender Ruf. Beide Schwestern fuhren erschrocken zusammen, obgleich sie die Einberufung zur Versammlung durch ihre Königin bereits erwartet hatten.
Nun hieß es für alle Feen ihres Volkes, aus ihren unterirdischen Verstecken von überall her hierher zu kommen, um dem Treffen beizuwohnen. Je nach Anlass konnte es auch passieren, dass neben den Feen auch die hier lebenden Elfen geladen waren. Wie es schien, handelte es sich heute jedoch nur um eine routinemäßige Versammlung, in der es um die anstehenden Aufgaben der nächsten Monate gehen wird. Hier sind die Elfen traditionell nicht anwesend. Zu genau weiß die Königin darum, dass die Elfen ihren eigenen Kopf und nur allzu viel Spaß daran haben, die Pläne der Feen zu sabotieren. Aus ihrem kindlichen Übermut heraus bringen sie dann alles durcheinander, um sich anschließend hämisch über den Schaden zu freuen, den sie damit angerichtet haben.
Anushka hielt nicht allzu viel von ihnen.
***
Was für ein Tag? Nina schmiegte sich ganz nah an das Fenster des Schulbusses und sah der vorbeifliegenden Landschaft nach. Eigentlich aber blickte sie darüber hinweg, tief versunken in sich selbst und dachte über die Ereignisse des Tages nach.
Heute hatte ihnen die Lehrerin mitgeteilt, wo ihre Exkursion hingehen sollte, die für die nächste Woche angekündigt war. Mit großen Druckbuchstaben hatte sie das Wort „Huldufólk“ an die Tafel geschrieben und sie und ihre Mitschüler gebeten, alles zu sagen, was ihnen dazu einfallen würde. Im Falle von Nina war dies recht wenig, denn sie hatte den Begriff noch niemals in ihrem Leben gehört. Auch die Antworten, die ihre Mitschüler gaben, waren für das Mädchen verblüffend und unglaublich zugleich. Dass hier alle an mystische Wesen wie Feen, Elfen, Trolle und Gnome glaubten, war ihr ja bereits gewusst und hatte sie anfänglich auch schon oft zum Schmunzeln gebracht. Doch wenn sie daran dachte, mit welchem tiefen inneren Selbstverständnis die anderen über sie sprechen, wurde ihr ganz anders.
Auch Nina mochte Geschichten, Märchen und Sagen. Früher hatte ihre Uroma ein altes vergilbtes Märchenbuch. Wenn sie ihr daraus vorlas, fielen die losen Seiten jedes Mal heraus, als seien sie des vielen Umblätterns leid. Und dennoch: sie hatte es so geliebt, dieses dicke Buch! Für das Zeitfenster der Geschichte, in dem ihre Urgroßmutter ihr vorlas, hatte sie stets alles um sich herum vergessen. Sie war gemeinsam mit ihren Helden im tiefen dunklen Wald, auf den Bällen der Prinzessinnen oder an der Seite wunderschöner Prinzen. Und immer dann, wenn ihre alte Urgroßmutter das Buch schloss und eine Geschichte zu Ende ging, überkam sie eine gewisse Traurigkeit. Nun würde sie nie mehr erfahren, was aus ihnen geworden war. Das einzige, was ihr blieb, war, die Märchen immer und immer wieder zu hören oder selbst zu lesen.
Leider war das alles lange her. Heute war ihre Uroma fast neunzig und beschäftigte sich ausschließlich damit, bald zu sterben. Das alte abgegriffene Märchenbuch war längst in Ninas Besitz übergegangen und gerade heute nahm sie sich fest vor, doch nach langer Zeit mal wieder darin zu lesen.
Feen aber waren ihr bislang weitestgehend unbekannt geblieben. Sie überlegte eine ganze Weile. Nun gut, auch in den Märchen, die sie kannte, kamen hin und wieder Feen vor. Dornröschen war ja das beste Beispiel dafür. Die zwölf Feen, die dem neugeborenen Kind gute Wünsche mit auf den Weg brachten und dir dreizehnte, die nicht eingeladen war und darüber so erbost war, dass sie Dornröschen den Fluch des hundertjährigen Schlafes auferlegte.
Damit hörte es aber schon auf. Hier jedoch muss es sogar eine Elfenschule geben, so sagte einer ihrer Mitschüler mit lodernd roten Haaren und einer viel zu langen Nase. Er schien sich wirklich auszukennen. Die Schule, so prahlte er voller Stolz über sein Wissen, muss ein gewisser Magnús Skarphédinsson betreiben, der Augenzeugenberichte über Feen und Elfen aus aller Welt sammelt und hier in seiner Elfenschule zusammengetragen hat. Sogar ein Diplom kann man hier ablegen, Voraussetzung man kennt die unterschiedlichen Elfen- und Feenarten, die hier auf Island leben. Die Lehrerin hatte sogleich freudig eingestimmt und ergänzt, dass es sich dabei um die Álfaskólin in Reykjavík handelt, die seit nunmehr zweiundzwanzig Jahren besteht. Anschließend ließ sie verkünden, dass sie die in der nächsten Woche stattfindende Exkursion in eben diese Álfaskólin unternehmen würden. Ab diesem Moment war der Unterricht in einem aufgebrachten Gemurmel und Getuschel untergegangen, wobei Nina mal wieder die einzige war, die nicht recht mitreden konnte.
„Ist hier noch Platz?“ Nina sah erschrocken auf. Neben ihr, im Gang des Busses stand ein blondes sommersprossiges Mädchen mit geflochtenem Zopf. Irgendwie hatte sie etwas Trauriges an sich. Die Schultern hingen schlaff nach unten und ihre Augen lagen in dunklen Augenhöhlen, so als habe sie tagelang nicht geschlafen. Sie schien etwa in Ninas Alter zu sein, bisher waren sie sich jedoch noch nie begegnet. Schnell nahm Nina ihre Jacke und den Turnbeutel von ihrem Nachbarsitz, lächelte das andere Mädchen ermutigend an und signalisierte ihr, dass sie sich doch setzen solle.
Kurz schlich ein vages Lächeln über die Lippen des Mädchens, bevor sie sich übertrieben steif neben Nina setzte.
Allmählich wurde es immer voller. Der Bus fuhr auf ihrem Heimweg mehrere Schulen und Ortschaften ab. Insgesamt dauerte es fast zwei Stunden, ehe Nina wieder zuhause in ihrem abgelegenen Dorf war. Etwas ungewohnt. Sonst fuhr Nina mit dem Rad zur Schule und brauchte nie mehr als zehn Minuten und nun sollte sie jeden Tag in dieser schweißstinkenden klapprigen Mühle fahren, die aller naselang anhielt? Wenn sie ja wenigstens erstmal aus Reykjavík raus wären. Aber das zog sich.
Ninas Stirn berührte die Scheibe, sodass ihr Atem sie kreisförmig anlaufen ließ. Was Joshi wohl gerade machte? Sicher nichts als Dummheiten! Tief in Gedanken versunken, malte sie mit ihrem Finger das Konterfei ihres Katers auf die Scheibe und schmunzelte beseelt in sich hinein. Wie lustig das Bild doch geworden war! Joshi war im Moment wirklich der einzige, der sie hier noch bei Laune hielt. Es war schon nicht ganz einfach für sie. Hier unter den vielen fremden Menschen, die alle so völlig anders waren als sie.
„Deine?“ Nina zuckte zusammen. Das Mädchen neben ihr deutete auf ihr Scheibenbild, das nun bereits zu erblasssen begann. „Deine Katze?“, präzisierte sie ihre Frage und Nina war es, als könne sie ein leichtes Funkeln in ihren ansonsten sehr traurigen Augen sehen. Es war das erste Mal überhaupt, dass sich jemand in ihrem Alter überhaupt mit Nina abgab. Sie fühlte sich berührt.
„Ja, das soll Joshi sein“, sagte sie stolz, „mein Papa hat ihn mir geschenkt, als wir noch in Deutschland gelebt haben.“
„Du bist aus Deutschland?“ Das blonde Mädchen weitete die Augen. „Und da kommst Du HIER her?“
Nina wusste nicht recht, was sie sagen sollte. Irgendwie war ihr die Situation etwas peinlich, zumal sie dieses Mädchen ja gar nicht kannte. Augenblicklich spürte sie sämtliche Augenpaare der benachbarten Schüler auf sich geheftet. Also beließ sie es bei einem leisen „Hhm“ und wandte sich dann wieder dem Fenster zu, um dabei zuzusehen, wie sie allmählich die Stadt verließen. Eine tiefe Traurigkeit machte sich in ihr breit, denn sie spürte abermals die Fremde, die sie von überall her umgab.
Wie lange sollte das hier noch so weitergehen? Wie lange sollte sie das noch aushalten, wenn sie doch jetzt schon jeden Morgen, noch bevor sie aus dem Bett aufstand, nur inständig darauf hoffte, das der Tag nur möglichst schnell vergehen möge? Der Gedanke an das nachfolgende Wochenende hielt sie dann meist aufrecht und gab ihr Hoffnung, denn sie wusste, dass ihr Vater dann mit ihr raus in die Natur gehen würde. Dort würde er ihr die tollsten Stellen der unberührten und, zugegebenermaßen, wunderschönen Natur zeigen. In Momenten wie diesen überkam sie dann immer ein vager Hauch des Mutes, dass sie durchhalten würde. Wenigstens so lange, bis ihre Mutter nachkäme. Wenn… Doch zumindest ihr Vater glaubte fest daran.
„Ich hatte auch einen Hund“, sagte das Mädchen auf dem Nachbarsitz nach einer ganzen Weile, als sie längst an den riesigen Seen und durch die surreal wirkenden grün-braunen Landschaften fuhren, die immer mal wieder durch seltsame Steinformationen durchbrochen waren. Nina sah noch immer weg, Hoffnungslosigkeit in sich spürend, die sich zunehmend in ihr festfraß.
