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Der Waisenjunge Justin Hoppa, der zunächst glaubt, Mutterseelen allein auf der Welt zu sein, kämpft um sein Überleben und erlebt dabei Abenteuer, die jeder Beschreibung spotten.Unterernährt bis auf die Knochen, schlägt sein kleines Herz doch kräftig und widersteht allen Widrigkeiten, die ihm auf seinem Weg begegnen. Auf der Suche nach dem Glück, entdeckt er eines Tages mit Hilfe seiner Freunde die Wurzeln seines Lebens wieder. Doch vorher steht er wiederholt an der Schwelle des Todes. Eine ganze Armee Schutzengel bemüht sich um Justin, und bewahrt ihn vor dem Untergang. Eine Fülle von Zufälligen Begegnungen führt ihn schließlich in die Arme seiner seiner verloren geglaubten Familie zurück und die Geschichte nimmt doch noch ein gutes Ende für Justin Hoppa.
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Seitenzahl: 496
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Clochard Raade
Das wundersame Leben des Justin Hoppa
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Justin Hoppa wird geboren
Wie Justin Hoppa heranwuchs
Justin Hoppa soll arbeiten
Justin findet eine Stelle
Justin hat ein neues Zuhause
Justin bekommt Selbstbewusstsein
Justin wehrt sich
Justin geht nach London
Der alte Russe und seine Schüler
Justin macht bittere Erfahrungen
Justin vor dem Richter
Für Justin wird gesorgt
Justin und seine Bekanntschaften
Eine Prophezeiung
Der alte Russe und Fräulein Lancy
Die Begegnung mit Lancy
Justins zweites Schicksal
Justin der Entführte
Ein denkwürdiger Plan
Justin in der Gewalt von Bill Silles
Unterwegs
Der Einbruch
Herrn Braun und eine Dame
Ein armes Geschöpf
Zurück zu Herrn Morgan und Genossen
Eine geheimnisvolle Person
Herr Braun und Frau Sikkens
Hat Justin überlebt ?
Justin wird wohl sterben
Zwei Damen und Doktor Backfish
Justin in der Enge
Justin und seine Beschützerinnen
Lilly wird krank
Justin und ein neues Abenteuer
Barry Briston und Lilly
Lilly und Barry Teil 2
Gegensätze
Ehepaar Braun und Greck
Greck und der Russe stecken ihr Köpfe zusammen
Eine denkwürdige Zusammenkunft
Neue Überraschungen und Unglücksfälle
Die Jagt beginnt
Ludok kommt in die Patsche
Lancy und Lilly und ein gegebenes Versprechen
Maxwell Clayton in geheimer Mission
Lancy hält ihr Versprechen
Konspiration
Mord und Totschlag an Lancy
Greck und Herr Braunau treffen sich
Die Verfolgung
Geheimnisse und ein Heiratsantrag
Morgans letzte Stunden
Das letztes Kapitel
Impressum neobooks
In einer Stadt, die so unbedeutend war, dass selbst der Himmel sie auf lange Sicht aus seinem Gedächtnis gestrichen hatte, befand sich neben einer Gemeindeverwaltung, einer Schule und einer Kirche, auch ein ein Armenhaus. In diesem wurde an einem recht kühlem Tag, es war der letzte Tag des Monats Januar, ein Wesen geboren, dessen Namen in der folgenden Geschichte recht häufig genannt werden wird. Lange noch, nachdem er bereits durch den Armenarzt in dieses irdische Jammertal eingeführt war, blieb es höchst zweifelhaft, ob das Kind lange genug leben würde, um überhaupt eines Namens zu bedürfen. Zuerst einmal war das Kind offensichtlich viel zu früh dran. Es hätte sicherlich noch einige Wochen an dem Ort verbringen müssen, der ihm bis dahin Wärme, Schutz und Nahrung gewährt hatte. Daher fiel es den Beteiligten zunächst ungemein schwer, Justin zu bewegen, die Mühe des Atmens auf sich zu nehmen. Sicherlich ist das Atmen kurz nach der Geburt eine schwere Arbeit. Jedoch ist die Gewohnheit des Atmens zu unserm Wohlbefinden von Natur aus notwendig. So lag er, eine geraume Zeit nach Luft ringend, in einer kleinen Schachtel, wobei sich die Waagschale seines Lebens entschieden einer besseren Welt zuneigte. Wäre Justin damals in die Obhut der modernen Medizin hinein geboren worden, so wäre er unzweifelhaft dem Tode anheim gefallen. So aber war niemand bei ihm als eine arme alte Frau, die infolge ungewohnten Alkoholgenusses ziemlich benebelt war, und ein Armenarzt, der vertragsgemäß bei Geburten Hilfe leisten musste. Justin hatte deshalb die Sache mit der Natur allein auszufechten. Das Ergebnis war, dass Justin nach einigen Anstrengungen atmete, laut nieste und endlich in der Lage war, den Bewohnern des Armenhauses die Ankunft einer neuen Bürde der Gemeinde durch so lautes Schreien anzukündigen, als sich füglich von einem Jungen erwarten ließ, der die ungemein nützliche Beigabe einer Stimme erst seit drei und einer viertel Minute besaß. Auf das Geschrei des Kindes hin, erhob sich das bleiche Gesicht einer jungen Frau mit Mühe von den Kissen und eine schwache Stimme flüsterte kaum vernehmbar: "lassen Sie mich das Kind sehen, dann will ich gern sterben."
Der Arzt saß vor dem Kamin und war bemüht, seine Hände bald durch Reiben, bald durch Ausstrecken über die Kohlen warm zu halten; als aber die junge Frau sprach, stand er auf, trat an das Kopfende des Bettes und sagte mit mehr Freundlichkeit, als man ihm zugetraut hätte: "Oh! Sie müssen nicht vom Sterben sprechen!"
Die junge Frau streckte ihre zitternde Hand nach ihrem Kind aus, und der Arzt legte es ihr in die Arme. Sie küsste es leidenschaftlich auf die Stirn, dann fuhr sie mit den Händen über ihr Gesicht, blickte wild um sich, schauderte, sank zurück - und starb.
"Sie hat es ausgestanden", sagte der Arzt nach einer kurzen Untersuchung zu der alten Frau. "Ihr braucht nicht nach mir zu schicken, wenn das Kind schreit, wahrscheinlich wird es etwas unruhig sein." Er zog bedächtig seine Handschuhe an.
"Ihr könnt ihm dann ein wenig Milchschleim geben."
Er setzte den Hut auf und trat, bevor er das Zimmer verließ, noch einmal ans Bett und sagte:
"Es war ein hübsches Mädchen; woher kam sie?"
"Sie wurde gestern Abend auf Anordnung des Armenvorstehers hier eingeliefert", antwortete die alte Frau.
"Man fand sie auf der Straße ohnmächtig; sie muss weit gelaufen sein, denn ihre Schuhe waren ganz zerrissen, jedoch, woher sie kam oder wohin sie wollte, weiß niemand."
Der Arzt beugte sich über die Verblichene und hob ihre linke Hand hoch.
"Ich sehe schon, es ist die alte Geschichte", sagte er kopfschüttelnd, "kein Trauring. Na! Gute Nacht!"
Er ging zu seinem Abendessen, und die alte Frau setzte sich auf einen Schemel in der Nähe des Kamins und begann das Kind zu kleiden. In der Decke, die Justin bisher umhüllt hatte, konnte man ihn ebenso für das Kind eines Edelmannes als für das eines Bettlers halten. Aber jetzt in dem alten verwaschenen Kinderzeug, das durch wohlwollende Spenden in den Besitz des Armenhauses gelangt war, trug er die Zeichen seiner Stellung, nämlich die eines Gemeindekindes, einer Waise des Armenhauses, einer Kostenstelle der Gemeinde, einer zum Hungern bestimmten Last, die von allen verachtet und von niemand bemitleidet und erst recht nicht geliebt wurde. Justin schrie laut und kräftig; hätte er gewusst, dass er eine Waise, und somit der lieblosen Fürsorge von Armen- und Gemeindevorstehern ausgeliefert war, so hätte er sicherlich noch lauter geschrien.
In den ersten acht oder zehn Monaten war Justin das Opfer eines systematischen Betrugs und fortgesetzter Gaunerei. Er wurde nämlich auf Kosten der Gemeinde aufgepäppelt. Die Armenhausbehörde meldete den elenden Zustand des Waisenkindes pflichtbewusst an den Gemeindevorstand. Dieser forderte einen Bericht darüber, ob sich "in dem Hause" keine Frau befände, die in der Lage sei, dem kleinen Justin Hoppa die Nahrung zu reichen, deren er bedurfte. Die wahrheitswidrige Antwort der Armenhausbehörde fiel verneinend aus, worauf der Gemeindevorstand den hochherzigen Entschluss fasste, Justin in einer fünf Kilometer entfernten Filiale des Armenhauses unterzubringen. Dort wuchsen unter der mütterlichen Aufsicht einer älteren Frau zwanzig bis dreißig andere jugendliche Übertreter der Armengesetze auf, ohne das die Gemeinde von den Kosten für Kleidung und Nahrung allzu sehr belästigt zu wurde. Die Matrone nahm die kleinen Verbrecher gegen eine Entschädigung von wöchentlich zehn Schilling und einem halben Pence pro Kopf auf. Damit lässt sich ein Kind recht gut ernähren. Der Betrag reicht sogar aus, einen Magen zu überladen. Doch nur den der Matrone. Die alte Dame war eine kluge und erfahrene Frau, sie wusste, was für Kinder - und noch mehr, was für sie selber gut war. Sie verwendete den größeren Teil des Kostgeldes zu ihrem eigenen Nutzen und setzte die heranwachsende Jugend auf noch kleinere Rationen, als von der Behörde beabsichtigt war.
Jedermann kennt die Geschichte eines praktischen Lebenskünstlers, der eine herrliche Theorie erfunden hatte, gänzlich ohne Nahrung zu leben. Der Versuch gelang so weit, dass er seine eigene Ernährung auf einen Löffel Honig am Tag herunterbrachte. Sicherlich wäre er irgendwann ein gefragter Mann gewesen, wenn er nicht vierundzwanzig Stunden vor dem Tage krepiert wäre, wo er sich zum ersten Male ausschließlich von Wasser und Luft ernähren wollte. Unglücklicherweise hatte das System der Frau, deren Fürsorge Justin Hoppa anvertraut war, gewöhnlich einen ähnlichen Erfolg. Gerade wenn ein Kind so weit gekommen war, von dem kleinstmöglichen Teile der möglichst schwächsten Nahrung zu leben, so kam es acht-, bis neunmal in zehn Fällen vor, dass es erkrankte, und im Krankenhaus wieder zu Kräften gefüttert werden musste. Halbwegs am Leben, wurde es dann wieder an die Matrone ausgeliefert. Jedoch kam es nicht selten vor, dass eines der bedauernswerten kleinen Wesen auf Grund der schäbigen Behandlung in eine andere, bessere Welt abgerufen wurde. Peinliche Untersuchungen durch die Gemeinde gab es aus verständlichen Gründen nicht. Man stellte lediglich erfreut fest, dass wieder eine Kostenstelle gestrichen werden konnte. Man kann nicht erwarten, dass diese Erziehungsmethode glänzende Ergebnisse zeigte. Justin Hoppa war an seinem neunten Geburtstag ein blasses, schmächtiges, im Wachstum zurückgebliebenes Kind. Aber Natur oder Vererbung hatte in seine Brust einen gesunden, kräftigen Geist gepflanzt, der auch, dank der spärlichen Diät der Anstalt hinreichend Raum hatte, sich auszudehnen. Vielleicht ist es nur diesem Umstand zuzuschreiben, dass er sich überhaupt seines neunten Geburtstages erfreuen durfte. Er feierte denselben in der erlesenen Gesellschaft zweier anderen jungen Herren im Kohlenkeller, wo sie nach einer tüchtigen Tracht Schläge eingesperrt worden waren, weil sie sich erdreistet hatten, hungrig zu sein. An diesem Tage wurde Frau Billig, die würdige Vorsteherin der Anstalt durch die unerwartete Erscheinung des Gemeindedieners, Herrn Braun, in Schrecken gesetzt. Er bemühte sich gerade, die Gartentür zu öffnen.
"Herr du meine Güte! Sind Sie es, Herr Braun?" rief Frau Billig, indem sie ihren Kopf aus dem Fenster steckte, anscheinend hocherfreut dem Kirchendiener zu.
"Leyla, hole rasch den Justin und die beiden anderen Rangen aus dem Keller und wasche sie. - Ach, wie mich das freut, Herr Braun. Freue mich wirklich, Sie mal wiederzusehen"
Herr Braun war ein dicker und außerdem jähzorniger Mann und anstatt die freundliche Begrüßung zu erwidern, gab er der Gartentür einen Stoß, wie ihn nur der Fuß eines Gemeindedieners zu geben imstande ist.
"Mein Gott", sagte Frau Billig hinaus eilend - denn die drei Jungen waren inzwischen aus dem Keller geholt worden - "dass ich das vergessen konnte. Der lieben Kinder wegen hatte ich ja die Tür verriegelt. Treten Sie
näher, Herr Braun, bitte kommen Sie rein."
Obgleich diese Einladung mit einer Liebenswürdigkeit vorgebracht wurde, die sogar das Herz eines Kirchenältesten erweicht hätte, besänftigte sie den Gemeindediener durchaus nicht.
"Ist es etwa ein geziemendes und höfliches Benehmen, Frau Billig", fragte Herr Braun, "die Gemeindebeamten am Gartentor stehen zu lassen, wenn sie in Angelegenheiten, die die Gemeindewaisen betreffen, hierher kommen?'
"Glauben Sie mir, ich war gerade dabei, den lieben Kindern zu erzählen, dass Sie kämen", erwiderte Frau
Mann unterwürfig. Herr Braun hatte eine hohe Meinung von seiner Beredsamkeit und seiner Wichtigkeit. Die eine hatte er entfaltet und die andere geltend gemacht. Er wurde dadurch milde gestimmt.
"Schon gut, Frau Billig", entgegnete er in sanfterem Tone, "ich will es Ihnen glauben. Gehen Sie nur voran, Frau Billig, ich komme dienstlich und habe Ihnen etwas auszurichten."
Frau Billig führte den Gemeindediener in ein kleines Zimmer, holte einen Stuhl herbei und nahm ihm dienstbeflissen den dreieckigen Hut und seinen Stock ab. Sie legte beides auf den Tisch vor ihm. Herr Braun wischte sich den Schweiß von der Stirn und blickte wohlgefällig auf den dreieckigen Hut. Dann lächelte er. Tatsächlich, er lächelte. Gemeindediener sind auch nur Menschen, und Herr Braun lächelte.
"Nehmen Sie mir nicht übel, was ich Ihnen jetzt sage", bemerkte Frau Billig mit bestrickender Liebenswürdigkeit, "aber Sie haben einen weiten Spaziergang gemacht, darf ich Ihn mit einem Gläschen aufwerten, Herr Braun?"
"Nicht einen Tropfen, nicht einen!" erwiderte Herr Braun und wehrte mit seiner rechten Hand würdevoll, aber nicht unfreundlich ab.
"Sie dürfen es mir nicht abschlagen", sagte Frau Billig, der der Ton seiner Weigerung und die ihn begleitende Gebärde nicht entgangen war.
"Nur ein kleines Gläschen mit ein wenig kaltem Wasser und ein Stückchen Zucker." Herr Braun hustete.
"Nur einen Tropfen!" fuhr Frau Billig im überredenden Tone fort.
"Was ist es denn?" fragte der Gemeindediener.
"Nun, es ist etwas, von dem ich immer einen kleinen Vorrat haben muss, um es den lieben Kindern in den Kaffee gießen zu können, wenn sie nicht wohl sind", entgegnete Frau Billig, indem sie einen Eckschrank öffnete und eine Flasche nebst Glas zum Vorschein brachte.
"Es ist Pfefferminz Likör."
"Den geben Sie den Kindern mit dem Kaffee, Frau Billig?" fragte er, dabei mit seinen Augen den interessanten Vorgang der Mischung verfolgend.
"Ja, der liebe Gott weiß es, ich tue es, so teuer er auch ist. Sie wissen ja, mein Herr, dass ich sie nicht vor meinen Augen leiden sehen könnte!“
"Nein", sagte Herr Braun, "nein, das könnten Sie nicht. Ich weiß, dass Sie eine menschlich denkende Frau
sind, Frau Billig" (hier setzte sie ihm das Glas hin), "ich werde bei passender Gelegenheit den Gemeindevorstand besonders darauf aufmerksam machen." (Er zog das Glas näher an sich.) "Sie fühlen wie eine Mutter" (er hob das Glas), "ich - mit Vergnügen trinke ich auf Ihre Gesundheit, Frau Billig", damit trank er das Glas zur Hälfte leer.
"Doch nun zu unserm Geschäft!" rief der Gemeindediener, indem er eine lederne Brieftasche herauszog.
"Das mit der Nottaufe versehene Kind Justin Hoppa ist heute neun Jahre alt geworden."
"Gott segne ihn!" fiel Frau Billig ein und rieb sich mit dem Schürzenzipfel ihr linkes Auge rot.
"Und trotz der angebotenen Belohnung von zehn Pfund, die nachher auf zwanzig erhöht wurde, trotz der äußersten - ich möchte fast sagen übernatürlichen - Anstrengungen seitens der Gemeinde sind wir nicht
imstande gewesen, seinen Vater oder die Heimat, noch den Namen und den Stand seiner Mutter ausfindig zu machen."
"Wie kommt es aber, dass er überhaupt einen Namen hat?" fragte Frau Billig.
Der Gemeindediener warf sich in die Brust und entgegnete: "Den habe ich erfunden!"
"Sie, Herr Braun?"
"Jawohl. Wir geben unsern Findlingen Namen nach dem Alphabet. Der letzte war ein J - ich taufte ihn Justin. Der nächste war ein H - ich benannte ihn Hoppa."
"Sie sind ja ein wahrer Gelehrter, Herr Braun."
"Vielleicht", sagte der Gemeindediener geschmeichelt,
"kann sein, Frau Billig. - Justin ist nun zu alt für
dieses Haus, der Vorstand hat beschlossen, ihn wieder zurückzunehmen,.und ich soll ihn abholen. Bringen Sie ihn mal her."
"Ich werde ihn sofort holen", sagte Frau Billig und verließ das Zimmer. Justin war inzwischen von dem Schmutz, der sein Gesicht und seine Hände bedeckte, so weit gereinigt worden, als es durch eine einmalige
Wäsche geschehen konnte. An der Hand seiner wohlwollenden Beschützerin betrat er nun das Zimmer.
"Mach einen Diener vor dem Herrn, Justin", sagte Frau Billig.
Justin machte eine tiefe Verbeugung sowohl vor Herrn Braun auf dem Stuhl, als auch vor dem Dreispitz auf dem Tisch.
"Willst du mit mir gehen, Justin?" fragte Herr Braun mit hoheitsvoller Stimme.
Justin wollte gerade sagen, dass er gern mit jedem fortgehen würde, als er bemerkte, dass ihm Frau Billig, die hinter den Stuhl des Gemeindedieners getreten war, mit wütender Miene die Faust zeigte. Er verstand diese Zeichensprache.
"Wird sie auch mitgehen?" fragte der arme Junge.
"Nein, aber sie wird dich hin und wieder besuchen", sagte Herr Braun. Das war kein sonderlicher Trost für Justin. Trotz seiner Jugend war er jedoch klug genug, sich so zu haben, als verließe er Frau Billig nur ungern. Es wurde ihm nicht schwer, Tränen ins Auge zu locken, da Hunger und kürzlich überstandene Misshandlungen recht geeignet sind, sie herbeizuführen. So weinte Justin sehr natürlich. Frau Billig umarme ihn wohl tausendmal und gab ihm ein großes Butterbrot, damit er nicht allzu hungrig im Armenhaus ankäme. Unnötig zu sagen, dass ihm das Butterbrot lieber war als die tausend Umarmungen der Frau Billig. Mit einer kleinen braunen Tuchmütze auf dem Kopf verließ nun Justin die armselige Stätte, wo nie ein freundliches Wort oder ein zärtlicher Blick das Dunkel seiner Kinderjahre erhellt hatte. Herr Braun holte mit weiten Schritten aus, und der kleine Junge trabte neben ihm her, wobei er alle fünf Minuten fragte, ob sie nicht bald "da" seien. Justin war noch keine Viertelstunde im Armenhaus und kaum mit der Vertilgung eines zweiten Stückchen Brotes fertig, als Braun ihm sagte, dass heute Abend eine Vorstandssitzung sei, und dass er unverzüglich vor dem Kollegium zu erscheinen habe. Die Begriffe von Sitzung und Kollegium waren Justin nicht besonders klar. Er wusste deshalb nicht, ob er bei dieser Nachricht lachen oder weinen sollte. Braun führte ihn in ein großes weißgetünchtes Zimmer, wo acht bis zehn wohlbeleibte Herren um einen Tisch saßen. Oben am Tische machte sich auf einem Lehnstuhl,der etwas höher als die übrigen Stühle war, ein besonders wohlgenährter Herr mit einem sehr runden, roten Gesicht breit.
"Verbeuge dich vor den Vorstandsmitgliedern!" sagte Braun, und Justin tat es.
"Wie heißt du, Junge?" fragte der Mann im hohen Lehnstuhl.
Der Anblick so vieler Herren brachte Justin so aus der Fassung, dass er zu zittern anfing. Er antwortete daher nur leise und schüchtern.
"Junge!" sagte der Vorsitzende, "du weißt doch, dass du eine Waise bist?"
"Was ist das?" fragte der arme Kerl.
"Du weißt doch, dass du keinen Vater und keine Mutter hast und dass du von der Gemeinde erzogen wirst, nicht wahr?"
"Jawohl, Herr", erwiderte Justin, bitterlich weinend.
"Warum heulst du?" fragte ein Herr mit einer grünen Weste. In der Tat, der Grund, weshalb er weinte, war sehr schwer zu finden.
"Ich hoffe, du betest jeden Abend vorm Zubettgehen für die Leute, die dich aufziehen, wie es sich für einen Christen geziemt", fragte ein anderer Herr mit barscher Stimme.
"Ja, Herr", stotterte der Junge.
"Nun, wir haben dich hierherkommen lassen, damit du erzogen wirst und ein nützliches Gewerbe lernst", sagte der Vorsitzende.
"Du wirst daher morgen früh um sechs Uhr anfangen, und Kraut zupfen", fügte der Herr mit der grünen Weste hinzu. Für die Verbindung dieser beiden Wohltaten machte Justin auf einen Wink des Gemeindedieners eine tiefe Verbeugung und wurde dann schnell in einen großen Saal geführt, wo er sich auf einer harten Pritsche in den Schlaf weinte.
Armer Justin! Er dachte nicht daran, als er so in einer glücklichen Selbstvergessenheit schlummernd dalag, dass jene Männer am selben Tage einen Entschluss gefasst hatten, der den größten Einfluss auf sein künftiges Geschick haben sollte. Und doch war es der Fall, wie wir in folgendem sehen werden. Die Mitglieder des Gemeinderats waren sehr weise, einsichtsvolle, philosophische Männer. Als sie ihre Aufmerksamkeit dem Armenhaus zuwandten, fanden sie mit einem Male, was bisher noch kein gewöhnlicher Sterblicher entdeckt hatte, dass es den Armen darin zu gut gefiel. Es war in ihren Augen ein rechtes Vergnügungslokal für die besitzlosen Klassen, ein Wirtshaus, wo nichts bezahlt wurde jahrein, jahraus Frühstück, Mittagessen, Tee und Abendbrot auf öffentliche Kosten -, ein Elysium aus Backsteinen und Mörtel mit Spiel und Tanz, ohne jede Arbeit. "Oho", sagten die Gemeinderäte, "das muss anders werden, und zwar sofort." Sie setzten daher als Richtlinie fest, dass die armen Leute die Wahl haben sollten (denn es war nicht ihre Absicht, jemand zu zwingen), in dem Hause langsam oder außer dem Hause schnell Hungers zu sterben. Zu diesem Zwecke schlossen sie mit den Wasserwerken einen Vertrag über die Lieferung einer unbegrenzten Menge Wasser und trafen mit dem Getreidelieferanten eine Übereinkunft, von Zeit zu Zeit kleine Mengen Hafermehl herbeizuschaffen. So erhielten dann die Insassen des Armenhauses dreimal täglich einen dünnen Haferschleim, außerdem zweimal in der Woche eine Zwiebel und sonntags eine halbe Semmel. Schon in den ersten sechs Monaten nach Justins Rückkehr war dieses System in vollem Gange. Der Raum, in dem die Jungen abgefüttert wurden, war eine große Halle aus Stein, an deren einem Ende ein kupferner Kessel stand. Aus diesem schöpfte der Speisemeister, unterstützt von einigen Frauen, zur Essenszeit den Haferschleim. Von dieser köstlichen Speise erhielt jeder Junge einen Napf voll, und nicht mehr – festliche Anlässe ausgenommen, an denen sie auch noch ein nicht allzu großes Stück Brot bekamen. Die Näpfe brauchten nicht abgewaschen zu werden, die Jungens bearbeiteten sie mit ihren Löffeln so lange, bis sie wieder spiegelblank waren. Kinder haben fast immer Hunger. Justin und seine Kameraden hatten die Qualen des langsamen Hungertodes drei Monate lang ausgehalten. Da erklärte ein ziemlich großer Junge, dessen Vater eine kleine Kneipe hatte, und der daher reichliches Essen gewöhnt war, er fürchte seinen Schlafkameraden einmal nachts aufzuessen, wenn er nicht noch einen weiteren Napf Haferschleim täglich erhielte. Dabei rollten seine Augen wild. Die Jungen beratschlagen und losten dann, wer nach dem Abendessen zum Speisemeister gehen und um mehr bitten solle. Das Los fiel auf Justin Hoppa. Der Abend kam heran, der Speisemeister stellte sich an den Kessel, und nachdem ein langes Tischgebet über das kurze Mahl gesprochen war, wurde der Haferbrei aus, geteilt. Dieser war schnell im Magen der Kinder verschwunden, als Justin aufstand und mit Napf und Löffel vor den Speisemeister hintrat. Hunger und Elend ließen ihn alle Rücksichten vergessen, doch zitterte er, als er sagte: "Bitte, Herr, ich möchte noch etwas mehr."
Der wohlgenährte, rotbäckige Koch wurde bei diesen Worten blass und musste sich am Kessel festhalten. Er blickte mit starrem Entsetzen auf den kleinen Rebellen und stieß schließlich mit schwacher Stimme aus:
"Was?"
"Bitte, Herr, ich möchte noch etwas mehr!"
Da schlug ihn der Küchenmeister mit dem Löffel über den Kopf, packte Justin bei den Händen und rief laut nach dem Gemeindediener. Der Verwaltungsausschuss hielt eben eine Sitzung ab, als Herr Braun aufgeregt ins Zimmer stürzte. Er wandte sich an den Vorsitzenden:
"Verzeihung, Herr Labskaus! Justin Hoppa hat mehr haben wollen!"
Alle waren starr.
"Mehr?" fragte Herr Labskaus. "Nehmen Sie sich zusammen, Braun, und antworten Sie mir klar und deutlich. Habe ich das so zu verstehen, dass er noch mehr verlangte, nachdem er bereits seinen vorschriftsmäßigen Anteil erhalten hatte?"
"Jawohl, Herr!"
"Der Junge wird am Galgen enden", sagte der Herr mit der grünen Weste. "Ich bin ganz sicher, dass der Bursche dereinst gehängt wird!"
Niemand widersprach dieser Prophezeiung. Nach kurzer Beratung wurde Justin eingesperrt. Am nächsten Morgen wurde ein Anschlag an das Tor geklebt, der jedem, der Justin der Gemeinde abnähme, eine Summe von fünf Pfund verhieß. Mit anderen Worten, Justin Hoppa wurde nebst fünf Pfund jedem Mann oder jeder Frau - wer eben einen Lehrling oder einen Laufburschen brauchte – angeboten.
Justin blieb eine Woche lang in einer dunklen, einsamen Kammer eingesperrt. Er weinte den ganzen Tag über bitterlich. Wenn dann die lange, traurige Nacht kam, legte er seine Händchen auf die Augen, um nicht ins Dunkel starren zu müssen, kroch in eine Ecke und versuchte zu schlafen. Alle Augenblicke aber fuhr er aus seinem Schlaf auf und drückte sich dann dichter an die Mauer, als ob er sich selbst in ihrer kalten, harten Fläche einen Schutz gegen die ihn umgebende Finsternis verspräche. Nun begab es sich, dass eines Morgens der Schornsteinfegermeister Jörgensen die Landstraße entlangzog. Er dachte darüber nach, wie er gewisse Mietrückstände, um die ihn sein Hauswirt ziemlich energisch gemahnt hatte, bezahlen solle. Er wusste nicht, wie er die ihm fehlenden fünf Pfund herbeischaffen könnte, und marterte damit bald sein Gehirn, bald den Kopf seines Esels. Da fiel ihm plötzlich der Anschlag ins Auge, als er beim Armenhaus vorbeikam.
"Halt!" sagte der Meister zu dem Esel, doch dieser, ebenfalls in tiefes Sinnen versunken, trabte, ohne auf den Befehl seines Herrn zu achten, ruhig weiter. Jörgensen fluchte wie ein Heide und entgegnete dem Esel einen Schlag auf den Kopf, dass dieser halb betäubt war und stillstand. Dann begann der Meister aufmerksam den Anschlag zu lesen. Der Herr mit der grünen Weste stand, die Hände auf dem Rücken, am Tore. Er hatte dem kleinen Streit zwischen Jörgensen und seinem Esel gespannt zugeschaut und lächelte gutgelaunt. Jörgensen lächelte gleichfalls, als er das Schriftstück durchgelesen hatte, denn fünf Pfund waren gerade die Summe, die er brauchte. Was die Beigabe des Jungen anbelangt, so wusste der Meister, der die Armenhauskost kannte, dass es sich nur um ein ziemlich schmächtiges Menschenexemplar handeln könnte. Er buchstabierte also den Anschlag nochmals von Anfang bis zu Ende durch und redete dann den Herrn mit der grünen Weste an, indem er gleichzeitig grüßend die Hand an seine Pelzmütze legte:
"Diesen Jungen hier will also die Gemeinde als Lehrling vergeben?"
"Ja, lieber Freund", erwiderte der Herr mit der grünen Weste leutselig, "warum?"
"Wenn die Gemeinde ihn ein leichtes, angenehmes Handwerk lernen lassen will, so möchte ich mein Schornsteinfegergeschäft empfehlen", entgegnete der Meister. "Ich brauche einen Lehrling und bin bereit,
ihn zu nehmen!"
"Kommen Sie rein", sagte der Herr mit der grünen Weste.
Jörgensen folgte diesem in das Sitzungszimmer und trug Herrn Labskaus seinen Wunsch vor.
"Es ist ein schmutziges Handwerk, man hat auch erlebt, dass Jungens in den Schornsteinen erstickt sind", meinte Labskaus.
"Dies kommt daher", entgegnete Jörgensen, "dass man das Stroh anfeuchtete, ehe man es im Kamin anzündete, um die Jungen herunterzuholen. Es gab nur Rauch aber kein Feuer. Rauch hat aber keinen Zweck, denn er veranlasst einen Jungen nicht runterzukommen, er macht ihn nur schläfrig, und das ist es ja gerade, was solch ein Bursche will. Jungen sind faul und widerspenstig, meine Herren, und ein schönes, heißes Feuer das beste, um sie im Galopp herunterzubringen. Es ist auch ein humanes Mittel, meine Herren, denn wenn einer im Schornstein steckenbleibt und sich die Füße verbrennt, dann tut er schon selbst alles mögliche, um sich aus dieser Lage zu befreien. Die Vorstandsmitglieder berieten sich einige Minuten, dann verkündete Herr Labskaus:
"Wir haben Ihren Vorschlag überlegt, können aber nicht drauf eingehen."
"Ganz und gar nicht", sagte der Herr mit der grünen Weste.
"Entschieden nicht", fügten die andern Vorstandsmitglieder hinzu.
"So soll ich ihn also nicht haben, meine Herren?" fragte Jörgensen.
"Nein", antwortete Herr Labskaus, "oder Sie müssten mit einer kleineren Summe zufrieden sein, da es doch ein zu schmutziges Handwerk ist."
"Was wollen Sie geben, meine Herren? Seien Sie nicht zu hart gegen einen armen Mann!"
"Nun, ich meine, drei Pfund und zehn Schillinge wären genug", sagte Herr Labskaus.
"Schon zehn Schilling zu viel", bemerkte der Herr mit der grünen Weste.
"Also, sagen wir vier Pfund, meine Herren", entgegnete Jörgensen, "und Sie sind den Jungen für immer los. Vier Pfund, das ist anständig."
"Drei Pfund und zehn Schillinge", wiederholte Herr Labskaus unbeugsam.
"Wir wollen die Differenz teilen, meine Herren, drei Pfund und fünfzehn Schillinge also!"
"Nicht einen Schilling mehr", lautete die feste Antwort Herrn Labskaus.
"Sie sind mächtig hart zu mir", sagte Jörgensen kleinlaut.
"Unsinn", sagte der Herr mit der grünen Weste. "Es wäre ein feines Geschäft auch ohne jeden Zuschuss.
Greifen Sie zu, Mann. Er ist gerade der richtige Junge für Sie. Ab und zu hat er den Rohrstock nötig, und sein Essen braucht auch nicht üppig zu sein, denn er ist von seiner Geburt an nie überfüttert worden. Ha! Ha! Ha!"
Der Handel wurde also geschlossen, und Braun bekam den Auftrag, Justin Hoppa noch am selben Nachmittag vor den Friedensrichter zu führen, um seinen Lehrbrief genehmigen und unterzeichnen zu lassen. Der kleine Justin wurde daher zu seinem großen Erstaunen aus der Haft entlassen und erhielt den Befehl, ein reines Hemd anzuziehen. Er hatte kaum diese ungewohnte gymnastische Übung beendet, als ihm Herr Braun eigenhändig einen Napf voll Haferschleim und das sonntägliche Stück Brot brachte. Bei diesem Anblick fing Justin kläglich an zu weinen, denn er dachte nichts anderes, als dass die Behörde ihn zu irgendeinem nützlichen Zwecke schlachten lassen wollte, da sie ihn wohl sonst kaum in dieser Weise mästen würde.
"Weine dir nicht die Augen rot, Justin, sondern iss und sei dankbar", sagte Herr Braun würdevoll. "Du sollst Lehrling werden, Justin!"
"Lehrling, Herr?!" rief der Junge zitternd.
"Jawohl, Justin, die guten Herren, die an dir Elternstelle vertreten haben, wollen dich in die Lehre geben, damit du später im Leben vorwärts kommst und ein tüchtiger Kerl wirst. Das kostet der Gemeinde drei Pfund und zehn Schillinge, denke mal, Justin, drei Pfund zehn Schillinge - siebzig Schillinge! - hundertvierzig Pence - und all das für einen ungezogenen Waisenjungen, den keiner leiden kann."'
Als Herr Braun innehielt, um Atem zu schöpfen, rannen dem armen Justin nur so die Tränen über die Backen, und er schluchzte bitterlich.
"Weine nicht!" sagte Herr Braun, der von der Wirkung seiner Beredsamkeit sehr befriedigt war. "Wisch dir die Tränen mit dem Ärmel ab und lass sie nicht in die Suppe fallen. Das ist töricht." Das stimmte, denn in der Suppe war ohnehin schon Wasser genug. Auf dem Wege zum Friedensrichter belehrte Herr Braun seinen kleinen Begleiter, dass er dort weiter nichts zu tun habe, als recht glücklich auszusehen. Wenn ihn dann der Herr frage, ob er in die Lehre gehen wolle, so müsse er sagen, furchtbar gern. Justin versprach zu gehorchen, um so mehr als Herr Braun die zarte Andeutung fallen ließ, er könne nicht sagen, was man ihm antun würde, wenn er nicht diesen seinen Unterweisungen getreulich nachkäme. Als sie an Ort und Stelle eintrafen, wurde Justin in ein kleines Zimmer gebracht und von Herrn Braun ermahnt, dort so lange zu verweilen, bis er ihn holen würde. Klopfenden Herzens wartete der Junge bereits eine halbe Stunde, als endlich Herr Braun seinen Kopf, der jetzt der Zierde des dreieckigen Hutes entbehrte, durch die Tür steckte und laut sagte:
"Nun, liebes Kind, komm zu dem Herrn." Dabei warf er Justin einen drohenden Blick zu und flüsterte ihm zu: "Denke dran, was ich dir sagte, Bengel."
Justin sah bei diesem sich widersprechenden Ton der Anreden unschuldig zu Herrn Braun auf. Dieser führte ihn sogleich in ein Nebenzimmer, dessen Tür offen stand. Hinter einem Pult saßen dort zwei alte Herren mit gepuderten Perücken. Einer las eine Zeitung, der andere studierte mit Hilfe einer Nickelbrille ein kleines vor ihm liegendes Pergament. Herr Labskaus stand vorn an einer Seite des Pultes und Meister Jörgensen mit teilweise gewaschenem Gesicht auf der anderen. Der alte Herr mit der Brille war über seinem Pergament eingenickt, und es entstand eine kurze Pause, nachdem Herr Braun Justin vor das Pult geführt hatte.
"Das ist der Junge, Euer Gnaden", sagte Herr Braun.
Der die Zeitung lesende Herr sah auf und zupfte den andern alten Herrn am Ärmel, worauf dieser erwachte.
"Ach, das ist also der Junge?" fragte er.
"Ja, Euer Gnaden", entgegnete Herr Braun. "Mach dem Herrn Richter eine Verbeugung, Justin."
Justin machte seinen schönsten Diener.
"Der Junge will also gern Kaminfeger werden?" sagte der Friedensrichter.
"Er ist ganz verrückt danach, Euer Gnaden", sagte Braun, "er würde davonlaufen, wenn wir ihn zwingen wollten, etwas anderes zu lernen!"
"Und dieser Mann da soll sein Meister sein, nicht wahr? Sie werden ihn doch gut behandeln, und was das Essen und die Kleidung anbelangt, nicht Not leiden lassen, versprechen Sie das?"
"Wenn ich einmal gesagt habe, ich will, so werde ich es auch tun", entgegnete Jörgensen mürrisch.
"Ihre Ausdrucksweise ist nicht gerade fein, mein Freund, aber Sie scheinen ein offener, ehrlicher Mensch zu sein", sprach der Richter, den Meister dabei durch seine Brillengläser flüchtig anguckend. Wäre er nicht halb blind und beinahe schon kindisch gewesen, so hätte ihm die Brutalität in Jörgensens Gesicht auffallen müssen.
"Ich denke das zu sein", entgegnete der Meister mit einem hässlichen Blick.
"Daran zweifle ich nicht, mein Freund", fuhr der alte Herr fort und suchte nach dem Tintenfass auf dem Pult. Es war für Justins Schicksal ein kritischer Augenblick. Hätte das Tintenfass da gestanden, wo es der alte Herr vermutete, so hätte er seine Feder eingetaucht und den Lehrbrief unterzeichnet. Jörgensen hätte dann Justin gleich mitgenommen. Aber da es unmittelbar vor seiner Nase stand, so suchte er natürlich vergebens nach ihm auf dem Pulte herum. Er begegnete dabei dem verstörten Blick Justins, der trotz aller ermahnenden Winke und Knüffe Brauns seinen künftigen Lehrherrn mit Furcht und Schrecken betrachtete. Halb blind wie er war, fiel es doch dem Friedensrichter auf. Er hielt daher inne, legte die Feder hin und schaute von Justin zu Herrn Labskaus hinüber, der unbefangen zu erscheinen versuchte und lächelnd eine Prise nahm.
"Mein Junge", sagte der alte Herr und beugte sich über das Pult. Justin fuhr bei diesem Tone zusammen, denn er war einer freundlichen Anrede nicht gewohnt. "Mein Kind, du siehst blass und verstört aus. Was ist dir?"
"Tretet ein wenig auf die Seite, Braun", sagte der andere Ratsherr, die Zeitung weglegend. Er sah Justin teilnahmsvoll an und sprach: "Junge, sag uns, was dir ist, habe keine Angst!"
Justin fiel auf die Knie und bat mit gefalteten Händen, man möge ihn lieber in die finstere Kammer sperren, ihm nichts zu essen geben, ihn prügeln, ja totschlagen, nur solle man ihn nicht mit diesem schrecklichen Mann fortschicken.
"Nun", sagte Herr Braun, indem er feierlich Augen und Hände gen Himmel hob, "von allen lügnerischen, hinterlistigen Waisenkindern, die mir je vorgekommen sind, bist du der frechste."
"Haltet den Mund, Gemeindediener!" sagte der zweite alte Herr, als sich Herr Braun in dieser Weise Luft
gemacht hatte.
"Verzeihung, Euer Gnaden!" entgegnete Braun, der seinen Ohren nicht traute, "haben Euer Gnaden mich gemeint?"
"Jawohl. Sie sollen den Mund halten!"
Herr Braun war starr. Einem Gemeindediener den Mund zu verbieten Das war ja Revolution. Der Friedensrichter guckte seinen Kollegen bedeutungsvoll an und sagte dann:
"Wir versagen dem Lehrbriefe unsere Genehmigung"; damit schob er das Pergament beiseite.
"Ich hoffe", stotterte Herr Labskaus, "Sie werden nicht glauben, dass die Behörde fahrlässig gehandelt hat,
noch dazu auf das unhaltbare Zeugnis eines Kindes hin."
"Wir sind nicht berufen, darüber eine Meinung auszusprechen", entgegnete der alte Herr ziemlich scharf.
"Nehmen Sie den Jungen wieder mit und behandeln Sie ihn anständig. Er scheint es nötig zu haben."
Am nächsten Morgen wurde Justin wieder für fünf Pfund angeboten.
Angesehene Familien schicken die jüngeren Söhne, die sonst keine Aussicht haben vorwärtszukommen, gern zur See. Der Armenhausvorstand beschloss dieses weise Beispiel nachzuahmen. Er glaubte, es wäre das beste für Justin. Vielleicht würde ihn ein Schiffer in der Trunkenheit zu Tode prügeln oder sonst wie um die Ecke bringen. Herr Braun erhielt also den Auftrag, einen Schiffer ausfindig zu machen, der Justin nehmen würde. Als er von dieser Mission zurückkehrte, traf er in der Haustür den Leichenbestatter Herrn Strowbarry. Dieser war trotz seines ernsten Berufes keinem Scherze abgeneigt. Er schüttelte Herrn Braun die Hand und sagte:
"Ich habe den beiden Weibern, die gestern Abend starben, eben Maß genommen."
"Sie werden noch reich werden, Herr Strowbarry."
"Glauben Sie? Aber die von der Gemeinde bewilligten Preise sind zu gering, Herr Braun."
"Die Särge sind auch dementsprechend klein", erwiderte der Gemeindediener würdevoll lächelnd. Herr Strowbarry fand diesen Witz furchtbar komisch und lachte anhaltend. Endlich sagte er:
"Größere sind bei dem neuen Verpflegungssystem auch nicht nötig."
"Übrigens, Herr Strowbarry, wissen Sie keinen, der einen Lehrjungen gebrauchen kann?" fragte Herr Braun, der das Gespräch ablenken wollte.
"Sehr günstige Bedingungen, sehr günstig."
Währenddessen zeigte er mit seinem Stock nach dem Anschlag an der Tür und schlug dreimal bedeutungsvoll auf die groß gedruckten Worte: "fünf Pfund".
"Nun, wie wäre es?"
"Ach, Sie wissen, Herr Braun, dass ich viel Armensteuer bezahle."
"Nun?"
"Da dachte ich, wenn ich soviel bezahle, hätte ich auch ein Recht, wieder etwas davon rauszukriegen. Ich möchte deshalb schon den Jungen nehmen."
Herr Braun fasste den Leichenbestatter am Arme und führte ihn ins Haus. Dort hatte Herr Strowbarry eine Unterredung von fünf Minuten mit dem Vorstand, und man kam überein, dass Justin ihm noch am selben Abend auf Probe übergeben werden solle. Dies wurde Justin von den Herren mitgeteilt und ihm gleichzeitig angedroht, dass man ihn auf die See schicken würde, wenn er es in der Lehre nicht aushielte und der Gemeinde nochmal lästig fiele. Justin hörte das schweigend an, dann führte ihn der würdige Herr Braun an den neuen Schauplatz von Leiden. Als sie dem Orte ihrer Bestimmung näher kamen, sagte Herr Braun:
"Schiebe dir die Mütze aus dem Gesicht, und halte den Kopf hoch."
Der Leichenbestatter hatte eben die Fensterladen seiner Werkstätte geschlossen und trug beim Schein einer Kerze einige Posten in sein Buch ein, als Herr Braun eintrat.
"Sind Sie es, Braun?" sagte Strowbarry und blickte von seinem Buche auf.
"Niemand anders" entgegnete der Gemeindediener, "und da ist der Junge." Justin machte einen Diener.
"Also das ist der Junge", sagte der Leichenbestatter und hob die Kerze hoch, um ihn besser betrachten zu können. "Liebe Frau, komm doch mal herein."
Frau Strowbarry kam aus einem kleinen Zimmer hinter der Werkstätte, sie war eine kleine, magere Person mit einem Gesicht wie eine Spitzmaus.
"Das ist der Junge aus dem Armenhaus, von dem ich dir gesprochen habe."
",Mein Gott", sagte sie, der ist aber doch zu klein."
"Klein ist er freilich", bemerkte Herr Braun, "aber er wird wachsen, sicher, er wird wachsen."
"Das glaub' ich wohl", sagte Frau Strowbarry, "aber von unserer Kost. - Da, geh die Treppe herunter, kleines Gerippe! Giltine, gib dem Jungen etwas von dem, was für den Hund zurückgestellt war, der kriegt nichts mehr, da er heute morgen nicht nach Hause gekommen ist", rief sie dem Dienstmädchen zu. Justin verschlang mit Gier den Hundefraß.
"Nun" sagte Frau Strowbarry, "bist du fertig?" Sie hatte mit Entsetzen und düsterer Ahnungen voll zugesehen, wie ein solcher Appetit in Zukunft zu befriedigen sei. Justin bejahte.
"So komm mit. Dein Bett ist unter dem Ladentisch. Ich denke, es macht dir nichts aus, unter den Särgen zu schlafen. Doch egal, eine andere Schlafstelle können wir dir nicht geben."
Am Morgen wurde Justin durch lautes Pochen an der Ladentür geweckt. Während er in seine Kleider fuhr und die Sperrkette zu lösen begann, ließ sich eine Stimme vernehmen:
"Öffne die Tür, ein bisschen schnell!"
"Sofort, Herr", antwortete Justin und schloss an der Tür.
"Ich vermute, du bist der neue Lehrling, nicht wahr?" sagte die Stimme durchs Schlüsselloch.
"Jawohl"
"Wie alt?"
"Zehn Jahre."
"Dann setzt es Keile, wenn ich erst drin bin. Pass bloß auf, du Armenhäusler!" Dann hörte man pfeifen. Justin schob zitternd die Riegel zurück und machte die Tür auf. Ein paar Augenblicke sah Justin die Straße rauf und runter, im Glauben, der Unbekannte sei einige Schritte weitergegangen. Er sah aber niemand als einen dicken Bengel, der auf einem Stein vor dem Hause saß und ein Butterbrot verschlang. Da Justin sonst niemand in der Nähe sah, sagte er zu ihm: "Verzeihung, haben Sie geklopft?"
"Jawohl", antwortete der Bengel.
"Wünschen Sie einen Sarg?" fragte Justin harmlos.
Der Bengel schnitt ein grimmiges Gesicht und schrie ihn an, es werde nicht lange dauern, bis er selbst einen brauchte, wenn er sich derartige Witze mit seinem Vorgesetzten erlaube.
"Du weißt wohl nicht, wer ich bin, Armenhäusler?" fuhr der Bengel fort und kam näher.
"Allerdings nicht!".
"Ich bin Herr Maxwell Clayton, und du bist mein Untergebener", sagte der Bengel. "Mach die Fensterladen auf, Faultier!" Mit diesen Worten entgegnete Herr Clayton unserm Justin einen Tritt und ging mit gewichtiger Miene in den Laden.
Bald nachdem Justin die Fensterladen aufgemacht hatte, kamen Herr und Frau Strowbarry herunter. Clayton und Justin gingen nun die steile Treppe zur Küche hinab, um zu frühstücken. Giltine, die Köchin, legte Maxwell die besten Bissen vor, während Justin mit dem Abfall vorliebnehmen musste. Maxwell war zwar der Zögling einer Armenschule, aber keine Waise. Seine Mutter war eine Waschfrau, und sein Vater ein abgedankter, immer betrunkener Soldat. Sie wohnten in der Nachbarschaft. Die Ladenschwengel schimpften Maxwell "Lederhose" , "Armenschüler" und dergleichen, und er steckte es schweigend ein. Nun warf ihm der Zufall eine namenlose Waise in den Weg, und an dieser nahm er nun mit Wucherzinsen Rache. Justin war schon drei Wochen im Hause des Leichenbestatters, als eines Morgens Herr Braun in die Werkstätte trat und aus seiner großen ledernen Brieftasche ein Blatt Papier herausnahm, das er Herrn Strowbarry aushändigte.
"Aha", sagte letzterer, "wohl eine Bestellung auf einen Sarg, nicht wahr?"
"Zuerst auf einen Sarg und dann auf ein Begräbnis", erwiderte Herr Braun, sich verabschiedend.
"Nun", meinte Herr Strowbarry und nahm den Hut, "je eher dieses Geschäft erledigt wird, desto besser ist es. Maxwell, du bleibst in der Werkstatt, und du, Justin, setzt die Mütze auf und kommst mit mir."
Sie zogen los und waren bald vor dem Haus, wo man ihrer Dienste bedurfte. Es stand in einer schmutzigen, armseligen Gasse. Sie stiegen die Treppe hinauf und machten an einer offenen Tür halt, die weder Klingel noch Klopfer hatte. Herr Strowbarry pochte. mit dem Finger an. Ein junges Mädchen von vierzehn Jahren öffnete. Sie waren am richtigen Orte. In einem kleinen, der Tür gegenüberliegenden Alkoven lag unter einer Decke die Leiche. Der Leichenbestatter zog ein Band aus der Tasche, kniete an der Seite der Toten, eines jungen Mädchens, nieder und nahm Maß. Dann eilte er, Justin hinter sich herziehend, rasch hinaus. Am nächsten Tage kehrten Justin und sein Meister wieder nach diesem Ort des Jammers zurück, wo sie bereits Herrn Braun mit vier Männern aus dem Armenhaus trafen, die Trägerdienste leisten sollten. Der rohe Sarg wurde zugeschraubt und auf die Straße gebracht.
"Ihr müsst rasch machen", flüsterte Strowbarry der Mutter der Toten zu.
"Wir haben uns etwas verspätet, und es wäre unschicklich, den Geistlichen warten zu lassen. Los, Leute, - und so schnell wie ihr könnt."
Man hätte übrigens nicht nötig gehabt, sich so zu beeilen, denn als sie den Kirchhof erreichten, war noch kein Geistlicher zu sehen. Der Küster, der in der Sakristei saß, meinte, es könne wohl noch eine Stunde dauern, bis der Prediger käme. Man setzte den Sarg am Rande des Grabes nieder. Zerlumpte Jungen, die dieses Schauspiel nach dem Friedhof gelockt hatte, spielten herum und machten sich das Vergnügen, über den Sarg hin und her zu springen. Strowbarry und Braun saßen in der Sakristei beim Küster und lasen die Zeitung. Endlich, nach einer guten Stunde, sah man Herrn Braun, Strowbarry und den Küster zum Grab eilen, und gleich darauf erschien der Geistliche. Herr Braun prügelte, um den Anstand zu wahren, ein paar Jungen durch. Der Prediger las aus dem Gebetbuch so viel als sich in fünf Minuten zusammenfassen ließ. Drauf gab er dem Küster seinen Talar und eilte fort.
"Nun, Bill", sagte der Leichenbestatter zum Totengräber,
"wirf das Grab zu."
Nachher wurde der Kirchhof geschlossen, und Strowbarry fragte auf dem Heimweg Justin, wie es ihm gefallen hätte. Mit einigem Zögern sagte dieser, nicht sehr gut.
"Ach, mit der Zeit wirst du dich schon dran gewöhnen", meinte der Meister. "Wenn man es gewöhnt ist, macht es
einem gar nichts mehr, Junge."
Justin machte sich so seine Gedanken, ob Herr Strowbarry lange gebraucht habe, sich an etwas der Art zu gewöhnen. Er hielt es aber für besser, seine Frage für sich zu behalten.
Der Probemonat war vorüber und Justin wurde endgültig als Lehrling eingestellt. Die Jahreszeit war damals gerade ungesund und Särge fanden guten Absatz. Im Laufe einiger Wochen hatte Justin ziemlich Erfahrung gesammelt. Da er seinen Meister in den meisten Geschäften begleitete, um sich die Ruhe des Gemütes und jene Herrschaft über seine Nerven anzueignen, die ein so notwendiges Erfordernis für einen Leichenbestatter sind, so hatte er oft Gelegenheit, Zeuge der Ergebung und Seelenstärke zu sein, mit der so viele Menschen ihre Heimsuchungen und Verluste trugen. Wurde ein reicher alter Herr oder eine reiche alte Dame begraben, die von einer ganzen Anzahl Neffen und Nichten zur letzten Ruhe begleitet wurden, so konnte Justin in den meisten Fällen beobachten, dass dieselben Verwandten, die während der Krankheit der Verblichenen sich ganz trostlos gebärdet hatten, recht fröhlich miteinander plauderten, als ob nichts in der Welt imstande wäre, ihre gute Laune zu trüben. Männer ertrugen den Verlust ihrer Frauen mit der Ruhe. Frauen, die um den dahingeschiedenen Gatten Trauerkleider anlegten, schienen nur darauf bedacht zu sein, recht anziehend auszusehen. Das Justin sich durch das Beispiel dieser guten Leute in eine gleiche Gemütsruhe hineingearbeitet hätte, wage ich als sein Beobachter nicht zu behaupten. Ich kann nur sagen, dass er monatelang die schlechte Behandlung Maxwells mit Geduld über sich ergehen ließ. Giltine misshandelte ihn, weil es Maxwell tat, und Frau Strowbarry war seine erklärte Feindin, da Herr Strowbarry ihn gern zu haben schien. Justin fühlte sich daher zwischen diesen drei Gegnern und den vielen Ereignisse nicht ganz so behaglich, wie ein hungriges Ferkel, das aus Versehen in die Kornkammer einer Brauerei eingeschlossen wurde.
Justin und Maxwell befanden sich eines Tages zur Essenszeit allein in der Küche. Giltine war gerade abgerufen worden, und so musste man aufs Essen warten. Die Wartezeit glaubte Maxwell nicht würdiger ausfüllen zu können, als dass er Justin höhnte und neckte. Maxwell legte also seine Beine auf das Tischtuch,
zupfte Justin an den Haaren, kniff ihn in die Ohren, nannte ihn einen Kriecher und versprach ihm, dabei zu sein, wann und wo immer man ihn hängen würde. Da diese Neckereien ihren Zweck verfehlten, Justin zum Weinen zu bringen, wurde Maxwell noch ausfallender. Er fragte: "Armenhäusler!Wie geht es deiner Mutter?"
"Sie ist tot", entgegnete Justin, "wage es aber nicht, über sie zu reden." Dabei wurde er feuerrot im Gesicht und um seinen Mund zuckte es verräterisch, als ob er im nächsten Augenblick losweinen müsste.
Maxwell sah dies mit Befriedigung und fuhr fort:
"Woran starb sie denn?"
"An gebrochenem Herzen, wie mir eine alte Wärterin gesagt hat",murmelte Justin vor sich hin. "Ich kann mir denken, was das heißt."
Als Maxwell eine Träne über Justins Backen rinnen sah, pfiff er ein lustiges Lied und sagte dann:
"Was bringt dich denn so zum Heulen?"
"Du nicht" entgegnete Justin, indem er rasch die Träne wegwischte. "Glaub das nur nicht."
"Was, ich nicht?" höhnte Maxwell.
"Nein, du nicht", entgegnete Justin scharf. "Nun ist es aber genug. Wenn du noch ein Wort über sie sagst, dann sollst du mal sehen."
"Na, was denn? Was soll ich sehen. Armenhäusler, du wirst frech! Und deine Mutter! Wird auch eine feine Nummer gewesen sein. Du lieber Himmel!" Maxwell rümpfte die Nase. Justin fraß seinen Ärger in sich und schwieg. Dadurch ermuntert, fuhr Maxwell im Ton spöttischen Mitleides fort:
"Du weißt, da ist nichts mehr zu ändern, auch tust du uns allen leid, aber du musst doch wissen, dass deine
Mutter eine ganz schlimme Person war, vollkommen herunter gekommen."
"Was sagst du da", fragte Justin schnell aufblickend.
"Ein ganz heruntergekommenes Frauenzimmer, Armenhäusler", entgegnete Maxwell kühl, "und es ist nur gut, dass sie auf diese Weise starb, sonst hätte sie sicher im Gefängnis oder am Galgen geendet."
Glutrot im Gesicht, sprang Justin auf und Maxwell an die Kehle, nahm dann seine ganze Kraft zusammen und schmetterte ihn mit einem Schlag zu Boden.
"Er bringt mich um!" schrie Maxwell. "Giltine! Frau Strowbarry! Hilfe, Hilfe! Justin mordet mich! Er ist verrückt geworden! Gilt...tine!"
Maxwells Hilfegeschrei wurde durch ein lautes Kreischen Giltinens,und ein noch lauteres der Meisterin erwidert. Erstere eilte durch eine Seitentür in die Küche, während Frau Strowbarry so lange auf der Treppe stehen blieb, bis sie sich überzeugt hatte, dass keine Gefahr für ihr Leben zu fürchten sei.
"Du verfluchter Lump", schrie Giltine, indem sie Justin mit kräftiger Faust packte, "du undankbarer, mörderischer, nichtswürdiger Schurke", dabei schlug sie unbarmherzig auf ihn ein. Nun stürzte auch noch Frau Strowbarry in die Küche und zerkratzte Justin das Gesicht. Diesen günstigen Stand der Angelegenheit machte sich Maxwell zunutze, er sprang auf und knuffte Justin von hinten. Als alle drei müde waren und nicht mehr weiter prügeln konnten, schleppten sie den sich wehrenden, aber keineswegs entmutigten Justin in den Keller und schlossen ihn da ein. Frau Strowbarry sank in einen Stuhl und brach in Tränen aus.
"Himmel, sie stirbt", rief Giltine. "Schnell, liebster Maxwell, ein Glas Wasser."
"Ach, Giltine", stöhnte die Meisterin, "wir müssen Gott danken, dass wir nicht alle in unseren Betten ermordet wurden."
"Ja, der arme Maxwell war schon halbtot, als ich hinzukam."
"Armer Junge!" sagte Frau Strowbarry mitleidig. "Doch was machen wir nun? Der Meister ist nicht zu Hause, und in zehn Minuten wird Justin die Tür eingestoßen haben!"
Seine Fußtritte hörte man auch schon gegen diese donnern.
"Ich glaube, das beste wäre, man holte die Polizei" , meinte Giltine.
"Oder das Militär", fügte Herr Maxwell Clayton hinzu.
"Nein", rief Frau Strowbarry, die sich plötzlich an Justins alten Freund erinnerte, lauf zu Herrn Braun, Maxwell, und bitte ihn, er möge unverzüglich hierherkommen. Renne, eine Mütze brauchst du nicht."
Ohne Zeit zu verlieren, stürzte Maxwell fort.
Maxwell Clayton rannte ohne Aufenthalt zum Armenhaus, wo er atemlos ankam. Nachdem er sich einige Minuten an der Tür ausgeruht hatte, setzte er eine klägliche Miene auf und klopfte dann laut an das Pförtchen. Nachdem man ihm geöffnet hatte, schrie Maxwell in ängstlichem Tone:
"Herr Braun, Herr Braun!" Dieser eilte herbei.
"Ach, Herr Braun!" rief Maxwell, "Justin hat - - "
"Was, - doch nicht etwa weggelaufen?"
"Nein, Herr, weggelaufen ist er nicht, aber ganz bösartig ist er geworden. Er hat mich umbringen wollen, und dann wollte er auch Giltine und die Meisterin ermorden. Es war ganz schrecklich."
Maxwell fing laut zu heulen an. Der Herr mit der grünen Weste ging gerade über den Hof; er trat auf Braun zu und fragte, was mit dem Jungen los sei.
"Es ist ein Junge aus der Armenschule", entgegnete Herr Braun, "der von dem jungen Hoppa beinahe ermordet worden wäre, jawohl, Herr."
"Donnerwetter", rief der Herr, "habe ich es nicht gesagt? Ich hatte immer das Gefühl, dass Justin Hoppa mal gehängt werden würde."
"Er wollte auch die Köchin umbringen", fuhr Herr Braun bleichen Gesichts fort.
"Und die Meisterin auch", fügte Maxwell hinzu.
"Und den Meister ebenfalls -, so, sagtest du doch, Maxwell?" ergänzte Herr Braun.
"Nein, der war ausgegangen, sonst würde er ihn auch ermordet haben. Er sagte aber, er wolle -"
"So, sagte er das wirklich, er wolle", fragte der Herr mit der grünen Weste.
"Ja, Herr!" erwiderte Maxwell, "und die Meisterin wünscht zu wissen, ob Herr Braun Zeit hat, hinüberzukommen und Justin durchzuprügeln. Der Meister ist nämlich nicht zu Hause."
"Gewiss, mein Junge, gewiss!" sagte der Herr und streichelte Maxwells Kopf. "Du bist ein guter Junge. Hier hast du einen Schilling. Gehen Sie schnell mit Ihrem Stock zu Strowbarrys und schonen Sie Justin Hoppa nicht."
"Gewiss nicht, Herr", sagte Braun und holte dann seinen Hut. Er begab sich in aller Eile, soweit es sich mit seiner Würde vertrug, zur Werkstatt des Leichenbestatters. Hier hatte sich der Stand der Dinge nicht geändert. Da Justin fortfuhr, mit unverminderter Kraft gegen die Kellertür zu stoßen, daher hielt es Herr Braun für klug, erst zu verhandeln, bevor er die Tür öffnete. Er rief deshalb durchs Schlüsselloch:
"Justin!"
"lassen Sie mich raus", erwiderte dieser von innen.
"Kennst du meine Stimme?" fragte Herr Braun.
"Und du fürchtest dich nicht, Junge? Zitterst nicht?"
"Nein!"
Eine solche Antwort hatte Herr Braun nicht erwartet. Er war baff.
"Wissen Sie, Herr Braun sagte Frau Strowbarry, der Junge muss verrückt sein, sonst würde er es nicht wagen, so mit Ihnen zu sprechen."
"Das ist nicht Verrücktheit", entgegnete Herr Braun nach einigen Augenblicken tiefen Nachdenkens, "das ist das Fleisch."
"Was für Fleisch?" fragte die Meisterin.
"Jawohl, das Fleisch. Sie haben ihn überfüttert. Daher kommt diese störrische Seele und der Geist des Widerspruchs, die für einen Menschen in seiner Lage nicht passen. Was haben überhaupt Arme mit Seele und Geist zu schaffen. Es ist genug, dass wir ihren Körper leben lassen. Hätten Sie dem Bengel nichts als Haferschleim gegeben, so wäre so etwas nie vorgefallen." In diesem Augenblick kam Herr Strowbarry nach Hause, und man erzählte ihm Justins Verbrechen mit so viel Übertreibungen, dass er in einen mächtigen Zorn geriet. Er schloss die Kellertür im Nu auf und packte Justin beim Kragen.
"Du bist mir ja ein nettes Bürschchen", brüllte der Meister und gab ihm ein paar Ohrfeigen.
"Maxwell beleidigte meine Mutter", erwiderte Justin trotzig.
"Wenn schon, du Strolch", schrie die Meisterin. "Sie. Hat es verdient und noch viel mehr."
"Sie hat es nicht verdient", entgegnete Justin.
"Doch", geiferte Frau Strowbarry.
"Das ist eine Lüge", schrie der Junge.
Frau Strowbarry brach in einen Strom von Tränen aus, und dies ließ dem Meister keine Wahl. Er musste seine teure Gattin zufriedenstellen, und so prügelte er denn, wenn auch ungern, den armen Jungen in einer Weise durch, die Herrn Brauns nachträgliche Anwendung des Amtsstockes eigentlich unnötig machte. Dann wurde Justin bei Wasser und Brot wieder eingeschlossen und durfte spät am Abend unter den Sticheleien Maxwells und Giltines sein trauriges Bett bei den Särgen aufsuchen.Als Justin in der düsteren Werkstätte allein war, ließ er seinen Gefühlen freien Lauf. Er hatte die Schmähungen mit Verachtung angehört und jede Misshandlung ohne einen Schmerzenslaut hingenommen. Hier aber, wo ihn niemand sehen konnte, fiel er auf die Knie, verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte heiße Tränen. Lange blieb Justin in dieser Stellung. Als er wieder aufstand, war das Licht fast heruntergebrannt. Er horchte und entfernte dann leise die Riegel von der Tür. Er sah hinaus. Es war eine kalte, finstere Nacht. Kein Lüftchen wehte. Er schloss leise wieder die Tür, dann band er seine wenigen Kleidungsstücke mit einem Taschentuch zusammen und erwartete den Morgen auf einer Bank. Als die Sonne aufging, öffnete er aufs neue die Tür, sah sich scheu um und drückte sie dann hinter sich ins schloss. Auf der Straße sah er sich nach rechts und links um, unschlüssig, wohin er fliehen sollte. Schließlich nahm er den Weg, der bergan führte, und bemerkte nach kurzer Zeit, dass er ganz nahe der Anstalt war, wo er seine ersten Kinderjahre zugebracht hatte. Er langte bei dem Hause an. Niemand schien zu dieser frühen Stunde in demselben wach zu sein. Justin blieb stehen und guckte durch das Gartengitter. Ein Kind jätete eben auf einem Beete Unkraut aus. Als es sein blasses Gesicht erhob, erkannte Justin die Züge eines seiner früheren Kameraden.
"Pst, Joe!" rief Justin, und der Junge lief ans Tor und streckte seine dünnen Ärmchen zum Gruß durch das
Gitter. "Ist niemand auf, Joe?"
"Außer mir, keiner", entgegnete der Junge.
"Hör mal, du darfst nicht sagen, dass du mich gesehen hast, Joe", sprach Justin. "Ich bin weggelaufen. Man hat mich geschlagen und schrecklich misshandelt. Ich will jetzt mein Glück in der Fremde versuchen. - Du siehst aber blass aus, Joe."
"Ich hörte, wie der Doktor sagte, ich müsste sterben", sagte Joe mit einem schwachen Lächeln. "Ach, wie ich mich freue, dich wiedergesehen zu haben, Justin, aber halt dich nicht auf. Eile."
"Erst sage ich dir jedoch Lebewohl", entgegnete Justin. Ich werde dich wiedersehen, Joe; ganz gewiss. Du wirst noch gesund und glücklich werden."
"Das hoffe ich auch, wenn ich einmal tot bin, früher nicht. Ich fühle, dass der Doktor recht hat, denn ich träume soviel vom Himmel und von Engeln und freundlichen Gesichtern, die ich nie sehe, wenn ich wach bin. Küsse mich", sagte. der Kleine, indem er an dem niedrigen Tore emporkletterte und seine Ärmchen um Justins Nacken schlang. "Lebewohl, lieber Justin! Gott segne dich!"
Es war der Segenswunsch eines kleinen Kindes, aber es war der erste, den Justin je über sein Haupt herabrufen hörte. Er vergaß ihn nie in allen Kämpfen, Mühen und Leiden seines späteren Lebens.
Bis Mittag wanderte Justin, ohne zu rasten, die Landstraße entlang. Der Meilenstein, an dem er jetzt wagte auszuruhen, sagte ihm, - dass er noch hundert Kilometer von London entfernt sei. Dieser Name erweckte in der Seele des Knaben eine Flut von Gedanken. - London! - Diese große Stadt! - Niemand - nicht einmal Herr Braun - konnte ihn dort auffinden. Er hatte im Armenhaus oft alte Leute sagen hören, dass ein pfiffiger Junge in London nicht Hungers sterben würde. Nachdem er weiter sechs Kilometer zurückgelegt hatte, überlegte er, wie er wohl am besten hinkommen könne. Er hatte eine Brotrinde, ein Hemd, zwei Paar Strümpfe in seinem Bündel und einen Schilling - ein Geschenk des alten Strowbarry - in der Tasche. Ein reines Hemd, dachte Justin, ist etwas sehr Angenehmes - wie auch das Paar gestopfter Strümpfe und der Schilling. Aber für einen Marsch von vierundneunzig Kilometern war das nur geringe Hilfe. Justin legte an diesem Tage dreißig Kilometer zurück und genoss die ganze Zeit über nichts als seine trockene Brotrinde und einige Glas Wasser. Mit Einbruch der Nacht kroch er in einen Heuhaufen und schlief bald fest ein. Er erwachte am nächsten Morgen durchgefroren und hungrig. Sein Schilling ging für ein kleines Laib Brot drauf. An diesem Tage konnte er nicht mehr als achtzehn Kilometer schaffen. Nach einer weiteren im Freien zugebrachten Nacht fühlte er sich noch elender und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Er wartete am Fuße eines steilen Berges, bis eine Postkutsche kam, deren außen sitzende Passagiere er anbettelte. Diese wollten sehen, wie weit er für einen halben Schilling laufen könnte. Eine Weile versuchte Justin mit der Kutsche Schritt zu halten, aber die wunden Füße und seine Müdigkeit ließen es nicht lange zu. Als die Reisenden dies sahen, steckten sie ihren halben Schilling wieder in die Tasche und nannten ihn einen faulen Hund. In einigen Ortschaften waren große Warntafeln aufgestellt, die jeden Bettler mit Gefängnis bedrohten. Wenn sich nicht ein gutherziger Schrankenwärter und eine gutmütige alte Frau seiner erbarmt und ihm zu essen gegeben hätten, wäre es Justin wahrscheinlich wie seiner Mutter ergangen; er wäre vor Hunger auf der Landstraße umgefallen. Am siebenten Tage nach seiner Flucht hinkte Justin morgens früh langsam in die kleine Ortschaft Barneby hinein. Die Fensterläden waren geschlossen, die Straßen leer. Die Sonne erhob sich soeben in all ihrer Herrlichkeit, aber, ihre Strahlen dienten nur dazu, dem Jungen, der mit blutenden Füßen auf einer Türschwelle saß, seine ganze trostlose Lage und Verlassenheit zu zeigen. Allmählich öffneten sich die Fensterläden, und auf den Straßen zeigten sich Menschen. Einige blieben stehen, um Justin anzustarren, aber niemand half ihm, ja, man nahm sich nicht einmal die Mühe, ihn zu fragen, woher er käme. Da trat plötzlich ein Junge auf ihn zu, der ihn schon lange heimlich beobachtet hatte. Er sagte:
"Hallo, Dicker, was ist los mit dir?"
Der Junge mochte ungefähr von Justins Alter sein und hatte ein ziemlich gemeines Gesicht, Stummelnase, niedrige Stirn, kleine, stechende Augen, krumme Beine und war für sein Alter klein, und zudem furchtbar schmutzig. Er benahm sich jedoch ganz wie ein Erwachsener. Sein Rock war zu weit und reichte ihm bis zu den Hacken. Der Hut saß so leicht auf seinem Kopfe, dass er jeden Augenblick herunterzufallen drohte, doch gab ihm der Junge dann mit einem Ruck einen Schwung, wodurch er wieder in die richtige Lage kam.
"Ich bin hungrig und müde", antwortete Justin mit Tränen in den Augen, "sieben Tage bin ich in einem fort gewandert."
"In einem fort? Sieben Tage? Ich verstehe, wohl auf Muftis Befehl? - Ich glaube, du weißt nicht mal, was ein Mufti ist?"
"Doch", erwiderte Justin sanft, "das ist der obere Teil des Beins."
"Mensch, du bist naiv!" rief der junge Herr aus. "Ein Mufti ist ein Friedensrichter, und wer auf Muftis Befehl geht, kommt nicht vorwärts. Er muss immer aufwärts, ohne dass es je bergab ginge. Noch nie in der Mühle gewesen?"
"In was für einer Mühle?" fragte Justin.
"Na in der Tretmühle. - Doch du schiebst Kohldampf und musst was zwischen die Zähne kriegen. Viel Moos habe ich ja auch nicht, aber es wird für dich schon reichen. Stell dich auf deine Hammelbeine und komm."
Der junge Herr half Justin aufstehen und nahm ihn mit in eine Schenke. Dort ließ er Bier, Brot und Schinken bringen. Justin machte sich tüchtig über die Mahlzeit her, wobei ihn sein neuer Freund aufmerksam beobachtete. Als er mit dem Essen fertig war, fragte ihn der fremde Junge:
"Du willst nach London?"
"Ja."
"Hast du schon 'eine Wohnung?"
"Nein."
"Geld?"
"Nein."
Der junge Herr pfiff durch die Zähne.
"Wohnst du in London?" fragte jetzt Justin.
"Ja, wenn ich zu Hause bin. - Aber du brauchst 'eine Schlafstelle, nicht wahr?"
"Freilich, ich habe seit einer Woche unter keinem Dach mehr geschlafen."
