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»Voller Action und unverschämt lustig!« Derek Landy (Autor von »Skullduggery Pleasant«) Er ist der neue König – und geheimer Superheld London, heute: Der vierzehnjährige Prinz Alfie wird plötzlich Englands neuer König. Doch eigentlich würde er lieber ein ganz normales Leben führen, statt sich vor den Paparazzi in Müllcontainern verstecken zu müssen … Was Alfie nicht weiß: Als König soll er auch die Rolle des legendären »Defender« übernehmen. Dieser geheime Superheld beschützt England seit Jahrhunderten vor den fiesesten Superschurken der Welt. Gemeinsam mit seiner Freundin Hayley muss Alfie den Schurken zur Strecke bringen, der seinen Vater auf dem Gewissen hat und das ganze Königreich bedroht: der Schwarze Drache! Ein königliches Lesevergnügen voller Action und Humor! Fortsetzung folgt!
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Seitenzahl: 341
Veröffentlichungsjahr: 2016
Mark Huckerby | Nick Ostler
Defender - Superheld mit blauem Blut.
Der Schwarze Drache
Aus dem Englischen von Leo H. Strohm
FISCHER E-Books
Für Anna und Melanie
Ungefähr zwischen fünf und acht. So viele Knochen würde er sich brechen, vermutete Alfie, als er von der Regenrinne abglitt und drei Meter weiter unten mit dem Hintern im Blumenbeet vor den Gefängnismauern landete.
Alfie war vierzehn Jahre alt und ziemlich schmächtig. Ständig fielen ihm seine dicken, mausbraunen Haare ins Gesicht, ganz egal, wie viel Gel er hineinschmierte. Seine tiefgrünen Augen wirkten auf Fotos längst nicht so intensiv, wie wenn er einem persönlich gegenüberstand. Alle sagten, dass er die von seiner Großmutter geerbt hatte. Alfie wackelte mit den Zehen und stellte erleichtert fest, dass er seine Beine noch spüren konnte. Er setzte sich auf, rieb sich den Nacken und wischte die Erde von seiner Armbanduhr. Es war kurz nach halb zehn. Genau im Zeitplan. Er hatte diesen Ausbruch auf die Minute genau geplant. Wenn seine Berechnungen zutrafen, dann würde man ihn erst vermissen, wenn …
»BLEIB, WO DU BIST!«
Allerdings hatten Alfies Pläne die lästige Angewohnheit, immer schiefzugehen. Die schroffe Stimme kam aus dem Fenster, aus dem er gerade eben herausgeklettert – also gut, herausgefallen – war. Kaum hatte Alfie sich aufgerappelt, ertönten im Inneren des Zellenblocks laute Schritte. Sie kamen schnell näher.
Der Schwarze Mann, dachte Alfie. Dieses Mal kriegt er mich nicht. Dieses Mal nicht!
Er rannte über den Rasen Richtung Straße, sprang über eine niedrige Backsteinmauer und sah aus dem Augenwinkel das Wembley-Stadion in der Ferne schimmern. So sehr er dieses Gefängnis auch hasste, er musste zugeben, dass es dank seiner Lage auf einem Hügel vor den Toren Londons eine phantastische Aussicht bot. Alfie riskierte einen kurzen Blick zurück und sah, wie der breitschultrige Mann mit dem dunklen Anzug und dem akkuraten Kurzhaarschnitt über die Mauer setzte und ihm nachjagte.
»STEHEN BLEIBEN!«
Obwohl seine Oberschenkel brannten, gab Alfie noch einmal Gas und sauste an den parkenden Autos vorbei durch die schmale, von Bäumen gesäumte Straße. Doch der Schwarze Mann kam rasch näher.
»STEHEN BLEIBEN, HABE ICH GESAGT!«
Mit Schwung ließ sich Alfie auf dem feuchten Laub vorangleiten und bog dann scharf nach links ab, in einen Park. Er war vielleicht nicht so schnell wie sein Verfolger, doch die Dunkelheit war eindeutig ein Vorteil für ihn. Er zwängte sich durch ein paar dichte Büsche und kauerte sich hinter eine Eiche. Dann drückte er sich an den kalten, nassen Baumstamm und hielt die Luft an.
Zweige knackten ganz in der Nähe, dann brach der Schwarze Mann wie ein Panzer durch das Dickicht. Alfie rührte sich nicht und beobachtete, wie sein Verfolger sich zwischen den Bäumen einen Weg bahnte. Jedes Mal, wenn ein Zweig sein Gesicht streifte, stieß er einen wütenden Fluch aus. Als er sich ganz aus dem Unterholz befreit hatte, drehte er sich einmal im Kreis, verzweifelt auf der Suche nach seiner Beute, und rannte dann in die entgegengesetzte Richtung davon.
Endlich konnte Alfie den langersehnten, tiefen Atemzug machen. Das war knapp.
Wenige Minuten später, nachdem er sich mehrfach versichert hatte, dass ihm wirklich niemand mehr auf den Fersen war, überquerte er die Bahnhofsbrücke. Unter ihm ratterte gerade ein Zug zur Stadt hinaus. Jeden Abend, wenn er wach in seiner Zelle lag, lauschte er dem fernen Rumpeln der Waggons. Und jeden Abend träumte er davon, eines Tages einfach aufzuspringen und mitzufahren, ganz egal wohin. In die Berge vielleicht, in einen großen Wald oder eine einsame Moorlandschaft. Die Wildnis hatte Alfie schon immer magisch angezogen. Irgendein einsamer Ort, wo er ganz er selbst sein konnte und …
Ein Bus rollte vorbei, hinter den Fenstern ein paar leere Gesichter. Alfie wurde aus seinen Träumereien gerissen. War er eigentlich noch ganz dicht? Am Bahnhof gab es viel zu viele Kameras, zu viele Menschen. Außerdem hatte er sich etwas vorgenommen. Sein Entschluss stand fest. Er durfte sich jetzt nicht ablenken lassen.
Alfie beschleunigte seine Schritte, fischte eine zerknitterte Baseballmütze aus seiner Jackentasche und setzte sie auf. Was Verkleidungen anging, hatte er im Lauf der Jahre Eines gelernt: Weniger ist mehr. Falsche Bärte? Angeklebte Nasen? Vergiss es! Viel wichtiger war es, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, unterzutauchen, unauffällig zu sein. Das war sowieso Alfies Lieblingswort.
Hastig überquerte er die Brücke und gelangte auf die lebhafte Hauptstraße. Es war eine völlig andere Welt im Vergleich zu seiner normalen Umgebung, aber er fühlte sich pudelwohl. Es tat so gut, draußen zu sein. Alfie verfiel in einen Laufschritt, hielt sich möglichst im Schatten und wich den Passanten aus, die achtlos an ihm vorbeihuschten. Und dann, plötzlich, stand er direkt vor einem bescheidenen kleinen Häuschen mit einem grellen Neonschild im Fenster. Er hatte sein Ziel erreicht, hatte seine Mission erfolgreich beendet. Gerade wollte er die Tür öffnen, da erstarrte er schlagartig.
Scharfschützen.
Ein halbes Dutzend. Sie saßen da drin, hatten sich um einen Tisch geschart, schraubten gelangweilt an ihren Teleobjektiven herum und vertrieben sich die Zeit vermutlich mit irgendwelchen Heldengeschichten, während sie auf ihre Zielperson warteten. Auf ihn. Als Alfie seinen Fehler erkannte, war es schon zu spät. Er hätte nicht stehen bleiben dürfen, hätte einfach vorbeigehen sollen, anstatt seinen Feinden wie ein Volltrottel genau ins Gesicht zu starren. Sein Pech, dass ausgerechnet jetzt einer der Scharfschützen – ein bärtiger Kerl mit zerfurchtem Gesicht und einer kompletten Ausrüstung – aufblickte und Alfie direkt in die Augen sah. Alfie konnte zwar nicht hören, was er sagte, aber er konnte seine Lippen lesen.
»DA IST ER!«
Mission abbrechen.
Zum zweiten Mal an diesem Abend rannte Alfie um sein Leben. Nur, dass es dieses Mal weit und breit kein Versteck gab. In der Einkaufsstraße war es viel zu hell. Außerdem war er nach dem Wettrennen mit dem Schwarzen Mann noch ziemlich erschöpft.
Hinter ihm stürmten die Scharfschützen bereits auf die Straße, machten sich schussbereit, klappten Stative aus und legten auf ihn an, noch während sie ihm hinterherliefen.
Alfie jagte über die Straße, zwängte sich durch eine winzige Lücke zwischen einem Bus und einem Taxi hindurch. Hupen dröhnten, und Luftdruckbremsen zischten. Er durfte ihnen keine freie Sicht bieten. Diese Typen waren Profis – mehr als einen Sekundenbruchteil brauchten sie nicht, dann war es um ihn geschehen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdeckte Alfie zwischen einer Kneipe und einem Handygeschäft eine schmale Gasse. Er huschte hinein, ohne zu wissen, wohin sie führte. Hinter sich hörte er schon die Rufe der Scharfschützen. Und dann sah er ihn: groß, eckig und grün, mit einem Deckel aus schwarzem Gummi.
Das war seine einzige Chance.
Alfie packte den Rand des Müllcontainers und sprang hoch, hievte sich über den Rand und ließ sich fallen. Dann knallte er den Deckel zu. Es stank nach gammeligem Essen, und Alfie versuchte, sich krampfhaft einzureden, dass ganz bestimmt niemand erst kürzlich seinen Mageninhalt hier entsorgt hatte. Er hörte die schweren Schritte und keuchenden Rufe der Scharfschützen und hielt den Atem an. Er machte die Augen zu und betete. Geht weiter, geht weiter.
Die Schritte kamen näher und entfernten sich wieder. Dann … Stille. Sie waren weg.
Alfie hatte nur einen Gedanken. Er wollte den stinkenden Container so schnell wie möglich wieder verlassen. Trotzdem zwang er sich, noch eine ganze Minute zu warten, bevor er vorsichtig den Deckel lüftete und nach draußen linste.
BLITZ!
Lichtexplosionen zuckten und blendeten ihn, als der bärtige Scharfschütze einen sauberen Kopftreffer landete. Alfie schrie auf und fiel zurück in den Container. Tausend Supernovas tanzten über seine Netzhaut. Benommen hob er den Blick, als der Scharfschütze den Deckel des Müllcontainers weit aufklappte, sich hineinbeugte und das Teleobjektiv seiner Kamera direkt auf Alfies Gesicht richtete.
»Sagt Cheese, Euer Hoheit!«
Prinz Alfred Henry Alexander Louis, Prinz von Wales und Anwärter auf den Thron des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, starrte den Paparazzo aus den Tiefen des Containers an und reckte ihm voll bitterer Ironie die emporgereckten Daumen entgegen.
»Sind Sie jetzt zufrieden?« Besonders böse konnte Alfie dem Mann gar nicht sein. Er machte ja nur seine Arbeit.
»Was glaubt Ihr?«, erwiderte der kleine Mann mit dem Rattengesicht. »Ein Foto des zukünftigen Königs von England, der sich in einer Mülltonne versteckt? Das macht zehntausend Pfund, recht herzlichen Dank auch.« Jetzt nahm der Fotograf den Duft wahr, der ihm aus dem Container entgegenschlug, und zuckte zurück. »Boooaahh. Habt Ihr Euch da drin etwa übergeben, Hoheit?«
Plötzlich wurde der Fotograf nach hinten gerissen. Das war der Schwarze Mann alias Brian, Alfies königlicher Leibwächter. Zum ersten Mal war Alfie froh, ihn zu sehen.
Brian brauchte dem empörten »Scharfschützen« nur einen kräftigen Schubs zu geben. »Das reicht jetzt. Du hast deinen Spaß gehabt.«
Der Fotograf wehrte sich kaum – er hatte mit einem Blick erkannt, dass es sich bei Alfies Leibwächter um einen ehemaligen Elitesoldaten handelte. Und wozu auch? Schließlich hatte er bekommen, was er wollte. Also steckte er seine Kamera ein und machte sich aus dem Staub. Gleichzeitig zückte er sein Handy. Das Wettbieten um seinen exklusiven Schnappschuss von dem Prinzen im Müll war eröffnet.
Erleichtert, dass die Bedrohung jetzt abgewendet war, drehte Brian sich zu Alfie um und blickte ihn genervt an.
»Also gut, Brian, du hast mich gefunden. Jetzt darfst du dich verstecken. Soll ich bis zwanzig zählen?«
Brian seufzte. Er war heute Abend nicht in Stimmung für Alfies Witze. »Was wolltest du denn diesmal? Indisch? Fish and Chips?«
»Pizza, ehrlich gesagt. Bei Ambrogio gibt es die beste Salami-Pizza der ganzen Stadt.«
»Und genau da ist zufällig jeden Donnerstag der Paparazzi-Stammtisch«, schnaubte Brian.
»Du bist sauer auf mich, stimmt’s? Weil du wegen mir ständig durch die Gegend rennen musst«, sagte Alfie.
»Ich war sauer, das stimmt. Bis du in diesen Müllcontainer gehüpft bist. Da hat sich meine Laune schlagartig gebessert.«
»Und jetzt muss ich wieder zurück in den Knast, was?« Alfie streckte die Hand aus, doch Brian wich zurück und hielt sich die Nase zu.
»Falls du damit die Schule meinst, dann hast du recht, ja. Ich bin wirklich gespannt, wie du das morgen dem Direktor erklären willst.« Brian lachte.
Alfie wollte herausklettern, doch Brian schubste ihn wieder zurück.
»Moment mal. So, wie du stinkst, lasse ich dich nicht in mein Auto.«
»Aber ich kann doch nicht zu Fuß zurückgehen«, jammerte Alfie. »Mittlerweile liegen garantiert überall Scharfschützen auf der Lauer.«
Brian zog die Stirn in Falten und sah sich gründlich in der Gasse um. »Das ist ein Argument. Halt mal die Luft an.«
»Wieso?«
Alfie duckte sich, als Brian den Deckel des Containers über ihm zuknallte.
»BRIAN!«, brüllte Alfie in die Dunkelheit.
»Jetzt sei mal brav und halt die Klappe. Wer weiß, vielleicht hast du ja Glück und findest da drin noch ein Stückchen Pizza.« Der Leibwächter grinste, als er die Bremsen des Containers löste und ihn die Gasse entlangschob. Dabei pfiff er fröhlich »God Save the King« vor sich hin.
Wenn das alles war, was der Tower von London zu bieten hatte, dann wollte sie ihr Geld zurück.
Hayley Hicks schob sich eine widerspenstige Haarsträhne hinters Ohr und schlug den Kragen ihrer Jacke hoch, um sich vor dem eisigen Nieselregen zu schützen. Sie hatte keine Ahnung, dass ihr Leben sich in wenigen Minuten für immer verändern würde.
Seit einer gefühlten Ewigkeit stand sie jetzt schon hier und sah einem Soldaten in einem roten Umhang und einer hohen Bärenfellmütze dabei zu, wie er ein Gewehr in den Händen hielt und ansonsten gar nichts tat. Na ja, das stimmte nicht ganz. Er stand regungslos da und bewachte ein großes Eichentor am Fuß eines mächtigen, alten Turmes. Hayley hatte den Kerl noch nicht einmal blinzeln gesehen. Die nächsten ein, zwei Minuten lieferte sie sich ein Blickduell mit ihm, doch dann gab sie auf. Also gut, du hast gewonnen, dachte sie und seufzte. Jedes normale vierzehnjährige Mädchen mit auch nur einem Hauch Selbstachtung hätte sich geweigert, seinen Dienstagabend so zu verbringen – frierend und durchnässt inmitten einer Touristenherde vor einem gammeligen alten Schloss. Sie wackelte mit den Zehen, um sich zu versichern, dass sie noch nicht abgefallen waren, und stampfte ein paarmal mit den Füßen.
»Jetzt sei doch nicht so unruhig, Kind. Das Warten lohnt sich, du wirst schon sehen.« Hayleys Großmutter saß im Rollstuhl und blickte mit gerunzelter Stirn zu Hayley hinauf. Sie gab sich alle Mühe, verärgert auszusehen.
»Du hast gut reden in deiner fahrbaren Kuschelecke. Ich sterbe gleich an Unterkühlung, Gran«, erwiderte Hayley, aber sie lächelte dabei.
Heute war Grans siebenundsiebzigster Geburtstag, und ihr Geschenk war eine Besichtigung des Towers von London und vor allem der Kronjuwelen. Bevor sie losgegangen waren, hatte Hayley ihre Gran in jede Menge Decken eingemummelt. Außerdem steckten in ihrem Rucksack: eine Thermoskanne, ein zweites Paar Strümpfe, eine extra dicke Wollmütze sowie, nicht zu vergessen, Grans Medikamente in fein säuberlich beschrifteten Döschen. Fast drei Monate lang hatte Hayley auf diesen Tag gespart. Mittagessen, Eintrittskarten und ein rollstuhlgerechtes Taxi, das alles kostete in London eine ganze Stange Geld, aber sie war froh, dass sie es gemacht hatte. Seit Jahren hatte sie ihre Gran nicht so aufgekratzt erlebt. Den ganzen Tag lang hatte sie ununterbrochen geredet, vor allem über die Königsfamilie (ihr absolutes Lieblingsthema) und über englische Geschichte (ihr zweites Lieblingsthema).
Doch der beste Teil ihres Ausflugs stand immer noch bevor. Hayley hatte nämlich zwei Eintrittskarten für die sogenannte Schlüsselzeremonie besorgt. Und heute Abend hatten sie, zusammen mit ein paar anderen Auserwählten, die Ehre, dabei zuzusehen, wie die Kronjuwelen für die Nacht weggeschlossen wurden. Von dieser Zeremonie hatte Hayley erst erfahren, als sie sich etwas näher mit dem Tower beschäftigt hatte. Ihre Gran wäre beinahe aus dem Rollstuhl gehüpft, als Hayley ihr die Tickets gezeigt hatte.
»Siebenhundert Jahre, Hayley! Seit siebenhundert Jahren wird der Tower an jedem Abend immer genau mit derselben Zeremonie abgeschlossen, bei Wind und Wetter, bei Sonnenschein und Sturmgebraus.« Ihre Gran hatte fast immer eine ziemlich seltsame Art sich auszudrücken.
»Ehrlich? Ist ja toll.« Hayleys Begeisterung war nicht echt, aber das schien ihrer Gran gar nicht aufzufallen.
»Obwohl, das stimmt nicht ganz. Einmal ist sie ausgefallen, im Krieg, als eine Bombe eingeschlagen hat.«
Hayley war sich ziemlich sicher, dass ihre Gran sich von einer Bombe nicht einschüchtern lassen würde. Sie war in den fünfziger Jahren aus Jamaika nach England gekommen und hatte einen Weißen geheiratet, als alle Welt so etwas noch völlig unmöglich fand. Sie wurde eine der ersten U-Bahn-Fahrerinnen in London, machte gleichzeitig einen Abschluss in Geschichte an der Fern-Universität und führte ganz allgemein ein Leben, das vollgepackter war als das der meisten anderen Menschen. Sie scheute sich nie, laut und deutlich ihre Meinung zu sagen, und Hayley konnte nur hoffen und beten, dass sie die ganze Zeremonie überstanden, ohne dass ihre Gran den Soldaten eine »hilfreiche Bemerkung« zurief. Sie hatte ja schon dem Wächter an der Tür schöne Augen gemacht und ihn mit »Hallo, hübscher Mann, lassen Sie sich doch mal anschauen!« begrüßt. Er hatte ihren Blick erwidert, ohne ein einziges Mal zu blinzeln.
Apropos Zeremonie. Wann ging es eigentlich endlich mal los? Hayley blickte auf ihre Armbanduhr und …
»HALT!«
Der Wächter riss das Gewehr von der Schulter. Auf dem Bajonett glitzerten Regentropfen. Der Wächter legte auf fünf andere Soldaten an, die sich jetzt dem Tor näherten. Sie blieben ruckartig stehen. Drei von ihnen hatten ebenfalls Gewehre in der Hand, der vierte eine Laterne, die ein unheimliches Licht auf die hohen Mauern warf. Der fünfte Mann war klein und rundlich und trug einen buschigen, rötlich braunen Vollbart. Für Hayley sah er aus wie ein normaler Beefeater (so werden die Angehörigen der königlichen Leibgarde genannt, auch wenn niemand mehr so genau weiß, wieso eigentlich), doch ihre Gran flüsterte ihr zu, dass das der »Chief Yeoman Warder« war und dass er nicht etwa ein Kleid trug, sondern eine Tunika. Das Kleid (also gut, die Tunika) war schwarz mit roten Bordüren. Auf der Brust waren die Buchstaben »HR« aufgestickt. Gran sagte, dass das Henricus, Rex, bedeutete, also Lateinisch für »König Henry« war. Am Gürtel trug der Chief Yeoman Warder ein Schwert, das in einer Scheide steckte, und in der einen Hand hielt er einen Bund mit vielen, langen Eisenschlüsseln.
»Wer kommt da?«, bellte der Wächter.
»Die Schlüssel!«, ertönte es irgendwo unter dem Bart des Chief Yeoman Warder.
»Wessen Schlüssel?«
»König Henrys Schlüssel!«
Nach siebenhundert Jahren sollten die das langsam mal wissen!, dachte Hayley. Aber sie hielt den Mund und blickte ihre Gran an, die die Szene wie hypnotisiert beobachtete. Dabei klammerte sie sich mit ihren kleinen Händen fest an die Armlehnen des Rollstuhls.
Der Wächter schulterte jetzt zufrieden sein Gewehr und nahm Habachtstellung ein. »In Ordnung. Ihr dürft passieren.«
»Eskorte zu den Schlüsseln, durch die Mitte, Marsch, Marsch!«, brüllte der Sergeant.
Und schon bugsierten sie den Chief Yeoman Warder an dem Wächter vorbei.
Mittlerweile war noch ein Beefeater aufgetaucht. Er führte die Touristen jetzt unter dem Torbogen des sogenannten »Bloody Tower« (klingt irgendwie unangenehm) hindurch auf das Tower Green (das ist eine Rasenfläche neben dem Tower), von wo sie den Rest der Zeremonie beobachten konnten. Der Innenhof mit dem nassen, rutschigen Kopfsteinpflaster, das nur von einigen wenigen Laternen beschienen wurde, sah jetzt völlig anders aus als heute Nachmittag, als Hayley und ihre Gran im Kreis vieler anderer Touristen hier ihre Sandwiches gegessen hatten. Ein unsichtbarer Rabe krächzte von den Zinnen der Festungsmauer. Hayley schauderte. Nur wenige Meter entfernt, hinter einer Absperrung und mit einer Plakette versehen, befand sich der Richtblock. Hier waren etliche bedeutende Männer und Frauen geköpft worden. Hayleys Gran hatte ihr erzählt, dass der Geist einer Hingerichteten – Anne Boleyn – angeblich Nacht für Nacht mit ihrem eigenen Kopf unter dem Arm durch den Innenhof spukte.
Die übrigen Angehörigen der Tower-Wache standen wartend auf der breiten Mitteltreppe. Hayley schob ihre Gran ganz nach vorne, damit sie alles sehen konnte. Der Chief Yeoman Warder reckte seinen Hut in die Luft und brüllte: »Gott schütze König Henry!«
»Amen!«, riefen die Wächter im Chor.
»Amen!«, rief auch ihre Gran voller Begeisterung und erntete dafür Gekicher von den anderen Touristen. Hayley grinste verlegen und versuchte, nicht rot anzulaufen.
Hoch oben schlug die Turmuhr zehnmal. Hayley musste zugeben, dass die Zeremonie mit einer beeindruckenden Pünktlichkeit abgelaufen war. Jetzt fing ein einsamer Trompeter an zu spielen, so dass die Töne von den hohen Wänden ringsumher widerhallten. Der Chief Yeoman Warder setzte seinen Hut wieder auf und packte den großen Schlüsselbund mit festem Griff, während er die letzten Stufen zum »Jewel House« emporstieg, dem Gebäude, in dem die Kronjuwelen verwahrt wurden. Wenigstens sind wir bald fertig, dachte Hayley und bereitete sich innerlich schon auf die lange Fahrt nach Hause vor. Erst mussten sie ein Taxi nehmen und dann noch ein ganzes Stück mit der Bahn fahren.
»Das ist wundervoll, findest du nicht auch?«, flüsterte ihre Gran ihr zu. »Da wird Geschichte mit einem Mal ganz lebendig.«
Hayley wollte gerade etwas erwidern, da geschah etwas außerordentlich Merkwürdiges.
Ein seltsames Pfeifen ertönte, das sich anhörte wie eine fallende Bombe, und dann landete eine große, düstere Gestalt auf dem Innenhof, keine zwanzig Meter von ihnen entfernt. Der Aufprall war so heftig, dass Hayleys Zähne klapperten. Etliche Soldaten ließen ihre Gewehre fallen. Eine japanische Touristin schrie auf und schlug die Hand vor den Mund.
Hayley starrte die Gestalt, die da gerade vom Himmel gefallen war, an. Sie kauerte regungslos in einer Ecke des Innenhofs. Für einen kurzen Moment glaubte Hayley, dass eine Statue oder einer der hässlichen Wasserspeier des Turmes abgebrochen und heruntergefallen war. Zum Glück ist niemand getroffen worden, dachte sie.
Doch dann bewegte sich der »Wasserspeier« und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Das waren mindestens zwei Meter zehn! Er stand zwar da wie ein Mensch, war aber von Kopf bis Fuß mit dicken, glatten, schwarzen Schuppen bedeckt. Über seinem Gesicht, das wie eine schmale, grausame Schnauze aussah, ragte eine ganze Reihe spitzer Hörner in die Höhe, und an seinen riesigen Händen und Füßen wuchsen furchterregende Krallen. Das ganze Wesen sah aus, als sei es noch nicht ganz ausgereift. Es schimmerte feucht, wie eine Art neugeborenes Monster. Alle möglichen Gedanken jagten kreuz und quer durch Hayleys Kopf, während sie versuchte, sich das, was sie sah, irgendwie zu erklären. Ein schwarzer Echsenmann?
Ein junger, schlaksiger amerikanischer Tourist blätterte in seinem Reiseführer herum und starrte Hayley ratlos an. »Gehört das zur Show?«
Der Sergeant reagierte als Erster. Er trat einen Schritt vor und richtete sein Gewehr auf die aufrecht stehende, geheimnisvolle Schwarze Echse. »Wer da?« Seine Stimme klang allerdings sehr viel weniger kräftig und selbstbewusst als zuvor.
Die Schwarze Echse riss ruckartig den Kopf herum und fixierte den Sergeant. Dabei konnte Hayley zum ersten Mal ihre Augen sehen. Die Iris leuchtete dunkelrot, und die schwarzen Pupillen waren länglich, wie nächtliches Dunkel hinter einem halbgeschlossenen Vorhang. Die Kreatur ließ ihren wissenden, Unheil verheißenden Blick wie einen Suchscheinwerfer über sie und die Touristengruppe schweifen. Hayley wurde speiübel.
Dann stieß die Bestie ein ohrenbetäubendes Kreischen aus und sprang mit einem Satz auf die Soldaten zu. Als hätte jemand die Start-Taste gedrückt, rannten plötzlich alle durcheinander. Schreiende Touristen drängelten sich aneinander vorbei. Schüsse dröhnten, als die Soldaten die Schwarze Echse unter Feuer nahmen. Hayleys Gedanken schlugen Purzelbäume. Die Gewehre sind ja geladen!
Funken sprühten vom Schuppenpanzer des Echsenmannes, aber die Kugeln prallten daran ab, ohne Schaden anzurichten. Jetzt stieß das Ungeheuer ein erneutes Kreischen aus, sprang drei Meter hoch in die Luft und durchschlug die Außenmauer des Jewel House im ersten Stock. Steinbrocken und Holzsplitter regneten zu Boden.
Hayley packte Grans Rollstuhl und wollte ihn so schnell wie möglich zum Ausgang schieben, in Sicherheit bringen, doch auf dem nassen Kopfsteinpflaster war das eine fast unlösbare Aufgabe.
»Lauf los, Hayley! Lass mich zurück!«, rief ihre Gran.
»Niemals!«, entgegnete Hayley.
Da ertönte im Jewel House ein zweites Mal ein fürchterliches Getöse. Hayley blickte sich um. Die Schwarze Echse kam durch das Loch in der Turmwand wieder nach draußen und landete auf dem Innenhof. Sie hielt ein glitzerndes Bündel in den riesigen Klauen – ein goldenes Zepter, ein reichverziertes Schwert und eine mit Juwelen besetzte Krone. Hayley wusste, was das war, schließlich hatten sie erst vorhin lange angestanden, um diese Gegenstände hinter schwerem Sicherheitsglas ausführlich zu betrachten. Das waren die Kronjuwelen.
Sollte das etwa ein Raubüberfall sein? War der Echsenmann hinter den Kronjuwelen her?
Doch dann machte die Schwarze Echse etwas sehr Eigenartiges. Sie warf die Juwelen einfach beiseite, als sei es wertloser Abfall. Hayley musste daran denken, was Gran ihr erzählt hatte: Manche Leute waren fest überzeugt, dass die im Tower ausgestellten Kronjuwelen gefälscht waren und dass die Originale sicher verwahrt an einem geheimen Ort lagerten. Hatte der Echsenmann sie deshalb weggeworfen? Hatte er den Schwindel bemerkt?
Da ertönte ein Schrei, und Hayley sah zu ihrer Verblüffung, wie der Chief Yeoman Warder mit hocherhobenem Schwert auf das Monster zustürmte. Die Schwarze Echse drehte sich um und neigte den Kopf ein winziges bisschen zur Seite. Vielleicht hatte das Ding nicht damit gerechnet, dass ein kleiner, rundlicher Kerl mit Vollbart in einem rotschwarzen Minirock es mit ihm aufnehmen wollte, aber genau so war es. Hayley wollte noch rufen: »Nicht! Spielen Sie nicht den Helden!«, aber irgendwie schien ihre Stimme plötzlich nicht mehr zu funktionieren.
Der Gegenschlag war schonungslos und dauerte nur Sekundenbruchteile. Die Schwarze Echse rührte sich nicht einmal von der Stelle, sondern versetzte dem Angreifer einfach einen Rückhandschlag auf die Brust. Ein grauenhaftes Knacken ertönte, und der tapfere Beefeater wurde hoch in die Luft geschleudert. Dann landete er mit einem dumpfen Aufprall direkt neben Hayley und ihrer Gran. Hayley sah atemlos zu, wie der Mann seine trüben Augen verdrehte und vergeblich versuchte, wieder einen klaren Blick zu bekommen. Seine blutverschmierten Lippen öffneten sich, und er stieß seine letzten Worte hervor:
»Gott … schütze … den König.«
Das konnte doch nicht wahr sein! Das war doch völlig unmöglich! Hayleys Gran klappte den Mund auf und zu, ohne einen einzigen Laut hervorzubringen, während der schlaksige Amerikaner das Ganze mit seiner Handykamera filmte und dabei Grans Rollstuhl als Deckung benutzte. Hayley wollte ihn gerade anschnauzen, dass er sich gefälligst ein anderes Versteck suchen sollte, da nahmen die Ereignisse schon die nächste Wendung. Und jetzt wurde es richtig unheimlich.
Ein Pferdewiehern hallte von den Turmwänden wider. Hayley schöpfte Hoffnung. Hat da jemand die Kavallerie gerufen? Doch dann sah sie, dass hoch über den Burgzinnen ein Geisterpferd schwebte. Es hatte weder Flügel noch Düsen, noch konnte Hayley sonst irgendwelche Hilfsmittel entdecken, die dafür sorgten, dass es nicht einfach zu Boden fiel, aber es war ganz ohne Zweifel da: ein durchsichtiges Pferd mit einem Schutzpanzer um den Kopf und an den Flanken. Als es jetzt auf sie zu sauste, erkannte Hayley, dass ein Reiter im Sattel saß. Ein Ritter. Seine geschmeidige Rüstung glänzte strahlend weiß und bildete so den genauen Gegensatz zu der undurchdringlichen Finsternis der Schwarzen Echse.
Und obwohl Hayley ihren Augen nicht traute, wusste sie doch, wer dieser Ritter war: der »Defender«. Jetzt fehlten also nur noch Nessie und der Yeti, dann war die Runde komplett. Der Defender war doch eigentlich genauso ein Hirngespinst wie die anderen beiden auch. Alle paar Monate brachte irgendeine Zeitung eine Schlagzeile wie zum Beispiel »BRITANNIENS GROSSER SUPERHELD!« und daneben ein derart verschwommenes Foto, dass man nichts darauf erkennen konnte. Aber jetzt war er ganz eindeutig hier vor ihren Augen gelandet – ein Ritter in weißer Rüstung.
Anstatt darauf zu warten, dass sein Reiter abstieg, fiel das Pferd einfach in sich zusammen, fast wie ein Klapprad, und verschwand in den Sporen des Defenders. Die Schwarze Echse sprang mit ausgestreckten Krallen auf ihn zu, doch der Defender hob lediglich den Arm. Ein schimmernder Schild klappte aus seinem Handgelenk. Damit wehrte er alle Schläge ab und ging dann selbst zum Angriff über. Er zog ein hellleuchtendes Schwert aus der Scheide und schlug mit einer geschmeidigen Bewegung nach seinem Gegner. Die verblüffte Echse wollte dem Schlag ausweichen, doch dafür war es bereits zu spät. Die Klinge streifte sie an der Schulter, und die Echse wurde mit einer Wucht wie bei einem Autounfall gegen die Turmwand geschleudert.
Bei dem Schwerthieb des Defenders hatten sich ein paar schwarze Schuppen aus dem Echsenpanzer gelöst. Eine davon flog in hohem Bogen durch die Luft und landete auf der Decke über Grans Beinen. Ohne nachzudenken, griff Hayley danach. Sie hätte sich beinahe verbrannt, so heiß war das Ding. Sirenengeheul dröhnte jetzt über den Innenhof. Blinkendes Blaulicht drang zum Torbogen herein. Der Defender drehte sich um. Das war die Gelegenheit, auf die die Schwarze Echse gewartet hatte. Sie rappelte sich auf und huschte, flink und behände wie ein Gecko, an der Turmwand empor, bis sie die Spitze erreicht hatte und nicht mehr zu sehen war.
Der Defender beugte sich über den leblosen Körper des Chief Yeoman Warder. Hayley und ihre Gran schwiegen andächtig, als er sich neben den Beefeater kniete und den Kopf zum Gebet neigte. Dann sagte er mit leiser, aber fester Stimme: »Auf dass Ihr nicht als Yeoman Warder sterben möget«.
Der Defender erhob sich. Seine Sporen glühten. Im nächsten Moment entfaltete sich das Pferd unter ihm und hob ihn lautlos in den nächtlichen Himmel empor, wo er davonschwebte. Niemand sagte ein Wort, niemand rührte sich von der Stelle.
Hayleys Gran lächelte schwach. »Siehst du, ich hab dir doch gesagt, dass es sich lohnen würde.«
Hayley betrachtete die schwarze Schuppe in ihrer Hand und steckte sie, ohne nachzudenken, in ihren Rucksack.
Was würde es dieses Mal werden? Nachsitzen? Ein Eintrag ins Klassenbuch? Ein Rauswurf?
Schön wär’s, dachte Alfie, während er ganz langsam aus den Federn kroch und die Füße auf den kalten Fußboden setzte. Aber es wäre ganz bestimmt keine Werbung für die weltberühmte Harrow School, wenn sie den Thronfolger rausschmeißen würden. Wegen der Bestrafung machte er sich sowieso nicht allzu viele Gedanken. Viel mehr beschäftigte ihn die Frage, wie die Öffentlichkeit reagieren würde – was würden die Menschen im Land zum neuesten Malheur ihres Pannen-Prinzen sagen? Irgendwie fand er es immer noch merkwürdig, dass alle Welt ihn so aufmerksam beobachtete. Gab es nicht sehr viel wichtigere Dinge, über die sich die Leute unterhalten konnten? Kriege, Naturkatastrophen, grausame Verbrechen, ja, wegen ihm auch die neuesten Fußballergebnisse. Wen interessierte es eigentlich wirklich, dass ein Vierzehnjähriger sich heimlich eine Pizza besorgen wollte und dabei erwischt worden war? Vielleicht war es dieses Mal ja anders. Vielleicht hatte sich die Aufregung schon wieder gelegt.
Er schnappte sich sein Handtuch, öffnete seine Zimmertür und … trat in einen Papierkorb. Im ersten Moment glaubte Alfie, dass seine Augen ihm einen Streich spielten, aber nein, er hatte sich nicht getäuscht. Im Flur vor seiner Zimmertür türmten sich sämtliche Abfallkörbe, Müllkübel und Ascheimer der gesamten Schule – große und kleine, aus glänzendem Blech, aus staubigem Weidengeflecht oder aus grauem Plastik.
Jetzt ertönte auf der Treppe über ihm lautes Gelächter. Auch ohne nachzusehen, wusste er, dass sämtliche Mitschüler, die mit ihm im Haus wohnten, dabei zusahen, wie er durch ihr ach so witziges Mülleimer-Minenfeld wankte.
Alfie versuchte, zu grinsen und sich nichts anmerken zu lassen. »Also gut, ha-ha, sehr witzig.«
Doch jetzt kamen von allen Seiten Zeitungen herabgeflattert. Er kam sich vor wie in einem Schneesturm mit gigantischen Schneeflocken. Und auf jeder Zeitung prangte ein Foto von Alfie, wie er mit erschrockener Miene aus dem Müllcontainer nach oben starrte. Nur die Schlagzeilen lauteten unterschiedlich: »DER MÜLL-PRINZ«, »WIRD DIE KÖNIGSFAMILIE ENDGÜLTIG ENTSORGT?« und dann sein persönlicher Favorit: »SEINE MÜLL-ESTÄT!«
Die Aufregung hat sich wohl doch nicht so schnell wieder gelegt.
So war es von Anfang an gewesen, seit Alfies Ankunft auf der Harrow School an einem stürmischen Septembermorgen vor sechs Monaten. Er hatte versucht, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Doch er hatte sehr schnell erfahren müssen, dass ein Titel wie »Seine Königliche Hoheit« (und den trug er nun mal vor dem Vornamen) eine Art Scheinwerfer war, der ihn rund um die Uhr anstrahlte. Natürlich, er hätte es viel schlechter treffen können – immerhin hatte er das große Glück, nicht arm zu sein und nie hungern zu müssen. Das war ihm klar. Aber genauso klar war ihm auch, dass es etwas gab, was er niemals haben würde: Freiheit.
Die meisten Menschen leben einfach ihr Leben, ohne besonders beachtet zu werden. Aber Alfie konnte nicht einmal ein Zimmer betreten, ohne dass ihn alle anstarrten. Er konnte keine Straße entlanggehen, ohne dass die Leute mit Fingern auf ihn zeigten und sich gegenseitig etwas zuflüsterten oder, noch schlimmer, ihm etwas zuriefen oder ihn gar verfolgten. Wenn normale Vierzehnjährige eine Dummheit begehen oder mal über die Stränge schlagen – und, ganz ehrlich, genau das ist doch der tiefere Sinn der Teenager-Zeit –, dann bekommen sie vielleicht eine Standpauke von ihren Eltern oder werden von ihren Kumpels auf die Schippe genommen. Aber wenn Alfie sich einen Fehltritt leistete, dann wusste schon wenige Minuten später die ganze Welt Bescheid, inklusive Foto und eines ausführlichen Berichts.
Alfie konnte nicht verstehen, wieso es Leute gab, die berühmt sein wollten. Alle Prominenten, die er kannte – meist von den langweiligen Empfängen im Palast, die er besuchen musste –, schienen diesen ganzen Glitzer und Glamour zu verabscheuen. Er hatte den leisen Verdacht, dass die meisten, genau wie er, auf die öffentliche Aufmerksamkeit am liebsten verzichtet hätten, um stattdessen die Möglichkeit zu haben, alleine spazieren zu gehen, sich eine Pizza zu besorgen, auf einer Parkbank zu sitzen und die Welt an sich vorüberziehen zu lassen, anstatt ununterbrochen von der Welt begafft zu werden. Alfie hätte alles dafür gegeben, genauso zu sein wie alle anderen auch. Und wenn er zu lange darüber nachdachte, dann wurde er richtig sauer. Das war alles so ungerecht! Aber vor allem verunsicherte es ihn. Und so sagte er lieber nichts, aus Angst, vielleicht das Falsche zu sagen. Probierte lieber nichts Neues aus, aus Angst, sich vielleicht wieder zum Narren zu machen. Ging lieber …
»HEY! PRINZESSIN!«
Ja, genau, er ging Schlägertypen wie Mortimer lieber aus dem Weg. Es gab keinen Menschen auf der Welt, den Alfie so wenig ausstehen konnte wie Sebastian Mortimer. Schon mit elf Jahren war er deutlich über einen Meter achtzig groß gewesen, und zwar ohne den blonden Haarschopf, der wie eine Vanille-Welle auf seinem Kopf thronte. Alfie wusste nicht, was er getan hatte, um Mortimers Verachtung auf sich zu ziehen. Aber der hatte ihn vom ersten Tag an »Prinzessin« genannt, immer gefolgt von einem Lachen, das aus dem Mund eines solchen Schranks verblüffend piepsig klang. Den meisten anderen Jungs reichte es, Alfie mit Spitznamen, Streichen und harmlosen Hänseleien ein bisschen auf den Geist zu gehen. Aber Mortimer war sehr viel primitiver gestrickt, manche würden sagen: Er war hemmungslos. Faustschläge, verdrehte Arme, gequetschte Rippen und Beinstellen, so etwas war eher sein Stil.
Alfie lächelte, als ob er die Situation dadurch irgendwie entschärfen könnte. »Können wir heute die morgendliche Tracht Prügel ausfallen lassen? Ich habe eine ziemlich anstrengende Nacht hinter mir.«
Statt einer Antwort schnappte Mortimer sich einen Blecheimer und warf ihn in Alfies Richtung. Der konnte sich gerade noch rechtzeitig ducken, und der Eimer verfehlte ihn nur um wenige Zentimeter. Er sah sich hilfesuchend um – wo steckte Brian eigentlich, wenn er ihn mal brauchte? Achtung, jetzt kommt der Witz des Jahres: Das Schulgelände galt als sicheres Gebiet, darum sah Brian nur vier-, fünfmal am Tag nach ihm, anstatt ihn, wie draußen, ständig zu beschatten. Toller Leibwächter, dachte Alfie und warf sich zu Boden, um einem Metalldeckel auszuweichen, den Mortimer wie einen Diskus auf ihn zugeschleudert hatte.
»Was ist denn los, Prinzessin? Ich dachte, du stehst drauf, wenn’s ein bisschen gammelig riecht? Erinnert dich wahrscheinlich an zu Hause, stimmt’s oder hab ich recht?«
Alfie wusste, dass keiner der anderen Jungs, die die Szene mit großen Augen von der Treppe aus verfolgten, ihn in Schutz nehmen würde. Er steckte ernsthaft in Schwierigkeiten. Hastig überlegte er, welche Möglichkeiten ihm blieben. Er konnte sich wehren – ach, nein, dann hätte Mortimer nur noch einen Vorwand gehabt, um ihn ordentlich in die Mangel zu nehmen. Er konnte weglaufen – aber Mortimer hätte ihn vermutlich erwischt. Vielleicht war es das Beste, einfach stehen zu bleiben und die Schläge über sich ergehen zu lassen. Dann konnte er wenigstens ein paar Tage lang auf der Krankenstation liegen, sich die Zeit mit Videospielen und Eiscreme vertreiben und eine Weile vergessen, wer er war. Er machte die Augen zu und wartete auf den Schlag, auf Mortimers Faust in seinem Gesicht. Doch nichts geschah. Als er die Augen wieder aufschlug, stellte er verwundert fest, dass Mortimers erhobener Arm von einer starken Hand festgehalten wurde.
»Lass Alfie mal für einen Moment in Ruhe, ja, Morty? Sei ein braver Junge.«
Das war Richard. Prinz Richard, Alfies Bruder, ja, sogar sein Zwillingsbruder. Aber das sah man ihm nicht an, weil sie zweieiige Zwillinge waren. Trotzdem wussten es natürlich alle. Wirklich alle, auf der ganzen Welt. Es war ein Running Gag, der Alfie sein Leben lang verfolgte. Obwohl Richard gerade mal zehn Sekunden nach ihm auf die Welt gekommen war, hätten er und sein Bruder gar nicht verschiedener sein können. Alfie sah nicht schlecht aus, aber er war ziemlich tollpatschig, seine Arme und Beine schienen sich ständig zu verheddern, seine Haare standen völlig unberechenbar in alle Richtungen ab und seine Kleider sahen aus, als seien sie auf der Flucht irgendwo anders hin, wo sie nicht ununterbrochen mit Ketchup bekleckert wurden. Bei Richard war das alles anders.
»Lass mich los!« Mortimer wand sich unter Richards festem Griff, aber ganz egal, in welche Richtung er sich auch drehte und wie sehr er sich wehrte, er hatte keine Chance.
Das überrascht mich nicht, dachte Alfie. Richard war stark. Er war genau genommen größer, muskulöser, sportlicher, klüger – einfach in allem besser als Alfie. Während Alfie schüchtern und unsicher wirkte, gehörte Richard zu den Leuten, die nur so strotzten vor unerschütterlichem Selbstbewusstsein. Und das alles nur wegen dieser lächerlichen, ärgerlichen, bescheuerten zehn Sekunden! Die machten den Unterschied aus zwischen dem Erbprinzen, Alfie, und dem »Ersatzprinzen«, wie Richard manchmal genannt wurde. Wobei sein Bruder gar nichts gegen diesen Spitznamen einzuwenden hatte. Er hätte niemals tauschen wollen. Wenn man an erster Stelle der Thronfolger-Rangliste steht, dann sind die Erwartungen riesig – man soll verantwortungsbewusst sein und ernsthaft und klug, alles Dinge, mit denen Alfie allergrößte Mühe hatte. Für den, der an zweiter Stelle steht, so wie Richard, ist alles anders. Natürlich hatte man auch ab und zu ein paar Fotografen an den Hacken, aber das war nichts im Vergleich zu dem Druck, der auf dem Thronfolger lastete – in diesem Fall also auf Alfie.
Es war völlig klar, wen das ganze Land für den besseren Kandidaten hielt, wen sich das Volk als zukünftigen König wünschte (kleiner Tipp: sein Name fängt mit R an und hört mit ichard auf). Und die Zeitungen erinnerten Alfie daran, jedes Mal, wenn sie wieder einen Bericht über das nächste Pannen-Abenteuer des glücklosen Prinzen abdruckten. Richard hatte eben das »gewisse Etwas«, und Alfie hatte es nicht. So einfach war das.
Richard ließ Mortimer los und schubste ihn weg. So viel Grips hatte der Klops immerhin, dass er das Glück nicht auch noch herausfordern wollte.
»Ist ja gut! Glück gehabt, Prinzessin.« Mortimer kickte einen Abfalleimer quer durch den Flur und schlurfte davon. Als den anderen Jungs dämmerte, dass die Show vorbei war, verzogen sie sich ebenfalls.
Richard half Alfie beim Aufstehen und pflückte eine bräunliche Bananenschale von seiner Schulter. »Interessantes Rasierwasser benutzt du da, Alfie. Ist noch alles heil?«
»Ja. Danke, Richie.«
Richard lächelte Alfie an und klopfte ihm auf die Schulter. Viele hätten jetzt die Gelegenheit genutzt, um ihren Bruder ausführlich durch den Kakao zu ziehen, aber Richard machte so etwas nicht. Dazu war er viel zu vernünftig. Manchmal konnte Alfie gar nicht glauben, dass sie überhaupt verwandt waren. Und dann auch noch Zwillinge!
»Illegitimi non carborundum, Bruderherz!«
»Tut mir leid, Rich, ich spreche kein … Was war das denn?«
»Latein, Alf. Lass dich nicht von den Versagern unterkriegen. Oder so was in die Richtung. Ich gehe mal eine Runde laufen. Wir sehen uns beim Essen?«
Alfie nickte. Jetzt war seine Schmach vollkommen. Sein kleiner Bruder hatte ihn gerettet. Wieder einmal. Richard schlenderte davon und warf die Bananenschale lässig und ohne hinzusehen über die Schulter. Sie landete direkt in einem Abfalleimer.
Nach einem hastigen Frühstück setzte Alfie sich an seinen Computer und warf einen Blick auf die Uhr. Er musste noch einen Aufsatz fertigkriegen, den er längst hätte abgeben müssen – genau das hatte er gestern Abend vorgehabt, bevor er beschlossen hatte, sich zuerst noch ein bisschen Hirnfutter zu besorgen und zu seiner gründlich misslungenen Exkursion gestartet war.
Klingeling.
Ein Skype-Anruf. Seine kleine Schwester, Prinzessin Eleanor. Sie konnte sehen, dass er online war, darum konnte er sie nicht einfach ignorieren. Außerdem, vielleicht brauchte sie ja etwas von ihm. Er drückte auf den grünen Hörer. Schon erschien das Gesicht seiner zwölf Jahre alten Schwester auf dem Monitor – Sommersprossen, rosige Bäckchen und ein Haarschopf, der fast so verrückt war wie seiner. Sie grinste über beide Backen. »Ein Müllcontainer? Echt jetzt?«
»Ich habe eben gedacht, das wäre eine gute Idee. Hör zu, Ellie, ich muss noch was für die Schule fertig machen, also …«
»Dann hättest du gestern Abend vielleicht lieber zu Hause bleiben sollen, oder?«
»Ja, ja, schon gut. Wie läuft’s in der Schule?«
Ellie besuchte ein Internat an der Südküste. Alfie hatte das Gefühl, dass es ihr dort nicht besonders gut gefiel, aber das würde seine Schwester niemals zugeben. Sie war zwar klein, aber schon immer hart im Nehmen gewesen. In den Ferien zum Beispiel nutzte sie jede Gelegenheit, um zu reiten. Und Alfie hatte unzählige Male beobachtet, wie sie bei einem zu hoch angesetzten Sprung gestürzt war. Aber sie hatte nie geweint. Kein einziges Mal. Nicht einmal, als sie sich das Handgelenk gebrochen hatte.
»Schule ist Schule, weißt du doch. Hat Dad dich schon in die Mangel genommen?«
»Nein, aber das dauert bestimmt nicht mehr lange.«
»Er meint es nicht so, Alfie. Er will dir bloß helfen.«
Alfie lächelte, gab aber keine Antwort. Ellie verehrte ihren Dad, König Henry, immer noch, und Alfie wollte jetzt keinen Streit anfangen. Vielleicht war das so ein Vater-Tochter-Ding. Aber aus Alfies Sicht war sein Dad nur einer von vielen, die ihm ständig sagten, was er ohnehin wusste: dass er nicht gut genug war. Er versuchte schon lange nicht mehr, es seinem Vater recht zu machen.
Ellie merkte, dass Alfie nicht darüber reden wollte, und wechselte das Thema.
