David Tage Mona Nächte - Andreas Steinhöfel - E-Book

David Tage Mona Nächte E-Book

Andreas Steinhöfel

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Beschreibung

Mona will David kennenlernen, aber sie will ihn nicht treffen, sie will ihm Briefe schreiben. Und David, der Wortkarge, der Coole, der sich nicht ausdrücken kann, soll zurückschreiben. Nur zögerlich lässt er sich darauf ein, und nach und nach kommt in den Briefen ein anderer David zum Vorschein - einer, der seinem kleinen Bruder die Windeln wechselt, der ein Problem damit hat, jünger zu sein als Mona, und der schließlich alles von ihr wissen will. Doch plötzlich ist es Mona, die David etwas verschweigt...

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Außerdem von Andreas Steinhöfel im Carlsen Verlag lieferbar: Beschützer der Diebe David Tage Mona Nächte Defender Der mechanische Prinz Die Mitte der Welt Dirk und ich Es ist ein Elch entsprungen Froschmaul Geschichten Oskar, Rico und die Tieferschatten Oskar, Rico und das Herzgebreche Trügerische Stille CARLSEN Newsletter Tolle neue Lesetipps kostenlos per E-Mail!www.carlsen.de Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden. Veröffentlicht im Carlsen Verlag Copyright © 1991, 2002, 2008, 2010 Carlsen Verlag GmbH, Hamburg Umschlagbild: Photocase.com / © mi.la Umschlaggestaltung: formlabor Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-646-92024-6 Alle Bücher im Internetwww.carlsen.de

18. Juli 1998

endlich mal ein Tag ohne Jacke

Lieber David,

ich liege hier, nicht auf dem Bett, nicht auf dem Sofa, sondern auf dem Fußboden im Wohnzimmer. Auf dem grau-weißen Teppich, grobes Marmormuster. Über mir, an der Decke, das grau-weiße Tapetenmuster. Sieht aus wie mit dem Besen rangewischt. Ist überall so bei uns. In einem Zimmer grau-weiß, im anderen rot-weiß, im anderen grün-weiß, in einem gelb-weiß. Der vorige Freund meiner Mutter fand das gut. Und sie hat’s so gelassen. Von jedem, der hier gewohnt hat, gibt es Spuren.

Trage eine blau-weiße Bluse, neu, ohne Ärmel und hab mich in der Scheibe von der Balkontür angesehen. Ob ich dir darin gefallen würde? Vielleicht würdest du sagen – kariert wie eine Küchengardine. Mir gefällt, dass meine Schultern zu sehen sind.

Draußen blau-weiß der Himmel. Deswegen liege ich auf dem Boden. Von hier aus sehe ich nur den Himmel, Wolkenberge, Schwalben, zwei fliegen immer aufeinander zu. Na ja, ich träume.

Dass jemand angeflogen kommt. Kannst du dir denken, wen ich meine? Und dass es gleich an der Tür klingelt.

Keiner ist da. Autos höre ich, eine heisere Krähe, Spatzen, ein Flugzeug, einen Bus, die Bremse quietscht. Und ein kleines Kind quietscht. Schreit. Ist bestimmt hingefallen. Bären ziehen über den Himmel – und Mickymäuse.

Es sind Wolken, aber ich sehe Landschaften und Tiere,

es ist blaue Luft, aber ich sehe dein Gesicht.

Es ist Sonnenlicht, aber ich sehe deine hellen braunen Augen.

Erinnerst du dich noch an den alten Mann, den wir am Ku’damm gesehen haben? Genau vor acht Tagen. Zwischen Wasserklops und Gedächtniskirche saß er im Rollstuhl, hat zur Musik aus seinem Kassettenrekorder gesungen und mit Löffeln dazu gespielt. Du standst am Straßenrand – ich auch. Wir haben auf die Schlagerparade gewartet. Und als der Musikwagen beim Europa-Center zu sehen war und langsam näher kam, drehte der alte Mann mit dem Zylinder seine Musik auf und schlug mit den Löffeln den Rhythmus noch lauter. Alle Leute schauten sich nach ihm um. Er ist aufgefallen mit seiner guten Laune. Neben ihm saß ein Dackel auf einem Kissen. Der Mann ist in seiner Wohnung erstochen worden. Habe ich heute in der Zeitung gelesen.

Seinetwegen haben wir uns das erste Mal angelacht.

Es war so ein Tag, an dem alle Leute einen Regenschirm dabeihatten und ihn nicht benutzten und die Jacke über dem Arm trugen. An der Treppe vor der Gedächtniskirche stand die alte Frau mit der Pappe, auf der steht: »Ficken ist Frieden«. Meine Mutter hat gesagt, die hält bestimmt schon seit fünfzehn Jahren mehrmals in der Woche ihre Botschaft hoch.

Das zweite Mal haben wir uns angelacht, als alle Leute bei Wolfgang Petri mitgesungen haben: »Hölle, Hölle, Hölle«, da sind wir mitgegangen, ich bin einfach gelaufen, als du gelaufen bist, war wie magnetisch. Am Marmorhaus vorbei, am Café Kranzler vorbei. Da entdeckten wir den Mann mit der Mickymaus um den Hals, mit Rucksack und in Stiefeln. Sonst ganz nackt. (Habe geguckt, ob sein Pimmel beim Laufen hoch und runter oder von links nach rechts wippt.) War der stolz, als er von irgendwelchen Fernsehleuten von unten nach oben und wieder nach unten gefilmt wurde. Danach blieben wir stehen und die Parade lief weiter mit »Piep piep piep«. Die Fernsehleute filmten ein küssendes Paar, ganz nah, und die haben sich weitergeküsst und nichts gemerkt. Wir sahen auch zu. Plötzlich waren wir zu zweit am Ku’damm.

Deine Mona

Berlin, den 21.07.98

Hallo Mona,

wie fang ich jetzt bloß an? Du hast mich ganz schön überrumpelt. Als du gesagt hast, du würdest mir schreiben, da dachte ich: Das macht die nie. Die erzählt nur so rum. Und was soll das überhaupt, sich zu schreiben, schließlich, wozu gibt’s Telefon? Briefeschreiben finde ich altmodisch.

Warum hast du mir nicht einfach deine Telefonnummer gegeben?

Früher musste ich immer meiner Patentante schreiben. Die wohnt irgendwo in Süddeutschland, ich hab sie nie besucht in ihren Schwäbischen Alpen. Zu jedem Geburtstag und zu jedem Weihnachten hat sie mir ein Buch geschickt. Was okay war, weil meine Eltern nie Geld für Bücher ausgeben wollten – tun sie heute noch nicht. Ich lese gern. Aber bei den Dankschreiben an meine Patentante hab ich mir regelmäßig die Finger abgebrochen. Ich kann nicht so gut von mir erzählen. Ich bin kein guter Briefeschreiber.

Sich zu treffen wäre doch viel netter, findest du nicht? Ich würde dich wirklich gern wiedersehen, Mona. In dieser blau-weiß karierten Bluse zum Beispiel. Die könnte von mir aus irgendwelche Flecken haben oder auch Mickymäuse drauf, völlig egal. Hättest du vielleicht mal Lust auf ein Eis oder so was?

Soll ich wirklich bei dir klingeln?

Würdest du aus den Wolken fallen?

Ich weiß nicht. Ich dachte halt: Die siehst du nie wieder, schade. Und jetzt schreibst du mir was von meinen Augen. Das bringt mich durcheinander. Das würde jeden durcheinanderbringen, oder?

O Mann, was für ein Gekritzel, und dabei ist das schon der siebte Anlauf, also schick ich diesen Brief einfach mal los, sonst wird ja nie was draus. Der nächste wird besser. Versprochen! Aber denk noch mal über das Telefon nach, ja? Am Telefon bin ich wirklich besser.

Dein David

PS: Das mit dem alten Mann tut mir leid. Ich frag mich, was wohl aus seinem Dackel geworden ist …

24.7.1998

Lieber David,

so schnell hast du geantwortet. Post für dich, hat mein Bruder gesagt. Wer ist denn das?

Hast doch schon den Absender gelesen.

Der liest, was er kriegen kann.

Ja, hat er gesagt. Wer is’n das?

Ich hab mir den Brief geschnappt und bin in mein Zimmer. War das schön. Langsam den Umschlag aufzuppeln, dann das Blatt rausfischen, deine Schrift, aber erst mal am Papier schnuppern.

Wie kann ich über das Telefonieren nachdenken, wenn du sagst, der nächste Brief wird besser. Auf den bin ich ja jetzt schon gespannt, da ruf ich lieber nicht an. Außerdem – ich und Telefon.

Ich wette, wenn ich deine Stimme höre, na ja, wie ich eben bin am Telefon: leer im Kopf, wenn ich jemanden noch nicht so gut kenne und aufgeregt bin. Es fällt mir dann plötzlich nichts ein. Und schweigen an der Strippe? Das geht nicht. Es ist immer so, kaum habe ich aufgelegt, denke ich, das hättest du sagen können und das wolltest du doch erzählen. Und hab es nicht. Oder nur schnell was Doofes gesagt und bereue es hinterher. Ich kann einfach nicht telefonieren. Mir wird schon mulmig, wenn ich nur dran denke. Weißt du, der Freund von meiner Mutter zahlt die Telefonrechnung. Und er stinkt immer rum, wenn ich oder meine Schwester lange reden. Läuft dauernd durch den Flur oder guckt aus dem Wohnzimmer raus, und einmal habe ich mit meiner Freundin gequatscht, da war’s plötzlich still in der Leitung. Was war? Der Typ hat den Stecker rausgezogen. Nur damit ich aufhöre. Der wollte gar nicht selber telefonieren.

Können wir uns weiter schreiben?

Würdest du es versuchen?

Wir können ja alles weglassen mit »Danke für deinen Brief. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Wie geht es dir? Mir geht es gut«. Das habe ich früher in meinen Briefen an meine Patentante geschrieben.

Jetzt habe ich bloß über Telefonieren und Briefeschreiben geschrieben … ich erzähl dir noch was von mir.

Meine Mutter sitzt den ganzen Abend am Küchentisch und raucht. Sie denkt darüber nach, ob sie sich mal wieder von ihrem Typen trennen soll. Er ist ein Flop.

Ich rede nicht mit ihm. Kann es nicht hören, wie er sie immer anschreit. Da will ich gar nicht in der Nähe sein. Wenn meine Mutter so leben will, soll sie. Aber ohne mich. Am liebsten würde ich abhauen.

Meine Schwester hängt nur in ihrem Zimmer und guckt aus dem Fenster, wenn sie nicht gerade auf dem Klavier rumhackt. Sie ist jünger als ich und eigentlich ganz nett, man müsste mal mehr mit ihr reden. Mit meinem Bruder habe ich nicht so viel zu tun. Nur wenn wir uns um die Wäsche streiten. Er stopft seine Socken in den Wäschekorb, ohne sie auseinanderzumachen, und er leert nie seine Hosentaschen aus. Dabei ist er älter als ich. Wenn ich Geld drin finde, behalte ich es. Das ist mein Lohn fürs Wäschewaschen.

Hast du auch Geschwister?

Was machst du so den ganzen Tag außer Schule?

Und wenn du bei mir klingelst? Bin schon bei dem Gedanken ganz aufgedreht.

Stell dir vor, wir würden beide zur selben Zeit loslaufen, wo würden wir uns wohl treffen?

Über Stock und über Stein. Doch, du siehst mich wieder.

Mona

25.07. – echt schnell, oder?

Hallo Mona,

wenn ich cool wäre, dann würde ich sagen: Die will Spielchen? Die will Briefe? Soll sie haben! Kinomäßig eben …

Aber ich bin nicht cool. Na ja, jedenfalls nicht tief unten oder tief drinnen oder wo auch immer man das ist. Und dass ich dir das sage – anvertraue –, das bedeutet schon eine Menge. Der Rest der Welt findet mich nämlich einigermaßen cool, schätze ich. Manche Leute verwechseln das ja. Die sehen, dass du die Klappe hältst und selten grinst, und schon halten sie dich für den Obermacker.

Aber du bist nicht »die« und du bist schon gar nicht der Rest der Welt. Für mich bist du Mona, und ob du es glaubst oder nicht: Auch das bedeutet eine Menge.

Mona, Mona, Mona. (Ich muss das jetzt ein paar Mal schreiben, nur so, okay?)

Echt schöner Name.

Ich hab mich irrsinnig über deinen Brief gefreut, als ich ihn vorhin auf unserem Küchentisch liegen sah, und am Papier gerochen hab ich auch. Was gab’s bei euch zu Mittag, gefüllte Paprika?

Ich habe auch Geschwister. Da ist Pitie und da ist Lara. Pitie ist unser kleiner Scheißer, ein echter Winzling, ziemlich genau ein Jahr alt. Um Pitie muss ich mich ständig kümmern, weil meine Mutter ganztags arbeitet. Mein Vater natürlich auch. Ich sag dir gleich: Ich liebe Pitie über alles. Er ist mein Augapfel. Leider kackt er sich ständig ein und macht jede Menge Stress. Und Lara ist zu klein, um zu helfen. Sie ist sieben und total altklug, das kann einem tierisch auf den Geist gehen. Ihren Namen hat sie aus einem Film, Doktor Schiwago, dem Lieblingsfilm meiner Mutter. Die hat neulich gesagt, der wäre für sie gewesen, was für unsere Generation Titanic ist. Den hast du doch gesehen, oder? Alle haben ihn gesehen. Stehst du auf Leonardo?

Dieser Schiwago jedenfalls: Irgendwas mit einem Arzt und Revolution in Russland, also viel Blut und Fahnengeschwenke und dazwischen diese Lara eben. Große unglückliche Liebe und die ganze Zeit noch Winter dabei. Als ich den Film geguckt habe, bin ich eingepennt, wegen Überlänge. Aber die Musik war ganz okay. Eigentlich richtig schön. Jedenfalls, ich schätze, meine Mutter hätte gerne einen Arzt geheiratet oder ein Glutauge wie diesen Schauspieler, seinen Namen hab ich vergessen. Und deshalb heißt Lara Lara.

Und weißt du, es strengt echt an, sich dauernd um die Kleinen zu kümmern. Pitie ist vormittags bei meiner Oma, aber die ist so tüddelig, dass ich immer froh bin, wenn ich Pitie lebend bei ihr rauskriege. Lässt mit ihren Kippen alles anbrennen, dabei ist sie noch gar nicht so alt. Vergesslich wie sonst was. Wenn ich dann mit Pitie nach Hause komme, geigt Lara meistens schon durch die Wohnung. Irgendwie schafft sie es immer, was zu verwüsten. Dann gibt’s Essen – nicht nach der Verwüstung, sondern überhaupt. Meine Mutter kocht abends vor. Dann wieder Pitie, während Lara Hausaufgaben macht. Wenigstens ist sie nicht doof, ich muss ihr nicht viel helfen, nur immer alles angucken, jedes blöde kleine Bild, das sie malt. Insgesamt bin ich aber ziemlich stolz auf sie. Schlüsselkind mit sieben Jahren, das muss man erst mal bringen. Die ganze Selbstständigkeit. Na ja, ich hab’s ja auch gebracht in ihrem Alter. So richtig lange warten muss Lara auch nicht auf mich. Mittwochs und donnerstags bin ich sogar vor ihr zu Hause.

Aber eigentlich dreht sich alles um Pitie, er ist halt noch so klein. Manchmal hasse ich ihn und seine vollgekackten Windeln, weil dafür so viel von meiner Freizeit draufgeht. Aber dann muss er mich nur angrinsen mit seinen kleinen Zähnen und manchmal gluckst er so rum, dann bin ich voll in ihn verknallt.

Bruder und Schwester also, dieselbe Kombination wie bei dir. Und wie ist das genau mit dem Freund deiner Mutter? Dass der nicht der erste ist, hast du ja schon im letzten Brief geschrieben. Was ist mit deinem Vater? Sind deine Eltern geschieden? Wie ist das, wenn die Mutter einen Geliebten hat?

Ist es stiefvatermäßig?

Wie du siehst, gibt es jede Menge zu schreiben. (Hmm … eigentlich müsste ich das sehen. Tu ich ja auch. Und es ist ganz okay mit dem Schreiben, aber mir tut schon die linke Hand weh. Hast du gewusst, dass ich Linkshänder bin?)

Über Stock und über Stein. Das gefällt mir. Irgendwann werde ich die ganze Strecke zu dir laufen. Rennen. Wenn du mich lässt, alte Brieftante!

Schreib mir.

David

27.7.

David, wir haben nur einen Nachmittag miteinander verbracht. Vor fast drei Wochen. Und nun dein zweiter Brief und fünfmal mein Name drin.

Diesen Brief habe ich, die alte Brieftante, viermal angefangen. Weiter weiß ich nicht.

Meinst du wirklich mich?

28.7.

Ferien bei meinen Großeltern. Mit meiner Schwester. Das heißt spazieren gehen in der ega, dem Park hier. Jedes Jahr wieder. Blumen felderweise und nach Farben sortiert sind unangenehm in diesen Mengen. Na ja, dann gibt’s Kuchen und Eis, und Kaffee lassen sie uns jederzeit trinken. Dann all das Essen, das meine Mutter nicht kocht. Rouladen, Klöße, Sauerbraten. Das dauert ihr zu lange, es muss ewig vorbereitet werden, sagt sie. Abends kocht sie auch nichts mehr vor. Wenn wir Glück haben, können wir am nächsten Tag Reste essen. Das finde ich ziemlich lecker. Ich esse gern Töpfe leer. Sonst ist nichts da zum Mittag. Außer Dosen. Meistens essen wir Nasigoreng oder Ravioli. Mein Bruder macht gerade mal die Dosen auf, den Rest darf ich machen. Er ist ein fauler Sack. Mittlerweile bin ich darauf gekommen, das Essen nicht im Topf warm zu machen, sondern die Dose in einen Topf mit heißem Wasser zu stellen. So wird das Essen auch warm und ich spare das Topfabwaschen.

Bestimmt hat der Postbote Paprikaschoten gemampft.