David Copperfield: Gekürzte Ausgabe - Charles Dickens - E-Book

David Copperfield: Gekürzte Ausgabe E-Book

Charles Dickens.

0,0
9,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Dieses Buch präsentiert den Klassiker der Weltliteratur in sorgfältig gekürzter Form. Der Text wurde in modernes Deutsch übertragen, wobei Stil, Ton und Ausdruck des Originals weitgehend beibehalten wurden. Für alle, die einen raschen Zugang zu diesem umfangreichen Klassiker erhalten möchten. „David Copperfield“ von Charles Dickens ist ein autobiografisch geprägter Roman über das Leben eines Jungen, der viele Hürden überwinden muss, um seinen Platz in der Welt zu finden. David wächst glücklich mit seiner Mutter und dem Hausmädchen Peggotty auf. Doch nach der Heirat seiner Mutter mit dem strengen Mr. Murdstone ändert sich alles: David wird schlecht behandelt und schließlich auf ein Internat geschickt. Nach dem Tod seiner Mutter kommt David zu den Peggottys nach Yarmouth und später zur Arbeit in eine Londoner Flaschenfabrik – eine schwere Zeit voller Armut und Einsamkeit. Als Jugendlicher flieht er zu seiner exzentrischen Tante Betsey Trotwood, die ihn liebevoll aufnimmt und für seine Bildung sorgt. David kann nun die Schule besuchen und wird später Schriftsteller. Auf seinem Lebensweg trifft er viele bunte und erinnerungswürdige Figuren. Der Roman zeigt Davids Entwicklung vom unsicheren Jungen zum reifen, selbstbestimmten Mann. Themen wie Armut, Ausbeutung, Freundschaft und der Wert von Bildung ziehen sich durch die Geschichte. „David Copperfield“ ist ein bewegendes Porträt eines Lebensweges – und zugleich ein Abbild der sozialen Verhältnisse im viktorianischen England.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Charles Dickens

David Copperfield: Gekürzte Ausgabe

Dieses Buch präsentiert den Klassiker der Weltliteratur in sorgfältig gekürzter Form. Der Text wurde in modernes Deutsch übertragen, wobei Stil, Ton und Ausdruck des Originals weitgehend beibehalten wurden. Für alle, die einen raschen Zugang zu diesem umfangreichen Klassiker erhalten möchten.

1. Kapitel

Ich komme zur Welt

Ob ich selbst der Held meiner Lebensgeschichte werde oder ob jemand anders diese Rolle übernehmen wird, wird sich zeigen.

Ich bin an einem Freitag um Mitternacht geboren worden. Man hat mir erzählt, dass die Uhr gerade schlug, als ich zu schreien begann. Die Hebamme und mehrere Nachbarinnen haben vorhergesagt, ich werde nie Glück im Leben haben und ich werde Geister sehen können. Das solle allen Kindern passieren, die zu dieser Stunde geboren werden. Über das erste Urteil will ich nichts sagen, denn meine Geschichte wird es selbst zeigen. Vom zweiten habe ich bis heute nichts bemerkt. Vielleicht habe ich diese Gabe früh verbraucht oder nie besessen und ich bedaure es keineswegs, falls sie mir fehlt.

Ich kam in Blunderstone in Suffolk zur Welt. Mein Vater war gestorben, ohne mich je gesehen zu haben. Als Kind bedrückte mich der Gedanke an sein Grab, draußen in der Nacht, während unser Haus warm und hell war und die Tür für ihn verschlossen blieb.

Meine Großtante Miss Betsey Trotwood war die vornehmste Person der Familie. Sie war mit einem jüngeren Mann verheiratet gewesen, der sie schlecht behandelte. Schließlich zahlte sie ihn aus und ließ sich scheiden. Er ging nach Indien und starb dort einige Jahre später. Miss Betsey zog sich in ein Haus an der Küste zurück und lebte dort abgeschieden mit nur einer Dienerin.

Mein Vater war einst ihr Liebling gewesen, doch seine Heirat hatte sie tief gekränkt, weil sie meine junge Mutter verachtete. Er war doppelt so alt wie sie und von schwacher Gesundheit. Ein Jahr nach der Hochzeit starb er, lange bevor ich geboren wurde.

So waren die Umstände an jenem bedeutenden Freitag. Meine Mutter saß traurig am Fenster und dachte ängstlich an die bevorstehende Geburt. Als sie aufblickte, sah sie eine fremde Dame in den Garten kommen. Schon beim zweiten Blick ahnte sie, es sei Miss Betsey. Die strenge Haltung der Frau ließ keinen Zweifel.

Statt zu klingeln, drückte die Dame ihre Nase heftig gegen eine Fensterscheibe, bis sie ganz platt wurde. Meine Mutter erschrak so sehr, dass man später sagte, nur Miss Betsey habe es zu verantworten, dass ich gerade an einem Freitag geboren wurde.

Miss Betsey musterte den Raum durch die Scheiben und winkte dann energisch zur Tür. Meine Mutter öffnete.

„Mrs. David Copperfield vermutlich“, sagte die Dame streng.

„Ja“, antwortete meine Mutter schüchtern.

„Haben Sie schon von Miss Trotwood gehört?“

Meine Mutter bejahte zaghaft.

„Jetzt steht sie vor Ihnen“, erklärte Miss Betsey.

Sie gingen ins Wohnzimmer. Als Miss Betsey schwieg, begann meine Mutter zu weinen.

„O still, still, still! Lasse das!“ befahl sie hastig. Dann sagte sie: „Nimm deine Haube ab, Kind, damit ich dich sehen kann.“

Meine Mutter gehorchte. Ihr Haar fiel auf die Schultern.

„Gott bewahre! Du bist ja noch ein wahres Wickelkind“, rief Miss Betsey.

Meine Mutter schluchzte und nannte sich selbst ein Kind, das bald Mutter sein müsse. Für einen kurzen Moment meinte sie, eine sanfte Berührung zu spüren. Doch Miss Betsey saß schon wieder am Kamin und starrte ins Feuer. Plötzlich fragte sie: „Um Gotteswillen, warum eigentlich Krähenhorst?“

„Sie meinen das Haus, Madame?“

„Warum Krähenhorst? Hühnerhof wäre passender gewesen.“

„Mr. Copperfield hat den Namen gewählt“, erklärte meine Mutter. „Er hoffte, es würden hier Krähen nisten.“

„Wo sind die Vögel?“ fragte Miss Betsey.

„Es waren nie welche da“, antwortete meine Mutter. „Die Nester waren alt und verlassen.“

„Echt David Copperfield“, rief Miss Betsey. „Nennt das Haus Krähenhorst ohne Krähen.“

Meine Mutter entgegnete aufgebracht: „Mr. Copperfield ist tot und wenn Sie unfreundlich über ihn sprechen …“ Sie stand kurz auf, setzte sich dann kraftlos wieder und wurde ohnmächtig.

Als sie erwachte, stand Miss Betsey am Fenster. Es war dunkel geworden. Die Tante kam zurück und fragte nur ruhig: „Nun? Und wann erwartest du …?“

„Ich zittere am ganzen Leibe“, stammelte meine Mutter. „Ich weiß nicht, was es ist. Ich sterbe sicherlich.“

„Nein, nein“, sagte Miss Betsey. „Trink eine Tasse Tee!“

„Ach Gott, meinen Sie, dass mir das guttun wird?“

„Selbstverständlich. Es ist bloß Einbildung. Wie heißt denn das Mädchen?“

„Ich weiß nicht, ob es ein Mädchen sein wird, Madame.“

„Gott segne dieses Kind! Ich meine das Dienstmädchen.“

„Peggotty.“

„Peggotty! Willst du sagen, ein Mensch ist in einer Kirche auf den Namen Peggotty getauft worden?“

„Es ist ihr Familienname“, erklärte meine Mutter. „Mr. Copperfield nannte sie so, weil ihr Taufname derselbe ist wie meiner.“

Miss Betsey öffnete die Tür und rief: „Heda, Peggotty! Tee! Deine Herrschaft ist unwohl, aber rasch!“ Dann setzte sie sich wieder an den Kamin.

„Du meintest, es wird ein Mädchen“, sagte sie.

„Ich habe ein Vorgefühl. Von der Geburt dieses Mädchens an werde ich seine Freundin sein. Ich werde seine Patin sein. Es soll Betsey Trotwood-Copperfield heißen. Mit diesem Kind muss es im Leben gutgehen. Es muss gut erzogen werden. Ich werde darauf achten.“

Sie schwieg einen Moment, dann fragte sie: „War David gut zu dir?“

„Wir waren sehr glücklich“, antwortete meine Mutter. „Er war viel zu gut zu mir.“

„Er hat dich also verzogen?“

„Er hat mich nicht gelehrt, allein und hilflos in der Welt zu stehen“, schluchzte sie.

„Weine nicht. Ihr habt einfach nicht zusammengepasst. Du warst eine Waise, nicht wahr?“

„Ja.“

„Und Gouvernante?“

„Ich war Bonne. Mr. Copperfield besuchte die Familie oft. Er war freundlich, machte mir einen Antrag und ich sagte ja.“

„Armes Kind“, murmelte Miss Betsey. „Verstehst du etwas von der Wirtschaft?“

„Nicht viel. Mr. Copperfield unterrichtete mich.“

„Weil er selber so viel davon verstand.“

„Ich lernte eifrig und er war sehr geduldig“, begann meine Mutter, brach aber wieder ab.

„Schon gut“, sagte Miss Betsey.

„Ich führte mein Wirtschaftsbuch regelmäßig“, rief meine Mutter unter Tränen.

„Schon gut. Hör auf zu weinen“, befahl Miss Betsey.

„Wir haben nie gestritten, nur wenn er sagte, meine Zahlen sähen einander zu ähnlich.“

„Du wirst noch krank“, sagte Miss Betsey. „Das ist nicht gut für dich und nicht für mein Patenkind.“

Meine Mutter wurde still. Das Unwohlsein nahm zu. Im Zimmer herrschte Schweigen, nur ab und zu durchbrochen von einem knurrenden „Ha!“ der Tante, die weiterhin am Kamin saß.

„David hat sich eine Leibrente gekauft“, sagte Miss Betsey, „und wie hat er für dich gesorgt?“

„Mr. Copperfield hat mir die Anwartschaft auf einen Teil gesichert“, antwortete meine Mutter mühsam.

„Wieviel?“

„Hundertfünf Pfund im Jahr.“

„Es hätte schlimmer kommen können“, meinte die Tante.

In diesem Augenblick wurde es für meine Mutter wirklich schlimmer. Peggotty kam mit Tee und Lichtern herein, erkannte sofort den Ernst der Lage und brachte sie eilig nach oben. Dann schickte sie ihren Neffen Ham nach der Hebamme und dem Arzt.

Wenig später erschienen beide. Sie staunten nicht schlecht, im Wohnzimmer eine fremde, strenge Dame zu sehen, die am Kamin saß, den Hut am Arm trug und sich die Ohren mit Watte verstopfte. Niemand wusste, wer sie war, doch ihr würdevoller Auftritt ließ keinen Zweifel an ihrer Bedeutung.

Der Arzt, Mr. Chillip, ein äußerst sanfter, leiser Mann, verbeugte sich höflich und fragte vorsichtig: „Lokale Reizung, Madame?“

„Was?“ rief Miss Betsey und zog einen Wattepfropf aus dem Ohr.

Erschrocken wiederholte der Arzt: „Lokale Reizung, Madame?“

„Unsinn!“ entgegnete sie und stopfte sich das Ohr wieder zu.

Mr. Chillip setzte sich still hin und starrte sie an, bis man ihn nach oben rief. Nach einer Viertelstunde kam er zurück.

„Nun?“ fragte Miss Betsey und zog erneut die Watte aus dem Ohr.

„Wir machen langsam Fortschritte“, sagte der Arzt leise.

„Ba-a-ah“, knurrte sie verächtlich und verstopfte ihr Ohr wieder.

Fast zwei Stunden wartete er, wurde erneut gerufen und kam später nochmals zurück.

„Nun?“ fragte sie abermals.

„Wir machen langsam Fortschritte, Madame.“

„Ja-a-a“, knurrte Miss Betsey so heftig, dass der Arzt völlig den Mut verlor. Er ging hinaus und setzte sich auf die kalte Treppe vor dem Haus.

Ham Peggotty erzählte später, er habe in die Stube sehen wollen. Miss Betsey habe ihn sofort entdeckt, am Kragen gepackt und festgehalten, während oben Stimmen und Schritte zu hören gewesen seien. Sie habe ihn aufgeregt hin und her geführt, geschüttelt, ihm die Haare zerzaust und ihm sogar die Ohren zugestopft. Peggotty bestätigte, dass Ham noch gegen halb eins ganz verstört und hochrot ausgesehen habe.

Der sanfte Mr. Chillip ging ins Wohnzimmer und sagte leise: „Madame, ich darf Ihnen gratulieren.“

„Wozu?“ fragte Miss Betsey scharf.

„Nun, Madame“, fuhr er fort, „alles ist glücklich vorüber.“

Miss Betsey musterte ihn streng. „Wie geht es ihr?“

„Sie wird bald wieder wohl sein“, antwortete Mr. Chillip. „Sie können sie besuchen, wenn Sie wollen.“

„Und sie? Wie geht es ihr?“

Mr. Chillip sah sie sanft an. „Das Baby?“

„Wie geht es ihr?“ fragte Miss Betsey erneut.

„Madame“, sagte er vorsichtig, „es ist ein Knabe.“

Miss Betsey schwieg. Wortlos griff sie nach ihrem Hut und ging hinaus. Sie kam niemals wieder.

So verschwand sie, wie eine enttäuschte Gestalt aus einem Märchen.

Ich lag in meiner Wiege, meine Mutter im Bett. Der Name Betsey Trotwood-Copperfield blieb ein unerfüllter Traum. Das Licht im Zimmer schien hinaus auf den Hügel, auf dem mein Vater ruhte, ohne den ich nie geboren worden wäre.

2. Kapitel

Ich beobachte

Wenn ich in meine früheste Kindheit zurückblicke, erkenne ich zuerst meine Mutter mit ihrem schönen Haar und ihrer jugendlichen Gestalt und daneben Peggotty mit dunklen Augen, roten Backen und kräftigen Armen. Ich sehe uns auf dem Boden knien und erinnere mich an ihren rauen Zeigefinger.

Aus dem Nebel taucht unser Haus auf. Hinten liegt Peggottys Küche mit Blick in den Hof: Ein Taubenschlag ohne Tauben, eine leere Hundehütte und große Hühner, die mir furchteinflößend vorkommen. Ein Hahn fixiert mich drohend durchs Fenster. Vor den Gänsen an der Seitentür fürchte ich mich so sehr, dass ich nachts von ihnen träume.

Ein langer Gang führt durch das Haus, daran eine dunkle Vorratskammer mit schweren Gerüchen nach Seife, Pickles, Pfeffer, Kerzen und Kaffee. Dann die beiden Wohnzimmer: Das kleine, in dem wir abends zusammensitzen und das Sonntagszimmer, still und feierlich, wo einmal die Trauergäste meines Vaters waren.

Ich erinnere mich an unseren Platz in der Kirche. Peggotty späht oft hinaus zum Haus, während sie mir bedeutet still zu sein. Ich langweile mich, schaue herum, sehe einen Jungen Grimassen schneiden, Sonnenstrahlen durch die Tür fallen und sogar ein Schaf, das fast die Kirche betreten will. Schließlich werde ich müde, falle vom Sitz und werde hinausgetragen.

Dann sehe ich wieder den Garten mit Obstbäumen und Krähennestern. Meine Mutter sammelt Früchte, ich stibitze heimlich Stachelbeeren. Plötzlich kommt der Herbst, dann der Winter und wir tanzen im Zimmer, bis meine Mutter erschöpft im Sessel sitzt und ihre Locken dreht.

Diese Bilder und das Gefühl, Peggotty ein wenig zu fürchten und doch ihren Anordnungen zu folgen, gehören zu meinen ersten Erinnerungen.

Peggotty und ich saßen abends allein vor dem Kamin. Ich hatte ihr über Krokodile vorgelesen und war sehr müde. Trotzdem blieb ich wach, weil ich auf meine Mutter warten durfte. Ich starrte Peggotty an, bis mir fast die Augen zufielen. Plötzlich fragte ich: „Peggotty, bist du einmal verheiratet gewesen?“

„Herr Gott, Master Davy“, rief sie, „wie kommst du nur aufs Heiraten?“ Sie sah mich verblüfft an.

„Aber du warst doch verheiratet, Peggotty? Du bist doch wunderschön.“

„Ich, schön, Davy? O nein. Aber warum fragst du vom Heiraten?“

„Man darf doch nur einen auf einmal heiraten, nicht wahr?“

„Gewiss“, sagte sie ernst.

„Und wenn der Mann stirbt, dann geht es wieder?“

„Es geht schon, wenn man will.“ Sie zögerte kurz und sagte dann: „Ich bin nie verheiratet gewesen, Master Davy und ich denke auch nicht daran.“

Ich fragte vorsichtig: „Du bist mir doch nicht böse, Peggotty?“

Statt zu antworten, legte sie ihre Arbeit weg, nahm meinen Kopf und drückte mich fest an sich, so kräftig, dass zwei Knöpfe von ihrem Kleid absprangen und davonsprangen.

Dann lachte sie und meinte: „Lies mir noch etwas von den Krokodilen vor. Ich habe noch nicht genug von ihnen gehört.“

Also las ich weiter von Krokodilen, von Verfolgungen und Abenteuern. Peggotty hörte zu, stach sich dabei aber gedankenverloren mit der Nadel in Arm und Wange. Schließlich wechselten wir zu den Alligatoren, als plötzlich die Gartenglocke läutete.

Wir gingen hinaus und sahen meine Mutter. Sie erschien mir ungewöhnlich schön. Neben ihr stand ein Herr mit schwarzem Haar und Backenbart.

Als meine Mutter mich an der Tür aufhob und küsste, sagte der fremde Herr, ich sei glücklicher als ein König.

„Was heißt das?“ fragte ich über ihre Schulter.

Er klopfte mir auf den Kopf, doch ich mochte ihn nicht. Es machte mich eifersüchtig, dass seine Hand die meiner Mutter berührte und ich stieß sie weg.

„Aber Davy“, mahnte meine Mutter.

„Der liebe Junge“, sagte der Herr. „Ich kann ihn gut verstehen.“

Meine Mutter errötete und dankte ihm dafür, dass er sie begleitet hatte. Als er ihre Hand nahm, meinte ich, sie schaue mich dabei an.

„Jetzt wünschen wir uns gute Nacht“, sagte er zu mir.

„Gute Nacht“, murmelte ich.

„Wir werden noch die besten Freunde“, lachte er. „Gib mir die Hand.“

Ich reichte ihm die falsche.

„Das ist die andere, Davy“, lachte er wieder.

Meine Mutter wollte meine rechte Hand hervorziehen, aber ich verweigerte sie. Also schüttelte er die linke, nannte mich einen braven Jungen und ging. Ich sah noch, wie er sich am Gartentor umdrehte und uns anblickte.

Peggotty schob sofort den Riegel vor und wir gingen ins Wohnzimmer. Meine Mutter setzte sich nicht wie sonst an den Kamin, sondern blieb am anderen Ende stehen und sang leise vor sich hin.

„Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Abend, Ma’am“, sagte Peggotty steif.

„Danke, Peggotty. Sehr angenehm.“

„Neue Bekanntschaften bringen Abwechslung.“

„Sehr angenehme Abwechslung“, bestätigte meine Mutter.

Ich döste ein. Als ich wieder halb erwachte, weinten beide und sprachen erregt.

„So einer hätte Mr. Copperfield nicht gefallen“, sagte Peggotty.

„Du machst mich noch wahnsinnig“, rief meine Mutter. „War ich etwa nie verheiratet?“

„Gott weiß, dass Sie es waren.“

„Wie kannst du mich dann so aufregen? Du weißt, dass ich keine Freunde habe.“

„Gerade deshalb muss ich sagen, dass es nicht geht. Nein, es geht nicht.“

„Du tust, als sei alles beschlossen“, weinte meine Mutter. „Dabei ist nichts geschehen, nur Höflichkeit. Was soll ich tun? Soll ich hässlich werden? Ich glaube, du wärst noch zufrieden damit.“ Dann kam sie zu mir, nahm mich in den Arm und rief: „Mein kleiner Davy! Liebt dich deine Mama nicht genug? Bin ich eine schlechte Mama?“

„Das hat niemand behauptet“, sagte Peggotty.

Wir weinten alle. Ich beschimpfte Peggotty im Affekt als „Biest“, worauf sie schluchzend vor uns niederkniete. Beim Versöhnen sprangen mehrere Knöpfe von ihrem Kleid ab. Wir gingen traurig zu Bett. Ich schlief schließlich in den Armen meiner Mutter ein.

Wann der Herr wiederkam, weiß ich nicht genau. Doch er erschien in der Kirche und begleitete uns nach Hause. Er betrachtete ein Geranium, bat um eine Blüte und versprach, sich niemals davon zu trennen. Ich dachte, er müsse sehr töricht sein, weil die Blüte bald welken würde.

Peggotty blieb abends häufiger fern, meine Mutter gab ihr in vielem nach. Zwischen uns hatte sich etwas verändert und es war nicht mehr so behaglich wie früher. Ich spürte, dass Peggotty unzufrieden war, wenn meine Mutter sich schön anzog und zu Nachbarn ging. Ich aber war froh, mir darüber keine Gedanken machen zu müssen. An den Herrn mit dem schwarzen Backenbart, Mr. Murdstone, gewöhnte ich mich langsam. Doch er gefiel mir nicht besser und ich empfand weiterhin eine kindliche Eifersucht.

Eines Herbstmorgens stand ich mit meiner Mutter im Vorgarten, als Mr. Murdstone auf dem Pferd hielt. Er wollte nach Lowestoft reiten und fragte, ob ich vor ihm auf dem Sattel mitreiten wolle. Das muntere Pferd und der schöne Morgen lockten mich sehr. Meine Mutter schickte mich zu Peggotty zum Anziehen. Vom Fenster aus sahen wir, wie Mr. Murdstone und meine Mutter nebeneinander an der Rosenhecke auf und ab gingen.

Ich ritt dann mit Mr. Murdstone davon. Er hielt mich mit einem Arm fest. Ich sah ihn oft an und bemerkte seine dunklen, eigentümlich schielenden Augen und sein schwarzes Haar. Trotz meiner Abneigung hielt ich ihn für einen schönen Mann und ich zweifelte nicht, dass meine Mutter ebenso dachte.

Wir kehrten in einem Gasthaus am Meer ein. Zwei Herren lagen rauchend auf Stühlen. „Hallo, Murdstone! Wir dachten schon, du wärst tot“, riefen sie.

„Noch nicht“, antwortete er.

„Was ist das für ein Gelbschnabel?“ fragte einer.

„Das ist Davy“, sagte Mr. Murdstone.

„Was für ein Davy?“

„Copperfield.“

Wir tranken Sherry, ich bekam ein wenig davon und ein Biskuit. Wir spazierten an den Klippen, benutzten ein Fernrohr und gingen dann auf die Jacht. Dort beschäftigten sich die Männer mit Papieren, während ich bei einem freundlichen Mann mit rotem Haar blieb. Er trug ein Hemd mit der Aufschrift „Feldlerche“. Ich hielt es für seinen Namen, er erklärte mir jedoch, es sei der Name des Schiffes.

Den ganzen Tag über blieb Mr. Murdstone ernst und verschlossen. Die anderen scherzten viel, aber kaum mit ihm. Seine kühle Art unterschied ihn deutlich von den übrigen.

Wir kehrten früh heim. Meine Mutter ging noch mit Mr. Murdstone an der Rosenhecke auf und ab, während ich meinen Tee trinken sollte.

Einige Zeit später saßen Peggotty und ich wieder beisammen. Sie blickte mich lange an und sagte schließlich einschmeichelnd: „Master Davy, wie wäre es, wenn du vierzehn Tage mit mir zu meinem Bruder nach Yarmouth kämst? Wäre das nicht fein?“

„Ist dein Bruder ein angenehmer Mann?“

„O, sehr angenehm! Und das Meer ist da und die Schiffe und Ham zum Spielen.“

Ich war begeistert, fragte aber: „Was sagt Mama dazu?“

„Ich wette, sie erlaubt es“, sagte Peggotty.

„Aber was macht sie, wenn wir fort sind? Sie kann doch nicht allein bleiben.“

„Ach ja“, meinte Peggotty. „Sie besucht für die Zeit Mrs. Grayper.“

Als meine Mutter heimkam, fragte ich sie. Sie stimmte ohne Zögern zu und noch am selben Abend wurde alles geregelt.

Bald kam der Abreisetag. Der Fuhrmann stand nach dem Frühstück vor der Tür. Vor Aufregung hätte ich am liebsten schon in Reisekleidern geschlafen, ohne zu ahnen, was ich zurückließ.

Meine Mutter küsste mich unter Tränen. Auch ich weinte und fühlte ihr Herz an meinem schlagen. Als der Wagen schon rollte, kam sie noch einmal zur Gartentür, ließ anhalten und gab mir einen letzten Kuss voller Innigkeit.

Dann sah ich zurück. Mr. Murdstone trat zu ihr und schien sie wegen ihrer Rührung zu ermahnen. Peggotty blickte ebenfalls hinaus und wirkte sehr unzufrieden. Ich saß schweigend neben ihr und überlegte, ob ich wohl wie der Däumling mit Hilfe ihrer Knöpfe den Weg nach Hause wiederfinden könnte.

3. Kapitel

Eine Veränderung

Die Fahrt nach Yarmouth zog sich endlos hin. Das Pferd trottete schläfrig dahin, als wolle es die Ankunft möglichst verzögern. Auch der Fuhrmann nickte ständig ein und pfiff nur vor sich hin. Peggotty hielt ihren Korb fest und schnarchte im Schlaf laut. Wir machten viele Umwege und hielten oft an, bis ich schließlich ganz erschöpft war, als Yarmouth endlich auftauchte.

Die flache Landschaft erschien mir seltsam leer und sumpfig. Ich meinte zu Peggotty, ein Hügel würde alles verschönern und es wäre hübscher, wenn Stadt und Meer deutlicher getrennt wären. Sie erwiderte stolz, man müsse die Dinge nehmen, wie sie seien und sie sei eben ein „Hering von Yarmouth“.

In der Stadt roch es nach Fisch, Teer und Pech, Seeleute liefen umher, Karren rumpelten über das Pflaster. Nun musste ich gestehen, dass ich dem Ort Unrecht getan hatte. Peggotty erklärte zufrieden, Yarmouth gelte als die schönste Stadt der Welt.

Plötzlich rief sie: „Da ist mein Ham!“

Ham wartete bereits vor dem Gasthaus. Er begrüßte mich herzlich, nahm mich auf den Rücken und trug mich heimwärts. Er war groß und kräftig, trug eine Segeltuchjacke, steife Hosen und einen sonderbaren Hut. Peggotty schleppte den Koffer, während wir durch schmale Gassen an Werften, Seilereien und Schmieden vorbei zur freien Ebene gingen.

Ham blieb stehen und rief: „Dats unser Hus, Masr Davy.“

Verwirrt sah ich umher. In der Nähe stand nur ein schwarzes Boot mit einem rauchenden Rohr. „Es ist doch nicht das dort? Das Ding, das wie ein Schiff aussieht?“ fragte ich.

„Djewoll, Masr Davy“, antwortete Ham.

Ich war entzückt. Es war ein echtes altes Boot, das nun als Haus diente. Es hatte eine Tür, kleine Fenster und strahlte einen wunderbaren Zauber aus.

Innen war alles blitzsauber. Es gab einen Tisch, eine Uhr, eine Kommode mit einem Teebrett und bunte Bilder aus der Heiligen Schrift. Über dem Kamin hing ein Bild des Schiffes „Sarah Jane“ mit einem kleinen hölzernen Heck daran. Kisten dienten als Sitzmöbel.

Dann zeigte mir Peggotty mein Schlafzimmer im Hinterteil des Bootes. Es hatte ein kleines Fenster, einen Spiegel mit Austernschalenrahmen, ein schmales Bett und ein Tischchen mit Seegras in einem Krug. Alles war weiß getüncht und die farbige Decke leuchtete mir entgegen. Es war das schönste Zimmer, das ich mir vorstellen konnte.

Am meisten gefiel mir im Bootshaus der starke Fischgeruch. Mein Taschentuch roch bald, als wäre ein Hummer darin eingewickelt. Peggotty erklärte mir, ihr Bruder handle mit Hummern, Krabben und Krebsen. Ich entdeckte später einen Schuppen, in dem diese Tiere dicht übereinander lagen und sich mit ihren Scheren festhielten.

Eine höfliche Frau mit weißer Schürze begrüßte uns, ebenso ein hübsches kleines Mädchen mit blauen Glasperlen um den Hals. Beim Mittagessen, mit Fisch, Butter, Kartoffeln und einer Hammelrippe für mich, erschien ein kräftiger Mann mit gutmütigem Gesicht. Er nannte Peggotty „Mädchen“ und küsste sie auf die Wange. Es war ihr Bruder, Mr. Peggotty.

„Freut mich, Sie zu sehen, Sir. Sie werden uns rau finden, aber stets hilfsbereit.“

Ich dankte ihm höflich.

„Wie geits to Hus, Sir? Haben Sie Ihre Mama frisch und munter verlassen?“

Ich antwortete, sie sei wohlauf und lasse ihn grüßen.

„Wenn Sej es hier uthollen könt mit der da“, sagte er und nickte Peggotty zu, „und Ham und lütt Emly, sünn wi stolz op Ehr Gesellschaft.“

Am Abend war die Tür fest verschlossen, draußen brauste Wind und Nebel zog übers Land. Im Innern war es warm und behaglich wie in einem Zauberhaus.

Emly saß neben mir auf einer Kiste am Ofen. Mrs. Gummidge strickte, Peggotty nähte, Ham legte Karten aus und Mr. Peggotty rauchte. Ich begann neugierig zu fragen: „Mr. Peggotty!“

„Sir?“

„Haben Sie Ihren Sohn Ham so genannt, weil er in einem Schiff wohnt?“

„Nein, Sir. Ick hew jem nie keenen Namen nich gewen.“

„Wer hat ihm dann den Namen gegeben?“

„Sien Vadder.“

„Ich dachte, Sie wären sein Vater?“

„Mien Bruder Joe.“

„Tot, Mr. Peggotty?“

„Ertrunken.“

Ich fragte weiter: „Die kleine Emly, ist sie Ihre Tochter?“

„Nein, Sir. Mien Schwager Tom war ihr Vadder.“

„Tot?“

„Ertrunken.“

Verblüfft fragte ich: „Haben Sie denn keine Kinder?“

„Nein, Master. Ick bünn een Junggesell.“

„Junggesell? Und wer ist dann diese Frau?“, fragte ich und zeigte auf die Dame mit der weißen Schürze.

„Das is Mrs. Gummidge.“

„Gummidge, Mr. Peggotty?“

Peggotty bedeutete mir heftig, nicht weiter zu fragen. Später erklärte sie mir in meiner kleinen Kajüte, dass Ham und Emly Waisen seien, die ihr Bruder früh zu sich genommen habe. Mrs. Gummidge sei die Witwe seines früheren Bootspartners. Mr. Peggotty sei arm, aber gut wie Gold und treu wie Stahl. Nur wenn jemand auf sein gutes Herz anspiele, werde er heftig und schlage auf den Tisch.

Beruhigt schlief ich ein. Der Wind heulte draußen über dem Meer und ich träumte, die Flut könnte das Land überschwemmen. Doch ich tröstete mich, in einem Schiff zu wohnen.

Am Morgen lief ich mit Emly an den Strand und suchte Muscheln.

„Du bist gewiss schon ein vollendeter Seemann“, sagte ich zu ihr.

„Nein“, erwiderte Emly, „ich habe Angst vor dem Meer.“

„Angst? Ich nicht!“ sagte ich tapfer.

„Es ist grausam“, meinte sie, „ich habe gesehen, wie es ein großes Schiff zerbrochen hat.“

„Das war doch nicht das Schiff, in dem dein Vater ertrank?“

„Nein, das nicht.“

„Auch ihn hast du nicht gesehen?“

„Kann mich nicht erinnern.“

Ich erzählte ihr, dass auch ich meinen Vater nie gekannt hätte und dass sein Grab nahe unserem Haus liege. Emly sagte, sie kenne das Grab ihres Vaters nicht, er ruhe irgendwo im Meer.

„Dein Vater war ein Gentleman“, sagte sie, „meiner war ein Fischer und mein Onkel Dan ist auch einer.“

„Onkel Dan ist Mr. Peggotty?“ fragte ich.

„Ja“, antwortete sie.

„Er ist sehr gut, nicht?“

„Gut? Wenn ich einmal eine Lady werde, schenke ich ihm einen himmelblauen Rock mit diamantenen Knöpfen und einen Koffer voll Geld.“

„Du möchtest gern eine Lady sein?“ fragte ich.

Emly nickte lachend. „Ja. Dann wären wir alle vornehm und würden den armen Fischern helfen.“

„Hast du dann keine Angst mehr vor dem Meer?“

„So sehr fürchte ich mich nicht“, sagte sie, „aber wenn Sturm ist, denke ich ängstlich an Onkel Dan und Ham. Dann kommt es mir vor, sie rufen um Hilfe. Aber jetzt fürchte ich mich nicht. Schau her.“

Sie rannte über einen schmalen Balken hoch über dem Wasser. Mir stockte der Atem, doch sie kehrte sicher zurück. Bald lachte ich über meine Angst. Dennoch blieb mir das Bild, wie sie mit offenem Blick dem Meer entgegenlief, tief im Gedächtnis.

Später fragte ich mich manchmal, ob es besser für die kleine Emly gewesen wäre, wenn das Meer sie an jenem Morgen mit sich genommen hätte. Damals aber gingen wir sorglos weiter, sammelten seltsame Dinge am Strand und kehrten fröhlich zurück. Unter dem Schuppen gaben wir uns schüchtern einen Kuss.

„Wie zwei Amseln“, sagte Mr. Peggotty und ich nahm es als großes Lob.

Ich war ehrlich in Emly verliebt. Ich liebte sie so rein und kindlich, dass ich sie mir fast wie einen Engel vorstellte. Wir spazierten stundenlang um Yarmouth, als ob die Zeit selbst mit uns spielte. Ich erklärte, ich bete sie an und müsse mich mit dem Schwert töten, falls sie mich nicht ebenfalls liebte. Sie sagte, sie liebe mich und ich glaubte es fest.

Abends saßen wir zusammen und wurden bewundert. Peggotty und Mrs. Gummidge flüsterten: „O Gott, ist das ein hübsches Paar.“ Mr. Peggotty lächelte hinter seiner Pfeife und Ham grinste den ganzen Abend.

Doch Mrs. Gummidge war oft unglücklich. Sie jammerte ständig und sagte immer wieder, sie sei ein armes, verlassenes Wesen, dem alles zuwider sei. Sie tat mir leid, aber ich wünschte manchmal, sie würde still allein in ihrem Zimmer klagen.

Mr. Peggotty ging abends manchmal in das Wirtshaus „Der gute Vorsatz“. Sobald er fort war, blickte Mrs. Gummidge auf die Uhr und meinte, sie habe es vorausgeahnt. An einem kalten, windigen Tag war sie besonders missmutig. „Ich bin ein armes, verlassenes Wesen“, seufzte sie, als der Ofen rauchte, „und alles geht schief.“

„Es ist wirklich kalt“, sagte Peggotty. „Das merkt jeder.“

„Ich fühle es mehr“, klagte Mrs. Gummidge.

Auch beim Essen jammerte sie, während wir uns bei magerem Fisch und angebrannten Kartoffeln nur einig waren, dass es nicht besonders gut schmecke.

Als Mr. Peggotty gegen neun Uhr heimkam, saßen wir friedlich beisammen. Mrs. Gummidge strickte finster in ihrer Ecke.

„Nun, Stüerlüt“, sagte er, „wie geit dat?“

Alle antworteten freundlich, nur Mrs. Gummidge schüttelte den Kopf.

„Wo fehlts? Kopf hoch, Mutting!“

„Du kommst aus dem ‚Guten Vorsatz‘, Danl?“ fragte sie.

„Ja“, sagte er.

„Es tut mir leid, dass ich dich dorthin treibe.“

„Treiben? Ich geh gern hin“, lachte er.

„Ja, ja, sehr gern“, seufzte sie und wischte sich die Augen.

Dann klagte sie: „Ich bin nicht, wie ich sein möchte. Ich fühle mein Unglück. Ich mache das ganze Haus ungemütlich. Ich habe deiner Schwester und Master Davy den ganzen Tag das Leben sauer gemacht.“

„Nein, sicher nicht, Mrs. Gummidge“, rief ich gerührt.

Mrs. Gummidge klagte: „Es ist gar nicht recht von mir. Ich sollte ins Armenhaus gehen und sterben. Dann seid ihr mich los.“ Danach ging sie zu Bett. Mr. Peggotty nickte nur betrübt und flüsterte: „Sej hett an ehrn Olen dacht.“ Peggotty erklärte mir später, er meine damit ihren verstorbenen Mann.

Die vierzehn Tage vergingen rasch. Ham führte uns oft an den Hafen oder ruderte mit uns. Besonders blieb mir ein Sonntagmorgen im Gedächtnis: Glockenklang, Emly an meinem Arm, Ham Steine ins Wasser werfend, die Sonne, die mühsam durch den Nebel brach und die Schiffe wie Schatten im Dunst.

Dann kam der Abschied. Von Mr. Peggotty und Mrs. Gummidge konnte ich mich lösen, aber der von Emly tat mir unendlich weh. Erst auf der Heimfahrt erinnerte ich mich wieder an meine Mutter und sehnte mich nach ihr. Je näher wir Blunderstone kamen, desto dringlicher wurde mein Wunsch, sie zu umarmen. Peggotty hingegen wirkte verlegen und still.

An einem kalten, grauen Nachmittag hielten wir vor unserem Haus. Die Tür öffnete sich – doch nicht meine Mutter erschien, sondern eine fremde Dienerin.

„Ach, Peggotty“, sagte ich traurig, „ist sie noch nicht zu Hause?“

„Ja, ja, Master Davy. Warte ein bisschen.“

Peggotty brachte mich in die Küche und schloss die Tür.

„Peggotty, was ist denn?“ rief ich erschrocken.

„Nichts, mein lieber Davy“, sagte sie mit gezwungenem Lächeln.

„Ist etwas geschehen? Wo ist Mama?“

„Wo Mama ist?“, wiederholte sie.

„Warum kam sie uns nicht entgegen? Ach, Peggotty!“

Voller Angst fragte ich: „Sie ist doch nicht tot?“

„Nein!“ rief Peggotty heftig und setzte sich erschöpft hin. Ich fiel ihr um den Hals und wartete bebend.

„Liebling, ich hätte es dir früher sagen sollen“, sagte sie.

„Weiter, Peggotty“, flehte ich.

Sie löste ihr Hutband und sagte endlich: „Master Davy, du hast einen Papa bekommen.“

Ich wurde leichenblass.

„Einen neuen“, fügte sie hinzu.

„Einen neuen?“

Sie nahm meine Hand: „Komm, du musst ihn sehen …“

„Ich will ihn nicht sehen.“

„… und deine Mama.“

Wir gingen ins Empfangszimmer. Meine Mutter saß am Kamin, neben ihr Mr. Murdstone. Sie stand hastig auf.

„Liebe Klara“, sagte er, „denke daran. Beherrsche dich. Davy, mein Junge, wie geht es dir?“

Ich gab ihm die Hand. Dann küsste ich meine Mutter. Sie küsste mich zurück, klopfte mir auf die Schultern und setzte sich wieder. Ich wagte keinen von beiden anzusehen und ging ans Fenster. Später schlich ich hinauf. Mein altes Schlafzimmer war verändert und ich musste nun weit hinten schlafen. Alles erschien mir fremd. Draußen im Hof erschrak ich: Die leere Hundehütte war nun bewohnt. Ein großer schwarzer Hund riss wütend an der Kette und sprang mir bellend entgegen.

4. Kapitel

Ich falle in Ungnade

Das veränderte Schlafzimmer machte mich tief traurig. Im Zimmer saß ich weinend, betrachtete Tapeten, Decke und den wackligen Waschtisch und dachte an Emly. Schließlich schlief ich unter der Decke ein.

„Hier ist er“, hörte ich und erwachte. Meine Mutter und Peggotty standen vor mir.

„Davy, was fehlt dir?“ fragte meine Mutter.

„Nichts“, antwortete ich und verbarg mein Gesicht.

„Davy, mein Kind!“

Ihre Worte rührten mich so sehr, dass ich sie wegdrängte, um weiter zu weinen.

„Das ist dein Werk, Peggotty“, rief meine Mutter. „Wie kannst du meinen Jungen gegen mich aufhetzen?“

Peggotty hob die Hände: „Gott vergebe Ihnen, Mrs. Copperfield, was Sie jetzt sagen.“

„Es ist zum Verrücktwerden“, klagte meine Mutter. „In meinen Flitterwochen! Davy, du nichtsnutziger Junge! Peggotty, du wildes Geschöpf!“

Ich spürte plötzlich eine fremde Hand. Mr. Murdstone hielt meinen Arm.

„Was ist das, Klara? Festigkeit!“

„Es tut mir leid, Edward“, sagte meine Mutter. „Ich habe mir Mühe gegeben, aber mir ist so unbehaglich.“

„Wirklich? So bald schon“, erwiderte er kühl.

Er zog sie an sich, flüsterte ihr zu und küsste sie. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. „Geh hinunter, meine Liebe“, sagte er. „David und ich kommen auch.“

Peggotty verließ schweigend das Zimmer. Als wir allein waren, schloss er die Tür, stellte mich vor sich und packte meinen Arm. „David“, sagte er hart, „was glaubst du, tue ich mit einem eigensinnigen Gaul oder Hund?“

„Ich weiß nicht.“

„Ich prügle ihn! Ich schlage ihn, bis er gehorcht. Was hast du im Gesicht?“

„Schmutz“, flüsterte ich, obwohl es Tränen waren.

„Du bist gescheit für dein Alter“, sagte er kalt. „Du hast mich verstanden. Wasche dir das Gesicht und komm mit mir.“

Er deutete auf den Waschtisch. Ich gehorchte. Im Wohnzimmer sagte er, noch immer meinen Arm haltend: „Meine liebe Klara, ich hoffe, du wirst jetzt keinen Verdruss mehr haben.“

Ein einziges freundliches Wort hätte mich damals verändern können. Eine zärtliche Versicherung, dass ich noch zu Hause sei, hätte mich zum gehorsamen Sohn gemacht. Meine Mutter sah mir besorgt nach, als ich still auf meinen Stuhl schlich, doch kein Wort kam.

Wir speisten zu dritt. Murdstone war zärtlich zu ihr, was meinen Widerwillen steigerte. Er sprach von seiner Schwester, die bald kommen sollte. Am Abend fuhr ein Wagen vor. Meine Mutter drückte mich im Dunkeln an ihr Herz und flüsterte: „Du sollst deinen neuen Vater lieben und ihm gehorsam sein.“

Dann führte sie mich hinaus. Miss Murdstone erschien, schwarz gekleidet wie ihr Bruder, ihm in Gesicht und Stimme ähnlich. Sie hatte buschige Brauen und eine große Nase und brachte zwei harte schwarze Koffer mit. Ihr Geld holte sie aus einer schweren Börse, die an einer Kette hing. Alles an ihr wirkte kalt und metallisch. Sie sah mich an und fragte: „Ist das dein Junge, Schwägerin?“

Als meine Mutter bejahte, sagte sie: „Im Allgemeinen kann ich Jungen nicht leiden. Wie geht es dir, Junge?“

Ich antwortete schüchtern, worauf sie nur sagte: „Keine Manieren.“

Dann ließ sie sich auf ihr Zimmer bringen, von da an ein Ort des Grauens. Überall hingen kleine Ketten, ihre Koffer blieben stets verschlossen.

Sie war gekommen, um zu bleiben und begann sofort, meiner Mutter im Haushalt „zu helfen“. Sie räumte um und durchstöberte das Haus. Schon am nächsten Morgen klingelte sie beim ersten Hahnenschrei. Beim Frühstück versetzte sie meiner Mutter eine harte Art Kuss und sagte: „Liebe Klara, ich bin hier, um dir alles abzunehmen. Du bist zu hübsch und gedankenlos für Pflichten. Gib mir die Schlüssel.“

Von da an trug sie die Schlüssel tagsüber im Beutel und nachts unter dem Kopfkissen. Meine Mutter hatte nichts mehr zu sagen. Einmal wagte sie leise zu weinen, als Haushaltspläne ohne sie beschlossen wurden.

„Klara“, sagte Murdstone kalt, „ich bin erstaunt über dich.“

„Du würdest dir so etwas auch nicht gefallen lassen“, schluchzte sie.

Als meine Mutter sagte: „Es ist hart, dass ich in meinem eigenen Haus …“ unterbrach er scharf: „In meinem eigenen Haus?! Klara!“

„Unserem Haus“, stammelte sie. „Ich habe doch früher gut gewirtschaftet. Frag Peggotty.“

Doch ihre Stimme zählte nichts mehr.

„Edward“, sagte Miss Murdstone, „machen wir der Sache ein Ende. Ich reise morgen ab!“

„Jane Murdstone!“ rief Mr. Murdstone. „Wirst du schweigen!“

Dann wandte er sich an meine Mutter. Er erklärte kühl, er habe eine unerfahrene Frau geheiratet, um ihr Festigkeit beizubringen und seine Schwester habe ihm dabei geholfen, dafür aber Undank geerntet.

„O bitte, Edward“, flehte meine Mutter. „Sag nicht, ich sei undankbar. Ich habe viele Fehler, aber nicht diesen.“

Er blieb hart. „Schwäche fällt bei mir nicht ins Gewicht.“

Meine Mutter bat um Versöhnung. Sie könne nicht leben in Kälte. Sie versprach, niemals mehr zu widersprechen, besonders Jane nicht und brach in Tränen aus.

Mr. Murdstone erklärte schließlich feierlich, es sei niemandes Schuld und man solle alles vergessen. Dann sagte er: „Da dies kein passender Anblick für den Knaben ist, so geh zu Bett, David.“

Ich ging weinend fort. Später kam Peggotty zu mir und erzählte, meine Mutter sei tief bekümmert zu Bett gegangen, während Mr. und Miss Murdstone noch unten saßen.

Am nächsten Morgen hörte ich, wie meine Mutter demütig um Verzeihung bat. Miss Murdstone verzieh und es war ausgesöhnt. Von da an hatte meine Mutter keine eigene Meinung mehr, bevor sie nicht wusste, was Jane dachte. Die Schlüssel blieben bei Miss Murdstone und schon der Gedanke, sie könnten zurückgegeben werden, versetzte meine Mutter in Angst.

Auch ihr religiöser Eifer war düster. Wieder marschierten wir sonntags zur Kirche: zuerst ich, dann Miss Murdstone schwarz wie ein Leichentuch, danach meine Mutter und Mr. Murdstone. Peggotty kam nicht mehr mit. Miss Murdstone murmelte die Gebete mit hartem Nachdruck und ließ die Worte von den „Sündern“ drohend durch die Kirche klingen. Wenn ich mich regte, stieß sie mich mit dem Gebetbuch. Ich sah meine Mutter mit zitternden Lippen beten und fürchtete, alle Engel könnten Racheengel sein.

Man sprach davon, mich in eine Kostschule zu schicken. Vorerst blieb ich zu Hause und erhielt Unterricht. Dem Namen nach leitete ihn meine Mutter; tatsächlich wachten die Murdstones darüber. Was früher leicht und liebevoll gewesen war, wurde Angst und Qual. Die Stunden waren lang, die Aufgaben schwer und verwirrend.

Morgens trat ich mit Büchern, Heft und Schiefertafel ein. Meine Mutter saß bereit, doch Mr. Murdstone lauerte im Lehnstuhl und Miss Murdstone reihte ihre Stahlperlen auf. Schon ihr bloßer Blick ließ alle Worte aus meinem Kopf entweichen.

Ich reichte meiner Mutter das Buch, warf noch einen verzweifelten Blick hinein und begann hastig aufzusagen, ehe alles in mir völlig leer wurde. Ich stocke beim Lesen. Mr. Murdstone blickt auf. Ich werde rot, stottere durcheinander und verstumme.

Meine Mutter flüstert hilflos: „O Davy, Davy!“

„Klara“, sagt Mr. Murdstone kalt, „sei fest mit dem Jungen. Entweder kann er seine Lektion oder er kann sie nicht.“

„Er kann sie nicht“, fällt Miss Murdstone ein.

„Ich fürchte, er kann sie nicht“, sagt meine Mutter leise.

„Dann gib ihm das Buch zurück“, befiehlt Miss Murdstone.

Meine Mutter nickt: „Also, Davy, versuch es noch einmal.“

Ich versuche es, mache es aber schlimmer als zuvor. Ich bleibe wieder stecken. Mr. und Miss Murdstone machen ungeduldige Bewegungen. Meine Mutter klappt das Buch zu, legt es beiseite. Ich verliere den Mut völlig. Wenn meine Mutter heimlich die Lippen bewegt, um mir zu helfen, zischt Miss Murdstone sofort: „Klara!“

Meine Mutter schreckt zusammen. Mr. Murdstone springt auf, wirft mir das Buch an den Kopf oder schlägt es mir an die Ohren und stößt mich aus dem Zimmer.

Nach den Stunden folgt das Rechenexempel des Grauens: „Wenn ich fünftausend doppelte Gloucesterkäse zu viereinhalb Penny kaufe – augenblicklich zahlbar …“

Stundenlang brüte ich darüber. Mittags bekomme ich trockenes Brot und bleibe in Ungnade.

Auch an besseren Tagen gönnte man mir kaum Ruhe. Sah Miss Murdstone mich untätig, sagte sie: „Liebe Klara, es geht nichts über Arbeit – gib deinem Jungen etwas auf.“

So wurde ich sofort neu beschäftigt. Spielen mit anderen Kindern gab es kaum. Monate dieser Behandlung machten mich stumpf und verzagt. Ich entfremdete mich von meiner Mutter. Ohne Rettung wäre ich wohl zerbrochen. Meine Rettung war die alte Büchersammlung meines Vaters auf dem Dachboden: Robinson Crusoe, Don Quichote, Gil Blas und viele andere. Sie hielten meine Phantasie wach. Ich wurde Tom Jones, war Roderick Random oder ein Seefahrer aus Reisebüchern, streifte durchs Haus mit einem Holzstock als Säbel. Während die Grammatik um meine Ohren flog, blieb ich innerlich Kapitän und Held.

Abends las ich auf dem Bett, während draußen Kinder spielten. Scheunen wurden zu fernen Ländern, der Kirchturm zu einem Abenteuerschauplatz, die Dorfschenke zum Treffpunkt meiner Romanhelden.

So lebte ich, bis eines Morgens ein neues Unheil begann. Ich trat mit meinen Büchern ins Wohnzimmer. Meine Mutter sah ängstlich aus. Miss Murdstone wirkte hart und unbeweglich. Mr. Murdstone stand da und wickelte bedächtig etwas um das Ende eines dünnen Rohrstocks, ließ ihn durch die Luft sausen – und sah mich an.

„Ich sage dir doch, Klara“, erklärte Mr. Murdstone, „ich selbst bin oft durchgehauen worden.“

„Gewiss“, bestätigte Miss Murdstone.

„Aber meinst du, es hat Edward gutgetan?“ fragte meine Mutter zaghaft.

„Glaubst du, es hat mir geschadet?“ erwiderte er streng.

Meine Mutter schwieg. Ich merkte, dass es um mich ging. Mr. Murdstone sah mich an: „Nun, David? Heute musst du dich besonders zusammennehmen.“

Er spielte mit dem Rohrstock und legte ihn neben sich. Wir begannen die Lektion. Alles entglitt mir. Seiten verschwammen, ein Buch nach dem anderen landete auf dem Stapel der Rückstände. Miss Murdstone starrte uns an. Bei den „Käsen“ begann meine Mutter zu weinen.

„Klara!“ mahnte Miss Murdstone.

„Ich fühle mich nicht wohl“, flüsterte meine Mutter.

Mr. Murdstone stand auf und sagte feierlich: „David, wir gehen jetzt hinauf.“

Als er mich zur Tür zog, rannte meine Mutter auf uns zu. Miss Murdstone rief: „Klara! Bist du närrisch!“ und hielt sie zurück. Meine Mutter hielt sich die Ohren zu und weinte.

Oben packte Mr. Murdstone meinen Kopf.

„O bitte, schlagen Sie mich nicht!“ schrie ich. „Ich habe gelernt, Sir!“

„Kannst du wirklich nichts?“ fragte er kalt. „Wir werden sehen.“

Ich entwand mich einen Augenblick, dann schlug er. In panischer Not biss ich ihm in die Hand. Dafür prügelte er auf mich ein. Schließlich ließ er ab, schloss mich ein und ich lag zerschlagen auf dem Boden, heftig schluchzend.

Später, als Ruhe kam, sah ich mein Gesicht im Spiegel: geschwollen, voller Striemen. Doch schlimmer als der Schmerz war mein Schuldgefühl. Ich fühlte mich wie ein Verbrecher. Im Dämmerlicht brachte Miss Murdstone wortlos Brot, Fleisch und Milch, stellte alles ab und ging wieder.

In dieser Nacht fragte ich mich voller Angst, ob man mich verhaften oder ins Gefängnis stecken würde. Am Morgen durfte ich eine halbe Stunde spazieren, dann begann eine fünftägige Gefangenschaft. Ich sah niemanden außer Miss Murdstone. Nur zum Abendgebet wurde ich in die Wohnstube geführt. Ich stand wie ein Sträfling an der Tür. Meine Mutter hielt den Blick von mir abgewandt, Mr. Murdstones Hand lag verbunden in einem Tuch.

Diese fünf Tage dehnten sich wie Jahre. Ich lauschte auf jedes Geräusch im Haus, auf Schritte, Stimmen, Türschläge. Draußen hörte ich Kinder spielen, lachen und singen und das war fast schlimmer als die Stille. Nachts glaubte ich oft, es sei Morgen, doch die lange Dunkelheit lag noch vor mir. Ich schämte mich am Fenster zu stehen wie ein Gefangener. Regen, Träume, das langsame Vergehen der Stunden – all das brannte sich mir ein, als hätte ich nicht Tage, sondern eine Ewigkeit in dieser Einsamkeit verbracht. In der letzten Nacht meiner Haft hörte ich leise meinen Namen. „Bist du es, Peggotty?“ flüsterte ich.

„Ja, mein lieber Davy. Sei still wie eine Maus, sonst hört uns die Katze“, antwortete sie durch das Schlüsselloch – sie meinte Miss Murdstone.

„Was macht Mama? Ist sie böse auf mich?“

„Nein, nicht sehr“, weinte Peggotty leise.

„Was wird mit mir geschehen?“

„Schule. Bei London.“

„Wann?“

„Morgen.“

„Werde ich Mama nicht mehr sehen?“

„Doch. Morgen früh.“

Dann sprach sie stockend und voller Zärtlichkeit: „Lieber Davy, wenn ich jetzt nicht so herzlich bei dir bin wie früher, dann ist es nicht, weil ich dich nicht sehr liebe, sondern weil es besser für dich ist. Vergiss mich niemals. Ich vergesse dich auch nie. Und ich werde auf deine Mama achtgeben. Ich werde sie nie verlassen. Ich schreibe dir, mein Herz.“

„Danke, Peggotty“, schluchzte ich. „Willst du Mr. Peggotty, Emly, Mrs. Gummidge und Ham sagen, dass ich nicht schlecht bin und sie grüße, besonders die kleine Emly?“

Peggotty versprach es. Wir küssten beide das Schlüsselloch zum Abschied.

Am Morgen kam Miss Murdstone und sagte, ich werde in die Schule geschickt. Dann führte sie mich zum Frühstück. Meine Mutter war blass und hatte rote Augen. Ich lief zu ihr und bat um Verzeihung.

„O Davy“, sagte sie, „dass du jemandem weh tun konntest, den ich liebe. Versuche, besser zu werden. Ich verzeihe dir, aber mein Herz ist voll Kummer, weil du so böse bist.“

Man hatte ihr eingeredet, ich sei verworfen und das tat ihr mehr weh als mein Fortgehen. Ich versuchte zu essen, doch Tränen fielen auf das Brot und in den Tee.

Der Wagen fuhr vor. Miss Murdstone fragte: „Ist Master Copperfields Koffer da?“

Ich sah mich nach Peggotty um, doch sie kam nicht. Der Fuhrmann hob den Koffer auf den Wagen.

„Klara!“ mahnte Miss Murdstone.

„Ich bin bereit, liebe Jane“, sagte meine Mutter und hielt meine Hand. „Leb wohl, Davy. Es ist zu deinem Besten. Komm als besserer Junge wieder.“

„Klara!“

„Gewiss, liebe Jane. Gott segne dich, mein Kind.“

Miss Murdstone führte mich zum Wagen und sagte unterwegs, sie hoffe, ich werde in mich gehen, bevor ich ein schlimmes Ende nehme.

Dann stieg ich ein und das Pferd trottete mit mir davon – fort von meiner Mutter und von Peggotty.

5. Kapitel

Man schickt mich fort

Wir waren kaum eine Viertelstunde unterwegs, als der Kutscher anhielt. Plötzlich sprang Peggotty aus einer Hecke und kletterte in den Wagen. Ohne ein Wort zu sagen, umarmte sie mich so fest, dass mir die Nase schmerzte. Dann stopfte sie mir Kuchen in die Taschen und drückte mir einen Geldbeutel in die Hand. Wortlos küsste sie mich noch einmal, sprang vom Wagen und rannte davon. Zurück blieb ein abgefallener Knopf, den ich aufhob und lange aufbewahrte.

Der Fuhrmann fragte, ob sie zurückkomme. Ich schüttelte den Kopf. „Dann los“, rief er dem Pferd zu.

Nachdem ich genug geweint hatte, wollte ich tapfer sein, denn in meinen Abenteuergeschichten weinten Helden nie. Der Fuhrmann schlug vor, mein Taschentuch zum Trocknen auf den Pferderücken zu legen. Ich dankte ihm.

Im Geldbeutel fand ich drei polierte Schillinge und zwei halbe Kronen in Papier gewickelt. Darauf stand in Mamas Handschrift: „Für Davy. Mit herzlichem Gruß.“ Ich wischte mir heimlich mit dem Ärmel die Augen.

Ich fragte, ob der Fuhrmann bis London fahre.

„Das Pferd wäre tot, ehe wir halb dort wären“, sagte er. „Bis Yarmouth fahr ich. Da nehmen Sie die Postkutsche.“

Der Fuhrmann hieß Barkis. Ich bot ihm einen Kuchen an, den verschlang.

„Hat sie den gebacken?“ fragte er.

„Peggotty? Ja.“

„Wahrhaftig“, murmelte er.

Nach einer Weile fragte er: „Keine Schätze?“

„Plätzchen?“ verstand ich falsch.

„Schätze. Niemand geht mit ihr?“

„Nein, sie hat keinen Schatz.“

„Wahrhaftig?“, sagte er wieder und starrte die Pferdeohren an.

Schließlich meinte er: „Schreiben Sie ihr?“

„Ja, ich schreibe ihr.“

„Gut. Sagen Sie ihr: Barkis will.“

„Nur das?“

„Jawoll. Barkis will.“

Ich bot an, er könne es ihr selbst sagen, da er ja zurückfahre. Doch er wiederholte nur ernst: „Barkis will.“

Ich wollte den folgenden Brief an Peggotty schreiben:

„Meine liebe Peggotty.

Ich bin gut angekommen. Barkis will.

Viele Grüße an Mama.

Dein Davy.

Nachschrift: Es ist mir nochmals aufgetragen worden: Barkis will.“

Danach legte mich erschöpft auf einen Sack im Wagen und schlief, bis wir Yarmouth erreichten. Die Postkutsche stand glänzend im Hof, aber ohne Pferde. Ich sorgte mich um meinen Koffer, als eine Frau aus dem Fenster rief: „Ist das der junge Herr aus Blunderstone?“

„Ja, Ma’am.“

„Wie heißen Sie?“

„Copperfield, Ma’am.“

„Für Copperfield ist nichts bestellt.“

„Vielleicht für Murdstone.“

Nach kurzer Erklärung ließ sie rufen: „William, bring ihn ins Frühstückszimmer.“

Der Kellner führte mich in einen großen Raum. Verlegen setzte ich mich hin. Er stellte mir Koteletten mit Gemüse auf den Tisch und sagte freundlich: „Nun, Sechsfußhoch, kommen Sie her.“

Ich aß schüchtern, während er mich beobachtete. Dann meinte er: „Es ist auch eine halbe Pinte Ale bestellt. Wollen Sie sie jetzt?“

„Ja, danke.“

Er hielt das Glas gegen das Licht. „Es scheint eine ganze Menge, was?“

„Ja, eine ganze Menge.“

Dann erzählte er: „Gestern war ein Gentleman hier… bestellte Ale, trank es und war tot auf der Stelle.“

Das erschreckte mich. „Dann nehme ich lieber Wasser.“

„Unsere Leute sehen es nicht gern, wenn was stehenbleibt“, sagte er. „Ich trinke es, wenn Sie erlauben.“

Ich bat ihn, es nur zu tun, wenn es ihm nicht schade. Er kippte es hinunter und blieb gesund, was mich sehr beruhigte.

„Was haben wir denn da?“, fragte er und griff in meine Schüssel. „Koteletten? Gott bewahre! Das Beste zum Bier.“

Er nahm sich ein Kotelett und eine Kartoffel und aß beides gierig. Dann noch ein Kotelett und noch eine Kartoffel. Bald brachte er mir einen Pudding und fragte gedankenverloren: „Wie ist die Pastete?“

„Es ist Pudding.“

„Pudding? Gott bewahre! Wirklich? Blätterpudding?“

„Ja.“

„Mein Lieblingspudding! Komm, Kleiner, sehen wir, wer mehr kriegt.“

Er bekam eindeutig mehr. Trotz seiner Aufforderungen hielt ich mit seinem Appetit und seinem großen Löffel nicht mit. Er aß den Pudding mit sichtlichem Vergnügen und lachte zufrieden, als alles aufgegessen war.

Da der Kellner so freundlich war, bat ich ihn um Feder, Tinte und Papier, um Peggotty zu schreiben. Er schaute mir über die Schulter und fragte dann, wohin ich zur Schule käme.

„Bei London.“

„Gott bewahre!“, sagte er traurig. „Das ist die Schule, wo sie einem Jungen die Rippen zerbrachen. Zwei Stück. Er war etwa so alt wie Sie.“

Ich fragte erschrocken nach dem Grund.

„Durch Schläge“, sagte er.

Weil draußen das Posthorn blies, fragte ich nach dem Bezahlen.

„Ein Bogen Briefpapier – drei Pence“, erklärte er. „Sonst nichts. Bloß der Kellner noch.“

Verlegen fragte ich: „Wie viel gibt man denn dem Kellner?“

Er begann kläglich aufzuzählen: „Wenn ich keine Familie hätte … keinen alten Vater … keine arme Schwester … dann nähme ich nichts“ und brach in Tränen aus. Ganz gerührt gab ich ihm einen meiner drei Schillinge. Er nahm ihn ehrfürchtig an und prüfte ihn sofort auf Echtheit.

Beim Einsteigen hörte ich die Wirtin rufen: „Passen Sie auf das Kind auf, sonst platzt es.“ Die Mägde kicherten. Der Postillon und der Schaffner spotteten, die Kutsche würde zu schwer, wenn ich hinten säße und fragten, ob in der Schule gleich für „zwei oder drei Brüder“ bezahlt würde.

Am Abend hielt die Kutsche an einem Wirtshaus. Aus Scham nahm ich nichts zu essen und setzte mich an den Kamin. Doch ein grober Herr, der ununterbrochen aus einer Dose aß oder aus der Flasche trank, verspottete mich: Ich sei wie eine Riesenschlange, die einmal alles verschlinge und dann lange nichts mehr brauche.

Wir waren um drei Uhr aus Yarmouth abgefahren und sollten morgens um acht in London ankommen. Der Abend war schön, die Nacht aber kühl. Ich saß eingequetscht zwischen zwei Männern, die im Schlaf auf mich fielen, bis ich kaum Luft bekam und flehte: „Ach, bitte, bitte.“ Mir gegenüber saß eine Dame wie ein Heuschober im Pelz. Sie schob mir ihren Korb unter den Sitz. Wenn das Glas darin klapperte, trat sie mich und rief: „So sitz doch still. Deine Knochen sind jung genug!“

Bei Tagesanbruch schliefen alle ruhiger. Einer nach dem andern erwachte, doch keiner wollte zugeben, geschlafen zu haben. Ich verstand nicht, warum man sich so sehr schämen muss, im Wagen eingeschlafen zu sein.

London erschien mir wundervoll, voller Abenteuer und Geheimnisse. Wir hielten an einem Gasthof in Whitechapel. Der Schaffner rief: „Wartet hier jemand auf einen Knaben namens Murdstone aus Blunderstone in Suffolk?“

Niemand antwortete.

Ich sagte zaghaft: „Bitte, Sir, versuchen Sie es mit Copperfield.“

„Wartet hier jemand auf einen Knaben namens Murdstone, der sich Copperfield nennt?“ rief der Schaffner erneut.

Doch wieder meldete sich niemand. Nur ein einäugiger Spaßvogel schlug vor, man solle mir ein Halsband anlegen und mich anbinden. Ich stieg aus, während die Kutsche geleert wurde und blieb allein zurück. Da kein Abholer kam, setzte mich der Kommis auf die Gepäckwaage in der Schreibstube. Zwischen Kisten und Stallgeruch überfiel mich große Angst. Was, wenn mich niemand holte? Würden meine sieben Schillinge reichen? Hatte Mr. Murdstone mich absichtlich zurückgelassen? Sollte ich zu Fuß heimgehen oder mich als Soldat melden? Die Gedanken machten mich völlig schwindlig.

In diesem Augenblick sprach ein Mann leise mit dem Kommis. Dieser führte mich zu ihm, als wäre ich ausgeliefert worden. Ich sah meinen Begleiter an: ein hagerer, bleicher junger Mann im abgetragenen schwarzen Anzug. „Du bist der neue Junge?“ fragte er.

„Ja, Sir.“

„Ich bin einer der Lehrer von Salemhaus.“

Beschämt verbeugte ich mich. Erst nach einer Weile wagte ich an meinen Koffer zu erinnern und wir kehrten um.

„Erlauben Sie, Sir“, fragte ich, „ist es weit?“

„Nicht weit von Blackheath“, sagte er.

„Ist das weit, Sir?“

„Ein hübsches Stück. Wir fahren mit der Post. Etwa sechs Meilen.“

Ich war ganz erschöpft und gestand schließlich: „Sir, ich habe seit gestern Mittag nichts gegessen. Dürfte ich mir etwas zu essen kaufen?“

Der Lehrer wunderte sich über meinen Hunger und überlegte kurz. Dann sagte er, wir würden zuerst eine alte Frau besuchen und unterwegs Brot kaufen und bei ihr Milch trinken.

Wir kauften einen kleinen Laib Schwarzbrot für drei Pence, dazu ein Ei und etwas Schinken. Mit den Einkäufen gingen wir über die Londonbrücke und kamen zu einem kleinen Haus in einem Armenasyl. Der Lehrer öffnete eine schwarze Tür. Drinnen blies eine alte Frau ein Feuer an.

Als sie den Lehrer sah, sagte sie: „Mein Charley.“

Dann fragte er: „Kannst du diesem jungen Herrn sein Frühstück kochen?“

„Ob ich kann? Natürlich kann ich“, antwortete sie.

Beim Ofen saß noch eine zweite alte Frau, Mrs. Fibbitson, in viele Tücher gehüllt.

„Wie geht es Mrs. Fibbitson?“ fragte der Lehrer.

„Ach jämmerlich“, sagte die erste Alte, „sie hat heute ihren schlechten Tag.“

Mrs. Fibbitson wachte eifersüchtig über das Feuer und drohte mir sogar mit der Faust, weil mein Frühstück dort kochte. Als alles fertig war und das Feuer frei wurde, lachte sie laut vor Freude.

Ich aß mein Schwarzbrot, das Ei, den Schinken und trank Milch und war glücklich.

Da fragte die Alte den Lehrer: „Hast du deine Flöte bei dir?“

„Ja“, sagte er.

„Spiele etwas“, bat sie.

Er baute seine Flöte zusammen und begann zu spielen. Die Musik machte mich traurig, dann hungrig und schließlich schläfrig. Ich konnte die Augen kaum offenhalten. Ich sank ins Dösen. In meinem Halbschlaf sah ich die Stube verschwimmen, die alten Frauen, den Schullehrer mit seiner kläglichen Flöte. Einmal träumte ich, die Alte lege ihm den Arm um den Hals. Ich hörte sie sagen: „Ist es nicht köstlich?“

Ich schlief fest, bis mich eine Bewegung weckte. Der Lehrer hatte die Flöte weggelegt und führte mich hinaus. Wir stiegen auf das Dach eines Omnibusses. Unterwegs setzte man mich hinein. Schließlich fuhr der Wagen langsam einen Hügel hinauf, dann hielt er.

Wir standen vor dem Salemhaus, umgeben von einer hohen Ziegelmauer. Über der Tür stand „Salemhaus“. Nach unserem Klingeln erschien hinter dem Gitter ein mürrisches Gesicht. Die Tür öffnete sich: Vor uns stand ein dicklicher Mann mit Stiernacken, Holzbein und kurz geschnittenem Haar.

„Der neue Junge“, sagte der Lehrer.

Der Mann mit dem Holzbein musterte mich lange, schloss die Tür ab und wir gingen über den Hof. Da rief er zurück: „Hallo! Der Schuhmacher war da. Deine Stiefel sind nicht mehr zu flicken.“ Mit diesen Worten warf er die Stiefel Mr. Mell – so hieß der Lehrer – vor die Füße

Das Salemhaus wirkte leer und still. Ich sagte zu Mr. Mell, die Schüler seien wohl ausgegangen. Er erklärte mir, dass Ferien seien. Auch Mr. und Mrs. Creakle seien verreist und ich sei hierhergeschickt worden, um die Ferien allein zu verbringen.

Die Schulstube war ein trostloses langes Zimmer mit Reihen von Pulten und Bänken. Auf dem Boden lagen alte Blätter, auf den Tischen standen Käfige mit kleinen Mäusen und ein einsamer Vogel hüpfte stumm im Käfig. Es roch dumpf nach Moder und alten Büchern.

Ich ging zum Lehrerpult. Dort lag ein Schild mit der Aufschrift: „Acht geben. Er beißt.“

Ich kletterte erschrocken auf das Pult.

Mr. Mell kam zurück und fragte: „Was tust du da oben?“

„Ich suche den Hund, Sir.“

„Hund?“

„Vor dem man sich hüten soll, weil er beißt.“

„Nein, Copperfield“, sagte er ernst. „Das ist kein Hund. Das bist du. Ich habe den Befehl, dir dieses Schild auf den Rücken zu binden.“

Er band mir das Plakat um. Von da an musste ich es ständig tragen. Es war furchtbar. Ich fühlte mich immer beobachtet und glaubte, jeder müsse lesen, was auf meinem Rücken stand. Der Pförtner mit dem Holzbein schrie mir zu: „Heda, Copperfield! Lass mich das Ehrenzeichen sehen!“

Auf dem kahlen Hof wusste ich, dass alle Dienstleute den Zettel lasen. Wer kam oder ging, sah: „Acht geben. Er beißt.“ Ich begann mich selbst vor mir zu fürchten.

In der alten Tür waren Namen eingeritzt. Ich stellte mir vor, wie die Schüler die Worte laut vorlesen würden. Nachts träumte ich, ich stünde überall nur im Hemd und mit dem Schild auf dem Rücken.

Täglich hatte ich lange Stunden Unterricht bei Mr. Mell, der freundlich war. Vor und nach dem Lernen musste ich unter Aufsicht des Mannes mit dem Holzbein im feuchten Hof auf und ab gehen. Um ein Uhr aßen wir allein zu Mittag, später arbeiteten wir bis zum Tee.

Abends saß Mr. Mell über Rechnungen an seinem Pult. Dann holte er seine Flöte hervor und blies jammernde Töne.

Ich sehe mich im schwach erhellten Zimmer sitzen und Mr. Mells kläglicher Musik zuhören, während ich für den nächsten Tag lerne. Ich lege die Bücher weg und höre weiter und in den Tönen erkenne ich mein früheres Zuhause und den Wind von Yarmouth. Ich gehe traurig zu Bett und sehne mich nach einem Wort von Peggotty.

Am Morgen fürchte ich die Schulglocke und den Moment, wenn der Mann mit dem Holzbein das Tor öffnet und Mr. Creakle kommt, während ich noch immer das Schild trage: „Acht geben. Er beißt.“

Mr. Mell redete wenig mit mir, war aber stets freundlich. Oft murmelte, lachte oder gestikulierte er allein vor sich hin. Zuerst machte mir das Angst, doch ich gewöhnte mich daran.

6. Kapitel

Ich erweitere den Kreis meiner Bekanntschaft

Etwa einen Monat lebte ich allein in Salemhaus, bis der Mann mit dem Holzbein mit Besen und Eimer erschien und die Rückkehr von Mr. Creakle und der Schüler ankündigte. Die Schulstube wurde gründlich gefegt, überall wirbelte Staub und ich nieste unaufhörlich. Mr. Mell sagte mir schließlich, Mr. Creakle werde am Abend eintreffen. Nach dem Tee holte mich der Mann mit dem Holzbein ab und brachte mich in den schöneren Teil des Hauses. In einem Lehnstuhl saß Mr. Creakle, neben sich Glas und Flasche.

„So“, sagte er, „das ist also der junge Herr, dem die Zähne abgefeilt werden müssen! Dreh ihn um.“

Der Mann zeigte mein Plakat. Mr. Creakle ließ mich wieder herumdrehen, sah mich an und fragte: „Was ist von dem Knaben zu melden?“

„Es liegt noch nichts gegen ihn vor“, antwortete der Mann.

Mr. Creakle wirkte enttäuscht. Dann winkte er mich heran, nahm mein Ohr zwischen die Finger und flüsterte: „Ich habe das Glück, deinen Stiefvater zu kennen. Er ist ein Mann von starkem Charakter. Kennst du mich auch? He?“

„Noch nicht, Sir“, sagte ich.

„Noch nicht? Aber du wirst es bald. He?“

Der Mann mit dem Stelzfuß echote: „Wirst bald!“

Mr. Creakle kniff mich noch einmal zum Abschied und sprach: „Ich bin ein Eisenschädel.“

„Ein Eisenschädel“, wiederholte der Mann.

„Wenn ich sage, es soll etwas geschehen, dann geschieht es. Ich tue meine Pflicht. Selbst mein Fleisch und Blut verstoße ich, wenn es sich mir widersetzt. Führe ihn fort.“

Ich wollte schon gehen, als ich zu bitten wagte: „Verzeihen Sie, Sir. Wenn Sie mir erlauben wollten, den Zettel abzulegen, ehe die Knaben zurückkommen – ich bereue so sehr …“

Mr. Creakle sprang wütend auf. Ich floh, rannte bis in mein Zimmer und lag dort zitternd im Bett.

Am nächsten Morgen kehrte Mr. Sharp zurück, der erste Lehrer. Auch die Schüler trafen nach und nach ein. Als erster kam Tommy Traddles, der mir erklärte: „Mein Name steht rechts am Tor. Traddles.“ Er lachte über mein Plakat und stellte mich überall vor: „Schaut her, das ist ein Jux.“

Die meisten Jungen waren selbst niedergeschlagen und machten nicht so viel Spott wie ich befürchtet hatte. Einige liefen um mich herum, als sei ich ein Hund und sagten: „Schön sitzten“ oder sie streichelten mich, doch alles verlief erträglicher als erwartet.

In die Schule aufgenommen war ich jedoch erst, als J. Steerforth erschien. Man führte mich unter ein Schutzdach auf dem Hof wie vor einen Richter. Er musterte mich, fragte nach meiner Strafe und erklärte schließlich: „Das ist eine Affenschande und ein Riesenjux.“

Für diese Worte war ich ihm auf ewig dankbar.

„Wie viel Geld hast du dabei, Copperfield?“ fragte Steerforth und führte mich beiseite.

Ich sagte, ich hätte sieben Schillinge.

„Es ist besser, du gibst sie mir zum Aufheben. Du musst nicht, wenn du nicht willst.“

Ich öffnete Peggottys Börse und schüttete ihm das Geld in die Hand.

„Willst du jetzt etwas davon ausgeben?“ fragte er.

„Nein, ich danke“, antwortete ich.

„Vielleicht eine Flasche Johannisbeerwein? Du schläfst doch in meinem Raum.“

„Ja, das möchte ich“, sagte ich.

„Und Mandelkuchen? Biskuits? Obst?“

„Ja“, antwortete ich jedes Mal.

„Gut“, sagte Steerforth. „Wir lassen es richtig lang reichen. Ich schmuggle alles hinein.“

Abends hatte er für die sieben Schillinge allerlei gekauft und legte die Sachen im Mondschein auf mein Bett. „So, kleiner Copperfield, ein königliches Mahl“, sagte er.