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Debütanten in der Frankfurter Verlagsanstalt E-Book

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Beschreibung

Das vorliegende, über 300 Seiten umfassende Einleseheft stellt eine Reise durch fast 20 Jahre Verlagsarbeit anhand ausgewählter Debüts von 12 Autorinnen und Autoren dar. Neben einem Vorwort des Verlegers Joachim Unseld sind umfangreiche Autoren- und Titelinformationen sowie Leseproben zu den einzelnen Werken zusammengestellt. Die Frankfurter Verlagsanstalt (FVA) ist ein unabhängiger Literaturverlag mit einem ausgesuchten und bewusst auf wenige Titel begrenzten belletristischen Programm. Jahr für Jahr werden hier neue Autorinnen und Autoren mit ihren Debütromanen präsentiert. Literarische Debüts, sorgfältig aus der Fülle neuer Manuskripte ausgewählt, die sich gegen den lauten Markt der Unterhaltungsliteratur richten, die begeistern, Bestand und Substanz haben. Viele dieser literarischen Entdeckungen benötigen Zeit, um sichtbar zu werden, einige Autoren hingegen etablieren sich mit ihren Debüts umgehend auf dem Buchmarkt, wie beispielsweise Zoë Jenny mit »Das Blütenstaubzimmer«, welches bis heute in 27 Sprachen übersetzt wurde und 1997 in der FVA erschien.

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Seitenzahl: 398

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Debütanten in der Frankfurter Verlagsanstalt. Einleseheft 2017

1Vorwort des Verlegers Joachim Unseld

2Sven Amtsberg: SUPERBUHEI

2.1Über den Autor

2.2Über den Roman

2.3Leseprobe

3Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne

3.1Über die Autorin

3.2Über den Roman

3.3Leseprobe

4Sandra Weihs: Das grenzenlose Und

4.1Über die Autorin

4.2Über den Roman

4.3Leseprobe

5Julia Wolf: Alles ist jetzt

5.1Über die Autorin

5.2Über den Roman

5.3Leseprobe

6Sabine Kray: Diamanten Eddie

6.1Über die Autorin

6.2Über den Roman

6.3Leseprobe

7Thomas Martini: Der Clown ohne Ort

7.1Über den Autor

7.2Über den Roman

7.3Leseprobe

8Britta Boerdner: Was verborgen bleibt

8.1Über die Autorin

8.2Über den Roman

8.3Leseprobe

9Fee Katrin Kanzler: Die Schüchternheit der Pflaume

9.1Über die Autorin

9.2Über den Roman

9.3Leseprobe

10Thomas von Steinaecker: Wallner beginnt zu fliegen

10.1Über den Autor

10.2Über den Roman

10.3Leseprobe

11Nora Bossong: Gegend

11.1Über die Autorin

11.2Über den Roman

11.3Leseprobe

12Christa Hein: Der Blick durch den Spiegel

12.1Über die Autorin

12.2Über den Roman

12.3Leseprobe

13Zoë Jenny: Das Blütenstaubzimmer

13.1Über die Autorin

13.2Über den Roman

13.3Leseprobe

1Vorwort des Verlegers Joachim Unseld

© Laura J Gerlach

»Ein klares Profil in internationaler und deutscher Belletristik: Unseld verkörpert den in seiner Generation rar gewordenen Verlegertypus, der ein Gespür für literarische Entdeckungen mit kaufmännischem Geschick verbindet. Hier lektoriert der Chef noch selbst.« (FAZ)

»Stabiler Ruf für literarische Perlen.« (SZ)

»Hier liest der Chef noch selbst!« (Focus)

Liebe Leser neuer Literatur,

»Argument für das Leben«, so betitelte die Frankfurter Rundschau die Kritik des gerade erschienenen Romans »Das grenzenlose Und«, der erste Erfolg versprechende Wurf von Sandra Weihs, der mit dem renommierten Jürgen-Ponto-Preis für das beste deutschsprachige Romandebüt des Jahres 2015 ausgezeichnet wurde.

Argumente für das Leben zu finden, den Wert des Lebens zu erkunden, gegen alle äußeren und inneren Widerstände, das ist ein gutes Motto für die besondere Literatur, die wir in der alten und jungen Frankfurter Verlagsanstalt herausbringen: »Alt«, weil der Verlag in den 1920er Jahren zum ersten Mal gegründet wurde (1953 erschien hier das Lyrikdebüt Ingeborg Bachmanns »Die gestundete Zeit«), und »jung«, weil ich 1995 den damals stillgelegten Verlag nochmals unter demselben Namen neu gegründet habe. Vom Suhrkamp Verlag kommend, habe ich in den letzten beiden Jahrzehnten als Independent-Verleger unbekannte, junge Autoren aus dem In- und Ausland verlegt und erfolgreich mit ihrem Werk etabliert. Moderne, anspruchsvolle, riskante, aufrichtige Literatur. Literatur, die neue Verstehensweisen der Welt auslotet und jeweils einen eigenen literarischen Stil prägt. Die Frankfurter Verlagsanstalt versteht sich als der Verlag für literarische Entdeckungen. Was vom Kommerziellen her betrachtet immer ein schwieriges, ja waghalsiges Geschäft bedeutet, denn selbst die besten jungen Autoren*innen brauchen Zeit, um sichtbar zu werden, sich durchzusetzen, um ein Werk aufzubauen. Das ist in unserem Verlag nur mit unserer Begeisterung für spannende, junge Literatur und unserer völligen Unabhängigkeit von Konzernen zu schaffen.

Begonnen haben wir 1995 mit dem Debüt Ernst-Wilhelm Händlers, »Stadt mit Häusern«, über den später die FAZ schreiben sollte: »Händler ist einer der größten Neuerfinder der deutschen Gegenwartsliteratur«. In rascher Folge erschienen danach so erfolgreiche Debüts wie »Das Blütenstaubzimmer« von Zoë Jenny, ein Roman, der sich bis heute in über 500.000 Exemplaren verkaufte und in 27 Sprachen übersetzt wurde. Es folgten die ersten Romane so bedeutender Autoren wie Christoph Peters (»Stadt, Land, Fluß«), Marion Poschmann (»Baden bei Gewitter«), Nora Bossong (»Gegend«), Thomas von Steinäcker (»Wallner beginnt zu fliegen«), bis zu den aktuellen Debüts von Julia Wolf (»Alles ist jetzt«) und Sandra Weihs (»Das grenzenlose Und«). Alles Autoren, die für Ihr Debüts, aber dann auch für das weitere Werk beste Kritiken und wichtige literarische Preise erhielten.

Programm für Programm stellt die Frankfurter Verlagsanstalt ausgesuchte neue Literatur vor, sorgfältig ausgewählt aus dem fast unüberschaubaren Angebot neuer Manuskripte (etwa 1.500 unverlangt eingesandte Manuskripte erreichen uns jährlich), Texte, die sich gegen den lauten Markt der Unterhaltungsliteratur richten, neue Stimmen, neue Talente, für die wir uns begeistern.

Mit Erfolg, wie uns die Presse attestiert:

»Mit Mut und einem immer seltener werdenden Literaturgeschmack«, schrieb die Neue Zürcher Zeitung über das Programm der FVA. »Keine Buchfabrik, sondern ein unabhängiger und rein literarischer Verlag mit hohen Qualitätsansprüchen«, urteilt das Goethe Institut.

»Die FVA ist einer der angesehensten Verlage Deutschlands. Unseld hat einen Riecher für Talente: Er entdeckt den jungen Christoph Peters, bringt Zoë Jenny heraus, verlegt Ernst-Wilhelm Händler. Er ist ein Büchermacher der alten Schule.« (Stern)

»Statt hastig zusammengeschusterter Massenware individuelle Arbeit mit jedem einzelnen Autor.« (Süddeutsche Zeitung)

»Debütantinnen wie Sandra Weihs oder Julia Wolf verfügen über einen starken Zugriff auf die dreckigen Ecken dieser Gesellschaft, in denen mehr kaputt ist, als jemals wieder heilen kann.« (Die ZEIT)

Im Frühjahr 2016 konzentrieren wir uns ganz auf das wunderbare Romandebüt Anna Galkinas »Das kalte Licht der fernen Sterne«. In einer klaren Sprache, ebenso hart wie verständlich, ebenso schön wie verstörend erzählt sie von einer Jugend in der Sowjetunion der 1980er Jahre, von Schicksalen, die lange nachhallen.

Schonungslos und mit großer Warmherzigkeit ihren Figuren gegenüber lässt sie die Welt ihrer jungen Protagonistin Nastja lebendig werden – ein Roman voller Poesie und Gewalt, feinem Humor und tragischen Momenten, die ich jedem Liebhaber junger Literatur nur empfehlen kann.

Für Anna Galkina, für alle unsere Debütromane, in die Sie hier hineinlesen können, wünsche ich mir Ihre Aufmerksamkeit.

Mit meinen besten Grüßen

Joachim Unseld

Frankfurt am Main, im Januar 2016

2Sven Amtsberg: SUPERBUHEI

2.1Über den Autor

© Maike Hogrefe

Sven Amtsberg, geboren 1972 in Hannover, lebt in Hamburg und ist Autor, Veranstalter und Moderator diverser Entertainmentformate. Er betreibt das Autorendock, eine private Autorenschule, an der Dozenten wie Juli Zeh, Frank Schulz oder Tilman Rammstedt Seminare geben. Für das Hamburger Abendblatt schrieb er die wöchentliche Kolumne »Amtsbergs Ansichten«. Zuletzt erschien sein Erzählband »Paranormale Phänomene. Fast wahre Geschichten.«. »Superbuhei« ist sein Romandebüt.

»Dieser Mann ist ein Lügner. Ein Scharlatan. Ein Einseifer und Augenwischer. Kurz: ein Künstler. … Wie Heinz Strunk mit einem gehörigen Schuss Kafka.« Daniel Haas, DIE ZEIT

Zur Homepage von Sven Amtsberg. (Link: www.amtsberg.net)

2.2Über den Roman

Sven Amtsberg

»SUPERBUHEI«

Roman

Frankfurter Verlagsanstalt

März 2017

384 Seiten

ISBN978-3-627-00234-3

eISBN978-3-627-02244-0

Dass Hannover-Langenhagen der Platz sein würde, den das Leben ihm zugedacht hat, hätte Jesse Bronske nicht geglaubt. Und dass die Sitzschönheit Mona die Frau an seiner Seite sein würde, ebenso wenig. Mona ist Kassiererin im »SUPERBUHEI«, wo Jesse auch die Kneipe »Klaus Meine« betreibt. Tag für Tag schenkt er trostlosen Gestalten Drinks aus, die er nach Scorpions-Songs Gin of Change oder Grog you like a hurricane genannt hat. Doch der Wunsch nach Einzigartigkeit wurde ihm zeitlebens von seinem Zwillingsbruder Aaron auf gemeine Art vereitelt. Aaron, der ihm so sehr gleicht, dass noch nicht einmal ihr Vater, Imbissbudenbesitzer und Elvis-Imitator in Hamburg-Rahlstedt, sie auseinanderhalten kann. Jesse war vor Aaron geflohen, doch als er eines Nachts vor seinem Haus eine dunkle Gestalt im Maisfeld sieht, ist er sich plötzlich sicher: Aaron ist zurückgekehrt, um ihn zu ersetzen.

Sven Amtsbergs furioses Romandebüt ist Komödie und Vorstadtroman, am Ende sogar ein Thriller, eine Symbiose von Sven Regeners »Herr Lehmann«, Frank Schulz’ »Onno Viets« und »Fight Club«. Der unverwechselbare Sound von Amtsberg, hanseatisch-lakonisch, zart-melancholisch, ein »Unernst mit Tiefenwirkung« (Hamburger Abendblatt) und sein schräger, unschlagbar charmanter Witz machen diesen Roman zu einem unwiderstehlichen Spaß.

»In der literarischen Performance-Szene Hamburgs ist er schon lange der bunte Hund, die Rampensau, der komische Vogel – und jetzt will dieser Sven Amtsberg auch noch einen Roman voller skurrilem Horror und lustiger Depression können? Ja, will er. Und kann er!« Frank Schulz

2.3Leseprobe

SEND ME AN ANGEL

Mona kann Zigarettenrauch auf hundert verschiedene Arten ausatmen. Sie ist da wie die Eskimos und der Schnee. Oder wie auch immer Eskimos heutzutage korrekt heißen. Mittlerweile sind wir so lange zusammen, dass ich fähig bin, diese Gebilde zu deuten. Mal wächst der Rauch langsam aus dem kleinen Loch, das sie zwischen den Lippen lässt, wie ein Atompilz, dessen Konsistenz immer dichter zu werden scheint, bis er am Ende fast weiß ist: Dann ist sie verärgert. Manifestiert der Rauch sich erst wie eine große Kaugummiblase, bevor er sich in nichts auflöst, ist sie wütend. Mona kann Haufenwolken rauchen, Schäfchenwolken, Schleierwolken, Federwolken. Sie kann Kringel machen, die wie Lassoschlingen durch den Raum wabern und sich mir um den Hals legen. Sie kann den Rauch in zwei Strahlen aus den Nasenlöchern blasen, sie kann den Qualm aus Mund und Nase steigen lassen, so dass er sie umhüllt und dahinter verschwinden lässt. Das alles bedeutet immer, dass sie aus irgendeinem Grund sauer auf mich ist. Nicht selten unterstreicht sie das Ausatmen des Rauchs noch mit einem feinen Seufzen, das mal vorwurfsvoll klingt, dann wieder erschöpft oder aber einfach nur anklagend. Ist sie glücklich, gibt sie sich keine Mühe mit dem Rauch, dann steigt er ihr wie von allein aus dem Mund und den Nasenlöchern.

An diesem Morgen bläst sie den Rauch in einem feinen Strahl mit viel Druck gegen die Windschutzscheibe, so dass er davon abprallt und sich bedrohlich im Wagen- innern ausbreitet. Es verheißt nichts Gutes. Auf gar keinen Fall. Droht der Rauch zu dicht zu werden, öffnet Mona das Fenster einen Spalt breit.

Wie jeden Morgen sind wir auf dem Weg zum Supermarkt, in dem Mona als Kassiererin arbeitet und ich eine kleine Kneipe betreibe. Wenn Mona eine Zigarette aufgeraucht hat, steckt sie sich mit deren Glut die nächste an. Sechs, sieben Zigaretten schafft sie so auf der Fahrt zum SUPERBUHEI. Erst danach kommt sie etwas zur Ruhe. Der Rauch ist Erfüllung geworden, und ich glaube, je unglücklicher sie ist, umso mehr raucht sie. Die Zigaretten sind zum Ersatz geworden für das, wonach sie bei mir immer gesucht, es aber nicht gefunden hat. Wenn man mal ehrlich ist, ist Liebe ja im Grunde auch nichts anderes als Nikotin oder Alkohol. Nur billiger. Meistens zumindest.

»Was ist nur los mit dir?«, fragt Mona mich jetzt, nachdem wir bisher den Morgen über geschwiegen haben. Sie war im Bad, hat ausgiebig geduscht, sich so lange die Haare geföhnt wie noch nie, was in mir den Verdacht weckte, dass sie den Föhn einfach eingeschaltet auf die Waschmaschine gelegt haben könnte, um allein sein zu können. Nachdenken und so. Währenddessen habe ich mich im Haus umgesehen. Auf dem Dachboden. Bin sogar im Schuppen gewesen. Ich habe nach Hinweisen gesucht, die darauf hindeuten, dass Aaron sich dort irgendwo versteckt hält. Aber ich fand nichts.

Mona glaubt mir nicht. Noch in der vergangenen Nacht, kurz nachdem ich auf ihn geschossen habe, ist es zum Streit gekommen, wir hörten nur damit auf, weil wir irgendwann einfach zu erschöpft waren. Und nun will sie diesen Streit anscheinend fortsetzen. Wir stehen an einer roten Ampel am Ortseingang von Langenhagen und sehen einem beigefarbenen Hund auf dem Bürgersteig zu, der sich an Stellen leckt, an denen wir uns nie hätten lecken können. Oder lecken wollen.

»Was meinst du?«, frage ich.

»Was ich meine? Du schießt mitten in der Nacht im Haus rum! Du schläfst kaum noch. Wir reden nicht mehr miteinander. Und du fragst mich allen Ernstes, was ich meine?!«

»Mona, da war ein Einbrecher. Hab ich doch schon gesagt.«

»Ein Einbrecher! Du hast doch gehört, was die Polizei gesagt hat. Da sind keine Einbruchsspuren! Du spinnst. Du hast Glück, dass die dich nicht gleich mitgenommen haben! Woher hast du überhaupt das Gewehr?«

Er ist mir entwischt. Die Nachbarn mussten natürlich die Polizei rufen wegen der Schüsse. Die interessierte sich dann hauptsächlich für das Gewehr. Es sei das Gewehr von Monas Vater, log ich, während ich Monas Reaktion aus den Augenwinkeln beobachtete. Sie tat tatsächlich so, als würde das stimmen, und nickte ansatzweise. Ich hätte Schritte gehört. Ich hätte etwas gesehen. Daraufhin hätte ich geschossen. Aus Angst. Ich hätte Angst gehabt um meine Freundin. Meine schwangere Freundin, wie ich noch ergänzte. Auch dazu sagte Mona nichts. Immerhin.

Das Gewehr haben sie mitgenommen. Ausgerechnet jetzt, wo wir in Gefahr sind. Wir würden von ihnen hören. Dann sind sie weggefahren, ohne den Eindruck zu erwecken, sie würden großartig etwas in dieser Angelegenheit unternehmen. Stattdessen wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie mir misstrauten.

Das Erste, was ich an diesem Morgen getan habe, ist einen Schlüsseldienst zu beauftragen, neue Schlösser einbauen zu lassen. Später will ich etwas im Supermarkt kaufen, um uns zu beschützen. Eine Axt vielleicht. Oder wenigstens einen Hammer. Einen großen Hammer. Ich werde mich schnellstmöglich um eine neue Schusswaffe kümmern. Das Gewehr habe ich über jemanden aus der Kneipe bekommen.

»Und wenn du mal mit wem sprichst? Ich meine mit einem Arzt oder so. Geh doch zu Dr. Guttmalik. Etwas stimmt doch nicht mit dir.«

»Mona, da war wer. Mit mir ist nichts. Da. War. Wer.«

Mona glaubt, dass ich mich verändere. Seit fast einem halben Jahr oder sogar noch länger liegt sie mir damit in den Ohren. Sie sagt es ständig. Etwas passiere mit mir. Etwas sei da nicht in Ordnung. Aber ganz ehrlich – es stimmt nicht. Ich verändere mich nicht. Ich wäre der Erste, der Acht geben würde, es nicht zu tun. Veränderung bedeutet immer Unsicherheit. Doch Mona glaubt mir nicht. Und nun beobachtet sie mich ständig, was äußerst unangenehm ist. Einmal bin ich morgens sogar davon wach geworden, dass sie mich musterte. Sie hatte sich dazu über mich gebeugt und eingehend mein Gesicht betrachtet, fast so, als wäre ich nicht wirklich ich, sondern jemand anders, der sich nur für mich ausgab, und als suchte sie nun nach Anzeichen, die mich entlarvten. Ich habe sogar Fotos gefunden, die sie von mir gemacht haben muss und die sie wahrscheinlich miteinander verglich, um zu prüfen, ob sie recht hat, ich mich doch veränderte. Aber es stimmt nicht. Ich verändere mich nicht.

Mona und ich haben uns im SUPERBUHEI kennengelernt. Ich glaube, dass genau das unser Problem ist: Ein Supermarkt ist einfach nicht der geeignete Ort für Liebe. Das ist wie mit den Produkten, die man dort einkauft und sich danach zu Hause fragt, was man eigentlich mit ihnen will. Die Wahrheit ist: Es liegt an der Musik. Es ist spezielle Supermarktmusik. Dazu kommen Gerüche, die sie über Düsen an der Decke und unter den Regalböden verströmen. Es hat mit dem Unterbewusstsein zu tun. Unter anderem zumindest. Und natürlich mit Psychologie, wenn das nicht dasselbe ist. Alles mit Menschen hat immer mit Psychologie zu tun. Vermutlich lag es daran, dass wir uns überhaupt ineinander verliebt haben. Wären wir uns irgendwo draußen begegnet, wären wir uns nicht aufgefallen. Die erste Zeit haben wir uns nur im Supermarkt gesehen. Ich kaufte viel ein. Ihretwegen. Vieles verdarb, was zu einem Fliegenproblem führte. Trotzdem waren die ersten Wochen schön. Eigentlich sind sie das ja immer in einer Beziehung, und die restliche Zeit versucht man dann meist vergebens, diese Zeit wieder aufleben zu lassen.

Schon das erste Mal, als wir gemeinsam die Welt des Supermarkts verließen und die Realität betraten, überkam mich ein seltsames Gefühl der Nüchternheit, kaum dass wir über den Parkplatz gingen. Dort fiel mir das erste Mal auf, dass Monas Haare gar nicht blond, sondern eher von einem fast schon unnatürlichen Gelbton sind. Das Licht im Supermarkt lässt die Farben ganz anders leuchten, als es die Realität je könnte. Das ist wie mit der Wurst. Mortadella ist in Wahrheit ja auch nicht rosa, sondern eher grau. Hinzu kommt, dass Mona eine jener Sitzschönheiten ist, wie es viele Kassiererinnen sind. Sitzend sind sie wunderhübsch, doch sobald sie stehen, ist kaum noch etwas von ihrer Anmut vorhanden. Mona wirkte stämmig, wie sie da so ohne ihren Kittel mir vorweg über den Parkplatz ging. Ja, man musste es schon stampfen nennen. Sie erinnerte mich von hinten an diese unförmigen, depressiven Ponys. Auch Monas Proportionen stimmen nicht, insgesamt, aber auch untenrum im Verhältnis zu obenrum.

Über vier Jahre ist das her, und das spüren wir. Spüren es jeden Tag nur allzu deutlich. Da ist man machtlos. Liebe verdirbt eben. Und könnte man Liebe einfrieren, ich bin mir sicher, Mona hätte es getan. Da das nicht geht, versucht sie unsere Liebe mit Fotos zu konservieren. Unzählige Fotos, die sie in der Diele aufgehängt hat. Mir kommt es so vor, als sollten sie den Besuchern oder den Leuten, die an unserem Haus vorbeigehen und hineinspähen – wir leben in einem Dorf kurz vor Langenhagen, auf dem Land ist Neugier gang und gäbe –, ein Leben vorgaukeln, wie wir es in Wahrheit gar nicht führen. Sieht man nur diese Wand mit den unzähligen Fotos – in Rahmen aus dem Supermarkt, Mona bekommt Prozente –, kann man den Eindruck gewinnen, dass wir ein sehr aufregendes Leben führen würden und eigentlich recht glücklich sein müssten. Und je unglücklicher wir in Wahrheit werden, umso mehr Fotos hängt Mona an diese Wand. Es müssen nun bald fünfzig oder sechzig Fotografien sein, kein Wunder also, dass mir das Foto nicht gleich aufgefallen ist. Es hängen dort Fotografien, die anfangs noch eins zu eins die Realität dokumentierten, sie später beschönigten, dann vollkommen neu erschufen. Mona mag es, sich zu fotografieren. Sie ist besessen davon, jeden Moment, in dem sie sich auch nur ansatzweise glücklich wähnt, festzuhalten. Zu Beginn unserer Beziehung war das Geräusch des Auslösers fast ständig zu hören. Wie ein Geigerzähler, der statt radioaktiver Strahlung die Intensität unseres Glücks maß. Mona, die den Fotoapparat über unsere Köpfe hielt, während wir uns küssten. Hin und wieder fotografierte sie uns, während wir miteinander schliefen. Sie betätigte dann den Auslöser mehrere Male hintereinander, anfangs langsam, danach immer schneller, wie in Ekstase. Doch wie es so ist: Die Momente, in denen sie uns fotografierte, wurden seltener, und war ich anfangs irritiert, erschrak fast, war der Auslöser zu hören, so kränkte es mich später, wenn sie uns nicht mehr fotografierte, lagen wir nackt und verschwitzt nebeneinander im Bett und rauchten.

»Willst du uns nicht fotografieren?«, habe ich sie einmal gefragt.

»Na gut«, sagte sie und machte ein Foto von uns, auf dem hauptsächlich sie zu sehen ist. Ich bin blass und unscharf, abgeschnitten am Rand der Aufnahme zu erkennen.

Kurz darauf begannen wir Fotos zu machen, auf denen wir nicht glücklich waren, sondern nur noch so taten. Ich und Mona nackt auf kleinen, pummeligen Aufblastieren. Verkleidet als Hugenotten. Später inszenierten wir für diese Fotos unser Leben völlig neu. Fotografierten uns betrunken tuend. Stellten Feierlichkeiten nach, die so nie stattgefunden haben. Machten Fotos von uns, die uns scheinbar an Orten zeigen, an denen wir in Wahrheit nie gewesen sind. Immer geschickter wurden wir darin, die Realität zu beugen. Sehe ich mir diese Fotos an, kann selbst ich oft gar nicht mehr zweifelsfrei sagen, was wirklich geschehen ist und was nicht. Vermutlich kann man genau auf diese Art das Glück austricksen. Man kann im Nachhinein von bestimmten Situationen glauben, dass man in ihnen glücklich gewesen ist, obwohl man das in Wahrheit gar nicht war.

Und nun habe ich zwischen all diesen Fotos, die im Grunde zeigen, wie uns das Glück und vielleicht auch die Liebe allmählich abhandengekommen sind, gestern dieses Bild entdeckt. Auf den ersten Blick scheint es wie die anderen auch Mona und mich zu zeigen. Doch wir tragen darauf Indianerkostüme. Mona bestellt manchmal Kostüme, und wir haben dann versuchsweise Sex in Postbotenuniform beispielsweise. Obwohl es kaum etwas gibt, das mich weniger erregt als Postbeamte. Doch Mona glaubt, wenn wir uns als Fremde verkleiden, würde es die Sache mit der Liebe einfacher machen, und letzt- endlich auch das mit dem Glück. Doch Indianer sind wir nie gewesen. Da bin ich mir sicher. Indianer haben etwas Unheimliches, fand ich schon immer. Außer natürlich Winnetou. Winnetou nicht. Bei Indianern weiß man nie, wie alt sie in Wahrheit sind. Und trotzdem – Indianer faszinieren mich. Ja, erregen mich. Nicht so, dass ich sagen würde, ich sei ein Indianerfetischist. Aber doch erregen sie mich. Mir ist das etwas unangenehm, wegen Minderheiten und so. Sagt man, dass einen Indianer erregen, denken die Leute doch gleich, man wäre ein Nazi. Ich bin deshalb überzeugt, dass ich nie mit jemandem darüber geredet habe. Auch nicht mit Mona. Ganz sicher nicht. Und trotzdem ist da dieses Foto. Keine Ahnung, wie lange es da schon hängt, ohne dass ich es bemerkt habe. Diese Ungewissheit steigert meine Angst nur noch mehr. Was, wenn er wirklich schon die ganze Zeit da gewesen ist?

Das Foto muss vor kurzem aufgenommen worden sein, denn Mona hat darauf bereits jene Form der Üppigkeit erreicht, die sie auch heute, fast schon anklagend, vor sich herträgt. Sie sei meinetwegen so dick, sagt sie immer. Letzte oder vorletzte Woche hat sie geschrien: »Du hast mich doch erst so dick gekocht, mit deinen ständigen Chichi-Gerichten!«

Nachdem ich das Foto entdeckte, stand ich lange einfach nur da und betrachtete es. Etwas daran missfiel mir. Erst kam ich nicht drauf. Doch dann wusste ich mit einem Mal, was es war: Mona tut auf diesem Foto nicht nur glücklich. Sondern sie ist es anscheinend tatsächlich.

»Guck, da warten schon deine Freunde und wollen mit dir spielen«, sagt Mona verächtlich, als ich den Wagen vor dem Supermarkt parke. Vor dem Schaufenster meiner Kneipe haben sich bereits einige der rotgesichtigen Männer versammelt. Es sind die Stammgäste, mit denen ich hauptsächlich mein Geld verdiene. Unruhig gehen sie, wie jeden Morgen, vor dem Schaufenster auf und ab und beginnen fast schon hysterisch zu winken, als sie unseren Wagen auf den Parkplatz fahren sehen. Heute winke ich das erste Mal zurück.

Meine Kneipe, das Klaus Meine, ist nicht viel mehr als ein schmaler Anbau, den man vor ein paar Jahren nachträglich an den Supermarkt gebaut hat, ohne dass heute noch jemand sagen kann, warum eigentlich. Auch nach all den Jahren seines Bestehens wirkt er noch immer wie ein Fremdkörper. Eine Art längliche, gläserne Warze, die ein kleines Stück aus dem Supermarkt herausragt. Das Klaus Meine ist eng. Im Grunde gibt es nur den Tresen, vor dem acht Barhocker stehen, an denen man sich gerade so vorbeizwängen kann, will man zu den Toiletten, die sich im Inneren des Supermarkts gegenüber dem Kassenbereich befinden. Es gibt oft Ärger mit der Geschäftsleitung, die sich beschwert, wenn die Betrunkenen zwischen den einkaufenden Familien umherwanken. Gerade an Samstagen, wenn im Supermarkt Hochbetrieb herrscht. Und erst vor kurzem habe ich ein Schreiben von der Geschäftsleitung erhalten, in dem es heißt, ich habe dafür Sorge zu tragen, dass der gleichförmige Fluss des Konsums nicht gestört wird. Keine Ahnung, was genau das heißen soll.

Kommt man aus dem Klaus Meine in den Supermarkt, so ist es, als beträte man eine völlig andere Welt: das grelle Neonlicht, das einen empfängt, dazu die im Gegensatz zum Klaus Meine laute Geräuschkulisse aus schreienden Kindern, schwer verständlichen Lautsprecherdurchsagen und leiser verkaufsfördernder Musik. Die meisten machen sich vom Klaus Meine aus mit Sonnenbrille auf den Weg zu den Toiletten und versuchen dabei, so normal und unbetrunken zu wirken, wie es ihnen nur eben möglich ist. Betont gleichgültig schlendern sie dann an den Kassen vorbei. Manch einer nimmt sich noch einen leeren Einkaufskorb aus dem Eingangsbereich mit, um nicht zu sehr aufzufallen, oder winkt nonchalant einer der Kassiererinnen zu. Bis zum Mittag, manchmal frühen Nachmittag fallen sie auch gar nicht so auf, geht man nicht zu nah an ihnen vorbei. Erst im Laufe des Tages geraten einige von ihnen auf dem Weg immer mehr ins Trudeln, müssen sich an den Wänden abstützen, am Schwarzen Brett, an dem Zettel mit Angeboten von Kunden hängen, die anderen Kunden Unnützes verkaufen wollen. Es ist auch schon vorgekommen, dass einer stürzte, während die Kunden des Supermarktes an den Kassen standen, die Köpfe schüttelten oder demonstrativ wegsahen. Die am Tresen, dankbar für jede Abwechslung, beobachten den Toilettengänger gern, was es natürlich für diesen nicht gerade leichter macht. Wir sind dann die im Raumschiff Zurückgebliebenen, die Neil Armstrong zusehen, wie er mit seiner Fahne den Mond betritt.

Immer wieder gibt es Diskussionen mit der Geschäftsführung des SUPERBUHEI, und jedes Jahr muss ich wieder darum bangen, ob mein Vertrag verlängert wird. Gerade in letzter Zeit hoffe ich manchmal, er würde es nicht. Keine Ahnung, was ich dann täte. Trotzdem wäre ich insgeheim froh, diesen Leuten endlich zu entkommen. Diesen ewig gleichen Scherzen über Alkohol und untenrum. Diesem ständigen Lamentieren darüber, dass nichts geschieht, während sie tagein, tagaus hier herumsitzen und nichts weiter tun, als aus dem Schaufenster zu starren und zu saufen. Was soll da auch schon groß passieren?

Seit etwa vier Jahren betreibe ich jetzt diese Kneipe und werde jeden Tag wieder aufs Neue schmerzhaft daran erinnert, dass aus mir nichts wird. Da der Laden an die Öffnungszeiten des Supermarktes gebunden ist – es gibt keine eigene Eingangstür, die sich absperren ließe – muss ich jeden Tag von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends öffnen. Endlos lange Stunden, die ich damit zubringe, durch das große Schaufenster, das die gesamte Front des Ladens einnimmt, den Parkplatz zu beobachten. Oft tun die Gäste es mir gleich. Die Hocker lassen sich drehen, und dann sitzen ich und die Betrunkenen da und betrachten schweigend die hektische und manchmal auch trübselige Geschäftigkeit auf dem Supermarktparkplatz. Hin und wieder winkt einer der Trinker einem Kind zu, das schüchtern zurückwinkt, bevor es von seiner Mutter fortgerissen wird. Manche Familienväter halten ihre Söhne vor dem Schaufenster der Kneipe kurz fest, hocken sich neben sie und erklären etwas, während sie kopfschüttelnd auf uns zeigen.

Früher hat man wenigstens noch rauchen können. Doch seit sie das Rauchen im Supermarkt verboten haben, müssen wir rausgehen. Zumindest ich, der ich mich weigere, E-Zigarette zu rauchen. Meist stehe ich allein rauchend vor dem Schaufenster und starre hinein, damit niemand Alkohol klaut. Die Gäste winken mit ihren E-Zigaretten. Gäste! Ich muss immer lachen, wenn jemand jene Männer als Gäste bezeichnet. Gäste sind sie ganz sicher nicht. Sie benehmen sich, als würde das alles hier ihnen gehören. Als hätten sie mit ihren täglichen Besuchen ein Besitzrecht an der Kneipe erworben. An mir. Aktionäre des Alkohols. Andere – richtige – Menschen verirren sich nur selten hierher. Und wenn doch, so kann man ihnen ihr Unwohlsein schon kurz nach dem Betreten ansehen. Es gibt nicht viele Getränke im Klaus Meine, in denen kein Alkohol ist. Als ich eröffnet habe, hatte ich noch die Vorstellung, hier würden Familienväter mit ihren Kindern sitzen und sich bei einer Brause und einem Cappuccino von den Strapazen des Lebensmittelerwerbs erholen. Anfangs gab es noch verschiedene Brausesorten, teilweise sehr exotische wie Drachenfrucht oder Litschi. Doch schon kurz nach der Eröffnung wurde das Klaus Meine von den Trinkern okkupiert, die den gesamten Laden in Beschlag nahmen, so dass allein schon vom Platz her eigentlich niemand anders mehr hineinpasste. Nun ist die Fanta meist schal, nur die Cola hat Kohlensäure, weil viele gegen Nachmittag auf Jim-Beam- oder Bacardi-Cola (JimBiCo und BaCo) umschwenken, wenn das Bier sie bleiern und schläfrig hat werden lassen.

Diese Trinker sind Fluch und Segen zugleich. Ohne sie wäre der Laden vermutlich längst pleite. Trotzdem ertrage ich sie kaum noch und kann meine Abneigung ihnen gegenüber auch nicht verhehlen. Meist sind sie viel zu betrunken, um es überhaupt zu bemerken. Und tun sie es doch, kann ich mir sicher sein, dass sie es am nächsten Tag wieder vergessen haben. Sie vergessen wirklich alles.

Jeden Morgen stehen sie vor dem Supermarkt, harren angestrengt aus, und ein wenig fühle ich mich dann wie jemand, der einer richtigen Arbeit nachgeht und dessen Kollegen morgens vor dem Betriebsgebäude auf ihn warten. Es sind immer dieselben neun, zehn Gestalten. Ich frage mich, ob es vielleicht daran liegt, dass ich nur acht Barhocker habe, dass sie so früh kommen, ein, zwei also immer stehen müssen. Eine Art Reise nach Bedusa- lem. Sie bleiben, bis ich Feierabend mache – oder sie einfach nicht mehr können. In dem Fall bestelle ich ein Taxi und bin dem Fahrer beim Einladen des Betrunkenen behilflich. Von fast allen habe ich die Adresse in einem kleinen Karteikästchen hinter dem Tresen. Einmal traf ein Schreiben von einem Taxiunternehmen ein, in dem man mir mitteilte, dass der und der sich auf der Fahrt eingenässt habe und ob ich mich nicht an der Reinigung der Sitze beteiligen wolle. Rechtlich sei ich dazu natürlich nicht verpflichtet, hieß es da, doch trotzdem trüge ich ja zumindest eine Teilschuld an dem Malheur. Natürlich zahlte ich nicht.

Alle sind erfahrene Trinker, die betrunkener wirken, wenn sie nicht getrunken haben. Doch hin und wieder kommt es zu alkoholbedingtem Überschwang, der so plötzlich aufbrandet, wie er wieder verschwindet. Dann beginnen sie unvermittelt zu singen, zu tanzen, ja, zu lachen. Einer ist mal auf den Tresen gestiegen und hat zu einem Scor- pions-Song getanzt, nachdem er zuvor Stunden nahezu reglos am Tresen verharrt hatte. Sofort kam Stanislawski von der Geschäftsleitung, um mit mir zu reden, dass ich ein bisschen ein Auge auf die – er suchte nach dem richtigen Wort, sagte schließlich, mit einem süffisanten Lächeln, »Kunden« haben solle. Sie haben Kameras, mit denen sie uns beobachten. Einmal haben sie sogar eine Lautsprecherdurchsage gemacht, und die Leute an der Kasse, auch Mona und ihre Kolleginnen, haben zum Klaus Meine rübergesehen. Es war unangenehm. Gerade in letzter Zeit beschleicht mich das Gefühl, dass Mona mich für das, was ich tue, eher belächelt. Gerade sie! Als wenn sie es als Kassiererin so viel besser getroffen hätte. Hinter dem Tresen hängt ein großes Porträtfoto von Klaus Meine. Es laufen ausschließlich Songs der Scor- pions. Zwölf Stunden lang. Jeden Tag wieder. Ich bin froh über jede neue Platte, die sie herausbringen. Gerade über das Comeblack-Album, auf dem sich zusätzlich zu Neu- einspielungen alter Titel auch Cover-Songs befinden. Das sorgt wenigstens für etwas Abwechslung. Wir hören nun oft Tainted Love. Das alles ist Teil, oder war es zumindest, eines ausgeklügelten Konzepts, das ich mir in meiner Anfangseuphorie überlegt habe. Klaus Meine – das sollte der intellektuelle Überbau fürs schnöde Saufen sein. Zusätzlich hatte ich den Getränken Namen wie Gin of Change oder aber Grog You Like A Hurricane gegeben. Irgendwie habe ich gehofft, der Name Klaus Meine würde diesem Laden zu ein wenig Glamour verhelfen. Aber vermutlich wollte ich mich dadurch, dass es überhaupt eine Art Konzept gab, nur selbst darüber hinwegtäuschen, dass aus mir nichts geworden und das Klaus Meine in Wahrheit nichts anderes als eine weitere Kaschemme ist. Klaus Meine ist in Langenhagen geboren worden und hat hier seinen Hauptschulabschluss gemacht. Zur Eröffnung des Ladens hat es sogar einen kleinen Artikel im LaWo, dem Langenhagener Wochenblatt, gegeben, mit einem Foto von mir, wie ich lächelnd am Tresen stehe und mit der Hand das Teufelszeichen mache. Darunter steht: Scorps-Fan Jesse Broschke macht in seinem neu eröffneten Lokal das Teufelszeichen.

Ich schäme mich fast es zuzugeben, aber ich habe noch immer mehrere Exemplare dieser Ausgabe zu Hause. Wirklich viele Exemplare. Und ja, ich sehe sie mir auch noch oft an. Manchmal habe ich wirklich Angst, dass es das schon gewesen sein könnte mit der Aufregung, die das Leben mir zugedacht hat. Ein Artikel in einem Wochenblatt, das niemand liest und in dem dann auch noch mein Name falsch geschrieben ist. Ich heiße Bronske und nicht Broschke. Jesse Bronske.

Ein paar Wochen nach der Eröffnung, ich konnte es selbst kaum glauben und kann das eigentlich immer noch nicht, ist tatsächlich Klaus Meine im Klaus Meine gewesen.

»Ey, da ist Klaus Meine«, lallte wer, und alle lachten, weil bis dahin jeden Tag jemand sagte, dass da Klaus Meine käme. Doch dann hat da wirklich Klaus Meine vor dem Tresen gestanden, und das Entsetzen war ihm deutlich anzusehen gewesen. Vermutlich wegen der Tristesse, die der nach ihm benannte Laden verströmt. Ich weiß nicht, was er sich vorgestellt hat. Ich war viel zu perplex, um irgendetwas sagen zu können, und Meine ging einfach wieder. Ohne ein Wort. Wir sahen ihn über den Parkplatz hasten, wo er in einen schwarzen Mercedes stieg und davonfuhr.

Ein, zwei Wochen später traf ein Schreiben von einem seiner Anwälte ein, in dem man mir unter Geldstrafe verbot, den Namen Klaus Meine zu verwenden – und schon gar nicht für ein derartiges Etablissement, wie ich es betreiben würde. Ich solle sofort den Namen ändern, ansonsten wolle man die Angelegenheit gerichtlich regeln. Was Herr Meine gerne vermeiden würde, wie es da weiter hieß, denn natürlich freue es ihn schon, derart fanatische Fans zu haben.

Schließlich tauschte ich ein paar Buchstaben aus, so dass es nun offiziell Kleine Maus heißt. Ansonsten änderte ich nichts am Konzept, und so nennt jeder den Laden weiterhin Klaus Meine. Sieht man von draußen herein, so muss sich dem Betrachter ein jetzt noch groteskeres Bild bieten als vorher: melancholische Trinker, die unter dem sich bei Dämmerung einschaltenden Leuchtschriftzug Kleine Maus sitzen und saufen. Edward Hopper hätte vermutlich seine helle Freude daran gehabt. So recht will der Name nicht passen zu jenen großspurig mit ihren Elektrozigaretten gestikulierenden Trinkern, denen mit Verniedlichungen kaum beizukommen ist – es sei denn, es geht um Woddis, Bommis oder Bierchen. Alles hier passt nicht wirklich. Auch ich passe hier nicht hin. Und eigentlich bin ich ganz froh darüber.

Ich habe Klaus Meine einen Brief geschrieben, um mich dafür zu entschuldigen, dass der Laden nun einmal ist, wie er ist. Und auch wegen der Gäste. Und dass ich dafür ja nichts könne, und dass ich wirklich ein großer Fan von ihm und den Scorpions sei. Sie hätten wirklich was Besseres verdient, endete ich.

Anderthalb Monate später traf dann ein Brief von ihm ein. Von Klaus Meine. An das Klaus Meine. Er hatte tatsächlich An das Klaus Meine geschrieben. Es täte ihm leid und so, ich könne ihn ruhig duzen, aber er wäre anfangs einfach geschockt gewesen. Andere Rockstars hätten auch Läden, und das sei er ja nun mal, ein Rockstar. Er sei einer von uns, und er wüsste sehr genau, was es heißen würde, ganz unten anzufangen. Aber nun ja, man erwarte von einem Rockstar auch, dass er so reagiere. Attorney und so. Als kleine Geste habe er einen Tennisball beigelegt. Unterschrieben. Den könne ich ja vielleicht ausstellen. Er spiele Tennis, ob ich das überhaupt wüsste? Wenn ich wolle, könne ich auch noch mehr haben. Vielleicht würde ich ja eines Tages eine kleine Klaus-Meine-Ausstellung organisieren. Wie das wäre?

Seitdem schreiben wir uns regelmäßig. Klaus Meine ist ganz sicher kein Freund von mir, und doch stelle ich mir genau das manchmal vor, wenn Mona nachts schläft und ich dasitze und ihm schreibe. Lange Briefe. Oft habe ich das Gefühl, dass Klaus Meine der Einzige ist, dem ich alles erzählen kann. Ich meine, wirklich alles.

3Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne

3.1Über die Autorin

© FVA

Anna Galkina, geboren und aufgewachsen in Moskau, kam 1996 mit ihren Eltern nach Deutschland. Nach einem Studium der Informatik arbeitet sie als Software-Testingenieurin, Malerin und Fotografin und lebt in Bonn. Anna Galkina schreibt auf Deutsch, »Das kalte Licht der fernen Sterne« ist ihr erster Roman.

Zur Homepage von Anna Galkina.

(Link: http://www.anna-galkina.de)

3.2Über den Roman

Anna Galkina

»Das kalte Licht der fernen Sterne«

Roman

Frankfurter Verlagsanstalt

März 2016

218 Seiten

ISBN978-3-627-00224-4

eISBN978-3-627-02234-1

Die matronenhafte Bibliotheksdirektorin Tamara, die mit dem kränklichen Wiktor ihren zweiten Frühling erlebt. Sergej mit den Kunstledersandalen, dessen Scheune begehrter Treffpunkt der Jugendlichen ist. Die drei »Schlampen«: Lena mit dem Oberlippenbart, Dina mit dem Vater im Knast und Oksana, Expertin für Schwangerschaftsabbrüche. Nastja beobachtet sie, seit sie ein kleines Mädchen ist. Zusammen mit ihrer Mutter und Großmutter lebt sie in einem Städtchen unweit von Moskau, das bessere Tage gesehen hat. Die Bewohner hausen zwischen Eimern und Einweckgläsern, zwischen Plumpsklo und Gemüsegarten, trinken bitteres Bier und selbstgebrannten Schnaps, beschimpfen und vergnügen, lieben und schlagen sich. Zunächst scheint Nastja als Erzählerin wie über dem Geschehen zu schweben, dann jedoch zieht es sie mitten hinein in das Pop-up-Panorama der russischen Provinz. Sie erlebt Geschichten voller Poesie und Gewalt, Tragik und Humor, Episoden mit ungewissem Ausgang. Bis Nastja sich in den jungen Soldaten Dima verliebt und es so aussieht, als würde ihr Leben eine unvorhergesehene Wendung nehmen.

Anna Galkinas Blick kennt keine Scheu und kein Erbarmen, durchbohrt die Härte des sowjetischen Alltags, trifft mitten ins Herz. »Das kalte Licht der fernen Sterne« erzählt unerbittlich und doch unbeschwert, mit viel Humor und großer Warmherzigkeit, von Schicksalen, die lange nachhallen.

3.3Leseprobe

UNSERE STRASSE

Alle Häuser in unserer Straße sind aus Holz, die einzige Ausnahme ist das weiße Steinhaus des Pfarrers. Der Asphalt ist beschädigt. Überall Risse und Brüche. Am Pumpbrunnen an der Ecke bildet sich regelmäßig eine riesige tiefe Pfütze, die sich im Winter in Glatteis verwandelt. Im Sommer wird sie mit alten Brettern überbrückt, im Winter großzügig mit Salz bestreut.

Schiefe Holzzäune trennen die Höfe von der Straße. Gegenüber unserem Gartentürchen steht ein Stromkasten, der ab und zu repariert werden muss. Manche Monteure lassen sich den Spaß nicht nehmen und schnitzen genüsslich das eine oder andere Schimpfwort in unseren Zaun. So verewigen sie sich.

Wenn man dem Straßenverlauf an dem Pumpbrunnen vorbei und über die Querstraße Richtung Bahnhof folgt, kann man sich auch ausschließlich mit seinem Geruchssinn orientieren. Hier strotzt es nur so vor verschiedenen Aromen.

Der erste Anhaltspunkt liegt hinter den zahlreichen Bäumen und Sträuchern verborgen, aber an heißen Sommertagen kann man ihn kaum verpassen. Die alte Müllhalde riecht nach verfaultem Obst, verbranntem Plastik, benutzten Kondomen, Schnaps und dunklen Geheimnissen. Einsame Säufer finden hier einen Rast- und Trinkplatz und freizügige Liebespärchen ein Versteck für ungestörten Sex.

Der Geruch des ersten Gartens nach der Müllhalde lässt Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen, Blumen und Kräuter erahnen. Der Hof daneben verströmt einen scharfen Schnapsgeruch. Im nachfolgenden Haus, wo unsere Freunde wohnen, riecht es nach alten Büchern, Honigkuchen und einem Kettenhund. Das nächste Gebäude duftet nach frischgebackenen Teilchen, nach Zimt, Nelken und Safran, nach Marzipan, Rum, Schokolade, nach Marmelade und nach Kindheit. Das ist die Konditorei. Die folgenden zwei heruntergekommenen Häuser riechen nach morschem Holz, nach Schimmel, nach Moos, nach alten Teppichen, nach Ruß und zerbrochenen Träumen. Aber ehe man eine zarte Melancholie verspüren kann, schlägt einem ein derart starker Geruch entgegen, dass man sich festhalten muss. Es vermischen sich Wodka und Wein, Bier und Schnaps, Tabak, Urin, Schlamm, primitive Lust, einfache Freuden, unterdrückte Tränen und verdrängter Schmerz.

Das ist die Kneipe Drei Ferkel, ein Dampfschiff, das in einem tiefen Meer aus Alkohol zu versinken droht. Als Passant musst du auf dem schmalen Gehweg sehr vorsichtig sein. Es kann passieren, dass einer der Betrunkenen, die vor der Kneipe stehen, auf dich fällt.

Danach kann dich nichts mehr erschüttern. Du nimmst das kleine Holzhäuschen an der letzten Ecke unserer Straße gelassen wahr. Das ist der Gemüseladen. Die Aromen von verfaulten Kohlköpfen, keimenden Kartoffeln und verschimmelten Möhren, verwelkten Gartenkräutern, nasser Erde, altem Leinen, Hunger und Armut schweben in der Luft und verfolgen dich in deinen Träumen.

Dein Leben lang.

WINTER

Winter ist das Weiß, Winter ist die Ruhe und die leeren Straßen. Winter ist der in der Sonne glänzende Schnee, Myriaden von winzigen funkelnden Kristallen. Winter sind Schneeflocken, die vom Wind getrieben wie weiße zarte Blüten durch die frostige Luft fliegen. Winter ist das von der Kälte taube Gesicht, eingefrorene Zehen, rote Hände und steife Finger.

Winter ist Schwarzweiß: Rabenschwarz und Schneeweiß. Winter sind Spuren, Fäkalien, Blut und Urin auf dem weißen Schnee. Winter sind verschwundene Wege, die nach starken Schneefällen freigeschaufelt werden müssen. Winter ist der hohe schwarze Himmel und das kalte Licht der fernen Sterne. Winter ist der Klang des Schnees unter den Füßen und die klare, klirrende Luft des Waldes.

Winter ist Ski- und Schlittschuhlaufen. Winter ist der Schlitten. Mit dem Schlitten fährt man den Berg hinunter, mit dem Schlitten fährt man die Wassereimer nach Hause, mit dem Schlitten geht man einkaufen.

Nasse Wäsche verwandelt sich an der Leine in bizarre Eisskulpturen.

Im Winter ist es kalt in unserem Haus. Es ist so kalt, dass wir auch nachts angezogen bleiben. Unter dem dunklen Loch des Plumpsklos wächst langsam, aber sicher ein riesiger eisiger Scheißturm. Wird er zu hoch, muss ihn die Großmutter mit einem Spaten zerbrechen.

FRÜHLING

Frühling ist Musik. Zunächst geräuschlos, aber doch deutlich spürbar. Die Musik des Frühlings wird im Herzen geboren. Der Wind trägt sie fort, spielt auf dem Eiszapfenxylophon, rauscht in den Baumkronen. Es folgen das Staccato der Tropfen, das Knistern des Eises und schließlich ein mehrstimmiger Chor: das Summen, das Singen, das Gezwitscher, leises Knallen der Knospen und fröhliches Plätschern der Bäche und Flüsse.

Der Schnee taut und offenbart schwarze Erde, gelbes Gras, graues Laub vom Vorjahr, Fäkalien und Müll. Das Tauwasser ist überall, in den Pfützen spiegelt sich der Himmel.

Der Frühling ist himmelblau, rapsgelb und maigrün. Der Frühling ist das Schwarz des in der Sonne schmelzenden Schnees, Kirschblütenweiß und Tulpenrot. Der Frühling duftet nach Maiglöckchen, nach Moos, nach modrigem Holz, nach Tau und feuchter Erde, nach Flieder und Jasmin, nach Mimose, nach Geheimnissen, nach Sehnsucht. Der Frühling ist der Birkensaft. Tausende Liter Birkensaft. Bewaffnet mit Blechkannen oder Kanistern, Nägeln oder Bohrern, Hämmern, Strohhalmen oder Schläuchen und sonstigem Werkzeug geht man in den Wald. Man sucht sich eine Birke aus. Man bohrt ein Loch, steckt den Strohhalm hinein, stellt den Eimer darunter und wartet, bis die farblose, leicht süßliche und klebrige Flüssigkeit den Eimer füllt. Und das dauert. Da bohrt man lieber von vornherein ein großes, breites Loch, damit der Saft schön schnell herausfließt. Die Birke geht dann kurz danach ein, aber das ist einem sowieso egal. Birken gibt es viele in Russland.

Den Saft trinkt man selbst, den Saft verkauft man auf dem Markt. Die Industrie schläft ebenfalls nicht. Deswegen kann man den Saft auch in Lebensmittelläden kaufen. In riesige Gläser abgefüllt, gereinigt und gesüßt.

Der Frühling ist gelb wie Lindenblüten, die man überall auf den Straßen des Städtchens, am Waldrand, in den Parks und eigenen Gärten pflückt. Zu Hause trocknet man sie im Backofen, füllt sie in Behälter um. Der nächste Winter wird schon kommen. Dann trinkt man Lindenblütentee, und die Erkältung ist wie weggeblasen.

Der Frühling ist rot wie unsere Fahne. Frühling sind die 1.-Mai-Parade, Kolonnen der Kommunisten, Blumen aus Krepp, patriotische Lieder und Kreml-Greise.

Der Frühling ist grün wie unser Zaun. Kurz bevor die Parade mit lautem Grollen wie eine gewaltige Welle die Straßen des Städtchens überschwemmt, muss man für Ordnung sorgen. Die Zäune werden neu gestrichen. Die Straße wird gefegt.

Alles ist von Sonnenlicht erfüllt.

SOMMER

Sommer ist der Geruch von frischgemähtem Gras, der vor Hitze glühende Asphalt und der Staub der Autostraße. Sommer ist der Wind in dichten Baumkronen, Gemüsebeete und Unkrautwald. Sommer sind die lauen tiefschwarzen Nächte, singende Katzen und summende Mücken. Sommer ist das Leuchtblau des Vergissmeinnichts und das Zartrosa der Ackerwinde. Es sind Sonnenbäder auf dem Dach und heimliche Spaziergänge durch geheimnisvolle Nachtlandschaften. Sommer ist das Echo und der dunkle Spiegel des stillen Wassers tief unten im verlassenen Hofbrunnen, das Dickicht der Himbeersträucher, ein Meer von Löwenzahn und Aufstand der Farben. Sommer ist der Morgentau und die rotgelben Äpfel, die sich morgens im hohen Gras verstecken.

Im Sommer wächst der Weg zum Plumpsklo mit allerlei Unkraut und Brennnesseln zu. Das Klohäuschen lebt. Die Scheiße schmilzt. Große Fliegen mit grünen Kulleraugen brummen unermüdlich um das Kackloch herum. Zum beißenden Gestank gesellt sich der Geruch nach modrigem, faulem Holz.

Einmal verschwand der schwarze Strohhut meiner Großtante in der Kacköffnung. Das ging so vor sich: Nach dem Mittagessen saßen meine Mutter, meine Großmutter, meine Großtante und deren Mann auf der Bank unter der alten Linde. Da machte die Großmutter eine ungeschickte Bemerkung über das hohe Alter des Strohhuts. Der Mann der Großtante, der die übertriebene Sparsamkeit seiner Frau ohnehin nicht leiden konnte, war peinlich berührt. Wortlos riss er seiner Frau den Hut vom Kopf und steuerte damit entschlossen auf das Plumpsklo zu.

Sommer sind Tänze im Regen und das leise Flüstern der Regentropfen. Oft regnet es auch in meinem Zimmer und in der Küche. Auf dem Weg durch das Dach nimmt das Regenwasser sämtliche Farben mit und wird graugelb. Auch die Decke und die Tapete werden gelb. Überall auf dem Boden stehen Schüsseln, um das Wasser aufzufangen.

Manchmal weckt mich meine Mutter mitten in der Nacht. Ich soll mich anziehen. Großmutter sucht hastig nach den Pässen, Geburtsurkunden und sonstigen Dokumenten, die im Garderobenschrank unter der Wäsche versteckt sind. Nach einigen aufregenden Minuten ist alles gefunden. Dann setzen wir uns an den Tisch im Wohnzimmer und warten schweigend. Blitze erhellen das Zimmer, und es donnert kräftig. Jedes Mal wenn nachts draußen ein Gewitter tobt, wird dasselbe Ritual vollzogen.

Sommernächte sind Gesänge der Besoffenen. Ich kichere, finde die Lieder aber irgendwie traurig. Sie stören meinen Schlaf und bringen Unruhe mit sich. Es fühlt sich an, als wäre ich nirgendwo sicher.

Sommernächte sind manchmal feuerrot. Der schwarze Himmel ist dann von einem roten Schleier und Rauchwolken überzogen. Am nächsten Tag stößt man irgendwo im Städtchen auf ein verkohltes Etwas, das früher ein Haus war. Hoffentlich haben die Bewohner ihre Pässe und Geburtsurkunden in Sicherheit gebracht.

HERBST

Der erste September ist in der Regel der erste Schultag nach den Sommerferien. September ist die festliche Schuluniform und Blumensträuße, weiße Schleifen in den Zöpfen, weiße Schürzen und weiße Hemden. September ist die freudige Aufregung der Erstklässler und das große Fest auf dem Schulhof.

Morgens ist der Garten vom Nebel umhüllt. Alles ist still, und man hört, wie die reifen Äpfel mit einem dumpfen Geräusch auf die Erde fallen.

So beginnt der Herbst.

Herbst ist das Rascheln des Laubs unter den Füßen und der Rauch der vielen Feuerstätten. Es ist der Dreck und der Schlamm. Es sind die riesigen Pfützen aus Regenwasser, die nie austrocknen. Wobei die eine neben der Kneipe Drei Ferkel eher an einen Sumpf erinnert. Manche Betrunkenen rutschen aus, plumpsen in das trübe Wasser, stehend ächzend auf, fluchen und schmeißen wütend leere Bierflaschen vor die Kneipentür. Vor dem Pumpbrunnen bildet sich dagegen ein ganzer Fluss. Aus einigen Brettern improvisieren dann die Großmutter und die Nachbarn eine Brücke.

Beim Dauerregen erscheinen große Blasen auf den Pfützen. Sie schwimmen vorbei wie seltsame gläserne Schiffe, bis ein schwerer Regentropfen sie zum Platzen bringt. Ich kann sie stundenlang beobachten und dem Regen lauschen. Wenn es aufhört zu regnen, ziehe ich meine Gummistiefel an, falte schnell ein paar Dampfer aus Papier und schicke sie auf große Reise.

Den Autofahrern machen die großen Pfützen nichts aus.

Sie fahren deswegen nicht langsamer. Auch dann nicht, wenn sie an Passanten vorbeiziehen. Stattdessen wird man großzügig mit schmutzigem Wasser und Dreck bespritzt. Dann flucht man wie ein Betrunkener und spuckt dem Auto hinterher, das längst samt gackerndem Fahrer hinter der Kurve verschwunden ist.

Herbst ist die Ernte. In dem kleinen Gemüseladen ist der Linoleumboden vor lauter Schlamm und Dreck nicht mehr sichtbar. Die Kartoffeln sind nass und mit dicken Erdklumpen bedeckt. Sie keimen und riechen nach Schimmel. Die lange Schürze der Gemüseverkäuferin, die den ganzen Tag die schmutzigen Kartoffeln durch eine spezielle Öffnung in der Ladentheke in die Karren und Beutel der Käufer verfrachtet, ist genauso dreckig. Die Hände verstecken sich in Handschuhen. Aber nicht ganz. Durch die Löcher ragen die Fingernägel der Verkäuferin. Sie sind schwarz wie die Erde.

Der Herbst ist voller Pilze. Wichtig ist, in aller Frühe in den Wald zu gehen, damit dir andere Pilzjäger die Beute nicht vor der Nase wegschnappen. In unserem Garten wachsen sie auch, die meisten sind jedoch ungenießbar. Ganz unten am Stamm der alten Linde gedeihen unbekannte gelbbraune, schuppige Pilze dicht nebeneinander. Ich schlage sie regelmäßig mit den Spitzen meiner Stiefel ab. Die Pilze sind sehr fest und knacken hörbar, wenn man sie zertritt. So mache ich das jedes Jahr, bis eines Tages unser Postbote jene Pilze zu Gesicht bekommt.

»Schmecken die?«, fragt er meine Großmutter.

»Soll das ein Scherz sein?«, fragt die Großmutter zurück und hält den Postboten insgeheim für einen Wahnsinnigen, »die sind doch giftig!«

»Darf ich sie haben?«, fragt der Postbote.

Die Großmutter ist entsetzt und ernsthaft davon überzeugt, dass der Postbote sich das Leben nehmen möchte.

»Wir werden sehen«, meint der Postbote experimentierfreudig. »Wenn ich morgen wieder hier bin, dürften sie essbar sein«.